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Kleinstadt

Claude Anet: Kleinstadt - Kapitel 6
Quellenangabe
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typenarrative
authorClaude Anet
titleKleinstadt
publisherC. Weller u. CO. Verlag
illustratorA. W. Dressler
year1927
firstpub
translatorGeorg Schwarz
correctorreuters@abc.de
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Marie Lepetit.

Gerade zu der Zeit, da Kleinbürger und Volk von Valleyres voll Schadenfreude den sittlichen Niedergang der Aristokratie beobachteten, der durch das Stadtgespräch bildende Verhältnis der schönen Frau Duret, geborenen von Barthes, mit dem Advokaten Lorety erwiesen wurde – gerade zu dieser Zeit brachte dem Städtchen ein neuer Skandal erfreuliche Ablenkung.

Seine Heldin war das Fräulein Lepetit.

Alle kannten sie; denn sie galt ohne Widerspruch als das schönste Mädchen von Valleyres. Arbeiter, Kaufleute, selbst die vornehme Welt wurden durch ihre Schönheit in ihrem Stolz auf die Heimatstadt bestärkt. Sie führte man als den entscheidenden Beweis an für die offensichtliche – wenn auch durch neidische Gegner geleugnete – Überlegenheit von Valleyres gegenüber den Nachbarstädten Chateauvieux und Villeneuve. Ja, es war sogar fraglich, ob die Provinzhauptstadt Maigny in der Lage gewesen wäre, unter ihren vierzigtausend Einwohnern ein gleichermaßen vollendetes Exemplar der menschlichen Rasse nachzuweisen.

Marie Lepetit war mittelgroß, von wunderbar ebenmäßigem Körperbau; schmiegsam und schlank, saß der Oberkörper auf den weichen Hüften. Die Züge ihres Antlitzes waren fehlerlos. Über dem eigenwilligen Kinn lag ein reizend kleiner Mund; schwarze Augen leuchteten in samtenem, zärtlichem Glanze. Die dunklen Haare lagen in schweren Flechten über der Stirne, die matt schimmernd und niedrig an die einer antiken Statue gemahnte.

Ihre Mutter, die aus dem Süden stammte, war in guten Häusern – bei einer russischen Prinzessin, dann bei einer alten englischen Lady – als ein Mittelding zwischen Kammerfrau und Gesellschafterin in Stellung gewesen. Sie hatte Ersparnisse machen können, einige Bildung erworben und sich vor allem gute Manieren angeeignet. In reiferen Jahren heiratete sie den seligen Lepetit, der Gehilfe des Steuereinnehmers von Valleyres und ein ungewöhnlich hübscher Mensch war. Als er starb, blieb sie in der kleinen Stadt, obwohl sie hier nicht die volle Achtung genoß, die sie glaubte beanspruchen zu dürfen. Fremde wurden in Valleyres nicht geschätzt.

Die Geburt ihrer Tochter Marie zu einer Zeit, da sie die Hoffnung, Mutter zu werden, schon aufgegeben hatte, ließ sie die kleinen Übelstände des Provinzlebens vergessen.

Ihr Dasein hatte nur noch einen Zweck, die Erziehung des Kindes. Sie besaß ein kleines Häuschen in der Hochstraße, die ehedem den vornehmsten Teil der Stadt gebildet hatte, jetzt aber ganz verlassen war. Es lag am Ende dieser Straße und eigentlich auch am Ende der Stadt. Das einzige Nachbarhaus war die alte, jetzt unbenutzte Stadtwohnung der vornehmen Familie Lanterle. Hinter dem Häuschen befand sich ein kleiner Garten, der an die ehemaligen Stadtgräben grenzte und ringsum lagen schon Felder. An keinem anderen Orte hätte Frau Lepetit eine gesündere Luft für ihr kleines Mädchen finden können.

Marie war ein prächtiges Kind. Den ersten Unterricht gab ihr die Mutter selbst, die sie sogar – ein Ausnahmefall im ganzen Städtchen – im Englischen unterwies. Später, als Marie vierzehn Jahre alt war, wurde sie zu Fräulein Nicolas geschickt, die die allerbeste Schule in der Stadt leitete. Zu dieser Zeit richtete Frau Lepetit sich einen kleinen Laden in ihrem Haus in der Hochstraße ein, um das Einkommen, das sie aus Renten bezog, ein wenig zu vergrößern.

Die jungen Damen der vornehmen Welt, die bei Frau Nicolas lernten, waren unsagbar peinlich berührt, die Tochter einer kleinen Ladenbesitzerin zur Mitschülerin zählen zu müssen und konnten sich trotz ihrer guten Erziehung nicht enthalten, ihre Entrüstung merken zu lassen. Marie aber bekümmerte dies nicht. Sie war von heiterem, glücklichem Naturell, und sie begnügte sich damit, zur Vergeltung für das erlittene Unrecht regelmäßig bei allen Prüfungen den ersten Platz zu erobern, was übrigens dem Ansehen von Fräulein Nicolas nicht nützte. Sie vergötterte ihre Mutter und verbrachte ihre ganze freie Zeit bei ihr in der Hochstraße. Abends, ehe die Sonne unterging, machten Mutter und Tochter regelmäßig einen Spaziergang durch die Felder. – Mit achtzehn Jahren verließ Marie die Schule.

Frau Lepetit war nahe an die Sechzig. Sie bewahrte das vornehme Wesen, das sie stets gezeigt hatte, doch das Alter lastete auf ihr, sie wurde wortkarg und nur, wenn ihr Blick auf die Tochter fiel, zeigte er noch die einstige Wärme. Beide lebten in vollkommener Abgeschlossenheit. Frau Lepetit hatte in Valleyres wenig Beziehungen angeknüpft. Die Mutterpflichten, so wie sie von ihr verstanden wurden, ließen für keine anderen Verpflichtungen Zeit. Marie besaß keine Freundinnen, da sie mit jungen Mädchen ihrer Kreise wenig verkehrt hatte und mit ihren vornehmen Mitschülerinnen nicht vertraut geworden war. Sie liebte das Alleinsein, war gereift und klug. So viel Tugend mit solcher Schönheit gepaart erregte das Staunen von vielen und die Bewunderung von allen.

Niemals hätte man Marie in der Dämmerung allein auf der vielgepriesenen Promenade längs der Ourche begegnen können. Selbst auf dem großen Ball der Stadt war sie noch nicht erschienen.

Doch hübsch wie sie war, hatten die Bewunderer nicht gefehlt. Mit gereckten Hälsen strichen die jungen Leute an dem Laden in der Hochstraße vorbei. Der Sohn von Herrn Rigotard, dem Drogisten, hatte sich, ohne sie je gesprochen zu haben, in sie verliebt und machte ihr einen Heiratsantrag, jedoch ohne Erfolg. Die Rigotards genossen den größten Kredit von allen Geschäftsleuten der Stadt! Was hätte sich Besseres diesem jungen Mädchen bieten können? Sie zählte jetzt zwanzig Jahre und war in der vollsten Blüte ihrer Schönheit.


Man mag sich die Verblüffung der Einwohner von Valleyres ausmalen, als gegen Ende November jenes Jahres ein Raunen und Munkeln begann, Fräulein Lepetit sei ... man wagte das Wort nicht auszusprechen.

Jene, die zuerst eine solche Vermutung äußerten, begegneten allgemeinem Unglauben. Indessen, man wollte wissen...! Das wurde ein Kommen und Gehen im Laden der Hochstraße, doch Marie war nicht mehr wie früher tagsüber im Hinterstübchen. Die ihr trotzdem begegneten, berichteten, daß sie eine lose fallende Bluse ohne Gürtel trüge und daß ihr reizendes Gesicht deutliche Spuren von Müdigkeit zeige. Doch wäre es verwegen gewesen, über die Gründe dieser Müdigkeit Bestimmtes zu behaupten. – Einige Wochen vergingen in unbefriedigter Neugierde. Endlich, nach Weihnachten, gab es keinen Zweifel mehr: die Anzeichen einer Schwangerschaft waren unleugbar.

