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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 16
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typemisc
authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
printrun
editorWalther Malmsten Schering
year1941
correctorreuters@abc.de
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Die wichtigsten Grundsätze des Kriegführens, zur Ergänzung meines Unterrichts bei Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen

Diese Grundsätze, obgleich das Resultat längeren Nachdenkens und eines fortgesetzten Studiums der Kriegsgeschichte, sind gleichwohl nur ganz flüchtig aufgesetzt und dulden in Rücksicht auf ihre Form durchaus keine strenge Kritik. Übrigens sind von den zahlreichen Gegenständen nur die wichtigsten herausgehoben, weil es wesentlich auf eine gewisse Kürze ankam. Es können daher diese Grundsätze Ew. Königlichen Hoheit nicht sowohl eine vollständige Belehrung gewähren, als sie vielmehr Veranlassung zu eigenem Nachdenken werden und bei diesem Nachdenken zum Leitfaden dienen sollen.

Grundsätze für den Krieg überhaupt

1. Die Theorie des Krieges beschäftigt sich zwar vorzüglich damit, wie man auf den entscheidenden Punkten ein Übergewicht von physischen Kräften und Vorteilen erhalten könne, allein wenn dieses nicht möglich ist, so lehrt die Theorie auch auf die moralischen Größen rechnen: auf die wahrscheinlichen Fehler des Feindes, auf den Eindruck, welchen ein kühnes Unternehmen macht usw., ja auf unsere eigene Verzweiflung. Dieses alles liegt gar nicht außer dem Gebiete der Kriegskunst und ihrer Theorie, denn diese ist nichts als ein vernünftiges Nachdenken über alle Lagen, in welche man im Kriege kommen kann. Die gefährlichsten dieser Lagen muß man sich am häufigsten denken und am besten darüber mit sich einig werden. Das führt zu heroischen Entschlüssen aus Gründen der Vernunft. Wer Ew. Königlichen Hoheit die Sache je anders vorstellt, ist ein Pedant, der Ihnen durch seine Ansichten nur schädlich werden kann. Sie werden in großen Momenten des Lebens, im Getümmel der Schlacht, einst deutlich fühlen, daß nur eine solche Ansicht da aushelfen kann, wo Hilfe am nötigsten ist und wo eine trockene Zahlenpedanterie uns im Stiche läßt. 2. Natürlich sucht man im Kriege immer die Wahrscheinlichkeit des Erfolges auf seine Seite zu bekommen, sei es, indem man auf physische oder auf moralische Vorteile zählt. Allein dieses ist nicht immer möglich; man muß oft etwas gegen die Wahrscheinlichkeit des Gelingens unternehmen, wenn man nämlich nichts Besseres tun kann. Wollten wir hier verzweifeln, so hörte unsere vernünftige Überlegung gerade da auf, wo sie am notwendigsten wird, da, wo sich alles gegen uns verschworen zu haben scheint.

Wenn man also auch die Wahrscheinlichkeit des Erfolges gegen sich hat, so muß man das Unternehmen darum nicht für unmöglich oder unvernünftig halten; vernünftig ist es immer, wenn wir nichts Besseres zu tun wissen und bei den wenigen Mitteln, die wir haben, alles so gut als möglich einrichten. Damit es in einem solchen Falle nicht an Ruhe und Festigkeit fehle, die im Kriege immer am ersten in Gefahr kommen und die in einer solchen Lage so schwer zu bewahren sind, ohne welche man aber mit den glänzendsten Eigenschaften des Geistes nichts leistet, muß man sich mit dem Gedanken eines ehrenvollen Unterganges vertraut machen, ihn immerfort bei sich nähren, sich ganz daran gewöhnen. Seien Sie überzeugt, gnädigster Herr, daß ohne diesen festen Entschluß sich im glücklichsten Kriege nichts Großes leisten läßt, geschweige denn im unglücklichen.

