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Kleinstadt

Claude Anet: Kleinstadt - Kapitel 7
Quellenangabe
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typenarrative
authorClaude Anet
titleKleinstadt
publisherC. Weller u. CO. Verlag
illustratorA. W. Dressler
year1927
firstpub
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Herzog von Vouzins-Baufflers.

Obgleich die Vouzins-Baufflers ihre großen Besitzungen in einem anderen Teile Frankreichs hatten, war die wenige Kilometer von Valleyres gelegene Herrschaft Vouzins doch in ihrem Eigentum geblieben. Die ganze Herrschaft umfaßte nicht mehr als einige fünfzig Hektar, in die ein ganz gewaltiger schon lange vernachlässigter Park, und nahe der Wohnung des Hausbesorgers ein Gemüsegarten mit einigen Weinstöcken eingeschlossen waren, von deren Ertrag Larrivée, der Hüter des Besitzes leben konnte. Das alte Schloß war zerstört worden und man hatte noch vor der Revolution an dessen Stelle ein einstöckiges Landhaus errichtet. Seit dem Tode der letzten Bewohnerin, einer Herzogin Vouzins, die Stiftsdame war und noch im ersten Kaiserreich lebte, waren Haus und Besitz unbewohnt. Man erinnerte sich in Valleyres noch gut an sie. Fast niemals hatte sie ihren herrlichen, aber einsamen Park verlassen, in dem sie, immer in Weiß gekleidet, in Begleitung einer großen dänischen Dogge lustwandelte, deren Rasse sie als erste in diese Gegend gebracht hatte.

Eines Tages erschien Larrivée in der Stadt beim Notar Mainguet, um ihm mitzuteilen, daß ein Brief vom Verwalter des Herrn Herzogs aus Paris angelangt sei, mit dem Auftrage, das Haus zum Empfang seines Herrn in Ordnung zu bringen, da er beabsichtige, hier seinen Lebensabend zu beschließen. – Die Überraschung des Notars war der Bedeutung dieser Neuigkeit angemessen. Hatte man den Herzog von Vouzins doch niemals noch in der Gegend gesehen.

Noch am gleichen Abend erfuhren die Notabeln der Stadt das Ereignis in ihrem Kasino, in dem sie sich täglich zwischen vier und sechs zu versammeln pflegten. An diesem Tage gab es begreiflicherweise keinen anderen Gesprächsstoff für sie. Wie wird der Herzog von Vouzins sein Leben hier einrichten? Wird er von einem gewaltigen Troß von Dienern begleitet sein? Wird er Feste geben, Jagden veranstalten? Und vor allem, wie wird er sich wohl gegen die Gesellschaft des Städtchens verhalten? Ob er Besuche machen, sich im Kasino einfinden wird? – Solche Fragen brannten jedem einzelnen auf den Lippen, doch sie wurden nicht laut. Denn alle diese Herren waren sich des Wertes ihrer Worte wohl bewußt, sie behielten vorsichtig ihre Sorgen für sich und beschränkten sich darauf, Vermutungen über die Ursachen einer so unvermittelten Ankunft des Herzogs auszusprechen, Erinnerungen an die Stiftsdame zu tauschen, und eilten dann schleunigst nach Hause, um die große Neuigkeit auch hier zu verkünden.

Während der zwei Wochen, die nun folgten, erfreute sich das Kasino eines größeren Besuches als jemals vorher. Selbst der achtzigjährige Karl Lanterle, den man seit zehn Jahren in diesen Räumen nicht mehr gesehen hatte, fand sich wieder ein. In allen genealogischen Fragen war er die Autorität der Stadt. Er zählte sämtliche Titel und Prädikate der Vouzins auf und gab sich bereitwilligst dazu her, alle Aufschlüsse über die drei herzoglichen Zweige der Familie zu geben. Jener Herzog, der im Mittelpunkt des Interesses von Valleyres stand, war das Oberhaupt der Linie Vouzins-Baufflers, der ältesten der drei Familien, da sie schon durch Ludwig XIV. in den Herzogstand erhoben worden war. Er besaß nur noch einen Sohn von siebenundzwanzig Jahren, der den Titel eines Prinzen von Viane führte. Seine Tochter, die mit Karl August, Herzog von Danzig, verheiratet gewesen war, war erst kürzlich im Alter von neunundzwanzig Jahren gestorben.

»Kaiserlicher Adel«! meinte der Baron Morteuse geringschätzig, allerdings erst nachdem er sich vorsichtig umgesehen hatte, ob Herr Duret nicht in der Nähe sei, der jetzt der Schwiegervater des Grafen Perquet de Bonnenfant war.

Auch in den bescheideneren Kreisen der Stadt erregte das Ereignis nicht weniger Neugierde.

Endlich, an einem Samstag erfuhr man durch Larrivée, der zum Markt in die Stadt gekommen war, daß der Herzog seit dem vorigen Abend in Vouzins weile, und man erwartete mit einer Ruhe, die indes nur äußerlich war, was er zunächst unternehmen werde.


Bei der Messe am nächsten Sonntag sah man die erlauchte Persönlichkeit. Ganz Valleyres hatte sich eingefunden. Jene, die sich, wie Doktor Maigret oder der Notar, vom Besuche der Kirche fernhielten, gingen auf dem großen Platz auf und ab.