Wem in Zukunft vertrauen? Die bestürzten Gatten zweifelten an der erprobten Tugend ihrer Frauen. War nicht alles zu befürchten, wenn Fräulein Lepetit gestrauchelt war?

Man vergaß dieses gerechtfertigte Staunen nur um nachzuforschen, wer das Mädchen verführt hatte. Doch weder die Nachbarn, noch jene wenigen, die Beziehungen zu den beiden Frauen unterhielten, vermochten den geringsten Anhaltspunkt zu geben.

Manche Spur wurde verfolgt, keine erwies sich als richtig. Man erwartete, daß der Vater, wenn er Anstand besaß, sich melden würde – nichts dergleichen geschah. Man meinte, daß Marie seinen Namen der Verachtung und auch den heimlichen Glückwünschen seiner Mitbürger preisgeben würde. Sie verweigerte dies. Als man sie bestürmte den Namen des Verführers zu nennen, um ihre eigene Ehre zu retten, verschanzte sie sich hinter hartnäckigem Schweigen. Man hoffte bei der Mutter auf leichteres Spiel. Frau Lepetit blieb stumm. Niemand vermochte die alte Dame aus der Zurückhaltung zu locken, die sie sich offensichtlich geschworen hatte.

Mehr noch als die Umstände selbst, war es die Haltung der beiden Frauen, die die Einwohner von Valleyres in maßloses Staunen versetzte. Marie Lepetit schien keinerlei Scham über die peinliche Lage zu empfinden, in der sie sich befand. Während die ganze Stadt ihre verlorene Tugend beklagte, blieb ihre Stimmung unverändert heiter wie zuvor. Auch ihre Mutter zeigte nicht jene bekümmerte Miene, die einer Person zusteht, deren Alter ein unverschuldetes Unglück trifft. Stumm und aufrecht blieb sie trotz ihrer Jahre. Wenn sie zu ihrer Tochter sprach, geschah es mit derselben Milde wie stets vorher. Im Laden in der Hochstraße konnte man sie Leibchen für ihr künftiges Enkelkind stricken sehen.

Dies war wirklich unverständlich. Warum hatten die beiden Frauen, die doch über einiges Vermögen verfügten, nicht den Skandal vermieden und waren nach Maigny oder Livray übersiedelt?

Alle diese Fragen, auf die sie keine Antwort wußten, hielten die Einwohner von Valleyres in ständigem Atem. Das Benehmen dieser Frauen war entschieden eine Herausforderung der ganzen Stadt. Die öffentliche Meinung, die sich zuerst mitleidsvoll Fräulein Lepetit zugewendet hatte, solange man in ihr das Opfer eines ehrlosen Wüstlings vermutete, kehrte sich mit einem Schlage gegen sie. Ihre Heiterkeit wurde Zynismus. Man machte sich Vorwürfe, an Tugend bei ihr geglaubt zu haben. Zweifellos vergnügte sie sich längst schon im Geheimen. Kein Ausdruck war stark genug, um die Rolle der mitschuldigen Mutter zu brandmarken. Immer schon hatte sie die Stolze gespielt und ein abgesondertes Leben geführt, jetzt sah man die Gründe dafür nur allzuklar. Ihr kleines Einkommen, selbst ihre Witwenpension zweifelte man jetzt an. Sicher verdankte sie nur der Lebensweise ihrer Tochter die Behaglichkeit ihres Daseins. Öffentliche Verdammung lastete auf den beiden Frauen.

Man wußte durch den Leiter der Post, daß Fräulein Lepetit aus Paris Briefe erhalte; man erfuhr auch, daß im März von einer großen Bank aus der Hauptstadt ein eingeschriebener Brief, mit fünf roten Siegeln verschlössen, an sie gekommen war. – Die unscheinbarsten Beobachtungen wurden von allen leidenschaftlich besprochen.

Die Zeit für die Niederkunft von Fräulein Lepetit kam heran. An einem heiteren Aprilmorgen ließ Frau Houssard, die Hebamme, sich in dem Häuschen der Hochstraße nieder. Marie genas nach kurzen Stunden eines kräftigen Knabens.

Erregt erwartete man die Eintragung in die Matrikel. Einige hofften immer noch, daß der Vater das Kind anerkennen werde. Sie täuschten sich. Das Kind wurde von seiner Mutter unter dem Namen Ludwig Eduard Lepetit gemeldet. Die Empörung erreichte damit ihren Gipfel. Doch weder Fräulein Lepetit noch ihre Mutter schienen dem die mindesie Aufmerksamkeit zu schenken.

Es war indes Sommer geworden und da die Hitze ungewöhnlich war und die Sonne den kleinen Garten hinter dem Hause zu einem unerträglichen Aufenthalt machte, pflegte Marie die meiste Zeit auf einem niedrigen Schemel vor dem Eingange des Ladens in der Kühle der Hochstraße zu verbringen, und hier reichte sie ihrem Kinde auch die Brust. Reizender als jemals zuvor war sie in dem frischen Aufblühen ihrer jungen Mütterlichkeit. Der Bub aber war ein kraftstrotzender Säugling, dessen pralle, glänzende Haut das geheime Entzücken aller weiblichen Einwohner des Städtchens bildete – niemand hätte indes gewagt, ein Wort der Bewunderung für die Schönheit der Mutter oder die Gesundheit des Kindes zu äußern.

Mit einiger Verspätung begann nun der Herr Pfarrer, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Er hatte so lange als möglich gezögert, jetzt aber lag die Schuld allzu offenkundig vor aller Augen. Die Kirche mußte dieses verirrte Geschöpf auf den rechten Weg zurückführen oder es verstoßen. So machte er Fräulein Lepetit, die von ihm gefirmt worden war, seinen Besuch. Er drang in sie, ihren Mitschuldigen zu bekennen. Doch war er nicht erfolgreicher als alle anderen. Er lud sie in den Beichtstuhl, um ihr die kirchliche Buße aufzuerlegen. Sie weigerte sich, eine Beichte abzulegen. – Als Folge dieser Unterredung erschienen die Frauen Lepetit, deren Glaubenseifer niemals übergroß gewesen war, nicht mehr zur Messe. Sie taten gut daran; denn der Herr Pfarrer geißelte, wie es sich gehört, in flammender Predigt die schamlose Lebensweise einer Tochter der Stadt und ihrer Mutter, die sie in der Sünde noch unterstütze, und in formvollendeter Rede – als Gegensatz hierzu – pries er die reinen Freuden eines wahrhaft christlichen Herdes, wie sie glücklicherweise an vielen Beispielen in der Gesellschaft von Valleyres zu beobachten wären ...

Zur Zeit dieser Predigt brachte Frau Duret, geborene von Barthes, das zweite Kind ihrer zweiten Serie zur Welt, nachdem sie nun schon länger als ein Jahr getrennt von ihrem Gatten gelebt hatte.

Der Sommer ging vorbei. Im Herbst wurde der Laden von Frau Lepetit geschlossen. Wenige Tage später bestiegen die beiden Frauen mit dem Kinde den Zug nach Maigny, wo sie sich in einer möblierten Wohnung einrichteten.

Indes rückten die Rekruten zur Militärpflicht ein und jene, deren Dienst abgelaufen war, kehrten in ihre Heimat zurück.

