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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 15
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
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editorWalther Malmsten Schering
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Aus Briefen 1808 – 1809

Königsberg, April 1808

Ich würde in Verlegenheit sein, wenn ich Dir in wenig großen Zügen ein Bild von meiner Gemütsstimmung geben sollte. Wie eine Farbenpalette sieht es in mir aus, bunt, ohne Bedeutung, ohne herrschenden Gedanken. Nur dessen bin ich mir recht deutlich bewußt, daß ich Dich unaussprechlich liebe und ewig lieben werde. Das und das Glück, wieder geliebt zu werden, ist am Ende das einzige, in dessen gesichertem Besitze ich mich fühle und wovon ich eine recht deutliche Vorstellung habe. Alles übrige scheint mehr oder weniger vom Würfelspiele des Zufalls abzuhängen.

Über die allgemeinen Verhältnisse werde ich Dir, was zu sagen ist, mündlich sagen, über die meinigen insbesondere weiß ich auch noch nicht viel mitzuteilen, doch kann ich Dich nicht ganz ohne Nachricht darüber lassen.

Ich habe Scharnhorst gesehen; er hat mich sehr freundschaftlich aufgenommen, und ich habe zwischen drei und vier Stunden bei ihm zugebracht. Er hat mir in dieser ersten Unterredung so viele Dinge zu erzählen gehabt, die unsere Ereignisse, die gegenwärtige Lage, die Zukunft betreffen, so viel über seine persönlichen Verhältnisse der vergangenen und der gegenwärtigen Zeit, daß ich noch bei weitem nicht alles weiß, was mich interessierte, und daß ich ihm noch manche Stunde besonders über seine persönlichen Verhältnisse mit großem Vergnügen zuhören würde. Du kannst Dir also vorstellen, daß noch gar nicht Zeit gewesen ist, mit ihm von meiner eigenen Lage zu sprechen, wobei ich um so mehr verhüten werde, Eilfertigkeit zu zeigen, als ich, bei seinen sosehr beruhigenden freundschaftlichen Zusicherungen, ohne sehr viel Eigennutz zu verraten, nicht gut Besorgnisse äußern kann. Ich denke, das nächste Mal, da ich ihn sehen werde, wird sich wohl die Gelegenheit finden, um soviel zu erfahren, als mir taugt. Der König ist sehr gnädig gegen mich gewesen, d. h. er hat zwei oder drei Worte mit mir gesprochen. Übrigens war es eine sehr unzeitige Besorgnis, wenn ich glaubte, man würde mir aus einer Art von Schlendrian den Orden geben oder gar zum wirklichen Kapitän mich machen. An Schlendrian, glaube ich, fehlt es auch jetzt noch nicht, aber unglücklicherweise schließt er mich nicht in seinen Zauberkreis ein; oder vielmehr glücklicherweise, denn das wäre ein halber Schritt, und den mag ich nicht tun.

Den 25. April

Gestern stand ich auf der Brücke, welche den Hafen von Königsberg schließt und im Angesichte von unzähligen Mastbäumen in das wahre Handelsviertel, in den Sitz des Reichtums von Königsberg, über den stattlichen Pregel hinführt gedankenvoll in die Wellen blickend. Da erweckten mich mit einem Male die mannigfaltigen Erscheinungen der äußeren Welt, und der leicht aufgeschlossene Sinn erstaunte über die Menge und Verschiedenheit der Dinge, die wirkungslos an dem trägen Ohre vorübergegangen waren. Es war im reichsten, lebendigsten Teile von Königsberg, an einem Sonntage, da der Abend zum erstenmal eine sanfte Sommerluft duftete. Alles war in Bewegung, Wagen rollten über die Brücke mit geschmückten Frauen zum Glanze der Feste; Kaufleute gingen vorüber im lebhaften Gespräche über den Reichtum, den sie den ungewissen Wellen anvertraut. Ein sorgenvoller Staatsmann fährt durch die Menge hin, unbewußt des Gewühls, was ihn umgibt, selbst unbewußt des Ordensschmuckes, der von seinem Kleide glänzend in die Augen der Menge strahlt. Ein armes Weib sitzt auf der Brücke und trägt in einförmigem Gesange ihre Klage an das zerstreute Ohr der vorübergehenden Menge. Eine einzelne Flöte senkt vom hohen Erker herab ihr zufriedenes Lied in die Wellen – eine allgemeinere Stimme dringt der schmetternde Ruf der Posaune vom Schloßturme herab an das Ohr von ganz Königsberg –, ich weiß nicht, ob jemand imstande ist, sich aus diesen Zügen ein Bild zusammenzustellen; aber wem diese ungleichartigen Dinge zugleich die Sinne treffen, in dessen Gemüte werden sie sich bald zu einem wunderbaren Eindrucke verschmelzen.

