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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Neunzehntes Kapitel

Die Nacht brachte Kleopatra wenig Schlaf. Eine Rückerinnerung hatte sich an die andere, Erwägung an Erwägung geknüpft. Was sie gestern beschlossen, war das Rechte. Heute schon sollte die Ausführung beginnen. Was nun auch kommen mochte, sie war für jeden Fall gerüstet.

Bevor sie an die Arbeit ging, gestattete sie dem Vermittler aus Rom, sie noch einmal zu begrüßen. Was dem Timagenes an Beredsamkeit und Verführungskunst, an Witz und Scharfsinn innewohnte, bot er auf. Er verhieß auch wiederum der Kleopatra Leben und Freiheit und ihren Kindern den Thron; da er aber auf der Auslieferung oder dem Tode des Marcus Antonius als Vorbedingung für jede weitere Verhandlung bestand, blieb sie fest, und enttäuscht und ohne jede Zusage begab sich der Unterhändler auf den Heimweg.

Nachdem er gegangen war, sah sie mit Iras die Pläne für das Grabmal durch, die Gorgias gebracht hatte, doch die tiefe Erregung ihrer Seele trübte ihr die Aufmerksamkeit, und sie ersuchte ihn, später wieder zu erscheinen. Als sie allein war, suchte sie die Briefe hervor, die ihr Cäsar und Antonius geschrieben. Wie fein, wie klug und liebevoll waren jene, wie glühend, wie überschwenglich und doch wahr empfunden die des überstarken Reitergenerals und feurigen, die Masse mit sich fortreißenden Redners, den ihre zarte Frauenhand sich nachgezogen hatte, wohin sie begehrte.

Das Herz schlug ihr schnell, wenn sie des Wiedersehens mit ihm gedachte, das ihr wohl bald bevorstand; denn Charmion hatte sich mit der Nubierin zu ihm begeben, um ihn einzuladen, sich wieder mit ihr zu vereinen. Schon vor mehreren Stunden waren sie gegangen, und mit wachsender Ungeduld erwartete sie ihre Rückkehr. Für den letzten gemeinsamen Kampf hatte sie ihn zu sich berufen. Daß er kommen würde, bezweifelte sie nicht. Wollte es ihm dann doch gelingen, sich noch einmal zu ermannen! Was so eng wie sie beide zusammengehörte, das sollte auch in fester Vereinigung im letzten Kampfe, war der Sieg versagt, unterliegen und sterben.

Jetzt wurde Archibius gemeldet.

Es gereichte ihr zur Beruhigung, ihm in das treue Antlitz zu schauen, das so viele der besten Erinnerungen in ihr wachrief.

Rückhaltslos erschloß sie ihm die Seele, und als er sich wie verjüngt aufrichtete, während sie ihm eröffnete, daß sie sich nie und nimmer durch den Verrat des Geliebten und Gatten beflecken werde und entschlossen sei, würdig ihres Namens zu sterben, da lehrte sie der Blick seines Auges, daß sie das Rechte beschlossen.

Bevor sie ihm noch die Bitte vorgetragen, sich der Leitung und Erziehung der Kinder anzunehmen, schlug er ihr ans eigenem Antriebe vor, ihnen seine beste Kraft zu widmen. Der Gedanke, den Garten des Didymus mit der Lochias zu verbinden und ihn den Kleinen zu überlassen, fand seinen Beifall. Daß sie beschlossen habe, sich ein Grabmal zu bauen, wußte er schon von der Schwester. Es lasse sich ja hoffen, sagte er, daß es ihr erst in späten Jahren die Thore öffnen werde.

