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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Elftes Kapitel

Die Königin war dem Bade entstiegen. Iras hatte ihr das immer noch volle wellige, nunmehr dunkelbraune Haar neu geordnet und sie prächtig genug gekleidet, um die Beamten, die sie trotz der nächtlichen Stunde bald erwartete, zu empfangen.

Wie wunderbar hatte sie sich erhalten! Die Zeit schien es nicht gewagt zu haben, die Hand an dies vollendete Musterbild weiblicher Anmut zu legen. Aber das scharfe Auge der Griechin erkannte doch hier und da ein Schwinden des Zaubers der Jugend. Sie liebte die Herrin, und doch war es ihr, als lache es in ihrer Seele, so oft sie an ihr den gleichen Rückgang wahrnahm, der sich bei ihr, der weit jüngeren, kaum siebenundzwanzigjährigen, schon leise zu zeigen begann. Sie hätte Kleopatra gern alles gegeben, worüber sie verfügte, doch es war ihr, als sollte sie die Natur für einen Akt der Gerechtigkeit preisen, wenn sie wahrnahm, daß sie auch diesem ihrem königlichen Günstling gegenüber das für alle giltige Gesetz nicht völlig aushob.

»Laß das Schmeicheln,« bat Kleopatra die Vertraute mit einem wehmütigen Lächeln. »Sie sagen, die Werke der Pharaonen hier am Nil spotteten der Zeit. Von den Königinnen Aegyptens läßt sich die unerbittliche dies weniger willig gefallen. Das sind graue Haare, und sie stammen von diesem Haupte, wie eifrig Du es auch leugnest. – Wem aber gehören die Falten dort an den Augenwinkeln und hier auf der Stirn anders als mir? Und der Zahn, den die Lippe doch nicht so freundlich verdeckt, wie Du vorgibst? Am Abend vor der unglückseligen Schlacht erlitt er den Schaden. Mein lieber, treuer, geschickter Olympus, der Arzt der Aerzte, ist der einzige, der dergleichen unsichtbar macht. Doch den Greis mit in den Krieg zu nehmen, ging ja nicht an, und Glaucus ist von viel geringerem Geschick. Wie fehlte mir der Alte in jenen verhängnisvollen Stunden! Ich kam mir vor wie ein Unhold, und er ... Das Auge des Antonius ist nur zu scharf für dergleichen. Was ist die Liebe der Männer? Ein geschwärzter Zahn kann ihr verhängnisvoll werden. Ein ihrem Auge widerstrebender Anblick gießt Wasser in das heißeste Feuer. Welche Stunden, Iras, gab es da für mich zu durchleben! Wie eine Beleidigung ist mir mancher seiner Blicke erschienen, und dazu die marternde Ungewißheit im Herzen!

Etwas war zwischen uns getreten, kein Zweifel! Ich fühlte es ihm an.

Bald, nachdem er Alexandria verlassen hatte, begann es. Wie ein Wurm fraß es mir an der Seele, und nun ich wieder hier bin, muß ich klar sehen. Er folgt mir in wenigen Tagen – ich weiß es. In Parätonium, wohin er sich begab, steht Pinarius Scarpus mit unberührten Legionen. In Taenarum hatte er beschlossen, sich von der Welt zurückzuziehen, die er, dem sie so viel Großes schenkte, haßt, weil er ihr Grund gab, das Haupt über ihn zu schütteln ... Doch der alte Geist erwacht schon wieder, und thut das ihm sonst so treue Glück es ihm nach, so knüpft sich bald an das neue afrikanische Heer eine gewaltige Macht. Die asiatischen Fürsten ... Aber die Lenkerin des Staates hat jetzt zu schweigen. Mit dem Willen, dem Weibe sein Recht zu gönnen, trat ich in dies Gemach, und das Weib soll es haben! Bald wird er hier sein. Er kann nicht ohne mich leben. Es ist nicht allein der Becher des Nektanebus, der ihn mir nachzieht!«

»Als der Größte der Großen, als Julius Cäsar in Alexandria um Deine Liebe warb und Antonius am Kydnos,« bemerkte Iras, »wußtest Du noch nichts von dem Pokale. Erst vor zwei Jahren gestattete Anubis Dir, das Wunderwerk dem Tempelschatze zu entlehnen, und in wenigen Tagen bist Du ja verpflichtet, ihn zurückzuerstatten. Daß von dem Becher eine geheimnisvolle Wirkung ausgeht, ist sicher, doch dem Zauber Deines Wesens wohnt eine mächtigere inne.«

»Wäre das doch auch für heute noch giltig!« rief die Königin. »Jedenfalls ließ Antonius sich durch die Kraft des Bechers zu mancherlei bestimmen. Ich bin auch nicht eitel genug, um zu glauben, daß es die Liebe, daß es der Zauber meiner Persönlichkeit allein war, der ihn mir in jener unglückseligen Stunde nachzog. Diese Schlacht, die unbegreifliche, schmachvolle Schlacht! Du warst krank und konntest unsere Flotte bei der Ausfahrt nicht sehen; doch auch die Erfahrenen sagten, schönere und größere Schiffe habe es schwerlich jemals gegeben. Ich war im Rechte, als ich darauf bestand, ihr die Entscheidung zu überlassen. Mein eigen durfte ich sie nennen. Hätten wir gesiegt, welch ein Hochgefühl, sich zu sagen: Die Waffen, die Du ihm botest, trugen dem Geliebten die Herrschaft über die Welt ein! Dazu hatten mich die Sterne versichert, auf der See werde das Glück uns erblühen. Dem Anubis hier, dem Alexas auf dem Schiffe des Antonius hatten sie das Gleiche verkündet. Auch auf die Macht des Bechers hoffte ich, die den Antonius genötigt hatte, mancherlei zu thun, was ihm widerstrebte. So setzte ich es denn durch, der Flotte die Entscheidung zu überlassen; doch es war falsch, falsch, falsch! Wie sehr es falsch war, das sollte sich nur zu bald erweisen!