K., den 17. August 1808

Der Gedanke an die Zukunft erfüllt mit ernsten Betrachtungen und mit schwerem Kummer meine Seele. Mühevoll ringe ich, mich auf der gefährlichen Bahn des Lebens nicht selbst zu verlieren, mich einem edlen und großen Zwecke unauflöslich zu verbinden, meine Grundsätze und Gefühle mir rein zu bewahren und bereit zu sein, in jedem Augenblicke das Opfer derselben zu werden. Groß, unbeschreiblich groß ist diese Zeit; von wenigen Menschen wird sie begriffen; selbst den vorzüglichsten Gelehrten und Weisen unter uns ist sie selten mehr als ein Werkzeug, um irgendein dünkelvolles System durch sie darzustellen; alles das ist eitles Spiel von Kindern und von Toren. Mit dem Gemüte will die Zeit aufgefaßt sein; ohne Vorurteil soll man sie anschauen und betrachten. Nur in einem Gemüte voll Tatkraft kann sich die tatenreiche Zukunft verkündigen; in steter Berührung muß es sein mit Gegenwart und Vergangenheit und unverloren in philosophischen Träumen. Denk an meine Prophezeiung, Marie, es wird ein noch viel schwärzerer Himmel über uns aufgehen, und in Nacht und Schwefeldämpfe werden wir eingehüllt sein, ehe wir's glauben.

K., den 27. Dezember 1808

Deine Tanzlust, liebe Marie, tadle ich so wenig, daß ich mich vielmehr aufrichtig freue, wenn sie Dir zuweilen einen angenehmen Abend verschafft hat; überhaupt, so wenig diese Zeit im allgemeinen den Charakter der Freude und des Vergnügens an sich trägt, so wäre es doch lächerlich, Freude und Vergnügen überall, wo sie sich freiwillig einfinden, verbannen zu wollen. Eine solche allgemeine Buße ist nicht im Charakter unserer Zeiten und Sitten, und deswegen würde es Überspannung sein, sie fordern zu wollen. Aber es ist doch ein unverkennbar großer Unterschied zwischen einem trotz der Hauptstadt beinahe ländlichen Feste, ziemlich entfernt von den großen politischen Beziehungen, und unberührt von den bleichen Blitzen, die in zackigen Wegen aus der Ferne durch die dicke Finsternis, ohne Donner, aber mit einem Zischen gleich giftigen Schlangen daherschießen, und jener trotzigen Freude, hinter welche die bangen Gewissen sich zu retten suchen, auf die vorzugsweise alle jene Blitzstrahlen gerichtet sind. Jedermann hat es früher getadelt, daß nicht alle Menschen das Unglück des Staates tief empfunden und mit würdigem Ernste heilige Buße zu den Füßen des gewaltigen Schicksals getan haben – seitdem, Marie, Du darfst es mir glauben, sind wir immer fortgeschritten im Unglücke, der Weg, auf dem wir wandeln, wird immer schmaler, unser Fuß immer wankender – ist das eine Zeit, um sich die Sinne mit künstlichen Freuden zu berauschen?

Den Punkt, über welchen wir verschiedener Meinung waren, will ich bei dieser Gelegenheit zugleich mit betrachten. Ich finde nämlich, daß das Fortschreiten unseres Unglücks keineswegs, wie so viele Menschen glauben, in unseren Sünden liege, unser Schicksal ist bei dem furchtbaren Erdengotte schon zur Zeit des Tilsiter Friedens bestimmt gewesen, mehr als ein Umstand und manche klare Äußerung erlauben vernünftigen Leuten, die davon unterrichtet sind, nicht, daran zu zweifeln. Anstatt also bei jeder Gelegenheit, wo uns die Franzosen eine Strafpredigt halten und drohen, die Ursache davon in unseren Handlungen zu suchen, sehe ich vielmehr diese Handlungen als ganz gleichgültig an, suche die Ursache in dem Entschlusse Bonapartes, uns zu vernichten, und bin der festen Überzeugung, daß, wenn die Franzosen diese Gelegenheit nicht gefunden hätten, sich ihnen leicht eine andere dargeboten haben würde, um die Einleitung zum letzten Akte zu machen, denn weiter ist alles das nichts! Die Spanier haben sich nie etwas gegen die Franzosen zuschulden kommen lassen; das lästerlichste Intrigenspiel hat also dazu dienen müssen, die Katastrophe einzuleiten, die beschlossen war. Von allem dem kannst Du nicht eine so richtige Vorstellung haben als wir hier, und deswegen vergebe ich es einem hier Lebenden viel weniger, wenn er sich von den abgenutzten Kunstgriffen der Franzosen noch hinter das Licht führen läßt und auf seinen eigenen Leib schlägt, während er seinen Haß besser gegen die allgemeine Quelle des ganzen Elendes richtete. Wer, wenn er mißhandelt wird, mit zerknirschtem Gemüte nur immer an sich selbst die Ursachen davon aufsucht und nicht den Mut hat, sie in dem Übermute des Feindes zu sehen, steht auf einer hohen Stufe des Kleinmutes. Daß wir seit dem Tilsiter Frieden von den Franzosen in ununterbrochener Folge mißhandelt worden sind, kannst Du nicht so wissen, wie unterrichtete Leute es hier wissen müssen. Wenn also ein kleines Gedicht, der Ausdruck der Verehrung eines Privatmannes für den Minister Stein, in den hiesigen Zeitungen gedruckt steht, so sehe ich nicht ein, was die Regierung bewegen könnte, es zu verbieten. Glaubt sie durch solche kleinliche Unterwerfung gutzumachen, was sie in vier großen Feldschlachten, in einem elend unterhandelten Frieden und durch immerwährende Schwäche einbüßte? Solcher Meinung kann ich nicht sein. Der Hauptnachteil, welcher daraus entspringen würde, ist die gänzliche moralische Entkräftung der Nation. Eine Nation, in der ich nicht mehr vom edlen Manne sagen darf: er ist ein edler Mann, nicht mehr zu meinem Freunde: ich liebe dich, eine solche Nation ist in dem ärgsten Zustande der Sklaverei, in den sie geraten konnte. Je tiefer man aber fällt, um so schwerer ist es, sich wieder zu erheben. An solchen Ausdrücken eines edlen Enthusiasmus entzündet sich das Gefühl anderer, und auch nicht der kleinste Funke ist verloren. Eine Nation, die es nicht wagt, kühn zu sprechen, wird es noch viel weniger wagen, kühn zu handeln. Dies ist mein Glaubensbekenntnis hierüber, was ich übrigens nicht, wie ich wünschte, habe ausführen können, weil ich eine Abhaltung bekommen habe, welche mich überhaupt zu schließen nötigt.