Da schüttelte sie wehmütig das Haupt und rief: »Verstände ich doch in jedem Gesichte zu lesen wie in dem Deinen! Wenn einer, so wünscht mein Archibius mir ein langes Leben; doch er ist so weise wie treu und denkt darum, das Erdendasein sei mit nichten in jedem Falle ein Glücksgut. Dazu sagt er sich: Dieser Königin und Frau, meiner Freundin, stehen Dinge bevor, die es vielleicht rätlich erscheinen lassen, von dem großen Vorrechte Gebrauch zu machen, das die Himmlischen den Sterblichen bewilligen, wann es ihnen genehm ist, abzutreten von der Schaubühne des Lebens. Mag sie darum das Grabmal erbauen! – Las ich recht in dem alten, vertrauten Buche?«

»Im ganzen, ja,« versetzte er ernst. »Nur steht auch auf seinen Seiten geschrieben, daß es einer großen Fürstin und treuen Mutter nur dann erlaubt ist, die letzte Wanderung anzutreten, von der es keine Wiederkehr gibt ...«

»Wenn,« fiel sie ihm ins Wort, »wenn ein schmachvolles Ende, wie ein widriger Heuschreckenschwarm die Luft verdunkelnd, das Feld zernagend und vernichtend, auf ihren freundlichen Anfang, die glänzende Mitte, den unglückseligen Abschluß zu fallen droht, ich weiß es und will danach handeln.«

»Und,« fügte Archibius hinzu, »auch diesen Schluß wirst Du, treu Deiner Art, wahrhaft königlich gestalten. Unterwegs, in der Nähe des Choma, traf ich die Schwester. Du sandtest sie zu Deinem Gatten. Die dargebotene Hand, er wird sie ergreifen. Nun es alles einzusetzen gilt oder zu unterliegen, wird der Enkel des Herakles die alte Heldenkraft neu bewähren. Vielleicht zwingt er sogar, angefeuert von dem Zuruf und Beispiel der Geliebten, das feindliche Schicksal, ihm neue Gunst zu erweisen.«

»Das geht seinen Lauf,« unterbrach Kleopatra ihn fest. »Doch Antonius soll mir helfen, ihm Hindernisse in den Weg zu türmen, und welche Felsmassen vermag sein gewaltiger Arm zu schleudern, wenn es ihm gefällt, die Riesenkraft zu gebrauchen.«

»Und ebnet Dein hoher Geist ihm die Pfade, dann, Herrin ...«

»Auch dann ist der Ausgang der Tragödie der Tod und der jeder Scene der Fehlschlag. Der Gedanke, die Flotte über die Landenge in das arabische Meer zu bringen, war er nicht kühn und viel verheißend? Auch die Fachmänner begrüßten ihn mit Beifall, und doch erwies er sich als unausführbar. Das Schicksal selbst grub ihm das Grab. Und dazu die schrecklichen Vorzeichen vor und nach Actium, und die Sterne, die Sterne! Alles weist auf den nahen Untergang, alles! Jede Stunde bringt die Nachricht vom Abfall eines Fürsten oder Befehlshabers. Wie von einer Warte überschaue ich jetzt, was der Saat entwuchs, die ich säte. Taube Aehren oder Giftkorn, wohin ich blicke. Und doch! Du, der mein Leben kennt von Anfang an, – muß ich das Haupt verhüllen, wenn sich die Frage erhebt, was Kleopatra an Geist und Gaben, an Fleiß und an Willen zum Guten bewährte?«

»Nein, Herrin, tausendmal nein.«

»Und dennoch entarteten und verdarben die Früchte an jedem Baume, den ich pflanzte. Cäsarion welkt schon in der Blüte dahin, – durch wessen Schuld, ich weiß es leider nur zu gut. Die anderen Kinder zu erziehen, nimmst Du jetzt auf Dich. An Dir ist es darum, zu bedenken, was mich dahin führte, wo ich jetzt stehe, und wie man ihr Schiff vor Irrfahrt und Scheitern bewahre.«

»Laß sie mich zu Menschen erziehen,« versetzte Archibius ernst, »und sie vor dem Verlangen bewahren, mit den Göttern in die Schranken zu treten. Aus der schlichten Kleopatra im Epikuräergarten, die den Guten und Weisen eine Wonne, wurdest Du die ›neue Isis‹, zu der die Menge berauscht und geblendet Herz, Augen und Hände erhob. Die Zwillinge Helios und Selene, Sonne und Mond, wir wollen sie von dem Himmel auf die Erde versetzen; Menschen, Griechen sollen sie werden. Nicht in den Garten des Epikur, in einen andern will ich sie verpflanzen, wo eine strengere Luft weht. An seiner Pforte soll nicht zu lesen stehen: ›Hier ist das höchste Gut die Lust,‹ sondern: ›Dies ist eine Ringschule für den Charakter.‹ Wer diesen Garten verläßt, soll ihm nicht das Trachten nach Glück und Wohlsein danken, sondern eine unerschütterlich feste sittliche Gesinnung. Wie Du, so sind auch Deine Kinder im Morgenlande geboren, das das Ungeheure liebt, das Uebermenschliche, die Uebertreibung. Vertraust Du sie mir an, so sollen sie lernen, sich selbst zu beschränken. Am Steuer stehe der sittliche Ernst, der die heitere Daseinslust unseres Volkes nicht ausschließt, die Segel stelle das Maßhalten, der edelste Vorzug des griechischen Wesens.«

