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Kleine Schriften

Carl von Clausewitz: Kleine Schriften - Kapitel 11
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authorCarl von Clausewitz
titleKleine Schriften
booktitleGeist und Tat
publisherAlfred Kröner Verlag
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editorWalther Malmsten Schering
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Aus Briefen 1806 – 1807

Kantonierungsquartier Gelbstädt in der Grafschaft Mansfeld, den 18. September 1806

Wir rücken immer weiter vor, und ein schwacher Schimmer kriegerischer Aussicht fällt von neuem in meine Seele und erleuchtet so manches Bild, so manche Hoffnung, die schon wieder in die Dunkelheit zurückgetreten waren. – Wenn wir so über Berg und Tal in der gekrümmten Straße des Waldes mit offenen, langgedehnten Reihen einherziehen und Musik und Gesang die Lüfte erfüllt, so erweitert sich mir das Herz, und ich bin reich an frohen Hoffnungen und Ahnungen – wie suche ich dann nach einem Wesen, dem ich mich mitteilen könnte, von dem ich verstanden und durch gleiche Gefühle belohnt würde –, und ich finde keines. Auch nicht eine Seele, in welcher sich die Welt in einer veredelten Ansicht spiegelte; auch nicht ein Gefühl, was tiefer griffe als in die Gemeinheit unseres Daseins. Kein gehaltreiches Wort kommt über meine Lippen, kein solches dringt zu meinem Ohre. – Sie vorzüglich, geliebte Freundin, müssen mit mir die Armut eines solchen Lebens fühlen; Sie werden mich bedauern und, mich zu trösten, schon einmal öfter erlauben, Ihnen zu schreiben und den ins Dasein zurückgetretenen Empfindungen und Hoffnungen die himmlische Wohltat der Sprache gewähren. Dieses schöne Recht erwarb ich mit Ihrer Liebe, und es schmeichelt meinem Stolze die Ausübung desselben ebensosehr, als sie mein Herz befriedigt. Ich werde nie aufhören, dem Himmel laut zu danken für dieses wohltätige Geschenk, denn ich fühle in jedem Augenblicke meines Lebens mehr, wieviel, selbst bei dem unglücklichsten Ausgange desselben, mir Ihre Liebe gewesen ist.

Es ist wirklich ein recht ästhetischer Eindruck, den das Vorüberziehen eines Kriegshaufens macht; wobei man nur nicht an unsere Revuen denken muß. Hier sind es nicht wie dort steife Truppenlinien, die sich dem Auge darbieten, sondern man unterscheidet in den geöffneten Reihen noch das Individuum in seiner Eigentümlichkeit, und es herrscht neben der ruhig fortschreitenden Bewegung viel Mannigfaltigkeit und Ausdruck des Lebens. Jeder leuchtet mit seiner Rüstung einzeln durch die grünen Zweige des jungen Waldes, und wenn schon der Mann dem Auge entschwunden ist, blitzt noch seine Waffe durch die Wolke von Staub, die sich hoch über dem Rande des Tales erhebt und dem Entfernten des verborgenen Heeres Zug verkündet. Selbst die Mühseligkeit, die aus der Anstrengung spricht, wenn sich die Reihen mit ihrem Geschütz und Gepäck langsam den Berg hinaufziehen, gibt einen glücklichen Zug in dem Bilde. Die Menge der Individuen, welche selbst ein kleiner Kriegshaufe dem Auge darstellt, verbunden zu einer langen, mühevollen, gemeinschaftlichen Reise, um endlich auf dem Schauplatze von tausend Lebensgefahren anzukommen, der große und heilige Zweck, dem sie alle folgen, legt diesem Bilde in meiner Seele eine Bedeutung unter, die mich tief ergreift.

Glauben Sie ja nicht, teure Marie, daß Sie dies alles zu lesen bekommen, weil ich es für schicklich halte, einer Künstlerin mit der Feder etwas vorzumalen – ich bin wirklich ein wahres Kind, wenn ich so etwas sehe und weiß recht gut, daß ich manchem in diesem kindischen Wesen lächerlich erscheinen würde, daher ich mir Äußerungen der Art nur gegen meine vertrautesten und nachsichtigsten Freunde erlaube.

Der Ort, worin wir jetzt stehen, liegt am Fuße des Brockengebirges in einer tiefen Schlucht, so wie die Gebirgsbäche sie einreißen, wenn sie zuerst auf der flachen Ebene in ihrem wilden Laufe aufgehalten werden. Über unseren Häusern ragt ein langer Schieferfelsen hervor, so daß die Menschen über die Gipfel der Dächer hinwegzuschreiten scheinen. Die Gegend ist daher schon ziemlich romantisch und wird es noch mehr durch ein fürchterliches Unwetter, was von den Bergen die Bäche herabstürzt und die Schloßen gegen die Fenster wirft. Ein mächtiger Baum, der dicht vor den meinigen steht, ist das noch unfreundlichere Organ des unfreundlichen Windes. – Möchten wir bald den sicheren Schutz des Daches verlassen, der Unvernunft des wilden Elementes trotzen und durch den Schrecken unserer Waffen die Schrecken der Natur vergessen machen! Aus dieser langen fürchterlichen Nacht wird uns ja ein schöner Sommertag hervorgehen! O, so nahe an der Grenze eines Landes zu sein, in welchem man des Lebens ganzes Glück und höchstes Gut erringen kann, und die Grenze nicht überschreiten zu können! Des Krieges bedarf mein Vaterland und – rein ausgesprochen – der Krieg allein kann mich zum glücklichen Ziele führen. Auf welche Art ich auch mein Leben an die übrige Welt anknüpfen wollte, immer führt mich mein Weg über einen großen Kampfplatz; ohne diesen zu betreten, blüht mir kein dauernd Glück. Vieles denke ich mir zu erstreben, mehr als ein gemeiner Mut hoffen läßt – zwar habe ich, wenn ich mein Leben mit einem Blick überschaue, manchen glücklichen Erfolg gesehen, wozu die erste Anlage wenig berechtigte, manches Gut errungen, was ich als unmittelbare Gabe des Himmels betrachten muß – aber noch große Anforderungen an mein Glück habe ich zu tun!

