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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 25
Quellenangabe
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
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editorWalther Malmsten Schering
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Über die politischen Vorteile und Nachteile der preußischen Landwehr

Die Landwehreinrichtung, indem sie eine bedeutende Masse des Volkes, nämlich etwa einen Dritteil aller waffenfähigen Männer, in regelmäßige Regimenter zusammenstellt, ihnen Offiziere aus ihrer Mitte gibt und die Waffen in offenen Zeughäusern unter ihnen niederlegt, gibt offenbar dem Volke die Waffen in die Hände.

Das Volk ist, wie alle Völker, schwer ganz zufriedenzustellen; man kann sogar sagen, im strengsten Sinne würde dies ganz unmöglich sein. Jetzt aber ist ein Zeitpunkt, der sich durch ein unruhiges Streben und einen Geist der Unzufriedenheit mit der Regierung auszeichnet, es ist also jetzt doppelt gefährlich, dem Volke die Waffen in die Hand zu geben.

Jede Regierung muß in Zeiten der inneren Bewegungen und des Widerstandes der unteren Klassen darauf gefaßt sein, nachdem alle Mittel der Überredung und Weisheit fruchtlos geblieben sind, das Schwert als die letzte Stütze ihres Rechtes und ihres Verhältnisses anzusehen. Dieses Schwert aber ist eine schwache Stütze, wenn sie es nicht allein führt, wenn der widerspenstige Haufe ebensogut wie sie mit demselben umgürtet ist.

Die Reihe dieser Sätze und Schlüsse wollen wir in ihrer inneren Wahrheit nicht angreifen, sondern wir wollen nur das Gegengewicht aufsuchen, was vorhanden ist und was ihre Wirkung auf der Waage der Wahrheit und Weisheit ebensogut aufhebt, als ob sie selbst vernichtet würden.

Die Bewaffnung des Volkes, d. h. die Landwehreinrichtung, gibt einen Widerstand nach außen, der durch kein stehendes Heer erreicht werden kann. Welche Einrichtungen man auch trifft, niemals wird man die Streitkraft durch ein stehendes Heer mit denselben Finanzmitteln, mit denselben Aufopferungen von seiten der Untertanen zu der Höhe bringen, wohin das Landwehrsystem sie führt. Wer dies absolut leugnet, mit dem müssen wir Überlegungen anderer Art anstellen, als wir uns hier vorgesetzt haben. Nur mit denjenigen können wir die Diskussion fortsetzen, welche diesen Satz einstweilen zugestehen, für welchen, abgesehen von den Beweismitteln a priori, die Erfahrungen der Jahre 1806 und 1813, nebeneinandergestellt, ein starkes Zeugnis ablegen.

Die Landwehr vermehrt die Gefahr einer Revolution; die Entwaffnung der Landwehr vermehrt die Gefahr einer Invasion. Welche von beiden ist nach historischen Zeugnissen die größere? Wo soll man in Deutschland die revolutionären Heere suchen, die in Italien, Frankreich und England sich so häufig vorfinden? In welchem Jahrhundert, in welcher Provinz? Ich dächte, das Mißtrauen müßte sich bei dieser Frage beschämt fühlen. Sind es etwa vorzüglich die preußischen Länder, in denen das so ruhige, unblutige Deutschland noch am unruhigsten und gewaltsamsten war? Ist es etwa vorzüglich das achtzehnte Jahrhundert gewesen?

Von einer Revolution, von einer wahrhaften Rebellion wissen wir nichts. Wissen wir auch nichts von einer Invasion? Wenn es also in gewisser Beziehung gewagt sein mag, ein bewaffnetes Volk zu haben, ist es nicht viel gewagter, ein unbewaffnetes zu beherrschen?