Hätte man mir nur, als es noch Zeit war, mitgeteilt, was ich später erfuhr! Nach der Niederlage wurde man beredter. Das eine Wort eines Veteranen unter den Befehlshabern des Fußvolkes hätte wohl genügt, mir die Augen zu öffnen. Er hatte den Marc Anton gefragt, warum er seine Hoffnung auf elendes Holz setze, und ausgerufen: ›Laß Phönizier und Aegypter auf dem Wasser kämpfen, uns laß das Land, auf dem wir gewohnt sind, mit dem Fuße fest auf dem Boden zu kämpfen, zu siegen oder zu sterben!‹ Das allein, ich weiß es, hätte mir zu guter Stunde den Sinn geändert. Doch es wurde mir verschwiegen.

Die Schlacht begann. Die Unseren hatten die Geduld verloren. Der linke Flügel der Flotte rückte vor. Anfänglich sah ich dem Kampfe gespannt und klopfenden Herzens zu. Wie stolz die großen Schiffe sich vorwärts bewegten. Es ging alles vortrefflich. Antonius hatte eine Anrede gehalten und den Kämpfern versichert, unsere Fahrzeuge würden auch ohne Streiter durch ihre bloße Höhe und Größe dem Feinde verhängnisvoll werden. Nenne mir den Redner, der wie er die Hörer mit sich fortreißt! Auch ich war noch furchtlos. Wer ängstigt sich auch, wenn er den Sieg so sicher erwartet? Als er sich vorher auf sein Admiralschiffs begeben und mir weniger herzlich als sonst Lebewohl gesagt hatte, war mir viel banger gewesen. Deutlich meinte ich erkannt zu haben, seine Liebe erkalte. Was war auch aus mir geworden, seit wir Alexandria verließen und Olympus nicht mehr für mich sorgte! So konnte es nicht fortgehen. Ich wollte ihm das Kriegführen allein überlassen und ihm aus den Augen. Hatte er in den Becher des Nektanebus geschaut, that er ja, was ich verlangte, doch mit welchem Unwillen geschah es nicht selten. Die unverdeckten, dort durch nichts zu vertilgenden Falten und die Jahre, die grausamen Jahre!«

»Welche Gedanken!« rief Iras. »Laß mich schwören, Herrin, daß Du, wie Du da vor mir stehst ...«

»Dank diesem Putztisch und den neuen Werken des Olympus in diesen Büchsen! Damals, sag' ich Dir, konnt' ich vor mir selber erschrecken. Der Verdruß verschönert uns auch nicht, und was hatten mir die Römer zu hören gegeben über das Weib, das sich in den Krieg, die Arbeit der Männer, mische! Ich gab es ihnen wieder; doch ich wollt' es nicht länger ertragen. Von der Schlacht auf dem Lande mich fern zu halten, war ich von vornherein entschlossen, aber auch schon beim Beginn des Treffens trieb es mich, so gut es auch zu stehen schien, fort von Antonius und hieher zu den Kindern zurück. Die fragen nicht nach der Farbe des Haares und den Falten der Mutter, und er – wenn er vergeblich nach mir ausschaute und rief, würde er erst recht fühlen, was er an mir besaß, würde er mich vermissen, würde die Sehnsucht und mit ihr die alte Liebe mit neuer Glut in ihm erwachen. Sobald der Sieg für die Flotte entschieden war, wollte ich fort, das Schiff nach Süden wenden lassen und ohne Abschied, nur mit dem Rufe: ›Auf Wiedersehen in Alexandria!‹ fort nach Aegypten.

Ich rief den Alexas, der bei mir geblieben war, und befahl ihm, mir ein Zeichen zu geben, sobald sich der Kampf zu unserem Vorteil entschiede. Ich blieb auf dem Decke. Da sah ich feindliche Schiffe einen weiten Bogen umschreiben. Der Nauarch sagte mir, es sei Agrippa, der uns zu umzingeln versuchte. Das erweckte ein mißliches Gefühl. Ich begann zu bereuen, mich in das Männerwerk zu mischen.

Antonius schaute von dem Admiralschiffe zu mir hinüber. Ich winkte, um ihn auf die Gefahr hinzuweisen; doch statt wie einst eifrig und liebreich wieder zu grüßen, wandte er mir den Rücken, und um weniges später erhob sich um mich her das wildeste Getümmel. Ein Schiff verwickelte sich in das andere, Bretter und Stangen zerbrachen mit lautem Gekrach. Das Geschrei, das Schelten und Jammern der Streiter und Verwundeten mischte sich in das Dröhnen der Steine, die die Katapulte entsandte, und in den schmetternden Ton der Signale, die wie Hilferufe klangen. Hart neben mir sanken zwei Krieger zu Boden, von Pfeilschüssen getroffen. Es war entsetzlich. Doch mein Mut hielt stand, auch als ein Geschwader – es war das des Aruntius – auf die Flotte eindrang. Noch eine andere Reihe von Schiffen sah ich gerade auf uns zukommen und ein römisches Fahrzeug unter dem Ansturm eines der meinen – ich hatte ihm selbst den Namen Selene gegeben – sich zur Seite neigen und sinken. Das freute mich und erschien mir wie der erste Vorbote des Sieges. Da befahl ich dem Alexas noch einmal, sobald an der Entscheidung nicht mehr zu zweifeln, das Schiff wenden zu lassen. Während ich noch sprach, erschien der große Jason, der Aufwärter, Du kanntest ihn ja, mit einer Erfrischung. Ich griff nach dem Becher, doch noch hatte ich ihn nicht zum Munde geführt, als er mit zerschmettertem Schädel neben mir platt auf das Deck fiel und der vergossene Fruchtsaft sich mit seinem Blute vermischte. Da war es, als erstarre mir das Blut, und totenblaß und mit zitternder Stimme frug Alexas: ›Befiehlst Du, die Schlacht zu verlassen?‹

