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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Dreizehntes Kapitel

Während dieser Ruhestunden hatten Iras und Charmion sich abwechselnd in ihrer Nähe gehalten. Als sie sich erhob, leistete ihr die jüngere Vertraute die nötigen Dienste. Bis zum Abend durfte sie sich der Herrin widmen; denn die Gefährtin, die ihr jetzt im Wege stand, sollte erst am Abend zurückkehren. Bevor Charmion gegangen, hatte sie indes Sorge getragen, daß ihre Gemächer, in denen Barine, seit die Königin sie dahin gewiesen, als willkommener Gast weilte, gut bewacht wurden. Der Befehlshaber der makedonischen Jünglingsgarde, der sich vor vielen Jahren vergeblich um ihre Gunst bemüht hatte und endlich der treueste und ergebenste ihrer Freunde geworden war, hatte es auf sich genommen, sie sorgfältig zu überwachen.

Dennoch wußte Iras den Schlaf der Gebieterin und die Abwesenheit der älteren Genossin zu benützen. Daß ihre Wohnung und darum auch Barine unzugänglich für sie sei, hatte sie erfahren. Bevor sich etwas gegen die Gefangene unternehmen ließ, mußte sie auch erst mit dem Alexas die nötigen Verabredungen treffen. Der Fehlschlag ihrer Erwartung, die Nebenbuhlerin in den Staub treten zu sehen, hatte ihren eifersüchtigen Groll in Haß verwandelt, und war sie auch ihre Nichte, übertrug sie doch ein Teil davon auf Charmion, die sich schützend zwischen sie und ihr Opfer stellte.

Sie hatte den Syrer zu sich beschieden, doch auch er war spät zur Ruhe gekommen und ließ lange auf sich warten. Der Empfang, den das ungeduldige Mädchen ihm bereitete, war darum auch anfänglich nichts weniger als warm, doch gewann er bald eine freundlichere Gestalt.

Zunächst rühmte Alexas sich, die Königin bewogen zu haben, ihm Barine auf Gnade und Ungnade in die Hand zu geben. Wenn er sie um Mittag verhöre und schuldig finde, hindere ihn nichts, sie gegen Abend den Giftbecher leeren oder erdrosseln zu lassen. Das Ding sei aber gefährlich, weil der Anhang der Sängerin groß und nicht ohne Macht sei. Im Grunde wünsche Kleopatra doch wohl nichts sehnlicher, als sich von der gefährlichen Nebenbuhlerin zu befreien; er kenne aber die Großen. Gehe er thatkräftig vor und mache ein schnelles Ende., so werde die Königin, um der guten Nachrede willen, ihn mit der eigenen That belasten. Antonius sei unberechenbar, und an seiner Gunst hänge sein Wohl und Wehe. Am gefährlichsten könne die Hinrichtung der Sängerin vom letzten Adonisfeste auf das Volk von Alexandria wirken. Es sei ohnehin tief aufgebracht, und sein Bruder, der es kenne, sage, es zerfließe hier vor Jammer und dort stehe es im Begriff, in unsinniger Wut einen blutigen Aufstand zu erheben. Von dieser Brut sei alles zu befürchten; doch Philostratus verstehe, es zu mancherlei zu bereden, und seines Beistandes habe er sich vorhin versichert.

In der That war dem Alexas das Versöhnungswerk gelungen. Während der Stegreifredner mit Barine vermählt gewesen war, hatte sie den Schwager des Hauses verwiesen und ihr Gatte sich mit dem Bruder entzweit, der seines Weibes begehrte. Nachdem dieser aber in der Gunst des Antonius hoch gestiegen und von seiner offenen Hand mit Gold überschüttet worden war, hatte Philostratus sich ihm wieder genähert, um seinen Anteil an dem neuen Reichtum zu fordern. Und die Quelle, aus der Alexas schöpfte, floß mit so unerschöpflicher Fülle, daß das Geben dem Günstlinge nicht schwer fiel. Beide waren so gewissenlos wie verschwenderisch, und es bewährte sich an ihnen die Erfahrung, daß gemeinen Naturen immer ein Steg zur Verfügung steht, der den Zwiespalt überbrückt. Ist er von Gold, wird er am schnellsten betreten. So geschah es auch hier, und in den letzten Tagen hatte er eine besondere Festigkeit gewonnen; denn jeder war des Beistandes des andern bedürftig.

Alexas begehrte der Barine, während Philostratus nicht mehr nach ihr fragte. Dafür haßte er den Dion mit einem so heißen Durste nach Rache, daß er für dessen Befriedigung selbst die Hoffnung auf neuen Gewinn preisgegeben hätte. Die Demütigung, die ihm der hochmütige makedonische Edle zugefügt hatte, und der Hohn, womit er durch seine Schuld überschüttet worden war, gingen ihm nach wie lästernde Verfolger, und er fühlte, daß er sich ihrer nur zugleich mit dem Urheber seiner Schmach entledigen könne. Ohne den Bruder hätte er sich begnügt, ihn mit der verleumderischen Zunge in Schaden zu bringen, – unter seinem mächtigen Beistand konnte er ihm Schwereres anthun, vielleicht sogar an Freiheit und Leben. Sie hatten darum vorhin eine Verabredung getroffen, nach der Philostratus sich verpflichtete, das Volk mit allem zu versöhnen, was der Barine auch zugefügt werden mochte, und nach der der andere es auf sich nahm, dem Bruder zu helfen, sich blutig an Dion zu rächen.

Mit dem Tode Barines konnte dem Alexas nicht gedient sein. Ihr Anblick hatte ihn aufs neue entflammt. Er wollte sie endlich besitzen. Im Kerker, vielleicht auf der Folter sollte sie gezwungen werden, seine rettende Hand zu ergreifen. Das alles duldete indes keinen Aufschub. Es mußte vor der Rückkehr des Antonius erledigt sein, und diese stand in der nächsten Zeit zu erwarten. Der verschwenderische Gönner hatte ihn so reich gemacht, daß er es ertragen konnte, wenn er um dieser Angelegenheit willen mit ihm zerfiel. Auch ohne ihn hätte er jetzt mit Barine einen fürstlich üppigen Hausstand in einer Stadt seiner syrischen Heimat zu führen vermocht.

Bei der Versicherung des Günstlings, er werde Barine schon morgen der schützenden Hand der Charmion entziehen, kam Iras ihm freundlicher entgegen. Gegen seine Versicherung, das neue Verhör könne zwar nicht zu einem Todesurteil führen, wohl aber zum Transport in die Bergwerke oder dergleichen, konnte sie keinen ernsten Einwand erheben.

Vorsichtig unterrichtete Alexas sich dann, wie Iras über den Todfeind seines Bruders dachte. Sie war ihm übel gesinnt, doch als er andeutete, daß auch er der strafenden Gerechtigkeit zu übergeben wäre, zeigte sie sich so bedenklich, daß er davon abbrach und die Rede wieder auf die zu Verurteilende führte. Da stellte sie sich ihm wieder mit dem ihr eigenen feurigen Eifer zur Verfügung und es wurde beschlossen, morgen, während Charmion am Vormittage den Dienst bei der Königin hatte, die Verhaftung vornehmen zu lassen.

Iras wußte guten Rat zu erteilen. Eines der Gefängnisse war ihr vertraut. Sie hatte seine Thore manchem Unglücklichen geöffnet, von dem sie glaubte, daß sie mit seinem Verschwinden der Königin einen Dienst leisten werde. Wie eine ihr zukommende Pflicht war es ihr erschienen, Hand in Hand mit dem Siegelbewahrer der Gebieterin zuvorzukommen, wo es ihrer Güte schwer gefallen wäre, ein strenges Urteil zu sprechen, und Kleopatra hatte sich dergleichen gefallen lassen, ohne es zu begünstigen oder zu loben. Was dort vorging, drang nicht, dank der Verschwiegenheit des Wächters, über die festen Mauern und Thore hinaus. Es mochte nicht schön sein in jenem Kerker. Wenn Barine dort das Leben verwünschte, erging es ihr indes immer noch besser als ihr, der Iras, die in den letzten Nächten, wenn sie des Mannes gedacht, der ihre Liebe verschmäht und sie für eine andere preisgegeben hatte, der Verzweiflung nahe gewesen war.

