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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Zehntes Kapitel

Von Norden her heulte der Sturm über die Insel Pharus und die Untiefen der Diabathra in den großen Hafen von Alexandria herein.

Das sonst so stille Wasser schlug Wellen, und das Fanal auf dem Leuchtturme des Sostratus sandte die zerrissene Fülle seiner Flammen mit feindlichem Ungestüm auf die Stadt zu. Die Feuer in den Pechpfannen und die Fackellichter am Ufer schienen bald erlöschen zu wollen, bald durchbrachen sie mit doppelt hellem Aufflammen den sie umhüllenden Qualm.

Der königliche Hafen, ein stattliches Becken, das der südlichere Teil der Lochias und ein Stück des nördlichen Gestades des Bruchium als Halbkreis umgaben, war in jeder Nacht hell beleuchtet, heute aber schien in die Lichter an seinem westlichen Teile, wo die geheimen Ankerplätze der königlichen Flotte lagen, ein seltsames Leben gekommen.

War es der Sturm, der sie bewegte?

Aber nein! Wie hätte er die eine Fackel an die Stelle der andern setzen und Lichter oder Laternen der Richtung seines ungestümen Wehens entgegen in Bewegung setzen können? Doch nur wenige nahmen dies wahr; denn wie viele auch frohe Erwartung oder bange Sorge dazu antrieb, wer mochte sich in solcher Sturmnacht hinaus und an den Quai wagen? In den königlichen Hafen hätte ohnehin niemand Einlaß gefunden; denn er war von allen Seiten verschlossen. Auch die Mole, die dem Landbogen, der ihn umgab, gen Westen zur Sehne diente, besaß nur eine einzige Oeffnung, und sie war – das wußte jedermann – mit einer Kette in ähnlicher Weise verschlossen wie der große Hafeneingang zwischen dem Pharus und Alveus Steganus.

Zwei Stunden vor Mitternacht gelangten trotz des wilderen Brausens des Sturmes die sonderbar bewegten Lichter zu größerer Ruhe. Aber denjenigen, für die sie brannten, hatte das Herz wohl selten so unruhig geschlagen. Es waren die der Königin am nächsten stehenden Würdenträger und Hofbeamten: einige zwanzig Männer, und unter ihnen Iras als einzige Frau. Der Regent Mardion und sie hatten sie hieher berufen, weil der Brief der Kleopatra die mit Vollmachten Betrauten zu ihrem stillen Empfange zuließ. Nach einer eingehenden Beratung hatten sie die Befehlshaber der kleinen zurückgebliebenen römischen Besatzung nicht mitgeladen. Es war ja fraglich, ob die Erwarteten schon in dieser Nacht heimkehrten, und die römischen Krieger, die dem Marcus Antonius etwas galten, waren mit ihm im Kriege.

Die Halle in der Mitte der geheimen Rhede des königlichen Hafens, in der sie sich versammelten, war mit fürstlicher Pracht ausgestattet; denn sie wurde von der Königin gern benützt. Es fehlte in dem weiten Raume an keiner Bequemlichkeit, und die meisten Wartenden bedienten sich der wohlgepolsterten Ruhesitze, während andere, von innerer Unruhe getrieben, auf und nieder schritten.

Da dieser Raum monatelang unbenutzt geblieben war, hatten sich Fledermäuse in ihm eingenistet, und nun er beleuchtet wurde, flatterten sie, von dem Glanze der Lampen und Kerzen geblendet, über den Häuptern der Versammelten dahin. Iras hatte den Befehlshaber der Mellakes oder Jünglinge, eines Leibwachencorps, das sich aus den Söhnen vornehmer makedonischer Familien zusammensetzte, gebeten, die lästigen Tiere zu vertreiben, und es zog nun den der Königin treu ergebenen Krieger von den eigenen Sorgen ab, mit dem Schwerte nach ihnen zu schlagen.

Andere sahen diesem nichtigen Kampfe lieber zu, als daß sie sich der Bangigkeit hingegeben hätten, die sie erfüllte. Der Regent schaute stumm zu Boden, Iras hörte bleich und zerstreut den Darlegungen des Siegelbewahrers Zeno zu, und Archibius war ins Freie getreten und schaute, des Sturmes nicht achtend, über das hochbewegte Hafenwasser nach den erwarteten Schiffen aus.

In einem hölzernen Schuppen, dessen Decke von buntbemalten Säulen getragen wurde, durch die der Wind pfiff, war die Dienerschaft, von den Fourieren an bis zu den Sänftenträgern, gruppenweise beim Scheine von Laternen, in denen das Licht hin und her flackerte, versammelt. Die Griechen hatten sich auf Holzsesseln, die Aegypter auf den Matten am Boden niedergelassen. Den weitesten Kreis bildeten die Fouriere, die für das Gepäck der Königin zu sorgen hatten, mit den höher gestellten Sklaven vom Hofstaate, zu denen auch mehrere Zofen gehörten.

Es war ihnen gesagt worden, man erwarte die Königin schon in dieser Nacht, weil es möglich sei, daß der starke Nordwind ihr Schiff unerwartet schnell aus der gewonnenen Schlacht heimführe. Aber sie waren besser unterrichtet; denn es gibt Thürspalten und Vorhänge in den Palästen, und es wohnt dort ein Echo von eigener Art, das innerhalb ihrer Mauern selbst das Geflüster vernehmlich von Ohr zu Ohr trägt.

