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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 23
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
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editorWalther Malmsten Schering
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Schluß des Feldzugs 1796/97

Bonaparte erhielt, als er den 30. (März 1797) in St. Veit ankam, von dem Direktorium die Benachrichtigung, daß die Rheinarmeen noch nicht zur Eröffnung des Feldzuges bereit seien, und daß er nicht auf ihre Mitwirkung rechnen dürfe. Vom General Joubert hatte er noch keine Nachricht, dagegen wußte er von dem allgemeinen Aufstand der Tiroler. Ähnliches stand in Ungarn und Kroatien zu erwarten, und daß er es auch von den Einwohnern Kärntens und Krains befürchtete, zeigt seine beruhigende und ermahnende Proklamation. Venedigs zweifelhafte Stellung und Rüstung wurde immer drohender. Bedenkt man bei diesen Umständen, daß die Operationslinie, von Klagenfurt bis Mantua durch lauter feindlich gesinnte Länder laufend, fünfzig Meilen betrug, daß die französische Armee teils durch Detachements, teils durch Traineurs und andere Verluste schon um ein Dritteil ihrer Streitkraft geschwächt war, so wird man Bonapartes Lage in dem Augenblick, wo er Klagenfurt erreicht, höchst gespannt und kritisch finden. Kam Joubert zur Vereinigung mit ihm herbei, so war Tirol verloren, und den Österreichern stand es frei, in die Ebene der Lombardei hinabzusteigen, um sich mit den Venetianern zu verbinden und der französischen Armee jede Verbindung, so wie vorkommendenfalls, den Rückzug vollkommen abzuschneiden. Blieb Joubert in Tirol, so waren diese drei Divisionen einem höchst wahrscheinlichen Untergange preisgegeben, und er selbst hatte dann nicht mehr als 30 000 Mann zum weiteren Vordringen. Nur waren zwar die Abteilungen von Victor und Lannes vom römischen Gebiet her auf dem Marsch, allein, 7000 bis 8000 Mann konnten alle jene Schwierigkeiten nicht ausgleichen. Der Erzherzog war ihm an Streitkräften fast gewachsen; was derselbe jenseits der steiermärkischen Alpen, die Bonaparte jetzt vor sich hatte, an Verstärkungen antreffen würde, ließ sich noch nicht berechnen. Verlor Bonaparte in Steiermark oder gar jenseits des Semmering eine Schlacht, so war es schwer, etwas Namhaftes von seiner Armee zurückzubringen, und der Umschwung war dann so gewaltig, daß ganz Italien mit diesem einen Schlag verlorenging und die Franzosen um hundert Meilen zurückgeschaudert werden konnten. Bonaparte fühlte diese übermäßige Spannung seiner Lage, die nicht lange anhalten konnte und mit einem fast beispiellos glänzenden Erfolge oder mit seinem Untergange endigen mußte. Zurückzukehren war moralisch unmöglich. Er würde seine Armee vielleicht gerettet haben, aber das ganze Gewicht einer strategischen Niederlage wäre auf ihn gefallen: der Feldzug aller drei Armeen war verdorben, sein Ruf zugrunde gerichtet, alles bis dahin Erworbene verloren, sein politisches Dasein vernichtet und er der Rache der Faktionen preisgegeben. Wie hätte ein Mensch von Bonapartes Charakter diesen Entschluß fassen können! Hielt er dagegen bloß inne, in der Absicht, die anderen Armeen abzuwarten, so lag darin eine Aufforderung an die Österreicher, alle die Mittel gegen ihn in Wirksamkeit zu sehen, mit denen er umstrickt war; dann brachen alle die Gefahren gegen ihn los, denen er nicht gewachsen war, und das Resultat wäre wenig verschieden gewesen von dem einer verlorenen Schlacht.

Bei weiterem Vorschreiten gehörte zur glücklichen Lösung, daß ein glänzender Sieg, der Bonaparte unter die Mauern von Wien führte und dessen moralische Gewalt in allen ihm seitwärts und rückwärts gelegenen Provinzen den zur Landesverteidigung aufgehobenen Arm lähmte, mit dem Losbruch der Rheinarmee zusammentraf. Dieses Ereignis aber war auf keine Weise zu berechnen, sondern mußte größtenteils dem blinden Ungefähr überlassen bleiben. – So kühn und dreist sich nun auch stets Bonaparte gezeigt hatte, so fühlte er doch das Mißverhältnis dieses Spiels zu sehr, um nicht den mittleren Ausweg einer politischen Lösung, zu welcher er sich von seiner Regierung bevollmächtigt wußte oder annahm, zu benutzen und sich mit den Vorteilen zu begnügen, die dieser geben konnte. Er wußte, wie dringend die französische Regierung nach dem Frieden verlangte, er wußte, was er der österreichischen anzubieten hatte, er durfte hoffen, auf dem Wege nach Wien und angekündigt von Schrecken und Bestürzung ein geneigtes Ohr zu finden.

Am 31. schrieb er also von St. Veit aus dem Erzherzoge und machte die ersten Eröffnungen. Dieser Feldherr antwortete, wie das immer geschieht, ausweichend, sagte aber, er wolle nach Wien berichten. Um diesem ersten Schritt zur Unterhandlung das Gleichgewicht zu halten, mußte er von einem unausgesetzten, furchtlosen Vordringen begleitet werden. Bonaparte rückte also den 1. April nach Friesach. Gleich hinter diesem Orte befindet sich der Paß von Dirnstein, wo die: Straße den Hauptrücken der steiermärkischen Alpen hinansteigt, um sich nach Unzmarkt ins Tal der Mur hinabzusenken. Hier hatte sich der Erzherzog aufgestellt.

Auf dem Marsche nach Friesach erhielt Bonaparte einen Antrag auf einen vierstündigen Waffenstillstand. Die kurze Dauer ließ ihn auf eine anderweitige Absicht schließen, er vermutete, daß im Tal der Mur Verstärkungen im Anmarsch wären, die der Erzherzog gern an sich ziehen wollte, dies bestimmte ihn, den Antrag abzulehnen.