Kaum eine Woche war seit Beurlaubung der ausgedienten Mannschaften vergangen, als an einem ewig unvergeßlichen Tage die Stadt durch Verkündigung einer Neuigkeit überrascht wurde, wie man eine ähnliche seit Menschengedenken in Valleyres nie gehört hatte.

Um neun Uhr morgens humpelte der alte Stadtschreiber, ein buckeliger, mürrischer Mann, der niemals mit jemandem sprach, über die Wendeltreppe des Rathauses herunter, öffnete das Drahtgitter, unter dem auf dem Pfeiler vor dem Rathause die amtlichen Kundmachungen angeschlagen wurden und befestigte mit vier Reißnägeln eine auf weißes Papier geschriebene, gestempelte Bekanntmachung. Nachdem er sie nochmals durchgelesen hatte, wobei seine Züge sich in einer Weise verzerrten, die man bei ihm als ein Lächeln bezeichnete, während man es bei jedem anderen Menschen eine Grimasse genannt hätte, stieg er wieder mühsam in seine Kanzlei hinauf, wo er sich sofort am Fenster postierte, um die weitere Entwicklung der Dinge zu beobachten.

Der erste, der vor dem Pfeiler stehenblieb, war Josef, der kleine Laufbursche vom Maitre Mainguet, der auf dem Wege zur Post begriffen war. Er las und las abermals, fuhr heftig zusammen, vergaß die Post und alle seine Aufträge und rannte in die Kanzlei zurück.

Sodann kam Herr Rigotard, der Drogist. Das war ein ernster, geiziger Mann von bedächtiger Gelassenheit. Als er vor dem Pfeiler stehenblieb, warf er zunächst einen prüfenden Blick ringsum; beruhigt, niemand in der Nähe zu sehen, zog er seine Tabaksdose heraus, um zwischen seinen dürren Fingern eine gute Prise zu drehen. In diesem Augenblicke blieben seine Augen an der Kundmachung, die vor ihm hing, haften. Seine Überraschung war so gewaltig, daß seine Finger sich unbewußt öffneten. Er bemerkte, daß die Prise ihnen entfiel, wollte nach ihr greifen, aber zu spät. Schon bildete der kostbare Tabak einen braunen Fleck auf dem kotigen Pflaster.

Dann kam Bataille, der Weinhändler, an die Reihe, dessen mächtiger Bauch vor dem Pfeiler von heftigem Lachen geschüttelt wurde. Dann Langlois, der Faktor des »Vorwärts«, der höhnisch krähte: »Hoch die Sozialdemokratie!« – Herr Nikolaus Allemand kam hinzu, der vor Abscheu bebte. Der alte Baron Morteuse schob sich den Häusermauern entlang, um, wie täglich, vor den Mitteilungen des Bürgermeisters stehen zu bleiben. Er brauchte ziemlich lange, ehe er zu verstehen schien, und murmelte endlich die Worte, mit denen er jeden Ärger auszudrücken pflegte: »Das Faß stinkt immer nach dem Hering.« Endlich erschien Maitre Mainguet, um den unglaublichen Bericht seines Laufburschen mit eigenen Augen zu überprüfen. – Bald war der Pfeiler von allen Seiten umlagert. Das Geschäftsleben des Wochenmarktes, der eben auf dem großen Platze vor dem Rathause abgehalten wurde, geriet ins Stocken. Niemals hatte man die Damen von Valleyres so angeregt gesehen, und welche Freude empfand nicht jede einzelne, der das unermeßliche Glück widerfuhr, einer Freundin zu begegnen, die noch nichts wußte! Die verschiedenartigsten Ausrufe kreuzten einander vor dem Rathause. Und erst gegen Mittag, zur Stunde, da der Hunger Arm und Reich nach Hause trieb, legten sich die Wogen der allgemeinen Erregung.

Aufmerksame Beobachter übersahen es nicht, daß kein einziges Mitglied der hochgeborenen, engverbundenen Familien Lanterle und Vertot an jenem denkwürdigen Tage in der Stadt zu treffen war ...


Der Held, dessen Name alle Geister beschäftigte, war der junge Moritz Lanterle, der eben seine drei Jahre bei den Kürassieren in Lunéville abgedient hatte. Er war der Neffe von Heinrich Lanterle und mit der besten Gesellschaft von Valleyres verschwägert. In jungen Jahren hatte er seinen Vater verloren. Seine Mutter, eine geborene von Brière, die Vermögen besaß, hatte ihn in Vallon, ihrem schönen Besitze, eine Meile westlich vom Städtchen, aufgezogen. Sie war eine überspannte, reizbare Dame, voll intellektueller Schrullen. Man zählte sie zu dem kleinen Kreise der »Tugendhaften«. Dann gab sie ihren Sohn, für den sie eine große Zukunft erträumte, zu den geistlichen Herren in die Provinzhauptstadt. Er zeichnete sich dort nicht aus. Seine Lehrer lobten die Eigenschaften seines Charakters. Er war sanft und unterwürfig, erfreute sich allgemeiner Beliebtheit – aber er blieb unweigerlich der Letzte in seiner Klasse. Zwischen sechzehn und siebzehn Jahren versuchte er wiederholt, doch vergeblich, den ersten Teil seines Bakkalaureats zu machen. Bis seine verzweifelte Mutter ihn nach Vallon zurücklief, wo sie ihn mit verachtender Kälte empfing. Sie kümmerte sich nicht mehr um ihn, und er lebte zwei Jahre lang fast ausschließlich mit dem Verwalter des Gutes. Mit ihm gemeinsam überwachte er die Wirtschaft, ritt er zu den Märkten, um Kühe zu wählen und begleitete stolz seine schönsten Rinder zu den landwirtschaftlichen Ausstellungen der Provinz.

Moritz liebte das Leben eines Landwirtes. Ein wenig bleich und mager war er von der Hauptstadt zurückgekehrt, doch jetzt entwickelte er sich, bekam Muskeln und Zähigkeit. Er war sechs Fuß hoch, und Schultern und Brustkorb entsprachen seiner Größe. Nur in freier Luft fühlte er sich wahrhaft wohl. Infolge seiner linkischen Bewegungen fürchtete er in jedem Salon ein Möbelstück zu beschädigen oder einen Nippesgegenstand herunterzuwerfen. Die gereizten Ermahnungen, seiner Mutter waren auch nicht dazu angetan, sein Selbstvertrauen zu stärken. Das steife Betragen der Honoratioren von Valleyres, die gezierten Manieren, die sie selbst im engsten Kreise nicht außer acht ließen, ihre langweilige Selbstgefälligkeit ließen ihn bald ein Grauen vor der Welt empfinden, zu der er gehörte. Er zog sich immer mehr in die Einsamkeit zurück und wurde in höchstem Maße empfindsam. Neunzehn Jahre war er alt, als seine Mutter plötzlich starb.