Friedrich II. hat dieser Gedanke gewiß während seiner ersten schlesischen Kriege oft beschäftigt; weil er vertraut damit war, unternahm er an jenem denkwürdigen 5. Dezember den Angriff bei Leuthen, nicht weil er herausgerechnet hatte, daß er mit der schiefen Schlachtordnung die Österreicher höchstwahrscheinlich schlagen würde.

3. Bei allen Operationen, welche Sie in einem bestimmten Falle wählen, bei allen Maßregeln, die Sie ergreifen können, bleibt Ihnen immer die Wahl zwischen der kühnsten und der vorsichtigsten. Einige Leute meinen, die Theorie rate immer das Vorsichtigste. Das ist falsch. Wenn die Theorie Rat erteilt, so liegt es in der Natur des Krieges, daß sie das Entscheidendste, also das Kühnste raten wird; aber sie überläßt es dem Feldherrn, nach dem Maßstabe seines eigenen Mutes, seines Unternehmungsgeistes, seines Selbstvertrauens zu wählen. Wählen Sie also nach dem Maße dieser inneren Kraft, aber vergessen Sie nicht, daß kein Feldherr groß geworden ist ohne Kühnheit.

Strategie

Sie ist die Verbindung der einzelnen Gefechte, aus denen der Krieg besteht, zum Zweck des Feldzuges und des Krieges. Weiß man zu fechten, weiß man zu siegen, so ist wenig mehr übrig; denn glückliche Erfolge zu verbinden ist leicht, weil es lediglich Sache geübter Urteilskraft ist und nicht mehr wie die Leitung des Gefechtes auf besonderem Wissen beruht.

Die wenigen Grundsätze, welche hier vorkommen und vorzüglich auf der Verfassung der Staaten und Armeen beruhen, werden sich daher im wesentlichen sehr kurz zusammenfassen lassen.

