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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Siebenzehntes Kapitel

Kleopatra hatte den greisen Anubis aufgesucht, der jetzt in der Hauptstadt als Priester des Alexander der gesamten Hierarchie des Landes vorstand. Es fiel dem achtzigjährigen Oberpriester schwer, den Lehnstuhl zu verlassen, doch hatte er sich auf die Warte tragen lassen, um das traurige Ergebnis der Beobachtung nachzuprüfen, die die Königin selbst angestellt hatte. Doch die Stellung der Gestirne war eine so ungünstige gewesen, daß es ihm um so weniger gelingen wollte, an den mildernden Einwirkungen fernerstehender Planeten festzuhalten, auf die er sie anfänglich gewiesen, je tiefer Kleopatra auch in diesen Dingen bewandert war.

In seinem Empfangssaale hatte der Oberpriester trotzdem versichert, die Rettung ihrer eigenen Person und der Selbständigkeit Aegyptens ruhe in ihrer Hand; nur lege sie ihr – darauf wiesen die Planeten – ein furchtbares Opfer auf, wovon seine Würde, seine achtzig Jahre und seine Liebe zu ihr ihm indes zu reden verböten. Sie war dunkle Reden dieser Art aus seinem Munde zu vernehmen gewöhnt, und deutete sie in ihrer Weise. Es hatte sie mancherlei in so später Stunde zu dem Greise gedrängt. In schwierigen Lagen war er ihr oft mit gutem Rate zur Seite gestanden; diesmal aber führte sie nicht am letzten der magische Becher des Nektanebus zu ihm, der ihm durch die Pastophoren, die ihn begleitet hatten, heute zurückgegeben worden war; denn dies Gefäß hatte seit Actium nicht aufgehört, eine Quelle steter Beunruhigung für sie zu sein.

Jetzt war von Kleopatra dem Lehrer ihrer Kindheit die bestimmte Frage vorgelegt worden, ob der Pokal, eine Schale mit spiegelblankem Grunde, den Antonius in der That veranlaßt haben könnte, die noch unentschiedene Schlacht zu verlassen und ihr zu folgen. Sie hatte sich seiner vor dem Zusammenstoße der Flotten bedient, und dieser Umstand den Anubis veranlaßt, ihre Frage zu bejahen.

Vor langer Zeit war ihr das wunderbare Gerät im Tempelschatze gezeigt und ihr mitgeteilt worden, daß es jedem, der einen andern veranlasse, sich auf seinem blanken Grunde zu spiegeln, gegeben sei, ihn seinem Willen gehorsam zu machen. Ihr Verlangen nach seinem Besitze war indes unbefriedigt geblieben, und sie hatte nicht wieder nach ihm begehrt, bis die rückhaltlose Hingebung und heiße Liebe des Antonius ihr in der letzten Zeit lauer geworden zu sein schien. Von da an war sie nicht müde geworden, in den greisen Freund zu dringen, ihr das wundervolle Gerät zu überlassen. – Anfänglich hatte er sich mit großer Entschiedenheit geweigert und vorausgesagt, daß der Gebrauch des magischen Bechers ihr zum Unheil ausschlagen werde; als aber ihrem Wunsche ein strenger Befehl gefolgt und ihr der Pokal anvertraut worden war, hatte Anubis selbst geglaubt, daß nur dies eine Gefäß die Zaubermacht besitze, die man ihm zuschrieb. Er fand in dem Pokal auch den sichersten Beweis für die das menschliche Vermögen weit überbietenden magischen Künste der hohen Göttin, unter deren Beistand der König Nektanebus, den die Sage zum Vater des großen Alexander machte, dieses Gerät auf der Isisinsel Philae geschmiedet haben sollte.