K., den 2. Januar 1809

Was Du mir in Deinem letzten Briefe zum Troste sagst, liebe Marie, ist doch zu verschwenderisch getröstet. Der Kampf, den man bloß mit verunglückten Wünschen und Hoffnungen kämpft, ist an sich nichts Großes und wird nie dahin führen. Könnte ich in großen Verhältnissen groß untergehen, so würde ich freilich nichts verlieren als eine Handvoll irdischen Glücks; sollte ich aber in meinem Leben nichts tun als fruchtlose Wünsche, nichts sein als der Zuschauer von Erbärmlichkeiten, so würde doch wahrlich mein Dasein kaum die Stelle bezahlen, die ich auf der Erde eingenommen habe. Gott wolle mich davor bewahren! In Perioden, die einen ruhigen Gang gehen, kann es für eine edle Natur anziehend genug sein und genügend, in stiller Zurückgezogenheit zu leben, und es dem Glanze äußerer Ehre zu überlassen, die Eitelkeit derer zu belohnen, die sich in der großen Welt auf ausgezeichneten Stellen abmühen; ja, für den, der durch seine eigentliche und seine bürgerliche Geburt geeignet wäre, jenen Glanz zu teilen, liegt unstreitig eine gewisse Größe darin, diesen Rechten zu entsagen, um in dem Genusse stiller Betrachtungen zu leben; aber ganz anders ist es in der heutigen Zeit. Ja, wäre nur der Kampf zwischen der Tugend und dem Unglücke erst eröffnet! – er ist es, der das Bedürfnis unserer Zeit ausmacht; er würde uns stärken und aus dem Abgrunde herausziehen, in den wir nach und nach versunken sind. In ihm will ich gern untergehen, aber gekämpft muß es doch sein; unter Kampf verstehe ich nichts als eine große Anstrengung der Kräfte.

K., den 9. Januar 1809

Wenn zuweilen ein leidenschaftlicher Augenblick mich stürmend ergreift, und trotz des Widerstandes, den ich leiste, in der Tiefe des Gemütes die wogenden Bewegungen noch eine Zeitlang fortdauern, dann setze ich mich hin, um mit Dir zu reden, Geliebte meiner Seele, und alsobald ebnen sich die Wellen, und es kehrt die klare Spiegelfläche eines ruhigen Gemütes zurück. Darin magst Du erkennen, herrliche, liebe Freundin, was Du mir bist und wie tief der Andruck ist, den jeder Gedanke an Dich auf mich macht. Noch in diesem Augenblicke verdanke ich Dir diese wohltätige Wirkung, die eingetreten ist, sobald ich, Deinem lieben Bilde meinen Geist zuwendend, die Feder ergriff, um die schwankenden, freundlichen Vorstellungen festzuheften auf dies Blatt, damit sie um so sicherer Meister würden alles dessen, was sie zu stören strebt.

Scharnhorst hat von der Reise an seine Tochter einen Brief geschrieben, den dieselbe der Prinzessin Wilhelm mitgeteilt hat. Der Beweis der Zärtlichkeit meines Freundes für seine Kinder hat mich sehr gefreut; er ist für jedermann der schlechteste Korrespondent, den man sich vorstellen kann, und dieser von Riga aus datierte Brief war sechs Seiten lang. Die Naivität, dieses treue Festhalten an den edelsten und kindlichsten Gefühlen findet sich doch fast ohne Ausnahme bei Menschen von großen intellektuellen Anlagen.

Ich sagte in meinem vorigen Briefe, daß diese in Königsberg verlebte Periode mir sehr wichtig besonders in Rücksicht meines inneren Lebens gewesen sei; unter anderen hat es nie eine gegeben, in der ich die Hauptumrisse meines eigenen Charakters und Sinnes deutlicher gesehen hätte. Von den feineren Nuancen seiner Eigentümlichkeit hat man täglich Beispiele vor sich, aber weit schwerer ist es, das Ganze einmal mit einiger Unabhängigkeit des Urteils aufzufassen. Hier geschah es durch das nahe Zusammentreten zu einem eng verbindenden Zwecke mit einigen anderen Menschen von großer Verschiedenheit, aber auch zugleich von hoher Originalität der Charaktere und Sinnesarten. Bei so grellen Kontrasten, so bestimmten reinen Farben sieht man sich am besten nach allen Seiten hin begrenzt, und es entsteht so am leichtesten ein Bild für die innere Anschauung. Ein Blick in diesen Zauberspiegel hat sehr viel Gutes.

