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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 18
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
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editorWalther Malmsten Schering
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Aus Briefen 1812

In russischen Diensten

Kwaydany in Litauen, den 15. Mai 1812

Der Ort, von welchem ich Dir schreibe, liegt auf dem Wege nach Wilna, dem Hauptquartier des Kaisers und des Generals Barclay de Tolly. Seit sechs Tagen innerhalb der Grenzen Rußlands, werde ich den Ort meiner Bestimmung erst in drei Tagen erreichen. Was soll ich Dir denn als das Merkwürdigste von den erlebten Faten erzählen? Daß mein erstes polnisches Diner, welches gleichwohl in vier Tagen das beste oder vielleicht das einzige geblieben ist, aus einer Suppe von halb Schinken, halb rohem Schweinefleisch bestand, worauf eine zweite Suppe von halb Rindfleisch und halb Kalbfleisch folgte; daß ich den schlechtesten Teil des ehemaligen Polens langsam durchzogen bin und ungeachtet des schönsten Bodens ein Land gefunden habe, davon wir uns keine Begriffe machen, dagegen die Gegenden von Storkow, Beeskow, Pförten sich verhalten wie sich die reichste Provinz Englands zur Mark verhalten mag; daß ich die Menschen dort in einem Zustande gefunden habe, davon wir keine Vorstellung haben, so daß ich jetzt fest überzeugt bin, die Teilung Polens war eine Wohltat, im Rate des Schicksals beschlossen, um dies Volk, das seit Jahrtausenden in diesem Zustande verharrt, endlich einmal davon zu erlösen. Die polnischen Enthusiasten, davon ich unseren Freund Radziwill nicht ausnehme, sind eitle Egoisten, wenn sie die Existenz, welche Polen bisher gehabt hat, bleibend machen wollen; man muß die menschliche Bestimmung ganz aus den Augen verloren haben, um dies gleichgültig mitanzusehen. Rußland ist den Polen mit einem guten Beispiele vorangegangen; in Rußland befinden sich die Menschen in einem viel besseren Zustande, und wo nur deutscher Kunstfleiß sich regt, glaubt man gar im Himmel zu sein. Das ganze Leben der Polen ist, als wäre es mit zerrissenen Stricken und Lumpen zusammengebunden und zusammengehalten. Schmutzige deutsche Juden, die wie Ungeziefer in Schmutz und Elend wimmeln, sind die Patrizier des Landes. Tausendmal habe ich gedacht, wenn doch das Feuer diesen ganzen Anbau vernichten wollte, damit dieser unergründliche Schmutz von der reinlichen Flamme in reinliche Asche verwandelt würde. Das war mir immer eine wohltätige Vorstellung. Alles wimmelt hier von Juden, die sämtlich ein unverständliches Deutsch sprechen. Von der Vermehrung dieses Volkes kannst Du Dir einen Begriff machen, wenn ich Dir sage, daß ich eine Wirtin von 32 Jahren habe, die eine Tochter von 19 Jahren hat, die natürlich auch verheiratet ist. Sie heiraten im 11. Jahre und bekommen Kinder im 13.; im 40. Jahre kann also eine Frau sehr bequem Urgroßmutter sein.

In Tauroggen, wo ich ins Russische trat, mußte ich mich einen Tag beim Kosakenobersten aufhalten, er hatte seine Familie bei sich. Ein paar schlechte Bauernstuben waren reinlich eingerichtet; eine Art langer Diwans stand an den Wänden; in der Mitte eines derselben in vegetabilischer Nähe saß eine große, starke, junge (vermutlich auch schöne) Zirkassierin mit übergeschlagenen Armen und Beinen, in Seide und kostbares Pelzwerk gekleidet, auf dem Kopfe aber tout bonnement mit einem bonnet de nuit, wie sie bei uns die alten Männer tragen, versehen. Sie war wie ein gemästeter Kapaun mit weißem, fettem Fleisch umgeben, hatte etwas platte, sonst nicht üble Züge und sah sehr gutmütig aus. Man sah ihrem ganzen Wesen an, daß sie in der Staatsverfassung keine andere Bestimmung hat, als Mutter vieler Kinder zu werden, und daß sie zur Annehmlichkeit der Gesellschaft nicht anders beiträgt, als indem sie ihren Körper fett und weiß erhält. Darum arbeitet sie auch den ganzen Tag nichts. Sie war wirklich aus Czerkask, der Hauptstadt der donischen Kosaken, gebürtig und sprach so wie ihr Mann nichts als Russisch. Ungeachtet ich nun kein Wort verstand, so hat mich ihr Mann doch unaufhörlich unterhalten. Um mich ihr in irgend etwas verbindlich zu machen, zeigte ich ihr Dein Bild – sie bemerkte den Augenblick, daß Du schön voll im Gesicht wärest, und wünschte mir Glück dazu. Als ich mich empfahl, wurde ich zweimal von ihr ganz ordentlich embrassiert.