Seine Verwandten in Valleyres sahen, daß Moritz allein sei, daß er bei seiner Großjährigkeit eine Rente von einigen sechzigtausend Franken und die besten Weinberge der Gegend sein eigen nennen würde. Niemals ist ein junger Mann heftiger belagert worden. Jeder versuchte, ihn durch Feste in sein Haus zu ziehen. Sein Onkel Heinrich Lanterle sah ihn zweimal in der Woche als Gast bei sich. Seine Frau, auch eine jener »Tugendhaften«, hatte die Erziehung ihrer Töchter so vollkommen aus der Nähe leiten wollen, daß sie nicht einmal gewagt hatte, sie einem Kloster anzuvertrauen, da man selbst in den vornehmsten dieser Häuser vor gefährlichen Begegnungen nicht geschützt sei. Wenn man an diese vorbildlich erzogenen jungen Mädchen das Wort richtete, sandten sie erst einen Blick nach der Mutter, ehe sie antworteten. Ihrem Vetter zu Ehren trugen sie eine Klaviersonate vor, die ihr Lehrer, Herr Marthe, eigens aus Maigny hatte kommen lassen. Ihre Mutter begann, Moritz vertrauliche Eröffnungen zu machen. »Diese Mädchen,« sagte sie, »sind in christlicher Unterwerfung der Frau unter den Gatten erzogen. Niemals werden sie eine andere Meinung oder einen anderen Willen haben als er ...« Moritz hörte verwirrt zu. Der selbstgefällige und herrische Ton seiner Tante, von der bekannt war, daß sie ihren Mann niemals zu Worte kommen ließ, erschreckte ihn. Und was seine Basen anlangte, so war es ihm einfach ganz unmöglich, mit ihnen ein Gespräch zu führen.

Andere Luft wehte um die Fräulein von Barbeau. Sie standen im Alter von achtzehn und neunzehn Jahren und waren beide aus dem Kloster, wo sie erzogen werden sollten, heimgeschickt worden. Sie galten in der Stadt als hypermodern, sie reisten oft, von der Gouvernante begleitet, nach Maigny, und Offiziere verkehrten auf ihrem schönen Besitz Bellevue. Ihr Vater, rückenmarksleidend, verließ fast niemals seinen Rollstuhl und sein ganzer Lebensinhalt war eine Schmetterlingssammlung. Ihre Mutter war jung gestorben. Moritz fand bei ihnen eine große Anzahl junger Leute aus Maigny, die ihm fremd waren. Auch die schöne Gräfin Perquet de Bonnenfant, die seit sechs Monaten verheiratet war und zum Besuche ihrer Mutter in Valleyres weilte, befand sich unter den Gästen. Moritz fand sich bei Tische neben Jeanne, einer der beiden Haustöchter. Als ein etwas gewagtes Wort fiel, stieß sie ihn unter dem Tisch mit dem Fuß an. Moritz, an ein Versehen denkend, zog schnell seinen Fuß zurück und errötete lebhaft. Nach Tisch unterhielt man sich mit einem Spiel, das die jungen Damen »Das schwarze Biest« nannten.

Die ganze Gesellschaft verschloß sich in einem großen Zimmer, in dem alle Lichter verlöscht waren. Dann wurde das »schwarze Biest« eingelassen und sollte eine der versteckten Personen finden und erkennen. Das Spiel begann. Ersticktes Lachen und das Geräusch von Möbelstücken, die von ihren Plätzen gerückt wurden, erfüllte die Dunkelheit. Man hörte die Stimme der Gräfin Perquet: »Aber nicht doch!« Moritz hielt sich still hinter einem Fauteuil. Plötzlich fühlte er die Berührung einer zarten Haut auf seiner Hand. Es war der Hals von Fräulein Jeanne, die sich auf der Armstütze des Fauteuils niedergelassen hatte. Moritz zog sich unruhig zurück, doch schon hatte ihn Jeanne erkannt, schon rief sie ganz laut: »Dieser Herr Lanterle benimmt sich in einer Weise ...« – Das Auftreten des »schwarzen Biest« zwang indes wieder zur Stille. Als das Spiel zu Ende war, glühten die Gesichter, die Augen funkelten. Moritz fühlte sich durchaus unbehaglich. Er wußte nicht das rechte Benehmen zu finden, und als Jeanne ihn beiseite nahm, um ihn für den nächsten Tag in eine verstohlene Laube des Gartens zu bestellen, erwiderte er, abermals heftig errötend, daß er um diese Zeit beschäftigt sei. Das junge Mädchen zuckte die Schultern und wandte ihm wortlos den Rücken. –


An solchen Abenden, an denen Moritz Lanterle in der Stadt schlafen muhte, pflegte er in seinem Haus in der Hochstraße abzusteigen, das wohl seit langem unbewohnt war, in dem er sich aber für diesen Zweck zwei Gartenzimmer hatte einrichten lassen. So entdeckte er eines Tages, welch überaus reizende Nachbarin er hatte. Bald wußte er, daß dies Fräulein Lepetit sei, von der man in der Stadt so viel sprach und die man als Muster hinstellte.

Von seinem Fenster sah er Marie ihre Blumen begießen; abends nähte sie neben ihrer Mutter: manchmal nahmen auch beide ihr Abendessen im Freien ein. Die Schönheit des jungen Mädchens schien ihm ganz ohnegleichen. Auch ihre Fröhlichkeit entging ihm nicht und die Zärtlichkeit, mit der sie ihre Mutter umgab. Nichts Ähnliches hatte er noch in der Gesellschaft von Valleyres gesehen, bei der jede Bewegung, jedes Mienenspiel beabsichtigt und anerzogen schien. Lanterle verbarg sich hinter einem Fenstervorhang: Maries Worte drangen nicht bis zu ihm, doch er hörte öfters ihr klangvolles Lachen; manchmal sang sie auch mit heller Stimme eines der fröhlichen Volkslieder. Heiter und ungezwungen sah er sie, ohne daß sie sich beobachtet fühlte, im Garten wirtschaften. Er vermochte sich von diesem Schauspiel nicht loszureißen.

Bald gestand er sich ein, in Fräulein Lepetit verliebt zu sein, und von diesem Tage ab wachte er mißtrauisch über sein Geheimnis, aus Furcht, daß jemand von seiner Familie es erraten könne und man seine Freude stören würde. Er verglich das einfache, glückliche Leben dieses jungen Mädchens mit dem, das seine Basen in der eisigen, gesellschaftlichen Luft von Valleyres führten. – Trotz ihrer Reize sah man keinen Mann in ihrer Nähe. Er dachte an die Fräulein von Barbeau.

Doch wie konnte er ihre Bekanntschaft machen? Seine Schüchternheit war grenzenlos. Er gehörte nicht zu jenen, die einem Mädchen aufzulauern verstehen, um ihm zärtliche Worte zuzuflüstern. Im übrigen hätte sie dies auch nicht geduldet.

Eines Morgens fand er sich ihr durch überraschenden Zufall an einer Straßenecke gegenüber. Fast hätte er sie umgerannt. Er grüßte und stammelte verlegen einige Worte der Entschuldigung. Von da ab grüßten sie einander bei jeder Begegnung, er durch ein tiefes Schwingen seines Hutes, sie durch ein reizendes Neigen ihres Kopfes.

Doch noch immer wagte er nicht, das Wort an sie zu richten.

Er dachte unaufhörlich nur an sie, er machte immer wieder die gleichen Pläne. Sie war siebzehn Jahre, er neunzehn, sie würden heiraten und in glücklicher Einsamkeit auf seinem Gute leben ...

Dann kamen wieder Stunden, da sah er das Unmögliche seiner närrischen Träume. Sie würde ja niemals etwas von ihm wissen wollen! Er hatte nichts Verführerisches an sich und glaubte, trotz der Avancen des Fräulein Barbeau, nicht daran, einer Frau gefallen zu können. Und überdies hatte er noch seine drei Militärjahre abzudienen, was sollte während dieser langen Zeit aus ihr werden? – Bei dem Gedanken, daß er seine zukünftige Frau nur vom Sehen kenne, vermochte er ein Lächeln nicht zu unterdrücken. Doch es lag in seiner Natur, daß seine Gedanken sich allzugerne mit fernliegenden, unbestimmten Dingen befaßten. Eines Tages schließlich, als er seine Zukunft genauer als sonst zu überlegen begann, schien es ihm das Klügste, sich sogleich anwerben zu lassen, um die lästige Dienstzeit so rasch als möglich hinter sich zu haben. Wenn er zurückkehrte, würde Marie auch erst zwanzig Jahre alt sein; vielleicht blieb sie bis dahin frei, übrigens riet ihm auch sein Onkel Lanterle zur Abreise. So entschloß er sich dazu.