K., den 23. April 1809

Wir haben gestern hier die halboffizielle Nachricht gehabt, daß die Österreicher am 10. in Hof eingerückt wären, woraus denn die Feindseligkeiten von selbst folgen würden, so daß man jetzt täglich einer Nachricht von der ersten bedeutenden Kriegsbegebenheit entgegensieht. Etwas ganz Großes dürfen wir freilich nicht eher erwarten, bis uns die Zeitungen des Kaisers Abreise aus Paris oder seine Ankunft in Deutschland gemeldet haben. – Welch ein wichtiger Augenblick ist der jetzige! Unendlich viel interessanter als die von 1805 und 1806, teils weil er einer großen Umwälzung der Dinge um soviel näher steht und, nach aller menschlichen Klugheit zu urteilen, der nächste und letzte große Moment ist, den es noch vor dieser Umwälzung gibt, teils weil mancher große Umstand jetzt mehr gegründete Hoffnungen gibt als damals. Der Kampf der ganzen spanischen Nation um Selbständigkeit, die große Anstrengung Österreichs und seine Vorsicht, die Stimmung Deutschlands, die verhältnismäßig große Schwäche der französischen Militärmacht, alles das sind große Grundzüge, welche wenigstens zu dem Glauben berechtigen, daß nicht alles mit wenigen großen Schlägen abzutun sein wird; und in der Dauer des Kampfes liegt unvermeidlich der Untergang des französischen Übergewichts und also die Rettung des Vaterlandes. Wie hatten wir in irgendeinem Zeitpunkte seit dem Dezember 1805 hoffen dürfen, daß in so kurzer Zeit durch die eigenen Fehler Bonapartes ein so schöner Moment herbeigeführt werden würde? Ein Moment, in welchem es erlaubt wäre, an allgemeine Rettung zu glauben? Und dieser Moment ist wirklich gekommen, obgleich mehr vom Schicksale als durch die Klugheit der Menschen herbeigeführt. Auch baue ich wenig auf die Klugheit der Gouvernements in ihrem Handeln für die nahe Katastrophe; denn so gut auch die österreichischen Vorbereitungsanstalten gewesen sind, so zeigen sie doch übrigens keine große Intelligenz, und ihre Ansichten sind viel zu eng und zu klein. Aber es ist zu hoffen, daß, wenn die französische Macht auf einzelnen Punkten erliegen und dadurch den Siegen das Gleichgewicht gehalten werden wird, welche Bonaparte auf andern erfechten möchte, der Sinn der deutschen Völker zum Widerstande erwachen wird. Tirol wird sich schnell in die Arme der Österreicher werfen, Hessen, das nördliche Deutschland und Franken werden voll Unruhe und Bewegung sein; der König von Westfalen wird das erste Opfer dieser Bewegungen werden, und wie wenig auch das alles zu sein scheinen wird, so wird es doch mehr bedeuten, als man glaubt. Es wird die Lage der Franzosen in Deutschland sehr schwierig machen; in Spanien aber wird es ihren Untergang herbeiführen. Schon jetzt ist die Lage der Franzosen in Spanien wenigstens nicht vorteilhaft, mit jedem Tage verschlimmert sie sich, und mit welch einem elektrischen Schlage werden sich die Spanier belebt, die Franzosen gelähmt fühlen durch des Gerüchtes Posaunenruf: Deutschland hat sich erhoben, der König von Westfalen ist entsetzt! Wenn man irgend etwas prophezeien kann, so ist es die Gewißheit, daß die Franzosen bis über die Pyrenäen getrieben werden, unter solchen Voraussetzungen. Und dieser Untergang der französischen Macht in Spanien wird nun wieder mit erneuerter Kraft auf Deutschland zurückwirken und auf Italien, und was aus den ersten charakterlosen Bewegungen unter den deutschen Völkern bis dahin und dann sich bilden und hervorgehen wird, ist jetzt schwer vorauszusehen. Immer aber dürfen wir hoffen, gerettet zu sein, wenn nach und nach, durch Zeit und Ereignisse aufgefordert und ermuntert, drei große Nationen wie die deutsche, spanische und italienische gegen ein Gouvernement auftreten. Darum flehe ich, daß uns Gott den Krieg erhalten möge, wenigstens einige Jahre!