I. Allgemeine Grundsätze
  1. Es gibt beim Kriegführen drei Hauptzwecke:
    a) die feindliche bewaffnete Macht zu besiegen und aufzureiben;
    b) sich in Besitz der toten Streitkräfte und der andern Quellen der feindlichen Armee zu setzen, und
    c) die öffentliche Meinung zu gewinnen.
  2. Um den ersten Zweck zu erreichen, richtet man seine Hauptoperation immer gegen die feindliche Hauptarmee oder doch gegen einen sehr bedeutenden Teil der feindlichen Macht; denn nur wenn man diese geschlagen hat, kann man den beiden andern Zwecken mit Erfolg nachgehen.
  3. Um die feindlichen toten Kräfte zu erobern, richtet man seine Operationen gegen diejenigen Punkte, auf welchen diese Kräfte am meisten konzentriert sind: Hauptstädte, Niederlagen, große Festungen. Auf dem Wege zu ihnen wird man die feindliche Hauptmacht oder einen beträchtlichen Teil der feindlichen Armee antreffen.
  4. Die öffentliche Meinung endlich gewinnt man durch große Siege und durch den Besitz der Hauptstadt.
  5. Der erste und wichtigste Grundsatz, den man zur Erreichung jener Zwecke sich vorsetzen muß, ist der: alle Kräfte, die uns gegeben sind, mit der höchsten Anstrengung aufzubieten. Jede Mäßigung, welche man hierin zeigt, ist ein Zurückbleiben hinter dem Ziele. Wäre auch der Erfolg an sich ziemlich wahrscheinlich, so ist es doch höchst unweise, nicht die höchste Anstrengung anzuwenden, um seiner ganz gewiß zu werden; denn diese Anstrengung kann nie einen nachteiligen Erfolg haben. Gesetzt, das Land würde dadurch noch so sehr gedrückt, so entsteht daraus kein Nachteil, denn der Druck wird um so schneller aufhören.
  6. Von unendlichem Werte ist der moralische Eindruck, den kräftige Anstalten hervorbringen; jeder ist von dem Erfolge überzeugt: dies ist das beste Mittel, den Geist der Nation zu heben.
  7. Der zweite Grundsatz ist: seine Macht da, wo die Hauptschläge geschehen sollen, soviel als immer möglich zu konzentrieren, sich auf andern Punkten Nachteilen auszusetzen, um auf dem Hauptpunkte des Erfolges um so gewisser zu sein. Dieser Erfolg hebt alle andern Nachteile wieder auf.
  8. Der dritte Grundsatz ist: keine Zeit zu verlieren. Wenn uns nicht aus dem Zögern besonders wichtige Vorteile entspringen, so ist es wichtig, so schnell als möglich ans Werk zu gehen. Durch die Schnelligkeit werden viele Maßregeln des Feindes im Keime erstickt und die öffentliche Meinung wird am ersten für uns gewonnen.
  9. Die Überraschung spielt in der Strategie eine viel wichtigere Rolle als in der Taktik; sie ist das wirksamste Prinzip zum Siege. Alexander, Hannibal, Cäsar, Gustav Adolf, Friedrich II., Napoleon verdanken ihrer Schnelligkeit die schönsten Strahlen ihres Ruhmes.
  10. Endlich ist der vierte Grundsatz: die Erfolge, welche wir erringen, mit der höchsten Energie zu benützen.
  11. Das Verfolgen des geschlagenen Feindes verschafft allein die Früchte des Sieges.
  12. Der erste dieser Grundsätze ist die Grundlage der drei andern. Man kann bei ihnen das Höchste wagen, ohne alles auf das Spiel zu sehen, wenn man den ersten Grundsatz befolgt hat. Er gibt das Mittel, immer neue Kräfte hinter uns zu bilden, und mit neuen Kräften macht man jeden Unglücksfall wieder gut.
  13. Hierin liegt diejenige Vorsicht, welche man weise nennen kann, nicht darin, daß man furchtsamen Schrittes vorwärtsschreitet.
  14. Kleine Staaten können in der jetzigen Zeit keine Eroberungskriege führen, aber für den Verteidigungskrieg sind auch ihre Mittel sehr groß. Darum bin ich fest überzeugt: wer alle seine Kräfte aufbietet, um mit immer neuen Massen aufzutreten, wer alle ersinnlichen Mittel der Vorbereitung trifft, wer seine Kräfte auf dem Hauptpunkte zusammenhält, wer so ausgerüstet mit Entschlossenheit und Energie einen großen Zweck verfolgt, der hat alles getan, was sich im großen für die strategische Leitung des Krieges tun läßt, und wird, wenn er dabei nicht ganz unglücklich im Gefechte ist, unausbleiblich in dem Maße siegreich sein, als sein Gegner hinter dieser Anstrengung und Energie zurückbleibt.
  15. Bei diesen Grundsätzen kommt am Ende auf die Form, in welcher die Operationen geführt werden, wenig an. Indessen will ich versuchen, das Wichtigste davon mit wenigen Worten klarzumachen.

Über die Befolgung der gegebenen Grundsätze im Kriege

Die Grundsätze der Kriegskunst sind an sich höchst einfach, liegen dem gesunden Menschenverstande ganz nahe, und wenn sie in der Taktik etwas mehr als in der Strategie auf einem besonderen Wissen beruhen, so ist doch auch dies Wissen von so geringem Umfange, daß es sich kaum mit einer andern Wissenschaft an Mannigfaltigkeit und Ausdehnung vergleichen läßt. Gelehrsamkeit und tiefe Wissenschaft sind also hier durchaus nicht erforderlich, selbst nicht einmal große Eigenschaften des Verstandes. Würde außer einer geübten Urteilskraft eine besondere Eigenschaft des Verstandes erfordert, so geht aus allem hervor, daß es List oder Schlauheit wäre. Es ist lange Zeit gerade das Gegenteil behauptet worden, aber nur aus einer falschen Ehrfurcht für die Sache und aus Eitelkeit der Schriftsteller, die darüber geschrieben haben. Ein vorurteilsloses Nachdenken muß uns davon überzeugen; die Erfahrung aber hat uns diese Überzeugung noch stärker aufgedrängt. Noch in dem Revolutionskriege haben sich gar viele Leute als geschickte Feldherren, oft als Feldherren der ersten Größe gezeigt, die keine militärische Bildung genossen hatten. Von Condé, Wallenstein, Suwarow und vielen andern ist es wenigstens sehr zweifelhaft.

