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Kleinstadtluft. Provinzmädel Band 1

Felicitas Rose: Kleinstadtluft. Provinzmädel Band 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
authorFelicitas Rose
titleKleinstadtluft. Provinzmädel Band 1
publisherVerlag von Rich. Bong
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderlutz@lgeyer.de
created20161027
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Ach, prahlt doch nicht so mit Eurer Großstadt!!! Es ist gar nicht so einfach in einer kleinen Stadt geboren zu werden, sag' ich Euch! S'ist sogar ein ganz schwieriges Stück! Blitzsauber und blank muß schon erstens mal das Haus von oben bis unten sein, in dem du geboren wirst, am besten ist's aber, es unterscheidet sich nicht zu viel von den anderen, wenigstens äußerlich, – innerlich muß es geradezu mustergültig gehalten sein, und trotzdem wird dein Nachbar seins noch um mindestens für einen Thaler und 8 Groschen praktischer eingerichtet halten.

Und dann, wie vorsichtig mußt du in der Kleinstadt in der Wahl deiner Eltern sein! Am besten finde ich noch »Rittergutsbesitzer oder Waschfrau.« Der Rittergutsbesitzer wohnt zwar nicht in, aber dicht bei einer kleinen Stadt, und das ist eben gerade das Schöne. Sie können ihm nicht so in die Fenster sehen, die Kleinstadtleutchen, und wenn sie zu ihm herauskommen, dann hat er gerade erst große Wäsche gehabt, hat reine Gardinen aufgesteckt, und sich selbst von Kopf bis zu Fuß rein angezogen. Da ist dann nichts zu wollen. Er darf auch mehrere Kinder besitzen, denn man weiß ja, auf einem Rittergute wird man »von alleine« groß, da wächst einem ja alles »in den Hals«, ach – so'n Rittergutsbesitzer hat's gut! Hagelschlag und Viehsterben gelten nur so als kleine Abwechselungen, extra vom lieben Gott geschickt, damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Sonnabends kommt der Herr in die Stadt und trinkt im Hotel zur »Thüringer Edeltanne« (um Gotteswillen nicht in der »Traube« absteigen!!!) zwei Flaschen Rotwein, eine 1895 Margaux allein, und eine 1886 Latour mit dem Doktor, dem er bei der Gelegenheit gleich ein paar Ratschläge abhören kann, ohne Rechnung zu bekommen. Oft setzt sich auch noch der Rechtsanwalt, der Apotheker, der Amtsrichter, der Postdirektor, der Major und der »Herr« Rentier Schulze dazu, dann müssen noch mehr 1886er her, jedenfalls aber sitzt der Herr Rittergutsbesitzer nachher noch allein bei einer stillen Pommery und Greno, setzt dann einen Calmus-Bittern drauf und läßt sich »herauf« leuchten.

»Wünsche wohl zu ruhen, Herr Baron!«

Ach, er hat's gut!

Oder eine Waschfrau!

Eine Waschfrau darf eine Menge Kinder haben, die Beneidenswerte, ohne daß darüber gesprochen wird. Unsere Waschfrau hatte vierzehn, und sie waren alle gesund, hatten knallrote Backen, an denen noch am Abend das Möhrenmus klebte, das sie am Morgen gegessen, durften im Rinnstein liegen, um Pfennige, Murmeln und Nägel herauszusuchen, und brauchten nie Leberthran und Wurmpulver einzunehmen. Und dann die herrlichen Kleinstadtwochensuppen! Die kennt man ja kaum bei Euch! Die ganze Nachbarschaft, alle Freunde, Verwandte und Bekannte schicken Suppe, Braten, Eingemachtes, Pudding und Wein in das Haus der Wöchnerin, der Mann und die Kinder laben sich, die Kranke löffelt ihr Hafersüppchen, und freut sich über den Appetit der lieben Ihrigen, aber von dem Geflügel und dem Pudding bekommt sie auch ihr Teil, »das schad't ihr nischt, nur Rindsbraten macht Fieber,« sagt die »Schrödern«. Als unsere Waschfrau das »Vierzehnte« bekam, und mein Muttchen ihr mit dem Finger drohte, meinte die Frau: »Sähn Se, Frau Oberscht, diesmal sin Sie dran Schuld, der prachtvolle Pudding vom vorichten Jahr ging mer immerwährend im Koppe rum.« Diesem stichhaltigen Grunde gegenüber konnte Mütterchen auch nicht »nein« sagen, als ihr die Patenstelle bei dem kleinen Christian übertragen wurde, und auf diese Weise kamen wir ordentlich in eine Art verwandtschaftlichen Verhältnisses zu der Familie, oh – das Wort »Herr Gevatter, Frau Gevatterin« hat in einer kleinen Stadt gar bedeutsamen Klang. Aber Pudding bekam die Waschfrau nicht wieder.

 

Unsere Villa in Schwarzhausen lag ein klein wenig erhöht. »Uff'n sanften Berg«, sagte unser Johann. Es war aber kaum ein kleiner Hügel, doch wenn Johann »Berg« sagte, so war's eben ein Berg, Johann war Autorität in unserem Hause und in der Stadt, und wenn der Herr Bürgermeister im Ratssaal etwas beschloß, – den Gedanken wurde er nie los: »Was wird Johann dazu sagen!«

So erzählte mir wenigstens Johann. Er war ganz fest mit unserm Hause verwachsen, hatte schon bei den Großeltern gedient, war mit meinem Vater in den Krieg gezogen, und hatte bei Sedan, selbst verwundet, seinen schwer getroffenen Herrn aus der Gefechtslinie getragen. Beide brachten das eiserne Kreuz mit heim, der eine die erste, der andere die zweite Klasse; Johann sagte: » Unser eisernes Kreuz!« Auch unsere Dorette war eine von allen, außer Johann, anerkannte Autorität; auch sie stammte noch aus dem großelterlichen Hause, hatte aber fünf Jahre weniger Dienstzeit als Johann, deshalb blieb sie für ihn bis an ihr Lebensende: »die Neue«.

Die Villa in Schwarzhausen gehörte dem Fürsten und war meinem Vater zur Benutzung überwiesen worden. Er war der Erzieher des Erbprinzen und mußte deshalb in dem kleinen Städtchen »aushalten«. Im Sommer machte er große Reisen mit dem Erbprinzen, im Winter fuhr er mit dem Fürsten oft nach Berlin, immer aber kam er zurück mit dem fröhlichen Ruf: »Am schönsten ist es doch zu Hause«; oder, wie der Süddeutsche sagt: »dahoam, dahoam is doch dahoam!«

Deshalb war mir auch »Berlin« nur die »Residenz des Kaisers«, weiter nichts, und Dorette, die es auch nur vom Hörensagen kannte, erzählte mir von einer mächtigen Sandwüste, in der lauter himmelhohe Häuser stehen, »un – natirlich wo Majestät wohnt, is es pieknobel, aberscht in den andern Straßen un uff den Plätzen un in den Wäldern, da is es graulich, da werden de Leite merschdendeels gemord't.« Nein da wars in Schwarzhausen besser!