Als der Syrer ihr schon die Hand zum Abschied entgegenstreckte, frug sie unvermittelt: »Und Dion?«

»Er wird nicht frei ausgehen können,« lautete die Antwort; »denn Barine ist seine Geliebte, ja der Narr stand im Begriffe, sie als Hausfrau in seinen schönen Palast zu führen.«

»Ist das wahr, unzweifelhaft wahr?« frug Iras, indem sie zwar die Fassung bewahrte, doch dem Blut nicht wehren konnte, ihr aus Wangen und Lippen zu weichen.

»Er bekannte es gestern dem Siegelbewahrer, seinem Oheim, in einem Schreiben, worin er ihn beschwor, für die Erwählte, von der er nicht lassen werde, das Seine zu thun. Aber Zeno mag von dieser Nichte nichts wissen. Willst Du den Brief sehen?«

»Dann freilich,« begann das Mädchen von neuem, und ihre hohe Stimme nahm dabei einen schrillen Klang an, »kann man ihn nicht frei ausgehen lassen. Für die Geliebte setzt er alles ein, und das ist viel, – weit mehr, als Du ahnst, der Du hier halb fremd bist. Die makedonischen Geschlechter halten zusammen. Er gehört zum Rate ... Die Ephebengenossenschaften stehen hinter ihm wie ein Mann ... Und das Volk ... Deinem Bruder, der in meinem Auftrage handelte, verdarb er neulich das Spiel in einer Weise ... Aus dem Brunnentrog zogen sie ihn schließlich heraus, triefend von Wasser und Schande ...«

»Eben darum wird man ihm den Mund schließen müssen ...«

Da nickte Iras ihm beipflichtend zu, doch nach einer kurzen Pause fuhr sie auf: »Ich helfe euch, ihn zum Schweigen zu bringen, doch nicht auf immer. Du hörst es! Das Wort des Theodotus von den toten Hunden, die nicht beißen, hat bei uns denen, die ihm folgten, keinen Segen gebracht. Es gibt andere Mittel, sich dieses Mannes zu entledigen.«

»Ein Vogel sang mir zu, Du hättest ihn nicht ungern gesehen.«

»Ein Vogel? Dann doch wohl nur eine Eule, die bei Tage nicht sieht. Sein schlimmster Feind, Dein Bruder, möchte wohl lieber als ich für sein Wohlergehen opfern.«

»Dann beginne ich Teilnahme für diesen Dion zu fühlen.«

»Ich sah Dich schon neulich mich an mitleidigem Sinn überbieten. Der Tod ist nicht die schwerste der Strafen.«

»Darum der gnädige Aufschub?«

»Vielleicht. Es gibt aber hier noch anderes zu erwägen. Zunächst die Zeit, in der alles schwankt, selbst die Königsmacht, die noch vor kurzem eine Mauer war, die so vieles verdeckte und vor jedem Angriffe beschützte. Dann die Person des Dion. Ich zählte ja schon auf, was alles für ihn eintritt ... Dem vielköpfigen Ungeheuer Volk kann die Königin seit Actium nicht mehr zurufen: ›Du mußt‹, sondern ›ich bitte‹. Das andere ...«

»Die ersten Erwägungen genügen; darf ich aber wissen, was meine weise Freundin über den Beklagenswerten verhängte, dem sie die Gnade entzog?«

»Zunächst Gefangenschaft hier auf der Lochias. Er befleckte die Hand mit dem Blute des Cäsarion, des ›Königs der Könige‹. Das ist Hochverrat auch in den Augen des Volkes. Suche Dir heute noch den Haftbefehl zu verschaffen.«

»Wenn es angeht, die Königin mit dergleichen zu stören.«

»Nicht zu meinen Gunsten, – um sie vor Schaden zu wahren, brauchen wir ihn. Aus dem Wege mit allem, das ihr in diesen Tagen der letzten Entscheidung den klaren Geist trübt! Erst fort mit der Barine, die ihr die Heimkehr verdarb, und ihr nach der Mann, der im stande wäre, um dieses Weibes willen einen Aufruhr in Alexandria zu entzünden. Ihr gehört die große Sorge um Staat und Thron; – die kleinen aus dem Putzzimmer und die das Herz angehen, die nehme ich auf mich.«

Hier wurde sie von einer der dienenden Frauen Kleopatras unterbrochen.

Die Königin war erwacht, und Iras eilte auf den Posten.

Als sie an den Gemächern der Charmion vorbeikam und zwei schmucke Krieger von der makedonischen Jünglingsgarde vor ihnen wachthabend auf und nieder schreiten sah, verfinsterte sich ihr das Antlitz. Nur vor ihr ließ die Gefährtin Barine bewachen. Sie hatte sich von der älteren Frau, deren Nichte sie war, harten Tadel wegen des Weibes, von dem so viel ausging, das ihr weh that, gefallen lassen müssen und dabei bereut, ihr einmal anvertraut zu haben, was sie für den Dion empfinde. Mochte daraus entstehen, was da wollte, der Giftbaum, dem alle diese Qualen, diese Sorgen und Aergernisse entwuchsen, ausgerottet, – aus der Reihe der Lebenden gestrichen mußte er werden.

Bevor sie das Vorzimmer der Königin betrat, hatte sie der Feindin im stillen das Todesurteil gesprochen. Ihrem findigen Kopfe lag es jetzt ob, den Syrer zu bestimmen, seine Vollstreckung auf sich zu nehmen. War dieser Stein des Anstoßes beseitigt, dann wurde es auch wieder möglich, in guter Eintracht mit Charmion zu leben, dann war Dion wieder frei, und dann ... Wie er sie auch gekränkt hatte, vor dem Hasse des Philostratus und seines Bruders wollte sie ihn beschützen.

Erleichterten Herzens trat sie vor die Königin. Die Vernichtung des Lebens eines Verurteilten hatte in der Nähe der strafenden Majestät längst aufgehört, ihr tief in die Seele zu greifen. Während sie der vom Schlaf erquickten Herrin die ersten Dienste leistete, erhellte sich ihr das Antlitz mehr und mehr; denn die Königin bekannte ihr unaufgefordert, es freue sie, heute von ihr bedient und nicht immer mit derselben widrigen Angelegenheit, die übrigens bald im reinen sein solle, gestört zu werden.

In der That war Charmion in dem Bewußtsein, daß kein anderer bei Hofe dies hätte wagen dürfen, mancher Abweisung zum Trotz nicht müde geworden, die Verteidigung Barines zu versuchen, bis Kleopatra ihr gestern jäh aufbrausend befohlen hatte, der Unheilstifterin nicht wieder vor ihr zu gedenken.

Als Charmion sie bald darauf ersuchte, am nächsten Tage den Dienst der Iras überlassen zu dürfen, war der Königin die heftige Zurückweisung der Freundin schon leid geworden, und sie hatte Charmion, der sie den Urlaub willig erteilte, gebeten, ihr zorniges Ungestüm den Sorgen zu gute zu halten, die sie bedrückten. »Und wenn Du mir das gute, treue Gesicht wieder zeigst,« hatte sie geschlossen, »wirst Du eingesehen haben, daß eine rechte Freundin von einer Unglücklichen, die sie liebt, fern halten sollte, was ihr das ohnehin getrübte Lebenslicht noch tiefer verdunkelt. Der bloße Name dieses Weibes klingt mir wie ein Spottlied in die mühsam erkämpfte Ruhe. Ich will ihn nicht wieder hören.«

Das hatte so lieb und herzgewinnend geklungen, daß die Kränkung der Charmion wie Eis in der Tonne geschmolzen war. Aber sie ging doch in angstvoller Erregung von ihr; denn Kleopatra hatte, bevor sie das Zimmer verließ, beiläufig bemerkt, sie habe die Sache der Sängerin in die Hand des Alexas gelegt. Es war ihr jetzt doppelt lieb, einen freien Tag vor sich zu haben: denn sie wußte, wie dieser gewissenlose Günstling der jungen Frau gesinnt war und mußte mit dem Archibius besprechen, wie man sie vor dem Schlimmsten behüte.

Als sie sich spät zur Ruhe begab, half ihr die braune Zofe, die sie aus dem elterlichen Hause in den Hofdienst begleitet hatte. Sie stammte vom Katarakt, wo sie gekauft worden war, als die Familie des Alypius das Kind Kleopatra nach der Isisinsel Philae begleitet hatte. Anukis, so hieß die Nubierin, war dann der zur Jungfrau herangereiften Charmion als erste, ihr allein zugehörende Zofe geschenkt worden, und sie hatte sich so klug, geschickt, bildungsfähig und anhänglich erwiesen, daß die Herrin sie für ihre persönliche Dienstleistung mit in den Palast nahm.