Was in mir war, trieb mich an, es zu gebieten, doch ich raffte mich zusammen und frug erst den Nauarchen, der vor mir auf der Brücke stand: ›Sind wir im Vorteil?‹ Ein bestimmtes ›Ja‹ war die Antwort. Da meinte ich, die Zeit sei gekommen, und rief ihm zu, dann möge er das Schiff wenden und gen Süden steuern. Aber der Mann schien mich nicht zu verstehen. Der Lärm der Schlacht war auch lauter und lauter geworden. Ich sandte darum trotz der Charmion, die mich anflehte, nicht eigenmächtig in den Kampf einzugreifen, den Alexas zu dem Befehlshaber auf die Brücke, und während er mit dem graubärtigen Seemanne redete, der ihm, ich weiß nicht was, heftig entgegenpolterte, blickte ich auf die nächsten Schiffe – ich unterschied nicht mehr, ob es feindliche, ob freundliche seien – und wie sich die Reihen der rastlosen Ruder dicht vor meinen Augen in zahlloser Menge auf und nieder bewegten, da war es mir, als sei jedes Fahrzeug eine gewaltige Spinne geworden und die langen hölzernen Ruderstangen ihre Arme und Füße. Jedes dieser Untiere schien mir bedacht, mich in ein gräßliches Netz zu verstricken, und als der Nauarch auf mich zukam, um mich zu beschwören, auszuharren, herrschte ich ihn an, er habe meinem Befehle zu gehorchen.

Da verneigte sich der Unselige und that, wie ihn seine Königin geheißen. Der Riese wurde gedreht und brach sich Bahn durch das Gewirr.

Ich atmete freier.

Was mich als Spinnenarme bedroht, ward wieder zum Ruder. Alexas führte mich unter ein Schutzdach, wo kein Geschoß mich erreichen konnte. Mein Verlangen ward erfüllt. Den Augen des Antonius ward ich entrückt, und wir fuhren Alexandria und den Kindern entgegen. Als ich endlich Umschau hielt, bemerkte ich, daß auch meine anderen Schiffe mir folgten. Das hatte ich nicht befohlen, und ich erschrak darüber nicht wenig. Als ich mich nach dem Alexas umschaute, war er verschwunden. Der Centurio, dem ich befahl, dem Nauarchen zu gebieten, Signale zu geben, die die anderen Fahrzeuge zur Rückkehr in die Schlacht aufforderten, meldete, eben hätten sie die Leiche des Schiffführers fortgetragen, doch dem Befehle müsse nachgekommen werden. Wie er erteilt wurde, kann ich nicht sagen; doch blieb er ohne Wirkung, und das angstvolle Wehen meines Tuches konnte niemand mehr bemerken.

Wir hatten das Admiralschiff des Antonius, der immer noch auf der Kommandobrücke stand, hinter uns gelassen. Als wir dicht an ihm vorbeigesteuert waren, hatte ich ihm zugewinkt. Da war er hinuntergeeilt, um, an die Brüstung gelehnt, mir etwas herüber zu rufen. Ich sehe noch die zum Rohre geschlossenen Hände an seinen bärtigen Lippen. Aber ich verstand nicht, was er sagte, und wies nur nach Süden, hierher, dem Ziele meiner Fahrt, und im Geiste wünschte ich ihm Sieg und daß diese Trennung unserer Liebe zum Heile gedeihen möge; er aber schüttelte das Haupt, preßte die Hand an die Stirn wie in Verzweiflung und schwenkte die Arme, wie um mir ein Zeichen zu geben; doch die Antonias ließ sein Fahrzeug immer weiter hinter sich und steuerte geradeaus nach Süden.

Im Wohlgefühl, einer doppelten Gefahr zu entrinnen, atmete ich leichter. Hätte Antonius mich lange so vor Augen gehabt, wie ich damals gewesen war, es wäre ... Elende Verirrung eines elenden Weibes sage ich jetzt ... Doch damals konnte ich noch nicht ahnen, welch ein furchtbares Verhängnis ich in jener Stunde über uns, die Kinder, vielleicht über die Welt heraufbeschworen hatte, und so blieb ich im Banne dieser kleinlichen Befürchtungen und Gedanken, bis Verwundete an mir vorbeigetragen wurden. Der Anblick that mir weh, und Du weißt ja, wie empfindlich ich bin und wie schlecht ich Schmerzen ertragen und mit ansehen kann.

Charmion führte mich in die Kajüte. Dort erst trat mir voll ins Bewußtsein, was ich gethan. Den verhaßten Feind vernichten zu helfen, hatte ich gehofft, und nun war ich es vielleicht, der ihm die Brücke baute zum Siege, zur Herrschaft, zu unserer Vernichtung. Von solchen Gedanken wie von Erinnyen verfolgt, eilte ich in dem weiten Kajütensaale auf und nieder.

Da wurde es plötzlich laut auf dem Deck. Ein krachender Stoß schien das mächtige Schiff zu erschüttern. Man verfolgt uns! Ein Römerschiff entert das meine! So dachte ich und faßte nach dem Dolche, den mir Antonius geschenkt.

Aber da kam Charmion mit einer Kunde, die kaum erträglicher schien als die falsche Besorgnis. Ich hatte ihr zornig geboten, mich zu verlassen, weil sie mir unehrerbietig ans Herz gelegt hatte, den Befehl zur Umkehr zurückzunehmen. Jetzt meldete sie totenbleich. Antonius habe das Admiralschiffs verlassen, sei mir auf einem kleinen Fünfruderer gefolgt und soeben zu uns an Bord gestiegen.

Da stockte mir das Blut.

Er kommt, dachte ich, um mich zur Rückkehr in die Schlacht zu zwingen, und tief atmend drängte mich das trotzige Selbstgefühl, ihm zu zeigen, daß ich die Königin sei und nur dem eigenen Willen gehorche, während das Herz mich antrieb, ihm zu Füßen zu sinken und ihn anzuflehen, ohne meiner zu achten, jeden Befehl zu erteilen, der zum Siege zu führen verheiße.

