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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Neuntes Kapitel

Gorgias ging ungesäumt an die Arbeit. Als die Doppelstatue nur noch der Aufstellung vor dem Theater des Dionysus wartete, suchte Dion ihn auf. Es drängte ihn, bevor er die Stadt mit der Verlobten verließ, noch einmal mit dem Freunde zu reden. Seit sie von einander gegangen waren, hatte dieser das Unmögliche geleistet; denn der Bau der von Antonius bestellten Mauer auf dem Choma war begonnen, die Herstellung des kleinen Palastes an seiner Spitze und dazu noch manches andere, was die Ausschmückung der Triumphbogen und Ehrenpforten betraf, angeordnet worden. Sein tüchtiger und flinker Werkführer hatte Mühe, ihm zu folgen, während er ihm Befehl auf Befehl in die Schreibtafel diktirte.

Die Unterredung mit dem Freunde dauerte indes nicht lange; denn Dion hatte den Frauen versprochen, sie aufs Land zu begleiten. Es sollte trotz des Verlöbnisses heute noch geschehen; denn Cäsarion war im Laufe des Tages zweimal bei Barine vorgefahren. Sie hatte ihn nicht empfangen, doch dies Verhalten des unseligen jungen Mannes veranlaßte sie, selbst auf die Beschleunigung der Abreise zu dringen.

Um Aufsehen zu vermeiden, wollten sie sich des großen Reisewagens und des Nilbootes des Archibius bedienen, obgleich Dion über nicht minder bequeme verfügte.

In »Friedensstätt« sollte die Hochzeit gefeiert werden. Das eigene Schiff des jungen Ratsherrn, das ihn später mit der Neuvermählten nach Alexandria zurückzuführen bestimmt war, trug den Namen der Peitho, der Göttin der Ueberredungskunst, weil Dion sich gern an seine rednerische Thätigkeit im Rate erinnern ließ. Von nun an sollte es Barine heißen und manche Verschönerung erfahren.

Dion vertraute dem Freunde auch an, was er über das Schicksal der Königin und der Flotte erfahren, und wie dringend Gorgias auch in Anspruch genommen war, stand er dem Freunde doch Rede, als er über das künftige Schicksal der Stadt und ihre bedrohte Selbständigkeit und Freiheit zu sprechen begann; denn diese Dinge lagen auch ihm vor allen anderen am Herzen.

»Im Glücke,« rief Dion, »that ich, was mir gefällt; jetzt scheint mir jedem rechten Manne die Pflicht zu gebieten, das eigene Haus zu einer Pflanzstätte für die Gesinnung zu machen, die er von den Vätern ererbte und die nicht erlöschen darf, so lange es eine makedonische Bürgerschaft in Alexandria gibt. Wir müssen es uns gefallen lassen, wenn die Uebermacht Roms Aegypten zur Provinz der Republik macht; – unserer Stadt und ihrem Rate den Löwenpart ihrer Freiheit zu retten, das vermögen wir indes. – Wie sich die Dinge auch gestalten, sind und bleiben wir doch die Quelle, aus der jenem Rom der beste Teil des Wissens zufließt, das ihm den Geist bereichert.«

»Und die Kunst,« fiel ihm Gorgias ins Wort, »die ihm das rauhe Leben verschönert. Steht es ihm auch frei, uns schonungslos zu vernichten, wird es ihm, denke ich, doch ergehen wie dem Mädchen, das schon den Fuß hebt, um eine schöne, seltene Blume zu zertreten, und das ihn doch zurückzieht, weil es frevelhaft wäre, ein so köstliches Götterwerk zu zerstören.«

»Und was verdankt Dein Mädchen der Blume,« rief Dion, »was Rom unserer Stadt! Begegnen wir seinen Ansprüchen mit würdiger Standhaftigkeit, so haben wir, denk' ich, nicht allzu Schlimmes zu befürchten.«

»Hoffen wir es! Aber Du, Freund, halte die Augen offen auch vor anderen als den römischen Feinden. Nun es Thatsache wurde, daß Du ihrer nicht begehrst – sieh Dich vor vor der Iras. Sie hat etwas an sich, das mich an den Schakal erinnert. Die Eifersucht! – Des Schlimmsten halt' ich sie fähig ...«

»Doch,« unterbrach ihn Dion, »was Iras mir anzuthun versucht, wird Charmion mildern, und, zähl' ich auch nicht stark auf den Oheim, steht Archibius doch über jenen beiden und ist uns und unserem Bunde gewogen.«