Aus der Gegend von Polotzk, den 6./18. Juli 1812

Ich bin noch immer im Hauptquartier des Kaisers beim General Phull. Diese Anstellung, die mich vollkommen müßig läßt und auf andere Verhältnisse berechnet war, als sie jetzt stattfinden, hat mir nie recht gefallen und mißfällt mir jetzt noch mehr, denn ich werde vom Kriege kaum etwas gewahr. Noch habe ich keinen Schuß gehört, bedeutende Ereignisse haben auch noch nicht stattgefunden. Die Arrieregarden-Gefechte, die bis jetzt vorgefallen sind, sind im ganzen zu unserem Vorteil gewesen. Man hat bis jetzt einen General und 1000 Mann zu Gefangenen gemacht, welches auf einem Rückzuge viel ist. Ich denke mir, meine Anstellung soll sich durch einen oder den anderen Umstand ändern, sonst würde ich sehr verdrießlich werden. Übrigens ist denn doch am Ende wahr, was ich mir tausendmal gesagt habe und was alle Menschen bestritten, daß man, ohne Russisch zu können, gar keine Brauchbarkeit hat. Hier nützlich zu sein, darf ich also wohl kaum hoffen, und mein ganzes Streben ist nur darauf gerichtet, wenigstens den Krieg selbst zu sehen und dadurch für meine Person zu gewinnen. Dieser Feldzug ist für die Truppen äußerst fatigant, denn selbst hier im Hauptquartiere, wo man doch ohne Vergleich besser daran ist, liegen wir immer in Scheunen und Ställen, und seit drei Wochen habe ich schon das Zeug nicht vom Leibe gehabt.

Unsere Zukunft wollen wir vertrauensvoll dem Schicksale anheimstellen. Bis jetzt ist noch kein großes Unglück geschehen, und manche große Hoffnung ruht noch im Keime; wenn ihr Zeit gegönnt wird, so kann sie sich entwickeln. Für den schlimmsten Fall aber habe ich den Mut noch nicht verloren. In uns ist das Glück fest gegründet, und keine Macht der Welt kann dies ganz zerstören, wenn wir beide gesund bleiben. Mit meiner Aufnahme hier kann ich nicht anders als sehr zufrieden sein; der Kaiser namentlich ist sehr gnädig gegen mich gewesen, und der Großfürst hat mich an der Spitze seiner Kolonne mit einer Auszeichnung behandelt, die weit über mein Verdienst geht. Auf diese prekären Gnadenbezeigungen aber baue ich mein Glück nicht und ich führe es nur an, um zu beweisen, daß manche Befürchtungen und Prophezeiungen unserer fürstlichen Freundinnen nicht begründet waren. Auch über die russischen Großen habe ich mich nicht zu beklagen; nur die jungen Elegants in der Suite des Kaisers sind von einer zurückstoßenden Kälte. Graf Osarafski, Generaladjutant des Kaisers, welcher immer mit uns zusammenwohnt, ist fast die einzige nähere Bekanntschaft, die ich gemacht habe, und er ist sehr gefällig gegen mich. Unseren Freund sehe ich jetzt sehr wenig, da er immer einige Märsche von uns entfernt weiter rückwärts ist; das tut mir in mehr als einer Rücksicht sehr leid. General Barclay de Tolly kommandiert jetzt diese Armee mit mehr Vollmacht als bisher, welches sehr notwendig war. Ich halte ihn für keinen schlechten General. Wir haben seit dieser Veränderung im Kommando das verschanzte Lager von Drissa meistens verlassen, um uns mehr links zu bewegen, welches ich im ganzen für zweckmäßig halte. Ich kann Dir kein klares Bild vom Ganzen geben aus leicht begreiflichen Ursachen. Endlich scheint ein Traktat mit England zustande gekommen zu sein, denn der Admiral Bentink ist mehrere Tage im Hauptquartiere gewesen. Man sagt, er habe von Bernadotte die Mahnung mitgebracht, eine Hauptschlacht zu vermeiden; das würde ein gutes Zeichen sein. Graf Liewen ist in Riga und wird täglich hier erwartet; ich werde mich sehr freuen, ihn hier zu sehen. Gneisenau ist erst vor 10 oder 12 Tagen von Riga abgesegelt, er wird also so bald noch nicht wieder zurück sein können... Zuweilen denke ich mir die ganze Zeit der Abwesenheit von Dir, die ich noch vor mir habe, als eine weite Reise zu Dir zurück, auf der ich mich schon befände, das ist für Herz und Phantasie die angenehmste, trostvollste Vorstellung, die ich mir davon machen kann.

