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Kleopatra

Georg Ebers: Kleopatra - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorGeorg Ebers
titleKleopatra
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
printrunZweite Auflage
year1894
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20140428
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Achtes Kapitel

Der Epikur ging vor dem Tempel des Poseidon vor Anker. Der Mannschaft war Verschwiegenheit auferlegt worden. Sie hatte ohnehin nichts erfahren, als daß an Bord des Piraten ein Brief des Antonius gefunden worden sei, der eine Mauer auszurichten befehle. Das konnte als gutes Zeichen aufgefaßt werden; denn man denkt nur an Bauen, wenn man ruhigen Zeiten entgegenschaut.

Der leichte Regen hatte aufgehört, der Wind aber wehte kräftiger von Norden her, und die Luft war kühl geworden. Dennoch bedeckte eine dichte auf und nieder wogende Menschenmenge den Quai vom südlichen Ende des Heptastadiums an bis zur Lochias. Am stärksten war das Gedränge zwischen der Landspitze des Choma und dem Sebasteum; denn von hier aus ließ die See sich gewahren, und in die mit dem Palaste verbundene Wohnung des Regenten mußten die ersten Nachrichten gelangen.

Hundert einander widersprechende Gerüchte hatten sich schon am Morgen erhoben, und als der Epikur in der dritten Nachmittagsstunde landete, war er von dichten Menschenscharen umdrängt worden, die hören wollten, was er draußen erspäht. Andere Schiffe teilten dies Schicksal, doch keines brachte zuverlässige Kunde.

Zwei Schnellsegler von der Kriegsflotte wollten auf eine samische Triere gestoßen sein, die von einem großen Siege des Antonius zu Lande und der Kleopatra zu Wasser erzählt habe, und da der Mensch am liebsten glaubt, was er wünscht, zogen Scharen von laut jubelnden Männern und Weibern am Ufer hin und her, und ihre Zuversicht stärkte auch manchem Bedenklichen die Hoffnung. Besonnene, die das lange Ausbleiben des ersten Schiffes von der Flotte mit Recht beunruhigte, hatten den üblen Nachrichten das Ohr geöffnet und sahen bang in die Zukunft. Aber sie scheuten sich, ihrer Besorgnis Ausdruck zu geben; denn der Vorsteher einer Goldstickerei, der es gewagt hatte, das Volk vor vorzeitigem Jubel zu warnen, war übel zerschlagen nach Hause gehinkt, und zwei andere Schwarzseher, die man in die See geworfen, hatte man eben triefend ans Land gezogen.

Man konnte dem Volke auch die gute Zuversicht kaum verdenken; denn am Serapeum, am Theater des Dionysus, an den hohen Pylonen des Sebasteums, am Hauptthore des Museums, vor dem Eingange des Bruchium-Palastes und vor den burgartigen Schlössern auf der Lochias wurden Triumphbogen errichtet, mit schnell hergestellten Siegesgöttern und Trophäen von Gips und gegipsten Tüchern, glückwünschenden und den Göttern dankenden Inschriften, Laubwerk und Blumengewinden geschmückt. Die Bekränzung der ägyptischen Pylonen und Obelisken, der Haupttempel und der beliebtesten Bildsäulen in der Stadt hatte schon in der Nacht begonnen. Jetzt wurde die letzte Hand an diese Arbeit gelegt.

Wie sein Freund Dion hatte der Architekt Gorgias seit dem gestrigen Abend kein Auge geschlossen; denn ihm hatte es obgelegen, für den gesamten Schmuck des Bruchium zu sorgen, wo sich ein Prachtbau an den andern reihte.

Auch im Sebasteum, dem königlichen Palaste, den Iras während der Abwesenheit der Königin bewohnte, und in dem seiner Südfront gegenüberliegenden Prätorium mit der Amtswohnung des Regenten hatte der Schlaf die Lager geflohen.

Als Archibius zu der Kammerfrau der Königin geführt wurde, erschreckte ihn ihr Aussehen. Sie war noch vorgestern sein Gast in Kanopus gewesen, und wie hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert! Ihr ohnehin längliches Antlitz schien sich gestreckt zu haben, die Züge schienen schärfer geworden zu sein, und die Siebenunddzwanzigjährige, die bis dahin den vollen Reiz der Jugend bewahrt hatte, schien plötzlich um ein Jahrzehnt gealtert. Es lag etwas fieberhaft Gespanntes in ihrem Wesen, als sie dem Oheim die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte und ihm ein hastiges: »Auch Du bringst nichts Gutes?« zurief.

»Auch nichts eigentlich Schlimmes,« versetzte er ruhig. »Aber Dein Aussehen, Kind, die Schatten unter den klugen Augen gefallen mir nicht. Ihr habt Nachrichten erhalten, die Besorgnis erregen?«

»Mehr als das,« entgegnete sie leise.

»Nun?«

»Lies!« stieß sie hervor, und um Mund und Nase zuckte es, während sie Archibius ein Täfelchen reichte.