Man hatte natürlich angenommen, daß der Herzog im zweispännigen Wagen vorfahren werde, doch er kam zu Fuß. Er war ein hoch, gewachsener, alter Herr, den man für einen guten Sechziger schätzte, sein Gesicht zeigte regelmäßige Züge, einen kurzgeschnittenen weißen Bart, blaue Augen und eine Adlernase. Die Frauen erklärten ihn einstimmig für einen sehr schönen Mann. Er trug noch Trauer um seine Tochter und hatte keinerlei Dekorationen im Knopfloch, obgleich er – Herr Allemand hatte dies festgestellt – Groß-Würdenträger vieler Orden war. Er trat durch das Seitenschiff in die Kirche und nahm in einer Bank Platz, die der Herr Pfarrer auf Ersuchen von Larrivée nahe dem Chor aufgestellt hatte. Versunken folgte er dem Gottesdienst, während alle anderen Anwesenden nur für ihn Augen hatten. Allen fiel die tiefe Schwermut auf, die über seinen Zügen lag. Die Kinder fragten erstaunt, wieso es denn möglich wäre, daß ein Herzog traurig sei.

Nach der Messe stattete er dem Herrn Pfarrer einen Besuch ab, dann hielt er sich in der Hauptstraße beim bekannten Zuckerbäcker Joseph auf, um einige Kuchen zu kaufen, die er, trotz aller Proteste der biederen Frau Joseph, die ganz verwirrt war, seine Gnaden in ihrem bescheidenen Laden zu sehen, in ein kleines Päckchen verpackt, selbst forttrug. Ohne weiteren Aufenthalt schritt er den Hügel nach dem eine halbe Meile entfernten Vouzins hinauf.

An jedem Sonntag erschien der Herzog nun zur Messe, doch während der Woche zeigte er sich niemals in der Stadt. Die einzigen, die mit ihm in Verbindung traten, waren der Notar und der junge Doktor Barbeau, der einmal berufen wurde, als der Herzog leidend war.

Alle anderen mußten sich damit begnügen, bei Larrivée, der dadurch eine gewichtige Persönlichkeit wurde, Befriedigung ihrer Neugier zu finden. Man brachte ihn zum Sprechen, und auf diese Weise erfuhr man Näheres über das Leben des Herzogs. Es war so einfach und bescheiden, wie man niemals gewagt hätte, es sich vorzustellen. Larrivée versah die Dienste eines Kammerdieners, seine Frau bereitete die Mahlzeiten. Weder Wagen noch Pferde hatte der Herzog zur Verfügung. Sein einziger Luxus bestand darin, daß er von silbernen, mit seinem Wappen geschmückten Tellern speiste, von denen er eine geringe Anzahl aus Paris mitgebracht hatte. Frühmorgens verließ er sein Schlafgemach, den Vormittag verbrachte er im Park, um zwei Uhr, nach alter Sitte, nahm er sein Mittagessen, um halb sieben sein Diner, und bald danach zog er sich wieder in sein Schlafzimmer zurück. Ein Tag verlief wie der andere. Arzt und Notar hatten dieser Schilderung wenig hinzuzufügen. Der Herzog war zu ihnen von ausgesuchter Höflichkeit, die sie mehr verwirrte und einen größeren Abstand schuf als jeder Hochmut: doch besprach er ausschließlich Dinge ihres Amtes mit ihnen.

Während des ersten Jahres, das der Herzog in Vouzins verbrachte, hätte die Haltung der Notabeln von Balleyres ihm gegenüber nicht würdiger sein können. Allerdings begegneten sie ihm nur bei der Messe, aber die Vermutung war ja nicht abzuweisen, daß er am Ende seines Trauerjahres aus seiner Zurückgezogenheit hervortreten würde. So verhielten sie sich abwartend, wie es ihrer Stellung entsprach: Ihnen kam es nicht zu, die ersten Schritte zu tun, die einen persönlichen Verkehr einleiten würden, da sie sich aber zu den gleichen Kreisen zählten, waren sie in jedem Augenblick bereit, ihm, falls er die Absicht dazu zeigen sollte, auf halbem Wege entgegenzukommen. Die geringste seiner Gesten wurde zu diesem Zwecke scharf beobachtet. Doch der Herzog von Vouzins-Baufflers ging unbekümmert und ahnungslos seinen geraden Weg und sein Blick schweifte weder rechts noch links.

So war ein Jahr dahingegangen, ohne daß er sein Benehmen im geringsten geändert hätte. Es konnte kein Zweifel mehr darüber herrschen, daß er nicht die Absicht hatte, Besuche im Städtchen oder bei seinen Gutsnachbarn zu machen, und daß er keinerlei Verkehr anzubahnen gedachte. Die Hoffnung, ihn im Kasino zu sehen, erlosch. Man begann ihn zu kritisieren. Es wurde Mode, seinen Namen nur in einem etwas geringschätzigen Tone auszusprechen. Sicherlich, so urteilte man, habe er sich durch ein tolles Leben in Paris ruiniert und sei auf seine alten Tage in Vouzins auf Wasser und Brot gesetzt. – Doch durch Mainguet, durch dessen Hände einige geschäftliche Transaktionen des Herzogs gegangen waren, erfuhr man, daß er über außerordentlich große Einkünfte verfüge und daß es zweifellos nicht seine Vermögensverhältnisse waren, die ihn gezwungen hatten, sich nach Vouzins zurückzuziehen.

Darauf entschied man, daß vermutlich eine wenig erfreuliche Affäre, ein betrogener, eifersüchtiger Gatte, wenn nicht noch Schlimmeres, ihn genötigt haben müsse, Paris zu verlassen. Nur wenn ihre Frauen nicht in der Nähe waren, sprachen die Herren jetzt noch vom Herzog.