Wie Charmion an der Königin, so hing Anukis mit warmer, uneigennütziger Liebe an der etwas jüngeren Gebieterin, die sie längst freigegeben und sie so gütig zu sich herangezogen hatte, daß der Interessenkreis der Nubierin nicht weit hinter ihrem eigenen zurückstand. Ihr schlichter, doch scharfer Verstand und ihr natürlicher Witz hatten ihr auch einen gewissen Namen im Palast erworben, und wie Kleopatra sich manchmal herabließ, sie zu einer treffenden Antwort zu reizen, hatte es auch Antonius gethan und, da die leichte Krümmung des Rückens, die sie in der Jugend gehabt, zum Buckel herangewachsen war, ihr den Namen Aisopion, das ist der kleine weibliche Aesop, gegeben. So rief sie nun die gesamte Umgebung der Königin, und auch wenn andere niedriger Gestellte es thaten, ließ sie es sich gefallen, obgleich ihr schlagfertiger Geist der Zunge gestattet hätte, jedes ihr mißfällige Wort scharf genug zurückzuweisen. Aber sie kannte die Lebensgeschichte und die Fabeln des Aesop, der auch einmal ein Sklave gewesen war, und fand es ehrenvoll, mit ihm verglichen zu werden.

Als Charmion Kleopatra verlassen hatte und sich zur Ruhe begeben wollte, fand sie Barine schon im festesten Schlafe; Anukis aber erwartete sie, und die Herrin vertraute ihr, mit wie schweren Sorgen um Barine sie die Königin verlassen habe. Sie wußte, daß die Nubierin der jungen Frau gut war, die sie als Kind auf den Armen gehalten und deren Vater Leonax oft mit ihr gescherzt hatte. Teilnahmsvoll hatte sie ihren Lebensgang beobachtet, und seit Barine als Gast bei ihrer Herrin weilte, war sie nicht müde geworden, für ihre Zerstreuung und Beruhigung zu thun, was sie vermochte.

Jeden Morgen hatte sie die Mutter Barines aufgesucht, um sich nach dem Befinden des Dion zu erkundigen, und stets günstige Nachrichten gebracht. Sie kannte auch den Sachwalter Philostratus und seinen Bruder, und da sie den Antonius, der so gütig mit ihr scherzte, gern hatte, war es ihr beklagenswert erschienen, einen so gewissenlosen Menschen wie den Alexas an der Spitze seiner Vertrauten zu sehen. Sie wußte auch um die Nachstellungen, mit denen der Syrer Barine verfolgt hatte, und als Charmion ihr mitteilte, die Königin habe das Schicksal ihres Schützlings in die Hand dieses Mannes gelegt, gewann ihr braunes Antlitz ein erdfahles Ansehen, doch that sie sich Zwang an, um das Entsetzen zu verbergen, womit diese Nachricht sie erfüllte.

Ihre Herrin wußte ja, was die Wahl dieses Richters für Barine bedeutete. Ihr die Nachtruhe durch das Zurschautragen der eigenen Seelenangst zu trüben, wäre ihr unrecht erschienen. Es war gut, daß Charmion morgen früh den Archibius, den sie für den weisesten aller Männer hielt, um Beistand bitten wollte; aber damit beruhigte sie sich mit nichten. Sie kannte die Fabel von dem Löwen und der Maus, die man lange vor der Zeit des Dichters, dem sie den Spitznamen verdankte, in ihrer Heimat erzählt hatte, und war schon mehr als einmal in der Lage gewesen, weit Größeren und Mächtigeren einen wichtigen Dienst zu leisten. Um Charmion das Einschlafen zu erleichtern und sie auf andere Gedanken zu bringen, erzählte sie ihr von Dion, den sie heute viel besser gefunden hatte, wie zärtlich er Barine zu lieben scheine und wie rührend geduldig und wert des Vaters sie heute wieder die Tochter des Leonax gefunden.

Als die Herrin entschlummert war, begab sie sich dann in den Saal, wo sie, trotz der späten Stunde, einen Teil der Dienerschaft zu finden erwarten durfte, – sicher, dort als willkommenster der Gäste begrüßt zu werden. Als kurze Zeit nach ihr der Leibsklave des Alexas erschien, füllte sie ihm den Becher, ließ sich neben ihm nieder und suchte mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln sein Vertrauen zu gewinnen. Und es gelang der alternden Nubierin so gut, daß Marsyas, ein hübscher junger Ligurier, nachdem sie sich von den anderen verabschiedet hatte, versicherte, die Aisopion verstehe mit ihren Späßen und Geschichten Tote lebendig zu machen, und mit dem braunen Unhold ganz ernsthaft zu plaudern, sei so vergnüglich, wie mit der blonden Liebsten zu schäkern.

Als Charmion sich am nächsten Morgen auf den Weg gemacht hatte, wußte die Nubierin den Marsyas wieder zu finden und erfuhr von ihm, daß und zu welcher Stunde Iras den Alexas zu sich berufen. Sein Herr habe jetzt überhaupt viel mit der schmächtigen Makedonierin zu flüstern.

Bei der Rückkehr der Anukis zeigte Barine sich bekümmert, weil jene diesmal keine Nachrichten von der Mutter und dem Dion brachte, die Nubierin aber bat sie, sich zu gedulden, und trug Bücher und eine Spindel herbei, damit sie sich die Zeit in der Einsamkeit vertreibe. Sie habe in die Küche zu gehen, weil sie gestern gehört, die Koche hätten Pilze gekauft, die giftig sein könnten; sie aber kenne die Schwämme und wolle sie in Augenschein nehmen.

Damit ging sie in das Schlafgemach der Charmion, öffnete den Gang, der die Zimmerreihen der beiden Vertrauten der Königin verband und schlich sich in die Wohnung der Iras. Als Alexas bei ihr erschien, war sie hinter einem der Teppiche versteckt, die die Wände des Empfangszimmers bedeckten.

Nachdem der Syrer sich entfernt hatte und Iras abgerufen worden war, kehrte sie zu Barine zurück und sagte, es hätte allerdings Giftpilze gegeben und noch dazu von den allerschlimmsten. Sie wären auch schon gekocht worden und sie müßte jetzt ausgehen, um das Gegengift zu besorgen. Da es sich vielleicht um mehr als ein kostbares Menschenleben handle, werde Barine sie nicht zurückhalten wollen.

»Geh nur,« versetzte diese freundlich. »Aber bist Du noch die alte, gefällige Aisopion, so scheust Du nicht einen kleinen Umweg.«

»Und sprichst in dem Hause am Paneumgarten vor,« unterbrach sie die andere. »Das war schon beschlossene Sache. Sehnsucht ist auch ein Gift für das liebende Herz und das Gegengift eine gute Nachricht.«

Damit verließ sie den Liebling lachenden Mundes; sobald sie aber ins Freie getreten war, zog sie die braune Stirn in ernste Falten und blieb eine Zeit lang sinnend stehen. Dann begab sie sich auf das Bruchium, um einen Esel für den Ritt nach Kanopus zu mieten, wo sie den Archibius aufzusuchen wünschte. Es bot indes Schwierigkeiten, bis zum nächsten Stande vorzudringen; denn eine große Volksmasse hatte sich auf dem Quai zwischen der Lochias und dem Musenwinkel zusammengerottet, und andere Haufen von geringen Leuten, Matrosen und Sklaven strömten ihm immer noch zu. Doch sie gelangte dennoch bis zu dem Eselstande, und während der Treiber ihr half, das Tier, das sie gewählt, zu besteigen, frug sie ihn, was es da gäbe, und die Antwort lautete:

»Sie reißen dem Didymus, dem alten Museumspilze, das Haus ein.«

»Wie ist das möglich!« rief die Nubierin erschreckt. »Der alte, wackere Mann.«

»Wacker?« wiederholte der Treiber höhnisch. »Ein Verräter ist er, der an all dem Unglück mit Schuld trägt. Philostratus, der Sachwalter, der Bruder des großen Alexas, ein Freund des Marcus Antonius, hat es versichert. Er wollte es auch beweisen, und so muß es wohl wahr sein. Das gibt ein Geschrei, und wie fliegen die Steine! Ach ja! Seine Enkelin und mit ihr ihr Liebster, sie lauerten dem Könige Cäsarion auf. Das Leben wollten sie ihm nehmen, doch die Wache kam dazu, und nun liegt er wund auf dem Lager. Wenn die hohe Isis nicht hilft, soll es aus und vorbei sein mit dem jungen königlichen Blute.«

Dann wandte er sich an den Esel, versetzte ihm mit dem langen Stabe zwei derbe Schläge rechts und links auf die Schenkel und rief ihm zu: »Was, Grauer? Es thut doch gut, wenn man hört, daß es auch auf fürstlichen Rücken Platz gibt für Prügel.«

Indessen kämpfte die Nubierin mit sich selbst, ob sie den Esel nicht wenden und zuerst bei dem Didymus zum Rechten sehen solle; doch der Barine drohte die schwerere Gefahr, und ihr Leben war mehr wert als das des alten Paares. Das entschied, und ohne Aufenthalt ritt sie weiter.