Ich kann es nicht verhehlen, teure Marie, sooft meine Wünsche und Hoffnungen den Schauplatz des Lebens durchlaufen, eilen sie, früh oder spät, je nachdem eine heitere oder düstere Phantasie ihnen vorleuchtete, zu Ihnen, geliebte, teure Marie, um mich an Ihrer Hand das schönste Glück des Lebens genießen zu lassen. – Wieviel ist bis dahin zu tun übrig; wie wenig steht es in meiner Macht, es zu tun! Möglich wird es durch den Krieg, ich sehe ihm daher auch in dieser Rücksicht mit Verlangen entgegen.

Eben da ich dieses schreibe, erhalten wir Befehl zum neuen Aufbruch, um gegen Thüringen weiter vorzurücken. So wenig Hoffnung mein Verstand daraus ziehen kann, sosehr beschäftigt es meine Phantasie.

Roßbach, den 20. September

Hier hatte ich abgebrochen; ein schleuniger Aufbruch erlaubte mir nicht, weiterzuschreiben. Heute sind wir hier eingerückt. Sie können denken, mit welchen Empfindungen ich das Schlachtfeld besuchte, wo der unerträgliche Hochmut der Franzosen sosehr gedemütigt, uns aber ein stolzes Monument errichtet wurde, was über viele Zeiten und Länder, sogar über jenen Berg von Begebenheiten hinwegragt, den die letzten zehn Jahre vor es hingerollt haben, und woran sich unser Mut und unser Vertrauen mit der üppigsten Kraft emporrankt. Diese Schlacht hat das Eigentümliche, daß sie der ganzen Welt, besonders aber den Franzosen bekannt ist, ungeachtet sie, sowohl in Rücksicht der Kunst als der aufgeopferten Kräfte, sehr leicht erkauft wurde. Nie in der Welt ist eine so unbedeutende Schlacht von so wichtigen Folgen gewesen. Aller dieser Umstände wegen, muß ich gestehen, ist sie nicht sehr imponierend für mich. Doch ist es mir sehr interessant, täglich in ein Zimmer zu gehen, wo Friedrich der Große wohnte und wo er gerade aß, als man ihm die Nachricht brachte, daß die Franzosen ihn zu umgehen suchten, Seidlitz sprang zuerst auf, um die Kavallerie vorläufig satteln zu lassen; Prinz Heinrich folgte ihm und benachrichtigte die Infanterie. Endlich, gegen zwei Uhr, stieg auch der König auf das oberste Stockwerk des Hauses, um den Feind zu beobachten; er traute kaum seinen Augen, so unbegreiflich war das Unternehmen, nicht an Kühnheit, sondern an Dummheit. Der König befahl sogleich, daß die Armee zu den Waffen greifen und den Umständen gemäß abmarschieren sollte. Alle sprengten nun mit verhängtem Zügel zu dem Schloßhof hinaus durch des Dorfes enge Gassen, der Gefahr entgegen, die auf den Bergen ihrer wartete – welch ein Augenblick! Wenn ich den König in dieser Schlacht selbst nicht in dem Maße bewundere, wie der große Haufe des Militärs: so muß ich doch über seine Größe in diesem Zeitpunkte seines Lebens überhaupt erstaunen.