Mit einer ihm sonst fremden Hast nahm er es ihr aus der Hand, und während er die Schrift überflog, wich ihm das Blut aus Wangen und Lippen.

Sie stammte von der eigenen Hand Kleopatras und enthielt die folgenden Sätze:

»Die Seeschlacht ging verloren. Durch meine Schuld. Das Landheer könnte uns noch retten, aber nicht unter seiner Führung. Er ist bei mir, unverwundet, doch wie verblutet, ein anderer als er selbst, mutlos, thatenlos, wie gebrochen. Ich sehe den Anfang des Endes. Sobald dies zu Dir gelangt, sorge, daß uns jeden Abend von Sonnenuntergang an einige unscheinbare Sänften erwarten. Das Volk ist im Glauben zu erhalten, wir hätten gesiegt, bis es sich entschieden, wie sich Canidius und die Truppen auf dem Lande bewährten. Wenn Du die Kinder in meinem Namen küssest, so sei zärtlich. Wer weiß, wie bald sie verwaist sind. Jetzt schon haben sie eine unglückliche Mutter, einer mutlosen gedenken zu müssen, bleibt ihnen erspart. Außer denen, die ich mit Vollmachten zurückließ, und dem Archibius ziehe keinen ins Vertrauen, auch nicht den Cäsarion oder Antyllus. Trage Sorge, daß jeder, dessen Beistand mir schätzenswert scheint, erreichbar sei, wenn ich komme. Mit dem alten ›freue Dich‹ zu schließen geht nicht an, – das ›frischer Mut‹ »Freue Dich« und »frischer Mut« ist auf vielen Leichensteinen zu lesen., das man ja auch auf die Leichensteine setzt, scheint mir besser am Platze. Du, die mich im Glücke nicht beneidete, wirst es nicht von Dir weisen, mir das Unglück tragen zu helfen. Epikur, der die Götter nur aus seliger Höhe thatenlos auf das Schicksal der Menschen niederschauen läßt, hat recht. Wäre es anders, wie könnte die Liebe und Treue, die an der unterlegenen Unglücklichen festhält, mit Herzweh und Thränen belohnt werden? Trotzdem! Fahret fort, sie zu lieben.«

Bleich und wortlos ließ Archibius das Schreiben sinken. Es dauerte lange, bevor er heiser hervorstieß: »Ich sah es voraus, doch nun es da ist ...« Hier stockte ihm die Stimme und ein heftiges, thränenloses Schluchzen erschütterte ihm den gewaltigen Leib.

Auf eine Ruhebank niedersinkend, verbarg er das Antlitz in das Polster.

Iras sah zu dem großen Manne herab und schüttelte leise das Haupt.

Auch sie liebte die Königin, auch ihr hatte diese Nachricht die Augen mit Thränen gefüllt, aber während sie noch weinte, war ihr eine Schar von Anschlägen, wie diesem Unheil zu begegnen sei, durch das rastlose Gehirn gejagt. Wenige Minuten nach dem Eintreffen der Unglückspost hatte sie schon mit den Stellvertretern der Königin Rats gepflogen und Maßregeln getroffen, um das Volk im Glauben an den Sieg der Flotte zu erhalten.

Was war sie, das zarte, nicht einmal mutige Mädchen, gegen diesen eisenharten Mann, der – sie wußte es – im Dienste der Königin den schwersten Gefahren getrotzt hatte, – und da lag er und drückte immer noch wie gebrochen das Antlitz in die Kissen.

Schnellte die Frauenseele rascher in die Höhe, wenn sie die Wucht des schwersten Leides niedergedrückt hatte, oder war die ihre von besonderer Art, und barg ihr schwacher Leib das Herz eines Helden?

Sie hatte Grund, es zu glauben, wenn sie sich vergegenwärtigte, wie der Regent und der Siegelbewahrer die Schreckensbotschaft aufgenommen hatten. Verzweifelten gleich waren sie in dem großen Sitzungssaale auf und nieder gerannt; aber Mardion, der Halbmann, zählte nicht mit, und Zeno war ein charakterloser greiser Dichter, der der Königin nur so viel galt und die hohe Stellung, die er bekleidete, nur erreicht hatte, weil seine rege Einbildungskraft neue und immer neue Schaustellungen, Vergnügungen, Festspiele zu ersinnen und mit zauberhaftem Glanze durchzuführen verstand.

Doch Archibius, der mutige, besonnene Ratgeber und Helfer?

Da flogen ihm wieder die Schultern auf, als habe ein Hieb ihn getroffen, und plötzlich kam ihr in den Sinn, was sie ja lange wußte, doch sich nie recht vergegenwärtigt hatte: der ergraute Mann dort liebte Kleopatra, liebte sie, wie sie den Dion, und sie frug sich, ob sie stark genug gewesen wäre, die Ruhe zu bewahren, wenn sie gehört hätte, daß diesem ein grausames Geschick Leben, Freiheit und Ehre zu rauben drohte.