Der Esel und sein Treiber thaten, was sie vermochten; sie kamen aber dennoch zu spät; denn in dem kleinen Palaste zu Kanopus hörte die Dienerin schon von dem Pförtner, Archibius habe einen alten Freund, den Geschichtsschreiber Timagenes, der jetzt in Rom lebe und als Gesandter gekommen zu sein scheine, in die Stadt begleitet.

Auch Charmion war schon hier gewesen, hatte aber so wenig wie sie den Hausherrn gefunden und war ihm nachgefahren. Ueble Nachrichten, die durch den Zeitverlust, den sie in Aussicht stellten, verhängnisvoll werden konnten! – Wäre der Esel nur schneller gewesen! Archibius hatte freilich den Stall voller Rosse, aber wer war sie, daß sie es hätte wagen dürfen, sich ihrer zu bedienen? Doch sie hatte sich etwas erworben, das sie vielen frei und höher Geborenen gleichstellte: den Ruf der Zuverlässigkeit und Klugheit, und darauf bauend, vertraute sie dem alten, treuen Hausmeister, soweit es anging, um was es sich handle, und bald darauf führte er sie selbst mit zwei schnellen Maultieren in die Stadt und in die Gärten des Paneums.

Er wählte den nächsten Weg dorthin durch das Thor der Sonne und die Kanopische Straße. Sonst wimmelte sie zu dieser Zeit von Menschen, jetzt aber war sie nicht sonderlich belebt. Was müßig ging, hatte sich in das Bruchium und an den Hafen gedrängt, um die heimgekehrten Schiffe der geschlagenen Flotte zu sehen, etwas Neues zu hören, sich an den Kundgebungen und Prozessionen, die bevorstanden, anzuschließen und – war das Glück gut – der Königin zu begegnen und durch einen Zuruf die volle Seele zu entlasten.

Als der Wagen nach links eingebogen war und sich dem Paneum näherte, ward ihm zum erstenmal das Vordringen erschwert. Ein vielköpfiger Menschenhaufe hatte sich unter dem Hügel versammelt, auf dessen Spitze das Heiligtum des Pan den weiten Garten ringsum prächtig überragte. Die lange Gestalt des Sachwalters Philostratus fiel der Nubierin beim Vorüberfahren ins Auge. War dieser Unheilstifter denn überall? Diesmal schien er indes auf Widerstand zu stoßen; denn lautes Geschrei unterbrach seine Rede. Als das Fuhrwerk hart an ihm vorbeikam, wies er auf die Reihe der Häuser, zu welcher das der Witwe des Malers Leonax gehörte, doch heftiger Widerspruch folgte dieser Bewegung.

Anukis erkannte auch, was die Menge zurückhielt; denn als der Wagen sich seinem Ziele näherte, kam ihm ein Zug von bewaffneten Jünglingen entgegen. Mit den in der Palästra gestählten, schön gewachsenen Leibern und den von schwarzen, braunen und blonden Locken umwallten Häuptern boten sie einen herrlichen Anblick. Es waren Mitglieder des Ephebenverbandes, an dessen Spitze Archibius einst gestanden hatte und zu dessen Haupt Dion später erwählt worden war. Die Jünglinge hatten gehört, was ihm begegnet war und daß ihm Gefangenschaft und vielleicht noch Schlimmeres drohte. In anderer Zeit wäre es kaum möglich gewesen, sich dem Vorgehen der Regierung zu widersetzen und über den gefährdeten Freund zu wachen, in diesen Unglückstagen aber mußten die Machthaber mit ihnen rechnen. Wenn sie auch treu an der Königin hingen und beschlossen hatten, trotz ihres Mißgeschicks für sie einzutreten, sobald sie ihrer bedürfte, wollten sie doch nicht dulden, daß Dion für ein Vergehen bestraft würde, das ihm in ihren Augen zur Ehre gereichte. Um so eifriger waren sie ihn zu beschützen entschlossen, mit je ärgerlicherem Zaudern der Rat der Stadt in dieser Angelegenheit, die doch einen der Seinen betraf, vorging. Er hatte sich noch nicht über die Frage geeinigt, ob für den Mann, der den »König der Könige«, den Sohn der Herrscherin verwundet, volle Freisprechung oder nur ein mildes Urteil gefordert werden sollte. Dazu hatte der stille, dem Hofmeister gehorsame Cäsarion es keineswegs verstanden, die Epheben für sich zu gewinnen. Der Weichling zeigte sich nie in der Palästra, die doch selbst der große Marcus Antonius nicht zu besuchen verschmähte. Er hatte den Jünglingen dort mehr als einmal Proben seiner Riesenkraft gegeben, und auch sein Sohn Antyllus nahm oft an ihren Uebungen teil. Dion hatte dem Cäsarion nicht viel mehr als einen jener Faustschläge zu kosten gegeben, denen sich auf der Ringbahn jeder aussetzen mußte.

Philotas von Amphissa, der Schüler des Didymus, hatte sie zuerst von dem Ueberfalle unterrichtet und mit feurigem Eifer das Seine gethan, um wieder gut zu machen, was er an der Enkelin des Meisters verschuldet. Sein Aufruf hatte den lebhaftesten Anklang gefunden. Die Epheben fühlten sich auch stark genug, den Freund, vor wem es auch sei, zu beschützen, und hinter ihnen, das wußten sie, stand für den äußersten Fall der Rat, der Exeget, das Stadthaupt, ein wackerer makedonischer Mann, der einst eine Zierde ihres Bundes gewesen, und die zahlreiche Klientel des Dion und seines Hauses. Kein Schwächling befand sich in ihrer Mitte. Sie hatten auch schon Gelegenheit gefunden, sich zu bewähren; denn waren sie auch zu spät gekommen, um das Eigentum des Didymus vor Schaden zu bewahren, so hatten sie dem Wüten des von dem Sachwalter Philostratus aufgereizten Volkes doch Einhalt geboten und die Menge zurückgeschlagen, als der Syrer sie gegen die Heimstätte der Barine führte, um sie dem gleichen Schicksal zu weihen.

Vor dem Hause der Frau Berenike stand schon ein anderes Fuhrwerk, und zwar eines der den Beamten der Königin zur Verfügung stehenden Gespanne, als Anukis dem Wagen entstieg. Hatten sich Kreaturen des Alexas hier eingestellt, oder war er selbst schon aus dem Wege, den Dion zu verhören oder gar sich seiner Person zu bemächtigen? Die Nubierin kannte den Rosselenker wie alle Bediensteten des Palastes und erfuhr von ihm, daß er den Baumeister Gorgias fahre.

Anukis war dem Genannten nie begegnet, obgleich sie ihn beim Ausbau der Wohnung des Cäsarion oft gesehen und mancherlei über ihn gehört hatte, – auch daß der schöne Palast des Dion sein Werk sei. Er war ein Freund des Verwundeten, und sie brauchte sich also kaum vor ihm zu scheuen.

Als sie in das Atrium trat, vernahm sie, Frau Berenike sei mit dem Archibius und seinem römischen Freunde ausgefahren. Der Arzt habe dem Verwundeten verboten, viele Besucher zu empfangen. Außer dem Baumeister sei aber noch ein Freigelassener des Dion vorgelassen worden.