Aber er kam nicht.

Da schickte ich Charmion wieder hinaus. Er hatte es nicht ertragen, getrennt von mir weiter zu kämpfen. Nun saß er vor dem Kajütenhause mit dem Haupt in den Händen und starrte wie ein Verwirrter auf die Planken des Deckes. Er ... Marcus Antonius! Der tapferste der Reiter, das Entsetzen der Feinde, – wie ein Schäferbube, dem die Wölfe die Schafe raubten, ließ er die Arme sinken, Marc Anton, der Held, der tausend Gefahren trotzte, das Schwert hatte er von sich geworfen! Warum, warum? Weil ein Weib nichtig eitlen Befürchtungen nachgegeben, weil es der Sehnsucht des Mutterherzens gefolgt war und sich davongemacht hatte? Von allen menschlichen Schwächen war ihm, den der Frevelmut in manches unerhörte Wagnis getrieben, keine fremder gewesen als Feigheit ... Und nun? ... Aber nein, tausendmal nein! ... Eher kommen Feuer und Wasser als Marc Anton mit der Feigheit zusammen! Unter der zwingenden Gewalt eines Dämon hatte er gestanden, eine geheimnisvolle Macht hatte ihn gezwungen ...«

»Die gewaltigste der Mächte, die Liebe,« unterbrach sie Iras mit enthusiastischer Wärme. »Eine Liebe, wie sie größer und überwältigender noch keines Mannes Geist unterjochte.«

»Ja, die Liebe,« wiederholte Kleopatra dumpf. Dann umzuckte leiser Spott ihr die Lippen, und bitterer Zweifel klang aus ihrer Stimme, als sie fortfuhr: »Wär' es nur allein jene Liebe gewesen, die aus zwei Menschen eins macht, die das Herz des einen in das des andern verpflanzt, die meine geängstigte Seele vielleicht in seine Heldenbrust übertrug! ... Aber nein ... Vor der Schlacht hatte es heftige Stürme gegeben. Da war es nicht immer möglich gewesen, sich ihm so zu zeigen, wie man wünscht, daß der Geliebte uns sehe. Und selbst jetzt, wo Deine geschickte Hand das ihre an mir that ... Da steht der Spiegel ... Das Bild auf seiner Fläche – wie artig erhaltene Ueberbleibsel will es mir scheinen ...«

»Aber, Herrin,« rief Iras und erhob flehend die Hände, »soll ich noch einmal schwören, daß weder die ergrauten Haare, die längst wieder braun sind, noch die wenigen Falten, die Olympus bald wieder völlig unsichtbar macht, noch was Dich sonst vielleicht an dem Spiegelbild ängstigt, Deiner Schönheit auch nur den geringsten Abbruch thut. Ungetrübt und des Sieges gewiß darf der Zauber Deines göttergleichen Wesens ...«

»Laß, laß!« fiel ihr Kleopatra ins Wort. »Ich weiß, was ich weiß. Es entzieht sich kein Sterblicher den großen, ewigen Gesetzen. So sicher wie die Geburt der Anfang des Lebens, schreitet, was da ist und blüht, der Vernichtung und dem Welken entgegen.«

»Doch die Götter,« versicherte Iras, »geben ihren Werken verschiedenen Bestand. Du kennst die Wasserlilie, die nur einen Tag blüht. Aber wie kräftig grünt noch heute die tausendjährige Sykomore in dem Garten des Paneums. Noch welkte an Deiner Blüte kein Blatt, und ist es denn denkbar, daß die Liebe dessen auch nur um die leiseste Spur erkaltete, der alles, was dem Manne das Teuerste ist, hinter sich warf, weil es ihm unerträglich erschien, auch nur Tage oder Wochen der Geliebten zu entbehren?«

»Hätte er es doch über sich gebracht!« rief Kleopatra schmerzlich. »Aber weißt Du so gewiß, daß es die Liebe war, die ihn mir nachzog? Ich bin anderer Meinung. Echte Liebe lähmt nicht, sie verdoppelt, was groß ist am Manne. Ich erfuhr es, als sie den Cäsar mit erdrückender Uebermacht in diesem Palaste umschlossen hielten, ihm die Schiffe verbrannten, das Wasser abgruben. Auch an ihm an Antonius, durfte ich dies herrliche Schauspiel zwanzig-, was sage ich, hundertmal bewundern, so lange er mich noch mit der ganzen Kraft seiner Feuerseele liebte. Doch was bei Actium geschah!? Diese schmähliche Flucht des girrenden Taubers der Taube nach, auf die noch ferne Geschlechter mit den Fingern weisen werden ... Dies unselige Vergessen der Pflicht, der Ehre, des Ruhmes, der Gegenwart und Zukunft, wer nicht tiefer sieht, der schreibt es freilich dem bethörenden Wahnsinn der Liebe zu, ich aber, Iras – und das ist es, was auf diesem Scheitel ein Haar nach dem andern bleicht, was die Reste der alten Schönheit Deiner Herrin nur zu bald vernichten wird in schlaflosen Nächten, – ich weiß es besser! Nicht die Liebe ist es, die den Antonius mir nachzog, nicht sie tritt sein glänzendes, in heldenhaftem Uebermut strotzendes Bild in den Staub, nicht sie zwang den Halbgott, den elenden Spuren eines fliehenden Weibes zu folgen.«