»Ich verstehe,« unterbrach ihn Kleopatra und senkte das Haupt. »Mit dem, was den Kindern zum Heile gedeihen soll, führst Du der Mutter vor Augen, was ihr gebrach. Eben weil es ihr fehlte, meinst Du, scheiterte ihr Fahrzeug, und vielleicht hast Du recht. Schon längst, ich weiß es, brachst Du mit den Lehren des Epikur wie mit denen der Stoa und suchst, mit einem ernsten Ziele vor Augen, eigene Wege. Mich rissen die Stürme des Lebens meilenweit fort von der Stille des Gartens, wo wir nach der reinsten Lust strebten. Jetzt lernte ich die Gefahren kennen, die demjenigen drohen, der in der Glückseligkeit das höchste Gut sieht. Sie steht zu hoch für den Sterblichen; denn im bunten Treiben des Lebens bleibt sie ihm unerreichbar, und dennoch ist sie ein zu niedriges Ziel für sein Ringen; denn es gibt dafür würdigere Ziele. Aber ein Wort des Epikur ließen wir uns beide gesagt sein, und es kam uns zu gute bis heute: ›Die Weisheit‹, heißt es, ›kann keinen köstlicheren Beitrag für die Glückseligkeit des gesamten Lebens erwerben als den Besitz der Freundschaft.‹«

Damit reichte sie ihm die Hand, und während er sie bewegt an die Lippen zog, fuhr sie fort: »Dem letzten Verzweiflungskampfe, Du weißt es, geh' ich entgegen, – fügen es die Götter, Schulter an Schulter mit dem Antonius. Deinem Erziehungswerke aufmerksam zu folgen, bleibt mir darum versagt, aber fördern will ich es dennoch. Wenn die Kinder Dich nach der Mutter fragen, wirst Du Dir Zwang anthun müssen, um ihnen nicht zu sagen: ›Statt nach der schmerzlosen Seelenruhe, der edlen Lust des Epikur, die ihr einst als das Höchste erschien, zu streben, jagte sie unersättlich nach schnell verrauschten Genüssen; maßlos vergeudete die Morgenländerin die schönen Gaben ihres Geistes und das Gut ihres Volkes, unterthan den raschen Trieben ihrer leidenschaftlichen Seele.‹ Aber Du sollst ihnen auch antworten dürfen: ›Eurer Mutter Herz war voll von heißer Liebe, sie verachtete das Geringe, sie rang nach dem Höchsten, und als sie fiel, zog sie dem Verrat und der Schande den Tod vor.‹«

Hier stockte sie, denn sie meinte nahende Schritte zu vernehmen und rief dann besorgt: »Ich warte und warte. Vielleicht kann Antonius sich doch nicht den Armen der lähmenden Verzweiflung entwinden. Den letzten Kampf ohne ihn und doch unter seinen düster grollenden, einst so sonnigen Augen durchzufechten, das, Archibius, wäre der größte Schmerz meines Lebens. Dem Freunde, Dir, der in der Brust des Kindes die Liebe zu diesem Manne keimen sah, Dir darf ich bekennen ... Doch was ist das? ... Ein Aufruhr ... Hat das Volk sich erhoben? Gestern noch versicherten die Vertreter der Priesterschaft, die Herren vom Museum, die Führer des Heeres mich ihrer unwandelbaren Ergebenheit und Liebe. Dion gehörte zu den makedonischen Männern des Rates ... Doch ich erklärte ja schon der Wahrheit gemäß, ich hätte nie an seine Verfolgung gedacht wegen des Cäsarion. Ich weiß nicht einmal, wo er sich mit der Neuvermählten befindet, und will es nicht wissen. Oder sollte die neue Steuererhebung, das Gebot, an die Schätze der Tempel zu rühren, sie zum Aeußersten treiben? Was willst Du! Wir brauchen Gold, um dem Feinde die Stirn zu bieten, um dem Throne, dem Land und Volk die Selbständigkeit zu bewahren. Oder hätte man etwa von Rom aus? ... Es wird ernst – und der Lärm, er kommt näher.«