Da atmete Gorgias erleichtert auf und rief: »Dann frisch hinein in das Glück!«

»Und Du,« fügte Dion warm hinzu, »beginne auch Du für das Deine zu sorgen. Verbiete dem Herzen das schweifende Nomadenleben! Die Zelte, die der Wind umbläst, können, denk' ich, dem Architekten nicht auf die Dauer genügen. Wie Du mir den Palast, so baue Dir selbst ein festes, den Stürmen trotzendes Haus. Ich gönne es Dir und sagte es ja schon: Die Zeit verlangt es.«

»Ich werde des Rates gedenken.« entgegnete Gorgias. »Doch da treffen mich wieder sechs nach Auskunft begierige Augen. Es gibt so viel Ernstes zu thun, und nun verkümmert man sich die Zeit mit dem Bau von Triumphbogen für Geschlagene, von Trophäen für eine Niederlage! Aber Dein Oheim befahl noch vorhin, das Werk aufs prächtigste fertig zu stellen. Die Wege des Schicksals und der Großen sind dunkel; die euren soll der lichteste Sonnenglanz bescheinen! Eine schöne Fahrt! Wir hören natürlich, wann ihr die Hochzeit feiert, und geht es an, sing' ich mit bei den Hymenäen. Glücklicher, der Du bist! Nun werd' ich auch von dorther gerufen! Kastor und Pollux und die anderen den Reisenden freundlichen Götter, Aphrodite und alle Eroten sollen eure Fahrt ins Seeland und in das Reich des Eros und Hymen beschirmen!«

Damit zog der warmherzige Mann den Freund zum erstenmal an die Brust, und Dion ließ es sich gern gefallen und schüttelte ihm endlich mit dem Rufe: »Auf Wiedersehen also in Irenia am Hochzeitstage, Du lieber, treuer Gesell!« die harte Rechte.

Dann bestieg er den wartenden Wagen, und Gorgias schaute ihm gedankenvoll nach.

Noch war der Mantel von Hyazinthpurpur, den Dion auch heute trug, ihm nicht aus den Augen geschwunden, als sich dicht hinter ihm ein lautes Krachen, Poltern und Dröhnen erhob. Ein flüchtig errichtetes Gerüst, das die Flaschenzüge für die Ausrichtung der Bildsäule tragen sollte, war zusammengestürzt. Der Schaden konnte leicht wieder hergestellt werden, doch erweckte dieser Unfall in dem Baumeister eine peinliche Empfindung. Er war ein Kind seiner Zeit, dem die Pflicht des besonnenen Mannes gebot, auf Vorzeichen zu achten. Die Erfahrung lehrte ihn auch, daß, wenn ihm bei seiner Thätigkeit dergleichen begegnete, ihm etwas Unerfreuliches im Kreise seiner Freunde zu folgen pflegte. Was dem teuren Paare bevorstand, verbarg der Schleier der Zukunft; er aber beschloß, die Augen für den Dion offen zu halten und den Archibius zu ersuchen, das Gleiche zu thun.

Doch im Drange der Arbeit kam das Mißgefühl bald zum Schweigen. Der Schaden war schnell wieder hergestellt, und später erteilte Gorgias bald mit dieser, bald mit jener Tafel oder Rolle in der Hand die verschiedenartigsten Befehle.

Allmälich verfinsterte sich das Licht des trüben Tages.

Bevor die Nacht hereinbrach, die Sturm und Regen zu bringen drohte, ritt er auf seinem Maultiere noch einmal das Bruchium hinunter, um die Fortschritte an den einzelnen Bauten zu überschauen und neue Anordnungen zu treffen; denn die Arbeit sollte in der Nacht fortgesetzt werden.

Von der See her wehte es jetzt so heftig aus Norden, daß es Mühe kostete, die Fackeln und Lampen in Brand zu erhalten. Der Wind peitschte ihm einzelne Regentropfen ins Antlitz, und ein Blick gen Mitternacht zeigte ihm schwarze Wolkenmassen jenseits des Hafens und des Pharus. Das verhieß eine schlimme Nacht, und wieder überkam ihn die peinliche Empfindung, als stehe ein Unheil bevor. Dennoch war er schnell und besonnen am Werke und griff auch selbst mit zu, wo es darauf ankam.