Über meine persönliche Lage und Zukunft kann ich noch wenig sagen; nur zweier Dinge bin ich mir als gewiß bewußt: einmal, daß es mir unmöglich ist, gegen mein Vaterland zu fechten, und daß ich folglich, wenn der König seine Truppen für Frankreich marschieren läßt, augenblicklich den Dienst verlasse, und zweitens, daß es mir ebenso unmöglich ist, ganz müßiger Zuschauer zu bleiben. Wenn ich diese Gelegenheit versäumte, meine Bestimmung zu erfüllen, hätte ich dann nicht meine ganze frühere Lebenszeit verloren, die eine bloße Vorbereitung für dieselbe war? Und wenn es erlaubt und vernünftig war, sich dieser Bestimmung ganz zu widmen, kann es dann außer ihr eine Zukunft für mich geben, der sie bloß darum nachstehen sollte, weil jene mehr Wahrscheinlichkeit eines langen Lebens in sich schließt? Der Gedanke, in meinem Berufe zu endigen, hat für meinen Verstand und für mein Gefühl so viel Befriedigendes, daß ich im schlimmsten, unglücklichsten Falle, in dem, wenn ich frühzeitig ein Krüppel werden sollte, es nie bereuen würde, meiner Bestimmung auf dem geradesten Wege nachgegangen zu sein. Cato von Utica weigerte sich, den Jupiter Ammon zu fragen, ob er, Cato, lieber bewaffnet, aber frei umkommen, als seine Mitbürger in Knechtschaft sehen wollte, ob das Leben an sich einen Wert habe oder einen bekomme, wenn es lange währt, und ob die Dauer einen Unterschied darin macht; sein Herz allein beantwortete ihm diese Fragen, und es bedurfte keines Orakelspruches außer seinem Innern. – So glaube ich denn auch dreist jener Ansicht alles unterordnen zu müssen, was gemeine Menschen Klugheit nennen. Doch ist Leichtsinn und Unbesonnenheit nicht in meinem Charakter; darüber bist Du gewiß beruhigt, teure Freundin, und mit diesen Ansichten wirst Du denn auch nie überrascht sein durch das, was die Ereignisse in ihrem unvorhergesehenen Laufe zu tun mich veranlassen und was ich selbst nicht voraus bestimmen kann. Daß ich nie etwas tun werde, wodurch ich Deiner unwürdig mich machte, ist ein Bewußtsein, was schon in dem Gefühle meines moralischen Daseins für mich liegt.

Ich habe bei diesem Gegenstande so lange verweilt, weil die Zeiten es notwendig machen, und manche Urteile, die ich in solchen Dingen hier von Personen höre, die ich sehr hochachte, mich sehr frappieren. Dahin gehört unter anderen folgendes Beispiel. Der Major Grolmann und der älteste von den im Militär stehenden Dohnas, den der König vor kurzem sehr schnell avanciert und zu seinem Flügeladjutanten ernannt hat, haben um ihren Abschied geschrieben. Sehr viele Menschen haben dies scharf getadelt, und unter anderen hat eine Frau, Prinzessin Radziwill. die wir beide sehr hochachten, es undankbar und schlecht genannt. Mich hat dies Urteil überrascht und tief bewegt, denn es ist, recht gelinde gesagt, doch sehr einseitig und zeigt, daß selbst der hohe Geist und Sinn dieser Frau nicht freibleibt von den Eindrücken ihrer gewöhnlichen Umgebungen. Ist es denn undankbar und schlecht, daß Grolmann, der unserem Staate gar keine besonderen Verbindlichkeiten hat, die Kraft und das militärische Talent, die er in einem hohen Grade besitzt, nicht ruhen lassen, sondern zum Besten des deutschen Vaterlandes verwenden will? Daß er eine ruhige, bequeme Situation verläßt, um sich in die Gefahren einer außerordentlichen kriegerischen Laufbahn zu werfen, zum Besten desjenigen Interesses, was keiner von unseren Fürsten als das seinige verkennen kann? Ist es undankbar oder schlecht, daß der junge Dohna eine bequeme und nach unseren Begriffen selbst ehrenvolle Lage verläßt, um sich im Kriege diejenigen Eigenschaften zu erwerben, durch die allein er seinem Könige recht nützlich werden kann? Wahrlich! es werden noch viele in ähnlicher Absicht den Abschied nachsuchen, und das sind, denke ich, nicht die schlechtesten. Die aber, welche sich aus lauter Anhänglichkeit an den König nicht von ihrem Gehalte und aus einer gesicherten Anstellung losreißen können, die aus lauter Patriotismus lieber auf Parade gehen als zur Schlacht, die den Namen Preußen unaufhörlich im Munde führen, damit der Name Deutsche sie nicht an schwerere, heiligere Pflichten mahne, sind schwerlich die Besten.