Hier senkte sie die Stimme, erfaßte mit einem kräftigen Griffe das Handgelenk des Mädchens, zog es näher zu sich heran und raunte ihm ins Ohr: »Der Becher des Nektanebus ist mit dabei im Spiele. Erschrick nur! Die Kräfte, die von diesem blanken Wunderwerk ausströmen, sind in der That so furchtbar wie unnatürlich. Die magische Zaubergewalt, die von dem Pokale ausging, so oft ich ihn hineinschauen ließ, sie verwandelte den heldenhaften Enkel des Herakles, den Uebermenschen, in die wimmernde Memme, in das zusammengesunkene, gebrochene Nichts, als das ich ihn wieder fand auf dem Verdecke. Du schweigst? Die schnelle Zunge findet kein Wort der Erwiderung. Wie solltest Du es auch vergessen haben, daß Du mir die Wette gewinnen halfst, die den Antonius verpflichtete, in den Becher zu schauen, bevor ich ihn für ihn füllte. Wie dankbar war ich dem Anubis, als er endlich nachgab und mir das Wunderwerk aus dem Tempelschatze anvertraute, als die erste Probe gelang und Antonius auf mein Geheiß den herrlichen Kranz, den er trug, dem alten, säuerlichen Aristoteliker Diomedes, der ihm in der Seele zuwider ist, auf die kahle Stirn setzte, vor kaum einem Jahre war es, und Du weißt, wie selten ich anfangs die Kraft des furchtbaren Gerätes benutzte. Der Geliebte folgte ja ohnehin dem Winke meiner Augen. Aber später ... Vor der Schlacht ... Es war eine gräßliche Zeit ... Ich fühlte, wie gern er mich, die alles verderben konnte, heimgesandt hätte. Dazu empfand ich, – ich sagte es ja schon – daß etwas zwischen uns stände. Aber so nahe er auch oft daran war, mich den drängenden Römern zu opfern – ich brauchte ihn nur in den Becher schauen zu lassen und ihm mein: ›Du schickst mich nicht fort. Wir gehören zusammen. Wohin eins von uns sich begibt, dahin folgt ihm das andere!‹ zuzurufen, und er bat mich, ihn nicht zu verlassen. Noch am Morgen vor der Schlacht reichte ich ihm den Pokal und legte ihm ans Herz, was auch komme, nie und nie von mir zu lassen. Und er gehorchte auch diesmal, obgleich diejenige, an die der Zauber ihn band, ein fliehendes Weib war. Das ist entsetzlich! Und doch? Hab' ich das Recht, der Zauberkraft des Bechers zu fluchen? Kaum! Denn ohne das blinkende Gerät des Magiers – tausendmal rief es in der schlaflosen Nacht eine innere Stimme mir zu – hätte er statt meiner eine andere mit auf das Schiff genommen. Und ich glaube diese andere zu kennen. Das Weib meine ich, dessen Gesang auch mir vor dem Ausbruche beim Adonisfeste das Herz bestrickte. Denn ich nahm schon damals den Blick wahr, mit dem er den ihren suchte. Jetzt weiß ich, daß mich nicht nur mein alter betrügerischer Feind, die Eifersucht, vor ihr warnte. Alexas, der Treueste seiner Getreuen, bestätigte außerdem, was ich nur immer befürchten mochte, o, und er ließ mich auch noch anderes erfahren, das die Sterne ihn lehrten! Dazu kennt er die Sirene; denn sie war das Weib seines leiblichen Bruders. Um die Ehre zu wahren, verstieß er die gefallsüchtige Circe.«

»Barine,« klang es fest und sicher von den Lippen der Iras.

»So weißt Du?« frug Kleopatra gespannt.

Da hob das Mädchen noch einmal die Hände bittend zu der Königin empor und rief:

»Nur zu viel ist mir von diesem Weibe bekannt, und wie empört es mir das Herz! O Herrin, Herrin, daß auch ich dazu beitragen soll, Dir diese Stunde zu trüben! Aber es muß ja gesagt sein. Daß Antonius die Sängerin besuchte und auch den Sohn zu ihr führte, einmal und zweimal, – die ganze Stadt ruft es sich zu. Aber das ist es nicht. Eine Barine im Wettkampf mit Dir! Es wäre zum Lachen. Aber welche Schranken gäbe es wohl für die Begehrlichkeit dieser Weiber? Kein Rang, kein Alter ist ihnen heilig. Es war still in Abwesenheit des Hofes und Heeres. An Männern, die ihr des Fanges wert erschienen wären, gebrach es. Da warf sie das Netz nach den Knaben aus, und der sich am festesten darin, verstrickte, ist der König Cäsarion.«

»Cäsarion!« rief Kleopatra und über die farblosen Wangen flog ihr ein rötlicher Schimmer. »Und sein Hofmeister Rhodon? Und mein strenger Befehl?«

»Antyllus führte ihn heimlich zu ihr,« unterbrach sie das Mädchen. »Doch ich hielt die Augen offen. Mit sinnloser Leidenschaft hatte sich der Knabe an die Sängerin gehängt. Es blieb nichts übrig, als sie aus der Stadt zu entfernen. Archibius half mir.«

»So bleibt es uns erspart, sie ins Weite zu senden.

»Es muß dennoch geschehen; denn bei der Fahrt auf das Land überfiel sie Cäsarion mit einigen Genossen.«

»Und diese Tollheit gelang?«

»Nein, Herrin; doch ich wollte, sie wäre geglückt. Ein verliebter Narr, der sich an sie gehängt, setzte sich zur Wehre. Er erhob die Hand gegen den Sohn des Cäsar und verwundete ihn. Beruhige Dich, Herrin, ich bitte, ich beschwöre Dich ... Die Verletzung ist leicht. Weit besorgter macht mich die rasende Leidenschaft des Knaben.«

Da schloß die Königin die roten, schwellenden Lippen so fest, daß der Mund die gewinnende Anmut verlor, die gerade ihm eigen, und sagte streng und entschieden: »Es ist an der Mutter, den Sohn vor der Verführerin zu beschützen! Alexas hat recht! Ihr Stern steht dem meinen im Wege. Ein Weib wie dies, das tiefe Schatten in die Bahn der Königin wirft! Man wird es ihm wehren! Sie ist es, die sich zwischen uns stellte, sie hat den Antonius ... Aber nein! Wozu sich verblenden? Die Zeit und was sie dem weiblichen Wesen an Reiz raubt, ist mächtiger als zwanzig solcher kleinen Verführerinnen. Und dazu die Umstände, die es verboten, die Schäden zu decken, die ein Auge wie das des Verwöhntesten unter den Verwöhnten verletzten. Das alles kam der Sängerin zu gute. Ich fühl' es! Ihr standen hier bei der Jagd auf Männer sämtliche Mittel zu Gebote, die uns Frauen unterstützen, das Unliebsame zu verdecken und hervorzuheben, was dem Liebenden teuer, – mir nicht, der Du fehltest, und die bewährte Kunst des Olympus. Das Götterbild, auf dem Schiffe, im Sturm hatte es sich dem Anbeter mehr als einmal unbekränzt, ohne Hauptschmuck und Weihrauch zu zeigen.«