Am 2. griff er die Arrieregarde des Erzherzogs bei Dirnstein an und warf sie zurück, worauf der Erzherzog nach Unzmarkt ging.

Den 3. folgte Bonaparte dahin, und es entstand wieder ein hartnäckiges Arrieregardengefecht.

Zu Scheiflingen, wo die Straße von Villach zuerst die Mur erreicht, erfuhr Bonaparte, daß die österreichische Division Spörken sich noch im Murtal befinde. Er sandte sogleich den General Guyeur gegen sie ab, aber ohne Erfolg, weil sie auf der Salzburger Straße zurückgegangen war, um so zum Erzherzog zu stoßen.

Den 5. rückte Bonaparte nach Judenburg vor, wo er seine Kräfte sammeln will. Von Bernadotte weiß er, daß derselbe nach wenigen Tagen zu ihm stößt, von Joubert aber, der sich gleichwohl schon bis auf einige Märsche in seiner Nähe befindet, hat er noch keine Nachricht. In der Besorgnis und der Unruhe darüber langen den 7. April die Generale Bellegarde und Meerfeldt in Judenburg an, um einen Waffenstillstand zu unterhandeln, der auch sogleich zustande kommt und dem schon zehn Tage darauf, am 17. April, die Friedenspräliminarien von Leoben folgen.

Das schnelle Vordringen der italienischen Armee bis auf achtzehn Meilen von Wien, während der österreichische Feldherr ihr keine Streitkraft entgegenzustellen hatte, die noch unter den Mauern der Hauptstadt eine Schlacht anbieten konnte, veranlaßte den Waffenstillstand von Leoben und den Frieden von Campo Formio. Beide schienen also durch den Schrecken der Waffen hervorgerufen, was natürlich den Blick auf die kriegerischen Verhältnisse zieht, die in dem Augenblick stattgefunden haben. In der Untersuchung dieser Verhältnisse werden wir aber nicht bei der italienischen Armee stehenbleiben können, sondern auch die Rheinarmeen in Betracht ziehen müssen.

Bevor wir uns damit beschäftigen, haben wir aber noch einen prüfenden Blick auf die Unternehmung der italienischen Armee selbst zu werfen.

Wir haben bereits gesagt, was Bonaparte bewog, den Feldzug von seiner Seite schon anfangs März zu eröffnen. Nach seinen Memoiren glaubte er, sich an der Ens mit der Rheinarmee die Hand zu bieten. Er setzte dabei voraus, daß diese, 120 000 Mann stark, unter dem Befehl eines Generals bei Straßburg über den Rhein gehen und unaufhaltsam durch Bayern vordringen werde. Zweimalhunderttausend Mann stark, meint er, würden sie dann auf Wien marschiert sein und dem Kaiser Gesetze gegeben haben.

Wir bezweifeln, daß diese spätere Darstellung seiner damaligen Ansicht vollkommen wahr sei. Es ist nicht denkbar, daß er die Streitkräfte der Franzosen am Rhein sich Ende Februar 120 000 Mann stark zum Übergang bei Straßburg vereint gedacht haben sollte, während sie sechs Wochen später noch in zwei getrennten Armeen vierzig Meilen auseinander standen.

Das glühende Verlangen, der erste vor den Mauern Wiens zu sein, seinen Namen hoch über die Mitbewerber zu stellen, indem er ohne andere Teilnahme dem Kaiser das Gesetz des Friedens gab, das Gefühl seiner persönlichen Kraft, das Vertrauen zu seinem Glück, das war es, was Bonaparte ohne viel Berechnung und Abwägung der Gefahren fortriß auf der Siegesbahn, die sich ihm auftat. Er wagte ein großes Spiel, weil es in seinem Charakter und in seinem persönlichen Interesse war.

Allerdings hat er sich die Umstände nicht so gefahrvoll gedacht, wie sie sich einige Wochen nach Eröffnung des Feldzuges zu entwickeln schienen. Mußte er auch recht gut wissen, daß er nicht mit der Rheinarmee zugleich vor Wien eintreffen konnte, was schon in dem Unterschiede der Entfernung lag, so hatte er allerdings nicht erwartet, daß sie in dem Augenblick, wo er vom Semmering hinuntersteigen konnte, sich gar noch nicht in Bewegung gesetzt haben würde. Er hatte nicht an die Schwierigkeiten geglaubt, welche Joubert in Tirol fand, nicht an die sich auch in Kärnten und Kram erhebende Volksbewaffnung. Als diese Dinge nach und nach sich entwickelten, war es fast noch schwerer, innezuhalten als weiterzugehen.

Können wir uns auf diese Weise vorstellen, wie ein Feldherr voll Verwegenheit und Geringschätzung des Feindes, wie Bonaparte es immer gewesen ist, durch die Aussicht auf die glanzreichsten Erfolge fortgerissen, in dieser nebelvollen Bahn vorschreitet, und haben wir kein Recht, ihn dafür vor den Richterstuhl der Kritik zu ziehen, so müssen wir doch über den Leichtsinn einer Regierung erstaunen, die wie das Direktorium einen Feldzug so planlos eröffnet. Wie war es möglich, die: italienische Armee allein, und zwar nur mit zwei Dritteilen ihrer Macht, auf Wien marschieren zu lassen, während die anderen Armeen am Rhein noch sechs Wochen rasteten! Hätte der Erzherzog Karl hinter den steiermärkischen Alpen eine Reserve von 20 000 Mann gefunden, so wäre die italienische Armee höchstwahrscheinlich geschlagen, auf ihrem langen Rückzuge durch hohe, von der Volksbewaffnung eingenommene Gebirge halb zugrunde gerichtet und der Feldzug von Hause aus verdorben. Gleichwohl findet sich nicht einmal, daß das französische Direktorium eine große Verlegenheit deshalb bezeigt, und so scheint es, daß man wirklich die überwiegende Wichtigkeit einer gleichzeitigen und zusammenstimmenden Tätigkeit aller Kräfte nicht gefühlt hat.