Aber noch bin ich gar nicht in Schwarzhausen, ich wollt' Euch nur das hellgraue Haus auf der sanften Anhöhe zeigen, mit seinen blitzblanken Fenstern, seiner schönen Sandsteinterrasse und dem blauweißgestreiften Zelt im Park mit der Fahne darauf. Und genau so eindringlich wie Ihr es Euch jetzt anschauen sollt, so besieht es sich augenblicklich der Storch, der in dem alten, kunstvoll gebauten Neste steht, – hoch auf dem Giebel des Rathauses.

Hellster Sonnenglanz über Schwarzhausen!

Und in diesem Sonnenglanze schreitet die »Schrödern« quer über den Marktplatz, mit der Ruhe und Sicherheit, die nur ganz gewichtigen Persönlichkeiten eigen ist. Sie grüßt niemand auf der Straße, Gott bewahre, das hat sie nicht nötig, die Leute kommen auch so zu ihr. Die »Schrödern« weiß, daß ihre Nachtklingel keineswegs das »ungezogenste Ding in ganz Schwarzhausen« ist, wie die Bosheit von dem jungen Doktor nebenan behauptet, die »Schrödern« weiß, daß alle Leute ihr jetzt nachsehen, daß alle »Spione« an den blitzenden Fenstern der Marktplatzhäuser besetzt sind, und daß die ehrsamen Honoratiorenfrauen vor Neugierde »brennen«, was die nächsten Stunden bringen werden. Die »Schrödern« geht zu Majors. Ein alter Diener öffnet die Thür der schönen kleinen Villa und die Kanzleirätin Pfotenhauer, welche am nächsten wohnt, nimmt noch schnell davon Notiz, daß der »Johann« sehr ernst ausgesehen hat. Die Frau Kanzleirätin »fliegt« an Händen und Füßen vor Aufregung.

»Wie de ruhig auf'n Ganabee liejen gannst, Traugott, is mer unverständlich«, sagt sie zu ihrem Gatten. »Du hast wohl nich geheert, was'ch vortenhin sagte? De Schrödern is nibergemacht bei Majors.«

»Nu was is en daderbei?« entgegnet der Kanzleirat ruhig, »ich winsch der lieben, scheenen Frau Majorin das Beste!«

»Traugott weißte, was de wer dhust? Leid dhuste mir!«

Seit seiner Pensionierung kann der Kanzleirat seiner Frau nichts mehr recht machen. Bald ist er ihr zu »quirlefitschig« und bald zu »bomadch«, – es is ein Kreuz mit den Männern.

Frau Kanzleirat strickt »noch mal rum«, aber es will heute nicht so recht gehen, die Augen wandern immer wieder nach dem »Spion« hin, und plötzlich läßt sie mit einem Schrei das Strickzeug sinken.

»Traugott, Traugott, gleich gehste her! Herr Jeses nee aber über Ihnen! Da heert doch alles auf! Traugott hab ich's nich immer gesagt, die Majorin muß was Besonderes haben? Nu siehst du's! Da geht Majors Bursche und hat den Medizinalrat geholt! Ne, der Schreck! Als ob die Schrödern nich klug genug wäre! Wir sind doch auch unser Lebtag mit ihr ausgekommen! Aber für die Majorin muß 'ne besondere Wurscht gebraten werden! Traugott, warum sagst du keinen Ton?«

»Ich, ich – ich –«

»Siehste Traugott, das is das Schreckliche mit dir, daß du so obschternat bist! Immer Widersprüche, die sin noch mei Dod!«

»Aber –«

»Schweig Traugott! Wir passen äbend nich zusammen. Seit vierzig Jahren sage ich dir täglich und stindlich: »Mir passen nich zusammen«, ach, das Läben is schwer!«

Diesmal widerspricht der Kanzleirat nicht, er neigt zum unaussprechlichen Ärger der Gattin bestätigend das graue Haupt. In diesem Augenblick hallt ein Schuß durch die Luft, und beide erschrecken. Es war nur der »Böller«, der schon seit zwei Jahrhunderten um die Mittagsstunde oben vom Schloß »losgelassen« wurde, wie es einstens der Ahnherr befohlen hatte, aber die guten »Schwarzhausener« erschraken doch immer von neuem, und man sagte sogar von dem Bürgermeister a. D., der dreißig Jahre die »Leuchte« der Stadt gewesen war, aber nicht das Pulver zu dem »Böller« erfunden hatte, er frage jetzt noch jeden Mittag um 12 Uhr nach dem Schusse ärgerlich: »Na was is denn das wieder für'n Unfug?«

»Da kommt Majors Dorette,« bemerkt die Kanzleirätin nach einer unheimlich schweigsamen halben Stunde. »Gottlob, nun erfährt man wohl endlich Genaueres.« Sie steigt von ihrem »Tritt« herunter und eilt trotz ihrer Fülle ordentlich leichtfüßig zur Stubenthür, während die Hausthür beim Öffnen und Schließen ihre bekannten, drei abgestimmten Töne erklingen läßt: »c, f, a – a, f, c!«

»Ach Gott Frau Räten, es is da«, jubelt Dorette, »ich bin schnell nibergeprescht bei Sie in meiner Aufregung und dän Glicksgefihl. Gott es ist ja zu traurig, (Dorette bricht unvermittelt in Thränen aus) die Frau Majorin sind so schwach – wir mußten ja den Medizinrat holen, ach Gott, es is Sie ja zu scheene, – mit'n Pöllerschlag uff die Minute kams Mädel an!«

»Traugott hörst du,« ruft die Kanzleirätin zur Treppe hinauf. »Mit'n Böllerschlag! Hab ich nich recht? Muß die Majorin nich immer was Besonderes haben?«

»Ach Gott, ach Gott,« fährt Dorette fort, »und das Kind is so zart, un winzig, un dusemang, aber die Schrödern meint, gesund wärsch! 6 Pfund mit der wollenen Windel und 'n Schnuller.«

»Wem sieht's ähnlich,« forscht die Kanzleirätin voll Interesse.