Den 19. Juli

Gr. L. ist angekommen und verspricht, diesen Brief zu besorgen. Meine Anstellung bei General Phull hat aufgehört; meine neue kenne ich zwar noch nicht, doch bin ich überzeugt, daß sie meinen Wünschen angemessener sein wird.

Doroghobusch zw. Smolensk und Moskwa, den 12./24. August 1812

Durch Graf Liewen habe ich den letzten Brief von Dir erhalten, und mein letzter, vor etwa vier Wochen geschrieben, war durch ihn nach Petersburg gegangen. Diesen Brief wirst Du durch eine sichere Gelegenheit, aber wahrscheinlich ziemlich spät erhalten. Meine Lage hat sich seit meinem letzten Briefe zweimal geändert. Nachdem der Kaiser die Armee verlassen hatte, suchte ich eine Anstellung bei der Arrieregarde unter dem Grafen Pahlen nach, der der renommierteste Kavalleriegeneral ist, den wir haben. Bei diesem bin ich drei Wochen gewesen und habe mehrere Gefechte erlebt. Die Anstellung würde mir höchst angenehm gewesen sein, wenn ich Russisch gekonnt hätte; denn der Graf Pahlen ist ein Mann von einer angenehmen Persönlichkeit. Leider sehe ich ein, daß ich mich nicht betrogen habe, daß es beinahe nicht möglich ist, zu irgendeiner nützlichen Verwendung ohne Kenntnis der Sprache zu gelangen. Man ist ein Taubstummer, und wenigstens müßten es die Leute ganz anders anfangen, um uns zu gebrauchen, als hier geschieht. Auf Auszeichnung rechne also nicht im geringsten. Darum ist mein sehnlichster Wunsch nach einer Tätigkeit auf deutschem Boden gerichtet. Leider ist keine Aussicht auf Erfüllung vorhanden, denn die große Landung geht nach – Kopenhagen; man wird diese Dummheit in der Folge schwer bereuen.