Das Leben in Vouzins ging indessen seinen eintönigen Lauf weiter. Niemals verließ der Herzog seinen Park; die einzige Ausgabe, die er sich gestattete, war ein Tagelöhner, der die Wege zu reinigen hatte und unter des Herzogs Aufsicht abgestorbene Zweige entfernte, neue Bäume pflanzte, um jene zu ersetzen, die zugrunde gegangen waren: niemals aber wurde ein Baum gefällt, in dem sich noch Leben zeigte. Diese Arbeit in seinem Garten war die einzige Beschäftigung des Herrn von Vouzins, und doch schien er unter der Einsamkeit nicht zu leiden.

Im zweiten Jahre seines Aufenthaltes nahm er die Gewohnheit an, zwei-, dreimal im Monat zu verreisen. Die Neugier der Einwohner von Valleyres wurde durch diesen Umstand, der mit der sonstigen vollkommenen Zurückgezogenheit, in der der Herzog lebte, in so auffallendem Widerspruche stand, auf ihren Gipfelpunkt getrieben. Man verfolgte seinen Weg bis Maigny, doch hier in der Hauptstadt der Provinz nahm er nur eine neue Fahrkarte um seine Reise fortzusetzen. Zweifellos war Livray sein Ziel. Dort aber verlor sich seine Spur endgültig. Mühelos verschwand er in den engen, winkeligen Gassen dieser großen Stadt von hunderttausend Einwohnern. Die absonderlichsten Gerüchte umspannen diese Reisen. In Wahrheit aber wußte man nicht das mindeste über deren Ziel und Zweck.

Im Herbst des nächstfolgenden Jahres kam Leo von Barbeau aus Paris, um einen Monat bei seinem Bruder Viktor in der Nähe von Valleyres zu verbringen. Leo Barbeau führte in der Hauptstadt ein genußfrohes Leben und verbrauchte den Erbteil, den ihm sein Vater August, der sich aus seiner Spinnerei in Roubaix mit einer Rente von hunderttausend Francs auf einen Besitz nahe Valleyres zurückzog hinterlassen hatte. Durch ihn vermochte man auch über den Herzog einiges zu erfahren. Er erzählte im Kasino, daß dieser, untröstlich über den Tod seiner Tochter, sich aus Paris zurückgezogen hätte. Sie, die Herzogin von Danzig, hatte ihren Mann, dem man allerlei Übles nachsagte, verlassen und die letzte Zeit bei ihrem Vater gelebt. Vater und Tochter waren seit ihrer Rückkehr in das väterliche Haus unzertrennlich gewesen, nur der Tod hatte vermocht, diese vorbildliche Anhänglichkeit zu zerstören. Das Mitgefühl und die Bewunderung der ganzen Pariser Gesellschaft waren dem Herzog in seine selbstgewählte Verbannung gefolgt.

So sprach Herr Leo von Barbeau, der es ja von Paris her wissen mußte, wenngleich er in den Kreisen, zu denen der Herzog und seine Tochter zählten, nicht verkehrt hatte. Und seine überzeugt klingenden Berichte, die mit allem, was man in Valleyres mit eigenen Augen sah, wohl im Einklang standen, verursachten eine vollkommene Wandlung in der öffentlichen Meinung des Städtchens. Der Herzog den man acht Tage zuvor schon sehr über die Achseln angesehen hatte, wurde jetzt zum Mittelpunkt des allgemeinen Mitleides und als Vorbild väterlicher Tugenden gepriesen.

Es war etwa um diese Zeit, daß ich ihm unter Umständen begegnete, die seltsam genug waren, um meine kindliche Phantasie stark zu beschäftigen. Bis dahin hatte ich ihn nur in der Kirche betrachten können, und die Schwermut seines Blickes war mir, wie allen anderen, aufgefallen. Neugierig und erregt hatte ich immer nach diesem vornehmen, alten Edelmann geblickt, der versunken seine eigenen Wege ging, ohne mit irgend jemand zusprechen. Lag für mich doch der ganze Zauber jener feudalen Pariser Welt um ihn, wie die Romane Balzacs, die ich verstohlen aus der Bibliothek meines Vaters nahm, sie in meinem Kopfe erstehen ließen.

Ich war damals dreizehn Jahre alt. Eines Tages hatte ich mich in der Nähe von Vouzins bei der Verfolgung von Spatzen, nach denen ich mit einer kleinen Schleuder schoß, verirrt. Auf der Hecke des herzoglichen Parkes sah ich einen Vogel sitzen, den ich zuerst für einen großen Sperling hielt, um dann beim Näherkommen zu erkennen, daß es ein Kreuzschnabel sei, eine Gattung, die dortzulande sehr selten vorkommt. Ich warf einen Stein nach ihm, der ihn verfehlte. Er flog auf und ließ sich auf einem Baume im Parke wieder nieder. Ohne Zögern drang ich durch die Hecke und, das Geräusch meiner Schritte so weit als möglich dämpfend, glitt ich durch das Dickicht dem Baume zu. Endlich war ich nahe genug, um ihn mit meiner Schleuder erreichen zu können, doch ehe ich noch zu zielen vermochte, flog er zwitschernd davon und im gleichen Augenblicke tauchte, nur drei Meter vor mir, an einer Biegung des Gartenweges der Herzog auf.