Er war in einer blutigen fürchterlichen Schlacht (bei Kolin) in Böhmen geschlagen worden und erhielt sich mit Not und Mühe noch einige Zeit in diesem Lande; er kehrte dann nach Sachsen zurück, wo drei Armeen sich die Hand boten, seine Staaten zu verschlingen. Eine zweite große Schlacht Bei Großjägersdorf, 30.8.1757. raubte ihm sein Heer in Preußen und dieses ganze Königreich. Eine vierte Armee, der ganzen preußischen Macht allein überlegen, folgte ihm aus Böhmen auf dem Fuße nach. In dieser verzweiflungsvollen Lage dachte der König an keinen Frieden. Aber diese Lage war noch nicht verzweiflungsvoll genug, um die Größe dieses erhabenen Gemütes auszumessen. Eine dritte Schlacht vernichtete bei Breslau den schönsten Teil seines Heeres, und brach die einzige Säule zusammen, auf welcher die Grundvesten des Staates ruhten; zwei Dritteile von Schlesien gingen verloren. So brachte der indes bei Roßbach erfochtene Sieg den König kaum einen Schritt von dem Abgrunde zurück, in welchen sein Staat zu stürzen und ihn unter seinen Trümmern zu begraben drohte. Der König sammelte die Reste seiner Heere und führte sie, dreißigtausend Mann stark, den neunzigtausend Österreichern bei Leuthen in Schlesien entgegen. Er war entschlossen, alles zu verlieren oder alles wieder zu gewinnen, wie ein verzweifelter Spieler und – daß unsere Staatsmänner es sich wohl merken möchten! – in diesem leidenschaftlichen Mute, der nichts ist als der Instinkt einer kräftigen Natur – liegt die höchste Weisheit. Die ruhigste Überlegung des glänzendsten Kopfes kann, entfernt von jeder Gefahr und jedem leidenschaftlichen Antriebe, auf kein anderes Resultat kommen. Davon bin ich ganz überzeugt. Hier, bei Leuthen, errang Friedrich in einer Mordschlacht jenen glänzenden Sieg, der den schönsten Stein in die Strahlenkrone seines Ruhmes fügte und den Staat, wie ein Zauberschlag, aus seinen Trümmern neugefügt hervorgehen ließ. – In dieser ganzen Periode sieht man den König mit einer Freiheit des Geistes und Heiterkeit handeln und leben, die mich bis zur leidenschaftlichen Bewunderung hinreißt. Sie verzeihen mir wohl, herrliche Marie, wenn ich mich hier einen Augenblick gehen ließ; ich habe doch gewiß nichts gesagt, was Ihrer nicht würdig wäre. Hätten doch alle Preußen vornehmen wie geringen Geschlechts den Blick so fest auf diesen glänzendsten Zeitpunkt unserer Geschichte gerichtet wie ich, sie würden früher schon es mehr der Mühe wert geachtet haben, ein so schön errungenes Dasein politischer Freiheit zu behaupten.

Merseburg, den 26. September

So weit hatte ich geschrieben, als ich, aus dem Hauptquartier zurückkehrend, den Brief meiner geliebten Marie vorfand. Ich danke Ihnen, denn mit Dank muß ich beginnen, ich danke Ihnen mit der höchsten Innigkeit für diesen Brief so voll Zärtlichkeit, und für diesen Ring für mich so voll schöner Bedeutung. Wie ein Kind habe ich mich darüber gefreut, und ich trage ihn – liebe Marie, wenn Du sehen könntest, mit welchem Vergnügen! Hier darf ich mir diese Freude schon erlauben, in Berlin werde ich mich darauf beschränken müssen, ihn recht oft zu betrachten. Schön und mir aus der Seele gesprochen die Aufforderung, ihn an dem Tage zu tragen, da Ruhm und Gefahren uns umgeben. Wenn Sie ihn denn je zurückerhalten, Marie, so werden Sie vielleicht stolz sein dürfen in dem Gedanken, daß in der wilden Wut des Streites, wo der Ruhm und die Freiheit des Vaterlandes und die eigene Ehre uns mit vollen Segeln über den glühenden Lavastrom der Gefahren hinwegtreibt, immer bereit zum Untergang – dennoch mancher Blick der Wehmut und stillen Freude auf diesen Ring fiel.

Allerdings wird es ernst, und ich zweifle jetzt selbst nicht mehr an dem Kriege. Ich sehe ein, daß ich mich etwas in meiner Ansicht von unserem Kabinet betrogen; die Sachen stehen überhaupt etwas besser als ich früher glaubte. Welche Resultate wir deshalb zu erwarten haben, will ich nicht untersuchen – genug, es ist etwas besser und könnte vortrefflich sein. Wenn man die Nachrichten in Betracht zieht, welche alle die mitbringen, die kürzlich das Innere Frankreichs und das französische Kriegstheater durchreist haben, so scheint es, das Schicksal bietet uns in diesem Augenblicke eine Rache dar, die über alle Gesichter Frankreichs den blassen Schrecken ausgießen und den übermütigen Kaiser in einen Abgrund stürzen würde, aus dem seine Gebeine nicht anders als aufgelöst in Atome hervorgehen könnten.