Anubis hatte beabsichtigt, Kleopatra seine Weigerung ins Gedächtnis zurückzurufen und ihr vor Augen zu führen, wie große Gefahr es dem Sterblichen bringe, über Kräfte zu gebieten, die jenseits seines Machtkreises lägen. Sie an den Phaëton zu erinnern, der auf dem Wagen seines Vaters Phoebus Apollon einen Weltbrand entzündet, als er die Sonnenrosse selbst zu lenken gewagt, war seine Absicht gewesen; doch es sollte nicht dazu kommen; denn kaum hatte er ihre Frage bejaht, als sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit befahl, das Unheil bringende Gefäß vor ihren Augen zu vernichten.

Und der Priester gab sich das Ansehen, als komme ihr Verlangen einem Entschlusse entgegen, den er aus freiem Antriebe gefaßt.

Wirklich war auch in ihm schon vor ihrem Erscheinen die Besorgnis lebendig geworden, der Pokal könne in verhängnisvoller Weise mißbraucht werden, wenn Octavian Stadt und Land in Besitz nehmen und das wunderthätige Gefäß ihm mit ihnen in die Hand fallen würde. Für Aegypter hatte Nektanebus den Becher geschmiedet. Ihn dem fremden Machthaber zu entziehen, hieß im Sinne des letzten Königs handeln, in dessen Adern das Blut der Pharaonen geflossen war und der für seine Nation, ihre Selbständigkeit und Freiheit mit begeisterter Hingabe gerungen. Das Wunderwerk dieses Mannes lieber zu zerstören als es dem römischen Eroberer zu überlassen, erschien dem Oberpriester, nachdem es die Königin geboten, als heilige Pflicht, und als solche stellte er es auch dar, als er das Schmelzfeuer anschüren und den Becher vor den Augen der Kleopatra sich in eine unförmige Masse verwandeln ließ.

Während das Metall auseinanderfloß, zeigte er der Königin mit lebhaften Worten, wie leicht sie des Gefäßes entraten könne, das seine magische Kraft der hohen Isis verdankte.

Der Zauber anmutiger Weiblichkeit sei auch ein Geschenk der Göttin. Er genüge, um das Herz des Antonius biegsam und gefügig zu machen wie das Feuer das Gold. Vielleicht aber habe der Imperator zugleich mit der Achtung die Liebe der Königin, das kostbarste aller Güter, verscherzt. Er, Anubis, würde dies als eine große Gunst der Gottheit betrachten; »denn,« so schloß er, »Marc Anton allein ist die Klippe, an der jeder Versuch scheitern wird, meiner göttlichen Herrin ungeschmälert zu erhalten, was ihr und ihren Kindern als Erbe der Väter zukommt, und diesem teuren Lande die Selbständigkeit und Wohlfahrt zu sichern. Dieser Becher war ein kostbarer Schatz. Der Thron und das Glück Aegyptens sind größerer Opfer wert. Für das Weib gibt es freilich kein schwereres, als das seiner Liebe, ich weiß es.«

Was der Greis mit diesen Andeutungen meinte, sollte Kleopatra schon am nächsten Morgen erfahren, an dem sie Timagenes, dem Abgesandten des Octavian, die erste Unterredung bewilligte.

Der scharfsinnige, lebhafte Mann, der zu den bedeutendsten ihrer Lehrer gehört, und mit dem sie als Schülerin manchen Meinungsstreit ausgefochten hatte, war gut aufgenommen worden und hatte sich seiner Aufgabe mit glänzendem Geschick entledigt. Die Königin war seinen Darlegungen aufmerksam gefolgt, hatte ihm gezeigt, daß ihr eigener Geist an Biegsamkeit nichts eingebüßt, wohl aber an Kraft gewonnen habe, und als sie ihn beschenkt und mit gnädigen Worten verabschiedete, wußte sie, daß es in ihrer Hand liege, dem geliebten Vaterlande die Selbständigkeit und für sich und ihre Kinder den Thron zu erhalten, wenn sie den Antonius dem Sieger überantwortete oder ihn, wie auch immer, »als handelnde Person« – dies waren des Timagenes eigene Worte – für immer aus dem Schauspiele entferne, dessen Schluß glänzend oder verhängnisvoll für sich zu gestalten in ihrer Hand liege.