Es blieb keine Zeit mehr, an Flucht zu denken. Regungslos duckte ich mich in das Gebüsch und hatte bloß eine schwache Hoffnung, daß der Herzog vorbeigehen würde, ohne mich zu bemerken. Er machte noch ein, zwei Schritte, sein Blick war auf das Dickicht gerichtet, in dem ich versteckt hockte, dann blieb er stehen. Meine Angst war so groß, daß mir Schweißtropfen über die Stirne rannen. Seine weitaufgerissenen Augen starrten auf mich, ich konnte nicht mehr daran zweifeln, daß er mich barsch anfahren werde.– Das währte einige Sekunden. Dann überkam mich plötzlich ganz überraschend die Gewißheit, daß er mich nicht sähe, daß seine Gedanken ganz ferne weilten. Meine Kaltblütigkeit kehrte zurück und ich faßte den unbeweglich vor mir stehenden Greis beobachtend ins Auge. Jetzt erst erschrak ich vor dem Ausdruck seines Blickes. Eine seltsame Flamme zuckte in dem blassen Blau seiner Augen. Eine beängstigende Erregung brannte aus ihnen ... Einen ähnlichen Blick hatte ich erst einmal in meinem Leben gesehen, bei einem Landstreicher, den man kurz vor meinem Dazukommen festgenommen hatte. Später hatte ich erfahren, daß man ihn eben ertappt hatte, als er im Begriffe stand ein Mädchen hinter einer Hecke zu vergewaltigen. – Der Herzog von Vouzins hatte in jenem Augenblicke die gleichen Augen wie jener Mädchenschänder ...

Ohne mich bemerkt zu haben, setzte er endlich wieder seinen Weg fort, und ich rannte nach Hause, doch hütete ich mich, von meinem Abenteuer zu erzählen. Seither begegnete ich noch oft dem Herzog, doch seine Augen hatten stets nur den gewohnten Ausdruck tiefer Trauer.


Jahre flossen dahin, doch nichts änderte sich im Leben des Herzogs. Nach wie vor sah man ihn nur Sonntags zur Messe in der Stadt, in unregelmäßigen Zwischenräumen machte er seine unaufgeklärten Reisen, von denen er stets erst nach einem Tag und einer Nacht zurückkehrte. Sein erloschener Blick verriet stets den gleichen unauslöschlichen Schmerz, den keine Zeit zu lindern schien.

Fünfzehn Jahre dauerte dieses stumme, gleichmäßige Dahinleben; fünfzehn Jahre nach seiner Ankunft hatte er die edelsten Bürger der Stadt, die ihr Staunen darüber niemals verlernt hatten, noch keines Wortes gewürdigt.

Da erhielt der Notar Mainguet eines Tages ein Telegramm des Polizeikommissars von Livray, das ihn veranlaßte, Hals über Kopf nach dieser Stadt zu reisen. Am nächsten Abend kehrte er zurück und führte die Leiche des Herzogs von Vouzins-Baufflers mit sich, der in Livray auf der Durchreise eines plötzlichen Todes gestorben war. – So wenigstens lautete der offizielle Bericht. Die Wahrheit indessen sickerte langsam durch. Ein Schlaganfall hatte des Herzogs Leben in einem verdächtigen Hause ein Ende gemacht, während er sich in einer Gesellschaft befand, die nach den Gesetzen unseres Landes verboten war, da sie ein Überschreiten jener Grenze bildete, bei der die Vergnügungen aufhören unschuldig zu sein ...

Die Nachricht vom Tode des Herzogs von Vouzins erregte nur wenig Aufsehen. Seit allzulangem war er schon aus einer Welt verschwunden, in der man rasch vergißt. Nur einige Greise in Paris erinnerten sich noch seiner.

Entsprechend seinen letztwilligen Verfügungen wurde er in der Familiengruft an der Seite seiner Tochter bestattet.

Einige Jahre später setzte ich in Paris meine Studien fort. Häufig besuchte ich einen alten Freund meines Vaters, einen ehemaligen Rechtsanwalt, Maitre Lefranchenet. Dieser war seinerzeit Berater des Herzogs von Vouzins gewesen, dessen vollstes Vertrauen er genossen hatte und eine Verehrung, in die sich zärtliche Freundschaft mischte, lebte für den Herzog noch in seiner Erinnerung. Die wunderlichen Umstände, unter denen der Tod den Herrn von Vouzins ereilt hatte, waren ihm unbekannt geblieben und ich wollte die Gefühle des alten Herrn durch die Mitteilung jener Gerüchte nicht verletzen.

Doch das einsame Leben, das ich den Herzog in Valleyres hatte führen sehen, der wirre Blick seiner starren Augen, als er damals im Parke vor mir stand, und den ich nicht zu vergessen vermochte, seine geheimnisvollen Reisen nach Livray und alles, was über seinen Tod gemunkelt wurde, hatten meine Neugierde aufs heftigste erregt. Ein dunkles Gefühl weckte die Vermutung in mir, daß ein düsteres Geheimnis mit jenem Greis ins Grab gesunken sei, und ich hoffte, daß Maitre Lefranchenet mir den Schlüssel dazu geben könnte.

So veranlaßte ich meinen alten Freund immer wieder, von seinem hochgeborenen Klienten zu sprechen, und eines Abends – wir hatten in seiner kleinen, altmodischen Wohnung allein gespeist – erzählte er mir folgendes:

»Die Vouzins waren alle zügellose Menschen. Einer von ihnen war Freund und Mitarbeiter jenes Rancé, der den Trappistenorden begründete, alle anderen führten ein tolles Leben im Rausch von Festen, Schlachten und Abenteuern. Fieberhafte Unruhe kennzeichnet das Geschlecht. Sie kannten kein Maß und keine Grenzen, befehdeten jeden Durchschnitt und fühlten sich nur in Übertreibungen wohl.

