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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 17
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
printrun
editorWalther Malmsten Schering
year1941
correctorreuters@abc.de
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Bekenntnisse

Diese kleine Schrift ist bestimmt, die politische Meinung derjenigen vor den Augen der Welt zu rechtfertigen, welche den Widerstand gegen Frankreich für notwendig hielten, der allgemeinen Meinung weichen mußten und als überspannte Toren oder gefährliche Revolutionäre oder leichtfertige Schwätzer oder eigennützige Intrigants verschrieen wurden.

Wer kann es ihnen verdenken, daß sie in dem Augenblicke, wo sie von dem Schauplatze abtraten, auf welchem sie das Glück ihres Lebens und alle Gegenstände ihrer Anhänglichkeit zurückließen, weil es ihnen unmöglich war, dem Feinde ihres Vaterlandes, den sie aus dem Grunde ihres Herzens verabscheuen, mit Eifer und Hingebung zu dienen – daß sie in diesem Augenblicke sich als Männer ruhiger Überlegung, eines reifen, kalten Urteils zeigen wollten. Ihre Meinung durfte aus Rücksicht für die Regierung nie laut ausgesprochen werden, das Publikum ist davon durch den Druck der äußeren Gewalt ganz abgedrängt worden; man versucht es, sie hier mit der anderen Meinung in gleiche Rechte zu setzen.

Gewiß wird ein König diese Genugtuung denen gönnen, von denen er am besten weiß, daß sie ihm ohne Eigennutz gedient haben, daß in ihrem Herzen seine Sache doch den wärmsten Eifer fand und daß sie auch nicht die unfähigsten seiner Beamten waren.

Wenn Preußen sich Frankreich ganz in die Arme geworfen hat, wenn die Männer, deren Glaubensbekenntnis hier niedergelegt ist, diesem Staate äußerlich nicht mehr angehören (wiewohl ewig im Herzen), so wird diese Schrift erscheinen können, ohne daß die Regierung durch sie kompromittiert werde. Vielleicht wird sie unter diesen Umständen noch imstande sein, in den Köpfen und Herzen der Untertanen einen Funken anzufachen, welcher der Regierung einst heilsam werden könnte:

Erstes Bekenntnis

Es nahet sich der Augenblick eines neuen Krieges im Norden. Vielleicht verzögert sich sein Ausbruch um einige Monate; unmöglich aber ist, womit sich viele schmeicheln, daß sich das Ungewitter ganz zerteile.

Jedermann im Auslande, welcher an dem preußischen Staate Anteil nimmt (und deren gibt es unstreitig viele), ist in einer bangen Erwartung, welches Schicksal denselben in der neuen Katastrophe treffen werde.

Aber nicht bloß das Schicksal dieses Staates, sondern auch seine politische Haltung sind der Gegenstand eines großen und allgemeinen Interesses. Alle werden wünschen, Preußen möge wenigstens, wenn es fallen sollte, mit Ehren gekämpft haben und ruhmvoll untergegangen sein.

An diese teilnehmenden Freunde vorzüglich ist diese kleine Schrift gerichtet, als Bekenntnis einer Privatmeinung, die wenige, aber, doch einige meiner Mitbürger teilen; sodann aber auch an die übrigen meiner Mitbürger selbst, als förmliche Protestation gegen jede Teilnahme an dem, was beschlossen worden und was einst schwer gebüßt und bereuet werden möchte.

Vielleicht regen diese Zeilen noch in mancher Brust ein Gefühl für Pflicht und Ehre an, vielleicht senden sie noch in manchen Kopf einen Strahl, der das gespensterartige Ungetüm der Furcht verscheucht, die Gefahr, welche wirklich da ist, deutlich zeigt und von der trennt, die nicht vorhanden ist.