Kantonierungsquartier Merseburg, den 29. September 1806

Ich habe Ihnen schon in meinem vorigen Briefe gesagt, daß ich jetzt den Krieg selbst nicht mehr bezweifle. Wir rücken langsam weiter vor; übermorgen werden wir von hier nach der Gegend von Naumburg a. d. Saale marschieren. Unser Feind, der übermütige Kaiser, wird schon in Mainz erwartet. Ist er einmal auf dem Kriegstheater angelangt, so wird die Szene unverzüglich eröffnet werden. Binnen hier und vier Wochen sind höchst wahrscheinlich schon die wichtigsten Begebenheiten vorgefallen, über meine Hoffnungen habe ich in meinem vorigen Briefe schon ein paar Worte gesagt; jetzt will ich nur hinzufügen, daß der gute Geist eines vortrefflichen Mannes, den ich, wie Sie wissen, sehr verehre, aus so vielen einzelnen Maßregeln hervorleuchtet, daß man seinen allgemeinen Einfluß auf das Ganze nicht verkennen kann. Unter wie schwierigen Umständen dieser Mann wirkt, ist kaum zu glauben; man erhält davon einige Vorstellungen, wenn man weiß, daß drei Feldherrn und zwei Generalquartiermeister sich bei der Armee befinden, da doch nur ein Feldherr und ein Generalquartiermeister da sein sollten. Ich bin in meinem Leben noch nie auf einen Menschen gestoßen, der mehr geeignet gewesen wäre, Schwierigkeiten der Art zu besiegen, als der Mann, von dem ich hier rede; allein, wieviel muß nicht von den Wirkungen des Talents verlorengehen, wenn es sich an so vielen Hindernissen der Konvenienz bricht, wenn es durch eine unaufhörliche Friktion fremder Meinungen gelähmt wird. Soviel ist gewiß, daß ein unglücklicher Ausgang, wenn er uns treffen sollte, allein Folge dieser kleinlichen Konvenienzrücksichten ist; denn in jedem anderen Punkte ist dieser Augenblick wieder ein sehr beneidenswerter für den König von Preußen! – Wenn ich aus allen den Betrachtungen, die ich anzustellen veranlaßt bin, ein Resultat ziehe, so bleibt mir immer noch die Wahrscheinlichkeit, daß in der nächsten großen Schlacht wir die Sieger sein werden, wie gering auch das Übergewicht der Gründe sein mag, um diese Hoffnung zu erzeugen, so ist es doch genug, um mich und Sie aufzuheitern. Zur Gewißheit würde diese Wahrscheinlichkeit, zur Überzeugung diese Hoffnung werden, wenn ich die Direktion des ganzen Krieges und der einzelnen Armeen nach meinem besten Wissen einrichten dürfte. So nahe liegt die Rettung Deutschlands und Europas, so gering sind die Opfer, welche man diesem heiligen, dreimal geheiligten Zwecke zu bringen hat! Dies ist nicht bloß meine Meinung, sondern es bekennen sich dazu alle Leute von Kopf und Sachkenntnis; gleichwohl kann man sich zu diesen kleinen Opfern nicht entschließen und – wenn das Unglück geschehen ist, so sucht man die Ursachen dazu in der Arche Noah auf. Diese Erscheinung setzt mich gar nicht in Verwunderung, denn sie findet sich in allen Katastrophen der Geschichte auf der einen oder anderen Seite wieder. – Ich gewöhne mich, Ihnen so häufig von diesen Dingen zu sprechen, daß ich bitten muß, mich zu schelten, wenn es Ihnen zuviel wird.

Ihren Ring trage ich mit unaussprechlichem Vergnügen, und ich darf nur daran denken, daß meine liebe Marie ihn zwölf Jahre trug, so geht eine magische Gewalt von ihm aus, die mir das Herz in seinen innersten Tiefen bewegt. O meine herrliche, teure Marie! wie liebe ich Sie, wie glücklich bin ich, von Ihnen geliebt zu werden! Noch vor wenig Monaten durfte dieses Wort nicht über meine Lippen gehen, und nur furchtsam, nicht ohne Besorgnis, gedemütigt zu werden, sprach mein Blick es aus. Endlich ist das beglückende Geständnis über Ihre Lippen gegangen, und ich habe die glückliche Erinnerung, diese Lippen in dem Kuß der innigsten Liebe berührt zu haben – wie sind seit diesem Kuß an dem Baume meines Lebens alle Zweige neu ergrünt! Könnte ich Sie noch einmal sehen, fest an mein Herz drücken! – Doch nein! ich wünsche es nicht eher, bis etwas Großes geschehen ist; vielleicht fällt mir darin ein schönes Los oder, wenn ich auch nur wie ein gemeiner Mann in der Schlacht für die Rettung Deutschlands mitgefochten habe – immer werde ich mich dann reicher und besser und der Umarmung meiner himmlischen Marie würdiger dünken, und dann nach so langer Trennung welch ein seliges Gefühl des Wiedersehens!

Paris, den 2. April 1807

Es lebt in mir keine Freude auf, die nicht sogleich von einem feindlichen Genius bekämpft würde, und kaum schwebt sie in ihrem grazienvollen Tanze auf und nieder vor meinem bezauberten Blicke, als auch schon der giftige Pfeil sie erreicht, und farbenlos und ohne Leben sinkt sie nieder. Ob dieser grausame Schütze in mir ein Sohn ist des Unglücks, dem sich die Blütezeit unseres Lebens in entsetzenvoller Ehe vermählt hat – oder ob es ein trauriger Instinkt ist, den die Natur in mir wie einen bösen Gespielen meines Geistes aufwachsen ließ – oder endlich ob es eines guten Verstandes aufmerksamer Wächter im rechtlichen Dienste ist – ich will es nicht entscheiden, aber er seht mich selbst in Zorn, wenn ich die lieblichsten Freuden plötzlich wie von einem Blitzstrahle getroffen, dahinsinken sehe.