Jener Herzog, den du kanntest, hatte auch ein ungewohntes Schicksal hinter sich, das allerdings noch zu einem guten Ende kam. Um ihn in ruhige Bahnen zu lenken, verheiratete man ihn einundzwanzigjährig mit einer Italienerin aus edlem Geschlechte, die ihm zwei Kinder schenkte. Das ältere war ein Mädchen: bei der Geburt des zweiten Kindes, eines Knaben, der den Titel eines Herzogs von Viane führte, verschied die Mutter. Maria Anna, die Tochter, wurde im Kloster erzogen. Der Herzog, mit vierundzwanzig Jahren Witwer geworden, stürzte sich bald wieder in fröhliches Leben, wie es schließlich verständlich ist. Er liebte vergnügliche Unterhaltungen und hatte in allen Teilen der Welt seine Maitressen, ohne sich irgendwo dauernd fesseln zu lassen. Als seine Tochter herangewachsen war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sie mit Karl August, Herzog von Danzig, zu vermählen.

Ich nahm an der Hochzeit als Trauzeuge der Prinzessin teil. Niemand hätte damals dem Herzog angesehen, daß er schon vierzig Jahre zählte. Er war schlank, geschmeidig, durch seine edle Haltung überragte sein seiner Kopf alle übrigen. Als er seine Tochter zum Altar führte, ging ein Raunen des Entzückens durch die Kirche. Er schien jünger als sein Schwiegersohn. Die Schönheit von Maria Anna, die man bei dieser Gelegenheit zum ersten Male zu sehen bekam, überraschte und befremdete. Ein Ernst, eine Würde lagen über diesem achtzehnjährigen Mädchen, die seinem Alter nicht entsprachen.

Ein Jahr später hatte sich Maria Anna von ihrem Gatten, der nach sechsmonatiger Ehe wieder das Leben mit seiner früheren Geliebten begonnen hatte, getrennt und der Herzog räumte seiner Tochter den ersten Stock seines Palais ein.«

Maitre Lefranchenet unterbrach sich, um eine Lade seines Schreibtisches zu öffnen, aus der er eine Miniatur entnahm, die er mir reichte.

»Es ist eine Kopie,« sprach er, »die von dem besten Miniaturenmaler jener Zeit nach dem berühmten Bild, das Ingres von der Herzogin von Danzig malte, angefertigt wurde. Sie stand damals im Alter von dreiundzwanzig Jahren.«

Ich nahm die Miniatur und blieb in ihrer Betrachtung stumm vor Entzücken. Die Herzogin war in einem Brustbild festgehalten, ein dekolletiertes, purpurrotes Kleid umhüllte ihren Körper, leichter Gazestoff lag um ihre Schultern. Aber einem zarten, schlanken Hals saß ein kleiner Kopf, auf dem wie ein rotgoldener Helm die schweren Haare lasteten. Die Schläfen waren etwas abgeflacht. Der zarte Bogen der Augenbrauen war am Ende leicht nach oben gewendet und gab dadurch dem Gesichte einen klein wenig spöttischen Ausdruck, der durch den funkelnden, harten Blick der hellen Augen, die seltsam fremdartig wie die Emailaugen mancher antiken Bronzen anmuteten, noch unterstrichen wurde. Ernst schien der Mund mit den geschwungenen Lippen. Das Kinn war eigensinnig. Der Ausschnitt des Kleides zeigte eine matte, üppige, sinnliche Haut – nur Ingres verstand es, diesen Ton des weiblichen Körpers festzuhalten. Vergeblich würde ich versuchen, einen schwachen Eindruck jener Schönheit zu erwecken, den die im Profil gesehene, geschwungen anschwellende Linie zeigte, die von den Haarwurzeln dem Rücken entlang verlief.

Ich vermochte meine Blicke von dem wundervollen Bilde dieser Frau nicht loszureißen und tausend unklare, verwirrende Gedanken bestürmten mich, während ich es betrachtete. Das also war die Tochter des Herzogs von Vouzins, nach deren Tod er sich von der Welt in düstere Einsamkeit zurückzog!

Maitre Lefranchenet beobachtete mich.

»Nun,« fragte er, »was meinst du dazu, junger Mann? Wenn ich dich gewähren ließe, würdest du wahrscheinlich einen ganzen wunderlichen Roman erträumen und wohl das Gleiche sagen, was damals alle sagten, die Maria Anna noch kannten. Zeige dieses Bild einem Psychologen, er wird in einer Seele zu lesen glauben, die offen vor ihm liegt. Und so wie er, wirst auch du nicht anders denken, als daß dies eine jener Frauen sei, die niemals verzichten und denen der christliche Gehorsam fremd ist. Du wirst der Ansicht sein, daß ihre unglückliche Ehe sicherlich der Beginn eines bewegten, empfindungsstarken und rauschenden Lebens gewesen sein müsse. Daß der Ausdruck ›Vergnügen‹ in diesem Leben keinen Platz gehabt haben mag, wohl aber das Wort: Leidenschaft. Und wenn du daran denkst, wer ihre Mutter war, dann wirst du überzeugt sein, daß Maria Anna von ihr diesen überraschend ernsten Zug in ihrem Gesicht erbte. Du wirst, an die heroischen Frauen der italienischen Chronik anknüpfend, vermutlich zu dem Schlusse kommen, daß eine solche Frau, wenn sie liebt, dies bis zum letzten Atemzuge tut und daß sie nur einer Liebe fähig sei, die vor nichts, auch nicht vor dem Verbrechen, zurückschreckt, um die Befriedigung ihrer Sehnsucht zu ertrotzen. Erinnere dich noch, daß ›Ohne Fehl!‹ der hochmütige Wahlspruch ihrer Familie war, und daß diese Leute in Gott stets nur einen vornehmen Ahnen sahen, mit dem einen schließlich nicht weniger gute Beziehungen verbinden, als sie zwischen Leuten der gleichen hochgeborenen Welt üblich sind. – Erwäge alles dies und schreibe deinen Roman!«