Als sie wieder allein war, schlug das Herz ihr so heftig und hatte sich solcher Aufruhr ihrer Seele bemächtigt, daß sie sich unfähig fühlte, der anberaumten Sitzung des Rates der Krone beizuwohnen. Sie verschob sie auf morgen und beschloß, ins Meer hinaus zu fahren, um sich zu sammeln.

Antonius hatte es abgelehnt, ihren Besuch zu empfangen. Das that weh. Mit der Vernichtung des Bechers, zu dem sie durch einen jener Ausbrüche der Leidenschaft getrieben worden war, deren sie in dieser Zeit des Unglücks öfter als sonst unterlag, hatte der Gedanke an den Pokal und seine verhängnisvolle Wirkung keineswegs ein Ende genommen. Im Gegentheil! Sie mußte allein sein, sich sammeln und die getrübte Seele zu klären versuchen.

Der Becher hatte zum Schatze der Isis gehört, und wahrend sie sich seiner erinnerte, kamen ihr die Stunden in den Sinn, in denen sie früher oft genug Sammlung in der Stille des Tempels der Göttin gefunden. Unerkannt wollte sie das Heiligtum besuchen, und tief verschleiert begab sie sich, nur von Iras und dem ersten der Einführer Hofmarschall begleitet, in den nahen Tempel am Musenwinkel.

Aber sie fand dort nicht, was sie suchte. Die Menge der Betenden und Opfernden, die ihn erfüllte, und die Furcht, erkannt zu werden, störten ihr die Ruhe.

Als sie schon im Begriff stand, sich zu entfernen, trat ihr der Baumeister Gorgias, dem ein Gehilfe mit Meßinstrumenten folgte, entgegen. Sogleich rief sie ihn zu sich heran, und er eröffnete ihr, in wie wunderbarer Weise die Schickung selbst ihr bauliches Vorhaben zu fördern scheine. Das Volk habe, wie sie wisse, das Haus des alten Philosophen Didymus zerstört, und der Greis, den er als einen Obdachlosen in sein Heim geladen, sei jetzt bereit, ihr das Erbe seiner Väter abzutreten, wenn die Majestät ihn und die Seinen ihres Schutzes versichere.

Aus ihrer Frage, was denn das angesehene Museumsmitglied von ihr, der Freundin gelehrten Fleißes, befürchte, ersah er, daß sie von der Flucht der Barine noch nicht unterrichtet sei, und wies darum auf die Ungnade der Majestät, die die Enkelin des Philosophen auf sich gezogen. Da versicherte sie, daß, was die Sängerin auch verschuldet habe, es ihren Angehörigen nicht zur Last fallen sollte.

Dann ließ sie sich zeigen, wie sich der Baumeister den Anschluß des Museums an das Heiligtum denke, und versenkte sich in den ersten Entwurf, dem Gorgias einen Teil der Nacht und den Morgen gewidmet. Er sagte ihr zu, und mit lebhafter Dringlichkeit befahl sie, sobald es angehe, mit dem Bau zu beginnen und auch die Nacht zum Tage zu machen. Was sonst in Monden hergestellt werde, sei in Wochen zu vollenden.

Iras und der »Einführer« hatten ihrer in schlichten Bürgerkleidern im Pronaos gewartet. Mit dem Baumeister begleiteten sie sie zu der schmucklosen Sänfte, die an einer der Nebenpforten wartete; doch sie stieg nicht ein, sondern befahl dem Gorgias, sie zuerst in den Garten zu führen.

Bei seiner Besichtigung ergab es sich, daß der Baumeister recht gesehen hatte und er doppelt so groß als der am Palaste auf der Lochias bleiben werde, auch wenn das Mausoleum einen Teil davon einnahm und man die Straße, die ihn vom Isistempel trennte, an das Meer verlegte.