Das Kriegführen selbst ist sehr schwer, das leidet keinen Zweifel; allein die Schwierigkeit liegt nicht darin, daß besondere Gelehrsamkeit oder großes Genie erfordert würde, die wahren Grundsätze des Kriegführens einzusehen; dies vermag jeder gut organisierte Kopf, der ohne Vorurteil und mit der Sache nicht durchaus unbekannt ist. Sogar die Anwendung dieser Grundsätze auf der Karte und dem Papier hat keine Schwierigkeit, und einen guten Operationsplan entworfen zu haben, ist noch kein großes Meisterstück. Die ganze Schwierigkeit besteht darin: den Grundsätzen, welche man sich gemacht hat, in der Ausführung treu zu bleiben.

Auf diese Schwierigkeit aufmerksam zu machen ist der Zweck dieser Schlußbemerkung, und Ew. Königlichen Hoheit davon ein deutliches, klares Bild zu geben, sehe ich als das Wichtigste von allem an, was ich durch diesen Aufsatz habe erreichen wollen.

Das ganze Kriegführen gleicht der Wirkung einer zusammengesetzten Maschine mit ungeheurer Friktion, so daß Kombinationen, die man mit Leichtigkeit auf dem Papier entwirft, sich nur mit großen Anstrengungen ausführen lassen.

So sieht sich der freie Wille, der Geist des Feldherrn in seinen Bewegungen alle Augenblicke gehemmt, und es wird eine eigene Kraft der Seele und des Verstandes erfordert, um diesen Widerstand zu überwinden. In dieser Friktion geht mancher gute Gedanke zugrunde, und man muß einfacher und schlichter einrichten, was kombinierter eine größere Wirkung getan hätte.

Die Ursachen dieser Friktion erschöpfend aufzuzählen, ist vielleicht nicht möglich, aber die hauptsächlichsten sind folgende:

  1. Man weiß stets viel weniger von dem Stande und den Maßregeln des Feindes, als man bei den Entwürfen vorausgesetzt; unzählige Zweifel entstehen dann in dem Augenblick der Ausführung eines Entschlusses, veranlaßt durch die Gefahren, denen man ausgesetzt, wenn man sich in der gemachten Voraussetzung sehr betrogen hätte. Ein Gefühl der Ängstlichkeit, das überhaupt den Menschen bei der Ausführung großer Dinge leicht ergreift, bemächtigt sich dann unser, und von dieser Ängstlichkeit zur Unentschlossenheit, von dieser zu halben Maßregeln ist ein kleiner, unmerklicher Schritt.
  2. Nicht allein ungewiß über die Stärke des Feindes ist man, sondern das Gerücht (alle Nachrichten, die wir durch Vorposten, durch Spione oder zufällig über ihn erhalten) vergrößert seine Zahl. Der große Haufen der Menschen ist furchtsamer Natur, und daher entsteht ein regelmäßiges Übertreiben der Gefahr. Alle Einwirkungen auf den Feldherrn vereinigen sich also darin, ihm eine falsche Vorstellung von der Stärke des Feindes, welchen er vor sich hat, zu geben; und hierin liegt ein neuer Quell der Unentschlossenheit. Man kann sich diese Ungewißheit nicht groß genug denken, es ist daher wichtig, sich von Hause aus darauf vorzubereiten.