Maitre Lefranchenet, der diese Rede mit lebhaftem Eifer hervorgesprudelt hatte, hielt einen Augenblick an und fuhr dann in ganz anderer, bedächtiger Weise, mit vollkommen geändertem Tonfall fort:

»Roman, alles Roman! – Du würdest dich irren, wie auch so viele andere sich geirrt haben. Alle Vermutungen, die schon damals auftauchten, waren grundlos und blieben unbewiesen. Die Schlüsse, die man so gern aus dem körperlichen Eindruck auf die Seele zieht, die diesen Körper bewohnt, sind immer trügerisch. Unter den tragischen Zügen dieser jungen Frau schlummerte unbewegt eine friedvolle Seele, wie das durchsichtige Wasser eines stillen Weihers. – Nachdem sie ihren Mann verlassen hatte, führte die Herzogin von Danzig bei ihrem Vater ein vollkommen ruhiges, geregeltes Dasein. Sie bot nicht den geringsten Anlaß zur Nachrede, kein Mann konnte sich jemals rühmen in ihrer Gunst gestanden zu sein. Einer der glänzendsten Kavaliere jener Zeit, der Herr von Sanois, machte ihr hartnäckig in vornehmster Weise den Hof – erfolglos. Seine Liebe war stark und ehrlich, verzweifelt darüber, keinen Widerhall zu finden, vergrub er sich in ein Provinznest, das vielleicht noch trostloser war als dieses Valleyres, von wo du kommst.

Doch ein Wunder, denn ein solches war es, geschah dem Vater, dem Herzog. Schon kurze Zeit, nachdem seine Tochter zu ihm zurückgekehrt war, begann er seine Lebensweise zu ändern. Man sah ihn nach und nach die Freunde seiner Vergnügungen meiden, den Klub, in dem er gespielt hatte, die Kulissen des Opernballetts. Man erfuhr, daß er einem schönen Mädchen, das ihm bis dahin nahegestanden hatte, herrliche Perlen als Abschiedsgeschenk gegeben hatte. Neugierig forschte man, nach welcher Richtung sich das ewig unbefriedigte Herz dieses immer noch anspruchsvollen Edelmannes nun wenden würde. Man forschte vergeblich. Keiner Dame der Gesellschaft, keinem der Bühnenstars schenkte er seine Aufmerksamkeit. Spöttischer Scherz blieb nicht aus, doch der Herzog achtete dessen nicht. Mit zweiundvierzig Jahren, jung und immer noch schön und elegant, gab er alle Abenteuer auf und widmete sein Leben ausschließlich der Tochter.

Es war begreiflich, daß dies in Paris Aufsehen erregen mußte. Drei Monate lang bildeten die Schönheit und die Klugheit der Herzogin von Danzig ebenso wie die Bekehrung ihres Vaters den einzigen Gesprächsstoff aller Gesellschaftskreise. Man wußte nicht, wo man die Ursache für einen so unerwarteten und grundlegenden Wechsel des Charakters suchen sollte. Man vermutete, daß die Pfaffen dahintersteckten, doch auch dies traf nicht zu. Wohl waren Maria Anna und der Herzog in religiöser Beziehung so korrekt, wie es ihrer hohen sozialen Position entsprach, doch gingen sie auch nicht im geringsten über äußerliche Anforderungen, die man an sie stellte, hinaus. Sonntags hörten sie die Messe; einmal im Jahr nahmen sie die Beichte; doch niemals begegnete man einer Soutane in ihren Salons.

Das Leben der beiden hörte nicht auf, Gegenstand der Erbauung in den sittenstrengen Kreisen zu sein. Morgens ritten sie gemeinsam aus, abends besuchten sie die Empfänge ihrer Freunde oder die Oper – niemals aber verließ der Herzog seine Tochter. Ebenso wie er jede Einladung ablehnte, die nicht auch seine Tochter einschloß, ebenso unmöglich war es, sie ohne den Vater zu empfangen. Fast hätte man meinen können, daß er eifersüchtig sei. Überall sah man sie zusammen. Er war kaum älter geworden, die Herzogin aber sah in Wahrheit vielleicht noch bezaubernder aus als auf der Miniature, die du eben bewundert hast. Sie bildeten ein prachtvolles Paar. Fremde müssen sie zweifellos öfter als einmal für Mann und Frau gehalten haben.«

Hier ließ Maitre Lefranchenet ein selbstgefälliges Lachen hören, mit dem er offenbar meinen Beifall zu dieser von ihm als guten Scherz betrachteten Bemerkung herausfordern wollte. Ich aber vermochte kein Lächeln auf meine Lippen zu zwingen und sein »Witz« versickerte in Schweigen.

Maitre Lefranchenet fuhr in seinem Bericht fort.