Sie hatte Dion von Stunde zu Stunde vergeblich erwartet, und er war doch gestern Zeuge ihrer Unruhe gewesen.

Hatte sie ihn gekränkt? Hielt die schöne Enkelin des Didymus ihn fest?

Wie ein großes Unrecht erschien es ihr, daß sie bei dem unsäglich schweren Mißgeschick der Herrin seiner und immerfort seiner gedachte! So wie sein Bild ihr Herz, so beherrschte das der Kleopatra Geist und Seele ihres Oheims, und sie sagte sich, daß nicht allein bei Frauen die Liebe sich nicht um die Lebensjahre, das braune oder ergrauende Haar kümmere.

Doch da richtete Archibius sich wieder auf, verließ die Ruhebank, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, und seine Stimme hatte den tiefen, gelassenen Ton zurückgewonnen, als er mit einem wehmütigen Lächeln anhob: »Wen ein Pfeil traf, der verläßt die Schlacht, bis man ihn verband. Mit mir ist der Wundarzt jetzt fertig. Immerhin hätte ich Dir dies klägliche Schauspiel ersparen sollen, Kind. Aber da stehe ich wieder zum Fortkämpfen bereit. Was der Brief Kleopatras über den Antonius berichtet, macht übrigens eine Nachricht verständlicher, die wir vorhin empfingen.«

»Wir?« fiel ihm Iras ins Wort. »Wer war Dein Begleiter?«

»Dion,« lautete die Antwort; doch als er beginnen wollte, die Erlebnisse dieser Nacht zu schildern, unterbrach sie ihn mit der Frage, ob Barine gestern eingewilligt habe, die Stadt zu verlassen.

Er bestätigte dies mit einem kurzen »Ja«, sie aber gab sich das Ansehen, als habe sie es nicht anders erwartet, und ersuchte ihn, weiter zu erzählen.

Nun teilte er ihr mit, was sie auf dem Piratenschiff erlebt und gefunden. Dion, schloß er, sei auf dem Wege, die Bestellung des Antonius seinem Freunde Gorgias zu überbringen.

»Das,« bemerkte sie in gereiztem Tone, »hätte jeder Sklave mit dem gleichen Erfolge besorgt. Hier, dächte ich, dürfte er mit besserem Rechte zuverlässige Nachricht erwarten. Doch so sind nun einmal die Männer!«

Hier stockte sie; als sie jedoch ein fragender Blick des Oheims traf, fuhr sie lebhaft fort: »Nichts, meine ich, bindet sie fester aneinander als das gemeinsame Vergnügen. Doch es soll ja jetzt damit vorbei sein. Sie werden nun andere Zerstreuungen suchen, ob bei der Heliodora oder der Thaïs, mir kann es gleich sein. Wäre das Weib nur eher gegangen! Als sie den jungen Cäsarion sich einfing ...«

»Halt, Kind,« fiel ihr hier der Oheim abwehrend ins Wort. »Ich weiß, wie viel sie darum gäbe, wenn Antyllus ihr den Knaben nicht zugeführt hätte.«

»Jetzt, – da die Raserei des armen Bethörten sie bang macht.«

»Nein, von seinem ersten Besuch an. Unreife Knaben passen nicht zu den erlesenen Männern, die sie empfing.«

»Wer die Thür stets aufhält, dem dringen auch Diebe ins Haus.«

»Sie nahm nur bewährte Bekannte auf und die Freunde, die ihr von ihnen zugeführt wurden. Anderen blieb ihr Haus fest genug verschlossen. Es hatte darum keine Not mit den Dieben. Aber wer in Alexandria dürfte es wagen, einem Sohne der Königin das Gastrecht zu weigern?«

»Zwischen einem ruhigen Empfang und dem Anfachen einer Leidenschaft bis zur Tollheit dehnt sich ein weiter Raum aus. Wo ein Scheiterhaufen brennt, hat ihn wenigstens ein Funke entzündet. Ihr Männer nehmt nicht wahr, wie solche Frauen es treiben. Ein Blick, ein Druck der Hand, eine Berührung nur mit dem Gewande, und die Flamme schlägt aus, wo so trockener Zündstoff bereit liegt.«

»Beklagen wir die Heftigkeit des Brandes,« sagte Archibius ernst. »Du bist der Barine übel gesinnt.«

»Ich fühle so wenig für sie wie die Ruhebank hier für die Herme dort auf der Straße!« rief Iras mit abweisendem Hochmut. »Es gibt nichts, was einander fremder wäre als wir. Ich und die Frau mit der offenen Thüre haben nichts miteinander gemein als das Geschlecht.«

»Und,« fiel ihr Archibius verweisend ins Wort, »manche schöne Gabe, die ihr wie Dir die Götter verliehen. Was die offene Thür angeht, so ward sie schon gestern geschlossen. Die Diebe, von denen Du sprachst, hatten ihr die Freude an der Gastlichkeit verdorben. Antyllus war ihr mit frechem Ungestüm ins Haus gedrungen. Das ließ für die Zukunft noch Unerhörteres befürchten. In wenigen Stunden ist sie auf dem Wege nach Irenia. Das freut mich für den Cäsarion und mehr noch für seine Mutter, der wir unrecht thaten, da wir ihrer um einer andern willen so lange vergaßen.«