Der freigelassene Leibsklave des Feldhauptmanns Seleukus führte das große Wort. Sein Gebieter war von der Grenzfestung Pelusium aus, die er befehligte, vor wenigen Stunden in Alexandria eingetroffen. Ein geheimnisvoller Befehl des Lucilius, des treuesten Freundes des Antonius, der ihm durch einen Schnellsegler von Taenarum aus überbracht worden war, hatte ihn hieher berufen.

Der Freigelassene Beryllus, ein mundfertiger Sicilier, der als Schauspieler bessere Tage gesehen hatte, bevor er durch Seeräuber der Freiheit beraubt worden war, hatte manche Neuigkeit erlauscht und man lieh ihm gern das Ohr; denn zu Pelusium waren von Norden her kommende Schiffe gelandet, die die üblen Nachrichten, die in das Sebasteum gedrungen waren, bestätigten und ergänzten.

Hätte man ihm glauben wollen, wäre er so gut unterrichtet gewesen, als hätte er der Seeschlacht selbst beigewohnt; denn er wollte dem Gespräch seines Herrn mit vielen Schiffsführern und Boten aus Griechenland beigewohnt haben. Auch gab er sich das Ansehen des treuen, streng verschwiegenen Dieners, der nur bestätigen und zurückweisen dürfe, was die Alexandriner schon in Erfahrung gebracht. Indes bestand sein Wissen nur aus einem krausen Gewirr von falschen und richtigen Thatsachen. Während die ägyptische Flotte bei Actium geschlagen worden war und Antonius sich mit der Kleopatra auf der Flucht zuerst nach Taenarum an der Spitze des Peloponnes begeben hatte, wollte er wissen, Landheer und Flotte wären an der peloponnesischen Küste zusammengestoßen und Octavian verfolge den Antonius, der sich nach Athen gewandt habe, indes Kleopatra sich auf dem Wege nach Alexandria befinde.

Diese »sicheren Nachrichten« hatte er aus einzelnen Worten zusammengeflochten, die er bei Tisch und während der Feldhauptmann Boten empfing und abfertigte, ihm von den Lippen gefangen. Anderem gegenüber war es besser mit seiner Zuverlässigkeit bestellt.

Während der Hafen von Alexandria schon seit mehreren Tagen gesperrt worden war, hatte in den von Pelusium einlaufen dürfen, was wollte, und alle Führer der neu angekommenen Schiffe und Karawanen waren verpflichtet gewesen, sich bei dem Herrn des Beryll, dem Kommandanten der wichtigen Grenzfestung, zu melden.

Erst gestern nacht war er von Pelusium aufgebrochen. Der scharfe Wind hatte die Triere vor sich her gejagt. – den Möwen sei es schwer geworden, ihr zu folgen. Und es wurde den Zuhörern leicht, dies zu glauben; denn der Sturm heulte draußen lauter und lauter und pfiff durch den offenen Raum, in dem die Dienerschaft weilte. Die meisten Lampen und Fackeln verlöschte er, den Pechpfannen entströmte nur noch schwarzer, mit gelb und roten Flammen durchschossener Qualm, und bloß die fest verschlossenen Laternen fuhren fort, flackernde Helligkeit zu verbreiten. So herrschte nur ein trübes, immerfort wechselndes Licht in dem weiten mit Rauch erfüllten Raume.

Einer der Fouriere hatte für Wein gesorgt, um das Warten zu verkürzen; doch er durfte nur heimlich getrunken werden, und es gab darum auch keinen Becher. Die Krüge wanderten deshalb von Mund zu Mund, und jeder Schluck war willkommen; denn der Sturm blies scharf herein, und dazu reizte der Rauch die Kehlen.

Der Freigelassene Beryllus wurde auch oft von dem Husten, besonders der Frauen, unterbrochen, als er von den grauenvollen Vorzeichen erzählte, die man in Pelusium seinem Herrn hinterbracht. Jedes sei wohlverbürgt und übertreffe das andere an voraussagender Bedeutung.

Da unterbrach ihn eine Zofe der Iras, um von den Schwalben an der »Antonias«, dem Admiralschiffe der Kleopatra, zu erzählen. Von einem schlimmeren Omen werde er auch aus Pelusium nicht zu berichten wissen.

Aber Beryll schaute sie mit einem mitleidigen Lächeln an, das die Erwartung der anderen so hoch spannte, daß der oberste Fourier den Sänften- und Lastträgern, in deren Kreise es laut zu werden begann, ein barsches! »Still geschwiegen!« zurief.

Darauf ließ sich denn auch bald in dem offenen Saale nichts mehr hören als das langgezogene Pfeifen des Windes, dann und wann ein Kommandoruf, der den Wachen vor dem königlichen Hafen galt, und die Stimme des Freigelassenen. Er dämpfte sie, um den Reiz des Geheimnisvollen, das er mitteilen wollte, zu steigern.

Mit einer schwülstigen Lobpreisung der Kleopatra und des Marc Anton begann er und forderte die Anwesenden aus, sich zu erinnern, daß der Imperator ein Nachkomme des Herakles sei. Den Alexandrinern werde außerdem besonders wohl bekannt sein, daß ihre Königin »die neue Isis« und Antonius »der neue Dionysus« zu sein und zu heißen beanspruchten. Uebrigens müsse auch jeder, der ihm begegnet sei, bekennen, daß er an Gestalt und Antlitz weit eher einem Gotte gleiche als einem Menschen.