»Der einzige Vorwurf, den man ihnen zu machen vermochte, war der, daß sie sich allzusehr vom geselligen Leben zurückzogen. Beide verhehlten kaum noch, wie wenig Interesse sie gesellschaftlichen Vergnügungen abzugewinnen vermochten. Man sah sie immer seltener im Theater oder bei Festen; Freunde empfingen sie fast gar nicht mehr bei sich. Den Herbst verbrachten sie nicht mehr wie bisher auf dem Lande; sie verzichteten jetzt auch darauf, an den Parforcejagden ihres Vetters, des Herzogs Vouzins d'Artus, teilzunehmen; sie verließen Paris nur mehr für einen knappen Monat, den sie auf Reisen verbrachten. Die ganze übrige Zeit aber blieben sie in ihrem Palais im Viertel St. Germain verborgen, in dessen großem Garten sie im Sommer den Schatten der hundertjährigen Bäume genossen.

Ich selbst hatte anfangs nur wenig Gelegenheit sie zu sehen, erst ein verwickelter Rechtsstreit, der mit einer italienischen Erbschaft zusammenhing, zwang mich – etwa sechs Jahre nach der Trennung Maria Annas von ihrem Gatten – sie häufig zu besuchen. Die Herzogin empfing mich meist in ihren Privatgemächern, die im ersten Stock des Palais, im rechten Flügel, gerade über jenen ihres Vaters lagen, der das Erdgeschoß bewohnte. Wenn ich mich bei ihr meldete, wurde ich zunächst in eine Art Vorraum geführt, in dem hinter einem Wandschirm das Bett der langjährigen Kammerfrau der Herzogin stand, die niemals von ihrer Seite wich. Von hier gelangte man in einen recht geräumigen Salon, an diesen grenzte der Ankleideraum, ein Badezimmer und daneben – das Eckzimmer im Stockwerk – lag das Schlafzimmer der Herzogin. Es gab keinen Gang, kein Vorzimmer, keine Dienertreppe – Maria Anna klagte häufig in meiner Gegenwart darüber – und der einzige Eingang zu den Räumen der Herzogin war durch jenes Zimmer, in dem nachts die Kammerfrau schlief. Darin sah ich einen neuerlichen Beweis für die, übrigens als böswillig erwiesenen Gerüchte, daß die Herzogin im geheimen Herrn von Sanois zu nächtlicher Stunde empfangen hätte. Nein, diese hochmütige Dame war – vielleicht aus übermäßigem Stolz, vielleicht nur aus Verachtung – zweifellos rein geblieben. War sie glücklich? Ich glaube es nicht. Die Jahre, die ihr die Erfüllung ihres Lebens hätten bringen sollen, lasteten in unbegreiflich schwermütigem Druck auf ihr. Früher war sie entschlossen in ihren Handlungen, prägnant in ihren Äußerungen gewesen. Jetzt fand ich sie öfters traumverloren, geistesabwesend. Manchmal verfiel sie mitten in einer Unterhaltung in seltsames Schweigen und blieb, ohne der Umgebung zu achten, in sich versunken. In solchen Augenblicken lag ein wunderlicher Ausdruck in ihren Augen, ein fremdes Leuchten zuckte in ihnen auf, als weilten sie bei den Bildern eines glutvollen Traumes. Auch mir widerfuhr es in solchen Augenblicken, daß meine Phantasie verderbliche Wege einschlug, daß ich romanhaften Verwicklungen nachspürte. Ich dachte an die Rachel, die ich noch als Phädra bewundert hatte. Nur diese Tragödin hatte in gleichem Maße wie die Herzogin die Ahnung von geheimnisvollen Tiefen geweckt, die ein Wesen ausfüllen, das von den fürchterlichen Gewalten des Bösen beherrscht wird ... Doch Maria Anna erwachte aus ihren fernen Gedanken, und auch ich kehrte in die Wirklichkeit zurück, mein Verstand behielt die Oberhand. Ja, sagte ich mir dann, sie ist als tragischer Charakter geboren, doch sie blieb tugendhaft, wie sie auch sündhaft hätte werden können.

Gleiche Verehrung erfüllte mich für ihren Vater. Kannte ich doch die Erbschaft, die er von seinen Ahnen übernommen hatte, von diesem ausschweifenden, sinnlichen Geschlecht, das sich auf seine Vergnügungen wirft, wie ein spleeniger Engländer auf den Alkohol. Wußte ich doch, was es gerade für ihn bedeutete, Leichtsinn gegen Ernst zu tauschen, und niemals endete mein Staunen, daß die bloße Gegenwart seiner Tochter es zuwege gebracht hatte, seinen ganzen Charakter so durchgreifend zu ändern.

Zehn Jahre hatte dieses vorbildliche Leben der beiden Menschen gedauert, als ein tückischer Typhus Maria Anna in wenigen Wochen dahinraffte. Die Verzweiflung ihres Vaters war unbeschreiblich. Und in dieser Verzweiflung faßte er den Entschluß, sich auf seinen lange vernachlässigten Besitz von Valleyres zurückzuziehen. Er empfing mich kurz nach dem Tode seiner Tochter und wie er mir entgegentrat, vermochte ich einen Ausruf des Erschreckens nicht zu unterdrücken. Als ich ihn das letztenmal verlassen hatte, war er ein strahlender junger Mann gewesen, dessen wenige graue Haare in seinem Schnurrbart wie eine Koketterie wirkten – jetzt sah ich mich einem Greis gegenüber. Schmerz und Lebensüberdruß waren in seine Züge eingegraben. Er hatte sich einen Vollbart wachsen lassen, der ebenso wie sein Haar schneeweiß war. Mit tonloser Stimme gab er mir seine Wünsche bekannt, und als er Abschied nahm, geschah es mit tieferer Bewegung, als ich von diesem immer nur herablassenden hohen Herrn hätte erwarten können. Zum Andenken an seine Tochter übergab er mir diese Miniature ...«

So sprach Maitre Lefranchenet.

