Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ödön von Horváth >

Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
Schließen

Navigation:

Amazonas

Eine romantische Novelle

Die christliche Welt schrieb das Jahr 1544, als der Seefahrer Orellana mit den Seinen, fern von Portugal, den Para-Fluß überquerte. Dort kam ihm die Kunde aus dem Norden von einem gigantischen Strome, der scheinbar ohne Ursprung breit und tief wie das ferne Meer, und den die Indianer »Amassona« nannten (welches Wort in ihrer Sprache »Bootzerstörer« bedeutet). Aber Orellana deutete falsch und glaubte durch Zufalls Gnade endlich vor den Toren jenes sagenhaften langegesuchten Reiches der kriegerischen Weiber zu sein und taufte das Riesenwasser »Rio des Amazonas«.

So berichtet die Geschichte.

Und nur ein einziges Schreiberlein erwähnt so nebenbei als Randbemerkung, daß in der folgenden Nacht, nachdem die Zahl der Wachen um das Lager verdoppelt worden war, Orellana zweie seiner tapfersten Mannen, und zwar den jungen Offizier Señor Manuelo de los Cascados und dessen holländischen Knappen, einen ergrauten Landsknecht namens Ludewig gen Nordwesten sandte, die nicht mehr zurückkehrten – – –

selbst da die Lagerfeuer schon im Sterben lagen und durch den nahen Urwald schüchtern und rosagrau des neuen Tages erstes Atmen flog. Fröstelnd und bleich trat Orellana aus schlafloser Nacht, in der er die Ewigkeit gähnen sah, vor sein schwarzes Zelt; und als es rot am Horizonte ward, da zog er aus um die beiden Freunde, von denen er hoffte, daß sie sich doch nur verirrt hätten, wiederzufinden. Vergebens. Und als wieder eine Nacht vorbei, ließ er den Priester die Totenmesse lesen – – – denn nun schwor er jeden Eid, daß die Zwei von den Amazonen niedergemetzelt worden waren.

So berichtet das Schreiberlein.

Und fügt naseweis und wichtigtuend sogleich noch hinzu, daß die Verschollenen unter gar keinen Umständen von »sogenannten Amazonen« getötet werden konnten, da ja »ein Volk von Weibern ohne Männer einfach undenkbar« und deshalb wohl »nie ein solches gab und auch nie geben wird. Daher seien die Zwei wahrscheinlich der Riesenaffen Opfer geworden.«

Jedoch ich sprach einmal in eines kleinen Bahnhofes Wartesaal jemanden (es war ein trüber Novembernachmittag) der weder die Ansicht Orellanas noch die des Schreiberleins teilte, sondern fest behauptete, daß der Señor und Ludewig tatsächlich in das Reich der Amazonen gelangt seien; und erzählte mir unaufgefordert all ihre wunderlichen Abenteuer, wie er sie einst von einem alten Eingeborenen am Oberen Amazonas hörte, der sie wieder von seinem Großvater hörte – – – – – – und, wenn sich auch vieles in puncto Wahrheit nicht gerade genau nachprüfen läßt, so bleibt dies doch eine eigenartige Geschichte und ich hoffe, ja ich glaube sogar, niemanden zu belästigen, wenn ich mir erlaube, sie hier wieder zu erzählen, so, wie ich sie von dem Unbekannten vernahm, dem ich einmal begegnet bin.

Es war eine helle Nacht, da die beiden Männer die ihren verließen. Wenige Worte waren der Abschied gewesen, dann sprangen ihre Mähren über den weichen Moorboden und nur einmal noch wandte sich der Señor im Sattel um: Orellana hob stumm die Hand – – – dann waren die Reiter verschwunden.

Und vorbei am letzten Posten rasten sie bereits; selbst Ludewig, dessen schwerer Schecke doch niemals Schritt hielt mit Manuelos Rappen, hörte nur mehr den halben Ruf der Wache – – – die andere Hälfte flog an den kärglichen Resten seiner linken Ohrmuschel entlang über die kleine Steppe und rief sich selbst zurück aus dem Wald: als wär sie ein Schalk gewesen.

Doch da der Señor jene Stelle erreichte, war sie verklungen. Unheimlich still, wie ein Heer schlummernder Riesen, umstand sie der Wald und langsam durch tückische Ranken zwangen die Zwei ihre Rosse zwischen die uralten Stämme, die mit unzählbaren Ästen die Sterne vom Himmel zu schaben schienen.

So schwand Stunde um Stunde und noch immer ritt zu ihrer Seite das Schweigen. Nur einmal riß der Señor sein Pferd zum Stand und spähte fast ohne zu atmen nach einem nahen Sumpfe – – – dort drüben in dem Dunste hatt er einen Schatten mit Speer zerfließen sehen, doch – – – »nichts!« knurrte Ludewigs Knebelbart und indem er sein Tier wieder weiter trieb, gab er kund, wie sehr er alle Weiber verwünschte – – – da schnaubte der Rappe und auch des Holländers Schecke bäumte sich hurtig hochauf.

»Hölle!« zischte der Landsknecht und folgte ungewollt seinem Herrn, der flugs aus den Bügeln zu Boden gesprungen war.

Da standen sie nun am Rande einer Lichtung und starrten auf einen Baum, dessen Krone sich mächtiger wölbte, wie die Kuppel Sankt Peters zu Rom, und von dessen dunklen Holze der Nachtschein eine weiße kopfabwärts gehenkte Gestalt fast durchsichtig abhob.

Es war dies die Leiche eines nackten, gefesselten Jünglings, der, nachdem ihm des kleinen Gottes Werkzeug an der Wurzel abgebissen worden war, an den Knöcheln erhenkt verbluten mußte.

Bleich vor Grausen wandte sich Manuelo von dem geronnenen Blute, dessen Spur über den Nabel in den Mund floß; und Ludewig spuckte bombastisch aus und verdammte alle Weiber in jenes Land, in dem der Mannsleut Glieder Fischschuppen zieren.

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.