Doch die Zeit drängte; Leute gleichen Standes und von ähnlicher Gesinnung verstehen einander, der alte Pförtner und die Nubierin waren beide den Gebietern treu ergeben und dazu Landsleute, und so bedurfte es nur weniger Worte, um den Thorhüter zu veranlassen, sie sogleich an das Lager des Verwundeten zu führen.

Vor dem Krankenzimmer wartete der Freigelassene, ein großer, stark gebräunter, schlicht gekleideter Graukopf, den sie für einen Steuermann hielt. Er hatte noch nicht Einlaß zu dem Leidenden gefunden, doch schien ihn das nicht zu verdrießen; denn er lehnte gelassen an der Wand neben der Thür des Krankenzimmers und blickte auf den breitkrämpigen Schifferhut, den er langsam drehte.

Kaum war dem Dion ihr Name genannt worden, als durch die halb geöffnete Thür ein lebhaftes »Herein mit ihr!« tönte.

Die Nubierin ließ es sich gesagt sein; doch es mußte ihr auf dem braunen Gesichte geschrieben stehen, daß etwas Ernstes und Dringliches sie herbeiführte; denn der Verwundete fügte an die erste Begrüßung die bange Bemerkung, sie brächte wohl nichts Gutes.

Ein lebhaftes Nicken des Kopfes und ein fragender Seitenblick auf den Baumeister waren die Antwort, und Dion erklärte nun dem Gorgias kurz, wer sie wäre, und ihr, daß der Freund alles, auch das Geheimste, mit anhören dürfte.

Da atmete sie auf und sprudelte dann mit perlender Stirn und im Tone dringender Warnung hervor, daß er schwer bedroht sei. Sie ließ sich auch nicht irre machen, als er auf die Epheben wies, die zu seinem Schutze bereit wären, und den Rat, der die Sache des Genossen zu der seinen machte, sondern beschwor ihn, sich, gleichviel wohin, in Sicherheit zu bringen; denn es streckten Mächte die Hand nach ihm aus, gegen die kein Widerstand helfe. Aber auch diese Versicherung erwies sich als vergebens; denn er war überzeugt, daß der Einfluß seines Oheims, des Siegelbewahrers, ihn vor jeder ernsten Gefahr schützte. Da entschloß sie sich, zu bekennen, was sie erlauscht, doch that sie es, ohne der Barine zu gedenken, und was auch ihr drohte. Endlich beschwor sie ihn mit der ganzen Innigkeit eines redlich besorgten Herzens, auf ihre Warnung zu hören.

Während sie noch sprach, hatten die Freunde bedeutungsvolle Blicke gewechselt; kaum aber war das letzte Wort aus dem Munde der Dienerin verhallt, als durch die Thür, die offen geblieben war, die Riesengestalt des Freigelassenen trat.

»Pyrrhus, Du hier!« rief ihm der Verwundete freundlich entgegen.

»Ja, Herr, ich,« versetzte der andere und drehte den Schifferhut schneller. »Das Lauschen ist just nicht meine Sache, und ungerufen tret' ich sonst auch nicht vor den Herrn; was aber dort durch die Thür drang, das mußt' ich ja hören, und was die alte Unglückskrähe dort krächzte, zog mich herein.«

»Ich wollte,« versetzte Dion. »Du hättest erfreulichere Dinge zu hören bekommen; die braune Unglückskrähe aber singt sonst freundliche Lieder, und sie kommen allesamt aus einem treuen Herzen. Wenn übrigens mein schweigsamer Pyrrhus den Mund so weit aufthut, dann kommt sicher etwas Wichtiges zum Vorschein, und vor dieser da darf es heraus.«

Da räusperte sich der Schiffer, knickte den groben Filzhut mit den schwieligen Händen zusammen und sagte so bewegt und befangen, daß das schwere Kinn auf und nieder zuckte und die Stimme ihm bisweilen stockte: »Wenn auf die Braune Verlaß ist, mußt Du fort von hier, Herr, und in ein gutes Versteck. Ich kam ohnehin her, um es Dir zu bieten. Unterwegs hörte ich Deinen Namen. Sie sagten, Du hättest den Sohn der Königin wund geschlagen, und es gehe Dir an den Hals. Da dachte ich: ›Das nicht, das gewiß nicht, so lange der Pyrrhus noch lebt, der den jungen Herrn Dion lehrte, das Ruder zu führen und das erste Segel zu stellen, – der Pyrrhus und seine Leute.‹ Wozu wiederholen, was uns beiden bekannt genug ist? Von meiner ersten Barke und dem Land auf unserer Insel an bis zu der Freiheit, die ihr uns zurückgabt, danken wir alles Deinem Vater und Dir, und es ruhte Segen auf eurem Geschenk und unserer Arbeit, und was mein, das ist Dein. – Es bedarf keiner weiteren Worte. Unsere Klippe jenseit des Alveus steganus im Norden des großen Hafens, – die Schlangeninsel – die kennst Du ja auch. Sie ist schnell erreicht für den, der das Wasser kennt, und für die anderen unzugänglich wie Mond und Sterne. Sie fürchten sich schon vor dem bloßen Namen, obgleich wir längst aufräumten mit dem Geziefer. Meine Jungen, der Dionysus, der Dionichus und Dionikus – etwas vom Dion hat jeder in den Namen bekommen – warten auf dem Fischmarkt, und wenn es dunkelt ...«

Hier unterbrach ihn der Verwundete, indem er ihm die Hand entgegenstreckte, ihm für seine Treue und Güte mit warmen Worten dankte, dann aber die wohlgemeinte Ladung dennoch zurückwies. Er bekannte, daß er kein sichereres Versteck kenne als die von Möwen umflatterte Klippe, auf der Pyrrhus mit den Seinen hauste und sich durch Fischfang und Lotsendienste reichlich ernährte. Die Sorge um seine künftige Gattin halte ihn aber ab, die Stadt zu verlassen.

Doch der Freigelassene ließ ihm keine Ruhe. Er stellte ihm vor, wie schnell sich von seiner Insel aus in den Hafen gelangen lasse, daß täglich von ihr aus Fische zu Markte gebracht würden und es ihm darum an Nachrichten nicht fehlen werde. Die Söhne wären wie er und sprächen kein unnützes Wort, ja das Reden sei ihnen zuwider; die Weiber kämen selten fort von der Insel. So lange sie die lieben Gäste beherberge, dürften sie sie mit keinem Schritte verlassen. Thäte es not, so könnte der Herr schnell genug wieder in Alexandria sein, um nach dem Rechten zu sehen.

Dem Baumeister gefiel dieser Vorschlag, und er mischte sich darum in das Gespräch, um die Bitte des Freigelassenen zu unterstützen. Aber Dion hielt um der Geliebten willen den Widerstand aufrecht, bis Anukis, die es schon lange fort und dem Archibius nachdrängte, es an der Zeit fand, mit der eigenen Meinung hervorzutreten.

»Folge dem Manne dort, Herr!« rief sie. »Ich weiß, was ich weiß. Von Deiner treuen Standhaftigkeit will ich unserer Barine erzählen; aber wie kann sie sich Dir dankbar erweisen, wenn Du ein toter Mann bist?«

Dies Wort und die Mitteilungen, die ihm folgten, wirkten entscheidend, und sobald Dion eingewilligt hatte, dem Freigelassenen zu folgen, schickte die Nubierin sich an, den Botengang fortzusetzen; doch erst hielt der Verwundete sie noch zurück, um ihr mancherlei für Barine auszutragen, dann der Baumeister, der in ihr die rechte Gehilfin für mancherlei, das ihm im Sinne lag, gefunden zu haben meinte.

In der Frühe war er aus Heroonpolis zurückgekehrt, wo er wegen der neu herzustellenden Wasserstraße mit anderen Berufsgenossen Umschau gehalten. Das Ergebnis der ersten Untersuchung war bis zur Entmutigung ungünstig ausgefallen, und er hatte sich im Auftrage der anderen zu der Königin begeben, um sie zu veranlassen, von dem viel verheißenden, doch in der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, unausführbaren Unternehmen zu lassen.

Er hatte die Nacht zum Tage gemacht und war auch, sobald Kleopatra sich vom Lager erhoben hatte, empfangen worden. Auf dem Wagen, der ihm zur Verfügung gestellt worden war, weil er im Arsenal und auf verschiedenen Bauplätzen zu thun hatte, war er von der Lochias abgefahren, um die, für den Antonius auf dem Choma errichtete Mauer und den Isistempel am Musenwinkel zu besichtigen, dem Kleopatra ein neues Bauwerk anzufügen wünschte. Doch kaum hatte er die Halbinsel verlassen, als er auf dem Bruchium von der Menge aufgehalten worden war, die das Haus des Didymus mit Balken und Masten berannte und sich dabei der Epheben, die sie angriffen, erwehrte.