Ehe er zu seinem Regiment einrückte, verbrachte er – auch dies wieder auf Anraten seines Onkels – einen Monat in Paris. Die jungen Bourrats aus Vermand setzten ihren Stolz darein, ihn in alle Geheimnisse des Quartier Latin einzuweihen. Moritz aber fühlte sich von den Vergnügungen, zu denen er sich verleiten ließ, zutiefst angeekelt. Es erschien ihm abstoßend, ein Mädchen zur Schlafgenossin zu haben, das man erst wenige Stunden kannte und es am anderen Tage gegen eine neue Unbekannte auszutauschen. Als er Paris verließ, lebte das letzte Bild von Fräulein Lepetit, wie sie in der Stille des Gartens Erbsen auslöste, frischer denn jemals in seinem Gedächtnis.

Das erste Jahr seiner Dienstzeit brachte ihn mit seiner Langeweile zur Verzweiflung. Doch da er kräftig und ein guter Reiter war, ertrug er mühelos die Strapazen. Zweimal bekam er einen fünftägigen Urlaub und statt wie seine Kameraden nach Paris zu fahren, eilte er auf kürzestem Wege nach Valleyres. Er sah Fräulein Lepetit. Die Abwesenheit dieses großen Jungen, dessen bewundernde, aber nie zudringliche Blicke ihr gefallen hatten, war von ihr nicht unbemerkt geblieben. So begleitete sie diesmal das Neigen ihres Kopfes mit einem leichten Lächeln des Willkomms, als sie ihm nach längerer Zeit zum ersten Male wieder begegnete. Doch außer seinem Gruß und ihrem Lächeln kam es zu keiner weiteren Annäherung.

Verzweifelt über seine Schüchternheit und verliebter denn zuvor, reiste er wieder ab.

Das nächste Mal, als er nach Valleyres kam, war es Herbst. Er mußte in Vallon absteigen, um die Weinlese zu überwachen, eine Pflicht, der sich kein Gutsbesitzer jener Gegend zu entziehen gewagt hätte. Erst am Nachmittag nach seiner Ankunft fand er Zeit, in die Stadt zu reiten.

Ein heftiger Wind wehte an jenem Tage. Unweit der Stadt bemerkte er in einiger Entfernung zwei Frauen, die ihm auf der Straße entgegenkamen. Als er nahe genug war, erkannte er seine Nachbarinnen. Eben war er im Begriffe zu grüßen, als die flatternden Röcke der beiden Damen, sein Pferd in Schrecken versetzten, so daß es unvermutet einen Sprung nach der Seite tat.

Moritz blieb wohl fest im Sattel, doch sein Hut flog in den Staub. Man kann die Verlegenheit nachfühlen, die er empfand; eine rote Welle stieg ihm in die Wangen. Zornig gab er seinem Pferd die Sporen, das sich heftig bäumte. Dann wollte er absteigen; doch noch ehe er Zeit dazu fand, hatte Fräulein Lepetit den Hut schon aufgehoben und ihn mit einer leichten Handbewegung gereinigt. Jetzt sprang Moritz zur Erde. Er dankte in einigen wirren Sätzen, die er nicht zu beenden wußte. Schweißtropfen perlten auf seiner Stirn. Frau Lepetit machte stumm einen schönen Knix vor ihm, Marie erwiderte einige Worte. Es schien ihr, als hätte sie diesen großen Burschen, der rot und verwirrt wie ein kleines Mädchen vor ihr stand, immer schon gekannt. Sie sprachen vom Wetter, von der Weinlese. Moritz hatte die Geistesgegenwart, zu der er sich nachträglich nicht genug beglückwünschen konnte, die Damen zu fragen, ob sie gerne Trauben äßen. – »Leidenschaftlich gerne« war ihre Antwort und damit fand das Gespräch sein Ende. Lanterle verneigte sich bis zur Erde, bestieg sein Pferd und raste in gestrecktem Galopp nach Vallon zurück.

Am gleichen Abend war er Gast bei seinen Nachbarn Maigret.

Er fand sich zwar nicht neben Lucie Maigret bei Tische, die zweiunddreißig Jahre zählte, doch neben ihrer Schwester Julie; sie war einundzwanzig Jahre alt und erinnerte schon an ihre Tante, Frau Bourrat aus Prévour. Frau Maigret war zu ihrem Vetter ausnehmend liebenswürdig. Selbst das junge Mädchen machte ihm Avancen. Moritz aber erschauerte vor ihrer häßlichen Magerkeit.

Gegen sechs Uhr des nächsten Tages verlieh er in seinem kleinen Wägelchen Vallon und fuhr der Stadt zu. Unter seinem Sitz barg sich ein mächtiger Korb, der mit den schönsten Trauben gefüllt war, die man während des Tages gepflückt hatte. Vor seinem Hause in der Hochstraße hielt er an. Erst um halb acht Uhr, nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Straße verlassen war, betrat er, mit dem Korb im Arm, den Laden seiner Nachbarinnen.

Das Geräusch der aufgehenden Türe veranlaßte Marie, aus dem ersten Stock herunterzukommen. Sie fand sich Lanterle gegenüber, der in größter Verwirrung in diesem Augenblicke die Kühnheit selbst nicht begriff, die ihn hierhergeführt hatte. Er stellte den Korb auf das Pult. – Marie dankte ihm schlicht. Moritz fand keine Worte. So wäre er wieder davongegangen, wenn er nicht bemerkt hätte, daß Marie sich vergeblich mühte den Korb zu heben. Er beeilte sich, ihr zu helfen und erbot sich, den schweren Korb ins Speisezimmer zu tragen. Marie zeigte ihm den Weg und ging vor ihm die enge Treppe hinauf. Oben fanden sie Frau Lepetit behaglich in einen Lehnstuhl geschmiegt, mit einer Strickarbeit beschäftigt.

»Mama, hier ist Herr Lanterle, der uns die herrlichsten Trauben bringt,« sprach Marie und ihre Stimme klang fröhlich.

Die alte Dame fuhr bei diesem Namen auf und begrüßte den vornehmen und unerwarteten Gast mit einer sorgfältigen Verbeugung. Marie kostete indes die Trauben und bot auch Lanterle davon an, der gerne Zugriff, um seine Verlegenheit zu meistern. Bald saß er ihr gegenüber und beide griffen herzhaft in den Korb. Wenige Minuten später staunte er schon darüber, daß Scheu und Verwirrung von ihm gewichen waren. Er erzählte von seinem Regiment, von Paris, von der Arbeit auf seinem Gute. Er, der doch stets so wortkarg war, wurde, ohne es zu bemerken, immer gesprächiger. Die beiden Frauen hörten ihm freundlich zu. Die Mutter blieb schweigsam und nickte bloß zustimmend. Marie frug ihn aus. Diese beiden einfachen, herzlichen Frauen, dieses ruhige Zimmer, in dem jede Einzelheit von einem bescheidenen und glücklichen Leben erzählte, Maries schöne, zärtliche Augen, ihre klare Stimme und ihr Lachen, das ihn durch feine kindliche Frische entzückte – in vollen Zügen genoß Lanterle jede Minute dieser unerhofften Stunde. Endlich aber mußte er doch Abschied nehmen. Marie begleitete ihn bis zum Haustor. Als er sie verließ, reichte sie ihm die Hand.