»Laß mich sehen, was sie begehren,« fiel ihr Archibius besorgt ins Wort und eilte auf die Thür zu, aber der Anführer öffnete sie eben und rief in das Gemach: »Marcus Antonius nähert sich der Lochias, und halb Alexandria folgt ihm!«

»Der hohe Imperator kommt zurück,« klang es, bevor der Höfling noch ausgeredet hatte, dem Obersten der Trabanten eilfertig von den bärtigen Lippen, und während er noch sprach, drängte Iras sich an ihm vorüber und kreischte wie außer sich der Gebieterin zu: »Er kommt! Er ist da! Ich wußte ja, daß er komme. Wie sie schreien und jubeln! Heraus mit euch, ihr Männer! Ist es Dir genehm, Herrin, so treten wir ihm von dem Altan der Berenike aus entgegen. Hätten wir nur ...«

»Die Zwillinge, der kleine Alexander,« fiel ihr Kleopatra totenbleich und mit stockender Stimme ins Wort. »Die Festgewänder ihnen anthun!«

»Schnell fort zu den Kindern, Zoë!« ergänzte Iras diesen Befehl und klatschte dazu in die Hände. Dann wandte sie sich der Königin zu mit der Bitte: »Ruhe, Herrin, ich beschwöre Dich, Ruhe! Es bleibt uns genügende Zeit. Da ist schon die Geierkrone der Isis und hier das andere. Sein Sklave Eros kam eben atemlos herein. Der Imperator, sagt er, erscheine als neuer Dionysus. Es würde den Herrn gewiß freuen, – aufgetragen habe er es ihm nicht – wenn Du ihn als neue Isis begrüßtest. Hilf mir, Hathor ... Du, Nephoris, trägst dem Einführer auf, Sorge zu tragen, daß die Wedelträger und der übrige Hofstaat, Frauen und Männer, am Platz sind. Hier die Perlen- und Diamantenketten für Hals und Brust. Vorsicht mit dem Gewande! Zart wie ein Spinngewebe ist der durchsichtige Bombyx, und wenn ihr ihn zerreißt ... Nein, Du darfst Dich nicht weigern! Wissen wir doch alle, wie es ihn freut, seine Göttin in göttlicher Pracht und Schönheit zu sehen!«

Ohne weiter zu widerstreben, mit neu erglühten Wangen und hochklopfenden Herzens ließ Kleopatra sich das mit glänzenden Perlen und funkelnden Edelsteinen übersäte Festgewand anthun. Angemessener ihrem Gefühle und lieber wäre es ihr gewesen, dem Wiederkehrenden in dem schlichten dunklen Gewand entgegenzutreten, das sie seit der Heimkehr nur bei feierlichen Anlässen mit einem reicheren vertauscht hatte; Antonius aber kam als neuer Dionysus, und Eros wußte, womit dem Herrn ein Gefallen geschah.

Acht hurtige Frauenhände, zu denen sich die geschickten Finger der Iras oft gesellten, tummelten sich, und bald konnte das Mädchen ihr den Spiegel vorhalten und ihr ein aus tiefstem Herzensgrunde kommendes: »Wie die schaumgeborene Aphrodite und die goldene Hathor!« zurufen.

Dann öffnete Iras, die, während sie den Schmuck der geliebten Herrin leitete, Liebeskummer, Haß und Neid vergessen und mitten in der stürmischen Thätigkeit Zeit zu einem kurzen, heißen Gebet um einen glücklichen Ausgang dieser Begegnung gefunden hatte, die breiten Flügel der Thür so weit, als gelte es, den Andächtigen im Tempel das aus dem Allerheiligsten hervortretende Götterbild zu zeigen.