Die Nacht folgte dem Abend. Kein Stern war am Himmel sichtbar, und die vom Nordwind durchwehte Luft wurde so kühl, daß Gorgias dem Leibsklaven endlich gestattete, ihm den Mantel umzulegen. Während er die Kapuze über den Kopf zog, schaute er einem Zuge von Sänften und Menschen nach, der auf die Lochias zuschritt.

Vielleicht kamen die Kinder der Königin von einem Ausfluge nach Hause. Aber es waren doch wohl eher Privatleute, die sich zu einem Siegesfeste begaben; denn alle Welt glaubte jetzt an eine große Schlacht und einen glücklichen Ausgang des Krieges. Das Heil- und Hochrufen der Leute, die sich trotz des üblen Wetters immer noch am Hafen auf und nieder bewegten, bewies es.

Eben war die letzte der den Zug begleitenden Fackeln an Gorgias vorübergetragen worden, und er hatte sich gesagt, daß sich eine der königlichen Familie angehörende Sänftenreihe nicht unter so dürftiger Beleuchtung durch die finstere Nacht fortbewegen würde, als ein einzelner Mann mit einer Laterne in der Hand, deren flackerndes Licht ihm in das faltige Gesicht schien, von der andern Seite raschen Schrittes daher kam. Es war der alte Phryx, der Haussklave des Didymus, den der Baumeister kennen gelernt hatte, während die Inschrift für das von ihm erbaute Odeum von dem alten Gelehrten hergestellt worden war. Der greise Diener hatte ihm damals mehrfach Aenderungen des ersten Entwurfes seines Herrn überbracht und den Gorgias gestern daran erinnert.

Eben hatten die Arbeiter, von denen die Doppelstatue bei hellem Fackelschein und taktmäßigem Gesang auf das Postament erhoben worden war, die Taue, Winden und Hebel aus der Hand gelegt, als der Baumeister den Sklaven erkannte.

Was wollte der alte Mann so spät in der finsteren Nacht?

Das eingestürzte Gerüst kam ihm wieder in den Sinn.

Suchte der Sklave Hilfe für ein Mitglied des Hauses? War Helena ihrer bedürftig?

Da hielt er den Alten an, und dieser beantwortete seine Frage mit einem schweren Seufzer, dem das Sprichwort folgte: »Das Unglück kommt immer wie die Ochsen paarweis.« Dann fuhr er Bericht erstattend fort: »Gestern gab es große Angst. Als es dann heut so froh herging bei uns wegen der Barine, dacht' ich gleich: ›Auf Lust folgt Leid‹, und das zweite Unheil bleibt uns doch nicht erspart. So ist's denn auch gekommen!«

Da gebot Gorgias besorgt, ihm zu vertrauen, was geschehen sei, und der Alte trat ihm näher und flüsterte ihm zu, der Schüler und Gehilfe des Didymus, der junge Philotas von Amphissa, ein Student und dazu ein artiger junger Mann aus gutem Hause, habe sich zu einem Schmause begeben, zu dem Antyllus, der Sohn des Antonius, einige junge Leute geladen, die mit ihm den Unterricht teilten. Es sei schon mehrmals vorgekommen, und er, Phryx, habe ihn gewarnt; denn wenn die Kleinen mit den Großen verkehrten, ging es für die Kleinen selten ab ohne Püffe und Stöße. Der junge Mensch, der sich sonst nicht schlimmer geführt habe als die anderen Epheben, sei von solchen Festen immer mit rotem Kopfe, auf unsicheren Füßen nach Hause gekommen; heute aber habe er nicht einmal sein Kämmerchen im oberen Stocke gefunden. Wie auf der Flucht, und von Häschern verfolgt, sei er in das Haus gedrungen, und während er die Treppe hinaneilen wollte – es sei eigentlich nur eine feststehende Leiter – habe er einen Fehltritt gethan und sei hinuntergefallen. Was ihn, den Phryx, angehe, glaube er nicht, daß er dabei Schaden erlitten; denn kein Glied thue ihm weh, auch nicht, wenn man es ziehe und dehne, und Dionysus behüte freundlich die Trunkenen; es müsse aber ein Dämon in ihn gefahren sein; denn er heule und stöhne fortwährend und bleibe auf Zureden und Fragen die Antwort schuldig. Nun wisse er zwar von dem Dionysusfeste her, daß der junge Mensch zu denen gehöre, die im Rausche weinen und jammern; diesmal aber müsse doch etwas Besonderes mit ihm vorgegangen sein; denn erstens sei sein hübsches Gesicht schwarz gefärbt und sehe gräßlich aus, seitdem die Thränen den Ruß von manchen Stellen abgewaschen hätten, dann aber rede er lauter wirres Zeug durcheinander. Es sei ein Jammer!