Da hatte er sich durch die wütenden Volkshaufen gedrängt, um dem alten Ehepaare und seiner Enkelin Beistand zu leisten. Der Sklave Phryx war beschäftigt gewesen, die Boote zu rüsten, die im Hafen des vom Meer bespülten Grundstückes lagen; Gorgias aber hatte es schwer gehabt, den greisen Philosophen zu bewegen, den Seinen und ihm an das Ufer zu folgen; denn er war bereit gewesen, den wütenden Zerstörern entgegenzutreten und ihnen – mochte es auch das Leben kosten – ins Gesicht zu rufen, daß sie elende Verführte seien und sich mit einer schmählichen Schandthat befleckten. Erst die Bemerkung des Baumeisters, daß sein Vorhaben, der tierischen Roheit ein Leben preiszugeben, auf das die hilflosen Frauen und die ganze Welt, der seine Schriften Wegweiser in das Reich der Wahrheit seien, Anspruch besäßen, eines Didymus nicht würdig sei, hatte ihn zum Nachgeben bestimmt. Doch beinahe wäre der Greis und die Seinen dennoch der wütenden Menge in die Hände gefallen; denn Didymus wollte nicht aufbrechen, bevor er nicht dies und jenes und ein zwanzigstes und dreißigstes kostbares Buch in Sicherheit gebracht hätte. Dazu begriff seine alte taube Gefährtin, die sich sonst gern beschied, wenn das schwache Gehör ihr mancherlei zu verstehen versagte, nicht, was da vorging. Jedem, der ihr nahe kam, gebot sie, es ihr zu erklären und hielt dadurch ihre Enkelin Helena auf, die auf die Rettung der besten Kostbarkeiten des Hauses bedacht war. So verzögerte sich die Abfahrt, und sie hatten es nur dem wackern Einschreiten des jungen Philotas, des Gehilfen des Didymus, und einigen Epheben, die sich ihm anschlossen, zu danken, daß sie dennoch unbeschädigt entkamen.

Die Scythenwache, die endlich dem unsinnigen Wüten des verführten Volkes ein Ende machte, war zu spät gekommen, um die Zerstörung des Hauses zu verhüten, doch rettete sie den Philotas und die anderen Epheben vor den Fäusten und Steinen der Menge.

Erst als die Boote tiefer in den Hafen gelangt waren, hatte sich die Frage nach einer Unterkunft für den Philosophen und die Seinen erhoben. Das Haus der Berenike war gleichfalls bedroht, und die Gesetze des Museums verboten die Aufnahme von Frauen. Fünf dienende Leute waren dem Herrn gefolgt, und in den Häusern der gelehrten Freunde des Didymus fehlte es an Raum für so viele Gäste ... Als der Greis und Helena die Unterkunftstätten, an die sich noch denken ließ, aufzuzählen begonnen hatten, war ihnen Gorgias mit der Bitte ins Wort gefallen, es sich in seinem Hause genügen zu lassen.

Er hatte es vom Vater ererbt. Es war sehr groß und geräumig, stand beinahe leer und ließ sich bald erreichen, da es nördlich vom Forum am Meere lag. Die Flüchtlinge konnten frei darin walten, weil Arbeiten für ihn in Aussicht standen, die ihm nur bei Nacht unter dem eigenen Dache zu weilen erlaubten. Die kleinen Bedenken seiner Schützlinge hatte er bald zerstreut, und eine Viertelstunde, nachdem sie den Musenwinkel verlassen, durfte er ihnen das Thor seines Hauses öffnen, und er that es mit wahrer Freude. Die alte Schaffnerin und der im Dienste seines Vaters ergraute Hausverwalter machten erstaunte Gesichter, doch rührten sie eifrig die Hände, nachdem Gorgias die Gäste ihrer Sorge anvertraut hatte. Der Drang der Geschäfte verbot ihm, die Pflichten des Wirtes selbst zu erfüllen.

Didymus und die Seinen hatten Grund, ihn dankbar zu segnen, und als der alte Philosoph in der großen Bücherei, die ihm der Baumeister zum Aufenthalt angewiesen hatte, viele gute Schriften und darunter mehrere seiner eigenen fand, gewann er es über sich, das Aufundniedereilen aufzugeben und sich niederzulassen. Dabei kam ihm in den Sinn, daß er auf den Rat eines Freundes sein Vermögen einem zuverlässigen Bankvorsteher zur Aufbewahrung übergeben hatte, und das Leben erschien ihm zwar immer noch dunkelgrau, doch nicht mehr so schwarz wie vorher.

In aller Kürze hatte Gorgias die Nubierin von alledem unterrichtet und Dion ihr dann mitgeteilt, daß sie den Archibius mit dem römischen Freunde bei dem Bruder der Frau Berenike, dem Philosophen Arius, finden werde. Wie er selbst, liege auch er infolge eines übermütigen Streiches des Antyllus wund darnieder. Die Mutter Barines werde sie gleichfalls bei dem Arius treffen. Sie möge sie von dem Schicksal des Didymus und der Seinen in Kenntnis setzen und ihnen mitteilen, daß er, Dion, eine Stunde nach Sonnenuntergang ihrem Hause und der Stadt den Rücken zu kehren gedenke.

»Doch, wohin Du Dich begibst,« unterbrach ihn Gorgias, »soll keiner, auch nicht Frau Berenike und Arius, erfahren. Du, Weib, siehst aus, als könntest Du schweigen.«

»Obgleich sie,« fiel ihm Dion ins Wort, »den Namen Aisopion der Behendigkeit ihrer Zunge verdankt.«

»Diese Zunge aber,« versicherte die Nubierin, »ist doch nur wie die Silberfischlein mit den roten Punkten im Garten der Königskinder. Flink genug schießen sie dahin; sobald sie aber eine Gefahr wittern, stehen sie still im Wasser wie angenagelt. Und – bei der hohen Isis! – an Gefahr leiden wir in dieser grausamen Zeit keinen Mangel. Wünschest Du Frau Berenike und die anderen vor dem Aufbruche wiederzusehen?«

»Die Mutter, ja; – die Söhne des Arius – es sind brave Bursche – bleiben heute diesem Hause besser fern.«

»Ganz gewiß!« rief der Baumeister. »Auch ihr Vater wird gut thun, ein gutes Versteck zu suchen. Er steht dem Octavian immer noch nahe. Es kann freilich auch sein, daß die Königin ihn zu benützen wünscht. In diesem Falle vermag er, sich der Barine, die doch das Kind seiner Schwester ist, nützlich zu erweisen. Auch Timagenes, der als Vermittler aus Rom kommt, gewinnt vielleicht Einfluß.«

»Auf den gleichen Gedanken,« sagte die Nubierin, »ist auch mein armer Kopf schon gekommen. Ich gehe jetzt, um den Herren die Gefahr zu zeigen, die der jungen Frau droht, und wenn es mir gelingt ... Aber was vermöchte wohl ein dienendes Weib mit meinem Aussehen? Und dennoch ... Mein Haus steht näher am Ufer des Stromes als das der meisten anderen, und werfe ich ein Blatt hinein, trägt er es vielleicht in die göttliche Meerflut.«

»Die weise Aisopion!« rief Dion; die wackere Dienerin aber zuckte die hohen Schultern und sagte: »Man braucht nicht frei geboren zu sein, um Freude am Rechten zu finden, und wenn weise sein heißt, den Kopf zum Denken gebrauchen und es mit dem Willen zu thun, was gut und gerecht ist zu fördern, dann magst Du mich immerhin so nennen. Nach Sonnenuntergang kommt es also zum Ausbruch?«

Damit wollte sie sich entfernen, der Baumeister aber, der jeder ihrer Mienen gefolgt war, hatte einen Entschluß gefaßt und bat sie, ihm zu folgen.