Nach drei Wochen wurde der Graf Pahlen krank und sein Korps aufgelöst; ich bin daher seit etwa acht Tagen in das Große Hauptquartier zur Disposition des Generalquartiermeisters zurückgekehrt. Ich bin mit meinen Verhältnissen bis jetzt erträglich zufrieden; ich würde es ganz sein, wenn ich die Sprache wüßte. Dann könnte ich mir angenehmere Verhältnisse verschaffen und gewiß recht angenehme, so aber muß ich mir oft sagen: il faut passer par là... Die kriegerische Lage ist in diesem Augenblicke eigentlich noch nicht schlecht; wenn aber die große Schlacht, welche uns bevorsteht, verlorengehen sollte, so ist es freilich schlimm genug, zumal da von der Landung in Seeland dem Kaiser Napoleon nicht der kleine Finger wehe tun wird. Wir haben jetzt schon eine Menge blutiger Gefechte gehabt, aber noch keine Schlacht. Einige davon sind sehr glücklich für uns gewesen, nämlich auf den Flügeln bei Wittgenstein und bei Tormasoff. Die anderen sind meistens Arrieregardegefechte gewesen, die unseren Truppen sehr viele Ehre machen, aber der Armee eine Menge Menschen kosten und nur passive Vorteile gewähren. In der nächsten Schlacht werden die Kräfte so ziemlich gleich sein, nämlich etwas über 100 000 Mann von jeder Seite. Ich zweifle, daß wir sie gewinnen, aber darum wäre für das Große noch wenig verloren, wenn man sich nur entschließen könnte, zwei Feldzüge auszuharren. Von Gneisenau habe ich noch kein Wort erfahren; er ist seit neun Wochen abgesegelt. Die Beschwerlichkeiten des Feldzuges sind außerordentlich. Seit neun Wochen täglich auf dem Marsch, seit fünf Wochen kein Stück Zeug vom Körper, Hitze, Staub, abscheuliches Wasser und oft sehr empfindlicher Hunger. Ich habe bis jetzt noch alle Nächte unter freiem Himmel zugebracht, wenige ausgenommen, denn die Gegenden sind meistens von allen Einwohnern verlassen und die erbärmlichen Hütten verwüstet. Trotz dieser Fatiguen befinde ich mich wohler als in Berlin. Die Gicht quält mich zuweilen, fast unausgesetzt leide ich an Zahnweh, da ich seit Wilna drei hohle Zähne bekommen habe; dabei gehen mir die Haare aus und – meine Hände, die seit vierzehn Tagen aller Handschuhe entbehren, sehen aus wie gelbes Leder. Du siehst, meine Vorzüge sind alle verschwunden. Dauert der Krieg noch einen Feldzug, so hoffe ich im nächsten brauchbarer zu sein, denn ich werde im Winter Russisch lernen; dann werde ich auch etwas vergnügter sein, denn jetzt, ich muß es Dir nur gestehen, bin ich sehr traurig. Alle die Opfer und Beschwerden ohne eigentliche Tätigkeit, ohne die Befriedigung weder des Ehrgeizes noch des Interesses, für das Vaterland ohne Erfolg, in lauter nachteiligen Verhältnissen ist eine schwere Aufgabe. Indessen habe ich mir das alles zum Teil noch schlimmer gedacht, und ich bin Mann genug, um mit Geduld bessere Zeiten zu erwarten.

Zwischen Moskau und Kaluga, 18./30. September 1812

... Unsere Angelegenheiten stehen im ganzen nicht schlecht; indessen wollen die Leute schon verzweifeln. Die Unternehmungen in Deutschland, auf die ich das Meiste gegeben hätte, scheinen nicht stattzufinden; der günstige Moment, Europa zu retten, geht wieder verloren. – Wir haben eine Schlacht verloren, aber mit Maß; unsere Kräfte ergänzen sich fast täglich, die feindlichen nicht. Schon jetzt sind wir fast überlegen, während der Feind es im Anfange des Feldzuges in hohem Maße war. Dieser Rückzug auf Kaluga macht, daß der Feind Moskau nicht wird behaupten können; überhaupt ist er genötigt, einen Teil der eroberten Provinzen immer wieder fahren zu lassen; ich sehe die Bezwingung Rußlands für eine Unmöglichkeit an; aber ein schlechter Friede wird uns übereilen. Ich habe den Feldzug als Offizier des Generalstabes mitgemacht; er ist für mich nicht ohne Belehrung gewesen, da ich manchen Gefechten beigewohnt habe; mich auszuzeichnen war nicht möglich; denn auf die rücksichtslose Art, wie man uns hier gebraucht, ist es ohne Sprache unmöglich, mehr als das ganz Gemeine zu leisten, und kostet dreifache Anstrengung; die Fatiguen waren ungeheuer, die Unannehmlichkeiten meiner Lage fingen an so groß zu werden, daß ich fast trostlos war, als der erwünschte Befehl des Kaisers kam, nach Riga zu gehen, an meines unvergeßlichen Freundes Tiedemann Stelle, der dort mit Ruhm gestorben ist. Diese Anstellung befreit mich von tausend großen und kleinen Unannehmlichkeiten; ich muß sie wieder als ein Zeichen des Glückes ansehen, das mich durch mein ganzes Leben begleitet hat. Ob ich gleich nichts getan habe, was der Rede wert wäre, so bin ich doch bereits Ritter des Wladimirordens und schon zum zweiten Male in Vorschlag. Man hat keine Idee von dem Ordensunfuge hier. – Der Prinz von Hessen-Philippsthal hat das Bein verloren, lebt aber; Barnekow ist blessiert; Lützow, Chasot, Bose sind gesund.