»Aber, Herrin!« rief Iras. »Und wenn sie alle Künste der Aphrodite und Isis zusammen genommen benutzte, sie könnte sich nicht mit Dir, der Unvergleichlichen, messen. Wie wenig gehört dazu, einem halben Kinde den Sinn zu verwirren!«

»Armer Knabe!« seufzte die Königin und schüttelte leise das Haupt. »Wäre er nicht verwundet und thäte es nicht so weh, wo man liebt, zu entsagen, es könnte mich übrigens freuen, daß er auch zu wachen versteht und zu handeln. Vielleicht – o, wenn das wäre, Iras! – tritt, nun das Thor gesprengt ist, in diesem Ebenbilde des äußeren Cäsar auch der Geist und die Thatkraft des Großen noch einmal zu Tage. Wie die Aegypter den Horus den ›Rächer seines Vaters‹ nennen, erwächst er vielleicht zum Verteidiger und Rächer der Mutter. Dem Gleißner Octavian, dem Neffen, der ihm, dem leiblichen Sohne, das Erbe raubte, wird er es entwinden, wenn der Geist des Cäsar in ihm erwacht. Du schwörst, daß die Wunde nur leicht ist?«

»Die Aerzte haben es versichert.«

»Wohl denn, so wollen wir hoffen! In das Leben mag er treten. Wir geben ihm die Bahn frei, sich zu bewähren. Keine thörichte Leidenschaft soll den Genesenden hindern, dem Vater auswärts auf der Bahn des Ruhmes zu folgen. Das Weib aber, das ihn umgarnt, die Ueberkühne, deren Wünsche sich bis zu denen erheben, die mir die teuersten sind, laß sie kommen! Sehen wir zu, wie sie sich neben mir ausnimmt!«

»Die Zeit ist schwer,« klagte Iras, die überrascht die großen Augen der Königin siegesgewiß aufleuchten sah. »Gönne Deinem Fuße, was sein Recht ist. Laß ihn sie zertreten! Es drängen sich Dir Ungeheuer genug in den Weg, gegen die Du mit der Sohle nicht ankommst. Was in solchen Kampftagen sich schnell beseitigen läßt, fort damit in den Hades!«

»Mord?« frug Kleopatra, und die edle Stirn zog sich ihr zusammen.

»Wenn es sein muß, ja,« versetzte Iras scharf. »Geht es an, Verbannung auf eine Insel, auf die Oase. Thut es not, in die Bergwerke mit der Sirene!«

»Thut es not?« wiederholte die Königin. »Das soll, denk' ich, heißen: wenn sich herausstellt, daß sie die schwerste der Strafen verdiente.«

»Die lud sie schon durch jede Stunde auf sich, die sie meiner Königin trübte. In den Bergwerken vergeht die Lust, Gatten und Knaben Netze zu stellen.«

»Und man siecht dort unter gräßlichen Qualen dahin, bis der Tod den Jammer beendet,« fügte Kleopatra im Tone ernsten Vorwurfs hinzu. »Nein, Mädchen, dieser Sieg ist mir zu leicht. Bis dahin war jene im Vorteil, jetzt kommt die Reihe an mich. Aber auch den Feind schicke ich nicht in den Tod, ohne ihn zu hören, am wenigsten in dieser Zeit, die mich lehrt, was es heißt, das Urteil eines Mächtigeren erwarten. Dies Weib, das mich gleichsam selbst in den Kampf rief, – es soll ihm der Wille geschehen. Ich bin begierig, die Sängerin wieder zu sehen und die Mittel kennen zu lernen, womit es ihr glückte, so viele, vom Knaben auswärts bis zum anspruchsvollen Manne, an ihren Triumphwagen zu spannen.«

»Herrin,« rief Iras entsetzt, »Du wolltest?«

»Ich will,« fiel Kleopatra ihr gebieterisch ins Wort, »ich will die Tochter des Leonax, die Enkelin des Didymus, die mir beide wert waren, sprechen, bevor ich über ihr Schicksal entscheide. Ich will in das Herz und den Geist der Gegnerin schauen und wägen und richten, bevor ich verdamme. Aufnehmen will ich den Streit, zu dem sie das liebende Weib und die Mutter aufrief! Aber – und das ist mein Recht ... ich will sie zwingen, sich mir zu zeigen, wie Antonius mich in diesen letzten Wochen so oft sah, ungesteigert und unverfälscht durch die Kunst, über die wir beide gebieten.«

Dabei trat sie, ohne des Mädchens weiter zu achten, an das Fenster und fuhr nach einem raschen Blick an den Himmel gelassen fort: »Die erste Stunde nach Mitternacht geht zu Ende. Gleich soll die Beratung beginnen. Es handelt sich um einen Versuch, der viel zu retten vermöchte. Zwei Stunden dauert die Sitzung, vielleicht auch nur eine. Die Sängerin kann warten. Wo wohnt sie?«

»Im Hause ihres Vaters, des Malers Leonax, an den Gärten des Paneums,« erwiderte Iras mit heiserer Stimme. »Doch, Herrin, galt Dir meine Meinung je auch nur das Geringste ...«

»Ich wünsche jetzt nicht Rat zu halten, sondern fordere die Ausführung meiner Befehle!« rief die Königin bestimmt. »Sobald die Erwarteten da sind ...«