Aus der genauen Prüfung, der Kleopatra ihn unterwarf, ersah Gorgias, daß sie etwas Bestimmtes mit ihm im Sinne trug. Ihre Frage, ob es angehe, ihn mit der Lochias zu verbinden, deutete an, woran sie dachte, und der Architekt konnte sie bejahen. Es galt nur, einige Bauwerke, die der Krone gehörten, und ein kleines Heiligtum der Berenike im Süden des königlichen Hafens niederzureißen. Der Arm des Agathodämonkanals, der hier mündete, war längst überbrückt.

Wunderbar schnell hatte sich das neue Bild, das sich aus dieser Veränderung ergab, der Königin vor das innere Auge gestellt, und sie beschrieb es dem Baumeister kurz und anschaulich. Der Garten sollte bleiben, doch nach der Lochias hin bis zu der Brücke vergrößert werden. Von ihr aus war ein bedeckter Säulengang in den Palast zu führen. Nach der Versicherung des Gorgias, daß sich das alles sehr wohl herstellen lasse, schaute sie kurze Zeit sinnend zu Boden. Dann befahl sie, auch mit dieser Arbeit sofort zu beginnen, und ersuchte den Baumeister, weder Mittel noch Arbeiter zu sparen.

Gorgias sah eine Zeit fieberhafter Thätigkeit vor sich, doch sie erschreckte ihn nicht. Mit solchem Bauherrn wollte er sich unterfangen, die ganze Stadt zu bedachen. Dazu erfreute ihn dieser Auftrag, weil er bewies, daß die Frau, deren Grabmal so schnell aus dem Boden wachsen sollte, auch noch daran dachte, die Annehmlichkeiten des Lebens zu steigern; denn zwar wünschte sie den Garten einfach zu lassen, wie er war, die Säulengänge und das übrige aber wollte sie aus edlem Material in schöner Form hergestellt sehen.

Als sie ihm Lebewohl sagte, küßte Gorgias ihr mit feuriger Hingabe das Gewand.

Welch ein Weib! Sie hatte zwar den Schleier nicht gelüftet und trug einfache, dunkle Kleider, doch jede ihrer Bewegungen war von edelster Schönheit. Der Arm und die Hand, womit sie bald hierhin, bald dorthin wies, schienen ihm wieder wie beseelt, und ihm, dem die vollendete Form so viel galt, fiel es schwer, von ihrer wundervollen Bildung den Blick zu lösen. Und das ganze Weib! Das waren Linien, das war echte, vornehme Eigenart und warm pulsirendes Leben! Er hatte heute morgen, da ihn Helena, jetzt seine Hausgenossin, begrüßt hatte, sie im Geiste mit der Kleopatra zu vergleichen versucht, aber schnell davon abgelassen. Wem Hebe Nektar reicht, der fragt nicht nach dem edelsten Byblusweine. Ein schwer zu beschreibendes, dankbares und heiteres Wohlgefühl überkam ihn, wenn Helena, die Zurückhaltende, Gelassene, ihn so warmherzig und zutraulich begrüßte; aber das Bild Kleopatras stellte sich fortwährend zwischen ihn und sie, und es fiel ihm schwer, sich selbst zu verstehen. Er hatte viele hinter einander geliebt, und jetzt schlug ihm gar das Herz für zwei Frauen auf einmal, und die Königin war der hellere unter den beiden Sternen, deren Licht ihn entzückte. In seiner redlichen Seele hätte er es darum für einen Verrat angesehen, jetzt um Helena zu werben.