Bei dem Versuche, ihn mit dem Gartensklaven in sein Zimmer zu tragen, habe er wie ein Besessener mit Händen und Füßen um sich geschlagen. Nun glaube auch Didymus, Dämonen hätten sich seiner bemächtigt, wie es bei solchen nicht selten geschehe, die beim Fall von einer Treppe mit dem Kopfe auf den Boden schlügen und damit bei den Dämonen in der Erde anklopften und sie weckten. Ei freilich! Dämonen könnten es schon sein, doch keine anderen als die des Weines. Der Student sei eben »voll und toll«, wie die Leute sagten. Aber der alte Herr halte große Stücke auf den Schüler, und habe ihm befohlen den Olympus zu holen, der schon, so lange er denken könne, der Arzt des Hauses.

»Der alte Leibarzt der Königin?« frug Gorgias mißbilligend, und als der Sklave dies bestätigte, rief der Baumeister bestimmt: »Den ehrwürdigen Greis bei solchem Nordwind um dergleichen ins Freie zu zwingen, dünkt mich nicht billig. Das Alter ist eben gegen das Alter nicht sonderlich barmherzig. Ich kann, nun das Ding dort steht, auf eine halbe Stunde den Posten verlassen und will Dich begleiten. Um diese Dämonen auszutreiben, ist, denk' ich, kein Leibarzt nötig.«

»Recht, Herr, recht,« rief der Sklave, »aber der Olympus ist unser Freund. Er besucht nur noch wenige Kranke; zu uns aber kommt er bei jedem Wetter. Er hat auch Sänften, Wagen und prächtige Maultiere. Die Königin schenkt ihm, was das Beste ist und das Bequemste. Er ist klug und hilft vielleicht schnell. Was man haben kann, das soll man benutzen.«

»Nur wo es not thut,« versetzte der Baumeister. »Da stehen meine beiden Reittiere, folge Du auf dem zweiten. Werde ich mit den Dämonen nicht fertig, bleibt Dir immer noch Zeit, zu dem Leibarzte zu traben.«

Dieser Vorschlag gefiel dem Alten, und um weniges später betrat Gorgias das Tablinum des alten Philosophen.

Helena hieß ihn wie einen alten Freund willkommen. Wo er erscheine, dachte sie, sei es schon halb vorbei mit der Gefahr. Auch Didymus war froh über sein Kommen und führte ihn in das kleine Gemach, wo der von Dämonen besessene Jüngling auf einem Diwan lag.

Er stöhnte und wimmerte noch immer. Helle Thränen rannen ihm über die Wangen, und sobald sich ihm eines der Mitglieder des Hauses nahte, stieß er es wehklagend von sich.

Als Gorgias ihm die Hände festhielt und ihm streng befahl, zu bekennen, was er sich vorzuwerfen habe, schluchzte er, er sei der undankbarste Bösewicht auf Erden. Seine guten Eltern, sich selbst und die Freunde richte seine Schlechtigkeit zu Grunde.

Dann klagte er sich an, daß durch seine Schuld die Enkelin des Didymus ins Verderben gerate. Er wäre sicher nicht wieder zu dem Antyllus gegangen, hätte ihn seine Großmut von neulich nicht an ihn gefesselt; aber nun müsse er es büßen, ja büßen ... Darauf lallte er, wie gebrochen, das Wort »büßen« immerfort vor sich hin, und fürs erste war weiter nichts von ihm zu erfragen.

Für den letzten dunklen Satz besaß Didymus indes den Schlüssel. Vor etlichen Wochen war Philotas mit anderen Schülern des Rhetors, dessen Vorträgen im Museum er folgte, von Antyllus zum Frühstück eingeladen worden. Als der Student die schönen silbernen und goldenen Becher laut bewundert hatte, aus denen getrunken worden war, hatte der übermütige junge Wirt gerufen: »Sie gehören Dir; nimm sie mit Dir!« Beim Aufbruche hatte der Mundschenk den Philotas, der weit entfernt gewesen war, diese Schenkung für ernst zu halten, aufgefordert, sein Eigentum in Empfang zu nehmen. Antyllus habe ihm die Pokale verehrt; doch rate er dem jungen Manne, sich den Wert in Geld auszahlen zu lassen; denn es befänden sich einige alte, kunstvoll verfertigte Stücke darunter, die Antonius, der Vater des verschwenderischen jungen Mannes, vielleicht ungern missen würde.