Zwei Tage später war er wieder bei seinem Regiment. Die Erinnerung an jene eine Stunde erfüllte sein eintöniges Kasernenleben. – Verzweifelt zählte er die allzu langsam dahinschleichenden Tage, niemals glaubte er die Kraft aufbringen zu können, noch zwei endlose Jahre auszuhalten.

An Weihnachten hatte er nur zwei Tage Urlaub, zu wenig um nach Valleyres zu reisen. Er sandte Fräulein Lepetit aus Paris eine Nähkassette, die er in der Rue de la Paix sorgsam ausgewählt hatte und die in dem kleinen Zimmer in der Hochstraße gewaltigen Eindruck machte. Sie war aus grauem Leder, mit Silber beschlagen und enthielt ein Nadelfutteral, einen Fingerhut, blitzende Scheren verschiedener Größen, alles in geschmackvollster Weise aus vergoldetem Silber gearbeitet. Doch seine Karte beizulegen, hatte Lanterle nicht gewagt.

Zu Ostern hatte er vier freie Tage. Er eilte nach Vallon. Zeitig früh am nächsten Tage stand er schon am Fenster seiner kleinen Wohnung in der Hochstraße.

Länger als eine Stunde wartete er, bevor er Marie endlich in den Garten treten sah. Ein altes Weib folgte ihr. Sie schleppten beide einen großen Korb mit noch feuchter, dampfender Wäsche, die sie bald auf vorbereitete Stricke zum Trocknen aufzuhängen begannen. Moritz ließ das junge Mädchen nicht aus den Augen. Sie hatte ihren Rock aufgesteckt, ihre bloßen Arme waren von der frischen Luft leicht gerötet, eine große Schürze trug sie umgebunden. Niemals war sie ihm bezaubernder erschienen.

Endlich, als sie den Kopf hob, bemerkte sie ihn hinter dem Fenster, überrascht durch die Gegenwart dieses unerwarteten Zeugen errötete sie zuerst und wandte sich verlegen ab. Doch bald hatte sie sich wieder gefaßt und nickte ihm freundschaftlich Zu. Die alte Wäscherin war schon wieder im Haus verschwunden. Lanterle strahlte vor Freude, denn Maries Erröten war ihm nicht entgangen. Dann verließ auch Marie den Garten.

Auch nachmittags stand er unentwegt auf seinem Posten.

Abends wurde die trockene Wäsche wieder weggeräumt. Immer noch war Moritz da. Doch wie sollte er mit Marie eine Unterhaltung beginnen? Seine Gedanken ließen ihn vollkommen im Stich. Übrigens war auch die Wäscherin noch da, er mußte vorsichtig sein. Abends langweilte er sich bei seinem Onkel Heinrich Lanterle.

Am nächsten Morgen erschien Marie wieder im Garten. Als sie das trostlose Gesicht ihres Verehrers am Fenster erblickte, gab sie ihm – ohne zu überlegen – ein Zeichen, herunterzukommen. Kaum hatte sie dies getan, bedauerte sie auch schon ihre Voreiligkeit. Doch Lanterle stand bereits vor ihr.

»Ich wollte Ihnen nur für das schöne Geschenk danken, das Sie mir zu Weihnachten geschickt haben,« sprach sie ein wenig verwirrt. Plötzlich begann sie zu lachen. »Sie haben hinter Ihrem Fenster so verzweifelt ausgesehen!«

Sie plauderten eine Welle und als sie wieder ins Haus mußte, hatte Lanterle die Erlaubnis bekommen, sie abends zu besuchen. Er sandte Frau Maigret, die ihn zum Abendessen erwartete, ein Wort der Entschuldigung.

Um acht Uhr trat er bei seinen Nachbarn ein. Auch am nächsten Abend kam er wieder. Marie war ihm gegenüber ohne jede Koketterie, doch auch ohne jede Scheu. Niemals hatte sie das Gefühl, in Herrn Lanterle den hochangesehenen Bürger der Stadt und den reichen Gutsbesitzer vor sich zu sehen; für sie war er nur ein gutmütiger, großer, leicht verlegen werdender Junge, der bisher einsam in einer freudlosen Welt gelebt hatte. Moritz wollte anfangs gar nicht an sein Glück glauben. Achtzehn Monate lang hatte er von ihr geträumt und jetzt saß sie neben ihm! Das Übermaß seiner Liebe machte ihn stumm. – Würde sie ihn jemals lieben können? Würde sie einwilligen, seine Frau zu werden? – Nein, das war Wahnsinn, es war unmöglich, daß sie an derartiges auch nur dachte. Am zweiten Abend war Moritz traurig und unglücklich, mühsam nur brachte er einige Worte hervor, Tränen sahen ihm in der Kehle. Würde er so abreisen müssen? – Marie wunderte sich über den Wechsel in seiner Stimmung. Erst im Augenblick, da er Abschied nahm, raffte er sich zu der Frage auf, ob er ihr schreiben dürfe.

»Gewiß,« erwiderte Marie, »denn wir denken zuweilen an Sie.«

Er schrieb Briefe, die endlich all das enthielten, was auszusprechen er nicht gewagt hatte. Er gebrauchte die Vorsicht, sie durch seinen Pariser Bankier versenden zu lassen, um die Neugier der Postangestellten in Vallenres abzulenken. Alles, was er schrieb, kreiste nur um den einen Gegenstand, der die Hoffnung seiner Zukunft bildete.

Marie zweifelte weder an seiner Liebe noch an seinen ehrlichen Absichten, doch es hieß Geduld haben. »Später,« schrieb sie ihm, »wenn Ihre Dienstzeit zu Ende ist, wollen wir darüber sprechen.«

Indessen ermahnte sie ihn zur Geduld; denn seine Briefe bewiesen, wie sehr die tausend Quälereien der Kaserne ihn erregten. – »Bleiben Sie doch klug und vorsichtig,« schrieb sie ihm, »sonst verweigert man Ihnen den nächsten Urlaub und Sie berauben uns des Vergnügens, Sie hier zu sehen.«

Allwöchentlich kam ein Brief von ihm. Marie erwiderte jeden. Meist ging sie mit ihrer Mutter bis zum Bahnhof, wo sie ihre Briefe selbst aufgab, um die neugierigen Blicke auf der Post zu vermeiden.

Im Juni blieben seine Nachrichten vierzehn Tage aus. Das junge Mädchen begann unruhig zu werden. Noch eine Woche verfloß, während der sie sich darüber klar zu werden vermochte, welchen Platz Moritz Lanterle in ihren Gedanken eingenommen hatte. Endlich erhielt sie einige mit zitternder Hand geschriebene Zeilen von ihm. Er lag im Spital und war eben erst von einem heftigen Fieberanfall genesen. In zehn Tagen sollte er einen Erholungsurlaub bekommen, den er in Valleyres zu verbringen gedachte.

Gegen Ende des Monats traf er tatsächlich in Vallon ein. Am Tage nach seiner Ankunft war er zu erschöpft, um auszugehen. Er mußte den Besuch seiner Tante Lanterle und seiner Base Maigret erdulden. Die zudringlich zur Schau getragene Teilnahme dieser Damen stellte seine Geduld auf eine harte Probe. Unweigerlich lehnte er alle Einladungen ab, er wollte auf dem Lande bleiben, um ganz seiner Gesundheit zu leben. Unaufhörlich kamen seine Tanten zu Besuch und brachten ihre Töchter mit. Stets fanden sie ihn zu Hause und er forderte sie sogar – um jedem Verdacht zu begegnen – oft auf, zum Mittagessen in Vallon zu bleiben. Bei untergehender Sonne aber setzte er sich in sein Wägelchen, um nach der sommerlichen Tagesglut die Kühle der Abende zu genießen. Niemand, der ihm auf solchen Spazierfahrten begegnet wäre, hätte dies erstaunlich finden können.