Als Abschluß dieser ersten Zeit geben wir nachstehend den Brief wieder, den Clausewitz, ohne seinen Namen zu nennen, an den Philosophen J. G. Fichte in Königsberg gerichtet hat. Dieser damals schon berühmte deutsche Mann hatte in einer Schrift über Macchiavell, die in der Zeitschrift »Vesta« am 1. 6. 1808 erschien, seine Landsleute aus der »Verworrenheit der Köpfe, aus Leichtsinn und Sorglosigkeit mitten im Schiffbruch« aufzurütteln gesucht. Der Hinweis auf den italienischen Renaissance-Denker, dessen vielumstrittenes Buch über den »Fürsten« das Recht auf reine Machtpolitik verteidigt, sollte dazu dienen, vornehmlich die Kreise der Regierung und in letzter Linie den König selbst an die Unerbittlichkeit des Schicksals und die Notwendigkeit kühnen und rücksichtslosen Handelns zu gemahnen. Auch Clausewitz hat sich, wie wir aus seinen Aufzeichnungen erfahren, in seinem Drang nach politischer Erkenntnis schon Jahre vorher mit Macchiavelli beschäftigt und schätzt ihn sehr, wenn er auch die Philosophie des Italieners als »manchmal etwas kindlich« bezeichnet, wohl weil er selbst die Politik auf höhere ethische Prinzipien zurückführen will. Den äußeren Anlaß, an Fichte zu schreiben, ist eine Bemerkung des letzteren, ob nicht doch die Kriegskunst der Alten, d. h. der Römer die bessere gewesen und daher – eine eigenwillige Folgerung, wie sie Fichte nun einmal liebt – die Artillerie auch heute noch überflüssig sei. Clausewitz streift in seiner Antwort diese seltsame Meinung nur schonend im Vorbeigehen, um das Ewige in der Kriegskunst, nämlich das Moralische, den »Geist«, in den Mittelpunkt jeder Betrachtung über die Kriegführung zu rücken.

Ein ungenannter Militär an Fichte, als Verfasser des Aufsatzes über Machiavell im ersten Bande der »Vesta«

Ich habe jenen Aufsatz gelesen, und obgleich ich nicht der Mann von tiefen Einsichten in die Kriegskunst bin, noch weniger der von Einfluß, welchen Sie auffordern, des Machiavell Buch über die Kriegskunst zu studieren, so glaube ich doch um so eher ohne Vorurteil zu sein, als ich, alle die hergebrachten militärischen Meinungen und Formen, unter denen ich groß geworden bin, nun in dem schnellen Strom der Ereignisse in ihren morschen Fugen habe zusammenbrechen sehen. Eine sechsjährige aufmerksame Betrachtung der Kriegskunst hat mich übrigens darauf vorbereitet. Ich habe Machiavells «Kriegskunst« vor einigen Jahren gelesen, sie jetzt nicht zur Hand und bin also auch nicht imstande, über die einzelnen Gegenstände ein richtiges Räsonnement zu führen. Trotz alledem erlaube ich mir, Ihnen ein paar Bemerkungen mitzuteilen, an welche Sie vielleicht mit einigem Gefallen Ihre eigenen Betrachtungen anknüpfen werden. Denn mehr als je ist es in dieser Zeit heilsam, daß eine große, über kleinliche Handwerksmaximen gebietende gesunde Ansicht vom Kriege allgemein verbreitet und das Eigentum eines jeden Staatsbürgers werde, also daß die, welche sich auf dem Wege zu ihr schon durch das bloße Streben befinden, sich untereinander verständigen mögen.

Die Artillerie ist gewiß so gut als jede andere Waffe hier und da mißbraucht worden und namentlich und am meisten von der preußischen Armee 1806. Weniger von den Franzosen, die nach den bisher allgemein üblichen Verhältnissen nicht viel Artillerie haben.

Aber es ist aus theoretischen Gründen schwer, ohne Spitzfindigkeiten das beste Verhältnis auszumitteln, und wahrscheinlich kommt es dabei auf eine Kleinigkeit nicht an. Sie ganz zu übersehen würde höchstwahrscheinlich entscheidende Nachteile haben; denn wo sie in großer Menge konzentriert ist, ist es unmöglich, etwas dagegen auszurichten. Ihre Wirkung hat sich seit Machiavell wahrscheinlich ums Doppelte, vielleicht noch mehr erhöht. Das Augereausche Korps bei Eylau ist allein durch die russische Artillerie vernichtet worden, gegen die der eigensinnige Napoleon, die gewöhnliche Regel verlassend, dasselbe anstürmen ließ. Die Erfahrung kann allein in dieser wie in anderen Sachen auf das wahre Bedürfnis führen. Dies vorläufig über die Artillerie.

Unsere (die deutsche) Kriegskunst ist im Verfall, das ist keinem Zweifel unterworfen; sie muß von einem anderen Geiste beseelt werden, wenn sie uns dienen und die Mühe, die Anstrengung, die Aufopferungen belohnen soll, die ein jeder Krieg fordert. Auf welchem Wege dies geschehen müsse, darüber und zugleich in Beziehung darauf über den Machiavell erlauben Sie mir Ihnen folgende Bemerkungen mitzuteilen.

Ich habe bei Machiavell in Kriegssachen oft ein überaus gesundes Urteil und manche neue Ansicht gefunden. Unter anderm gehört dahin, wenn er durch das Beispiel von Fabius Cunctator (ich glaube in seinen Diskursen über den Livius) beweist, daß man seine großen Maßregeln selten nach den Umständen einrichtet. Jener zögerte nicht, weil er diese Kriegsart den Umständen vorzüglich angemessen fand, sondern weil er von Natur ein Zauderer war.

Denn als Scipio nach Afrika gehen wollte, widersetzte er sich diesem Plan. Wäre Fabius König von Rom gewesen, Rom würde zu Grunde gegangen sein.