Preußen hat seit 1794 einen einzigen Kampf bestanden, der bei weitem nicht lange genug gedauert hat, mit viel zu wenig Anstrengung und Stärke des Willens geführt worden ist, um zu einer gänzlichen Verzweiflung zu berechtigen. Vielmehr muß ganz Europa von diesem Staate erwarten, daß er sich noch einmal gegen eine völlige Unterdrückung und Vernichtung erheben und durch einen Kampf auf Leben und Tod Friedrichs Namen sich würdig zeigen werde. Dieser Name Friedrichs des Zweiten, der in dem Munde aller Preußen ist, läßt das ganze Ausland mit Recht erwarten, daß bei uns noch eine achtungswerte Gesinnung zu finden sei; ein Gefühl für Pflicht, Tugend und Ehre, die, weit entfernt, durch den Druck der Zeiten abgestumpft zu sein, vielmehr eine stärkere Federkraft gewonnen haben und uns mit edlem Unwillen erfüllen. In der Tat, von der Ehre viel zu sprechen und vom Ruhme, wenn beide längst erworben und nicht gefährdet sind, ist eine bloße Eitelkeit; und wir hätten dem Auslande die vielen Phrasen ersparen können, womit wir ihm so oft lästig geworden sind. Wie verachtungswert und unwürdig wird diese Phraserei erscheinen, wenn man jetzt sieht, daß wir uns vor der Gefahr verkriechen, unbekümmert um Ehre und Schande!

Unglaublich scheint es, daß gerade diejenigen, welche Zeugen von Friedrichs Taten waren, und andere, die seinen Namen beständig im Munde führen, nur das gut finden, was er getan, und alles verächtlich bespötteln, was nicht in seiner Manier ist; daß diese nichts für das Regentenhaus, nichts für die Ehre des Staates tun, sondern sich der Verachtung preisgeben wollen, unwürdige Nachkommen jenes Heldengeschlechtes, welches unter Friedrich dem preußischen Namen Hochachtung und Teilnahme in der Welt erworben hat.

Es ist nicht meine Absicht, hier ein vollständiges Bild von der öffentlichen Meinung und Stimmung in Preußen zu entwerfen; es fehlt mir dazu selbst an Erfahrung, weil ich hauptsächlich nur die Hauptstadt und die vornehmeren Stände kenne; allein, indem ich mich von einer öffentlichen Meinung feierlich lossage, die mich umgibt, bin ich genötigt, sie in ihren Hauptzügen flüchtig zu berühren. Die Meinung, daß man Frankreich widerstehen könne, ist unter uns fast gänzlich verschwunden. Man glaubt also an die Notwendigkeit einer Allianz ohne Bedingungen, einer Unterwerfung auf Gnade und Ungnade, endlich einer Entsagung auf den Vorzug eines eigenen Fürstenhauses. Man gibt diese Gradation der Übel mit Achselzucken zu und errötet höchstens, indem man die Augen niederschlägt.

Dies ist die allgemeine Stimmung. Einzelne zeichnen sich noch durch die Frechheit aus, mit der sie auf die Sicherheit und den ruhigen Genuß des bürgerlichen Eigentums pochen; auf die Notwendigkeit, diesem alles zu opfern, auch die Rechte des Königs, auch die Ehre des Königs, auch die Sicherheit und Freiheit des Königs!

Dies ist die öffentliche Meinung mit wenig Ausnahmen. Die Art, sie zu bekennen, ihr nachzuleben, unterscheidet die verschiedenen Stände und in den Ständen die Individuen. Die vornehmen Stände sind die Verderbteren; Hof- und Staatsbeamte die Verderbtesten.

Sie wünschen nicht bloß, wie die anderen, Ruhe und Sicherheit, sie sind nicht bloß des Gedankens entwöhnt, unter Gefahren ihre Pflicht zu erfüllen, sondern sie verfolgen auch jeden mit unversöhnlichem Hasse, der nicht verzweifelt. Denn was ist es anders als verzweifeln, wenn man unseren Zustand und einen viel schlimmeren, welcher folgen wird, jedem Widerstande vorzieht?