Petersburg, den 15./27. Oktober 1812

Ich bin in diesem Augenblicke hier, um meine Equipage instandzusehen, um dann nach Riga zu gehen an meines unglücklichen Freundes Tiedemann Stelle. Da der Ort in diesem Jahre wohl nicht mehr belagert wird, so ist meine Tätigkeit für dieses Jahr vielleicht beendet oder wenigstens auf sehr gefahrlose Gegenstände beschränkt, es wäre denn, daß ich zu den Truppen geschickt würde, die den sich zurückziehenden Truppen folgen. Mir war diese Anstellung sehr willkommen, denn meine Lage fing an, sehr unangenehm zu werden; leider hat General Essen seinen Abschied erhalten, und ein anderer ist an seine Stelle getreten, von dem alle Welt so viel Übles sagt, daß ich allerdings auf keine frohe, angenehme Tätigkeit hoffen kann. – Ob ich auf diesem slawischen Boden so weit kommen werde, mich auszuzeichnen, muß ich dahingestellt sein lassen; vielleicht ist die Tätigkeit im deutschen Vaterlande näher, als wir glauben. Die Angelegenheiten stehen in diesem Augenblicke sehr gut; es könnte sehr leicht ein großes Resultat daraus entstehen, und fast ist ein entscheidend unglückliches unmöglich. Indessen wollen wir nicht zu früh triumphieren und immer auf das Unglück gefaßt bleiben. D. und B. haben mir die Nachricht gebracht, daß mir bereits der Prozeß gemacht wird, nämlich auf Vermögenskonfiskation. Daß der König etwas gegen uns tun muß, begreife ich; sollte er aber mich durch seinen Zorn auszeichnen, so würde mich das sehr bitter machen; denn ich habe nie etwas getan, um das zu verdienen. – Für alle Fälle müssen wir uns mit dem Gedanken trösten, selbst in den Augen der Boshaftesten von keinem anderen Interesse geleitet worden zu sein als von dem, was ganz Europa als das seine anerkennt; damit glaube ich unsere Sache vor Gott und der Welt rechtfertigen zu können. Sollten wir die Opfer dieser schweren Zeit werden, so glaube ich, wird es uns leichter werden, ein ehrenvolles Unglück zu tragen, während so viele andere sich in ein schmachvolles fügen. – Jetzt tut man, als wären wir Verräter am Vaterlande. Tritt ein gänzlicher Umschwung der Begebenheiten ein, wie er in Jahr und Tag möglich ist, so wird man wohl von dieser unnatürlichen Ansicht loslassen; ist dies aber nicht, so werden wir vorderhand uns als Verbannte betrachten müssen.

Von Gneisenau haben wir aus England Nachrichten, nach welchen er voll guter Hoffnung ist. Vielleicht bin ich im künftigen Jahre mit ihm vereint. Hier sind jetzt eine Menge ehemaliger Preußen vereint; es tut mir leid, sie zu verlassen und mich wieder in ein Meer von Fremden zu stürzen. Tettenborn ist wohl, befindet sich jetzt beim General Witzingerode, der ein kleines Korps hat. Walmoden wird erwartet, Dörnberg ist auch hier. Der arme Prinz von Hessen hat das Bein über dem Knie verloren und ist noch nicht ganz außer Gefahr.