Am ersten Tage, da er auszugehen vermochte, kam er um neun Uhr in die Hochstraße. Marie, die er verständigt hatte, erwartete ihn mit ihrer Mutter in dem kleinen Garten. Für den liebevollen Empfang, den sie ihm bereitete, für die zärtliche Sorge, die sie über sein bleiches, müdes Aussehen äußerte, hätte er gerne noch einmal die trüben Wochen des Militärspitals durchlebt.

Er kam nun jeden Abend. Ohne die Stadt zu berühren, fuhr er von den Feldern her in den Hof seines Hauses, wo er sein Pferd ausschirrte und ihm einen Sack Hafer umband. Gegen elf Uhr kehrte er auf dem gleichen Wege nach Vallon zurück, und seine Dienerschaft meinte, daß er den Abend bei Verwandten in der Stadt oder bei einem der Gutsnachbarn verbracht habe.

In dem winzigen Garten, den zwei Reihen Rosenstöcke zierten, unter dem dichten Blattwerk der Geißblattlaube, verrannen die seligen Stunden allzurasch. Marie und Moritz sprachen von der Zukunft. In nicht viel mehr als einem Jahr würden sie heiraten. Lanterle, in seiner glücklichen Stimmung, hoffte sogar manchmal, daß Marie bei seinen Verwandten eine günstige Aufnahme finden würde. Diese aber, nüchterner als er, gab sich darüber keinen Täuschungen hin. Nein, alle würden ihn schmähen. Moritz schreckte der Gedanke nicht, mit einer Welt zu brechen, die er verachtete. Beide aber waren darüber einig, daß niemand ihr Einverständnis erraten dürfe. Zärtlich hüteten sie ihr köstliches Geheimnis; ihr Glück hing davon ab. Ohne es sich recht einzugestehen, fürchtete Marie die Ränke der hochfahrenden und neidischen Leute, die Moritz umgaben. Manchmal nahm Moritz die Hände Maries zärtlich in die seinen und streichelte sie liebevoll. Bald vermochte er nicht mehr zu sprechen und auch Marie verstummte, von Gefühlen überwältigt, die seine Liebkosungen in ihr wachriefen.

Wenn die Turmuhr zehn Ahr schlug, zog Frau Lepetit sich zurück. In den ersten Tagen pflegte Marie mit ihr zu gehen. Nach einer Woche nahm sie die Gewohnheit an, noch einige Augenblicke mit Moritz allein zu bleiben. Die Mutter erhob sich stets mit den sanften Worten: »Du kommst bald nach, Marie, nicht wahr?« Dann sah man das Licht in ihrem Zimmer aufflammen. Doch kaum fünf Minuten später war ihr Fenster wieder dunkel. Wie ein Kind war die alte Frau sofort eingeschlafen.

Die jungen Leute blieben allein im Garten. Eines Abends beim Abschied wagte Lanterle seinen Arm um Maries Hüfte zu legen. Das junge Mädchen, an ihn geschmiegt, überließ ihm ihre Lippen. Dieser keusche Kuß war für Lanterle ein jauchzendes Erlebnis. Aus voller Kehle jubelte er sein Glück, während er nach Hause fuhr, über die vom blauen Mondlicht bestrahlten Felder. Auch an den folgenden Tagen küßten sie einander, wenn sie bei der kleinen Gartenpforte Abschied nahmen. Moritz floh und trug an seinem Munde die brennende Kühle der Lippen seiner Freundin mit. Marie kam träumerisch in ihre Kammer, und lange vermochte sie keinen Schlaf zu finden.

Eine Woche verging. Schon zählten sie ängstlich die Tage, die ihnen noch bis zur Abreise in die Garnison vergönnt blieben.

Und eines Abends, nach dem heißen Abschiedskuß, ging Moritz nicht fort. Er löste die Umarmung nicht, in der er Maries schmiegsamen Körper umschlungen hielt. Sie kehrten in die Laube zurück. Rings um sie lag das tiefe, nächtliche Schweigen, das nur manchmal ferne, gedämpfte Geräusche unterbrachen, das Knarren eines verspäteten Fuhrwerks auf dem Pflaster der Straße, das kurze Aufbellen eines Hundes, der klagende Triller einer Nachtigall. Dann herrschte wieder der feierliche, stumme Frieden der Nacht unter dem Flimmern des unendlichen Sternenhimmels. Beklemmend drängte in ihnen die Sehnsucht ihrer ungestillten Liebe. Vergeblich fanden sich ihre Lippen. Die leidenschaftlichen Küsse fachten ihre Glut zu Flammen an, statt sie zu kühlen. Erschreckt riß Moritz sich mit letzter Kraft aus der Umarmung los, Marie blieb verträumt und zitternd auf der Gartenbank. – In einer Nacht schließlich, so milde, daß sie mitschuldig schien, wurde Marie die Seine.

Drei Tage später kehrte Moritz zu seinem Regiment zurück. Er hatte desertieren wollen, mit Marie nach der Schweiz oder nach Belgien flüchten, um sie sofort zu seiner Frau machen zu können. Mit unendlicher Mühe nur war es ihr gelungen, ihn zur Vernunft zu bringen. Nach einem herzzerreißenden Abschied trat er seine Reise an, um das letzte Jahr seiner Dienstzeit zu beenden.

Angstvollen Herzens blieb Marie zurück. Bang lastete die Sorge auf ihr, wie er, der in solchem Zustande von ihr ging, die lange Trennung und die unbarmherzige Disziplin der Kaserne ertragen würde. Doch bald hatte sie neue und noch ernstere Ursachen, voll besorgter Unruhe in die Zukunft zu blicken.

Kaum drei Wochen waren seit dem Abschied von Moritz vergangen, als sie nicht mehr daran zu zweifeln vermochte, daß sie Mutter werden sollte. Sie war niedergeschmettert. Was sollte sie tun? Wohin sich flüchten? Wie sollte sie es Moritz, wie ihrer Mutter sagen? – Wichtiger als jemals war es jetzt, daß kein Mensch von ihren Beziehungen zu Lanterle erfuhr. Seine Familie würde vor keiner Gemeinheit, vor keiner Verleumdung zurückschrecken, um sie ihm zu entfremden. Nur langsam gewann Marie, nachdem sie die Krise der ersten Verzweiflung überstanden hatte, wieder ihr besonnenes Wesen zurück.

Es hielt sie ja nichts in Valleyres zurück, sie würde nach Maigny übersiedeln, um dem bösen Geschwätz der Kleinstadt zu entgehen. Im Oktober, wenn Moritz seinen Urlaub hatte, wollte sie alles mit ihm besprechen, bis dahin war ja noch Zeit. Den Gedanken, ihm brieflich die Sorgen mitzuteilen, die sie beschäftigten, verwarf sie von vornherein. Erregt und ungeduldig wie er war, hätte ihn eine solche Nachricht aller Fassung beraubt. Er hätte alles im Stich gelassen. Im Herbst aber, wenn er bei ihr war, würde es ihr schon gelingen, ihn von einer nicht wieder gutzumachenden Tollheit abzubringen, sie würde ihn beruhigen können ... So wartete sie bis zum Oktober.

Lanterle indes verzehrte sich vor Ungeduld. Das Leben in der Kaserne wurde ihm verhaßt. Nachlässig oblag er seinem Dienst. Immer häufiger zog er sich Strafen zu und im Oktober verweigerte man ihm den Urlaub.