Wer also nicht verzweifelt an der Erhaltung des Staates auf dem Wege der Pflicht und der Ehre, wer nicht glaubt, daß nur die bedingungsloseste, schändlichste Unterwerfung Pflicht sei, und daß es der Ehre nicht bedürfe, der ist ein Staatsverräter, der darf sicher sein, von jenen pflichtvergessenen Staatsbeamten gehaßt, verfolgt, vor dem Publico verleumdet, vor dem Könige angeklagt und – dem französischen Gesandten verraten zu werden. So sind die wahren Patrioten, die allein es mit dem Könige redlich und gut meinen, in die Acht der öffentlichen Meinung getan und von dem Aberwitze und der Bosheit eigennütziger Weichlinge und Nichtswürdiger als Mitglieder eines gegen den Staat und König gerichteten Bundes angeklagt.

Wer hat nicht von dem bis ins Lächerliche verfolgten Tugendbunde gehört? Diejenigen, welche als das Haupt dieses Bundes, als seine tätigsten Glieder angeklagt werden, wissen kaum, ob und wie diese Gesellschaft vorhanden ist. Die frechsten Lügen gehören dazu, um dies Hirngespinst, womit man den Hof und die Einwohner Berlins unaufhörlich schrecken will, wie das Gespenst eines Geisterbeschwörers in Rauchgestalt erscheinen zu lassen. Aber wenn es darauf ankommt, ein furchtsames Publikum in Schrecken zu setzen, so ist eine solche Täuschung hinreichend.

An das politische Glaubenssystem schließt sich persönlicher Haß, Neid und Verfolgungssucht mit Leichtigkeit an, und die, welche schamlos genug sind, das System der Feigheit öffentlich zu bekennen und die verpesteten Grundsätze desselben täglich zu predigen, konnten sich wohl nicht schämen, das persönliche Verdienst, das Herz und den Charakter derer anzutasten, deren politischen Grundsätzen sie höchstens das Recht hatten, den Krieg zu erklären.

Doch wenden wir den Blick hinweg von diesen traurigen Zeichen der Nationalverderbtheit, die wie Geschwüre äußere Zeichen einer tiefen Krankheit sind, von der das Ganze nur allzu leicht untergraben, vergiftet und aufgelöst werden kann. Alle diejenigen, welche nicht durch die Verderbtheit ihres Herzens und ihrer Grundsätze zu einem solchen Bekenntnisse der Furcht und der Mutlosigkeit gekommen sind, wie es an der Tagesordnung ist, sind nicht auf immer verloren, sondern könnten und würden sich zu einem besseren Dasein erheben, wenn ihnen dazu die Hand gereicht würde.

Man kann es bei aller Anhänglichkeit an die Regierung sich nicht verhehlen, daß vorzüglich der Mangel an Vertrauen zu ihr die Quelle der allgemeinen Mutlosigkeit ist. Ebensowenig Vertrauen hat die Regierung gegen die Untertanen, ja sogar gegen sich selbst. Dieser gänzliche Mangel an Vertrauen auf sich und andere ist die allgemeine Ursache unserer öffentlichen Meinung; das beständige Einwirken der Weichlinge, Lasterhaften und Pflichtvergessenen auf diese Meinung ist die Ursache der öffentlichen Meinung.

Von dieser Meinung und Stimmung, womit man sich bei uns schmückt, als sei sie aus dem reinen Gefühle für das Wohl aller entsprungen oder eins mit demselben, sage ich mich feierlich los;

Ich sage mich los:

  • von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalls;
  • von der dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen will;
  • von der kindischen Hoffnung, den Zorn eines Tyrannen durch freiwillige Entwaffnung zu beschwören, durch niedrige Untertänigkeit und Schmeichelei sein Vertrauen zu gewinnen;
  • von der falschen Resignation eines unterdrückten Geistesvermögens;
  • von dem unvernünftigen Mißtrauen in die uns von Gott gegebenen Kräfte;
  • von der sündhaften Vergessenheit aller Pflichten für das allgemeine Beste;
  • von der schamlosen Aufopferung aller Ehre des Staates und Volkes, aller persönlichen und Menschenwürde.
  • Ich glaube und bekenne, daß ein Volk nichts höher zu achten hat, als die Würde und Freiheit seines Daseins;
  • daß es diese mit dem letzten Blutstropfen verteidigen soll;
  • daß es keine heiligere Pflicht zu erfüllen, keinem höheren Gesetze zu gehorchen hat;
  • daß der Schandfleck einer feigen Unterwerfung nie zu verwischen ist;
  • daß dieser Gifttropfen in dem Blute eines Volkes in die Nachkommenschaft übergeht und die Kraft später Geschlechter lähmen und untergraben wird;
  • daß man die Ehre nur einmal verlieren kann;
  • daß die Ehre des Königs und der Regierung eins ist mit der Ehre des Volkes und das einzige Palladium seines Wohles;
  • daß ein Volk unter den meisten Verhältnissen unüberwindlich ist in dem großmütigen Kampfe um seine Freiheit;
  • daß selbst der Untergang dieser Freiheit nach einem blutigen und ehrenvollen Kampfe die Wiedergeburt des Volkes sichert und der Kern des Lebens ist, aus dem einst ein neuer Baum die sichere Wurzel schlägt.

    Ich erkläre und beteure der Welt und Nachwelt, daß ich die falsche Klugheit, die sich der Gefahr entziehen will, für das Verderblichste halte, was Furcht und Angst einflößen können, daß ich die wildeste Verzweiflung für weiser halten würde, wenn es uns durchaus versagt wäre, mit einem männlichen Mute, d. h. mit ruhigem aber festem Entschlüsse und klarem Bewußtsein der Gefahr zu begegnen;
  • daß ich die warnenden Begebenheiten alter und neuer Zeit, die weisen Lehren ganzer Jahrhunderte, die edlen Beispiele berühmter Völker nicht in dem Taumel der Angst unserer Tage vergesse und die Weltgeschichte hingebe für das Blatt einer lügenhaften Zeitung;
  • daß ich mich rein fühle von jeder Selbstsucht, daß ich jeden Gedanken und jedes Gefühl in mir vor allen meinen Mitbürgern mit offener Stirne bekennen darf, daß ich mich nur zu glücklich fühlen würde, einst in dem herrlichen Kampfe um Freiheit und Würde des Vaterlandes einen glorreichen Untergang zu finden!

    Verdient dieser Glaube in mir und in den mir Gleichgesinnten die Verachtung und den Hohn unserer Mitbürger?

    Die Nachwelt entscheide hierüber!

Auf dem heiligen Altare der Geschichte lege ich dieses leichte Blatt nieder, in dem festen Vertrauen, daß, wenn der Sturm der Zeit es hinweggeweht, einst ein würdiger Priester dieses Tempels es sorgfältig aufheben und in das Jahrbuch des vielbewegten Völkerlebens einheften werde. Dann wird die Nachwelt richten und von dem Verdammungsurteile die ausnehmen, welche dem Strome der Verderbtheit mutig entgegengerungen und das Gefühl der Pflicht treu wie einen Gott im Busen bewahrt haben.

*

»Gewiß, ich kenne den Wert der Ruhe, die Annehmlichkeit der Gesellschaft, die Freuden des Lebens; auch ich wünsche glücklich zu sein, wie irgend jemand. So sehr ich aber diese Güter begehre, so wenig mag ich sie durch Niederträchtigkeit und Ehrlosigkeit erkaufen. Die Philosophie lehrt uns, unsere Pflicht zu tun, unserem Vaterlande selbst mit unserem Blute treu zu dienen, ihm unsere Ruhe, ja unser ganzes Dasein aufzuopfern.«

Friedrich der Zweite in seinen hinterlassenen Werken.

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