»Daß wir es thun mußten!« rief Iras erregt. »Heute in dieser Stunde, in der der Königin jeder Tropfen dieses Blutes, jeder Gedanke dieses armen Kopfes gehören sollte! Und doch war es nicht zu umgehen. Mit einem Herzen, worin hundert Wunden bluten, kehrt Kleopatra zu uns zurück, und zu denken, daß es, sobald sie den heimischen Boden betritt, von einem neuen Pfeile getroffen werden soll, das ist gräßlich. Du weißt, wie sie an dem Knaben hängt, der das Ebenbild des großen Mannes ist, mit dem sie doch wohl die seligsten Wonnen der Liebe genoß. Und wenn sie nun hört, daß er, der Sohn des Cäsar, das junge Herz an die verstoßene Frau eines Stegreifredners hängte, an ein Weib, dessen Haus die Männer anlockt wie die reifen Datteln die Vögel, – wie Salz – ich weiß es – fällt es ihr in die frischen Wunden. O, und es wird bei dem einen Kummer nicht bleiben! Antonius, ihr Gemahl, fand auch den Weg zu der Barine. Mehr als einmal suchte er sie auf. Du kannst es nicht wissen wie ich; aber Charmion wird es Dir bestätigen, wie empfindlich ihr Herz ist, seit die Blüte ihres jugendlichen Zaubers – ihr freilich nehmt es nicht wahr! – ein Blatt nach dem andern verliert. Die Eifersucht wird sie quälen, und – ich kenne sie – vielleicht erwies niemand der Sirene einen größeren Dienst als ich, da ich sie nötigte, diese Stadt zu verlassen.«

Die Augen der klugen Nichte des Archibius hatten bei dieser Versicherung so feindselig gefunkelt, daß Archibius mit gerechter Besorgnis der Tochter des verstorbenen Freundes gedachte. Was Barine noch nicht als ernste Gefahr drohte, in der Hand seiner Nichte lag es, es dazu zu machen.

Dion hatte ihn um Verschwiegenheit gebeten; wäre ihm aber auch gestattet gewesen, zu reden, er hätte es jetzt doch unterlassen. Wie er Iras kannte, war von ihr anzunehmen, daß sie, wenn sie jetzt erfuhr, eine andere habe sich zwischen sie und den Jugendfreund gedrängt, kein Mittel scheuen werde, um ihnen das Spiel zu verderben. Die edle makedonische Jungfrau kam ihm in den Sinn, die die Königin ihr vorzuziehen begonnen und die sie durch feindselige Ränke in den Tod getrieben hatte. Klüger und, wenn sie einmal liebte, treuer und hingebender, schmiegsamer und in guten Stunden fesselnder mochten wenige sein, doch schon als Kind war sie lieber den krummen als den geraden Weg gewandelt. Es war gewesen, als habe ihre Klugheit es verachtet, das Gewünschte mit den einfach zur Hand liegenden Mitteln zu erreichen. Wie gern hatte seine Mutter und zweite Schwester Charmion für die Sklaven gesorgt und sie, wenn sie krank gewesen waren, gepflegt; ja Charmion hatte in ihrer nubischen Zofe Anukis eine Freundin gewonnen, die für sie in den Tod gegangen wäre. Auch der Kleopatra war es als Kind eine Herzensfreude gewesen, der erkrankten greisen Schaffnerin seiner Eltern Blumen zu bringen und an ihrem Bette zu sitzen, um ihr durch ihr anmutiges Geplauder die Zeit zu verkürzen. Unaufgefordert war sie zu ihr gegangen, während Iras nicht selten hatte gestraft werden müssen, weil sie in ihrem auch an Sklaven reichen Elternhause diesen Unglücklichen das ohnehin schwere Leben durch unbillige Härte verbitterte. Das hatte den Oheim mit Besorgnis erfüllt, und auch später war es ihr Verhalten gegen Niedere gewesen, das es ihm unmöglich machte, sie zu den Guten ihres Geschlechtes zu zählen. Um so froher hatte ihn die treue, selbstlose Liebe überrascht, mit der sie sich dem Dienste der Königin widmete. Kleopatra hatte seiner Schwester Charmion den Wunsch erfüllt, ihr die Nichte zur Gehilfin zu geben, und Iras, die gegen die eigene treue Mutter nie eine liebreiche Tochter gewesen war, hatte sich der Herrin mit innigster Zärtlichkeit ergeben. Das rechnete Archibius ihr hoch an, aber er wußte, was dessen wartete, den ihr Haß sich zum Ziel erwählte, und die Befürchtung, Barine werde durch sie in schwere Gefahren gestürzt werden, gesellte sich zu der größeren Sorge um Kleopatra.