Als Dionysus habe der Imperator sich besonders auch den Athenern vorgestellt. Dort sei am Proscenium des Theaters ein großes Reliefbild der Gigantenschlacht zu sehen, das berühmte Werk eines alten Bildhauers – er kenne es gut – und aus diesem an Figuren reichen Relief habe der Sturm nur eine Gestalt gerissen, und welche sei es gewesen? Die des Dionysus, des Gottes, als dessen sterbliches Abbild Antonius einmal vor den Athenern in einer Weinlaube gezecht. Der Sturm von heute sei höchstens wie der Atem eines Kindes im Vergleich mit dem Orkane, dem es glücken konnte, die Dionysusgestalt von dem harten Marmor, mit dem sie verbunden gewesen war, zu reißen. Aber die Natur nehme eben die ganze Kraft zusammen, wenn es gelte, welterschütternde Ereignisse den kurzsichtigen Menschen voraus zu verkünden.

Die letzten Worte spreche er seinem Herrn nach, der in Athen studirt habe. Sie wären ihm aus der erschütterten Seele gedrungen, als er von dem andern Vorzeichen hörte, wovon ein Schiff aus Ostia die Kunde gebracht. Die blühende Stadt Pisaura ...

Hier aber ward er unterbrochen; denn mehrere hatten schon vor Wochen gehört, daß dieser Ort im Meere versunken sei, doch dabei nur die unglücklichen Bewohner bedauert.

Beryll gestattete ihnen gelassen, sich von dem Verdachte zu reinigen, man sei in Alexandria später von solchem merkwürdigen Ereignis unterrichtet gewesen als zu Pelusium, und nahm ihre Frage, was es mit dem Kriege zu thun habe, anfänglich nur mit stummem Achselzucken entgegen; als aber auch der Oberste der Fouriere dies zu wissen begehrte, fuhr er fort: »Dies Vorzeichen griff uns besonders tief in die Seele; denn wir wußten, was Pisaura ist oder besser, wie es entstand. Die unglückliche Stadt, die der finstere Hades verschlang, sie gehörte recht eigentlich dem Antonius; denn in den Tagen des Glückes hatte er sie gegründet.«

Mit einem herausfordernden Blicke maß er die anderen, und es fehlte in ihrem Kreise auch nicht an Zeichen des Entsetzens, ja eine der Zofen kreischte laut auf; denn der Sturm hatte eben eine Fackel auf dem eisernen Ringe an der Wand gerissen und sie hart neben die Lauschenden zu Boden geschleudert.

Die Spannung schien den Gipfel erreicht zu haben, und doch sah man dem Beryllus an, daß er den letzten Pfeil noch nicht dem Köcher entnommen.

Die Zofe, durch deren Aufschrei auch die anderen erschreckt worden waren, hatte sich wieder erholt. Sie schien es am lebhaftesten nach etwas Neuem, Schrecklichem zu verlangen, und mit einem dringlich bittenden Blicke forderte sie den Freigelassenen auf, nicht zurück zu halten, was er noch wisse.

Da wies er ihr auf die trotz des sausenden Zugwindes perlende Stirn und sagte: »Brauche nur das Tuch! Dir feuchtet das bloße Zuhören die Haut. Die Bildsäulen von Stein sind von härterem Stoff, aber auch ihnen wohnt eine Seele inne. Härteren oder weicheren Gemüts können sie sein, sie bringen Uebles über uns oder heilen schwere Leiden, je nachdem sie uns gesinnt sind. Jeder erfährt es, der die Hände bittend zu ihnen erhebt. Auch zu Alba steht eine solche Statue. Sie stellt den Marc Anton dar, dem zu Ehren die Stadt sie errichtete. Und sie, sie sah voraus, was demjenigen bevorstand, dessen steinerner Doppelgänger sie ist. Ja, öffnet nur die Ohren! Vier Tage mag es her sein, da wurde ein Schiffsführer bei dem Herrn gemeldet, und in meinem Beisein berichtete der Mann, – erdfahl wurde er euch bei der Erzählung – was er selbst mit angesehen hatte. Der Statue des Antonius in jenem Alba war heller Schweiß vom Antlitz geflossen. Da hatte die Bürgerschaft großes Entsetzen ergriffen; Mann und Weib kam und kam, um der Bildsäule Stirn und Wangen abzuwischen, aber sie hatte nicht aufhören wollen, von hellem Schweiß zu triefen, und so war es mehrere Tage und Nächte gegangen. Das steinerne Abbild hatte eben voraus gefühlt, was dem lebenden Marc Anton bevorstand. Entsetzlich sei es anzusehen gewesen, sagte der Mann.«

Hier stockte der Erzähler, und mit ihm fuhr der Kreis der Zuhörer zusammen; denn von draußen her durchschrillte der Klang einer geschlagenen Erzscheibe die Luft, und im nächsten Augenblick stand alles auf den Füßen und eilte auf seinen Posten.

Auch in der prunkenden Halle hatten die Wartenden sich erhoben. Hier war nur leise geflüstert oder geschwiegen worden. Hatte es schon vorher bange und ernste Gesichter gegeben, so war jetzt die Farbe von den meisten gewichen. Der scheue Blick des einen wich dem des andern aus.