Kleopatra fühlte, einen wie feurigen Bewunderer sie in dem tüchtigen Künstler gewonnen, und es erfreute sie. Ihm gegenüber hatte sie sich keines Bechers bedient! Schon morgen begann er wohl mit dem Bau ihres Grabmals. Die Gruft mußte Raum für mehrere Särge bieten. Antonius hatte mehr als einmal den Wunsch ausgesprochen, wo er auch sterbe, neben ihr bestattet zu werden, und auch das war geschehen, bevor sie über den Pokal verfügt. Sie mußte ihm in jedem Falle die gleiche Gunst gewähren, wo und durch wen er auch den Tod fand, und dem getrübten Lichte seines Daseins stand das Erlöschen sicher nur zu bald bevor. Wenn sie seiner schonte, würde Octavian ihn dennoch aus der Reihe der Lebenden streichen, und sie ... Wieder bemächtigte sich ihrer die furchtbare, fieberhafte Unruhe, die sie zu dem Befehle veranlaßt, den Becher zu vernichten und sie in den Tempel geführt hatte. So konnte sie den Palast nicht wieder betreten, nicht Rat halten, Besucher empfangen und die Kinder begrüßen. Es war heute der Geburtstag der Zwillinge. Charmion hatte sie daraus aufmerksam gemacht und es übernommen, für Geschenke zu sorgen. Wie hätte sie Zeit und Sinn für dergleichen gefunden?

Spät in der Nacht war sie vom Oberpriester heimgekehrt, doch hatte sie sich genau berichten lassen, wie sie den Marcus Antonius gefunden. Die Schilderung der Iras entsprach dem Zustande, in dem sie ihn während und nach der Schlacht gesehen hatte. Ja, sein düsteres Brüten schien sich seitdem verschlimmert zu haben. Am Morgen hatte Charmion ihr beim Ankleiden geholfen. Sie war auch im Begriff gewesen, das schwere Bekenntnis zu machen, und einzugestehen, daß sie der Barine geholfen, sich der strafenden königlichen Hand zu entziehen; doch bevor sie damit beginnen konnte, war Timagenes gemeldet worden; denn Kleopatra hatte sich spät vom Lager erhoben.

Was die Königin durch den Gang in den Tempel erwartet, war ihr versagt geblieben, doch die Beratung mit dem Gorgias hatte sie auf etwas Neues geführt; die Gemütsklänge aber, welche die Beschäftigung mit der letzten Ruhestätte in ihr erweckt, übertönten jetzt alles andere, wie das Brausen der Brandung das Gezwitscher der Seeschwalben am felsigen Ufer.

Ja sie bedurfte der Sammlung! In aller Stille mußte sie vieles erwägen und bedenken. Aus der Lochias konnte sie nicht dazu kommen. Da fiel ihr das kleine Heiligtum der Berenike ins Auge, das sie einzureißen befohlen, um den Kindern einen für ihre Schaffenslust geeigneten Garten in ihrer Nähe zu schaffen. Es war leer. Dort brauchte sie keine Störung zu fürchten. Einen einzigen, stillen, traulichen Raum mit der Bildsäule der Berenike enthielt sein Inneres. Der Einführer befahl dem Wächter, jeden andern Besucher fern zu halten, und bald umfing sie das kleine überwölbte Rundteil von weißem Marmor. Auf einer der bronzenen Bänke gegenüber der Statue ließ sie sich nieder. Hier war es still, in diesem kühlen Schweigen konnte es ihrem des Denkens gewohnten Geiste gelingen, das zu finden, wonach er lechzte. Klarheit, Klarheit über sich selbst und ihre Lage im Angesicht der Entscheidung, vor der sie stand.

Anfänglich irrte er hierhin und dorthin, wie die Taube, bevor sie die Richtung des Fluges erwählt, aber schon nach der Frage, warum sie sich so eilig ein Grabmal erbauen lasse, wenn es ihr gestattet sei, zu leben, führte ihn auf die rechte Bahn. – Unter den Scythen aus der Wache, den Mauretaniern und Blemmyern im Heere gab es wilde Gesellen genug, die ein Wort aus ihrem Munde und eine Handvoll Gold auf den geschlagenen Antonius gehetzt hätte, wie das »Pack an!« des Jägers die Dogge. Ein Wink, und unter den armseligen Zauberern und Magiern in der Rhakotis, dem ägyptischen Viertel der Stadt, hätten sich zwanzig werben lassen, ihn durch Gift oder listige Fallen meuchlerisch zu morden, ein Befehl an die Makedonier in der Garde der Mellakes oder Jünglinge, und er war noch heute gefangen und, befahl sie es, morgen auf dem Wege nach Asien, wohin sich Octavian wieder, wie Timagenes versicherte, gewandt.