Wenn wir den Feldherrn entschuldigen und die Regierung nicht, so ist das kein wirklicher Widerspruch. Jener hatte einen anderen Standpunkt als diese, er sah die Verhältnisse der Rheinarmee nicht so genau, er vermochte nichts über diese Verhältnisse, und endlich waltete bei ihm auch das persönliche Interesse seines Ehrgeizes vor, welches bis auf einen gewissen Punkt dem Feldherrn immer gestattet sein muß, weil ohne diese mächtige Triebfeder im Kriege nichts ausgerichtet wird. Wenn wir aber das vereinzelte Vordringen der italienischen Armee durch den Frieden von Campo Formio mit einem glücklichen Erfolge gekrönt sehen, so kann es dadurch nicht gerechtfertigt erscheinen, denn dieser Erfolg wäre durch das gleichzeitige Vordringen aller Armeen weit sicherer erreicht worden. Das einzelne Motiv, welches Bonaparte zuerst in Bewegung setzte, daß die Divisionen Mercantin und Kaim von der Rheinarmee noch nicht beim Erzherzog angekommen waren, konnte in der allgemeinen Betrachtung der Verhältnisse kein solches Gewicht haben.

Zu tadeln dürfte der französische Feldherr aber darum sein, daß er, während er mit 44 000 Mann die Richtung über die Julier Alpen nahm, zugleich 20 000 Mann in dem Etschtale vordringen ließ. Eine solche Macht war schwerlich hinreichend, Tirol zu erobern, d. h. die Truppen des stehenden Heeres daraus zu vertreiben und den Landesaufstand zu entwaffnen; war sie aber das nicht, so mußte sie dort immer in eine nachteilige Lage geraten. Hätte er 10 000 Mann in der Ebene bei Verona gelassen, so waren diese viel besser imstande, seine Verbindungslinie zu sichern, den Venetianern Furcht einzustoßen und sich selbst vor Unglücksfällen zu schützen; die Hauptarmee aber wäre dadurch um 10 000 Mann stärker geworden.

Selbst wenn dieses Vordringen in Tirol auf ein gleichzeitiges Vordringen der Rheinarmee durch Schwaben berechnet gewesen wäre, verdiente es Tadel, denn Joubert wurde dann nur ein Verbindungskorps, und diese sind, solange die Hauptmassen auf große, entscheidende Schläge ausgehen, nicht streng notwendig und darum eine verderbliche Kraftzersplitterung. General Joubert geriet in die nachteiligsten Verhältnisse und mußte froh sein, nach vier Wochen mit seiner Armee, um ein ganzes Dritteil geschwächt, zu Bonaparte zu stoßen. Dies beweist wohl hinlänglich, daß er dahin gehörte und nicht nach Tirol.

Bonaparte stellt zwar in seinen Memoiren die Sache so dar, als wenn dies von Hause aus die Bestimmung Jouberts gewesen wäre; aber es ist damit wie mit der Richtung, die er Ney nach der Schlacht von Ligny gegeben hatte und die er nachher aus einer exzentrischen in eine konzentrisch gemeinte umzwingen wollte. Welch eine wunderliche Idee wäre es gewesen, diesem General von Hause aus die Richtung bis an den Fuß des Brenner zu geben, um dann mit einem Umwege von mehr als dreißig Meilen nach Villach zu marschieren! In den gleichzeitigen Verhandlungen kommt dieser Gedanke auch nicht vor, und General Jomini in seiner Geschichte des Feldzuges stellt Jouberts Abmarsch durch das Pustertal als einen bloßen Ausweg dar, den dieser General auf eigene Verantwortung ergriff.

In Beziehung auf die Österreicher haben wir eine für die Strategie sehr wichtige Frage zu entscheiden, die einen sehr oft wiederkehrenden Hauptgegenstand betrifft. Wenn die Österreicher die Armee des Erzherzogs Karl nicht in Friaul, sondern in Tirol versammelt und Kärnten und Krain offengelassen hätten, so konnten sie dort füglich eine Armee von 40 000 Mann haben, ehe Bonaparte seinen Feldzug eröffnete, denn die Divisionen der Rheinarmee wären dann um soviel früher zu ihnen gestoßen. Diese 40 000 Mann, unterstützt von der Tiroler Landesbewaffnung, bildeten allerdings eine ganz andere Widerstandsmasse als das Korps des Erzherzogs am Tagliamento.

Wir wollen die Vorteile und Nachteile dieser Maßregel in Betracht ziehen.

Eine solche Aufstellung in Tirol wäre in Beziehung auf die durch Friaul und Kärnten nach Wien gehende Straße eine Flankenaufstellung gewesen und als solche unstreitig in vielen Stücken von großer Stärke, denn

  1. die Verbindungslinien dieser Aufstellung mit den Magazinen und dem eigentlichen Kriegstheater und vermittelst desselben mit der übrigen Monarchie konnten nicht leicht genommen oder auch nur bedroht werden;
  2. dagegen waren die Verbindungslinien des Feindes, wenn er an dieser Aufstellung hätte vorbeigehen und die Straße von Friaul einschlagen wollen, auf eine höchst wirksame Art bedroht, so daß selbst Bonaparte es nicht gewagt haben würde, den bloßgegebenen Weg auf Wien zu gehen;
  3. war das Objekt der feindlichen Unternehmung, als welches doch hauptsächlich Wien zu betrachten ist, so entfernt, daß dasselbe durch eine solche Flankenaufstellung als vollkommen gedeckt zu betrachten war.

Wegen aller dieser Umstände war es unzweifelhaft, daß, wenn der Erzherzog in Tirol geblieben wäre, die Franzosen nur durch Tirol hätten vordringen können.