    Hat man alles vorher ruhig überlegt, hat man den wahrscheinlichsten Fall ohne Vorurteil gesucht und gefunden, so muß man nicht gleich bereit sein, die frühere Meinung aufzugeben, sondern die Nachrichten, welche einlaufen, einer gewissen Kritik unterwerfen, mehrere miteinander vergleichen, nach neuen ausschicken usw. Sehr häufig widerlegen sich dadurch die falschen Nachrichten auf der Stelle, oft werden sich die ersten bestätigen; in beiden Fällen wird man also Gewißheit erhalten und danach seinen Entschluß fassen können. Fehlt es an dieser Gewißheit, so muß man sich sagen, daß im Kriege nichts ohne Wagen ausgeführt werden kann; daß die Natur des Krieges durchaus nicht erlaubt, jederzeit zu sehen, wo man hinschreitet; daß das Wahrscheinliche doch immer wahrscheinlich bleibt, wenn es auch nicht gleich sinnlich in die Augen fällt; und daß man bei sonst vernünftigen Einrichtungen selbst durch einen Irrtum nicht gleich zugrunde gerichtet werden kann.
  3. Die Ungewißheit über den jedesmaligen Zustand der Dinge betrifft nicht bloß den Feind, sondern auch die eigene Armee. Diese kann selten so zusammengehalten werden, daß man in jedem Augenblick alle Teile derselben klar überschaut. Ist man nun zur Ängstlichkeit geneigt, so werden neue Zweifel entstehen. Man will abwarten, und ein Aufenthalt in der Wirkung des Ganzen ist die unvermeidliche Folge.

    Man muß also das Vertrauen zu seinen eigenen allgemeinen Einrichtungen haben, daß sie der erwarteten Wirkung entsprechen werden. Vorzüglich gehört hierher das Vertrauen zu seinen Unterfeldherren; durchaus muß man also Leute dazu wählen, auf die man sich verlassen kann, und jede andere Rücksicht dieser nachsetzen. Hat man seine Einrichtungen zweckmäßig getroffen, hat man dabei auf die möglichen Unglücksfälle Rücksicht genommen und sich also so eingerichtet, daß man, wenn sie während der Ausführung eintreten, nicht gleich zugrunde gerichtet wird, so muß man mutig durch die Nacht der Ungewißheit fortschreiten.
  4. Will man den Krieg mit großer Anstrengung der Kräfte führen, so werden die Unterbefehlshaber und auch die Truppen (besonders wenn diese nicht kriegsgewohnt sind) oft Schwierigkeiten begegnen, die sie als unüberwindlich darstellen. Sie werden den Marsch zu weit, die Anstrengung zu groß, die Verpflegung unmöglich finden. Will man allen diesen Diffikultäten, wie Friedrich II. sie nannte, Gehör geben, so wird man bald ganz unterliegen und, anstatt mit Kraft und Energie zu handeln, schwach und untätig sein.

    Dem allen zu widerstehen, ist ein Vertrauen in die eigene Einsicht und Überzeugung erforderlich, welches in dem Augenblicke gewöhnlich das Ansehen des Eigensinns hat, aber diejenige Kraft des Verstandes und Charakters ist, die wir Festigkeit nennen.
  5. Alle Wirkungen, auf welche man im Kriege rechnet, finden nie so präzis statt, wie der sie sich denkt, welcher den Krieg nicht selbst mit Aufmerksamkeit beobachtet hat und daran gewöhnt ist.

    Oft irrt man sich in dem Marsche einer Kolonne um viele Stunden, ohne daß man sagen könnte, woran der Aufenthalt gelegen; oft treten Hindernisse ein, die sich nicht vorher berechnen ließen; oft denkt man, mit der Armee bis zu einem Punkte zu kommen, und muß mehrere Stunden vorher haltmachen; oft leistet ein Posten, den wir ausgestellt, viel weniger, als wir erwarten konnten, ein feindlicher hingegen viel mehr; oft reichen die Kräfte einer Provinz nicht so weit, als wir glaubten, usw.