Und was hinderte sie, zu dem Golde zu greifen, den Wink zu geben, den Befehl zu erteilen?

Wohl dachte sie des nunmehr zerschmolzenen Zauberbechers, der ihn gezwungen hatte, Ruhm, Ehre und Macht hinter sich zu werfen wie eitlen Tand, um ihrem Gebote, sich nicht von ihr zu trennen. Gehorsam zu leisten; aber diese Erwägung belastete ihr zwar die Seele, doch hatte sie keine entscheidende Kraft. Es war überhaupt nichts einzelnes, was ihr die Hand und den Mund schloß, es war jeder Nerv ihres Wesens, jeder Pulsschlag ihres Blutes, jeder Blick des in die Vergangenheit bis an die Grenze der Kindheit zurückschauenden Geistes, der es verbot.

Aber sie gab auch anderen Gedanken Gehör. Sie wiesen sie auf die Kinder, das Hochgefühl der Macht, die Liebe für das Land ihrer Väter und was ihm ohne sie drohte, die Wonne, das Licht zu schauen und das Dunkel, das Schweigen, die dahinstreckende Starrheit des Todes, auf die Vernichtung des so sorgsam gepflegten und so mühevoll ausgebildeten Körpers und Geistes, auf die gräßliche Qual, die sich vielleicht mit dem Uebergang aus dem Leben in den Tod, dem Sterben verband. Und was stand ihr in jenem Dasein bevor, das die Dauer der Ewigkeit hatte? Einmal war es doch aus mit dem Atmen unter der Sonne, und wenn sie die Frist hinausschob und nicht Epikur, der mit dem Tode alles vorbei sein ließ, sondern die alten Lehren der Aegypter das Rechte trafen, was wartete ihrer dann im Jenseits, wenn sie wenige neue Lebensjahre mit dem Morde oder dem Verrate des Geliebten, des Gatten erkaufte?

Aber die Strafen der Verdammten waren vielleicht nur Schreckmittel, von der die Ordnung des Staates hütenden Priesterschaft erdacht, um die wilden Triebe der Menge im Zaum zu halten und die zügellosen Uebertreter des Gesetzes zu schrecken. Und, raunte der kecke Griechengeist ihr zu, an der Stätte der Verdammten, nicht im Aalu-Garten, den elysäischen Gefilden der Aegypter, würde sie Vater und Mutter und die gesamte Schar ihrer verbrecherischen Ahnen wiederfinden bis zum ersten Euergetes, dem schon der schändliche Philopator gefolgt war. Mochte der Gedanke an das Jenseits also als unsicherer Vordersatz, der keinen zutreffenden Schluß zu ziehen gestattete, aus dem Spiele bleiben. Wie würden – so mußte die Frage gestellt werden – die durch den Mord, den Verrat eines geliebten Menschen erkauften Lebensjahre sich für sie gestalten?

In den Nächten würde das Bild des Gemordeten ihr sicher den Schlaf von dem Lager scheuchen, und die Erinnyen, die Dirae, wie der Römer Antonius sie nannte, die den Mörder mit der Schlangengeißel verfolgen, sie waren keine eitlen Ausgeburten der dichterischen Phantasie, sondern versinnbildlichten treffend die Unruhe des von Gewissensqualen hin und her getriebenen Verbrechers. Das höchste Gut, die schmerzlose Glückseligkeit der Epikuräer, für denjenigen, den solche Schuld belastete, war sie auf ewig verloren.

Und bei Tage und am Abend?

