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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 3
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
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editorWalther Malmsten Schering
year1941
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Nationalstolz

Ob die Franzosen den Römern glichen? – Sonderbar! Warum soll dann eine Epoche von zehn Jahren diese Ähnlichkeit beweisen, da soviel Jahrhunderte sie nicht einmal ahnen ließen? Wenn man von Franzosen und von Römern spricht, so spricht man von der ganzen Nation; diese läßt sich nur ihrem Nationalcharakter nach mit einer andern vergleichen, und hier kann wenigstens von keiner rühmlichen Ähnlichkeit die Rede sein. Aber fragt man, gleicht das System, der Charakter der französischen Politik dem der römischen, findet sich Ähnlichkeit in ihrer beiderseitigen politischen Lage, so muß man antworten: ja so viel, so sehr viel, als sich bei der Verschiedenheit der Zeitalter finden kann.

Rom wollte die Welt erobern oder wollte sie wenigstens regieren, Frankreich geht mit starken Schritten auf einen gleichen Zweck los, es will die übrigen Staaten mit seiner Größe erdrücken und in tiefer Abhängigkeit von sich erhalten. Dies ist das furchtbare Resultat der Vergleichung!

Für das Glück der Völker darf jetzt kein zweites Rom entstehen, welches auch die neue Schöpfung ist, die sich aus der politischen Krise erzeugt. Es dürfen nicht ganze Nationen an dem Triumphwagen einer einzigen gefesselt liegen – was meint es anderes!!

Vielleicht läßt der jetzige Zustand Europens es nicht fürchten, daß ein neues Rom entstehe, vielleicht sind die mächtigen Schritte, mit welchen sich Frankreich seinem Ziel genähert hat, vergebens, und das schon verlorene Gleichgewicht stellt sich durch neue fürchterliche Kämpfe oder auch durch ein ruhiges Scheiden der Teile nach unaufgehaltenen Gesetzen der Natur wieder her – immer bleibt eine verzeihliche, eine empörende Furcht in unserer Seele. Furcht? – Jawohl! Wenn man sieht, wie Frankreich ganz so, wie es jetzt in Europa auftritt, nur ein Gegenstand der Bewunderung und Ehrfurcht und feiger Abgötterei anderer Nationen ist. Niemand kann einer Nation das Recht versagen, mit allen Kräften für ihre Vorteile zu kämpfen, sich von Sklavenketten loszureißen – ja nicht Frankreich kann man tadeln, wenn es seinen Fuß auf unsern Boden setzt und sein Reich furchtsamer Vasallen bis ans Eismeer reichen läßt.

Aber läßt sich denn damit nur Kleinmut gründen? Nur auf feige Menschen macht das Große einen solchen Eindruck. Bei Menschen von Mut und gesunden Kräften erzeugt die Größe wiederum Größe; sie weckt den Mut, den edlen Stolz, sie streut den Samen großer Taten aus. Wohin deutet nun diese Abgötterei? Sind wir denn wirklich ein so feiges Geschlecht, daß wir uns nicht mit jenen stolzen Siegern zu messen wagen? Dies zu glauben, darin liegt die Feigheit! Sind wir denn wirklich so tief gesunken, daß es uns ehrenvoll erscheint, unser ganzes Dasein der Huldigung einer andern Nation zu widmen, in ihrem Ruhm und ihrem Zweck uns selbst zu verlieren?

Spott und Verachtung allen, die so mutlos und selbstvergessen sind! Leider ladet mehr als ein Deutscher diesen Bannspruch auf sich, indem er schamvergessen den Wert der ganzen Nation, seiner eigenen Nation leugnet. Verachtungswerter noch als der gemeine Mensch, der sich in dem Anschauen großer Taten wie im Anschauen der Unendlichkeit verliert, ist der, der die Nation herabsetzt, damit er selbst um so größer dastehe. Er richtet die Nation, er versteht die Großtaten der Nachbarn zu würdigen – darum steht er höher als die übrigen der Nation.

Stehe er, wo er sich einbildet zu stehen; er kann nichts beitragen, die Nation zu erheben, zu veredeln, zu verewigen – sie stößt ihn aus als ein unnützes Glied und überläßt es seinem Eigendünkel, ihm zu lohnen, damit er das Lob seiner Vaterlandsgenossen entbehren könne.

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