Was aber Machiavells eigentliches Buch über die Kriegskunst betrifft, so erinnere ich mich, darin das freie, unabhängige Urteil vermißt zu haben, wodurch sich seine politischen Schriften so sehr auszeichnen. Die Kriegskunst der Alten hatte ihn nicht nur durch ihren Geist, sondern auch in allen ihren Formen zu sehr angezogen. Im Mittelalter konnte sich leicht ein Vorurteil über die Kriegskunst der Griechen und Römer erzeugen. Damals war die Kriegskunst in einem besonders tiefen Verfall und zu einem Handwerkswesen heruntergesunken, wovon die von den Feldherrn gemieteten Heere das beste Zeugnis ablegen.

Die sorgfältigste Ausbildung des Kriegswesens vor der Periode der Schweizer fand sich noch bei der schweren Kavallerie der Ritter und war hier durch eine falsche Richtung in steter Vermehrung der Schußwaffen zu einer kleinlichen Manier verbildet. Vortrefflich ist deswegen auch die Meinung des Machiavell, die ich im Johannes Müller gelesen habe, daß im frühern Mittelalter (vor dem allgemeinen Gebrauch der Feuergewehre) die Kriegskunst weit mehr zu Hause war bei den Völkern, die gar keine zu haben schienen, als bei denen, die sich in Erfindungen darin erschöpften. Durch nichts mehr wurden die Schweizer, denen die alten Beispiele griechischer und römischer Taktik unbekannt waren, Wiederhersteller der bessern Kriegsmanier, als weil die Lage ihres Landes und ihre Armut sie nötigten, zu Fuß und ohne andere Verteidigungswaffen als Heldensinn den Krieg zu führen, und weil die Waldstätten in glücklicher Unwissenheit vieler verkehrter Gewohnheiten andrer Völker durch ihren gesunden Verstand besser unterrichtet wurden.

Um von einer solchen Ausartung der Kriegskunst in kleinliches Handwerkswesen, die, wie schon bemerkt, keineswegs bloß im Mittelalter stattgefunden hat, vielmehr in mancher Periode der spätern Jahrhunderte noch viel höher gestiegen ist, zurückzukehren, glaube ich, soll man nicht wie Machiavell an eine schon dagewesene bessere Manier sich halten und sich diesen oder jenen Formen wieder nähern, sondern einzig suchen, den wahren Geist des Kriegs wiederherzustellen. Man soll also nicht mit der Form, sondern mit dem Geiste anfangen und sicher erwarten, daß dieser die alten Formen selbst zerstören und in angemessenem wirken werde. Dieser wahre Geist des Krieges scheint mir darin zu bestehen, daß man die Kräfte eines jeden einzelnen im Heere so viel als möglich in Anspruch nimmt und ihm eine kriegerische Gesinnung einflößt, damit so das Kriegsfeuer alle Elemente des Heeres durchglühe und es nicht in der großen Masse eine Menge toter Kohlen gebe. Dies geschieht (so viel in der Kriegskunst liegt) durch die Art, wie man den einzelnen behandelt, noch mehr aber, wie man ihn gebraucht. Weit entfernt also, daß die Kriegskunst der Neuern die Tendenz haben sollte, die Menschen als bloße Maschinen zu gebrauchen, muß sie, so gut als jede andere, so weit es ihr die Natur ihrer Waffen erlaubt, die individuellen Kräfte beleben. Dies hat freilich seine Grenzen, denn eine unerläßliche Bedingung bei großen Streitmassen ist eine solche Einrichtung, daß sie ohne zu große Reibung von einem vernünftigen Willen geleitet werden können. Aber hier sollte man auch stehenbleiben und nicht, wie dies zumal im 18. Jahrhundert die Tendenz gewesen ist, das Ganze zu einer künstlichen Maschine bilden wollen, worin die moralischen Kräfte den mechanischen untergeordnet werden, die ihre Wirkung durch die bloße Einrichtung äußern, die den Feind durch bloße Formen besiegen soll, und in der dem einzelnen die möglichst kleinste Aufgabe zum Gebrauch seiner intellektuellen Kräfte gegeben ist. Daß man durch Belebung der individuellen Kräfte unendlich mehr gewinnt als durch künstliche Formen, zeigt die Geschichte fast aller bürgerlichen Kriege und vorzüglich der Unabhängigkeitskrieg der Schweizer und der französische Revolutionskrieg. Die Waffen der Neuern, weit entfernt, diesem Prinzip entgegen zu sein, begünstigen dasselbe vielmehr in einem hohen Grade. Die Alten konnten der Phalanx und der Legion nicht entbehren, und diese sind unstreitig viel künstlichere Formen als die einfache Stellungsart der Neuern in zwei- oder dreifachen Reihen. Bei den Alten fand das Gefecht mit Ausnahme der leichten Truppen nur immer in diesen im ganzen doch sehr unbehilflichen Massen statt. Bei den Neuern sind die Massen nur groß, wenn es der Zweck gerade erfordert; sie können aber bis zum Vereinzeln klein werden. Die Zahl der leichten Truppen, also derer, die einzeln fechten, ist jetzt im Verhältnis zum ganzen Heere viel größer als bei den Alten, und in mancher Art von Krieg, namentlich in dem schönsten aller Kriege, in dem, welchen ein Volk auf seinen eigenen Fluren um Freiheit und Unabhängigkeit führt, kann diese Zahl vielleicht um das Doppelte mit großem Vorteil steigen. Zum zweckmäßigen Gebrauch unserer Hauptwaffe, des Feuergewehrs, reicht keineswegs, wie die Meinung geht, eine bloß mechanische Behandlung hin; denn nicht bloß beim Tirailleur sondern auch beim Gefecht in vollen Linien ist die Wirkung des Infanteriefeuers unendlich verschieden, je nachdem diese Infanterie mehr oder weniger an die Gefahr gewohnt und mit einem zweckmäßigen Gebrauch ihrer Waffe vertraut ist. Das Feuer der französischen Infanterie hat sich dem Feuer der preußischen, trotz der bessern Methode, die bei der letztern üblich war, bloß aus jenem Grunde überlegen gezeigt. Der wichtigste Vorteil der Alten zur Belebung des individuellen kriegerischen Geistes bestand nach der Meinung der meisten in dem Handgemenge, zu welchem in der Regel jedes Gefecht führte; und es würde Vorurteil sein, dies ganz zu leugnen. Aber bekannt ist es doch jetzt genug, daß auch bei den Neuern, so wichtig die Feuerwaffe ist, den Erfolg vorzubereiten, die Entscheidung doch nur durch ein enthusiastisches Vordringen zum Gefecht mit der blanken Waffe erhalten werden kann. Gewiß lag bei den Alten der Wert eines einzelnen Kriegers mehr in ihrer bürgerlichen Verfassung als in ihrer Streitart, was man um so weniger leugnen kann, als die Völker, welche sich im Kriege vorzüglich auszeichneten, sich von den Besiegten in ihrem bürgerlichen Zustande unterschieden, aber nicht dadurch, daß sie mehr an persönliches Gefecht gewöhnt waren. Und wenn bei den Neuern, neben diesen Gründen, der Mangel eines individuellen kriegerischen Sinnes noch durch die absichtliche Vernachlässigung des wahren Kriegsgeistes, durch eine falsche Tendenz der Kriegskunst nach toten Formen hervorgebracht worden ist, so kennen wir ja die beiden Hauptquellen, welche wir wieder zu eröffnen haben, damit uns der kriegerische Sinn wieder zuströme und uns unsern Nachbarn furchtbar mache. Jene, der bürgerliche Zustand, ist Sache der Verfassung und Erziehung, diese, der zweckmäßige Gebrauch des Kriegsstoffs, ist Sache der Kriegskunst.