Archibius hatte den roten Schimmer am Feuer des Pharus zuerst gewahrt, der das Nahen des königlichen Schiffes den Harrenden meldete. So früh hatte man es nicht erwartet. Aber da fuhr es schon an dem Pharus vorüber in den großen Hafen ein. Es war wohl das Admiralschiff Antonias, dasselbe, an dem die alten Schwalben die jungen zu Tode gebissen hatten.

So hoch die Wogen in dem geschützten Hafen auch gingen, brachten sie doch seinen gewaltigen Körper nur leise ins Schwanken. Ein erfahrener Pilot mußte es an den Untiefen und Klippen im östlichen Teile der Rhede vorbeisteuern; denn statt wie sonst die Insel Antirrhodus zu umfahren, hielt es sich zwischen diesem Eiland und der Lochias und näherte sich in gerader Richtung dem Eingang in den kleinen königlichen Hafen. Zu seinen beiden Seiten hatte man die Pechpfannen mit neuem Harz und Werg gespeist, um ihm den Weg zu erleuchten. Die am Ufer versammelten Wartenden konnten jetzt seine Umrisse deutlich erkennen.

Es war die Antonias und war es doch nicht.

Der Siegelbewahrer Zeno, der neben Iras stand, die den Mantel fester um die fröstelnden Glieder schlang, wies daraus hin und raunte ihr zu: »Wie ein Weib, das in reichem Brautschmuck das Elternhaus verließ und als verarmte Witwe dahin zurückkehrt.«

Da richtete sich Iras höher auf und versetzte mit abweisender Herbheit: »Wie die Sonne, die Nebel verschleiern, die aber binnen kurzem wieder heller strahlen wird denn je.«

»Mir aus der Seele gesprochen,« versicherte der alte Hofmann eifrig, »was die Königin angeht. Natürlich meinte ich nicht die Majestät, sondern das Schiff. Du warst ja krank, wie es in reichem Blumenschmucke mit purpurnen Segeln ausfuhr. Und jetzt! Selbst das flackernde Streiflicht zeigt die Schäden und Fetzen. Daß unsere Kleopatra-Sonne die alte Leuchtkraft bald wieder gewinnt, brauchst Du mir wohl am letzten zusagen; augenblicklich ist es aber hier am Wasser und in der Sturmluft dennoch recht frostig und kalt, und wenn ich an das erste Wiedersehen denke ...«

»Wär' es vorüber!« murmelte Iras und wickelte sich fester in den Mantel. Dabei schauderte sie zusammen; denn das Rasseln der schweren Kette, die man von der Hafenöffnung zog, durchklirrte unheimlich die nächtige Stille. Den Wartenden legte es sich wie ein Alp auf die Brust; denn das hölzerne Ungetüm, das jetzt in den kleinen Hafen einzog, bewegte sich langsam und lautlos wie ein Gespensterschiff vorwärts. Es war, als sei das Leben aus dem riesigen, von Menschen wimmelnden Fahrzeuge erstorben, als gehe ein Schiff vor Anker, dessen Bemannung einer Seuche zum Opfer fiel. Nur einzelne Kommandorufe und die Signalpfiffe der Ruderflötisten ließen sich hie und da vom Bord her vernehmen. Wenige Laternen brannten mit unruhigem Licht auf dem unabsehbar langen Decke. Die glänzende Beleuchtung, in der es sonst bei Nacht strahlte, hätte die Blicke der Alexandriner auf sich gezogen.

Jetzt war es der Landungsbrücke ganz nahe. Die Wartenden folgten jedem Zoll seiner majestätischen Fortbewegung mit atemloser Spannung; als aber schon das erste Tau den Sklaven am Ufer zugeworfen worden war, drängten sich einige Männer in griechischem Gewande hastig unter die Wartenden.

Sie kamen mit einer unaufschiebbar wichtigen Botschaft zu dem Regenten Mardion, der vor dem Siegelbewahrer und Iras stand und mit gefurchter Stirn düster zu Boden schaute. Er hatte die Worte zu überdenken, mit denen er die Königin anreden wollte, und in wenigen Augenblicken konnte das Schiff die Landung vollendet haben und Kleopatra die Brücke betreten. Gerade jetzt ihn zu stören, war ein Unterfangen, das niemand leicht wagen mochte, der den empfindlichen und in seinen Launen unberechenbaren Eunuchen kannte. Aber der hochgewachsene Makedonier, der kurze Zeit die Blicke der meisten von dem Schiffe abzog, wagte es dennoch. Es war der Nachtstrateg, das vornehme Haupt des Sicherheitswesens der Stadt.

»Nur auf ein Wort, Herr,« raunte er dem Regenten zu, »so ungelegen die Zeit auch sein mag.«

»Sie ist es im höchsten Grade,« entgegnete der Eunuch mit abweisender Strenge.

»Sagen wir so ungelegen, wie es Deiner Entscheidung in aller Eile bedarf. Der König Cäsarion und Antyllus überfielen eine Frau mit etlichen Genossen. Geschwärzte Gesichter! Kampf! Cäsarion und der Begleiter der Frau – vornehm, vom Rat – leicht verwundet. Vietoren schreiten zu rechter Zeit ein. Die jungen Herren werden festgenommen. Erst weigern sie sich, den Namen zu nennen ...«

»Cäsarion leicht, wirklich ungefährlich verwundet?« frug der Eunuch mit dringlicher Eile.