»Das is ju äben. Weeß mersch denn genau? Die Schrödern meint, es hätt'n »Stich« vom Großvater selig un'n »Hieb« vom Herrn Major, ich mein' aber, es hätt' eher 'n »Schuß« von dem gnädigen Fräulein Emerenzia, – mordshäßlich is es nämlich, das Kleine.«

»Lieber gar! Achchott wie schrecklich für die Familie!« »Ja, – die Schrödern hat's auch gleich »besprochen«, das soll mehrschdendeels, for gewöhnlich allemal, in der Regel meist immer helfen, sagt die Schrödern. Un den Herrn Major haben wir schonst wegen die Ähnlichkeit gefragt, un der sagt, er wüßt es ganz genau, – die Kleine säh aus wie dem Sultan von Marokko seine Urgroßmutter. Aber die Schrödern sagt auch, mit heiligen Sachen dürft' mer keinen Spott treiben, un der Herr Major wäre en Freigeist.«

»Was wäre er?«

»Freigeist'ch.«

»Ich dank' Ihnen schön, Fräulein Dorette, un ich gehe nunne gleich zum Kaffee zu der Frau überzähligen Gerichtskalkulatorin Strohmeyer, lieber Gott, man will sich doch besprechen, un nich wahr – morgen kommen Sie mal wieder vor – –«

»Herr du meines Läbens, ich muß ja widder nieber!« Dorette klinkt die Thür auf: »c, f, a!«

»Mir krieg'n ja's Haus voll Besuch. Freilein Emerenzia kommen und Freilein Herminchen, die Taufe is ja schon in finf Tagen!«

»I gehn Se mer weg! Warum denn? Se sin doch effengelisch-lutterisch?«

Johann sagt, das wär' ne alte Familientra–tra–transpiration,« sagt Dorette geheimnißvoll, und macht die Thür hinter sich zu. »A– f –c!«

 

Die Frau Kanzleirätin zieht noch schnell das »Schwarzseidene« an, sie könnte zwar ebenso gut das graue Lüsterkleid nehmen mit der »cerisen« Passe und den hochmodernen Ärmeln, aber die »Postdirekdern« hat auch neulich schwarze Seide angehabt, und der ihr Mann is noch nicht mal »bestätigt« und hat keine Orden, während der Kanzleirat den Kronenorden 4. Klasse hat. Oh sie braucht wahrhaftig nicht zurück zu stehen, auch wenn die »Postdirekdern« zehnmal auf dem Sofa sitzt, dicht neben der Frau Landrat. Die Kanzleirätin knöpft aufgeregt an ihrer Taille herum. Das »Schwarzseidene«preßt etwas, es ist zum letzten Mal vor zehn Jahren »modernisiert« worden, als ihre einzige Tochter sich dem Prokuristen Dingelmann vermählte, in Firma: »Schnabel und Sohn«, gleich um die Ecke rechts das große, rote Haus mit grünen Läden, »Seiden- und Wollwaren und Konfektion.«

Der letzte Knopf ist mit großer Anstrengung geschlossen; die Kanzleirätin nimmt sich vor, ihn nach der dritten Tasse Kaffee heimlich zu öffnen; unter der »Spitzenbarbe« wird man's nicht sehen. Jetzt noch schnell »Eau de mille fleurs« ins Taschentuch, denn die Damen »rochen« neulich alle, und dann zu »Traugott« ins Wohnzimmer zurück. Wahrhaftig er schläft, er kann schlafen, während in der allernächsten Nachbarschaft die erstaunlichsten Dinge vorgehen. Er kann schnarchen, wie wenn nichts wäre, während zwei Soldaten vor dem Hause des Majors Stroh auf die Straße fahren, als ob der ehrwürdige Marktplatz von Schwarzhausen ein Pferdestall sei. Was das nun wieder heißen soll! Und der Polizeidiener Korb giebt wahrhaftig dem Milchmann, der da mit seiner »Karrete« angerasselt kommt, einen Wink, damit er Schritt fahren soll. O diese Majors! Es ist die höchste Zeit, daß mal wieder Gericht über sie gehalten wird von der heiligen Feme des Schwarzhausener Kaffeekränzchens. Heute wird auch die Landrätin nicht da sein, die geht nicht zu der überzähligen Kalkulatorsgattin, – nun – sie, die Kanzleirätin hat das auch nicht nötig, aber der »Kalkelatern« ihr Vater ist Schlachter Krone an der Ecke, Hoflieferant, und wenn man seine Tochter nicht besucht, bekommt man zur Suppe keine »Querrippe«, sondern »Sehnen«. Landrats und Majors natürlich nicht, das sind zu gute Kunden, vor denen katzenbuckelt der alte Krone, – ach – es is eine verdrehte Welt!

Gott sei Dank, es wird so »sachtchen« drei Uhr. Mit einem Ruck steht die Rätin auf und stößt an den Nähtisch, von dem polternd eine Garnrolle fällt. Der Kanzleirat ist an einen »Ast« gekommen und hält mit einem merkwürdigen Ton mit dem Sägen inne.

»Biste fertig, Traugott? Ich gehe nanu! Du hast enne scheene Regimentsmusik vollfiehrt.«

»I gar Hulda, Du machst gewiß ä Scherzchen! Na amesirtch! Adje!«

»Hulda« antwortet nicht, sie sieht auch nicht aus, als ob sie für »Scherzchen« veranlagt wäre, und Rieke, das Mädchen für alles, sieht ihr mit einem Seufzer der Erleichterung nach, als die Haushür hinter ihr zufällt. »C, f, a! A, f, c!«

Im Vorgarten von Majors Villa spielt der kleine sechsjährige Erich. Er pflanzt eifrig Blumen ein, die ihm der Gärtner von den andern Beeten gegeben hat, Erich schafft einen Extragarten für die kranke Mama.

Die Kanzleirätin bleibt vor der Gartenpforte sehen. Sie »mag« sonst den Erich nicht, er is ihr zu wild, aber heute überwindet die Neugierde die Abneigung.

»Guten Tag, Erich!«

Der Junge schaut auf, er hat ein offenes, schönes Kindergesicht mit klugen Augen. Die blonden Locken kleben an seiner schweißbedeckten Stirn, er hat sehr gearbeitet.

»Guten Tag, gnädige Frau!«

Die Kanzleirätin reckt sich ordentlich ein bißchen höher. »Gnädige Frau« sagt niemand zu ihr, als eben dieser kleine Kavalier. Und jetzt kommt er eifrig näher, er ist augenscheinlich froh, jemand zum Plaudern zu haben.