Darauf waren dem erstaunten Studenten mehrere Rollen goldener Solidi ausgezahlt worden, – und sie hatten ihm nicht eben zum Nutzen gereicht; denn durch sie war es ihm möglich geworden, sich zu den reichen und vornehmen Studiengenossen zu halten und manche ihrer Ausschweifungen mitzumachen. Dennoch hatte er nicht aufgehört, dem Didymus gegenüber seine Pflicht zu erfüllen.

Machte er auch bisweilen die Nacht zum Tage, so gab er doch keinen ernsten Anlaß zum Tadel. Man verzieh ihm auch gern kleine Jugendvergehen; denn er war ein wohlgestalteter, heiterer junger Mann, der es verstanden hatte, sich jedem Mitgliede des Hauses, auch den Frauen, angenehm zu machen.

Was war nur heute über den Beklagenswerten gekommen? Den Didymus erfüllte er mit dem größten Mitleid, und wenn er sich auch dem Gorgias für sein Erscheinen verpflichtet fühlte, so gab er ihm doch zu verstehen, daß ihn das Ausbleiben des Arztes verdrieße.

Aber der Baumeister war in einem langen Junggesellenleben in dem den Gaben des Dionysos holden Alexandria mit Krankheiten wie die des Philotas und ihrer Behandlung vertraut geworden, und nachdem man ihm mehrere Krüge Wasser gebracht und ihn kurze Zeit mit dem Leidenden allein gelassen hatte, freute der Philosoph sich im stillen, den greisen Leibarzt nicht in die stürmische Nacht hinaus gerufen zu haben; denn Gorgias führte ihm den Schüler zwar mit nassem Haar, sonst aber im Zustande schnell fortschreitender Genesung entgegen.

Das hübsche Gesicht des Jünglings war vom Ruße befreit, doch er schaute beschämt zu Boden, und dann und wann griff er nach der schmerzenden Stirn. Es bedurfte der vollen Ueberredungskunst des alten Philosophen, um ihn zum Reden zu bringen, auch bat Philotas das Mädchen, bevor er begann, ihn mit den Männern allein zu lassen.

Er war willens, streng bei der Wahrheit zu bleiben, doch fürchtete er noch immer, der unsinnige Streich, zu dem er sich hatte fortreißen lassen, könnte verhängnisvoll für sein künftiges Leben werden.

Besonders von dem Baumeister, dem er die schnelle Entnüchterung verdankte, und dessen freundlich ernstes Wesen ihm Zutrauen einflößte, hoffte er auf guten Rat; dem Greise aber war er zu so großem Danke verpflichtet, daß er ihm Aufrichtigkeit schuldete; – einen der Hauptbeweggründe seiner thörichten Handlungsweise wagte er aber doch nicht zu bekennen.

Das Unternehmen, zu dem er mit herangezogen worden war, hatte sich gegen Barine gerichtet. Schon lange glaubte er sie mit der ganzen Glut des zwanzigjährigen Herzens zu lieben. Kurz bevor er sich zu dem verhängnisvollen Gastmahle begab, hatte er indes gehört, daß die junge Frau sich dem Dion versprochen. Das hatte ihn tief verletzt; denn in mancher stillen Stunde war es ihm möglich erschienen, sie für sich zu gewinnen und sie als Gattin in das Vaterhaus zu Amphissa zu führen. Er war ja nur um weniges jünger als sie, und hätten die Eltern sie nur erst gesehen, sie wären gewiß nicht im stande gewesen, seine Wahl zu mißbilligen. Und die in Amphissa! Wie eine Göttin hätten sie Barine anstaunen müssen!

Doch nun war der vornehme Herr gekommen, um die schönste seiner Hoffnungen zu zertreten. Von Liebe war zwischen ihm und Barine freilich nie die Rede gewesen, doch wie freundlich hatte sie ihn immer angeschaut, wie willig sich kleine Dienste von ihm gefallen lassen! Nun war sie ihm dennoch verloren.

Anfänglich hatte er dies nur betrübend gefunden; nachdem er aber dem Weine zugesprochen und Antyllus, der Sohn des Antonius, im Kreise der Zecher, denen Cäsarion als Symposiarch Vorsteher und Leiter des Gastmahles. vorstand, Barine beschuldigt hatte, die Herzen mit magischen Mitteln zu verzaubern, war er zu der Ueberzeugung gelangt, auch er sei von ihr freventlich angelockt und verraten worden.