Die gewissenhafte Beantwortung dieser ersten Frage möchten wir denen ans Herz legen, welche vom unbequemen Bedürfnisse des nächsten Augenblickes sich fortreißen lassen. Der zweite Punkt, den wir etwas ins Klare setzen wollen, ist das Verhältnis, in welchem die Entwaffnung des Volkes zur inneren Ruhe und zur Sicherheit der Regierung steht, um dadurch das Maß der Vorteile zu bestimmen, welche man durch die Entwaffnung erhält, und mit diesem das Gegengewicht zu vergleichen.

Sind es die Waffen, worauf es allein oder hauptsächlich ankommt?

Sind die Tiroler weniger gute Untertanen gewesen, weil sie bewaffnet waren?

War das französische Volk im Jahre 1789 bewaffnet? Ferner: Sind Landwehr und stehendes Heer, politisch genommen, auch wirklich wahre Gegensätze, wie man vorgibt? Ist es so leicht, den Geist des Volkes, wenn er anfängt, sich zu verderben, vom stehenden Heere auszuschließen? War das stehende Heer Ludwigs XVI. nicht ein solches in der höchsten Potenz und ist es nicht vom Geiste der Revolution zusammengeschmolzen und vernichtet worden wie der Schnee im Frühjahre? Können wir also die Aufhebung der Landwehr und die Vergrößerung des stehenden Heeres als den Talisman gegen den Brand einer Revolution betrachten, wenn zu dieser schon alle Funken bereitliegen?

Offenbar wäre nichts so verderblich als dieser Glaube. Das Schwert, auf welches sich eine von dem trunkenen Geiste eines verführten Volkes angegriffene Regierung in letzter Instanz stützen muß, ist die kriegerische Persönlichkeit des Herrschers und seiner Familie in Verbindung mit einem tugendhaften Willen. Für diese beiden Dinge wird sich immer eine Schar von Männern finden, die, vom Gefühle des Rechtes durchdrungen, sich eng an den Thron anschließen.

Dieses Äußerste ist hier bloß berührt, um damit anzudeuten, daß wir nicht meinen, eine sich immer beschleunigende Bewegung des Nachgebens, eine unerschöpfliche Sanftmut im Märtyrertum der Duldung sei das einzige oder wahre Beschwörungsmittel; sonst aber scheint es uns ziemlich unnütz, von diesem Äußersten zu reden, solange noch gar kein Kampf vorhanden ist. Die Formel stehendes Heer ist es also nicht, welche das Unglück beschwören könnte, wenn es im Anzuge wäre; die Bewaffnung der Landwehr ist es nicht, welche den Schwerpunkt der Gefahr bildet. Eine redliche und kluge Behandlung von Heer, Landwehr und Volk kann allein die Elemente der Treue und Anhänglichkeit in allen dreien erhalten und vermehren; ohne diese ist nirgends Sicherheit und über die Kraft dieser hinaus reicht auch nicht die Gefahr einer Landwehr.

Der dritte Punkt, den wir zu berühren haben, betrifft den Quell aller dieser Besorgnis. Welches ist dieser Quell? Das Gefühl der Regierung, allein zu stehen. Sie sieht den Geist der Unzufriedenheit erregen und den Geist des offenbaren Widerstandes. Sie fürchtet, dieses Element werde sich früh oder spät entflammen, und was hat sie ihm denn entgegenzustellen? Die Stärke der bewaffneten Macht wird durch eine doppelt so zahlreiche Landwehr vernichtet. Man rät also, die letztere aufzuheben und sich auf die erstere zu stützen. Daß diese Stütze keine ist, glauben wir gezeigt zu haben. Die Regierung versammele um sich die Stellvertreter des Volkes, aus Leuten gewählt, welche die wahren Interessen der Regierung teilen und dem Volke nicht fremd sind. Dies sei ihre erste Stütze, ihr Freund und Beistand, wie es seit hundert Jahren das Parlament dem Könige von England gewesen ist. Mit diesem Werkzeuge leite sie die geflügelten Kräfte eines wehrhaften Volkes gegen seine äußeren Feinde und Neider; mit diesem Werkzeuge schlage sie die übermütigen Kräfte in Fesseln, wenn sie im Rausche des gärenden Geistes das Schwert gegen sich selbst wenden wollen. Einen anderen Weg gibt es von unserem Standpunkte aus nicht, und bequemer und wohlfeiler kann der Preis nicht errungen werden; der, welcher durch Palliative dies zu bewirken verspricht, ist als ein Scharlatan anzusehen, der das Übel verschlimmert.