»Denke dir, gnä' Frau, wir haben was gekriegt, niemand in ganz Schwarzhausen hat sonst was gekriegt. Ohhh – ich bin so froh!«

»Ich weiß, ich weiß. Wie heißt's denn?«

»Kerlchen!«

»Gott soll mich bewahren, ich denk' es is ä Mädchen?«

»Ist's auch! Aber es heißt Kerlchen! Famos, nich? Papa nennt's so! Ach Gott, ich freu mich beinah tot! Und »Provinzmädel« nennt er's auch, weil ich doch in Berlin geboren bin.«

»Sonderbar!«

»Garnich sonderbar, selber sonderbar!«

»Hättest du nicht lieber 'n Bruder gehabt?«

»Nee!«

»Was hättest du aber mit ihm gethan, wenn du einen gekriegt hättest?«

»Gehauen!«

»Pfui, schäm dich!«

»Schäm dich selber, gnä' Frau!«

»Du bist sehr unartig, was wirst du denn mit deiner Schweser anstellen? Auch hauen?«

»Nee! Für das Kerlchen verdien' ich Brot. Sieh, gnä' Frau, jetzt mach ich einen Garten für Mama, dafür bekomme ich dann von Papa 'ne Mark, die thu ich in die Sparkasse für das Kerlchen. Morgen mach' ich 'n Garten für Tante Hermine, krieg' ich wieder 'ne Mark, übermorgen leim' ich Tante Emerenzia ihre kaput gegangenen Hutschachteln mit Spucke, krieg 'ch wieder 'ne Mark, sind dann schon drei Mark, und wenn ich zwanzig hab', kauf ich dem Kerlchen ein Rittergut.«

»Erich, warum liegt denn Stroh auf der Straße?«

»Himmel, weil die arme Mutti so krank is, der Storch hat sie fffffurchtbar gebissen, der elende. Warum sie mich nur nicht gerufen hat? So'n Gräuel von Storch! So feig zu sein! Wenn er noch den Papa gebissen hätt', aber 'ne Frau! Meine Mutti! Pfui! Und nun liegt da Stroh. Die Wagen rasseln sonst zu doll, versehst du.«

Die Frau Kanzleirätin geht weiter und Erich gräbt wieder.

»Kerlchen! Der Name ist ja ganz unglaublich, aber er sieht dem Major ähnlich und auch der Frau. Immer was Besonderes! Sie ist ja auch eine Freiin von Mühlenweg aus dem Hause Cronshagen, wie groß und breit auf ihrer Visitenkarte zu lesen steht.«

 

Aus der »guten Stube« der überzähligen Frau Kalkulator Strohmeyer tönt es wie das Summen eines Bienenschwarmes. Es sind aber keine fleißigen Bienchen, sondern »nur« vierzehn Damen, eigentlich nur dreizehn. Die Frau Landrat und die Frau Postdirektor haben abgesagt, aber weil die Frau Stadtkassenrendant Mehlhorn so sehr abergläubisch ist, hat die überzählige Kalkulatorsgattin ihre Mutter als vierzehnten Mann mit eingeladen. – Die Frau Schlachtermeister Krone hat ein treues, offenes, gutes Gesicht, dabei blitzt eine ganze Portion Schalkheit und Energie aus ihren scharfen, hellen Augen. Sie ist im Grunde sehr stolz auf ihre Tochter, die als Erste aus einer langen Reihe von Handwerkern einen »Beamten« geheiratet hat, aber sie merkt keineswegs, daß sie in diesem Kreise heute nur eine Geduldete ist. Wie sollte sie auch? Ihr lilaseidenes Kleid, (von Schnabel und Sohn, Seiden- u. Wollwaren, Meter 6,50 M.) sitzt tadellos, es ist ganz modern, und wenn Frau Schlachter Krone sich bewegt, raschelt es sogar etwas, trotzdem es nur auf »Gloria« gearbeitet ist, »Taffet« ist zu unpraktisch. Ihre Handschuhe sind mattlila in der »Nüanxe« des Kleides, wie die Verkäuferin (Hand aufs Herz) beteuert hat, die Mantille ist von »Veilchen Löb Söhne«, und der Herr Löb hat gesagt, sie käme direkt aus Berlin, wo eine Frau Staatssekretärin die gleiche trüge. Und wahr muß es sein, Herr Löb lügt nicht, das sagt er selbst. Frau Schlachtermeister Krone fühlt sich Herrin der Situation, sie sieht sogar, ohne es sich selbst zu gestehen, ein klein bißchen herab auf die Beamtenfrauen, denn »wir ham's ja dazu«. Sie hat vorhin ihrer Tochter das Schulgeld für die beiden Kinder gebracht, welche die »Rejalschule« besuchen, sie hat der kleinen, zarten Frau Oberlehrerin zugeflüstert, daß sie unbesorgt um die Vierteljahrsrechnung sein solle, sie wolle ihren »Alten« schon herumkriegen. Du liebe Zeit, man ist doch nicht von Stein. Oberlehrers sind so prachtvolle Leute, gar nicht hochmütig vor Gelehrsamkeit, dazu sparsam und fleißig, aber das kleine Gehalt und dann noch ein paar Bären aus der Studentenzeit abzubinden, und dann ein paar schwere Krankheiten, – das Wochenbett, – man weiß ja, was der Herr Spezialarzt für Rechnungen schreibt, der nimmt's auch von den Lebendigen, von den Toten kriegt er so nichts mehr.

Frau Schlachter Krone sieht sich also ganz für »voll« an und fühlt sich auf dem angemessenen Platze auf dem Sofa neben der sanften Frau Pastorin, die so gut mit ihr harmoniert. Von guten Manieren hält Frau Krone nicht viel. »Wenn's Herz man schwarz is,« sagt sie, wie jener Bauer, der in einer roten Weste zum Begräbnis kam. Und deshalb schlägt sie jetzt mit der Faust auf den Tisch, daß alles nur so klappert, und die überzählige Kalkulatorin vor Scham mit einer Ohnmacht ringt.

»Ich muß doch sehr bitten, meine Damens! Es is doch den Herrn Major sei eijener Geschmack, wo 'n niemand drinne zu mähren hat, wie er sein kleenes Mächen nenne will. Un wenn ich mei Kind »Schlenkerwurscht« nenne will, denn will ich doch dän sehen, der mir dran hinnere will.« – – – – –

Gottlob, sie waren also schon mitten drin im interessanten Thema: »Majors«. Die Kanzleirätin »legt ab« und setzt sich, nicht ohne Frau Krone mit einem bösen Blick gestreift zu haben; der Sofaplatz kommt eigentlich ihr zu, wenn die »Postdirekdern« absagt.

»Oh erlauben Sie mal,« ruft die haarscharfe Stimme der Frau Bürgermeister und Standesbeamtin Hitzig, – mein Mann sagt, ordentliche Namen müßten es sein, sagt mein Mann, sonst trüge er sie nicht ins Register, hat mein Mann gesagt, und »Kerlchen« ist kein ordentlicher Name, sagt mein Mann, das ist beinahe ein Schimpfwort, hat mein Mann gesagt.« Frau Krone erhebt sich kriegerisch.

»Na, denn sagen Se nur Ihren Mann, ich hielt »Kerlchen« nich vorn Schimpfwort, unds käm druff an, wiets gebraucht würde un von wäm? Un wenn mein Albin des Sonntags Nachmittags zu mir sagt: »Komm bei mich aufs Sofa, mei liebes Luderchen,« denn is das auch kein Schimpfwort. Un wenns den Herrn Bärgermeister nich recht is, dann soll er man bei uns kommen, wir ham immer unsere Steuern bezahlt.«

Frau Krone muß sehr laut sprechen zuletzt, denn es hat sich eine überaus heftige Debatte »für und wider« entsponnen, und die Frau Bürgermeister beschließt im stillen, hier nie wieder herzugehen, es ist zu gewöhnlich.