Im Nebenzimmer verlangte er einen treuen Bericht über Barine und was sie bedrohte. Nachdem er dann wie mit einer Gleichgestellten Rat mit ihr gehalten, reichte er ihr die Hand zum Abschied und sagte: »Wird es angehen, sie unerkannt in den Isistempel zu führen, so kann dies Dunkel sich lichten. Von der ersten Stunde nach Sonnenuntergang an findet man mich im Heiligtume der Göttin. Ich habe dort Vermessungen zu machen. Wenn Du sagst, Du wüßtest, die Himmlischen würden sich der Unschuldigen, die sie bis an den Rand des Abgrundes führten, erbarmen, so behältst Du in diesem Falle vielleicht recht. Es will mir scheinen, als fügten sich hier die Dinge in einer Weise zusammen, die den Geschichtenerzähler um den Glauben des Zuhörers brächten.«

Nachdem Aisopion gegangen war, kehrte Gorgias zu dem Freunde zurück und ersuchte den Freigelassenen, sich mit seiner Barke an einer Uferstelle, die er genau angab, bereit zu halten.

Die Freunde waren wieder allein.

Gorgias hatte alle Hände voll zu thun; er konnte aber doch nicht umhin, dem Dion sein Erstaunen über die Ruhe auszusprechen, die er bewahre. »Als ging' es zum Austernessen nach Kanopus,« schloß er und schüttelte wie vor etwas Unbegreiflichem den Kopf.

»Was willst Du?« frug der andere. »Euch Künstlern zeigt die beflügelte Einbildungskraft die Zukunft, wie es eurer beweglichen Stimmung entspricht. Hofft ihr, so macht ihr aus einem freundlichen Garten die Elysäischen Gefilde, befürchtet ihr etwas, so seht ihr, wenn das Dach brennt, die Welt in Flammen aufgehen. Wir, von deren Wiege die Muse fernblieb, die wir nur den erwägenden Verstand benützen, um neben dem eigenen Besten für das des Hauses und des Staates zu sorgen, fassen die Umstände ins Auge, wie sie sind, und behandeln sie wie die Zahlen im Rechenexempel. Ich weiß, daß Barine bedroht ist. – Das könnte mich um den Verstand bringen; aber hinter ihr sehe ich mit zum Schutze ausgebreiteten Flügeln den Archibius und die Charmion stehen, sehe ich die Scheu vor meinem übrigen Anhang mit Einschluß des Museums, vor dem Rate, dem ich angehöre, vor meiner Klientel und den Zeitverhältnissen, die das Mißfallen der Bürgerschaft wachzurufen verbieten. – Das Resultat nun, das sich aus der richtigen Zusammenstellung all dieser bekannten Größen ergibt ...«

»Wird so lange richtig sein,« unterbrach ihn der Freund, »als sich nicht der unberechenbarste aller Faktoren, die Leidenschaft, in sie hineinmischt, – die Leidenschaft einer Frau, und die Königin gehört zu dem auf dem Gebiet der Leidenschaft ganz gewiß stärkeren Geschlechte.«

»Zugegeben! Doch sobald Marcus Antonius heimkehrt, wird sich ergeben, daß ihre Eifersucht fehl ging.«

»Hoffen wir es. Die irregeleitete, betrogene, gemißbrauchte Kleopatra ist es auch nur, die ich fürchte; denn sie selbst hat nicht ihresgleichen an göttlicher Güte. Unbeschreiblich ist der Liebreiz, womit sie die Herzen gewinnt. Und die stählerne Kraft ihres Geistes! Ich sage Dir, Dion ...«

»Freund, Freund!« fiel ihm dieser lächelnd ins Wort. »Wie hoch versteigen sich Deine Wünsche! Seit drei Jahren führe ich Rechnung über die Feuersbrünste in Deinem Herzen. Wir waren, denk' ich, bis zur siebzehnten gelangt; diese letzte aber zählt doppelt.«

»Thorheit!« rief der Baumeister in abweisendem Tone. »Soll man nicht mehr anerkennen dürfen, was herrlich, wundervoll, einzig? Das ist sie! Vorhin – wie lange ist's her – trat sie mir in einem Schönheitsglanze entgegen ...«

»Daß es diesmal gilt, beide Augen zu hüten. Und doch sprachst Du erst eben so warm von Deinem jungen Gaste, von der liebreichen Umsicht, der anmutigen Ruhe, die Helena mitten in der drohenden Gefahr ...«

Da fiel ihm der Baumeister unwillig ins Wort: »Als ob ich eine Silbe davon zurücknehmen wollte! Helena hat nicht ihresgleichen unter den alexandrinischen Jungfrauen, – die andere, sie, Kleopatra aber ... sie ist eben in ihrer göttlichen Majestät über das Menschliche erhaben. Den höhnischen Zug am Munde könntest Du Dir und mir diesmal sparen! Hätte sie Dir mit den feuchten, tiefen, rührend traurigen Augen wie mir ins Antlitz geschaut und von ihrem Unglück gesprochen, Du gingest Hand in Hand mit mir für sie durch Wasser und Feuer. Zu den leicht zu rührenden Menschen gehöre ich eben nicht, und seit mir der Vater starb, sah ich Thränen nur bei anderen Leuten: als sie aber von dem Mausoleum sprach, das ich für sie erbauen sollte, weil das Schicksal sie, wer weiß wie bald, zwingen könnte, in den Armen des Todes Zuflucht zu suchen, da war es um die Fassung geschehen. Und wie sie mich dann zu den Freunden zählte, auf die Verlaß sei, und mir die Hand entgegenstreckte, – eine Hand, es gibt keine gleiche, da – lache nur hell heraus, wenn Du den Mut dazu findest. – da faßte es mich, ich weiß selbst nicht wie, und es zog mich zu ihr nieder, und während ich sie – die Hand meine ich – küßte, kann sie feucht geworden sein von meinen Thränen. Ich schäme mich nicht dieser Bewegung, und die Lippen hier scheinen mir wie geweiht, seit sie diese bleiche, kleine Götterhand berührten, die eine eigene Sprache redet und mir vor Augen steht, wohin ich schaue.«

Dabei strich Gorgias sich das volle Haar aus der Stirn, schüttelte, wie unzufrieden mit sich selbst, das Haupt und fuhr in verändertem Ton eilfertig fort: »Aber die Zeit ist schlecht gewählt für solche Ergüsse. Ich sprach von dem Mausoleum, dessen Erbauung die Königin wünscht. Morgen will sie den ersten flüchtigen Entwurf sehen. Das Ding steht mir auch schon vor Augen. An den Tempel der Isis, ihrer Göttin, wünscht sie es zu schließen ... Ich schlug das große Heiligtum in der Rhakotis beim Serapeum vor. Das wies sie zurück ... Sie wollte es dicht bei dem Palaste auf der Lochias haben. Den Tempel am Musenwinkel hatte sie ins Auge gefaßt; aber das Haus des Didymus stand einem größeren Anbau im Wege. Dachte man dies fort, so ging es an, die Straße durch den Garten des Alten, vielleicht sogar dem Meeresufer entlang zu legen. – Wir hätten Raum für einen Riesenbau gewonnen, und es wäre immer noch ein stattlicher Garten übrig geblieben. Aber wir hatten ja erfahren, wie Didymus an dem alten Besitz hängt. Auch der Königin widerstrebt es, dem Greise Gewalt anzuthun ... Sie ist gerecht, und es leiten sie vielleicht auch mir unbekannte Gründe ... Ich versprach darum, nach einem andern Platze Umschau zu halten, obwohl ich sah, wie sehr es sie verlangte, die Grabstätte mit dem Heiligtum ihrer Göttin verbunden zu sehen ... Und da ... Ich sagte es schon der klugen braunen Hexe – da ließen die Himmlischen, ließ die Gottheit, das Schicksal, oder wie man sonst die die Welt und unser Dasein nach ewigen Gesetzen und dem eigenen geheimnisvollen, allmächtigen Willen lenkende Kraft nennt, ein Bubenstück geschehen, aus dem mir Rettung für euch und für die Königin in dieser schweren Zeit etwas ihr Wohlgefälliges zu erwachsen scheint.«

»Mensch, Mensch!« unterbrach ihn hier Dion. »Wohin wird Dich noch diese neue Leidenschaft führen? Draußen stampfen die wartenden Rosse, die Pflicht ruft den pflichttreuesten der Menschen, und wie ein Seher ergeht er sich in dunklen Sprüchen!«