»Sicher und gewiß. Olympus wurde sogleich zu ihm gerufen. Ein Loch im Kopfe. Der Ueberfallene stieß ihn beim Kampf auf das Pflaster.«

»Dion, der Sohn des Eumenes, der Mann,« unterbrach ihn Iras, deren seines Ohr der Mitteilung des Nachtstrategen gefolgt war. »Das Weib: Barine, die Tochter des Malers Leonax.«

»So seid ihr schon unterrichtet?« frug der Nachtstrateg überrascht.

»Es scheint so,« entgegnete der Eunuch und schaute dabei dem Mädchen mit einem vielsagenden Blicke ins Antlitz. Dann fuhr er, indem er sich mehr an sie als an den Makedonier wandte, fort: »Wir lassen, denk' ich, die jungen Uebelthäter frei und möglichst heimlich auf die Lochias bringen.«

»In den Palast?« frug der Beamte.

»Natürlich,« erwiderte Iras bestimmt. »Jeden in seine Gemächer. Da sollen sie bis auf weiteres bleiben.«

»Alles andere nach dem Empfange,« fügte der Eunuch hinzu, und der Nachtstrateg entfernte sich mit einer selbstbewußten, kurzen Verbeugung.

»Ein neues Unglück,« seufzte der Eunuch.

»Knabenstreiche,« entgegnete sie schnell. »Aber auch noch schwereres Mißgeschick, ließe sich das denken, ist weniger als nichts, so lange es uns nicht in die Vorstellung tritt. Dies unangenehme Ereignis muß darum der Königin einstweilen verschwiegen bleiben. Bis jetzt ist es eine Widerwärtigkeit und nichts weiter; – dabei kann und soll es auch bleiben; denn es liegt in unserer Hand, den Giftbaum, von dem es ausgeht, an der Wurzel zu treffen.«

»Du siehst aus, als könnte das niemand besser als Du besorgen,« unterbrach sie der Regent mit einem Seitenblick auf das Schiff, »und so sei Dir hiemit dieser Auftrag gegeben. Der letzte, den ich in Abwesenheit der Königin in ihrem Namen erteile.«

»An mir soll es nicht fehlen,« entgegnete sie fest.

Als sie dann nach der Landungsstelle hinschaute, gewahrte sie den Archibius, der allein und in sich versunken zu Boden schaute. Es drängte sie, den Oheim von dem Geschehenen zu unterrichten; doch schon nach dem ersten Schritt hemmte sie den Fuß, und von den schmalen Lippen klang ihr ein festes »Nein«.

Der Freund war ihr zum Stein im Wege geworden. Mußte es sein, würde sie Mittel finden, auch ihn beiseite zu stoßen, trotz seiner Schwester Charmion und der alten Bande, die ihn mit Kleopatra verknüpften. Er war schwach geworden, Charmion es immer gewesen.

Es wäre ihr Zeit genug geblieben, schon jetzt zu erwägen, was sie zunächst ins Werk zu setzen habe, hätte ihr das Herz nicht so weh gethan.

Als das große Admiralschiff schon fest lag, vergingen noch lange Minuten, bevor erst zwei Pastophoren der Isis, die den dem Tempelschatze der Göttin entnommenen Becher des Nektanebus hüteten und in einer bemalten Lade trugen, und nach ihnen der erste Kämmerer der Kleopatra die Landungsbrücke betraten. Er meldete mit gedämpfter Stimme das Nahen der Königin und befahl den Wartenden, zur Seite zu treten. Von der Landungsstelle aus bis an das in das Bruchium führende Thor und an das andere nördliche, das sich den Palästen auf der Lochias entgegen öffnete, war je eine doppelte Reihe von Fackelträgern aufgestellt worden; denn man wußte nicht, wo Kleopatra abzusteigen wünsche. Der Kämmerer erklärte indes, sie werde auf der Lochias, wo die Kinder wohnten, die Nacht verbringen, und befahl, die flackernden und qualmenden Fackeln bis auf wenige zu verlöschen.

Mardion, der Siegelbewahrer, Archibius und Iras standen den anderen Wartenden voran an der Brücke, als es auf dem Schiffe lauter wurde und hinter einigen Laternenträgern die Königin erschien, der eine lange Schar von Hofbeamten, Pagen, Zofen und Sklavinnen folgte.

Sie schritt, mit der kleinen Hand auf dem Arm der Charmion, hoch erhobenen Hauptes dem Lande entgegen. Ein dichter Schleier verhüllte ihr Haupt und Antlitz, ein dunkler, faltiger Ueberwurf die zarte, mittelgroße Gestalt. Wie elastisch ihr Schritt noch immer war, wie stolz und doch anmutsvoll ihre Haltung, als sie dem Mardion und Zeno zuwinkte!

Der Iras, die vor ihr niedergesunken war, reichte sie zum Zeichen, sich zu erheben, die Hand, und während sie ihr die Stirn küßte, flüsterte sie ihr die Frage zu: »Die Kinder?«

»Alles gut,« lautete die leise Antwort des Mädchens.