Ja, da stand es ihr frei. Genuß auf Genuß zu häufen, aber für wen sollte das Fest gefeiert werden; seine Lust, – mit wem konnte sie sie teilen? Ohne den Marc Anton gab es schon längst kein Gastmahl, keine Schaustellung, die sie erfreute. Für wen schmückte sie sich oder half sie dem schwindenden Anmutszauber nach, als für ihn? – Und dieser Zauber, der schon langsam, langsam, doch stetig dahinschwand, wie schnell würde die nagende Seelenangst ihn völlig vernichten, und wenn der Spiegel ihr Runzeln zeigte, die die Kunst keines Olympus zu tilgen vermochte, wenn sie ... Nein, sie war nicht zum Altwerden geschaffen! Die wenigen erkauften Lebensjahre, in die sich so großes Elend mischen sollte, besaßen sie wirklich einen Wert, groß genug, um das Recht dafür preiszugeben, bei den Mitlebenden und Folgegeschlechtern die bezaubernde Kleopatra, die unwiderstehlichste der Frauen zu heißen? Und die Kinder?

O ja, es wäre herrlich gewesen, sie heranwachsen und auf dem Throne zu sehen, aber auch in diese an herzerwärmenden Einzelheiten reiche Vorstellung mischten sich bald schwere, entscheidende Bedenken.

Wie köstlich, den Cäsarion an der Stelle des Octavian als Beherrscher der Welt zu begrüßen! Aber wie sollte der Träumer, den die ersten Triebe des Herzens zu der unsinnigsten Preisgabe der Würde und dem Bruche des Gesetzes fortgerissen hatten und der nun wieder in den alten Halbschlaf zurückgefallen zu sein schien, dahin gelangen?

Die anderen Kinder erweckten freundliche Hoffnungen, und wie schön erschien es dem Mutterherzen, den Antonius Helios als König von Aegypten, die Kleopatra Selene mit dem ersten Kinde an der Brust, den kleinen Alexander als herrlichen, an Tugenden und Vorzügen reichen Staatsmann und Helden mit lebenden Augen zu sehen. – Doch was mußten gerade sie, die Kinder des Antonius, deren Erziehung sich Archibius hoffentlich zu leiten entschloß, für die Mutter empfinden, die ihnen den Vater gemordet?

Dabei schauerte sie zusammen, und sie gedachte der Stunden, in denen ihr Kindesherz blutige Thränen vergossen hatte, wenn es der verruchten Mutter gedacht, der der Vater geflucht. Und die Königin Tryphaena, deren die Geschichte wie eines Ungeheuers gedachte, hatte den Gemahl nicht ermordet, sondern ihn nur vom Throne gestoßen.

Die Verwünschungen der Arsinoë gegen die Mutter und Schwester kamen ihr wieder in den Sinn, und zu denken, daß sich die roten Lippen der Zwillinge und ihres Herzblattes Alexander auch einmal öffnen könnten, um ihr zu fluchen, sich vorzustellen, daß sich die lieben Hände der Kinder erhöben, um auf sie, die verruchte Mörderin ihres Vaters, mit Groll und Verachtung zu weisen ... Nein, nein und abermals nein!.. Um den Preis dieser Qualen, dieser Demütigung und Schande wollte sie nicht wenige Jahre eines ohnehin entwerteten Lebens erkaufen!

Erkaufen von wem?

Von demselben Octavian, der ihrem Sohne das Erbe seines Vaters Cäsar geraubt, dessen Einsetzung in das Testament einem Zweifel an ihrer Treue gleichkam. Von dem kaltherzigen, kühl berechnenden Glückspilz, dessen Wesen ihr, seit sie ihm in Rom zum erstenmal begegnet war, widerstrebt, abgestoßen, angefröstelt hatte. Von ihm, durch dessen Ueberredung und zwingende Gewalt ihr Gemahl – denn das war Antonius in ihren eigenen Augen und in denen aller Aegypter – dahin gebracht worden war, seine Schwester Octavia zu heiraten und sie, Kleopatra, damit zur bloßen Geliebten zu stempeln, die eheliche Geburt ihrer Kinder in Frage zu stellen, von dem falschen Freunde des vertrauensvollen Antonius, der vor Actium ihn und sie aufs tiefste herabgesetzt und beleidigt.