»Deren Sinn und Inhalt Dir,« versetzte Gorgias, »trotz Deines gelassenen Rechnens mit den gegebenen Umständen sehr bald nicht weniger wunderbar erscheinen wird als mir, dem Deiner Meinung nach, das unbändige Künstlerblut einen Streich spielt. Jetzt nur dies zur Erklärung: Das Haus des Didymus wird sogleich von meinen Bauleuten besetzt, ich aber untersuche die unteren Räume des Isistempels. Die Vollmacht, dort nach Belieben zu schalten, habe ich bei mir. Kleopatra legte mir selbst die Baurisse vor, auch den geheimen mit dem Laufe der unterirdischen Räume. Es wird auch für Dich einiges Licht auf meine dunklen Sprüche werfen, wenn ich Dich nachher durch einen der verborgenen Gänge den Feinden entführe. Man verschwieg Dir mit Recht, an einem wie dünnen Faden, trotz der Macht Deines Rechenexempels, das Schwert über Deinem Haupte hängt. Nun ich die Möglichkeit sehe, es zu beseitigen, darf ich ihn Dir zeigen. Morgen wärest Du grausamen Feinden unrettbar in die Hände gefallen und von dem eigenen schwachen Oheim schmählich preisgegeben worden, wenn der unversöhnlichste von allen sich nicht die ruchlose Freude gegönnt hätte, Hand an das Haus eines Greises – Du weißt ja – zu legen, wenn nicht die Königin durch eine erschütternde Botschaft auf den Gedanken gekommen wäre, sich ein eigenes Mausoleum zu bauen. Der Gang,« und dabei senkte er die Stimme, »von dem ich sprach, mündet hart neben dem Grund und Boden des Didymus an der See, und durch ihn führe ich Dich, und, geht es an und wird es notwendig, auch Barine zum Meere. Auf dem gewöhnlichen Wege ließe sich das alles nur mit der größten Gefahr bewerkstelligen. Benützen wir den Gang, so gelangen wir ungesehen an einer dunklen Stelle an den Strand, und die Flucht bleibt, wenn uns kein besonderes Mißgeschick verfolgt, unbemerkt. Die Sänfte und Dein wankender Gang würden, wo wir auch sonst am großen Hafen das Boot besteigen wollten, alles verraten.«

»Und wir Verständigen weigern uns, an Wunder zu glauben!« rief Dion und streckte dem Freunde die bleiche Hand entgegen. »Wie soll ich Dir danken, Du lieber, kluger, treuester Freund Deiner Freunde mit dem den Freundinnen treulosen Herzen. Schließe dies böse Wort mit in die früheren ein, um die ich Dich jetzt um Vergebung bitte. Was Du für mich und Barine thun willst, gibt Dir das Recht, mir zeitlebens alles Ueble anzuthun und zu hören zu geben, was Du nur magst. Die Sorge um sie hätte mich heute abend, wäre es ernst mit dem Fluchtversuche geworden, ganz gewiß an dies Haus und die Stadt gekettet; denn ohne sie ist mir das Leben jetzt wertlos. Wenn ich mir aber vorstelle, daß sie mir auf die Klippe des Pyrrhus nachfolgen könnte ...«

»Wiege Dich nicht in dieser Hoffnung.« bat der Baumeister. »Es stellen sich ihr vielleicht ernste Hindernisse entgegen. – Nachher habe ich übrigens noch einmal mit der Nubierin zu reden. Ohne den anderen zu nahe zu treten – ihr Rat ist, glaub' ich, der beste. Sie weiß, wie es bei den Großen zugeht und gehört selbst zu den Kleinen. Außerdem steht ihr durch Charmion der Weg zu der Königin offen, und es entgeht ihr nichts, was sich am Hofe ereignet. Sie zeigte mir auch, daß wir die Auslieferung der Barine an den Alexas für ein Glück anzusehen haben. Wie leicht hätte die Eifersucht sie, deren Wunsch schon zur That wird, wenn sie den Uebereifer ihrer lebenden Werkzeuge nicht zügelt, zu einem verhängnisvollen Frevel hinreißen können! Wen das Schicksal mit so harten Schlägen trifft, der eilt sich selten, sie andern zu ersparen. Wollten die Sorgen, die sie berghoch belasten, sich doch zwischen die Königin und den eifersüchtigen Groll stellen, der für ihre große Seele ohnehin zu klein ist!«

»Was ist groß, was ist klein, für das Herz eines liebenden Weibes?« frug Dion »In jedem Falle thust Du, was Du vermagst, um Barine aus dem Machtgebiet der aufgebrachten Fürstin zu entfernen – ich weiß es.«

Da drückte Gorgias dem Freunde fest die Hand, küßte ihm, einer schnellen Eingebung folgend, die Stirn und eilte der Thüre zu.

Auf der Schwelle hielt ihn ein leises Stöhnen des Verwundeten zurück. Würde er sich bis zum Abend stark genug fühlen, dem langen, zum Meere führenden Gange zu folgen?

Dion versicherte, er hoffe es zuversichtlich, doch sein tief gerötetes Antlitz verriet auch, daß sich das geschwundene Fieber wieder eingestellt habe.

Da ließ Gorgias den Blick nachdenklich sinken. Viele der Heilung bedürftige Kranke wurden in den Tempel der Göttin getragen; das Erscheinen des Dion daselbst konnte darum nichts Auffälliges haben. Fremde zu beauftragen, den Leidenden durch den Gang zu schaffen, schien dagegen gefährlich. Er selbst war kräftig genug, doch auch für den Stärksten wäre es unmöglich gewesen, den schweren Körper des hochgewachsenen Mannes in gebückter Haltung bis zum Meere zu tragen; denn der Stollen war niedrig und von beträchtlicher Länge. That es not, wollte er es aber dennoch versuchen. Mit dem tröstenden Rufe: »Reicht Deine Kraft nicht aus, findet sich anderer Rath,« nahm er Abschied, schrieb der Zofe Barines und dem Leibsklaven des Verwundeten das Nötige vor, gebot dem Thorhüter, jeden Besucher, wie er auch heiße, mit Ausnahme des Arztes, abzuweisen, und trat ins Freie.

Vor dem Hause schritt eine kleine Schar von Epheben auf und nieder. Andere hatten sich auf einem freien, von Strauchwerk eingehegten Rundteil des Paneumgartens neben dem Hause niedergelassen und sprachen dem edlen Weine zu, den der Kellermeister des Dion, auf Befehl des Herrn, hierher geführt hatte und ausschenkte.

Es war ein munteres Treiben; denn Klienten des Leidenden, die, nachdem sie sich der Versicherung ihrer Teilnahme entledigt, von dem Pförtner abgewiesen worden waren, und geputzte Mädchen hatten sich zu den Epheben gesellt. Es fehlte dabei nicht an Scherz und Gelächter, und wenn eine hübsche junge Mutter oder Sklavin mit den Kindern vorüberkam, deren bevorzugter Tummelplatz diese Gärten waren, flog manches muntere Wort hinüber und herüber.

Gorgias winkte den Jünglingen, erfreut über die frische Daseinslust, mit der die wackeren Gesellen die Pflicht zum Feste verwandelten, heiter zu, und mancher Ephebe hob den Becher, um dem berühmten Künstler, der noch nicht vor gar langer Zeit einer der Ihren gewesen war, mit einem fröhlichen »Io« und »Evoë« zuzutrinken.

Den anderen voran that es ein schlank gewachsener Jüngling, der Student Philotas von Amphissa, der Gehilfe des Didymus, dem der Baumeister vor wenigen Tagen beigestanden hatte, sich von den Dämonen des Weines zu befreien. Während Gorgias ihm schon aus dem zweirädrigen Wagen zuwinkte, kam ihm in den Sinn, daß der hübsche Junge dort, der sich so schwer gegen Barine und Dion vergangen, der rechte Mann sei, den Freund durch den niedrigen Gang zum Meere tragen zu helfen. Es mußte dem Philotas, wenn er derjenige war, für den Gorgias ihn hielt, wie ein Geschenk erscheinen, sein Vergehen an dem Geschädigten gut zu machen, und er hatte sich nicht getäuscht; denn nachdem der Jüngling einen feierlichen Eid geleistet, gegen wen es auch sei, reinen Mund zu halten, forderte der Baumeister ihn auf, ihm bei der Rettung des Dion zur Seite zu stehen. Ueberfließend von freudiger Dankbarkeit, zeigte Philotas sich dazu bereit und versprach, zu rechter Zeit im Isistempel an der bezeichneten Stelle zu warten.

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