Hier wurde sie von einem Kämmerer unterbrochen, der das Erscheinen der Berufenen meldete, und Kleopatra ließ ihnen sagen, sie sei auf dem Wege, sich ihnen zu zeigen. Dann wandte sie sich wieder an Iras und gebot ihr in raschem Redeflusse, sich ungesäumt in Begleitung eines zuverlässigen Mannes von einem geschlossenen Wagen zu Barine führen zu lassen. Ohne den geringsten Aufenthalt – Iras werde sie verstehen – habe sie sie zu ihr zu führen, auch, wenn es nötig sei, sie aus dem Schlafe zu wecken. »Als habe sie der Sturm gezwungen, aufs Deck des Schiffes zu treten,« schloß sie, »will ich sie sehen!«

Dann griff sie nach einem Täfelchen auf dem Putztische und ritzte mit fliegender Hand in das Wachs: »Kleopatra, die Königin, wünscht Barine, die Tochter des Leonax, ungesäumt zu sprechen. Es ist ihr kein Augenblick des Aufenthalts gestattet. Jeder Anordnung der Iras, der Abgesandten Kleopatras, und ihres Begleiters, hat sie Gehorsam zu leisten.«

Damit schloß sie das Diptychon, reichte es dem Mädchen und frug:

»Wen nimmst Du mit Dir?«

Sie aber antwortete, ohne sich zu besinnen:

»Alexas.«

»Gut.« entgegnete Kleopatra. »Gönnt ihr keinen Augenblick zu Vorbereitungen, wie sie auch heißen. Vergeßt aber nicht, – ich befehl' es – daß sie ein Weib ist.«

Damit wandte sie sich dem Kämmerer zu, um ihm zu folgen; doch Iras eilte ihr nach, um dem Diadem auf ihrem Haupte die rechte Stellung zu geben und einige Falten ihres Gewandes neu zu ordnen.

Kleopatra ließ es geschehen und sagte dabei gütig:

»Es liegt Dir noch etwas auf dem Herzen, ich seh' es.«

»O, Herrin!« rief das Mädchen. »Nach diesen Erschütterungen der Seele, diesen aufreibenden Monden machst Du die Nacht zum Tage und nimmst neue Anstrengungen und Erregungen auf Dich. Wenn der Arzt, wenn Olympus ...«

»Es muß sein,« fiel Kleopatra ihr gütig ins Wort. »Die letzten beiden Wochen waren eine einzige, lange, finstere Nacht. Nur auf Stunden verließ ich das Lager. Wem es obliegt, sein Liebstes aus dem Strome zu ziehen, der fragt nicht, wie das kalte Bad ihm bekommt. Wenn wir untergehen, ist es gleich, ob gesund oder krank; wenn es dagegen gelingt, eine neue Streitmacht zu sammeln und Aegypten zu retten, darf es Gesundheit kosten und Leben. Die Minuten, die ich dem Weibe zu gönnen gedenke, sie gehen mit in den Kauf. Was auch kommt, es findet mich bereit, ihm zu begegnen. Vor einen großen Wendepunkt des Lebens wurde ich gestellt. In solcher Zeit räumt man mit den Verpflichtungen und Forderungen auf, die man noch hat, den großen und kleinen.«

Wenige Minuten später bestieg Kleopatra den Thronsessel und begrüßte die Männer, die ihr Ruf aus der Nachtruhe gestört hatte, um ihnen einen hochfliegend kühnen Gedanken zur Prüfung vorzulegen, auf den das Verlangen nach neuem Widerstande gegen den siegreichen Feind ihren kräftigen und rastlosen Geist mitten im tiefsten Unglück geführt.

Als sie vor vielen Jahren der Knabe, mit dem sie nach dem väterlichen Willen den Thron teilte, und sein Vormund Pothinus gezwungen hatten, aus Alexandria zu entfliehen, war sie an der Ostgrenze des Delta, auf der Landenge, die Aegypten mit Asien verbindet, den Resten des Kanals begegnet, den thatkräftige Pharaonen in alter Zeit hergestellt hatten, um das mittelländische mit dem roten Meere zu verbinden.

Schon damals war ihr dies verfallene Werk wert der Berücksichtigung erschienen. Wißbegierig hatte sie die Aeaniten, die dort wohnten, nach den Resten dieser Wasserstraße ausgefragt und einige auch in der müßigen Zeit des Wartens selbst ausgesucht.

Darnach war es möglich erschienen, beim Aufgebot großer Kräfte den Kanal von neuem fahrbar zu machen, dessen sich die Pharaonen bedient hatten, um in den gleichen Schiffen in beide Meere zu gelangen und der von dem ersten Darius, dem Organisator des persischen Weltreichs, vor noch keinem halben Jahrtausend seiner Flotte zur Verfügung gestellt worden war.

Ueber das alles hatte sie sich mit dem ihr eigenen, nimmer müden Verlangen nach Belehrung Aufschluß verschafft und sich in ruhigen Tagen mehr als einmal mit dem Plane beschäftigt, das griechische mit dem arabischen Meere neu zu verbinden.

Klar, anschaulich, gründlich, in vielen Stücken besser unterrichtet als selbst die Wasserbaumeister, legte sie den um sie versammelten Fachmännern dar, was sie beabsichtigte. Erwies es sich als ausführbar, sollten die geretteten Schiffe der Flotte, nebst anderen, die auf der Rhede von Alexandria lagen, über die Landenge fort in das rote Meer geschafft und so für Aegypten gerettet und dem Feinde entzogen werden. Auf diese Streitmacht gestützt, ließ sich mancherlei unternehmen, war es möglich, den Widerstand beträchtlich zu verlängern und die Zeit zu benützen, um neue Hilfsmittel und Bundesgenossen zu sammeln.

Ging es wieder an, zum Angriff zu schreiten, so stand ihr eine gewaltige Flotte zur Verfügung, für die zu Klysma nun auch kleinere Schiffe auf Grund der Erfahrungen erbaut werden sollten, die man bei Actium gemacht.