Soissons, den 28. April

Konntest Du wohl glauben, daß ich blödsinnig genug sein würde, zu glauben, unsere Befreiung könnte von dem Ordenspalais ausgehen? Meine Hoffnung war und ist auf etwas anderem gegründet. Hast Du seitdem wohl die französische Zeitung gelesen? Blüchers Auswechslung stand in der Gazette de l'Empire, ehe wir sonst etwas davon wußten; sie hat sich bestätigt; die von uns so sehr bezweifelte Auswechslung Tauentziens ist schon vor einiger Zeit in ihr gemeldet und jetzt wahr geworden; zu gleicher Zeit liest man in ihr, daß der Prinz August auch ausgewechselt werden würde – der Schluß ist leicht gemacht. Alles dies macht zwar unsere Auswechslung nicht so wahrscheinlich, daß das Gegenteil unwahrscheinlich würde; aber es gibt doch einen schwachen Hoffnungsschimmer, und ich will den kalten Kopf sehen, der sich der Freude nicht wenigstens einige Tage hingäbe und mit Wohlgefallen alle die Bilder der Phantasie betrachtete, die durch dieses Licht aus dem Schatten der Seele hervorgerufen werden – eines der schönsten dieser Bilder ist mir der Augenblick, da ich mich zu den Füßen meiner Marie niederstürzen werde, um von ihr einen fröhlichen Abschied zu nehmen. – Warum sollte dieser Abschied auch nicht fröhlich sein? Was kann mein Los werden? ein schöner Tod, ehrenvolle Wunden, ein frischer Eichenzweig aus der Hand des zu neuem Stolze erwachten Vaterlandes – einer dieser Gewinnste muß mir doch fallen, und wenn er meinen Freunden das Herz verwundet und Tränen entlockt, sind es nicht wohltätige Tränen, und ist es nicht ein süßer Schmerz, voll Harmonie mit dem besseren Dasein? Im Unglücke wird man sich an mein Andenken wie an einen harmonisch gestimmten Freund anschließen, und im Glücke wird man mir Tränen des Dankes weihen. Die Art, wie Du Dein Urteil über mich kommentierst, hat mir gar sehr gefallen, ungeachtet ich gegen ein zu reichliches Lob schicklicherweise deprezieren sollte. Ich spreche aber nur von den Grundzügen meines Charakters, nicht von dem Schmucke, den Du mit echtem Künstlergeiste hinzufügest. Jene Krankheit der Seele, die ebenso anziehend als zurückstoßend, ebenso achtungswert als verächtlich, ebenso schön als häßlich ist, habe ich nicht, und wenn ich mich ihrer rühmen wollte, so würde ich einen Verrat an der Wahrheit, wenn ich mich deshalb anklagen wollte, einen Betrug gegen mich selbst begehen. Aber darum glaube ich doch, ein bißchen weniger leidenschaftlich könnte nicht schaden – wenigstens sind es die Vorbilder viel weniger, denen ich nachstrebe; ich sehe ein, daß man nicht aus seinem Charakter heraustreten darf, daß ich mich also vor sklavischer Nachahmung in der Handlungsweise hüten muß; indessen bleibt doch im ganzen meine Tendenz von ihnen entlehnt, und ich würde nie zufriedener sein, als wenn es mir gelänge, alle die kleinen Ausbrüche der Leidenschaft zu unterdrücken und in das große Strombette einzuschränken, was gegen die Räder der Staatsmaschine gerichtet ist, und in beständiger Gleichförmigkeit kraftvoll, aber ruhig große Empfindungen fortwälzt. – Aber leider fürchte ich für immer recht zu behalten, wenn ich den Zustand leidenschaftlicher Menschen einen unglücklichen nenne, alles hängt hier von der Zeit ab, in der man lebt, und von der unsrigen erwarte ich nicht viel Gutes, denn ich sehe, die Erfahrung des bittersten Unglücks hat uns nicht viel weiser oder besser gemacht. Ich sage besser, denn jetzt ist eine gewisse Indolenz, die in gewöhnlichen Zeiten schon ein politischer Fehler war, ein wahres moralisches Laster. – Das Theater ist jetzt aufgestellt, die spielenden Personen haben sich versammelt, in wenig Tagen wird der Vorhang aufgezogen werden. Gott, welch ein Schauspiel für uns! Welch ein Augenblick ängstlicher, sehnsuchtsvoller Erwartung!