Zum Spielzeuge, sagte er sich, habe er ihr gedient, wenn sie ihm nicht dennoch gut gewesen war und den Dion ihm nur wegen seines reichen Besitzes vorgezogen hatte. In jedem Falle fühlte er sich berechtigt, der Barine zu zürnen, und mit der Zahl der Becher, die er leerte, wuchs der eifersüchtige Groll.

Als er dann aufgefordert wurde, sich an dem Streiche zu beteiligen, der ihm jetzt das Gewissen belastete, willigte er mit glühendem Haupte ein, um sie für das Unrecht zu bestrafen, das sie in seiner erhitzten Phantasie auch ihm angethan hatte.

Das alles verschwieg er den älteren Männern und erzählte nur kurz von dem prächtigen Gastmahle, das Cäsarion, bleich und teilnahmlos wie immer, geleitet habe, und das besonders von Antyllus mit tollem Uebermut belebt worden sei.

»Der, König der Könige« und der Sohn des Antonius hätten sich unter dem Vorwand, auf Jagd zu gehen, von den Hofmeistern befreit. Der Oberjägermeister habe ihnen dies Vergnügen gegönnt. Sie hätten ihm nur versprochen, sich in der Frühe des nächsten Morgens für den Aufbruch in die Wüste bereit zu halten.

Als nach dem Schmause die Mischkrüge aufgestellt und die Becher schneller gefüllt worden seien, habe Antyllus mancherlei mit Cäsarion geflüstert und dann das Gespräch auf Barine, die Schönste der Schönen, geleitet, die die Himmlischen für den Größten und Höchsten bestimmten. Das sei der König der Könige, Cäsarion, und er nehme auch die Göttergunst für sich in Anspruch. Aber man wisse, daß Aphrodite sich selbst für größer halte als den höchsten der Könige, und Barine wage es darum, ihrem hohen Symposiarchen in einer Weise die Thür zu verschließen, die nicht nur ihm, sondern der ganzen Jugend Alexandrias unerträglich erscheinen müsse. Was sich Ephebe zu sein rühme, dem möge die Faust sich vor Empörung ballen, wenn er vernehme, daß die übermütige Schöne die Jugend von sich fern halte, weil sie nur ältere Männer für wert halte ihrer Beachtung. Das dürfe nicht so hingehen! Die Epheben von Alexandria müßten ihr vielmehr die Macht der Jugend zu fühlen geben. Um so dringender sei dies geboten, als Cäsarion dadurch dem Ziele seiner Wünsche entgegen geführt werde.

Barine fahre heut abend aufs Land. Der beleidigte Eros selbst ebne ihnen dadurch die Wege. Er gebiete ihnen, den Wagen der übermütigen Schönen anzuhalten, und sie demjenigen zuzuführen, der sich im Namen der Jugend verpflichte, ihr zu zeigen, daß die Leidenschaft der Epheben, die sie schmählich von sich fern halte, heißer glühe, als die der alternden Herren, denen sich Barine gnädig erweise.

Hier unterbrach Gorgias den Erzähler mit einem lauten Rufe des Unwillens, dem alten Didymus aber schienen die hervortretenden Augen aus den Höhlen quillen zu wollen, als er dem Schüler mit rauher Stimme ein ungeduldiges »Weiter!« zurief.

Und Philotas, von dem der letzte Rest des Rausches gewichen war, schilderte nun mit wachsender Lebhaftigkeit, wie mit dem stillen Cäsarion, als habe ein Zauber auf ihn gewirkt, eine wunderbare Veränderung vorgegangen sei; denn kaum hätten die Zechgenossen dem Antyllus zugejubelt und sich bereit erklärt, die beleidigte Jugend an der Barine zu rächen, als der »König der Könige« plötzlich von dem Polster, auf dem er bis dahin müde und teilnahmlos gelegen, aufgeschnellt sei, um ihnen mit feurig blitzenden Augen zuzurufen, wer sich sein Freund nenne, müsse ihm bei dem Ueberfalle helfen.