Als er in der trüben Ueberzeugung, machtlos gegen den üblen Willen der Nichte zu sein, aufbrechen wollte, hielt ihn ihre Vorstellung zurück, daß jede neue Nachricht zuerst in das Sebasteum und zu ihr gelange. Es könne auch leicht etwas kommen, was zu entscheiden seinem besonnenen Geiste besser gelingen werde als dem ihren, der ihr ohnehin vorkomme wie ein durch Steinwürfe getrübtes flaches Gewässer.

Die Wohnung seiner Schwester Charmion, die ein Gang mit der ihren verband, stand leer. Dort, bat sie ihn, möge er ein wenig rasten. Die Unruhe und Angst ihres Herzens drohe sie umzubringen. Ihn in der Nähe zu wissen, werde die größte aller Wohlthaten für sie sein.

Als Archibius zauderte, weil es seine Pflicht sei, dem Cäsarion, auf den er einigen Einfluß habe, ans Herz zu legen, von seinen thörichten Wünschen schon aus Liebe zu der Mutter zu lassen, versicherte Iras, er werde ihn nicht finden. Mit dem Antyllus und einigen Freunden sei er auf der Jagd. Sie habe dies Vorhaben gebilligt; denn es entferne ihn von der Stadt und dem verhängnisvollen Hause der Barine.

»Da die Königin ihn noch nicht von dem Schrecklichen unterrichtet wissen will,« schloß sie, »hätte uns seine Anwesenheit nur Verlegenheiten bereitet. Bleibe also, und wenn es dunkelt, fährst Du mit auf die Lochias. Ich denke, daß es der Unglücklichen lieb sein wird, beim Betreten des Landes Dein vertrautes Gesicht zu sehen, das sie an bessere Tage erinnert. Erweise mir die Wohlthat und bleibe!«

Damit streckte sie ihm beide Hände entgegen, und er willigte ein.

Das Mahl wartete, und er teilte es mit der Nichte; doch die auserlesenen Speisen wurden von ihr gar nicht, von ihm nur wenig berührt. Ohne den Nachtisch abzuwarten, erhob er sich, um sich in die Gemächer seiner Schwester zu begeben. Aber Iras nötigte ihn, auf dem Diwan im Nebenzimmer auszuruhen, und er that ihr den Willen. Doch wie weich auch die Polster waren und wie sehr ihn nach Schlaf verlangte, er konnte ihn nicht finden; denn die Unruhe der Seele hielt ihn wach, und durch den Vorhang, der das Zimmer, worin Iras sich aushielt, von dem seinen trennte, hörte er bald den leichten Schritt des ruhelos auf und ab wandelnden Mädchens, bald das Kommen und Gehen von Boten, die nach neuen Nachrichten frugen.

Das ganze vergangene Leben zog ihm an dem inneren Auge vorüber. Kleopatra war seine Sonne gewesen, und jetzt stand das schwarze Gewölk am Himmel, das ihr Licht verfinstern sollte, vielleicht auf immer. Er, der Jünger des Epikur, der erst in späteren Jahren sich auch anderen Lehren angeschlossen hatte, faßte die Götter im Sinne des Meisters. Wie jenem, so waren sie auch ihm in seliger Ruhe sorglos sich selbst genügende, unsterbliche Wesen, zu denen man nur um ihrer vollkommenen Herrlichkeit willen aufzuschauen habe, die sich aber weder um die Leitung der Welt kümmerten, die von ewigen Gesetzen bestimmt wurde, noch um das Schicksal der einzelnen Menschen. Wäre er vom Gegenteil überzeugt gewesen, wie gern hätte er hingegeben, was er besaß, um die Himmlischen durch Opfer günstig für diejenige zu stimmen, der er das Leben und was in und an ihm war, weihte.

Wie es Iras umhertrieb, so ließ es ihm keine Ruhe auf dem Lager, und als sie seinen Schritt vernahm, rief sie ihn an und frug, warum er nicht nachholte, was er an Schlaf versäumt habe. Man könnte nicht wissen, welche Anforderungen die nächsten Nächte an sie stellen würden.

Da versetzte er gelassen: »Sie werden mich wach finden.«

Dann trat er an das Fenster, das über dem Pylonenpaare vor der Hauptfront des Sebasteums gelegen war und auf das Bruchium und das Meer hinausschaute.

Im Hafen wimmelte es jetzt von bekränzten, mit bunten Flaggen und Wimpeln geschmückten Fahrzeugen in jeder Größe. Das Gerücht von dem glücklichen Ende der ersten Seeschlacht wurde geglaubt, und viele verlangte es, die siegreiche Flotte zu begrüßen und ihrer Führerin bei der Einfahrt in den Hafen zuzujauchzen.