Ein lange forthallender Ruf der Ueberraschung und des Entzückens tönte ihr entgegen; denn draußen wartete ihrer schon das schnell zusammengerufene Gefolge, vom ergrauten Epistolographen bis zum jüngsten Pagen. Festlich geschmückte Frauen im Palastdienste hoben die langhinwallende Schleppe des Mantels auf, andere in priesterlicher Kleidung prüften die Beweglichkeit der Ringe an den Stäben des Sistrums, die Männer und Knaben traten reihenweise nach dem Rang eines jeden zusammen, und der oberste Wedelträger gab das Zeichen zum Aufbruch. Nach einer kurzen Wanderung durch einige Säle und Gänge gelangte der Zug in den ersten Palasthof und erstieg dort auf wenigen Stufen den breiten Altan am Eingangsthore, von dem aus sich das gesamte Bruchium und die Königsstraße übersehen ließ, auf der der Erwartete daherkam.

Aus der Ferne hatte das Geschrei der Menge bedrohlich geklungen, jetzt aber ließ sich aus dem ohrenbetäubenden Lärm jeder Ruf des Willkomms, jeder frohe Gruß, jeder Ausdruck des Jubels, der Ueberraschung, des Beifalls, der Bewunderung, der Huldigung, den die Sprache der Hellenen und Aegypter kennt, heraus vernehmen.

Nur die Mitte und der Schluß des Zuges war sichtbar. Die Spitze wurde beim Musenwinkel, wo er sich zwischen dem Isistempel und dem Grundstücke des Didymus fortbewegte, von den alten Bäumen des Gartens den Blicken entzogen. Das Ende reichte immer noch bis an das Choma, von dem er ausgegangen war.

Ganz Alexandria schien sich ihm angeschlossen zu haben. Groß und Klein, Hoch und Niedrig, Alt und Jung, Krüppel und Lahme mischten sich unter das Gedränge und wurden mit Wagen und Pferden, Lasttieren und Karren wie von einem wild zu Thale jagenden Bergstrome mit fortgerissen. Hier kreischte es laut auf aus einer umgestürzten Sänfte, deren Träger zusammengebrochen waren, dort schrie ein zu Boden gerissenes Kind, da heulte ein unter die Füße der Menge geratenes Hündchen kläglich auf. So groß und stark war das Jubelgeschrei, daß es die Flöten und Tambourine, die Cymbeln und Lauten der Musikbanden laut übertönte, die dem herannahenden Menschen im Göttergewande folgten.

Jetzt ließ die Spitze des Zuges den Musenwinkel hinter sich und wurde von dem Altan aus sichtbar.

Keine Frage, wem er galt, denn der Heimkehrende wallte ihm, alles hoch überragend, voran. Von dem goldenen Thronsitze aus, den zwölf schwarze Sklaven auf den Schultern trugen, begrüßte er, mit dem langen Thyrsusstabe winkend, die jubelnde Menge. Vor dem bacchischen Aufzuge, der ihn begleitete, und hinter den Musikchören her, die ihm folgten, schritten zwei Elefanten dahin, zwischen denen als leichte Last ein unkenntliches, mit einem purpurroten Tuche bedecktes Etwas schwebte. Jetzt hatte der Zug die hohe Pforte, das Pylonenpaar, durchschritten, das den Palast von der Königsstraße trennte, und nun hielt er gegenüber dem Altane.

Während Trabanten, Skythen und Leibwächter von jeder Hautfarbe zu Fuß und zu Roß die drängende Volksmasse, wo freundliche Mahnungen nicht ausreichten, mit Gewalt zurückhielten, sah Kleopatra den Freund dem Throne entsteigen und dem indischen Sklaven, der die Elefanten führte, ein Zeichen geben. Das Tuch flog zur Seite, und den erstaunten Blicken zeigte sich ein Blumenstrauß, wie er noch keinem Auge eines Alexandriners begegnet war. Aus ganzen über und über blühenden Rosensträuchern bestand er. Die roten Blumen bildeten das Kreisrund der Mitte, die weißen umgaben dies als breiter, hellerer Kranz. Das ganze Riesenwerk ruhte wie ein Ei im Becher in einem Behälter von Palmenwedeln, die es in anmutiger Biegung gleichsam umrahmten. Mehr als tausend Blüten vereinten sich zu diesem Strauß ohnegleichen, und dies seltsame Riesengeschenk entsprach dem Geber.