    Aller solcher Aufenthalt ist nicht anders als durch sehr große Anstrengungen gutzumachen, die der Feldherr nur durch eine Strenge erhalten wird, die an Härte grenzt. Nur dadurch, nur wenn er gewiß ist, daß das mögliche immer geleistet wird, darf er sicher sein, daß diese kleinen Schwierigkeiten nicht einen großen Einfluß auf die Operationen gewinnen, daß er nicht zu weit hinter einem Ziele zurückbleibt, welches er hätte erreichen können.
  6. Man darf als sicher annehmen, daß nie eine Armee sich in dem Zustande befindet, worin der, welcher in der Stube ihren Operationen folgt, sie voraussetzt. Ist er für diese Armee gestimmt, so wird er sie um ein Drittel bis zur Hälfte stärker und besser voraussetzen, als sie ist. Es ist ziemlich natürlich, daß sich der Feldherr beim ersten Entwurf seiner Operationen in demselben Falle befindet, daß er seine Armee in der Folge zusammenschmelzen sieht, wie er es sich nicht gedacht hat, seine Kavallerie und Artillerie unbrauchbar werden usw. Was also dem Beobachter und dem Feldherrn bei der Eröffnung des Feldzuges möglich und leicht scheint, wird in der Ausführung oft schwer und unmöglich. Ist nun der Feldherr ein Mann, der mit Kühnheit und Stärke des Willens von einem hohen Ehrgeiz getrieben, seine Zwecke dennoch verfolgt, so wird er sie erreichen, während ein gewöhnlicher Mensch in dem Zustande der Armee hinreichende Entschuldigung zu finden glaubt, um nachzulassen.

    Massena zeigte in Genua und Portugal, welchen Einfluß die Willenskraft des Feldherrn auf seine Truppen hat; dort waren die außerordentlichen Anstrengungen, zu welchen die Stärke seines Charakters, man kann sagen, seine Härte, die Menschen trieb, mit Erfolg gekrönt; hier in Portugal ist er wenigstens viel später gewichen als ein anderer.

    In den meisten Fällen befindet sich die feindliche Armee in einem ähnlichen Zustande; man denke an Wallenstein und Gustav Adolf bei Nürnberg, an Napoleon und Bennigsen nach der Schlacht bei Eylau. Den Zustand des Feindes sieht man nicht, den eigenen hat man vor Augen; daher wirkt der letztere auf gewöhnliche Menschen stärker als der erstere, weil bei gewöhnlichen Menschen die sinnlichen Eindrücke stärker sind als die Sprache des Verstandes.
  7. Die Verpflegung der Truppen bietet, wie sie auch geschehen möge (durch Magazine oder Requisitionen), immer solche Schwierigkeiten, daß sie eine sehr entscheidende Stimme bei der Wahl der Maßregeln hat. Sie ist oft der wirksamsten Kombination entgegen und nötigt, der Nahrung nachzugehen, wo man dem Siege, dem glänzenden Erfolge nachgehen möchte. Durch sie vorzüglich bekommt die ganze Maschine die Schwerfälligkeit, durch welche ihre Wirkungen so weit hinter dem Fluge großer Entwürfe zurückbleiben.
    Ein General, der von seinen Truppen die äußersten Anstrengungen, die höchsten Entbehrungen mit tyrannischer Gewalt fordert, eine Armee, die in langen Kriegen an diese Opfer gewöhnt ist – wie viel werden sie vor ihren Gegnern voraus haben, wie viel schneller werden sie trotz aller Hindernisse ihr Ziel verfolgen! Bei gleich guten Entwürfen wie verschieden der Erfolg!
  8. Überhaupt und für alle diese Fälle kann man folgende Bemerkung nicht scharf genug ins Auge fassen.

Die sinnlich anschaulichen Vorstellungen, welche man in der Ausführung erhält, sind lebendiger als die, welche man sich früher durch reife Überlegung verschafft hat. Sie sind aber nur der erste Anschein der Dinge, und dieser trifft, wie wir wissen, selten mit dem Wesen genau zusammen. Man ist also in Gefahr, die reife Überlegung dem ersten Anschein aufzuopfern.

Daß dieser erste Anschein in der Regel zur Furcht und übergroßen Vorsicht hinwirkt, liegt in der natürlichen Furchtsamkeit des Menschen, die alles einseitig ansieht.