Ich hatte die Miniature wieder zur Hand genommen und während ich sie betrachtete, fühlte ich, stärker noch als vorher, die Unruhe, die ihr erster Anblick in mir erregt halte. Vor allem waren es die Augen, die mich nicht loslassen wollten, die sich mit verwirrendem Funkeln zu beleben schienen. Wie eine Herausforderung war ihr Blick. – Es mußte doch so manches im Leben dieser Frau gegeben haben, das die trockene Bücherweisheit meines Freundes Lefranchenet nicht zu begreifen vermochte ...

Seither dachte ich noch oft an die Geschichte vom Leben des Herzogs von Vouzins und seiner Tochter. Das Geheimnis, das mir verschleiert blieb, beschäftigte mich. Dunkle Zweifel, die ich mir nicht einzugestehen wagte, quälten mich. Und doch – hatte Maitre Lefranchenet nicht ganz genaue Einzelheiten aus dem intimen Leben der Herzogin mitgeteilt? Genügte nicht schon der Bericht über die Einteilung ihrer Zimmer, um alle Zweifel verstummen zu lassen? Man mußte sich damit bescheiden, daß ein gütiges Geschick die Seelen dieser heißblütigen beiden Menschen vor dem Abgrund bewahrt hatte. –

Doch dann tauchte wieder das Bild der Herzogin mit dem rätselvollen, lasterhaften Blick vor mir auf... Oder es stand lebend wie an einem fernen Tage, die unvergeßliche Erscheinung aus dem Park von Vouzins vor mir, das zerrüttete Antlitz, in dem sündige Augen verbrecherisch brannten ... Und manchmal dachte ich auch an das schändliche Ende jenes Greises.

Jahre vergingen. Auch mein alter Freund Lefranchenet weilte nicht mehr unter den Lebenden.

Eines Abends im Herbste, als ich in der Dämmerung vom Quartier Latin der Seine zuschritt, führte mich ein Zufall an einem mit Brettern verschalten Bauplatz an der Ecke zweier Straßen vorbei.

An den Planken befestigt las ich folgende handgeschriebene Ankündigung:

»An Liebhaber gelangen hier am Platz verschiedene Demolierungsmaterialien aus dem ehemaligen Palais Vouzins-Baufflers zum freihändigen Verkauf.«

Ich stieß die kleine Türe in der Verschalung auf und fand mich vor den Resten des Palais. Die beiden Fronten, die ehemals gegen den Hof und gegen den Garten zu lagen, waren schon niedergerissen. Noch standen die herrlichen alten Bäume, die verschwinden sollten. Was zum Verkaufe stand, bot wenig Interesse; zwei oder drei Kaminplatten und andere Dinge, die so wertlos waren, daß man sie dagelassen hatte. Einer der noch anwesenden Arbeiter kam auf mich zu, um sie mir zu zeigen.

Doch mehr als diese reizlosen Gegenstände fesselte mich der Anblick der Stätte, an dem sich zwei so außergewöhnliche Leben abgespielt hatten. Ich bat um die Erlaubnis, näher an die Demolierungsstätte herantreten zu dürfen.

Nur noch die beiden Hauptmauern des Seitentraktes ragten in die Höhe. Der Arbeiter folgte mir, während seine Gefährten, da die Nacht hereinbrach, sich anschickten, die Arbeitsstätte zu verlassen. Stolz auf mein Interesse, gab er mir Erläuterungen.

»Das Palais soll zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts für eine Herzogin von Vouzins erbaut worden sein. Nonne scheint sie nicht gewesen ...«

Daran knüpfte er einige scherzhafte Bemerkungen über das Leben der hohen Herrschaften von anno dazumal. Zerstreut hörte ich zu. Er bemerkte dies und wollte mir, in seiner Eitelkeit verletzt, beweisen, daß er recht habe.

»Ja, der Herr wird wohl nicht erraten, was man hier beim Abräumen entdeckt hat! – Eine geheime Treppe, die in der dicken Mauer versteckt, vom Erdgeschoß geradeswegs in das Zimmer der Herzogin im ersten Stock führte! Unten verbarg sie sich in einer Holzvertäfelung und oben endete sie hinter einem mächtigen, eingebauten Schrank, der die Ecke des Zimmers einnahm. Die Fugen waren so geschickt verdeckt, daß wir das Ganze erst bemerkten, als die Vertäfelungen entfernt wurden und daß selbst die Besitzer des Palais keine Ahnung von dieser Geheimtreppe hatten. Holzverkleidung und Treppe waren eine wundervolle Arbeit. Lehmann, der Antiquitätenhändler, hat einen schönen Preis dafür geboten. Trotzdem hat der Herzog, der Besitzer, sie nicht verkaufen und sie auch nicht aufbewahren wollen. Er ließ sie in Stücke zersägen – ist das nicht ein Jammer ...«

Ich hörte nicht mehr hin. Ich folgte nur der Richtung seiner ausgestreckten Hand, die auf die Spuren der Wendeltreppe wies, die man in der zunehmenden Dunkelheit gerade noch zu erkennen vermochte und die im rechten Flügel des Palais aus dem Schlafzimmer des Herzogs von Vouzins-Baufflers nach jenem seiner Tochter Maria Anna, Herzogin von Danzig, geführt hatte ...

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