Hier wurde er von einem neuen ungeduldigen »Weiter!« des Meisters zu größerer Eile gedrängt, und schneller fuhr er zu berichten fort, wie sie sich das Antlitz geschwärzt und mit den Schwertern und Lanzen des Antyllus bewaffnet hätten. Bei Sonnenuntergang seien sie in einem verdeckten Boote durch den Agathodämonkanal an den mareotischen See gefahren. Es müßte alles wohl vorbereitet gewesen sein; denn genau zur rechten Zeit wären sie gelandet.

Da sie auch auf der Wasserfahrt mit dem allerfeurigsten Weine sich den Mut gestärkt hätten, sei er schon mit Mühe ans Ufer getaumelt und dort von den anderen mit fortgerissen worden. Weiter wisse er nichts mehr, als daß er sich mit auf eine große Harmamaxa Ein geschlossener asiatischer Reisewagen auf vier Rädern. gestürzt habe und dabei zu Boden gefallen sei. Als er sich wieder erhoben, sei schon alles vorüber gewesen.

Wie im Traume habe er Scythen und andere Sicherheitswächter den Antyllus ergreifen und den Cäsarion mit einem andern auf dem Boden ringen sehen. Irre er nicht, so sei es Dion, der Verlobte der Barine, gewesen.

Diese Mitteilungen waren von manchem Rufe der Ungeduld und Empörung unterbrochen worden, jetzt aber stieß Didymus wie außer sich die Frage hervor:

»Und das Kind – und Barine?«

Als aber Philotas auf diese Frage keine andere Antwort fand wie eine stumme Neigung des Hauptes, übermannte die Empörung den alten Philosophen, und indem er dem Schüler die Hände in die Brustfalten des Chiton schlug, schüttelte er ihn und rief ihm zornig entgegen:

»Du weißt nicht, Bube? Statt sie, die Dir wert sein sollte, als Kind dieses Hauses zu schützen, gesellst Du Dich den ruchlosen Verächtern der Sitte und des Rechtes zu, als Spießgesell dieser schändlichen Wegelagerer im Purpur?«

Hier hielt der Baumeister den empörten Greis mit besänftigenden Worten und der Erklärung zurück, alles müsse jetzt in den Schatten treten vor der Forderung, nach Barine und Dion zu schauen. Er wisse nicht, wo ihm der Kopf stehe bei der Ueberfülle der Arbeit, doch wolle er schnell mit dem Bauführer reden und den Freund aufzufinden versuchen.

»Und ich,« rief der Alte, »muß sogleich zu dem unglückseligen Kinde. – Den Mantel, Phryx, die Sandalen!«

Statt der Mahnung des Gorgias, seiner Jahre und des stürmischen Wetters zu gedenken, fuhr er auf:

»Ich gehe, hab' ich gesagt. Und wenn der Sturm mich zu Boden reißen und der Blitz des Zeus mich treffen will, nur zu! Auf ein Unglück mehr oder weniger kommt es nicht an in einem Leben, das eine Kette war von schweren Schlägen des Schicksals. Drei Söhne hab' ich als blühende Männer begraben, und zwei davon nahm mir der Krieg. Barine, die Wonne meines Herzens, ich Thor kettete sie selbst an den Bösewicht, der ihr das sonnige Leben verdarb, und nun ich sie glücklich wähnte, vor Sorge und Mißdeutung gesichert, an der Seite eines trefflichen Mannes, nun verwunden, morden ihr vielleicht verruchte Buben, die ihre Geburt der Rache entzieht, den Verlobten. Ihren guten Namen treten sie in den Staub, und mein weißes Haar! Den Gartenhut, Phryx, und den Stab!«

Schon lange hatte der Sturm das dem Meere benachbarte Haus umtobt, und das Segel, das über die offene Decke des Impluvium gespannt worden war, zerrte mit lautem Geräusch an den metallenen Ringen. Jetzt wehte ein Zugwind so heftig von Raum zu Raum, daß an der dreiarmigen Lampe zwei Flammen erloschen.

Die Hausthür war geöffnet worden, und triefend von Regen, mit der Kapuze über dem braunen Kopfe, überschritt der nubische Pförtner der Frau Berenike die Schwelle.

Er bot einen kläglichen Anblick und fand anfänglich keine Entgegnung auf die Begrüßung und Fragen der Männer, zu denen sich Helena, an deren Arm die Großmutter hing, gesellt hatte; denn der Atem stockte ihm nach dem raschen Gange dem Sturm entgegen.