Allein, wenn auch der Erzherzog in Tirol 40 000 Mann stark gewesen wäre und wenn auch der Beistand der Landesbewaffnung die Widerstandskraft nicht unbedeutend vermehrte, so müssen wir doch nicht vergessen,

  1. daß Bonaparte seine Macht unter diesen Umständen gewiß nicht geteilt hätte, sondern mit nahe an 70 000 Mann in Tirol eingedrungen sein würde;
  2. daß ein Gebirge der Verteidigung nur vorteilhaft ist, wenn mit geringen Kräften ein verhältnismäßig langer Widerstand geleistet werden soll, daß es aber bei einer absoluten Entscheidung zwischen der Hauptmacht beider Teile dem Verteidiger immer nachteilig ist, weil alle Mittel, welche in den neueren Schlachten der Verteidiger aus dem Vorteil der Hinterhand zieht, im Gebirge nicht angewendet werden können.

Diese beiden Umstände nun, daß Bonaparte um mehr als ein Dritteil überlegen war und daß die Entscheidung in einer ausgedehnten Gebirgsstellung gegeben werden mußte, ließen es kaum zweifelhaft, daß Bonaparte den Erzherzog geschlagen und mit mannigfachen Verlusten aus Tirol vertrieben haben würde. Bei dieser Wahrscheinlichkeit aber war es ein großes Übel, daß die große Straße durch Tirol nach Wien einen Bogen macht und daß also große Gefahr für die Armee des Erzherzogs vorhanden war, von Wien, ja von der niederen, Donau abgedrängt und dann in höchst nachteilige Rückzugsverhältnisse verwickelt zu werden.

Denkt man sich noch hinzu, daß der Erzherzog nimmermehr glauben konnte, die österreichische Armee würde einen glücklichen Widerstand am Rhein selbst leisten können, und daß er nicht wissen konnte, wann und wie schnell die französische Armee von da aus gegen die Donau vordringen würde, so bekommt der Gedanke, sich unter den hier gegebenen Umständen mit der Hauptmacht zur Verteidigung der österreichischen Monarchie in Tirol aufzustellen, etwas sehr Gewagtes, und man begreift, daß weder die österreichische Regierung noch der Erzherzog den Mut dazu hatte. Es würde soviel geheißen haben, als die Widerstandsfähigkeit des Augenblicks zu der Gefahr einer großen Katastrophe erhöhen.

Ganz passend wäre das Mittel gewesen, wenn die Österreicher so im physischen und moralischen Gleichgewicht der Macht mit ihrem Gegner gewesen wären, daß sie Anspruch darauf machen konnten, ihre Grenze vor jeder Invasion sicherzustellen; da hingegen, wo das Gleichgewicht der Macht schon verloren ist, da ist gerade die feindliche Invasion oder richtiger der eigene Rückzug in das Innere des Landes das Mittel, es herzustellen. Bonaparte macht in seinen Memoiren dem Erzherzog Karl einen Vorwurf daraus, nicht die Stellung in Tirol vorgezogen zu haben, gleichwohl sagt er an einer anderen Stelle selbst, daß er nur darauf gewartet habe, den Erzherzog in Tirol auftreten zu sehen, um dann über ihn herzufallen.

Wenden wir uns jetzt zu den Verhältnissen, die den Waffenstillstand von Leoben und den Frieden von Campo Formio hervorgebracht haben.

Zunächst war es offenbar die Armee Bonapartes, welche durch ihren drohenden Marsch auf Wien den Österreichern diesen Entschluß abrang.

Gleichwohl schien diese Armee selbst in einer gefährlichen Lage zu sein. Die Massen des österreichischen Staates waren noch intakt; sie hatte sich bloß einen schmalen Weg in sie hineingebahnt und erschien daher wie eine schwache vorgeschobene Spitze. Deshalb hat man denn auch häufig geglaubt, Bonaparte sei dicht am Rande des Abgrunds durch die Schwäche und Übereilung der österreichischen Regierung gerettet worden. Wir selbst, indem wir den politischen Ausweg, den Bonaparte einschlug, als ein verständiges Mittel angesehen haben, sich aus einer Lage zu ziehen, deren Gefahren wir lebhaft geschildert, werfen dadurch den Schein auf seinen Gegner, als habe er diese Gefahren nicht zu würdigen gewußt. So ist es aber doch nicht. Bonapartes Lage war verzweiflungsvoll, wenn er bei seinem ferneren Vordringen gegen Wien auf überlegene Massen stieß, die ihm Rechenschaft für seine Keckheit abforderten und über welche ein Sieg sehr zweifelhaft oder unmöglich wurde. Sowie aber diese Massen nicht vorhanden waren, hörte auch seine Lage auf, in dem Maße gefährlich zu sein, und nur, weil er darüber keine Art von Gewißheit haben konnte und solange ihm der Anmarsch Jouberts durch das Pustertal noch ganz unbekannt war, mußte er seine Lage für schlimmer halten, als sie wirklich war und als sie vom Gegner angesehen werden konnte. Aber hier sind wir genötigt, uns in eine besondere Erörterung einzulassen, um die von uns angegebene Darstellung zu rechtfertigen.

Bonaparte hat nämlich in seinen Memoiren behauptet, daß ihm seine Lage vor dem Leobener Waffenstillstande gar nicht gefahrvoll erschienen sei und daß nichts anderes ihn zum Abschluß des Waffenstillstandes bewogen als die Erklärung des Direktoriums, daß er auf eine Mitwirkung der Rheinarmee nicht rechnen könne.

Es ist eine schlimme Notwendigkeit für uns, das Urteil des Feldherrn selbst in seiner eigenen Sache nicht im vollen Maße gelten zu lassen, und doch kommt es für jemanden, der die Wahrheit sucht, auf wirkliche Überzeugung an, und wenn er diese mehr in den Umständen als in der Aussage des Feldherrn findet, so darf er sie der bloßen Autorität nicht aufopfern.