Die Frau Pastorin versucht vergeblich, mit ihrer sanften Stimme durchzudringen, sie will immer etwas richtig stellen, aber sie wird überschrieen, bis die Schlachtersfrau wieder auf den Tisch schlägt, da giebt's Ruhe für eine Weile.

»Aber meine Damen, es ist ja gar nicht so schlimm,« sagt die sanfte Stimme. Es soll ja gar nicht »Kerlchen« getauft werden, »Felicitas« ist der Name der Kleinen, der Herr Major hat's mir selbst gesagt.«

Ahhhhh!

»Warum haben Sie das nicht vorhin gesagt?«

»Ich dachte gleich, daß nichts an der Sache dran war!«

»Gott, es wird so viel geredet.«

»Also Felicitas!«

»Sehr gesucht!«

»Die Glückliche

»Man soll nichts berufen!«

»Nein, wahrhaftig nicht! Ich hatte mal eine Tante, die –« – – – –

Aber die Wogen der Erregung gehen zu hoch, man ist nicht in der Stimmung, eine langatmige Tantengeschichte mit anzuhören. Marie, das Stubenmädchen kommt herein, bringt neuen Kaffee und zur Besänftigung sanfte Schlagsahne; die Bürgermeiserin baut sich ihre Tasse bis oben voll, nach dem bewährten Thüringer Sprichwort: »Die, dersch am netigsten is.«

Frau Musikdirektor Müller ist schon lange auf ihrem Stuhle herumgerutscht mit einer ganz wichtigen Mitteilung auf dem Herzen und im Munde. Aber bei dem Lärm! Endlich dringt sie siegreich durch.

»Gott – mit dem Namen, das is ja schließlich »Briffatsache«. Aber keine »Briffatsache« ist es, wenn der Herr Major das Ständchen ablehnt, was mein Mann ihm mit'n Gesangverein »Mollakkord« bringen wollte. Gerade ein Mann wie der Herr Major, der hier »Spitze« ist, sollte solche großartige Unternehmungen, wie den »Mollakkord« unterstützen, und er sollte dran denken, daß er im öffentlichen Leben steht und kein »Briffatmann« ist.«

»Hat er abgelehnt?«

»Erzählen Sie, Liebste, Beste!«

»Na, das is doch unerhört!«

»So 'ne Ehrung!«

»Das ist freilich etwas anderes als die laute Militärmusik mit ihrem Schnetterenk und Pummtera.«>

»Na aber, wie hat er nur das können? Was hat er gesagt?«

Frau Musikdirektor richtet sich gerade auf. Es ist ein erhebendes Gefühl, bei vierzehn Damen zum Wort zu kommen. – »Er hat gesagt, in seiner knappen militärischen Art und so mit'n komischen Zug um'n Mund, – (man weiß ja nie, ob der Major Ernst oder Spaß macht) – »er nähme die Ehre als genossen an, aber seine Gattin sei zu krank, um ein größeres Geräusch vertragen zu können.«

»Geräusch« hat er gesagt?

»Das ist stark!«

»Sieht ihm aber ähnlich!«

»Nee aber über Ihnen aber auch!«

»Pscht! Sind Se mal stille! Weiter im Text!«

»Also da hat mein Mann sich aufs Bitten verlegt, denn erstens will er doch den »Mollakkord« gern hören lassen, und zweitens hat doch die Frau Majorin der Vereinskasse erst neulich die Schenkung gemacht, na aber der Major is ganz ungemütlich geworden, und schließlich hat er gesagt, »die Geburt des Kindes wäre in der Hauptsache doch die Angelegenheit seiner Frau, und die müßte ihre Erlaubnis zu dem Ständchen geben, da sie aber schliefe, könnte er sie nicht fragen.« Und mein Mann hat nicht mal empfindlich werden können, denn der durchlauchtigste Erbprinz oben vom Schlosse haben dabei gestanden und ganz »unscheniert« gelacht, laut gelacht!«>

»Ist die Möglichkeit!«

»Na ja, bei der Erziehung!«

»Der Major ist ja von Anfang an sein »Kuffernöhr« gewesen, und der behauptet immer »Lachen ist gesund«, na und der durchlauchtigste Erbprinz sind ja auch gesund, aber deshalb braucht er doch nicht Bürger auszulachen.«

Frau Schlachtermeiser Krone erhebt sehr energisch ihre Stimme. »Mit so Wörtern, die hart an 'ne Majesätsbeleidchung streifen soll mer immer un tuschur vorsicht'ch sein,« sagt sie sreng. »Wenn unser durchlauchtigster Erbprinz gelacht hat, wird er auch Ursach gehabt ham, unser alter Ferscht is auch'n jofiahler un zuthunlicher Mann, der sich nich für zu gut hält, auch mit Unsereins ä gemitliches Schwätzchen un och mal en Giekser uff offenen Marktplatz zu machen. Un wer das nich einsieht, is en Sozijahldamokrat.«

Ein Schauer geht durch die Versammlung, und vorwurfsvolle Blicke richten sich auf die Sprecherin.

»Ich hab keinen Ton gesagt.«

»Ich auch nicht.«

»Ich hab immer ruhig an meiner Zackenlitze gehäkelt.«

»Und ich hab blos mitgelacht, wie die Frau Musikdirektor gesagt hat, der durchlauchtigste Erbprinz hätten gelacht.«

»Ach das ist ja alles gar nicht so schlimm,« sagt die Frau Pastorin und legt ihre Hand begütigend auf den Arm der Frau Schlachtermeister, die noch immer mit zornigen Augen um sich schaut, »aber ich halte den Zeitpunkt jetzt auch nicht für geeignet, um ein Ständchen zu bringen, es könnte unsere liebe Frau Majorin sehr aufregen.«

»Aufregend is der »Mollakkord«, bestätigt Frau Krone. »Gott, wenn ich noch das letzte Mal bedenk', wie sie dem »Renntchee« Schlagbaum ä Ständchen brachten, als er die Fahne geschenkt hatte, und wie sie da vor dem Gerüst seiner neuen »Filla« standen und sangen: »Wer hat dich, du scheener Wald aufgebaut so hoch bis noben?« Ne – un wie se denn uffn Marchtplatz de Fackeln zusamm schmissen, un die fuffzig Männer nur so naus bröllten: »Ich bin allein uff weiter Flur,« – es war zu rihrend, un mir warsch immer, als wenn mer ä eiskalter Wassereimer den Buckel nunter gegossen wirde.«

»Ja, scheene warsch!«

»Wunderschön!«

»Und unvergeßlich!«

Frau Musikdirektor Müller fühlt sich sehr gehoben durch den allgemeinen Beifall.