Dann begrüßte die Heimkehrende auch die anderen mit einer huldreichen Geste, doch gönnte sie keinem ein Wort, bis der Eunuch ihr entgegentrat, um die Anrede an sie zu richten. Da wies sie ihn mit einem kurzen »Auf später!« zur Seite, und als Zeno die Sänftenthür für sie offen hielt, sagte sie kurz und mit verschleierter Stimme: »Ich will zu Fuß gehen. Nach dem Hinundherschwanken des Schiffes bei diesem Wetter widersteht mir die Sänfte. Es gibt heute noch mancherlei zu erwägen. Unterwegs kam mir ein Gedanke. Der Hafenadmiral und seine ersten Räte, die Obersten des Kriegshauses, die Vorsteher der Wasser- und Landbauten; besonders den Aristarch und Gorgias – ich will sie sehen. Es hat Eile. In zwei – nein, in anderthalb Stunden – sollen sie hier sein. Was sie von Plänen und Karten der Ostgrenze besitzen, wünsche ich zu prüfen. Auf die Flußadern und Kanäle im Delta lege ich besonderen Wert.«

Dann wandte sie sich dem Archibius zu, der an die Sänfte getreten war, legte ihm die Hand auf den Arm, und ob ihm auch der Schleier verbot, den Glanz ihrer Augen zu sehen, meinte er doch zu empfinden, daß er ihm tief ins Herz leuchte, wie sie ihm mit jener Stimme, deren wunderbar wohllautender Schmelz ihm schon so oft die Seele bestrickt hatte, zurief: »Nehmen wir es als ein günstiges Vorzeichen, daß Du es wieder bist, der mich in schwerer Zeit in diesen Palast führt.«

Da drang es ihm warm aus der übervollen Brust: »Wann es auch sei, immer und immer, gehört Dir dieser Arm und dies Leben;« – sie aber versetzte im Tone fester Ueberzeugung: »Ich weiß es.«

Dann schritt sie, indem sie die Hand auf seinem Arme ruhen ließ, vorwärts; als er aber zu fragen anhob, ob sie wirklich Grund habe, von schweren Tagen zu reden, schnitt sie ihm das Wort ab mit der Bitte: »Jetzt nicht. Laß uns schweigen. Es steht schlimmer als schlimm. – so übel, wie es nur angeht. Aber nein. Nur wenigen ist es vergönnt, sich im Unglück auf den Arm der Treue zu stützen.«

Dabei fühlte er einen leisen Druck ihrer kleinen Hand, und es war ihm, als ob das alternde Herz sich ihm verjünge.

Er durfte nicht reden, denn ihr Wunsch war Befehl; während er aber schweigend neben ihr hinschritt, erst am Ufer hin, dann durch das Hafenthor und endlich über die Marmorplatten, die auf das Portal des Palastes zuführten, war es ihm, als schaue er statt auf das verschleierte Haupt der unglücklichen Königin auf den von hellbraunem weichen Haar umflossenen Kopf eines glückseligen Kindes. Vor das innere Auge stellte sich ihm die kleine Herrin des Epikuräergartens. Er sah den Blick ihrer großen blauen Augen, der nicht aufhörte zu fragen, und der doch das Geheimnis der Welt zu umfassen schien. Er meinte wieder den silberhellen Klang ihrer Stimme und den bestrickenden Zauber ihres reinen Kinderlachens zu vernehmen, und es fiel ihm schwer, nicht zu vergessen, wozu sie geworden.

Entrückt der Gegenwart und dennoch in dem Bewußtsein, daß ihm in schwerer Zeit eine große Schicksalsgunst widerfahre, schritt er neben ihr hin und führte sie durch das Hauptportal in den großen Innenhof des Palastes. In seinem Hintergrunde öffnete sich die hohe Pforte, die in die Wohn- und Festräume der Königin führte, und vor der sich der Regent, Iras und ihre Begleiter schon aufgestellt hatten. Links lag eine kleinere Thür, die Einlaß zu der Wohnung der Kinder gewährte.

Archibius stand im Begriff, Kleopatra über den erleuchteten Hof zu geleiten, sie aber wies auf die Pforte des Prinzenflügels, und er verstand sie.

An der Schwelle ließ sie die Hand von seinem Arme sinken, und als er sich verneigte, wie um sich zu entfernen, sagte sie gütig: »Da steht schon Charmion. Euch beiden kommt es zu, mich dahin zu begleiten, wo die Jugend träumt und Seelenruhe und Schmerzlosigkeit eine Heimstätte haben. Doch aus Rücksicht vor der Königin begrüßtet ihr Geschwister euch noch nicht nach so langer Trennung. Thut es! Dann folgt mir.«

Damit eilte sie jugendlich raschen Schrittes in das Atrium und die Treppe hinan, die zu den Schlafgemächern der Prinzen und Prinzessinnen führte.

Archibius und Charmion folgten ihrem Geheiß: der Bruder schloß die Schwester warm in die Arme, und sie bekannte schnell und mit überströmenden Augen, es scheine ihr alles verloren. Antonius habe in einer Weise gehandelt, für die kein Wort des Tadels oder der Klage genüge. Wahrscheinlich werde er der Kleopatra folgen; – die Flotte, vielleicht auch das Landheer seien vernichtet. In der Hand des Octavian ruhe ihr Schicksal.

Darauf ging sie ihm voran der Treppe entgegen. Dort stand Iras an der Seite eines hochgewachsenen Syrers, der dem Philostratus, dem früheren Gatten der Barine, auffallend gleich sah. Es war sein Bruder Alexas, der vertraute Günstling des Marc Anton. Bei ihm wäre jetzt seine Stelle gewesen, und Archibius frug die Schwester mit einem schnellen Blicke, wie dieser Mann an die Seite der Königin komme.