Auf dem Lande zwischen den freistehenden hohen Pylonen und dem großen Thore, das Einlaß in das Sebasteum gewährte, hatten sich gleichfalls viele Menschen, Sänften und Fuhrwerke versammelt. Sie gehörten den vornehmen Kreisen der Stadt an; denn den meisten folgten reich gekleidete Sklaven. Viele waren köstlich bekränzt, und mancher Wagen und Tragstuhl mit goldenem und silbernem Zierat, Edelsteinen und glänzendem Glasfluß geschmückt. Ein lebhaftes Hinundher kam vor dem Palast nicht zur Ruhe, und Iras, die jetzt neben dem Oheime stand, wies darauf nieder und sagte: »Der Wind des Gerüchts! Gestern kam nur einer oder der andere, heute drängen sich alle, die zu der Gesellschaft der ›unnachahmlichen Lebenskünstler‹ gehörten, selbst hierher, um eine Nachricht zu erhaschen. Der Sieg ward verkündet auf dem Markte, im Theater, in den Gymnasien und Lagern. Was Kränze oder Waffen trägt, hörte von einer gewonnenen Schlacht. Gestern war unter Tausenden kaum einer, der an dem Siege gezweifelt hätte; – heute aber, wie kommt das? – ist selbst unter denen, die als ›Unnachahmliche‹ alle Freuden, Genüsse, Schaustellungen unseres hohen Paares teilten, der Glaube erschüttert; denn waren sie fest überzeugt von dem ›glänzenden Siege‹, der doch laut genug verkündigt wurde, sie kämen nicht selbst, um zu fragen, zu spähen, zu horchen. Sieh nur hinunter! Das ist die Sänfte des Diogenes – das die des Lysander. Der Wagen dort gehört dem Alexander. Die Sklaven in den roten Bombyxröcken dienen dem Hermias. Sie gehören sämtlich zu der Gesellschaft der Unnachahmlichen und hatten teil an unseren Festen. Derselbe Apollonius, der jetzt schon eine halbe Stunde die Dienerschaft im Palast auszuforschen sucht, ließ vorgestern dem Ares, der Nike und der großen Isis, als der Göttin der Königin, je fünfzig Ochsen schlachten, und als ich ihn im Tempel traf, rief er mir zu, diese That sei sein größter Verschwenderstreich; denn auch ohne das Rindvieh wären Kleopatra und Antonius des Sieges gewiß. Jetzt aber führte auch bei ihm der Wind des Gerüchtes die schöne Zuversicht mit sich fort. – Sie dürfen mich nicht sehen. Die Thorhüter sagen, ich sei auf dem Lande. Zu Grunde würde ich gehen bei dem Zwang, jedem ein siegesfrohes Gesicht zu zeigen. Da tritt Apollonius heraus. Wie das feiste Gesicht ihm leuchtet! Er glaubt an den Sieg, und vom Untergang der Sonne an wird von diesen dort sich keiner mehr hier zeigen; denn da erteilt er schon den Sklaven Befehle. Er lädt sie alle zum Gastmahl und wird seine köstlichsten Weine nicht sparen. Vortrefflich! Von ihnen wenigstens kann niemand uns stören! Dion ist sein Vetter, und auch er gehört zu den Gästen. Was diese Festfreunde uns wohl zu erfahren geben werden, wenn es sich mit der schrecklichen Wahrheit abzufinden gilt?«

»Sie werden, denk' ich,« versetzte Archibius, »der Welt ein merkwürdiges Schauspiel bieten: Im Glück gewonnene Freunde, die festhalten im Unglück.«

»Du meinst?« frug Iras und die Augen leuchteten ihr hell auf. »Wenn das sich bewährte, wie wollt' ich sie, von denen die meisten doch ohne ihren Reichtum ärmer wären als Bettler, schätzen und preisen! Aber sieh dort hin! Der in dem weißen Mantel neben dem linken Obelisken, – ist es nicht Dion? Da drängt ihn die Menge mit fort ... Ich glaube, er war es.«

Sie hatte indes falsch gesehen; denn der Mann, dessen Erscheinen sie wahrgenommen zu haben meinte, weil ihr Herz es so dringend ersehnte, befand sich nicht in der Nähe des Sebasteums, und noch ferner von ihr weilten seine Gedanken.

Zuerst hatte er sich aufgemacht, um dem Baumeister den für ihn bestimmten Brief zu übergeben. Bei den Triumphbogen, die am Strande des Bruchiums entstanden, mußte er ihn finden. Doch schon bei dem ersten erfuhr er, er sei gegangen, um die Statue der Kleopatra und des Antonius vom Hause des Didymus, wo sie stehen geblieben war, abzuholen und sie vor dem Theater des Dionysus aufzustellen. Der Regent Mardion habe es so befohlen, und Gorgias schon für die Herstellung des Unterbaues gesorgt.

Die großen Quadern, deren er dazu bedurfte, wären von dem Nemesistempel, dessen Bau er leitete, genommen worden. So viel Staatssklaven er nur wolle, stünden ihm zur Verfügung, berichtete der oberste Werkführer des Gorgias und fügte stolz hinzu, der Baumeister werde, bevor die Sonne untergehe, den Alexandrinern das Wunder gezeigt haben, wie man an einem Tage eine Doppelstatue von einem Orte zum andern bewege und so fest aufstelle, wie die tausendjährigen Kolosse von Theben.