Bonaparte hat seine Memoiren fünfzehn bis zwanzig Jahre nach den Begebenheiten geschrieben und mit Beziehung auf die Kritiken, die ihm über einzelne Akte seiner Feldzüge zu Gesicht gekommen waren, denn er ist mit Widerlegung derselben beschäftigt. Unter diesen Umständen ist er nicht mehr unbefangen, und zwar um so weniger, als er keine Art von Tadel vertragen kann und es ihm ganz unmöglich ist, je einen Fehler einzugestehen, wie das die anderen großen Feldherren so häufig getan haben. Dies macht, daß wir in dem Gebrauche seiner Memoiren sehr auf unserer Hut sein und notwendig den gleichzeitigen Nachrichten sowie den aus den Umständen und dem Verlauf der Dinge hervorgehenden Resultaten einen höheren Glauben schenken müssen.

Wir haben daher von der Behauptung Bonapartes, daß seine Lage im April 1797 ihm in keiner Beziehung gefährlich erschienen sei, absehen und uns an die Ansicht halten müssen, welche sich aus allen sonst bekanntgewordenen Darstellungen ergibt. In der Tat, was hätte den stolzen Feldherrn bewogen, zuerst auf einen Waffenstillstand anzutragen und dadurch die Friedensunterhandlungen einzuleiten? Die Benachrichtigung des Direktoriums, daß er auf keine Mitwirkung der Rheinarmee zu rechnen habe, wenn sie auch wirklich so dramatisch erst in diesem Augenblick eingetroffen wäre und wie ein Blitzstrahl des Schicksals seine Weisheit durchlöchert hätte, konnte doch immer nicht anders verstanden werden, als daß die beiden Rheinarmeen zu spät ins Feld rücken würden, um der italienischen bei einer bevorstehenden Entscheidung Beistand zu leisten, nicht aber, daß sie absolut gar nicht mitwirken könnten, wie Bonaparte es behauptet; denn die Offensive war ja am Rhein beschlossen, und das Machtverhältnis ließ über ihren Erfolg keinen Zweifel. Es war also nur die Besorgnis, daß er diese Mitwirkung in seiner Lage nicht würde abwarten können, was ihn bewog, Unterhandlungen anzuknüpfen. Auch muß er, um seine Behauptung natürlicher erscheinen zu lassen, seine in Kärnten und Krain disponibeln Truppen auf 60 000 Mann angeben, während sie nur noch 45 000 betrugen.

Dies sind die Gründe, die uns bewogen haben, in unserer Darstellung bei derjenigen Ansicht stehenzubleiben, nach welcher Bonaparte dem Erzherzog den Waffenstillstand angetragen hat, um aus einer Lage herauszukommen, die mit jedem Schritt bedenklicher zu werden schien. Es ist bloß der Wunsch, möglichst wahr zu sein, welcher uns dazu bestimmt hat, denn zu unserem übrigen Räsonnement trägt diese Besorgnis, in der wir den französischen Feldherrn glauben, nichts weiter bei.

Wir kehren nach dieser notwendigen Auskunft zu unserem Gegenstande zurück.

Der Erzherzog fand, nachdem er sich in den Julischen Alpen mit den Divisionen Kaim und Mercantin vereinigt hatte, wodurch ihm nicht viel mehr zuwuchs, als er in den vorhergegangenen vierzehn Tagen schon eingebüßt hatte, auf dem ganzen übrigen Wege bis Wien nur noch die gleichfalls vom Rhein kommende Division Spörcken, und er blieb also immer noch so schwach, daß Bonaparte ihm selbst unter den Mauern dieser Hauptstadt eine Schlacht mit überlegenen Kräften anbieten konnte, und in dieser wäre der Sieg wohl kaum zweifelhaft gewesen. Da sich die Rheinarmeen um diese Zeit noch an diesem Flusse befanden, also 80 und 120 Meilen von Wien, so war an ein schnelles Herbeiziehen von Streitkräften zur Überwältigung Bonapartes nicht zu denken.

So war also Bonaparte trotz seiner allerdings immer sehr gespannten Lage doch imstande, Wien zu bedrohen. Hätten die Österreicher von der gespannten Lage des französischen Feldherrn wirklich Vorteil ziehen, hätten sie ihn durch überlegene Massen, die sich auf ihn stürzten, überwältigen, dieses isolierte Heer zertrümmern können: ja dann wären sie allerdings so in Vorschuß der Vorteile gekommen, daß sie damit den ganzen übrigen Feldzug ausgleichen konnten. Wären die Mittel dazu vorhanden gewesen, so würde freilich der Friede nicht zu entschuldigen sein.

Allein da den Österreichern die Mittel zu einer tätigen Reaktion gegen Bonaparte fehlten, so hätten sie ihren Rückzug nur fortsetzen und die Hauptentscheidung hinausschieben können. Dies konnte geschehen, indem der Erzherzog sich, ohne eine Schlacht zu liefern, nach Wien hineingeworfen hätte, um es zu verteidigen, oder Wien aufzugeben und sich noch weiter nach Mähren zurückgezogen; oder endlich, wenn er sich von Bruck aus nicht auf Wien, sondern nach Ungarn zurückgezogen und dadurch die Hauptstadt vielleicht ganz aus dem Spiele gebracht hätte.

Jeder dieser drei Wege führt zu einer Mitwirkung der anderen Armeen; es kommt also nun nicht mehr auf das Verhältnis an, welches der österreichische Staat zur Armee Bonapartes hatte, sondern auf das zu allen drei französischen Armeen, auf welche wir daher unseren Blick gemeinschaftlich richten müssen.

Die Rheinarmee unter Moreau war 70 000, die Sambre- und Maasarmee unter Hoche 60 000, beide also 130 000 Mann stark. Jene hatte Latour mit 50 000, diese Werneck mit 30 000 Mann gegen sich, dies macht 80 000. Dieses Machtverhältnis ließ schon keinen Zweifel, daß die beiden feindlichen, vom Rhein kommenden Armeen ohne namhaften Aufenthalt vordringen und sich mit der italienischen in Verbindung setzen konnten. Es war also auf diesen Punkten für die Österreicher keine Aussicht, das gegen die italienische Armee Verlorene wieder einzubringen; sie waren dort im Nachteil, wie hier. Waren also keine Mittel, die italienische Armee in ihrer gefährlichen Lage allein zu verderben, mußte die Entscheidung in die Länge gezogen und auf die Streitkräfte am Rhein mitbegründet meiden, so war der Verlust von Tirol, Österreich, Steiermark, Kärnten und Krain unzweifelhaft, der von Wien selbst höchstwahrscheinlich.