»Seine Kunst, die Sterne zu deuten,« lautete die Antwort. »Die schmeichelnde Zunge. Ein Parasit der schlimmsten Art ist er, doch er trägt ihr vielerlei zu, er zerstreut sie, und sie duldet ihn um sich.«

Sobald Iras gesehen hatte, wohin Kleopatra den Schritt wendete, war sie ihr nachgeeilt, um sie zu den Kindern zu begleiten. Der Syrer Alexas hatte sie aufgehalten, um sie seiner Freude, sie wiederzusehen, zu versichern. Schon vor dem Ausbruche des Krieges war er eifrig um sie bemüht gewesen, und er gab ihr deutlich zu erkennen, daß während der langen Trennungszeit seine Gefühle mit nichten erkaltet. Wie bei dem Bruder war sein Kopf zu klein für den großen Leib, doch auf dem wohlgebildeten Gesichte glänzte ein helles Augenpaar mit begehrlicher und durchdringender Schärfe.

Auch Iras schien sich des Wiedersehens mit dem Günstlinge zu freuen; bevor aber noch die Geschwister die Treppe erreichten, ließ sie ihn stehen, um Charmion, ihre Gefährtin und Tante, mit töchterlicher Zärtlichkeit in die Arme zu schließen.

Im Vorsaal der prinzlichen Gemächer fanden sie die Königin. Euphronion, der Hofmeister der Kinder, hatte sie dort erwartet und erstattete schnell und mit schmeichlerischem Entzücken Bericht über sie und die wundervollen Gaben, die immer deutlicher bei jedem einzelnen, bald als mütterliches, bald auch als väterliches Erbteil zur Erscheinung kämen.

Kleopatra hatte den Fluß seiner begeisterten Rede mit mancher Frage unterbrochen und war dabei bemüht gewesen, den Schleier zu lösen, der ihr das Haupt verhüllte, – doch es mißlang den kleinen, solcher Arbeit ungewohnten Händen. Iras hatte es von der Treppe aus gewahrt, war die letzten Stufen hinangeeilt und befreite sie mit den leichten, geschickten Fingern schnell und sicher von dem langen Spitzengewebe.

Die Königin dankte ihr mit einem gnädigen Nicken, – als aber der Oberste der Eunuchen die in die Schlafzimmer der Kinder führende Thür öffnete, rief sie nur den Geschwistern ein freundliches »Kommt!« zu. Der Hofmeister, der die Schlafräume seiner Pflegebefohlenen ohnehin den Eunuchen und Wärterinnen überlassen mußte, zog sich zurück. Iras aber empfand es als schwere Kränkung, von diesem Besuche ausgeschlossen zu werden. Ihre Wangen wechselten die Farbe, und die schmalen Lippen schlossen sich fester. Dann blickte sie so scharf auf den Fruchtkorb von Mosaik zu ihren Füßen, als gelte es, die Kirschen, mit denen er gefüllt war, zu zählen. Plötzlich strich sie die Löckchen von der hohen Stirn, eilte schnellfüßig die Treppe hinunter, und als der neuangekommene Alexas eben das Atrium verlassen wollte, rief sie ihn an.

Ungesäumt schritt der Syrer ihr entgegen und pries sich glücklich, daß seine Sonne ihm in dieser Nacht zum zweitenmal aufgehe; sie aber fiel ihm ins Wort: »Laß das thörichte Liebeln. Dienlicher wäre es jedenfalls für uns beide, in vollem, bitterem Ernst als Bundesgenossen zusammenzuhalten. Ich bin dazu bereit.«

»Und ich!« rief der Syrer entzückt und preßte die Hand auf die Stelle des Herzens.

Indes hatte Kleopatra den Raum betreten, in dem die Kinder schliefen. Tiefe Stille herrschte in dem hohen, mit farbigen Teppichen behangenen Saale, durch dessen weiten Raum drei Ampeln von rosenfarbigem Glasfluß sanftes Licht ergossen. Ein von Säulen getragener Bogen von buntem libyschen Marmor teilte ihn in zwei Teile. In dem ersten, dem hohen, fest mit Vorhängen verschlossenen Fenster benachbarten, standen zwei Betten von Elfenbein, die auf dem Rücken goldener Kindergestalten ruhten und über deren Hauptende sich mit Perlen und Türkisen besetzte Kronen von Gold und Silber erhoben. Um den Rand zogen sich, von der Hand eines großen Künstlers in den Elefantenzahn geschnitten, fröhliche Kindergenien hin, die zu dem Gesange munterer Vögel in blühendem Strauchwerk die tanzenden Füßchen hoben.

Ein schwerer Vorhang trennte die Lager, doch die Eunuchen hatten ihn beim Nahen der Königin in die Höhe gezogen. Nun war es gestattet, sie mit einem Blicke zu umfassen, und es bot sich hier ein Bild von seltener Anmut; denn auf den schönen Ruhestätten schlummerte das zehnjährige Zwillingspaar, das Kleopatra dem Antonius geschenkt: Antonius Helios und Kleopatra Selene. Das Mädchen weiß und rot, blond und von holdseligem Liebreiz, der Knabe nicht minder schön, doch mit ebenholzschwarzem Haar wie der Vater. Das lockige Haupt beider war zur Seite geneigt und ruhte auf der in das seidene Kissen gedrückten Hand.