Er hatte nicht viel zu berichten. Barine ließ den Ihren nur sagen, was ihnen auch das Gerücht zutragen möge, sie und die Mutter seien unverletzt. Dion habe eine Wunde an der Schulter davongetragen, doch sei sie nicht schwer. Sie und die Mutter teilten sich in die Pflege. Die Großeltern dürften unbesorgt sein; der gegen sie geplante Angriff sei völlig mißlungen.

Die taube Frau Doris hatte mit der Hand am Ohre diesem Berichte vergeblich gelauscht, und Didymus erzählte nun der Enkelin, so viel er für gut hielt, von dem Vorgefallenen, damit sie, deren Lippenbewegungen die Großmutter verstand, es auch ihr mitteile.

Daß sein Liebling unbeschädigt aus einer so schweren Gefahr hervorgegangen war, that dem Didymus wohl, und doch blieb er von schwerer Besorgnis belastet. Auch der Baumeister befürchtete das Schlimmste.

Durch die Versicherung, ungesäumt hieher zurückzukehren und eingehende Nachrichten zu bringen, wenn er sich selbst über das Ergehen des Freundes und seiner Braut überzeugt haben würde, bestimmte er den Greis, von dem nächtlichen Gange durch den Sturm abzusehen.

Der Student Philotas bat feuchten Auges, ihn als Boten oder wozu auch immer zu benützen, doch Didymus befahl ihm, zur Ruhe zu gehen. Es werde sich schon eine Gelegenheit für ihn finden, gut zu machen, was er so leichtfertig verschuldet.

Es war in dem stillen Gelehrtenheim um die Nachtruhe geschehen, und als Gorgias sich entfernt und Didymus den Wunsch Helenas, sich von dem alten Pförtner zu der Schwester führen zu lassen, abgeschlagen hatte, blieb der Greis mit der Gattin im Tablinum allein.

Es war ihr nur mitgeteilt worden, daß Diebe ihre Enkelin Barine angefallen und ihren Verlobten leicht verwundet hätten, doch sagte ihr das Herz und das Verhalten des mit ihr ergrauten Gefährten, daß man ihr manches verheimliche. Sie hätte gern klar gesehen, doch dem Didymus wurde es schwer, ihr eine längere Mitteilung mit lauter Stimme zu machen, und sie brachte darum die Sehnsucht nach der vollen Wahrheit zum Schweigen. Um die Mitteilung des Baumeisters abzuwarten, legten sie sich noch nicht zur Ruhe.

Didymus hatte sich auf einem Lehnstuhle niedergelassen, und Frau Doris saß in seiner Nähe an der Spindel, ohne die Fäden von der Kunkel zu ziehen. Wenn sie den Gatten seufzen und das Haupt in die Hände verbergen sah, trat sie ihm nur, so sauer es ihr auch fiel, auf den Stock gestützt näher und strich ihm mit der Hand über den halbkahlen Scheitel. Dabei fand sie Worte, die ihm gut thun mußten, und als der sorgenvolle und bekümmerte Ausdruck doch nicht aus seinem faltenreichen Gesichte weichen wollte, redete sie ihm mit der stockenden und doch warmen Stimme zu, indem sie ihn erinnerte, wie oft sie schon gedacht hätten, verzweifeln zu müssen, und wie es dann doch wieder gut geworden sei.

»Sieh, Alter,« fuhr sie fort, »ich weiß ja, daß es wieder recht schwarze Wolken sind, die über uns hängen, und kann sie mir nicht einmal recht vorstellen, weil ihr sie mir nur von weitem zeigt. Aber daß sie uns mit Schwerem bedrohen, das fühl' ich. Und doch, doch. Was können sie uns anhaben, wenn wir nur fest zusammenhalten, wir beiden Alten und die Kinder der Kinder, die Hades uns raubte. Man wird doch nur alt beisammen, um zu erkennen, daß das Dasein ein Haupt hat mit vielen Gesichtern. Das garstige von heute kann es so wenig lange behalten wie Du diese tief gefurchte Stirn. Um meinetwillen brauchst Du Dir keinen Zwang anzuthun, Alter. Laß sie nur so. Ich brauche nichts als die Augen zu schließen, um zu sehen, wie faltenlos schön sie einst war in der Jugend und wie freundlich sie dreinschauen wird, wenn die besseren Tage erst sagen: ›Hier sind wir!‹«

Da küßte er ihr mit einem wehmütigen Lächeln den ergrauten Scheitel und rief ihr in das weniger taube linke Ohr:

»Wie jung Du doch immer noch bist, Alte!«

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