»Wir hatten so'n schönes Programm,« sagt sie mit tiefem Bedauern in der Stimme. »Ein Choral sollt' es einleiten und weil die Dame so krank is, meinten wir: »Aus tiefster Not schrei ich zu dir« wär passend.«

»Huh«, rief Frau Krone. »Passend is er ja, aber Sie mußten hintendran was Lust'ges singen, denn es is doch immerhin un äbend ä Goral, der an de Nieren geht.« – »Sie meinen wohl »Nerven«, fragte die Kanzleirätin spitz.

Frau Krone schweigt etwas betreten. Sie kennt keine Nerven und hat »Nieren« gemeint. Ihr Mann sagt immer so, das liegt in seinem Geschäft. Gott sei Dank, die »Speise«, welche jetzt von Marie serviert wird, verhindert eine Auseinandersetzung. Der Pudding ist hoch aufgetürmt, rosig und zart ohne jeden »Schliff«, ebenso die dazu gereichte Sandtorte. Trotzdem entschuldigt sich die überzählige Kalkulatorin tausendmal, daß Beides nicht ganz den richtigen »Schick« habe, jedenfalls längst nicht so schön sei, wie neulich bei der Frau Kanzleirätin, und veranlaßt dadurch ihr Mädchen Marie zu einem erstaunten Aufblicken. Die Kalkulatorn hatte noch eben in der Küche gesagt: »So, nun kann die hochnäsige Kanzleirätin sehen, daß ein ordentlicher »Pudding« 'ne »Wolke« is und nicht, wie bei ihr, ä »Klitsch«. »Es ist »Himmelsspeise«, sagt die Kanzleirätin begeistert! Ich nenn's »Bäberlottchen« meinte Frau Krone. Sie war nicht für neumodische Namen.

Nun kommt aber noch der Glanzpunkt des Tages, die »Frau Apotheker« muß singen. Sie singt bei jedem »Kaffee« und hält sich deshalb auch mit Reden zurück, sie weiß, ihre Zeit kommt auch, und dann müssen alle schweigen. Nicht aus Musikverständnis, Gott bewahre, einzelne wagen auch immer wieder weiter zu schwatzen, aber sie schreit sie nieder, – unfehlbar. Mit einem Klavierstück fängt sie an, und während »das Gebet der Jungfrau« vom Stapel geht, rauscht der Strom der Beredsamkeit noch mächtig, aber dann – wenn die Arien kommen, wenn »neue Freuden, neue Schmerzen in ihrem Herzen toben«, wenn Feuer ihr durch Mark und Bein rinnt, dann ist alles mucksmäuschenstill, man kann »nich gegen an«, wie die junge Frau Amtsrichter sagt, die aus Schleswig-Holstein stammt.

Nicht endenwollender Beifall belohnt die »Apothekern«, selbst in der Küche die Marie und die Aufwaschfrau klatschen, aber letztere meint: »Achchott, wenn blos nich de Kleene von Majors uffgewacht is«, eine Befürchtung, die unbegründet war, da die Villa am entgegengesetzten Ende von »Kalkulatersch« Wohnung lag. Frau Apotheker dankte verschämt lächelnd und sich neigend wieder und wieder. Aber die Frage, warum sie nicht zur Oper gegangen, wehrte sie entrüstet ab, »sie habe sich nie nach diesen »schlüpfrigen« Pfaden gesehnt, und neulich, als der Berliner Hofopernintendant beim Fürsten gewesen sei, habe sie nicht einen Ton singen dürfen die ganzen Tage, – ihr Mann hätt's nicht gelitten, – denn man wüßte schon, wie solche Herren quälten und nicht locker ließen, wenn sie 'ne Stimme »entdeckten«.

»Natürlich! Das weiß man ja von »Wachteln« und »Böteln«.

Und dann sang sie wieder. Sie hatte ein unerschöpfliches Repertoire, konnte »Sentimentales« und »Schnackerdatsches« singen, man brauchte nur nach seiner jeweiligen Stimmung zu wählen und schließlich gab sie das »teure Vaterhaus« und »die Kindesmörderin« noch extra zu.

»Das ist doch noch ein sogenannter Genuß,« sagte Frau Schlachter Krone, da ist doch Herz un Gemiet drin, aber mei Mann, der hat neilich aus'n Eisenbahn-Inschenierverein en Lied mitgebracht, das soll mer bei »Entgleisungen« singen nach der Melodie: »Wir sitzen so fröhlich beisammen«.

Ne, sagt ich zu meinem Albin, ne Albin, wie de da nur lachen kannst!«

Von den Damen lacht niemand, – über so ein spöttisches Lied sind sie erhaben. Sie raffen jetzt ihre Arbeit zusammen, es ist die höchste Zeit und wer Kinder hat, bekommt noch etwas Gebäck in den »Pompadour« gepackt, nur keine Sandtorte, die behält man selber, die schmeckt immer besser, je älter sie wird, sie kommt in den Wäscheschrank, und nimmt dann mit der Zeit einen eigenartigen Geschmack von Lavendel und grüner Seife an.

»Gute Nacht, Frau Kalkulator!«

»Schönsten Dank, es war reizend!«

»Frau Apothekern, Sie haben gesungen, wie die »Patti«, nur noch lauter, es war zu schön!«

»Frau Pastern fallen Se nich, es kommt en Absatz!«

Unten auf der Straße bleiben die Damen noch ein Weilchen sehen. Die Sommerabendluft ist so mild und duftet süß und stark nach den Linden, die rings den großen Marktplatz einfassen. Nur Frau Krone und die junge Frau Amtsrichter gehen eilends nach Hause, erstere weil auf ihren Gesellen kein Verlaß ist, (der Meister ist zum Abendschoppen), letztere weil ihr kleines Mädchen zahnt. Die zurückbleibenden Damen atmen erleichtert auf, Frau Schlachter Krone gehört ja doch eigentlich nicht zu ihnen, vielleicht in ein paar Jahren, wenn Krones mal »Rentiers« sind; sie hättens jetzt schon dazu, – aber die biedere Meisterin sagt: »Setz ich mich erst mal ganz zur Ruhe, dann geh' ich vollends aus dem Leime, ich hak' jetzt schon im großen Sorgenstuhl zwischen den beiden Armlehnen fest, wenn ich mal fix in den Laden springen muß, weils schellt.«

Nun gilt es noch, schnell die Frau Pastorin nach Hause zu geleiten, die Frau Pastorin liebt es nicht, wenn man nach den Kaffees noch wo anders hin geht, sie hat es neulich mal deutlich genug zu verstehen gegeben, – »die Frau gehöre abends ins Haus.« Nun natürlich! Man ist ja auch für gewöhnlich zu Hause, aber einmal ist keinmal, und wenn doch die Männer dabei sind – schließlich ist es »Briffatsache«.