Zu Fuß schritt er auf den Altan zu, und seine Gestalt überragte die braunen, hellfarbigen und schwarzen Freien und Sklaven, die ihm folgten, wie auf den Denkmälern der Pharaonen das Bild des Herrschers das der Unterthanen und Feinde.

Auch auf den größten schaute er herab, und so gewaltig wie die Höhe seines Leibes war die Breite der kraftvoll entwickelten Schultern. Ein langes, safranfarbiges, golddurchwirktes Purpurgewand, das ihm bis auf die Fußknöchel niederwallte, steigerte den Eindruck seiner Größe. Kraftvolle Arme mit hoch aufgewölbten Athletenmuskeln streckten sich aus dem ärmellosen Kleide der geliebten Königin entgegen.

Der mächtigen Gestalt dieses Mannes entsprach das wohlgebildete Haupt mit dem starken dunklen Haar und dem prächtigen Vollbart. Mit dem bläulichen Schwarz des Rabengefieders hatte es einst das Haupt des Jünglings geziert; jetzt war es der Farbe gelungen, das reichliche Grau, das sich mit ihm vermischte, den Blicken zu entziehen. Ein voller Kranz von Weinlaub umwallte dem Heimkehrenden die Stirn, und blätterreiche Rebstockranken, an denen einzelne dunkle Trauben trugen, fielen ihm auf die breiten Schultern und auf den Rücken nieder, den nicht das Fell eines Leoparden, sondern das eines indischen Königstigers von seltener Größe – er hatte ihn in der Arena selbst erlegt – wie ein Mantel bedeckte. Der Kopf und die Pranken des Tierfelles waren von Gold, die Augen zwei weithin funkelnde, prächtige Saphirsteine. Das Schloß der Kette, an der das Fett hing, wie die handgroße Agraffe an dem goldenen Gürtel, der dem Imperator über den Hüften den Leib umfing, war mit Rubinen und Smaragden bedeckt. Von den breiten Spangen an seinem Oberarme, von dem Geschmeide auf der hochgewölbten Brust, ja sogar von den roten Saffianstiefeln blitzte und glänzte funkelndes Edelgestein.

Blendend, wie einst sein Glück, erschien die Pracht der Kleidung dieses gefallenen mächtigen Helden, der sich gestern noch scheu und bedrückt den Augen der Mitmenschen entzog. Groß, edel und schön geschnitten war auch sein Antlitz; doch obgleich die fahlen Wangen im erborgten Rot der Jugend prangten, hatte ein halbes Jahrhundert der wildesten Jagd nach Genüssen und die qualvolle Erregung der letzten Wochen nur zu wohl erkennbare Spuren darauf zurückgelassen; denn unter den großen Augen hingen die Thränensäcke schlaff hernieder. Wellige Falten durchfurchten ihm die Stirn und bestrahlten von den Augenwinkeln aus in schrägen Linien die Schläfen.

Und doch kam es keinem, der diesem geputzten Fünfziger näher trat, in den Sinn, einen alten, aufgeputzten Narren in ihm zu sehen; war es doch seiner Natur ureigen, sich mit Pracht und Glanz zu umgeben, und dazu lag etwas so Gewaltiges in seiner Erscheinung, daß Spott und Hohn sich scheu vor ihm zurückzogen.