Soissons, den 3. Juli 1807

Die Blicke, welche Du in meine Vergangenheit tun könntest, liebe Marie, würden sehr wenig zu Deiner Befriedigung und meiner Verschönerung beitragen. Nicht daß ich mir eben große Vorwürfe zu machen hätte, sondern weil mein inneres Leben, meinen stets regen Ehrgeiz ausgenommen, ein ganz gewöhnliches war, wie man es bei den meisten Menschen findet. Ich nehme davon eine einzige kurze Epoche aus. Als wir uns im Frühjahr 1795 vom Rheine nach Westfalen wandten, wurden wir in der Grafschaft Tecklenburg usw. in sehr weitläufige Kantonierungen verlegt, in welchen wir bis zum Frieden stehenblieben. Die dortigen Dörfer sind so gebaut, daß jeder Landmann sein Eigentum um sein Haus versammelt hat, oder vielmehr, es gibt dort keine Dörfer, und die ganze Population des flachen Landes ist in solchen Patriarchensitzen über das ganze Feld hin zerstreut. In einem solchen Hause wohnte ich drei bis vier Monate allein unter einer Bauernfamilie. – Mit einem Male dem Schauplatze des Krieges entzogen, in die Stille des Landlebens in seiner ganzen Bedeutung versetzt, fiel der Blick das Geistes zum ersten Male in mein Inneres. Wir waren in der Nähe von Osnabrück; man konnte dort Bücher haben; ich fing an zu lesen und zufällig fielen mir einige Illuminatenschriften Illuminaten nannten sich verschiedene Gesellschaften in Deutschland, Frankreich und Spanien zur Verbreitung politischer und religiöser Aufklärung, Sie haben zur Herbeiführung der Französischen Revolution mit beigetragen. Zu ihnen gehörte auch der Meister des guten Tons, der bekannte Schriftsteller Frhr. v. Knigge. und andere Bücher über die Perfektibilität Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen. in die Hände. Da wurde mit einem Male die Eitelkeit des kleinen Soldaten zu einem äußerst philosophischen Ehrgeize, und ich befand mich damals der Schwärmerei so nahe als die Natur eines Geistes dies erlauben wollte, der überhaupt keine starke Tendenz dazu hat. Wäre indessen diese Glut in mir besser unterhalten und benutzt worden, so würde ich vielleicht um ein gutes Teil besser geworden sein als ich bin. – Bald darauf in einer kleinen Garnison eingezwängt, von lauter prosaischen Erscheinungen und Naturen umgeben und bearbeitet, zeichnete sich mein Dasein durch nichts von dem besseren Teile meiner Kameraden, d. h. von immer noch sehr gewöhnlichen Menschen aus als durch etwas mehr Neigung zum Denken, zur Literatur und durch militärischen Ehrgeiz, den einzigen Überrest des früheren Schwunges. Indessen war auch dieser mehr hinderlich als heilsam in meiner inneren Ausbildung, solange es kein Mittel zu geben schien, ihn zu befriedigen. Als ich aber im Jahre 1801 nach Berlin kam und sah, daß geachtete Männer es nicht für zu geringfügig hielten, mir die Hand zu reichen, da war die Tendenz meines Lebens mit einem Male in Übereinstimmung mit meinem Tun und Hoffen. Ich habe seitdem stets gesucht, mir eine vernünftige, große und praktische Ansicht des Lebens und seiner Beziehungen auf die Erdenwelt zu verschaffen, wovon Du die wichtigsten Resultate kennst. Ich habe mich selbst mit meinem Stande, meinen Stand mit den großen politischen Ereignissen verglichen, welche diese Welt regieren, und dadurch bestimmt erkennen gelernt, wonach ich zu streben hätte. Manche meiner Ansichten habe ich seitdem wieder aufgenommen und vorzüglich hat sich meine Empfindungsweise wieder jener ersten Epoche genähert, insofern die Beschäftigung mit großen Ereignissen und großen Ideen das Gemüt überhaupt erhebt und veredelt. So bin ich bis in mein siebenundzwanzigstes Jahr herangewachsen, ein Stück- und Flickwerk, und eben darum ein sehr unvollkommenes Werk. Die Fortschritte zur inneren Übereinstimmung hätten mich, wenn nicht glücklich, doch ruhig machen sollen, aber es ist nicht genug, daß man im rechten Wege sei, sondern es ist auch wesentlich, anzukommen, und bei der Spanne Zeit, die uns hier auf Erden zugemessen ist, heißt langsam gehen oft soviel als gar nicht gehen; überdem bin ich einer von den Menschen, die sich viel mit der Zukunft abgeben und darüber der Gegenwart selten recht froh werden; dazu kam eine etwas alberne bürgerliche Existenz, und endlich in den letzten Jahren die unglückliche Lage unseres Vaterlandes und der Geist der höchsten Erbärmlichkeit, der auf alle Menschen von oben herabdrückt. Ach, alles das war mehr als hinreichend, um auch den friedlichsten Menschen aus seinem Gleichgewichte zu bringen, und den herrlichen Einfluß zum Teil wieder in seiner endlichen Wirkung zu zerstören, den eine andere Erscheinung um diese Zeit auf mich hatte.

Coppet, den 5. Oktober 1807

Nirgends weiß ich Trost zu finden, denn Trost ohne Erhebung gibt es nicht, und auf welchen Gegenstand dieser Welt soll man den Blick richten, um sich erhoben zu fühlen? Sollen wir aus der entehrenden Gegenwart in die ruhmvollere Vergangenheit fliehen? Ich kann mich damit nicht begnügen, daß unsere Urgroßväter ehrenfeste Männer waren und dafür galten; das ist es ja, was unsere Schande auf uns, auf unser Geschlecht und jedes Individuum desselben wirft; jedes Lob, was man ihnen erteilt, ist ein Hohnspruch mehr auf uns ausgestoßen. Übrigens weiß ich recht gut, was es mit der Größe oder Niedrigkeit der Nationen zu bedeuten hat und daß diese großen Massen durch wenige wirken und sich darstellen; aber wenn die unsrige auch wirklich alle Kraft besitzt, welche die jetzigen Zeiten noch zulassen, und, wenn die Zeiten kräftigerer Geschlechter auch wirklich noch manches Jahrhundert weiter zurückliegen, als man gewöhnlich glaubt, so kann mich das alles nicht trösten; denn was einem Individuum oft zureichend ist, das Selbstbewußtsein, will bei einer Nation gar nichts sagen; diese muß frei und gefürchtet leben; ohne diese Bedingung wird das Selbstbewußtsein, wenn es ja nicht bloß in den einzelnen, sondern in der ganzen Nation vorhanden wäre, sehr bald verschwinden. Aber dieses Selbstbewußtsein fehlt uns obendrein. Die meisten sind freilich noch nicht bis zu der letzten Stufe selbsterniedrigender Demut hinabgestiegen, wo man den Glauben an sich selbst verliert; die meisten achten sich selbst noch; aber daß sie auch in anderen ihr deutsches Blut achten und, Vertrauen auf sie setzend, den Nationalstolz in sich nähren sollten, davon sind sie weit entfernt. Das Bewußtsein unseres Nationalwertes kann mich also über den gegenwärtigen Augenblick nicht trösten; denn einmal wird es uns kein Mensch glauben, solange wir unter fremdem Joche leben; zweitens teile ich dies Bewußtsein mit keinem oder doch nur mit wenigen in der Nation, und es ist also auch nicht einmal ein Nationalstolz da. – Soll ich den Blick auf die Zukunft werfen? Die nahe verspricht keine Rettung und die entferntere eine höchst Ungewisse. Von einem höheren Standpunkte aus befriedigende Ansichten wahrzunehmen, gelingt mir ebensowenig, und sehr verschieden vermutlich ist das Resultat meiner Betrachtungen von dem Briefe, dessen Du erwähnst. Über diesen Gegenstand erlaube mir mich auszusprechen.

