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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 2
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
printrun
editorWalther Malmsten Schering
year1941
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Wirft man nun auch einen Blick auf den Zustand der Kultur, in welchem sich Frankreich befindet, nämlich so, wie wir sie in der Verfassung des Reichs in den Sitten, in dem Geist der Nation erblicken, so sieht man wohl, daß höchstens Deutschland und England sich mit ihm vergleichen lassen. Spanien und Italien sind gelähmt durch innere Erschlaffung. Bei dem erstern ist es hauptsächlich die Schwäche, die gänzliche Abspannung der Regierung, welche seit vielen Jahren unaufhörlich auf die Nation einwirken, die Würde derselben, den edlen Stolz, als Repräsentanten ihrer ehemaligen Kraft, nicht vernichten, aber in Trägheit und des Lasters unnatürliche Verbindung fesseln konnten. Italien steht noch viel tiefer; seitdem seiner Weltherrschaft Thron von deutschen Armeen zusammengestürzt wurde, hat es in ewiger Abhängigkeit von fremder Herrschaft geschmachtet.

Man wird mir die italienischen Freistaaten des Mittelalters anführen. Allein, was wollen ein paar kleine Republiken sagen in Vergleichung mit dem ganzen italienischen Volke? Kann ein Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit ein Nationalgefühl genannt werden, wenn es nicht die ganze Nation ist, sondern eine kleine Kolonie, umgeben von der unterjochten großen Masse, die dies Gefühl genießt? Konnte selbst der republikanische Italiener je zu dem Gefühl seiner Würde als Italiener kommen, der vielleicht fünf Sechsteile seiner Nation unter fremder Herrschaft stehen sah? Überdem: nie werde ich mich überreden können, daß der Geist der italienischen Republik im Mittelalter ein wahrhaft großer Geist für Freiheit und Unabhängigkeit und die Kraft, welche sie entwickelt haben, eine Äußerung moralischer Würde sei. Oft war die reine Kraft der Usurpation und Demokratie wie in Florenz, oft ein geschickt geleitetes Handelsinteresse wie in Venedig, und immer war das Instrument, dessen sie sich bedienten, mehr der Geist der Intrige und des Verbrechens als kriegerische Tugend. Man denke nur an die Art ihrer Kriege mit gemieteten Heeren und gedungenen Feldherrn.

Es (Italien) ist nicht bloß durch den Drang politischer Ereignisse, sondern durch einen förmlichen Untergang seiner inneren Größe, durch eine allgemeine Sitten- und Geistesverderbnis so tief gefallen. Die lastervolle Herrschaft seiner Päpste über Europa mußte die Nation nur noch tiefer versenken, und wenn wir einzelne mächtige Geister unter ihnen hervorragen sehen, so ist es der herrliche klassische Boden, der trotz der allgemeinen Zerstörung und ohne Wartung und Pflege die üppigen Zweige und duftenden Blüten hin und wieder hervortreibt. Es ist die Glut und das Licht der Religion, durch und in welcher sie strahlen.

Von der Sklaverei fremder Herrschaft kann eine Nation sich nicht durch Künste und Wissenschaften loskaufen. Ins wilde Element des Kampfes muß sie sich werfen; tausend Leben gegen tausendfachen Gewinn des Lebens einsetzen. Nur so kann sie von dem Siechbette wieder aufstehen, worauf sie fremde Fesseln trug. Bei den Reichen Italien und Spanien scheint das fremde Joch wenig zu lasten; man darf also nur wenig kräftigen Beistand von daher erwarten. Überdem ist der Wohlstand dieser Länder durch die elenden Grundsätze der Regierungen im tiefsten Verfall.

England, so wenig es auch Frankreich in jeder Rücksicht nachstehen möchte, hat einen zu wenig direkten Anteil an dem Kontinent, um ihm hauptsächlich zum Gegengewicht dienen zu können, und von dem Augenblick an, da Europa sich vorzüglich auf England verlassen wird, wird es in tiefsten Verfall geraten. Deutschland, an Kultur und innerem Wohlstand vielleicht auf gleicher Höhe mit Frankreich, hat bekanntlich ein so schwieriges Föderativsystem, daß es durchaus nicht mehr mit seiner natürlichen Schwere gegen dieses Reich wirken kann. Rußland kann nicht eher bedeutend wirken, bis Deutschland schon verloren ist. Welch eine Aussicht für Europa! – Nichts bleibt übrig als das Koalitionssystem. Und wenn wir dies System seit Ludwig XIV. unaufhörlich anwenden und immer mit Erfolg anwenden sehen, aber doch sehen, wie es sich mit Mühe dem mächtigen Frankreich entgegengestellt hat und nach und nach immer etwas gewichen ist, und nun bedenken, wie weit sich unsere Politik entfernt hat von der Politik eines Leopold, Joseph, Wilhelm von Oranien und der Königin Anna Die Gegner Ludwig XIV. im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-13): der römische deutsche Kaiser Leopold I., sein Nachfolger Joseph I., Wilhelm III., Prinz von Oranien, 1689-1702 König von England und seine Nachfolgerin Anna. – welch eine Aussicht für Europa!

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