Wie offen, gut und liebenswürdig war das Gesicht dieses Mannes, wie aufrichtig die Rührung des Herzens, die aus seinen immer noch jugendlich hellen Augen der lang entbehrten Geliebten entgegenschaute. Aus jedem seiner Züge blickte der hohen Frau, auf die er zutrat, eine solche Fülle der wärmsten Zärtlichkeit entgegen, und an dem Munde dieses alles überragenden Mannes wechselte so schnell der Ausdruck demutsvoller, weher Seelennot mit dem des Dankes und der Wonne, daß sein Anblick auch Feinden das Herz bewegte. Wie er aber die Hand auf die breite Brust preßte und in so tief gebeugter Stellung der Königin nahte, als sei er willens, ihr die Füße zu küssen, als er in der That die Riesengestalt vor ihr in die Kniee sinken ließ und die gewaltigen Arme mit brünstiger Hingabe wie ein um Hilfe flehendes Kind ihr entgegenöffnete, da überkam die Frau, die ihn ein Leben lang mit der ganzen Glut einer leidenschaftlichen Frauenseele geliebt, die Empfindung, als sei in das Nichts versunken, was sich zwischen sie gestellt und was sie an einander verschuldet; er aber gewahrte das sonnige Lächeln, das sich über ihr teures, immer noch so schönes Antlitz breitete, und dann, dann klang ihm auch sein eigener Name entgegen, und er kam von den Lippen, denen er die wonnigste Lust verdankte, die ihm die Liebe geboten. Und als er dann, wie berauscht von dem Ton ihrer Stimme, die ihm wohllautender dünkte als der Gesang der Musen, halb heiter lächelnd über den Scherz, von dem er auch im schwersten Ernste nicht hatte lassen können, halb aufs tiefste ergriffen von dem Uebermaß der neu erwachenden Glückseligkeit nach so schwerer Kümmernis, auf den Riesenstrauß wies, den drei Sklaven den Elefanten abgenommen hatten und der Königin entgegentrugen, da erfaßte auch Kleopatra eine große innere Bewegung.

Diese Blumengabe ahmte in mächtiger Vergrößerung den kleinen Strauß nach, den der gefeierte junge Reitergeneral vor der Thür des Epikuräergartens ihrem Vater aus der Hand genommen hatte, um ihn ihr als erstes Geschenk zu überreichen. Auch er hatte rote Rosen enthalten, die weiße rings umgaben. Statt von Palmenwedeln war er freilich nur von Farnkrautblättern umrahmt gewesen. Zu den schönen Gaben gehörte er, die sein freundliches Gemüt so wohl zu wählen verstand. Ein Sinnbild der unerhörten Großmut, die ihm, dem Uebermenschen, eigen, war dieser Strauß. Ihr so und mit solcher Huldigung zu nahen, hatte ihn kein wunderthätiger Becher mit magischer Gewalt, dazu hatte ihn allein das volle Herz, die immergrüne, unverwelkliche Liebe gezwungen.

Wie verjüngt, wie durch einen Zauber zurückversetzt in die glücklichen Tage der knospenden Jugend, vergaß sie der königlichen Würde und der Hunderte von Augenpaaren, die wie gebannt an ihm hingen, und einem unwiderstehlichen Herzensdrange gehorsam, sank sie dem Knieenden an die breite, tief atmende Brust. Er aber lachte mit einem silberhellen Lachen, wie es sonst die Jugend nur kennt, glückselig auf, umfaßte sie mit den Riesenarmen, schwang ihre zarte Gestalt samt dem purpurnen, weithin wallenden Fürstenmantel vom Boden auf, küßte ihr Lippen und Augen, hielt sie lange in der schwebenden Stellung der Siegesgöttin, wie um den Anwesenden sein Glück vor Augen zu führen, in die Höhe und ließ sie endlich behutsam wie ein wohl zu hütendes Kleinod nieder.

Dann wandte er sich den Kindern zu, die neben der Mutter seiner harrten, und hob erst den kleinen Alexander, dann die Zwillinge auf, um sie zu küssen, und während er die beiden Zehnjährigen, von denen die Freude des Wiedersehens das Gewicht des Körpers abgelöst zu haben schien, auf den mächtigen Armen hielt, brauste der Jubelruf fort, der sich schon erhoben hatte, als die Königin ihm an die Brust gesunken war.

Die alten Mauern des Lochiaspalastes hatten noch keinen gleichen vernommen. Und er pflanzte sich fort von Haupt zu Haupt, von Hunderten zu Hunderten, und ob die Entfernten auch nicht wußten, was er bedeute, stimmten sie doch mit ein. Auf der ganzen weiten Strecke zwischen der Lochias bis zum Choma erhob er sich als ein einziges, herzerschütterndes, untrennbares Ganze und hallte über den Hafen, die ankernden Schiffe und ragenden Maste fort bis hin zu der Klippe im Meer, auf der Barine den Neuvermählten pflegte.

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