Hiermit ist aber die österreichische Monarchie allerdings noch nicht niedergeworfen. Böhmen, Mähren und Ungarn mit 120 000 Mann, die noch unter den Waffen waren, boten eine Widerstandsmasse dar, welche die letzte Entscheidung immer noch zweifelhaft machte. Sollten die gemachten Eroberungen eine Bedingung zur Niederwerfung der österreichischen Monarchie werden, um sie dann zu jedem beliebigen Frieden zu zwingen, so gab es dazu nur zwei Wege: entweder im Vorschreiten zu bleiben, die Absicht auf die fernere Vernichtung der feindlichen Streitkraft zu richten, d. h. sie, wie die preußische im Jahre 1806, bis an die entgegengesetzten Grenzen der Monarchie zu verfolgen, um sie dort zu nötigen, die Waffen zu strecken; oder, wenn dies unmöglich schien, auf irgendeiner Linie haltzumachen, sich in gehörigen Besitz desjenigen Landstrichs zu setzen und darin zu behaupten, der erobert worden war, und in der Fortsetzung des Krieges von der Schwächung des Gegners seine Unterwerfung zu erwarten. Was den ersten dieser beiden Wege betrifft, so bedenke man, welche Rückzugslinien die Österreicher noch durch Böhmen und Mähren nach Ungarn hinein hatten, welche Masse österreichischer Provinzen den nachdringenden Franzosen zur Seite und im Rücken geblieben wären, die zum Teil schon bewaffnet waren, zum Teil sich noch bewaffnen konnten, endlich, daß die drei französischen Armeen, obgleich anfangs 200 000 Mann stark, doch, da sie Mainz, Mannheim und Ehrenbreitenstein einschließen und etwas gegen Tirol stehenlassen mußten und auch infolge der gewöhnlichen Verluste und Schwächungen, die bei unaufhaltsamem Vordringen durch weite Länderflächen entstehen, am Ende ihrer Laufbahn sich sehr vermindert gefunden haben würden. Zieht man alle diese Dinge in Betracht, so wird man ein solches unaufhaltsames Nachdringen wohl kaum für etwas anderes als eine Fiktion halten, höchstens als eine entfernte Möglichkeit, die zur Befriedigung des Verstandes mitaufgeführt werden muß. Um eine Monarchie von fünfundzwanzig Millionen Menschen von einem Ende bis zum anderen zu durchziehen, um eine Verbindungslinie von 150 Meilen Länge zu sichern, dazu gehört mehr als eine Armee von 150 000 Mann. Die flankierende Lage Ungarns und Tirols, auch Böhmens, die Masse der Alpengebirge, welche im Spiel waren, sind dabei sehr erschwerende Umstände. Ein solches Unternehmen verlangt größere Massen, verlangt nachrückende Reserven, woran es den Franzosen fehlte, verlangt eine feste, konsequente Regierung, wie die französische nicht war, den regelmäßigen sicheren Organismus einer guten Administration, wie Frankreich sie nicht hatte. Wir glauben also, daß die Franzosen sich auf eine solche gesteigerte Invasion nicht eingelassen haben würden, und sind überzeugt, daß, wenn sie es getan hätten, sie früh oder spät hätten der Gewalt der Umstände nachgeben und ihren Rückzug antreten müssen, auch ohne durch eine Schlacht dazu gezwungen zu sein. Dieser Rückzug würde dann mit großen Verlusten verbunden gewesen sein und den Krieg wieder an den Rhein und Mincio versetzt haben. Die österreichische Regierung hätte es also, wenn es sonst ihr Interesse dringend erforderte, auf ein Äußerstes ankommen lassen können.

Der zweite Weg war allerdings für die Franzosen ausführbarer. Allein wie sehr die französischen Feldherren auch ihre Kräfte auf der Linie, welche sie einnehmen wollten, zusammenhielten, das, was sie an Streitkräften mitbrachten, würde auf die Dauer gewiß nicht hingereicht haben, sich in einer so weit vorgetriebenen Stellung zu halten; auch in diesem Falle waren bedeutende Reserven nötig. Der Unterschied aber lag darin, daß sie in diesem Falle der Reserven nicht so schnell, bedurften, weil dieser Weg die Dinge nicht so schnell zur Entscheidung brachte und bis zum Herbst oder Winter, wo sie hauptsächlich in Gefahr kamen, überwältigt zu werden, bedeutende Mittel geschaffen werden konnten; ferner (darin), daß auf dem ersten Wege die Österreicher fast nur Standhaftigkeit brauchten, weil die Gewalt der Umstände den Umschwung dann von selbst hervorgebracht haben würde, während auf dem zweiten die positiven Anstrengungen der Österreicher größer sein mußten und mehr ein wohlgeordnetes Handeln nötig war.

Wenn wir auf diese Weise jeden der beiden Wege, welche der siegreiche Feind einschlagen konnte, nicht ohne Gefahren für ihn finden und bei gehöriger Ausdauer und Anstrengung des Besiegten dafürhalten, daß die Wahrscheinlichkeit des endlichen Erfolgs mehr gegen als fürden Sieger blieb: so wird der Leser auf die Frage geführt, worin denn dieses Verschwinden einer vorhandenen Größe liegt, und er kann von der Kritik mit Recht fordern, nachzuweisen, was aus derselben geworden ist. Die Franzosen rücken mit Sieg und Überlegenheit vor und gelangen, wie sie es auch anfangen mögen, zu einem ungünstigen Resultate. Das scheint einen Widerspruch in sich zu schließen.