Dem Ansinnen eines solchen Mannes, die verruchteste aller Thaten zu begehen, Gehorsam zu leisten, dagegen bäumte ihr königlicher Stolz sich hoch auf, und dieser Stolz hatte ihr von Kind an das Haupt gehoben und gehörte zu ihrer Natur wie das Atmen und der Schlag des Herzens. Und doch! Um der Kinder willen hätte sie vielleicht auch diese Schmach auf sich genommen, wäre sie nicht zugleich das Grab des Besten und Schönsten gewesen, was sie von der jungen Seele der Zwillinge und des Alexander begehrte.

Schon während ihr der Fluch der Kinder vor die Seele getreten war, hatte sie sich von dem Sitze erhoben. Was brauchte sie noch länger zu denken und zu wägen? Die Klarheit, nach der sie gesucht, sie hatte sie gefunden. Mochte Gorgias sich mit dem Bau der Gruft beeilen! Forderte das Schicksal ihr Leben, sie wollte ihm nicht widerstreben, wenn es ihr nur gestattete, es um den Preis eines Mordes oder schnöden Verrates zu bewahren. Das des Geliebten, es war schon verwirkt. Seite an Seite mit ihm hatte sie einer blühenden, rauschenden, blendenden Glückseligkeit ohnegleichen genossen, von der die Welt mit neidischem Staunen heute noch sprach. Seite an Seite mit ihm wollte sie, wenn alles vorbei war, im Grabe ruhen und die Welt zwingen, sich des Liebespaares Antonius und Kleopatra mit achtungsvollem Mitleid zu erinnern. Die Kinder sollten, wenn sie ihrer gedachten, das Herz erheben können, und auch nicht der Schatten einer bitteren Empfindung, einer abmahnenden Erwägung sie hindern, den Sarg der Eltern mit Blumen zu schmücken, an seinen Füßen zu weinen, ihrem Genius zu liberiren und ihm zu opfern.

Dann warf sie einen Blick auf die Statue der Berenike, die einst gleichfalls die Doppelkrone Aegyptens auf dem Haupte getragen. Auch sie war zu früh eines gewaltsamen Todes gestorben, auch sie hatte zu lieben verstanden. Das Gelübde, ihr schönes Haar der Aphrodite zu opfern, wenn der Gatte ungeschädigt aus dem Kriege gegen Syrien heimkehrte, war dem Ruhme ihres Namens zu gute gekommen. »Das Haar der Berenike« war immer noch als Sternbild am nächtlichen Himmel zu schauen.

Obgleich diese Frau viel und schwer gefehlt, hatte eine That treuer Liebe sie zu einer gefeierten, angebeteten Fürstin gemacht. Sie, Kleopatra, wollte eine größere vollbringen. Das Opfer, das sie sich aufzuerlegen gedachte, sollte schwerer wiegen als eine Handvoll schöner Haare, und Herrschaft und Leben umschließen.

Gehobenen Hauptes und mit stolzem Selbstgefühl schaute sie zu dem edlen Marmorantlitz der Kyrenäerin empor.

Bevor sie in das Heiligtum getreten war, hatte sie die Empfindung gehabt, jetzt zu wissen, wie es den Verbrechern zu Mute gewesen sei, die sie zum Tode verurteilt. Nun sie sich selbst das Leben abgesprochen hatte, fühlte sie sich wie befreit von einer drückenden Last, und doch that das Herz ihr weh, und besonders, wenn sie der Kinder gedachte, ergriff sie von allen Arten des Mitleids das schmerzlichste, das mit sich selbst.

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