Vor dem Garten des Didymus fand Dion die Bildsäule zum Aufbruche bereit; der Baumeister aber hatte die Sklaven, die schon die Rollen vor den Schlitten gelegt hatten, auf dem er fortbewegt werden sollte, eine gute Weile warten lassen.

Er war jetzt zum drittenmal im Hause des alten Philosophen. Zuerst hatte er ihn und die Seinen benachrichtigen müssen, daß ihrem Besitz nichts mehr drohe, dann war er gekommen, um ihnen mitzuteilen, zu welcher Stunde er die Bildsäule fortschaffen werde, die immer noch viele Neugierige heranzog, und endlich hatte er sich wieder eingestellt, um zu melden, daß die Statue sogleich fortgeschafft werden sollte. Das alles hätte sein Bauführer oder ein Sklave sehr wohl ausrichten können, doch Helena, die Enkelin des Didymus, die Schwester Barines, zog ihn wieder und wieder in das Haus des Greises. Um ihretwegen wäre er gern noch öfter gekommen; denn bei jeder Begegnung hatte er neue Vorzüge an der schönen, stillen, umsichtigen, die alten Großeltern so zärtlich bedienenden Jungfrau entdeckt. Er glaubte, daß er sie liebt, und sie schien ihn gern kommen zu sehen. Aber das berechtigte ihn noch nicht, um sie zu werben, obgleich für sein leeres großes Haus eine Herrin so nötig gewesen wäre. Sein Herz hatte schon für zu viele geglüht! Er wollte erst sehen, ob es diesmal fester standhalten würde. Eine Gattin, die besser für ihn paßte, konnte er nicht finden. Gelang ihm das Treuehalten auch nur etliche Tage, dann wollte er sich gleichsam dafür belohnen und als Freier vor den Didymus treten.

Sein häufiges Kommen entschuldigte er vor sich selbst mit der Notwendigkeit, die künftige Gemahlin kennen zu lernen, und Helena erleichterte ihm diese Aufgabe; denn das ihr sonst eigene zurückhaltende Wesen schwand mehr und mehr von ihr; ja das große Zutrauen, das er ihr von vornherein eingeflößt hatte, war infolge seines thatkräftigen Beistands gewachsen. Als er vorhin wieder kam, hatte sie ihm sogar die Hand aus freiem Antrieb entgegengestreckt und sich nach dem Fortgange der Arbeit erkundigt.

Er war mit Geschäften überhäuft, doch die Unterhaltung mit ihr bereitete ihm solches Vergnügen, daß er ihr länger, als er es zu jeder andern Zeit unter den gleichen Umständen für recht gehalten hätte, Rede stand und es für eine unliebsame Störung ansah, als Barine, für die er gestern noch so warm empfunden hatte, das Tablinum betrat.

Die junge Frau ließ es dazu keineswegs bei einer kurzen Begrüßung, sondern entzog ihm Helena ganz und gar. So stürmisch, wie er sie noch nie gesehen, umarmte und herzte sie die Schwester und teilte ihr in fliegenden Worten mit, daß sie gekommen sei, um von den Lieben im großelterlichen Hause Abschied zu nehmen.

Frau Berenike war mit ihr erschienen, hatte sich aber zuerst zu dem alten Paare begeben.

Während Barine der Helena sowie auch ihm eingehender mitteilte, wie das alles so rasch gekommen, verglich Gorgias schweigend die Schwestern. Er fand es begreiflich, daß er einmal gemeint hatte, Barine zu lieben; aber zu seiner Hausfrau hätte sie doch nicht getaugt. Das Leben an ihrer Seite wäre zu einer Kette von eifersüchtigen Regungen und Besorgnissen für ihn geworden und sie, deren anregende Bemerkungen und wißbegierige Fragen die ganze Aufmerksamkeit erforderten, hätte ihn, wenn er ermüdet von schwerer Arbeit heimkehrte, die Ruhe nicht finden lassen, nach der er sich dann sehnte. Als habe er den Abstand zweier neu aufgestellten Gäulen zu prüfen, wanderte sein Auge von ihr zu der Schwester, und die junge Frau, die sein sonderbares Verhalten wahrnahm, lachte plötzlich fröhlich auf und frug, ob es zu wissen gestattet sei, bei welchem Bau er im Geiste weile, während eine gute Freundin berichte, daß es nun mit den hübschen Stunden in ihrem Hause vorbei sei.