Wenn also in dieser das obige Prinzip befolgt wird und man seinem Heer die höchste Einfachheit in der Zusammenstellung gibt, an die Spitze der einzelnen Abteilungen Männer von kriegerischem Sinn stellt, die also einen hohen Grad von Tätigkeit und Unternehmungsgeist haben; wenn der oberste Feldherr im Geiste des Vertrauens auf sie seine Unternehmungen einrichtet, wenn er selbst ein kühner kriegerischer Mann ist, der keinen andern als den kriegerischen Geist aufkommen läßt und durch Aufopferungen diesen hervorzubringen weiß; wenn also die Kräfte des ganzen Heeres mehr entwickelt werden, so wird bald von oben herab und durch die vollkommene stete Berührung mit der Gefahr die kriegerische Tugend sich bis in die Elemente des Heeres verbreiten; in jedem Fall wird der kriegerische Sinn, welcher aus andern, z. B. politischen Ursachen schon in einzelnen vorhanden war, nicht im Heere durch das Zusammentreffen in eine große Maschine erstickt werden, wie meistens bisher geschah. Dann werden Vorurteile in Rücksicht auf Waffen und allgemein auf Formen von selbst zugrunde gehen; denn in jeder Kunst ist ja der natürliche Feind aller Manier der Geist.

Ich bekenne, daß ich eine sehr hohe Vorstellung von der Überlegenheit einer solchen Kriegsart habe, in welcher kriegerische Tugend das ganze Heer in seinen kleinsten Teilen belebt und in der das Hauptbestreben der Kunst in der vollkommensten Benutzung dieser kriegerischen Tugend besteht, und daß ich glaube, sie werde jede andere Kriegskunst, ein wie vollkommenes Produkt des Verstandes sie auch wäre, überwältigen, nicht zu gedenken, daß sie ihrer Natur nach sich der vollkommensten Form am meisten nähern würde. Und wenn sich noch von selbst aufdringt, wie sehr sie im besonderen unserer gegenwärtigen Lage entsprechen würde, so glaube ich, daß wir nach ihr vorzüglich streben und von ihr unsere Rettung erwarten müssen.

Verzeihen Sie mir diese offenherzige Mitteilung, die ich in höchster Anspruchslosigkeit mache, und bloß aus dem heiligen Eifer, der uns jetzt alle enger vereint. Ist nur ein Funke Wahrheit darin enthalten, so wird sein schwacher Schimmer dem großen Philosophen, dem Priester dieser heiligen Flamme, nicht entgehen, dem durch ein schönes Vorrecht der Zutritt offen steht zu dem Innersten, zu dem Geiste jeder Kunst und Wissenschaft.

Königsberg, den 11. J. 1809.

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