Ich klage nicht die Vorsehung an über das Schicksal der Menschen und Nationen. Ich sehe ein, daß wir nichts von ihrem Plane erkennen, oder wenigstens nicht alles, und daß wir also kein Recht haben, sie anzuschuldigen. Aber eben deswegen kann sich unser Herz nie von den Geschlechtern abwenden, die wir in Jahrhunderten durch das Leben gebeugt und mühevoll ziehen sehen, um sich im Glauben zu beruhigen; selbst unser Verstand kann sich nicht ganz von dieser Erde ab- und dem Himmel zuwenden; und weder unser Herz noch unser Verstand sollen das. Wodurch wollte die Vorsehung die Welt regieren, wenn es nicht durch unseren Schmerz und unsere Freude wäre? Dürfen wir also wohl jene in ein dumpfes Hoffen auflösen? Gerade das Maß von Verstand und Wissen, denke ich mir, was uns der Himmel verliehen hat, sollen wir unaufhörlich auf den Wirkungskreis unseres Lebens richten, und, von ihm geleitet, soll sich die Kraft unseres Herzens ergießen in Schmerz und Lust.

Die Religion soll unseren Blick nicht von dieser Welt abziehen; sie ist eine himmlische Macht, die in den Bund tritt mit dem Edlen dieses Lebens, und mich hat noch nie ein religiöses Gefühl durchdrungen und gestärkt, ohne mich zu einer guten Tat anzufeuern, zu einer großen mir den Wunsch, ja selbst die Hoffnung zu geben. Hierauf gründe ich meine Rechtfertigung, wenn ich meinen Blick von der Erde, von der Profangeschichte nicht abwenden kann und mit den Gefühlen meines Herzens den Resultaten meines schwachen Geistes huldige.

Jetzt ein paar Worte über meinen Aufenthalt hier. Die Gegend des Genfer Sees gehört zu den schönsten in der Welt und ist auch in der Schweiz einzig in ihrer Art. In meinem Tagebuche habe ich mich aller Beschreibungen soviel als möglich enthalten und zuweilen gar getadelt, daher kann ich mir nicht versagen, hier ein paar Pinselstriche zur Ehre dieser schönen Natur zu tun. Zwischen dem Jura und der großen Masse der Schweizer Alpen zieht sich bekanntlich in der Richtung von Nordosten nach Südwesten ein breites Tal, ein Bild des gelobten Landes an Fruchtbarkeit und Anbau. In der Mitte liegt der Genfer See, der mit seiner himmelblauen Spiegelfläche fast die ganze Breite des Tales einnimmt, so daß an beiden Seiten nur einige Stunden flaches Land übrigbleibt. Von Coppet aus übersieht man den See seiner ganzen Länge nach auf der einen Seite bis Genf, auf der anderen fast bis da, wo aus dem allergeheimsten Winkel der Erde, von den Pforten, aus den Wohnungen ewiger Nacht der Fluß Rhodan seine Fluten hervorwälzt (Gesch. d. Schw.), nach dem Ausdrucke derer, welche zuerst die Schweiz vom Jura aus sahen. Und wie ein Garten ist das Land zu schauen, sagt Wilhelm Tell seinem Sohne vom Elsaß, und ich gehe nie spazieren, ohne mir dies von der hiesigen Gegend zu wiederholen. Kein Fleck einer Handbreit findet sich unangebaut, alles ist eingehegt mit grünen, lebendigen Hecken; die häufigen Weinfelder, wo der Wein nach italienischer Weise in Festons aufgebunden ist, vermehren die Zierlichkeit des reichen Anbaues. Von der wunderbaren zarten Beleuchtung der weißen Alpenhäupter und vor allem des Wasserspiegels in diesen schönen Herbsttagen wage ich nicht ein Wort zu sagen; der Landschaftsmaler kennt die Schwierigkeit, welche hier der Pinsel findet; wieviel mehr die Feder. Wie die üppige Kraft der Natur hier alles bevölkert, gewahrt man in der Schar von Vögeln, welche auf allen Wegen dem einsam Wandelnden zu frohen Begleitern dienen. Die Lerchen rufen, als wollten sie im süßen Betruge der schönen Sonnentage, die uns beglücken, einen zweiten Frühling verkünden; fast alles ist hier noch so grün und selbst in der Fülle des Lebens, daß den kleinen Tierchen die unschuldige Täuschung wohl verzeihlich ist; denn selbst der Mensch gibt sich diesem süßen Wahne hin, und ich weiß, daß auch die traurigsten unter ihnen zuweilen einen beruhigenden, erleichternden Strahl dieses so freundlichen Lichtes in die dunkle Brust einsaugen.