Da fuhr er auf, und aus der Entschuldigung, die er hervorstammelte, ging so sicher hervor, wie unaufmerksam er ihr zugehört habe, daß Barine Grund gehabt hätte, es als Kränkung zu empfinden. Doch ein Blick auf die Schwester und ein neuer auf ihn ließ sie schnell das Rechte erraten. Es erfreute sie; denn sie schätzte den Gorgias, und im stillen hatte sie befürchtet, ihn, wenn er um sie werben werde, mit einer Ablehnung betrüben zu müssen. Für die Schwester schien er ihr wie geschaffen. Ihr Eintritt hatte die beiden doch wohl gestört, und so rief sie der Helena zu: »Ich suche die Mutter und die Großeltern auf. Unterhalte Du inzwischen den Freund hier. Wir kennen uns gut. Er gehört zu den wenigen, auf die Verlaß ist. Meine redliche Meinung, Baumeister! Und Du, Helena, laß Dir's gesagt sein!«

Damit begrüßte sie beide, und Gorgias war wieder mit dem geliebten Mädchen allein. Ihm wie ihr fiel es schwer, das Gespräch neu zu beginnen, und als es trotz manchen Anlaufes keinen rechten Fortgang finden wollte, erschien ihm der Ruf des Vogtes, der ihm durch die offene Decke, zur Arbeit mahnend, ans Ohr drang, wie eine Erlösung. Indem er so lebhaft, als sei er darum gebeten worden, versprach, bald wieder zu kommen, verabschiedete er sich und öffnete die in das Nebenzimmer führende Thür.

Aber schon auf der Schwelle prallte er zurück, und Helena, die ihm gefolgt war, that das Gleiche; denn da stand sein Freund Dion, und das schöne Haupt Barines lehnte an seiner Brust, und seine Hand ruhte wie zum Segen auf ihrem blonden Scheitel. Und – nein, Gorgias irrte nicht – der schlanke Körper der schönen Frau, von deren frischer Daseinslust er sich selbst und andere so oft hatte mit fortreißen sehen, zitterte wie von tiefer, schmerzlicher Bewegung erschüttert.

Als Dion den Freund wahrnahm, sie aber das Haupt erhob und ihm das Antlitz zuwandte, war es wirklich von Thränen benetzt, doch ihr Quell konnte kein Leid sein; denn die blauen Augen leuchteten in glückseligem Glanze.

Dennoch fand Gorgias etwas in ihren Zügen, das er mit keinem Worte zu benennen vermochte und das der Abglanz der heißen Dankbarkeit war, die ihr die Seele ergriffen hatte und sie bis zum Rande erfüllte.

Dion war, während er den Baumeister suchte, der Barine begegnet, wie sie sich zu den Großeltern begab, und was er gestern gefürchtet hatte, traf ein.

Der erste Blick ihres Auges, von dem das seine getroffen worden war, hatte ihm das entscheidende Wort auf die Lippen gezwungen.

In kurzen, ernsten Worten gestand er ihr dann tief bewegt, daß er sie liebe und sie als den Stolz und die Zier seines Hauses zu der Seinen zu machen begehre.

Da waren ihr im Uebermaß der Glückseligkeit die Augen übergeflossen, und als stehe sie unter dem Banne eines großen Wunders, das für sie geschehen, hatte sie kein Wort der Entgegnung gefunden; er aber war ihr nahe getreten, hatte ihre Rechte mit beiden Händen ergriffen und ihr aufrichtig gestanden, wie er mit dem Bilde der strengen Mutter vor Augen geschwankt und gezaudert, bis die Liebe übermächtig in ihm geworden. Jetzt frage er sie voll des wärmsten Zutrauens, ob sie einwillige, zur Ehre und zum Schmuck seines alten Hauses als seine Herrin darin zu walten. Er wisse, daß ihr Herz ihm gehöre, eins aber müsse er noch aus ihrem Munde vernehmen ...

Da hatte sie ihn mit dem Rufe unterbrochen: »Das Eine: nur für Dich und Dich allein darf und will Dein Weib leben in Freud und Leid. Die ganze Welt kann für sie untergehen, nun Du sie zu Dir erhebst und sie Dein ist.«

Ihm aber war es nach dieser Versicherung, die wie ein Eidschwur geklungen hatte, gewesen, als sei ihm eine Last von dem hochschlagenden Herzen gefallen, und indem er sie mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in die Arme schloß, hatte er wiederholt: »In Freud' und Leid!«

So wurden sie von Gorgias und Helena gefunden, und der Baumeister erfuhr zum erstenmale und nicht ohne einiges Erstaunen, daß es keinen Unterschied gibt zwischen dem eigenen Glück und dem eines geliebten Menschen.

Seine Freundin Helena schien das Gleiche zu empfinden, als sie sah, was dieser Tag der Schwester schenkte, und in dem von Unruhe und mancher Befürchtung und Sorge heimgesuchten Hause des alten Philosophen wurde es bald laut von frohen, glückwünschenden Stimmen.

Der Baumeister fühlte sich nicht mehr am Platze in diesem von einer großen gemeinsamen Freude ergriffenen vertrauten Kreise, und nachdem Dion ihm eine kurze Erklärung gegeben hatte, hörte man bald von draußen her die laute Stimme des Gorgias den Arbeitern gebieten.

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