»Liebe Frau Pasorin, lassen Sie sichs recht gut bekommen und morgen auf Wiedersehn in der Kirche!«

»Man sehnt sich ordentlich mal wieder nach einer »richtigen« Predigt, so wie der Herr Pastor kanns doch niemand, selbst nicht der Herr »Supperntend« aus der Hauptstadt.« Ein schalkhaftes Lächeln huscht über das kluge Gesicht der Pastorin, fast übermütig klingt ihr »Auf Wiedersehen, meine Damen, in der Kirche!«

Die Zurückbleibenden sehen sich etwas verdutzt an, übermütig waren in Schwarzhausen eigentlich nur die Straßenjungen, – sollte die Pastorin etwas gemerkt haben?

Vor dem Gasthof zur »Thüringer Edeltanne« giebt es noch einen kleinen Aufenthalt. Die Kanzleirätin will durchaus nicht mit hinein, weil ihr »Traugott« allein zu Hause sitzt und auf sie wartet, er geht nur Mittwochs auf ein Stündchen zum Skat, und heut ist Sonnabend, da kann sie als ehrbare Frau doch auch nicht mit hinein.

»Rur mal 'neingucken,« ermuntert die »Apothekern«, »ich bitt Sie, wenn der Landrat drin ist, presch ich auch wieder naus, kommen Sie man.«

Die Herren sind nicht wenig verdutzt (»erschrocken« wäre zu unhöflich), als ihre Frauen, die sie gut untergebracht wähnten, plötzlich hereinschneien. Sie greifen nach den Skatkarten, die nicht da sind, und suchen die Gläser und Flaschen zu verbergen, die leider nur zu groß und sichtbar auf dem Tische stehen. Beim Rechtsanwalt Lanzius lugt sogar ein Silberhals hinter dem linken Ellbogen hervor und unter dem Tisch kann man die vernickelten Beine des Eiskühlers sehen. Und er ist nicht mal der Einzige, vor dem Doktor steht auch ein Moët und Chandon Epernay Sillery, so'ne Verschwendung! Früher führte der Wirt wenigstens eine Hausmarke zu 2,50 Mk., aber seit der Typhusepidemie hat sie der Doktor verboten. Nun mögen doch der Rechtsanwalt und der Doktor den teuren Wein trinken, sie sind Studiengenossen und vor allen Dingen Junggesellen, denen ja das Prassen Lebensbedürfnis ist, aber – aber – – – –

Diesen letzten Monolog hält still für sich die Kanzleirätin, bei den Gedankenstrichen aber stürzt sie sich auf die Sofaecke, und versucht ihren Mann hervorzuziehen. Ihren Traugott! Den sie still wartend zu Hause wähnte! Und diese Schlange, die sie fünfunddreißig Jahre an ihrem Busen genährt hat, verkriecht sich nicht etwa schamhaft, nein der Herr Kanzleirat hält das Spitzglas hoch in der Hand, und aus seinen schwimmenden Äuglein sieht er seine zürnende Gattin liebevoll an und singt mit durchaus nicht unmelodischer Stimme: »Setz dich, liebe Emmeline, nah, recht nah zu mir.«

Die Kanzleirätin ist buchstäblich »hin«, es ist ihr »Tod«, wie sie sich zu hunderten Malen inwendig schwört. Und alle lachen sie, die schadenfrohen Damen, die gottlosen Verführer, der Wirt, und nicht zuletzt die »Jette«, ihr früheres Mädchen für alles, mit der sie sogar mal »vor Gericht« war und die jetzt hinter dem Schenktische steht und vor Schadenfreude über das ganze Gesicht »grient.«

»Ach Frau Kanzleirat, verstehen Sie doch mal Spaß,« bittet der Doktor, »Sie sollen auch gewiß die Erste sein, der ichs sage, wenn ich mich nächstens verlobe.«

Trotz ihrer grenzenlosen Empörung vermag die Kanzleirätin zu fragen: »Mit wem?« Und als der Doktor sie zappeln läßt mit der Gegenfrage:

»Na, raten Sie einmal,« da setzt sie sich ohne weiteres neben ihren Traugott aufs Sofa, der inzwischen die verschiedensten Melodien gesungen und gepfiffen hat, und jetzt bei »Ludewigchen zieh' den Leibrock an, wer weiß, was noch passieren kann«, angekommen ist.

»Mit der Chlotilde von Hammer?«

»Um Gotteswillen, wie kommen Sie auf die?«

»Mit Helene Schwartau?«

»Aber Frau Kanzleirätin!«

»Mit Fräulein Lauers?«

»Nein, aber nein doch!«

Der Rechtsanwalt lacht laut auf.

»Mensch, haben sich alle die Jungfrauen Hoffnung auf dich gemacht? Ich wußte gar nicht, daß du solch' ein Don Juan bist.«

»Oho,« wehrt der Doktor ab, »so schlimm is's nicht, aber nun trinken wir erst noch eine gute Flasche, keine Widerrede, verehrte Damen! Mit dem Verloben hat's ja noch Zeit, die besten Wesen sind ja außerdem schon verheiratet.« Mit einem unbeschreiblich liebenswürdigen Schelmengesicht verneigt er sich gegen die Frauen, die sich nun gänzlich besiegt um den Stammtisch setzen.

Der Kanzleirat schläft.

»Das erste Glas der neuen Bürgerin von Schwarzhausen, »Kerlchen«.

»Hoch, hoch, hoch!«

Auch die Kanzleirätin stößt mit sauersüßer Miene an.

»Weißt du, Felix, das wär 'ne Frau für dich,« ruft der Rechtsanwalt. »Bis die groß ist, hast du hoffentlich deine Abneigung gegen den heiligen Ehestand überwunden. Außerdem soll sie »Felicitas« heißen, das paßt doch prächtig!«

»Gewiß!« giebt der Doktor lustig zurück. »Und wär's auch nur, um die prächtigsten Schwiegereltern der Welt zu bekommen. Meine Abneigung galt und gilt nämlich nicht dem heiligen Ehestand, sondern dem »Drum und Dran«, – »Schwiegermutter – Deubels Unterfutter!« Etliche Entrüstungsschreie werden laut.

»Himmel, es war nicht so gemeint, und die Anwesenden sind allemal ausgenommen!«

»Fräulein Käthe Mauritius hat ja auch keine Mutter mehr,« sagt die Kanzleirätin lauernd, und doppelt scharf klingt ihr sprödes Organ, weil sie versucht, leise zu sprechen. Der Doktor Felix Karsten sieht sie an, und sie wendet sich scheu ab vor diesem drohenden Blick, den sie diesen Augen gar nicht zugetraut hat. Sie haben sonst immer einen ernsten, fast melancholischen Ausdruck. In ihrer Verlegenheit giebt sie ihrem Traugott einen Puff, aber er rafft sich nur für einen Augenblick hoch, spitzt den Mund zum Pfeifen und schläft dann gleich wieder ein.

»Wissen Sie, daß Fräulein von Lorenz wieder hier ist?« fragt der Rechtsanwalt rasch, er merkt, daß etwas nicht in Ordnung ist, denn er kennt seinen Doktorfreund und diese eigentümliche Falte zwischen den dunklen Augenbrauen.