Dieser Schlag war für Marie entsetzlich. Was tun? Bald konnte sie ihren Zustand nicht mehr verbergen. Durfte sie Valleyres verlassen, ohne Moritz die Gründe ihrer Abreise erklärt zu haben? Dies war undenkbar. In seinen Briefen zeigte Moritz sich verzweifelt. Die Verweigerung seines Urlaubes, dem er mit solcher Ungeduld entgegengefiebert hatte, schien seine Überreizung zu einem besorgniserregenden Zustand gesteigert zu haben. Marie zitterte vor einem Wahnsinnsakt, den er begehen könnte. Sollte sie in unbedenklichem Egoismus, nur um einige persönliche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, das ganze Leben dieses unglücklichen Jungen vernichten? – Nein, es war besser, wenn nur sie allein an den Folgen ihres gemeinsamen Fehlers trug. Ihre Leiden waren gewiß wieder zu heilen, doch niemals würde sie es verwinden können, wenn Moritz ihretwegen desertierte.

So zwang sie sich dazu, in ihren Briefen nichts von ihrer Angst laut werden zu lassen. Sie zeigte sich ihm so heiter und zuversichtlich, wie er sie verlassen hatte; liebevoll und eindringlich predigte sie ihm Geduld, verwies sie ihn auf die nahe glückliche Zukunft.

Sie hatte ihr Los auf sich genommen. Sie wollte in Valleyres bleiben, die schwere Zeit ertragen und sich von dem Gedanken nicht niederdrücken lassen, daß sie den verachteten Gegenstand der allgemeinen Neugier bilden würde. Ihre Aufgabe war hart, doch sie ging mit freudigem Herzen an sie heran.

Die Zeit nahte, da sie ihrer Mutter gestehen mußte.

Schon lange hatte Marie sprechen wollen. In Gegenwart der Mutter, die sie, wie es ihr schien, oft prüfend ansah, empfand sie ein beschämendes Gefühl. Frau Lepetit war noch schweigsamer als sonst: hatte sie Verdacht geschöpft? Marie zögerte immer wieder. Wie sollte sie es sagen? – Endlich, eines Abends, nachdem Marie durch die ersten Bewegungen des kleinen Wesens, die sie verspürt hatte, in den Tiefen ihrer Seele erregt worden war, entschloß sie sich, ihrer Mutter, mit der sie im Wohnzimmer saß, ihr Lage zu offenbaren.

»Weißt du, Mama, daß du vielleicht früher Großmama sein wirst, als du denkst?« Sie versuchte einen heiteren Ton, doch nur mühsam entrangen sich die Worte ihrem Munde.

Frau Lepetit ließ das Strickzeug sinken. Ihre Augen blickten zu Boden, als dächte sie nach – wie drückend und feierlich erschien dieses Schweigen! – Dann suchte ihr Blick die Augen der Tochter. Niemals vorher hatte Marie einen so traurigen Ausdruck bei ihrer Mutter gesehen.

Sie vermochte ihren durchdringenden Blick nicht zu ertragen. Sie ließ sich neben dem Fauteuil der alten, immer noch stummen Frau in die Knie sinken und so, wie sie als Kind oft getan, wenn sie wegen eines unschuldigen Streiches Abbitte leisten wollte, vergrub sie ihr Gesicht in den Röcken der Mutter. Lange blieb sie schutzsuchend an den mütterlichen Körper gedrängt, und ein leichtes Schluchzen machte ihre Schultern beben. Die Mutter streichelte mit zitternder Hand die Haare des Mädchens.

An diesem Abend, beim Scheine der traulichen Lampe, wurde kein Wort mehr gesprochen.

Als sie beide schon in ihren Betten lagen, hörte Marie aus dem Nebenzimmer, in dem sie ihre Mutter schon längst schlafend glaubte, ein leichtes Geräusch. Es war wie ein unterdrücktes Seufzen. Dann hörte Marie, wie ihre Mutter sich so leise wie möglich die Nase schneuzte und sich im Bette nach der anderen Seite drehte. Ein wenig später war dasselbe unterdrückte Geräusch nochmals vernehmbar. Marie wagte nicht, sich zu rühren, auch ihr sickerten Tränen aus den Augen. Endlich nahm der Schlaf sie gefangen.

Am nächsten Tage blieb Frau Lepetit schweigsam und nachdenklich. Marie, verwirrt und nervös, überließ sich, ohne den Versuch, dagegen zu kämpfen, den trübsten Gedanken. So kam der Abend heran und stumm saßen nach dem Essen die beiden Frauen einander gegenüber. Frau Lepetit sandte oft bekümmerte Blicke nach dem Antlitz ihrer Tochter, deren Augen sich nicht zu ihr zu erheben wagten. Eine Stunde verging in drückendem Schweigen. Plötzlich ließ Frau Lepetit ihre Stricknadeln sinken. Marie erzitterte.

»Ja, Marie,« klang die Stimme der alten Frau behutsam und voller Zärtlichkeit durch die Stille, »wir müssen wohl beginnen, für das Kindchen zu arbeiten ...«

Auch zu Neujahr bekam Moritz keinen Urlaub; Marie war in größter Sorge, daß er ihren Zustand aus Briefen anderer erfahren könne. Doch seine Verwandten, die Lanterle und die Vertot, schrieben wenig. Erst Ende Februar konnte er seine Garnison auf drei Tage verlassen, und schon am Abend seiner Ankunft eilte er in die Hochstraße.

Jetzt erst vermochte er zu ermessen, wie sehr Marie ihn liebte. Bei dem Gedanken, daß sie das furchtbare Gerede der Stadt ertragen hatte, nur um ihm in der Ferne den Kummer zu ersparen, vergoß er bittere Tränen. Er faßte eine Unmenge der dümmsten und einander widersprechendsten Entschlüsse. Er würde desertieren ... nein, er würde Marie in seine Garnison mitnehmen, er wollte sie auf der Stelle heiraten. Dann wieder sofort seine Verlobung mit ihr bekanntgeben. – Marie mußte alle ihre Energie und ihre Überredungskünste aufwenden, um ihn zu überzeugen, daß nichts anderes zu tun bliebe, als Geduld zu haben, noch sechs Monate zu warten und ihr Geheimnis sorgsamer als vorher zu behüten. Er reiste ab, doch seine Unruhe in der Garnison war so groß, daß er bis zum Herbst keinen einzigen Urlaub mehr bekam.

Im September endlich wurde er frei und wählte in Maigny eine kleine möblierte Wohnung. Dann machte er seinem Onkel Lanterle einen Besuch. Die Tante war nicht zu Hause, worüber sie bis an ihr Lebensende untröstlich blieb. Ihrem Manne konnte sie es niemals vergessen, daß er es nicht verstanden hatte, Moritz bis zu ihrer Heimkehr aufzuhalten.

Moritz hörte Herrn Lanterle, der ihm zu beweisen versuchte, daß er im Begriffe sei, eine große Dummheit zu machen, kaum an. Er konnte es nicht erwarten, ins Bürgermeisteramt zu gelangen, wo er alle nötigen Dokumente vorlegte, und am nächsten Tage wurde jene Kundmachung vor dem Pfeiler am Rathause angeschlagen, die bei den ruhigen Einwohnern von Valleyres einen so gewaltigen Eindruck machte. –


Moritz Lanterle und seine Frau leben auf ihrem Gute. Sie haben fünf prächtige Kinder. In der Gesellschaft von Valleyres wird Frau Lanterle nicht empfangen, doch dies bereitet ihr wenig Kummer. Selten nur sieht man sie in der Stadt.

Die Verwandten von Moritz hatten dieser unpassenden Verbindung die übelsten Folgen vorausgesagt. Noch jetzt vermögen sie nicht, sich über die Tugend der schönen Frau Lanterle und das Glück, das Moritz an ihrer Seite gefunden, zu beruhigen.

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