Und wäre der Eindruck, den eine Entwaffnung des Volkes auf dasselbe hervorbringen würde, nicht schon das erste unmittelbare Zeichen dieser Verschlimmerung? Wenn die Spannung da ist, wird sie nicht vergrößert und geht nicht das letzte Vertrauen zur Regierung damit zugrunde?

Diese Betrachtung ist in dem ganzen Räsonnement freilich eine untergeordnete ihrer philosophischen Stelle nach, aber keine ihrer praktischen Wichtigkeit wegen. Und diese Entwaffnung des Volkes, deren Gewinn uns so gering erscheinen muß in Beziehung auf die Gefahr innerer Gärung, die wir vielleicht ein großes Recht haben, eher als ein Beförderungsmittel derselben anzusehen, auf welche Weise steigert sie die Gefahren, die uns von außen bedrohen!

Wir wollen uns gar nicht auf augenblickliche Verhältnisse beziehen und dahingestellt sein lassen, ob diese günstig oder ungünstig sind, sondern wir wollen nur an die allgemeine Lage Preußens seit seiner Erhebung zu den größeren Mächten, an seine Stellung zu den übrigen, an das denken, was sein charakteristisches Dasein ausgemacht hat.

Überall ist es von mächtigen Feinden umgeben, sowohl seine Erwerbungen als seine innere Ausbildung haben den Haß und Neid der übrigen erregt; am meisten hat der Glanz seiner Waffen einen heimlichen Groll, eine tückische Absicht, ihm gelegentlich zu schaden, in Deutschland bei Groß und Klein erweckt.

Preußen hat ein überspanntes Militärsystem, heißt es, und das will soviel sagen: Preußen hat es höher gespannt als alle übrigen und erhält sich dadurch, trotz seiner geringen Kräfte, mit den ersten Staaten im Gleichgewicht. Was wird entstehen, wenn Preußen diese sogenannte Überspannung wegläßt? Es wird in seiner Stellung und Wichtigkeit einen beträchtlichen Schritt hinuntertun, und, einmal im Sinken, wird es nicht schwer werden, es ganz niederzuwerfen. Diese Aussicht muß anderen Mächten bei einer eigennützigen Politik zu reizend sein, um nicht durch alle möglichen Sollizitationen den ersten freiwilligen Schritt hervorzulocken. Aus gespensterhafter Furcht vor dem Schwerte tun wir es von uns und lassen uns gefesselt abführen.

Nur großartige Einrichtungen von reellen Kräften, von lebendigem Geiste durchdrungen, können uns auf unserer Stufe erhalten, nicht leere Formen, wie wir sie vor 1806 hatten, nicht der Nachhall des Ruhmes, der in jedem Jahre schwächer wird; unsere eigene neuere Geschichte hat uns dies Wort vor Wort zu deutlich vorgesagt, als daß wir es übersehen könnten, wenn in uns das mindeste Streben nach Wahrheit ist.

So mögen denn die Männer von 1806, welche das Heil in den verfallenen Formen jener Zeit suchen, alle die Fragen, welche wir hier getan haben, ihrem Gewissen redlich vorlegen und dann die ungeheure Verantwortlichkeit fühlen, daß sie mit frevelhaftem Leichtsinne die vielleicht nur in Tändeleien geübte Hand an die Zertrümmerung eines Gebäudes legen, auf dem unser großartiges Schicksal durch die Jahre 1813, 1814 und 1815 wie eine Siegesgöttin auf ihrem Streitwagen, geruht hat.

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