St. Petersburg, 29. Oktober/10. November 1812

Du weißt, daß ich nach Petersburg gekommen bin, um nach Riga zu gehen und meines unglücklichen Freundes Tiedemann Stelle einzunehmen. Die Veränderung, welche in dem dortigen Generalgouvernement vorgegangen ist, hat mich dringend wünschen lassen, diese Bestimmung geändert zu sehen. Ich habe dem Kaiser dies vorstellen lassen, und er hat versprochen, mir eine andere Bestimmung zu geben, die ich nun erwarte. Mein Wunsch ist, zum Wittgensteinschen Korps zu gehen; in der Folge werde ich in die deutsche Legion eintreten, die hier formiert worden ist und wozu ich bereits notiert worden bin... Ich höre, daß mir bei Euch der Prozeß gemacht wird. Ich habe die einzige Furcht, daß Dir und meinen Brüdern auf die eine oder die andere Art daraus Unannehmlichkeiten entspringen möchten, sonst würde es mir ziemlich gleichgültig sein. Jene Besorgnis aber macht mir Kummer, und wenn ich dabei an die geringe Aussicht zu unserer baldigen Wiedervereinigung denke, so werde ich noch trauriger, und ich muß mir dann oft sagen, daß wir doch einst den Trost haben werden, daß Deutschland unser mit Dankbarkeit gedenken und noch an unseren Gräbern die gute Absicht loben wird, der wir unser Glück und Leben geopfert haben. Sonst bin ich wohl und zufrieden; es ist mir mit meiner Tätigkeit nicht immer gegangen, wie ich es wünschte, aber auch nicht so schlecht, wie man es mir gesagt hatte. So ist es auch mit den allgemeinen Angelegenheiten. Wer hätte es erwartet, daß es am Ende des Jahres 1812 so gut stehen würde, wie es steht!

Soll ich einmal voraussagen, wie es kommen wird? Der Kaiser Napoleon muß seine Invasion aufgeben, um sich 150 Meilen weit durch zerstörte Provinzen mit einer schon jetzt zugrunde gerichteten Armee zurückzuziehen. Alle weiteren Folgerungen übergehe ich, nur wird es allein den Menschen und nicht dem Schicksale zuzuschreiben sein, wenn Europa jetzt nicht gerettet wird. Ob wir noch einmal in dem geretteten Europa eine ehrenvolle Freistätte finden werden, um unser stilles Glück ungestört genießen zu können? Nie ist unser Schicksal so mit den Weltbegebenheiten verflochten gewesen wie in diesem Augenblicke. Wohl mir, wenn ich erst sagen kann: ich werde nicht anders fallen als auf deutscher Erde! Sollten alle Hoffnungen von neuem zertrümmert werden, Europa ganz untergehen, so hoffe ich mich mit der deutschen Legion nach England zu retten.

Tauroggen, 18./30. Dezember 1812

Ich schreibe Dir unter wunderbar, angenehmen Empfindungen von diesem Orte aus, teure Marie, in welchem ich vor neun Monaten Rußland zuerst betrat, aus – dem preußischen Hauptquartier. Du wirst die Umstände, die mich hierhergeführt haben, leicht aus den Nachrichten abnehmen, die Euch zukommen werden. Unter meinen Brüdern, die ich an Leib und Seele wohl gefunden habe und geschätzt und geachtet, mit Orden behangen (doch nicht französischen), verlebe ich heute einen unaussprechlich schönen Tag des Wiedersehens. Morgen trennt uns das Schicksal wieder, aber wir stehen uns jetzt wenigstens nicht mehr gegenüber und, wenn der Monarch will, nicht wieder. Ich habe vier Tage in der schrecklichsten Besorgnis zugebracht; wir hatten den General York abgeschnitten und waren jeden Tag im Begriff, uns mit ihm zu schlagen. Ich bin ganz wohl und stehe bei der Wittgensteinschen Armee. Ich hoffe, in vier oder acht Wochen zur deutschen Legion abgehen zu können, die schon 4000 Mann stark ist. Man sagt mir, Gneisenau ist auf dem Rückwege und wird dann wahrscheinlich an die Spitze der Legion treten, dann bin ich selig!... Ich kann in diesem Augenblicke nicht mehr schreiben, weil die Zeit zu kurz ist. Ich hoffe, bald in Königsberg zu sein.

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