Die Menschen sind wirklich hier, wie Du sagst, noch Halbfranzosen und ähnlich jenen, die Du in Deinem Briefe nennst; indessen hab' ich so wenig Verkehr mit ihnen, daß es mir weiter nicht unangenehm auffällt; ohnehin komme ich ja aus Frankreich und bin also froh, es nur mit halben anstatt ganzen Franzosen zu tun zu haben. Frau v. Staël ist eine Frau von vieler Phantasie und einer entsetzlichen Reizbarkeit des Gefühls, die in Deutschland begierig den deutschen Geist eingesogen hat und ganz davon beseelt ist; im übrigen ist sie ganz Französin. Das heißt also: Alles was sie mit Nachdenken spricht und aus dem Innersten ihrer Seele schöpft, atmet deutschen Geist; dagegen fehlt ihr in den leichten oberflächlichen Berührungen des Geistes und in den äußeren Sitten durchaus die stille, sanfte Würde deutscher Weiblichkeit, die mir an den Frauen Bedürfnis ist, wenn sie mir als Frauen interessant sein sollen. Bei der Frau v. Staël fällt mir dies weniger unangenehm auf, weil sie fast beständig über Gegenstände der Literatur spricht und also immer in Berührung mit ihrer vorteilhaften Seite setzt. Es macht mir Vergnügen, unter fremden Menschen dem deutschen Genius, dem deutschen Gefühle so aufrichtig huldigen zu sehen. Sie ist eigentlich durchaus ein Zögling von Schlegel Der Dichter August Wilhelm von Schlegel, geb. 1767 bekannt durch Übersetzungen Shakespeares und Calderons, auch bedeutend als Kritiker der Literatur, war jahrelang der Begleiter der Frau von Staël. und hat wenigstens alles Gute seiner Ansichten. Sie ist fast beständig in Diskussionen begriffen, doch macht nicht leicht jemand eine geistreiche Bemerkung, ohne daß sie innehält und ihr Vergnügen ausspricht; diese Empfänglichkeit des Geistes macht ihren Umgang vorzüglich angenehm. Mir ist sie vorzüglich gewogen, ich weiß nicht recht warum. Schlegel liest mir hin und wieder von seinen Sachen etwas vor und macht mir dadurch großes Vergnügen; unter anderem hat er mir gestern aus seiner Übersetzung des Calderon ein noch nicht ganz gedrucktes Stück – ich glaube, der Titel ist: der gefangene Prinz Das bedeutendste von Calderons 120 Dramen: »Der standhafte Prinz«, von Goethe in der Schlegelschen Übersetzung auf die deutschen Bühnen gebracht. – vorgelesen, was mir ein unbeschreibliches Vergnügen gewährt hat. Seiner Ansicht komme ich übrigens dadurch gar nichts näher und den Poesien seines Bruders kann ich auch keinen Geschmack abgewinnen; doch sind manche schöne Sachen darunter. Unter anderem bitte ich Dich, wenn Du den » Dichtergarten«, eine von Hardenberg Der jüngere Bruder Karl des unter dem Namen Novalis bekannten Dichters Friedrich von Hardenberg. unter dem Namen Rostorf herausgegebene Sammlung von Gedichten haben kannst, ein Sonett von Friedrich Schlegel Der jüngere Bruder Wilhelms, Dichter und Literaturhistoriker, Verfasser des Romans »Lucinde«. Beide Schlegel gelten als Häupter der »romantischen Schule«. zu lesen, was » Das Sinnbild« heißt. Mehr hat mich noch nie etwas wehmütig ergriffen. Nichts liebe ich an Wilhelm Schlegel mehr als seinen warmen Patriotismus; er ist ein solcher Original-Deutscher, wie man ihn sich nur vorstellen kann, und das gibt unter lauter Franzosen eine oft drollige, nie aber würdelose Erscheinung. Frau v. Staël nennt uns par excellence »Les deux Allemands«, worauf wir beide sehr stolz sind; auch lassen wir es uns nicht nehmen, bei Tische nebeneinander zu sitzen. – Du wirst nun eine ziemlich deutliche Vorstellung haben von den Annehmlichkeiten meines hiesigen Lebens; aber Du wirst auch leicht einsehen, wie wenig ihr leichter Gehalt hinreichend ist, mich zu trösten. Ich fühle mich vielmehr so unglücklich hier, daß ich außer mir vor Freude sein würde, wenn die Pässe ankämen; denn das nächste Bedürfnis ist doch, aus fremder Gewalt zu sein.

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