Auf einem dritten Bett hinter dem Bogen schlief Alexander, der jüngste Prinz, ein holdseliger sechsjähriger Knabe, der Liebling der Königin.

Nachdem sie sich eine gute Weile in den Anblick der Zwillinge versenkt und jedem einen leisen Kuß auf die im Schlafe glühenden Wangen gehaucht hatte, wandte sie sich dem Jüngsten zu und sank an seinem Lager nieder, als zwinge sie eine Erscheinung, mit der der Himmel sie beglückte, das Knie zu neigen. Die Augen flossen ihr über, während sie das Kind behutsam an sich zog, ihm Mund, Augen und Wangen küßte und es dann leise in die Kissen zurücksinken ließ. Doch der Knabe fand den unterbrochenen Schlaf nicht gleich wieder, sondern schlang die runden Aermchen um den Hals der Mutter und murmelte dazu unverständliche Worte. Glückselig ließ sie es geschehen, bis ihn der Schlummer wieder übermannte und ihm die Händchen auf das Bett zurücksanken.

Dann drückte sie die Stirn kurze Zeit auf das Elfenbein des Lagers. Sie betete für dies Kind und seine Geschwister. Als sie sich wieder erhob, waren ihr die Wangen feucht von Thränen, und sie preßte die Hand auf die Brust. Dann winkte sie der Charmion und ihrem Bruder, wies sie erst auf den kleinen Alexander, dann auf die Zwillinge und sagte, als sie die Augen beider feucht erglänzen sah: »Dies Glück. – ihr beide entbehrt es um meinetwillen, ich weiß es. Für jedes von diesen da wäre mir ein großes Reich nicht zu teuer, für sie alle ... Was gibt es auf Erden, das ich nicht für sie preisgeben möchte? Aber was hab' ich denn noch, das ich mein nennen dürfte?«

Bei dieser Frage hatten sich ihre lächelnden Züge verfinstert. Das Bild der verlorenen Schlacht stand ihr wieder vor dem inneren Auge. Verspielt, verloren war die eigene Macht, verwirkt die Selbständigkeit des Vaterlandes, das sie liebte. Rom streckte die Hand schon darnach aus, um es als neue Provinz an die anderen zu schließen. Doch das durfte nicht sein! Ihr Zwillingspaar, das dort unter Kronen ruhte, es sollte sie einmal tragen dürfen. Und der Knabe da auf den Kissen? Wie viele Reiche hatte Antonius verschenkt; aber was blieb ihr jetzt noch zu vergeben?

Wiederum beugte sie sich zu dem Kinde nieder. Ein schöner Traum mußte zu ihm herabgeschwebt sein; denn es lächelte im Schlafe. Da ergoß sich ihr ein heißer Strom von Mutterliebe in das bewegte Herz, und als sie auch die Gefährten der Jugend bewegt und zärtlich zu dem kleinen Schläfer niederschauen sah, gedachte sie der eigenen Kindheit und des stillen Glückes, das sie in ihrem Epikuräergarten genossen.

Jenseits seiner Grenzen hatte Macht und Herrlichkeit für sie begonnen; doch je höher beide gestiegen waren, in desto weitere Ferne, desto unwiederbringlicher war das Gefühl der Glückseligkeit, das sie einmal dankbar genossen und wonach sie nie aufgehört hatte sich zu sehnen, von ihr gewichen. Und wie sie jetzt dem schlummernden Kinde, von dem jeder Schmerz und jede Unruhe weltenfern zu liegen schien, wieder in das friedvoll lächelnde Antlitz schaute und es ihr war, als ströme ihm, was ihr Herz an Liebe umschloß, in vollen Wogen entgegen, da erhob sich in ihr die Frage, ob es vielleicht gerade diesem Knaben, für den sie keine Krone besaß, bestimmt sei, der einzige Glückselige von ihnen allen, glückselig im Sinne des Meisters, zu werden.

Und tief ergriffen von diesem Gedanken wandte sie sich den Geschwistern zu und rief, um die Schläfer nicht zu wecken, mit gedämpfter Stimme: »Was auch über uns verhängt ist, dies Kind befehle ich eurer besonderen Liebe und Sorge. Wenn das Schicksal ihm den Glanz der Krone und das Hochgefühl der Macht versagt, lehrt es dann jener anderen Glückseligkeit genießen, die – wie lange ist's her! – euer Vater seiner Mutter erschloß.«

Da küßte Archibius ihr das Gewand und Charmion die Hände; sie aber atmete tief auf und sagte: »Die Mutter nahm der Königin schon zu viel Zeit. Ich hatte verboten, den Cäsarion von meiner Ankunft zu unterrichten. Es war gut so. Vor dem Wiedersehen sei das Wichtigste erledigt. In einer Stunde muß alles, was in mir ist, dem Staate gehören ... Zuvor aber ... Außer Mutter und Königin bin ich noch etwas anderes. Auch das Weib verlangt sein Recht. Auf morgen, wenn ich Zeit für Dich finde! Erst in mein gemach, Charmion. Doch Du bist der Ruhe bedürftiger als ich. Geh mit dem Bruder! Schicke mir Iras. Es wird sie freuen, wieder einmal für die Herrin die Hände zu regen.«

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