Dagegen muß man sich also waffnen, muß ein blindes Vertrauen in die Resultate seiner eigenen früheren reifen Überlegung setzen, um sich dadurch gegen die schwächenden Eindrücke des Augenblicks zu stärken.

*

Bei dieser Schwierigkeit der Ausführung kommt es also auf die Sicherheit und Festigkeit der eigenen Überzeugung an. Darum ist das Studium der Kriegsgeschichte so wichtig, weil man dadurch gewissermaßen die Dinge selbst kennenlernt, den Hergang selbst sieht. Die Grundsätze, welche man durch einen theoretischen Unterricht erhalten kann, sind nur geeignet, dies Studium zu erleichtern und auf das Wichtigste in der Kriegsgeschichte aufmerksam zu machen.

Ew. Königliche Hoheit müssen sich also mit diesen Grundsätzen in der Absicht bekannt machen, sie beim Lesen der Kriegsgeschichte zu prüfen, zu sehen, wo sie mit dem Hergange der Dinge übereinstimmen und wo sie von demselben berichtigt oder gar widerlegt werden.

Nächstdem ist aber das Studium der Kriegsgeschichte beim Mangel eigener Erfahrungen allein geeignet, eine anschauliche Vorstellung von dem zu geben, was wir die Friktion der ganzen Maschine genannt haben.

Freilich muß man nicht bei den Hauptresultaten stehenbleiben, noch weniger sich an das Räsonnement der Geschichtsschreiber halten, sondern soviel als möglich ins Detail gehen. Denn die Geschichtsschreiber haben selten die höchste Wahrheit in der Darstellung zum Zweck; gewöhnlich wollen sie die Taten ihrer Armee verschönern oder auch die Übereinstimmung der Ereignisse mit den vermeintlichen Regeln beweisen. Sie machen die Geschichte, anstatt sie zu schreiben. Viel Geschichte ist für den obengenannten Zweck nicht nötig. Die detaillierte Kenntnis von ein paar einzelnen Gefechten ist nützlicher als die allgemeine Kenntnis vieler Feldzüge. Es ist deshalb nützlicher, mehr einzelne Relationen und Tagebücher zu lesen, wie man sie in den Zeitschriften findet, als eigentliche Geschichtsbücher. Ein Muster einer solchen Relation, das nicht übertroffen werden kann, ist die Beschreibung der Verteidigung von Menin im Jahre 1794 in den Denkwürdigkeiten des Generals von Scharnhorst. Diese Erzählung, besonders die Erzählung des Ausfalles und des Durchschlagens der Besatzung, wird Ew. Königlichen Hoheit einen Maßstab an die Hand geben, wie man Kriegsgeschichte schreiben muß.

Kein Gefecht in der Welt hat mir so wie dieses die Überzeugung gegeben, daß man im Kriege bis zum letzten Augenblick nicht an dem Erfolge verzweifeln muß und daß die Wirkung guter Grundsätze, die überhaupt nie so regelmäßig vor sich gehen kann, wie man es sich denkt, auch in den unglücklichsten Fällen, wenn man ihren Einfluß schon ganz verloren glaubt, unerwartet wieder zum Vorschein kommt.

Irgend ein großes Gefühl muß die großen Kräfte des Feldherrn beleben, sei es der Ehrgeiz wie in Cäsar, der Haß des Feindes wie in Hannibal, der Stolz eines glorreichen Unterganges wie in Friedrich dem Großen.

Öffnen Sie Ihr Herz einer solchen Empfindung! Seien Sie kühn und verschlagen in Ihren Entwürfen, fest und beharrlich in der Ausführung, entschlossen, einen glorreichen Untergang zu finden, und das Schicksal wird die Strahlenkrone auf Ihr jugendliches Haupt drücken, die eine Zierde des Fürsten ist, deren Licht das Bild Ihrer Züge in die Brust der spätesten Enkel tragen wird!

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