»Ist sie wieder da?«

»Soll's nun losgehen?«

»Haben Sie klein beigegeben?«

Die Fragen überstürzen sich beinahe. Es ist ja ein zu interessantes Thema. Auf der einen Seite ein junges, schönes, reiches Mädchen, dem ganz Schwarzhausen und die umliegenden Raubstaaten zu Füßen liegen, die liebenswürdige Schwester der Frau Landrat, und auf der andern Seite ein junger Offizier, arm, voller Schulden, der von seinem eigenen Lebenswandel liebenswürdig lächelnd sagt: »Sprechen wir nicht darüber,« der weder gut noch klug, noch mit irgendwelcher Herzensbildung beschwert, nichts weiter ist, als ein sogenannter »schöner Mann«.

»Was kann sie nur an ihm haben?«

»So'n Lüderjan!«

»Ach Gott, interessant ist er doch!«

»Bitte, Frau Apotheker, wollen Sie mir sagen, was an dem Mann interessant ist?«

»Ach – er – nun – sehen Sie – o – er ist doch bildschön!«

Der Rechtsanwalt lacht so laut, daß der Kanzleirat aufwacht und ganz verstört um sich blickt, während der Apotheker sehr geärgert seiner verlegenen Frau einen strafenden Blick zuwirft.

»Also s ch ö n!!! Recht viel in der That! Und auf diese Schönheit, die außerdem – Verzeihung – in der Einbildung unserer verehrten Damenwelt beruht, will dieses reizend, liebe, junge Geschöpf seine Zukunft gründen?«

»Herr Rechtsanwalt, Sie werden poetisch! Reizend! Lieb! Solche Worte ist man an Ihnen ja gar nicht gewöhnt!«

»Nehmen Sie sie doch selber!«

Wieder ist's die Kanzleirätin, die diese Worte etwas höhnisch herausstößt.

»Sofort, wenn sie mich wollte. Aber sie will mich nicht, sondern den Senden.«

»Bitte Baron von Senden-Kahla-Rundstedt!«

»Ach Gott ja! Diese unglücklichen Dörfer und Schlösser, von denen ihm kein Stein mehr gehört, und die nur dazu da sind, seinem Namen einen pomphaften Klang zu geben, dem sein Portemonnaie nicht mehr gewachsen ist.«

»Von so was läßt sich doch aber Ellen Lorenz nicht bestechen?«

»Wer kennt die Untiefen einer Frauenseele?«

»Pschscht! Nicht so laut! Der Wirt ist neugierig wie 'ne Rohrdommel, und die Jette klatscht morgen alles in der Stadt herum.«

»Ist ja nichts zum Klatschen! Und außerdem – in der Sache Ellen Senden sind alle Parteien einig, und wenn die rechte Parole und das rechte Feldgeschrei ausgegeben würden, könnten wir Schwarzhausen in Kriegszusand versetzen, die Bürger würden die Zugbrücke aufziehen und den heraustürmenden Ritter von Senden mit vergifteten Pfeilen empfangen.«

»Huh!«

»Und nun meinen Sie, sie dürfen sich wirklich verloben?«

»Sind schon! Thränen, Bitten von landrätlicher Seite, unerschütterliche Festigkeit von Ellens Seite, gestern war sie mündig, – Umarmung, Segen, Schluß!«

»Ich fürchte, Fortsetzung folgt! Das arme verblendete Geschöpf!«

»Solch ein Prachtsmädel!«

»Auch ihr ein volles Glas! Möchte sie glücklich werden trotz alledem! Reine Frauen haben zu allen Zeiten viel über die rohe Mannesnatur vermocht!«

»Er wird schon wieder salbungsvoll. Also hoch, hoch, hoch! Nehmen wir gleich noch die einjährige Gretel vom Amtsrichter mit in unsere Wünsche, wenn wir doch mal dabei sind, unsere Kleinstadtkinder, unsere Provinzmädels leben zu lassen.«

»Jawohl!«

»Die Babys von Schwarzhausen! Hoch!«

»Unsere Provinzmädels! Hoch!«

»Und zur Majorstaufe schickt der Stammtisch einen Riesenstrauß!«

»Versteht sich!«

»Unser prächtiger Major!«

»Wahrhaftig, das ist er! Hoch!«

»Wen wollen Sie denn heute noch alles leben lassen, Herr Rechtsanwalt? Es ist die höchste Zeit heimzugehen!«

»Ein Glas für jeden ist noch drin!«

»Her damit!«

» Was wir lieben

Der Doktor trinkt mit Feierlichkeit aus, und die Kanzleirätin beobachtet ihn dabei. Aber das hat sie doch nicht erwartet, daß er das Glas, den teuren Römer in kühnem Bogen durch das Fenster auf den Hof werfen wird. Sie hat sich furchtbar erschrocken. So ein Narr! Und die andern Damen lachen und schreien um die Wette! Und ihr Traugott ist vor Schreck aufgewacht und hat schlaftrunken gefragt: »Hat se all wieder was aus Wut zerkeilt? Geben se's ihr man düchtig, Doktor!«

Ohhh! Es war zum – – – na Traugott, wir sind auch noch mal allein!

Sie brechen nun alle auf und sind so fröhlich dabei, daß niemand den gerechten Zorn der Frau Rätin über des Kanzleirats durchaus unwürdigen Zustand beachtet. Der Rechtsanwalt und der Doktor fassen Traugott unter den Arm, rufen »Achtung, he, und holla«, als wenn sie ein schweres Stück Möbel zu transportieren haben, und neben ihnen gehen die anderen Damen, denen man die Pharisäergedanken von den Gesichtern abliest: »Gott sei Dank, unsere Männer sind nüchtern!«

Aber der Transport geht doch besser von statten, als man gedacht. Abgesehen davon, daß der Kanzleirat ab und zu einen kleinen Stillstand verursacht, indem er versucht, seinen Begleitern rechts und links einen Kuß zu geben, kommt man verhältnismäßig rasch an Ort und Stelle. Schwarzhausen liegt im tiefsten Dunkel, – das heißt, so würden Großstädter geurteilt haben – unsere Freunde tauschen die Ansicht aus, daß die neue Gasanlage sich sehr zu bewähren scheine. Auch die Majorsvilla liegt still und scheinbar dunkel da, nur die gleichmäßigen Tritte der Wache vor dem Schilderhäuschen sind vernehmbar. Aber zwischen den Vorhängen des einen Zimmers, hinter dessen Fenstern die jüngste Schwarzhausener Bürgerin schlummert, schimmert eine rosa Ampel und in klein Erichs Lern- und Spielzimmer glänzen an den beiden Fenstern zuckende Flämmchen, sorgsam bewacht von Dorettens treuen Augen, es sind ganz rührend liebe Lichtchen – Klein-Erich hat illuminiert zu Ehren von Kerlchens Ankunft. –

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