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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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Theodors Tod

Der »Fall Theodor« ist ein Schulbeispiel für den tragischen Kampf des Fleisches wider den Geist, ist die Geschichte des durch politischen Fanatismus gehemmten Geschlechtslebens. Theodors Fleisch war willig, aber der Geist war schwach.

Wesen und Ziel seiner Politik, für die er sich des öfteren tollkühn und rücksichtslos einsetzte, konnte allerdings noch niemand enträtseln, da er immer eine eigene Meinung hatte, nicht aus Überschätzung seiner Persönlichkeit, sondern aus Demut vor ihr. Er war Führer und Trommler, Masse und Sturmtrupp, alles in einer Brust, und hielt jedes Jahr mit sich selbst Parteitag, leider unter Ausschluß der Öffentlichkeit. So steht also nur fest, daß er alle Parteien, Fahnen, Vereinsabzeichen, sowie Thron und Altar, Republik und Mussolini, Locarno und Komintern mit einem Hasse verfolgte, der selbst einen Großinquisitor sicher ans Reichsgericht befördert hätte.

Dieser sein infernalischer Haß raubte ihm aber die Manneskraft, bereits in den besten Jahren. Er brach seinen Trieb, wie der Tod Augen bricht.

So saß er eines Abends mit Klara im Kino und je oberflächlicher er den Film beäugte, umso hurtiger schien sich eine innere Harmonie zwischen ihr und ihm herauszukristallisieren. Zu guter Letzt war ja der arme Teufel Theodor, wie jeder andere seiner Art: seine Liebe war Sehnsucht nach Romantik und Wille zur Sachlichkeit. Seine Romantik war Sehnsucht nach Sachlichkeit und seine Sachlichkeit war Wille zur Romantik. – – –

Nun gehörte aber Klara zu jenen Mädchen, die selbst bei völliger Auflösung ihres Ichs, es nicht vergessen können, daß ihr Bruder im Weltkrieg Leutnant gewesen war. Plötzlich, mitten im Kristallisationsprozeß, hub sie an begeistert zu applaudieren. Theodor fuhr empor: da! Dort! über die Leinwand schritt er, ER und nochmals ER! Fridericus, die Briefmarke! Da war es aus. Restlos aus. Das Verlangen verkroch sich in bittere Gleichgültigkeit, ja Abscheu und Ekel, wie die erschreckte Schnecke ins Haus. Die Felle schwammen zu Tal.

Und drei Tage später, diesmal mit Anna: wieder Applaus! wieder brutale Vernichtung zartester Triebe, nur diesmal statt durch »Panzerkreuzer Stingl« durch den »Reichspostminister Potemkin«! Aber fünf Tage später: endlich, endlich! Theodor in Weißglut durch das Lächeln der lenden- und schenkelschönen Frau Bloch: »Madame! Ich möchte mit Euch in einem melancholischen Parke spazieren, aber wir müßten uns in einem Urwald verirren und mitten im Zwielicht des Dickichts müßte ein breites weiches Bett uns entgegenkommen, und kaltes warmes fließendes Wasser, Löwen und Papageien, und ein Zimmerkellner, gütig wie Großpapa, eine lieblich schizophrene Landschaft, fern von Külz!« »Pardon, Theodore! Kein Wort contre Külz! Ich liebe Külz!«

So geschehen im Jahre des Schmutz und Schundes.

Es liegt auf der Hand, daß diese ständigen Pyrrhussiege des Geistes über das Fleisch zur Vernichtung beider führen mußten. Ich will hier aus Raummangel meiner Gestaltungskraft kurz nur die Schlußszene darbieten. Die ersten Akte pflegen ja meistens auch ihren besonderen Reiz zu haben, aber die der Tragödie »Theodors letzte Liebe« sind uninteressant. Zwar könnte sie ein einfallsreicher Regisseur mit allerlei Kniffen schmackhaft würzen, da ich aber ein schlechter Regisseur bin, nicht weil ich keine Einfälle habe, sondern aus mangelnder Ehrfurcht vor dem Dichter, lasse ich sie aus Liebe zum Publikum weg.

Also:

Theodor (führt Gretchen auf sein Zimmer):

Still, Liebste, still! Die Götter sind so neidisch – – nein, ich bin nicht verrückt, ich fürchte mich nur – – still! Nenne mir nicht mal deinen Namen, er könnte mich an Entsetzliches erinnern! Ich will in dir das Prinzip – – Zieh dich aus! Nur rede nichts, rede nichts, du kriegst deine fünf Mark! Hier – – – Ha, das Weib! Weißt du, wer so viel Enttäuschungen erlitt, der sehnt sich nach taubstummer Liebe – – – Hernach, Weib, hernach! Dann kannst du reden was du willst, wie du willst und solange du willst – – (Er setzt sich und sieht ihr zitternd zu, wie sie sich entkleidet; aber plötzlich verfärbt er sich, schnellt ruckartig empor und lallt idiotisch: ihr Hemdchen ist schwarzweißrot eingesäumt, auf dem Büstenhalter funkeln zwei Sowjetsterne, die Kokarde am Strumpfband leuchtet schwarzrotgold und die, etwas altmodischen, Spitzen des Höschens sind nach Hakenkreuzmanier gehäkelt; er wankt, faßt sich an Kopf und Herz und bricht zusammen. Kombinierter Gehirn- und Herzschlag. Vorhang. Schlußmarsch.)

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