Die Auflösung dieses Rätsels liegt in der Schwächung, die jeder strategische Angriff in seinem Fortschreiten eo ipso erleidet und die so lange steigt, bis der Gegner wehrlos gemacht, d. h. bis seine Streitkraft vernichtet ist. Es muß also die besiegende Überlegenheit mit der Größe des feindlichen Staates im Verhältnis stehen, wenn dieser nicht bald ein Gleichgewicht und später ein Übergewicht auf dem Felde der Entscheidung bekommen soll. Dies aber war hier nicht der Fall; eine Überlegenheit von 50 000 bis 60 000 Mann im Felde mußte sich an einer Monarchie wie der österreichischen bald erschöpfen.

Wir glauben also, daß die Franzosen im Jahre 1797, trotz der großen moralischen Überlegenheit, welche sie gewonnen hatten, doch höchstwahrscheinlich nicht imstande gewesen sein würden, auf welchem Wege es auch war, die österreichische Monarchie wehrlos zu machen und sie dadurch zu zwingen, jede ihrer Bedingungen anzunehmen. Hieraus folgt denn, daß es bei der österreichischen Regierung nur auf Standhaftigkeit, Energie und Klugheit ankam, um aus dieser Krisis hervorzugehen und wieder in einen Zustand von größerem Gleichgewicht mit Frankreich zu kommen.

Folgt nun daraus, daß die Österreicher sich mit dem Friedensschluß von Leoben übereilt haben? Wir glauben nicht. Es entsteht nämlich die Frage: War das Opfer, welches in dem Überstehen der ganzen Krisis lag, war die mögliche Gefahr, die doch immer damit verbunden blieb, des Zweckes wert, welcher dadurch erreicht werden konnte? Wenn die Österreicher am Ende durch Standhaftigkeit und Anstrengungen strategisch Sieger wurden und die Franzosen sich aus ihren deutschen Staaten zurückziehen mußten, so wurde der Krieg wieder an den Rhein und Mincio versetzt; weiter konnte die Reaktion nicht reichen.

Hiermit steht es nicht im Widerspruch, wenn wir früher gesagt haben, daß ein Umschwung der Begebenheiten die Armee Bonapartes bis an die Seealpen zurückwerfen konnte, denn das verstand sich nur von einer Überwältigung und Zertrümmerung dieser einzelnen Armee, ehe die anderen herbeikommen konnten. Dieselben Folgen konnten nicht eintreten, wenn alle drei Armeen sich einander die Hand gegeben hatten und gemeinschaftlich den Rückzug antraten.

Werfen wir nun einen Blick auf die Friedensbedingungen von Leoben, so finden wir, daß die Österreicher nur aufopferten, was ohnehin schwerlich zu retten war, die Niederlande, das Mailändische bis zum Oglio, oder preisgaben, was keinen großen Wert für sie hatte, wie Nizza, Savoyen, Modena. Das rechte Rheinufer forderten die Franzosen damals noch nicht. Jene Abtretungen wären selbst dann noch den Verhältnissen entsprechend gewesen, wenn man sich am Rhein und Mincio befunden hätte, da die Franzosen im Besitz waren und man keine Mittel fand, sie daraus zu vertreiben.

Es ist also natürlich, daß den Österreichern in einem Augenblick, wo sie wenigstens von den nächsten Schlägen noch hart bedroht waren, wo eine Reihe unglücklicher Waffenentscheidungen ihnen bevorstand und ihre moralische Kraft noch mehr zertrümmern sollte, Friedensbedingungen sehr annehmlich vorkommen mußten, die auch selbst nach glücklich überstandener Krisis nicht viel besser ausgefallen sein würden.

So motiviert sich der österreichische Entschluß im April 1797, insofern er aus der militärischen Lage unmittelbar hervorgeht. Was die österreichische Regierung hierauf später im Laufe des Jahres mit den Franzosen verabredete, die viel größeren Konzessionen, welche sie dem französischen System machte (das linke Rhein- und das rechte Etschufer), waren nicht mehr eine Folge der militärischen Bedrängnis, sondern ein rein politischer Handel, denn sie nahm dafür Entschädigungen auf Unkosten Venedigs und Deutschlands an. Die österreichische Regierung, von allen ihren Bundesgenossen auf dem Kontinent im Stich gelassen, ohne Aussicht auf neue, entschloß sich, in einer kurzsichtigen, egoistischen Politik ihr Heil zu versuchen. Es ist dies, wie gesagt, nicht mehr ein Produkt der Not, eine unmittelbare Folge ihrer militärischen Lage, und geht uns also nichts mehr an.

Wir geben zu, daß es heldenmütiger und großartiger gewesen wäre, den Kampf bis an den Rand des Abgrundes fortzuführen und dann durch Sündhaftigkeit und Energie auf das frühere Gleichgewicht der Waffen zurückzubringen; daß neue, vorteilhafte politische Konjunkturen vielleicht eben dadurch möglich und wahrscheinlich wurden; daß es auch nicht bloß schön, sondern weise gewesen wäre, so zu handeln, weil das gegen Frankreich verlorene politische Gleichgewicht doch voraussehen ließ, daß es in dem Konflikt mit dieser Macht früher oder später zum Äußersten kommen müßte. Aber welche Politik geht gleich an die äußerste Grenze der Betrachtung? – und es ist doch ein großer Unterschied, ob eine Regierung unterläßt, sich bis zum Allerumfassendsten zu erheben, oder ob sie einen blinden Mißgriff, eine Torheit übereilter Schwäche begeht.

Übrigens wollen wir nicht vergessen, daß das strategische Räsonnement, wie wir es jetzt führen können und müssen, damals in der Tat noch nicht so natürlich war. Die wachsende Kraft eines bis an seine äußersten Grenzen geführten Widerstandes großer Staaten, die Schwierigkeit, sich in dem Besitz weiter Flächenräume, die man eingenommen hat, zu behaupten, war damals noch nicht durch Beispiele so anschaulich geworden, wie sie es uns dadurch geworden ist, daß die ungeheure Kraft Bonapartes ihn mehr als einmal an die Grenzen geführt hat, wo nicht sowohl der Gegner, als die Natur der Dinge ihn überwältigte.