Staunend hörten die um die Ruhe der Nacht betrogenen Männer dem wohllautenden Flusse der Rede dieser Frau zu, die im tiefsten Mißgeschick einen Rettungsplan von so abenteuerlicher Größe ersonnen hatte und ihn besser zu begründen verstand, als es einem von ihnen gelungen wäre. Scharf gespannt folgten sie ihr von Satz zu Satz. – Ihre Rede aber erhob sich zu immer höherem Schwunge und gewann an Kraft und Tiefe, je deutlicher sie die unverfälscht enthusiastische Bewunderung wahrnahm, die ihr die Zuhörer zollten.

Völlig unmöglich und unausführbar erschien auch nicht dem ältesten und besonnensten der überraschende Vorschlag. Einige, und unter ihnen Gorgias, der dem Vater bei der Wiederherstellung des Serapeums an der Ostgrenze des Delta geholfen und dabei die Gegend von Heroonpolis kennen gelernt hatte, fürchteten die Schwierigkeiten, die eine Erderhebung in der Mitte der Landenge dem Unternehmen in den Weg stellen würde. Doch was zur Zeit des Sesostris gelungen war, warum sollte es jetzt unausführbar erscheinen?

Noch größere Besorgnis erregte die Kürze der Zeit, die zur Verfügung stand, und die Nachricht, daß bei der Herstellung des Kanals, den der Pharao Necho schon .beinahe vollendet hatte, 120,000 Arbeiter zu Grunde gegangen seien. Die Wasserstraße war damals nicht fertig gestellt worden, weil ein Orakel behauptet hatte, sie werde nur den Fremden, den Phöniziern, zu gute kommen.

Das alles wurde erwogen, konnte indes die Meinung nicht erschüttern, daß der Plan der Königin unter besonders günstigen Umständen ausführbar sei, wenn es auch, um ihn zu verwirklichen, berghohe Schwierigkeiten zu überwältigen galt. Was auf den Aeckern sonst die Hände regte und nicht für das Heer herangezogen werden mußte; sollte zur Arbeit aufgeboten werden.

Keine Stunde des Aufschubs war gestattet. Wo es kein Wasser gab, um die Schiffe zu tragen; mußte der Versuch gemacht werden, sie zu Land fortzuziehen. An Hilfsmitteln fehlte es nicht. Die Mechaniker, die Obelisken und Kolosse vom Katarakt nach Alexandria zu befördern verstanden, konnten hier wieder den Geist und das alte Können bewähren.

Lebhaftere, ja leidenschaftlichere Teilnahme hatte der zündende Geist der Kleopatra noch nie in einer um sie vereinigten Ratsversammlung erweckt als bei dieser nächtlichen Sitzung, und als sie endlich geschlossen wurde, umbrauste Kleopatra der laute Zuruf begeisterter Männer.

Die Heimkehr der Königin und was man den Räten von der verlorenen Schlacht mitgeteilt hatte, sollten sie als Geheimnis bewahren.

Zu den Leitern des Unternehmens war auch Gorgias gesellt worden, und der Geist, die Stimme, die herzgewinnende Anmut Kleopatras hatten ihn in solches Entzücken versetzt, daß er schon wahrzunehmen glaubte, neue Liebe beginne seiner Neigung für Helena verhängnisvoll zu werden.

Es war ja thöricht, seine Wünsche so hoch zu erheben; er sagte sich aber dennoch, einem begehrenswerteren Weibe als der Kleopatra nie begegnet zu sein. Der Enkelin des Philosophen gedachte er trotzdem mit aller Wärme und es that ihm leid, daß er kaum Zeit finden würde, um Abschied von ihr zu nehmen.

Der Siegelbewahrer Zeno, der Oheim des Dion, hatte ihn beim Eintritt in den Sitzungssaal in sonderbar geheimnisvoller Weise nach dem Neffen befragt, und die Antwort erhalten, die Wunde, die Cäsarion ihm mit einem kurzen römischen Schwerte in die Schulter beigebracht hatte, sei zwar nicht leicht, doch, wie die Aerzte versicherten, heilbar.

Das schien dem Oheim zu genügen, und bevor der Baumeister ihm noch recht ans Herz legen konnte, die schützende Hand über den Neffen zu breiten, entschuldigte er sich und wandte ihm mit einem Gruße an den Verwundeten den Rücken.

Der Hofmann hatte sich noch nicht überzeugt, wie die Majestät diese peinliche Angelegenheit aufnähme, und er war dazu in der That mit Geschäften überhäuft. Das neue Unternehmen erheischte die Ausstellung einer großen Zahl von Vollmachten, die sämtlich durch seine Hand gingen.

Jedem der Fachmänner, die mit der Ausführung ihres Planes betraut worden waren, gab die Königin ein gütiges, ermunterndes Wort mit auf den Weg. Auch dem Gorgias gestattete sie, ihr das Gewand zu küssen, dabei geriet ihm das bewegliche Herzblut in neue Wallung. Am liebsten hätte er sich diesem wunderbaren Weibe zu Füßen geworfen und ihm mit seinen Diensten auch das Leben zur Verfügung gestellt. Und Kleopatra bemerkte die schwärmerische Glut seines Blickes.

Unter den Verehrern der Barine war auch er ihr genannt worden. Es mußte doch etwas Besonderes um diese Frau sein! Aber ob es ihr gelungen wäre, eine Schar von ernsten Männern für eine große, halb unmögliche That so zu entflammen, sie zu so begeisterter Bewunderung fortzureißen, wie es ihr, der Besiegten, Bedrohten, eben geglückt war? Gewiß nicht!

Sie fühlte sich in der Stimmung, der Barine als Richterin und überlegene Rivalin entgegenzutreten.

Mitten im tiefsten Elend verlebte sie eine glückselige Stunde. Mit frohem Stolz hatte sie wieder empfunden, daß ihr Geist, frisch und ungebeugt, im stande sei, die Besten zu überflügeln, und wahrlich! noch bedurfte sie keines Zauberbechers, um Herzen zu gewinnen.

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