Unsere Betrachtung über den Feldzug von 1797 und über das Auslaufen seiner Linien in dem eigentlichen Schlußpunkt des Ganzen führt uns darauf, bemerklich zu machen, wie verschieden das Urteil über ein gegebenes strategisches Verhältnis ausfällt, je nachdem man den Standpunkt oder den Augenpunkt verändert.

Bonapartes Lage, als er die Julischen Alpen überstieg, erscheint als höchst gefährlich, wenn man glauben muß, daß die Österreicher jenseits der steiermärkischen Alpen überlegene Massen zu seiner Überwältigung sammeln. Erweitert sich aber der Horizont, weiß man, daß diese Massen nicht vorhanden sind, so verschwindet diese Gefahr, und nun ist die österreichische Armee mit einer Niederlage unter den Mauern Wiens bedroht, wenn sie noch eine Schlacht zur Rettung der Hauptstadt wagen will. Die französisch-italienische Armee erscheint also wie eine heranziehende Gewitterwolke. Erweitert man den Blick abermals, indem man die Entscheidung nicht zur Rettung der Hauptstadt gibt, sondern aufbewahrt zur Rettung des Ganzen, so muß die französisch-italienische Armee sogleich als unzureichend erscheinen, und sie würde, an und für sich betrachtet, schon durch das bloße Hinhalten der Entscheidung ihrem Untergange entgegengehen. Die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs ist also gegen die Franzosen. Bleibt man aber nicht bei dieser einen Armee stehen, sondern dehnt den Gesichtskreis auch über die beiden anderen am Rhein auftretenden Armeen aus, so zeigt sich dort ein so überlegenes Machtverhältnis der Franzosen, daß dadurch der Krieg vom Rhein nach dem Innern von Österreich versetzt werden muß. Und nun wird die Unzulänglichkeit der italienischen Armee durch das Übergewicht der anderen ausgeglichen. Nun ist eine Invasion von allen drei Armeen bis ins Herz der österreichischen Monarchie nicht mehr außer dem Verhältnis ihrer Stärke, und diese Invasion ist nun die Gefahr, mit welcher Österreich bedroht ist. – Wird diese Invasion von der österreichischen Regierung nicht schon an und für sich als ein Übel angesehen, welches man durch einen schleunigen Frieden abzuwenden suchen muß, so erscheint sie für die Franzosen nur als Mittel zu weiteren Zwecken. Denkt man sich nun als diesen weiteren Zweck das gänzliche Niederwerfen des österreichischen Staates, d. h. die Fortsetzung der Invasion bis an die entgegengesetzte Grenze desselben, um dort die letzten Streitkräfte zu vernichten, so wird sich das Resultat, nämlich die Wahrscheinlichkeit des endlichen Erfolges, abermals wenden. Nach allen unseren jetzigen Erfahrungen nämlich würden, wenn die österreichischen Völker es nicht an Treue für ihr Regentenhaus fehlen ließen, die französischen Streitkräfte für ein solches Unternehmen unzureichend sein, und das Fortschreiten der Invasion von selbst einen Umschwung herbeiführen. Beschränkt man seinen Blick aber nicht bloß auf diese Möglichkeit, sondern umfaßt man damit auch die andere, daß die Franzosen ihre Invasion nicht bis zu den entgegengesetzten Grenzen fortsetzen, sondern auf einer gewissen Linie haltmachen, so verschwindet die Hoffnung auf einen von selbst eintretenden Umschwung der Begebenheiten für die Österreicher wieder, weil die Franzosen Zeit haben, die fehlenden Kräfte herbeizuschaffen. Nun bleibt zwar auch in dieser Lage die Wahrscheinlichkeit des ersten Erfolgs noch für Österreich, aber diese Wahrscheinlichkeit ist schon viel geringer, sie setzt große, Opfer, Anstrengungen und zweckmäßige Tätigkeit voraus. Unter diesen verschiedenen Standpunkten wird derjenige, von welchem aus das strategische Verhältnis beurteilt werden soll, durch die Natur der Dinge bestimmt, entweder, weil man über eine gewisse Linie hinaus mit dem Blick nicht dringen kann,, wie Bonaparte, als er die Julischen Alpen überschritt, oder, weil der Gegenstand, bei welchem der Blick stehenbleibt und auf den also als Augenpunkt alle Linien hinlaufen sollen, eine vorherrschende Wichtigkeit hat, wie sie z. B. die Erhaltung Wiens, das Verhindern einer feindlichen Invasion für die Österreicher in manchen Fällen hätte haben können. In den Jahren 1814 und 1815 war die Einnahme von Paris von einer solchen vorherrschenden Wichtigkeit, daß sie notwendig den Augenpunkt aller strategischen Linien ausmachen mußte.

Ist diese Wichtigkeit so groß, daß die Friedensbedingungen, mit welchen man das Übel abwenden kann, kein zu hoher Preis sind, so muß die bloße Konsequenz den Frieden herbeiführen.

Je nachdem nun diese Wichtigkeit erkannt oder verkannt oder verschieden angesehen wird, muß auch das Urteil über die letzte Beziehung, welche ein umfassendes strategisches Verhältnis hat, verschieden ausfallen. Daß Charakter und Gesinnung, die im Kriege eine so große Rolle spielen, auch hier in den höchsten Regionen und bei einem bloßen Akt der Überlegung noch großen Einfluß auf das Urteil haben, liegt in der Natur der Dinge. Darum wird der Standhafte und Mutige seine Lage anders beurteilen als der Verzagte. Dies ist besonders bei den Handelnden der Fall. Bei den bloß Urteilenden aber, also namentlich in der Schriftstellerwelt, wo jeder mutig und standhaft ist, rührt die Verschiedenheit der Ansicht meistens von einem Verkennen der Verhältnisse her, welche obgewaltet haben, oft aus Mangel an Daten, noch öfter aber aus Mangel an wahrem Geist kritischer Untersuchung.

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