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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 25
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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Wer den Pfennig nicht ehrt,
ist des Talers nicht wert

An der Ecke drüben standen zwei volle Jahre über drei Nutten. Die eine hieß Annie und hatte sehr schlechte Zähne, die zweite war eine gewisse Frau Müller aus der Rosengasse und die dritte hieß Frieda und das war die schönste. Sie hatte einen direkt stolzen Gang und einen harmonischen Hintern – sie hatte etwas Königliches an sich und dies konnte sie sich ruhig leisten, denn sie hatte ein Fluidum. Sie war die anspruchsvollste unter den dreien; sie schwärmte für Kino und führte überhaupt ein selbständiges Leben, ohne Freund. Sie brauchte keinen Menschen. Es mußte einer schon ganz pleite sein, um ihr widerstehen zu können. Sie wußte das auch und tat darnach.

Einmal fragte sie die kleine Erna, warum sie keinen Freund habe, und das fiele doch schon regelrecht auf, und dabei lächelte die kleine Erna gewollt unschuldig. Aber die Frieda sagte ihr, wenn sie sich auf jemanden konzentrieren täte, käme sie nie zu sich selbst. So muß sie ja nur mal einen kleinen Spaziergang machen oder sich mal zuhause still auf das Sofa setzen und schon ist sie bei sich. Sie bemitleidet sich dann selbst, lächelt sich selbst an, sagt sich selbst »Guten Tag, guten Morgen und gute Nacht« usw. So ungefähr hatte sie das der kleinen Erna erklärt.

Die Frieda hatte immer Glück mit ihren Kavalieren, das heißt natürlich nur in geldlicher Beziehung. Sie hatte wie gesagt ein Fluidum und sie machte aus ihrem Fluidum ein Geschäft. Aber einmal kam sie an den unrichtigen, der hatte sie dann entsetzlich verhaut und sie mußte sich direkt legen, bekam eine Narbe und mit der Zeit dann hörte auch das Fluidum auf. Sie versuchte zwar die Narbe zu überschminken, aber das sah dann noch gräßlicher aus, die Leut meinten, weiß Gott was. Sie war eben gezeichnet. Die Geschichte geht so weiter: Es kam mal ein Reisender, ein gewisser Neuhuber. Der Neuhuber war ein Familienvater, ein tüchtiger Verkäufer, aber leider in sexueller Hinsicht ziemlich hemmungslos. Auch konnte er sich in dieser Beziehung nicht beherrschen und hatte eine Schwäche für jede Prostituierte. »Ich lieb halt diese Atmosphär«, pflegte er sich zu entschuldigen.

So kam es, daß er fast in jeder Stadt mit einer Prostituierten verschwand, hernach aber sich damisch ärgerte, wieviel Geld daß er wieder ausgegeben hat, sich irgendwo hinsetzte, an seine Frau eine liebe Karte schrieb und die Kinder grüßen ließ und sich besoff.

Eines Tages nun traf er Frieda und schon war es um ihn geschehen. Droben auf ihrem Zimmer bekam er aber plötzlich Gewissensbisse, es fiel ihm ein, daß seine Frau ihm geschrieben hätte, daß sie dringend zum Zahnarzt muß, sie hat so Schmerzen und der Zahnarzt verlangt eine Vorauszahlung von zwanzig Mark. Er besaß nur mehr zehn Mark und die sollte er nun hier los werden? Nein, nie. Er bot der Frieda drei Mark – die Frieda stand vor ihm, sah ihn langsam an mit einem ungeheuer vernichtenden verachtenden Blick und sagte: »Gehen Sie.«

Er ging aber nicht, sondern bekam plötzlich eine heillose Wut über seine Frau. »Warum tun der auch grad jetzt die Hauer weh!« dachte er wütend und schrie die Frieda an: »Weißt du, wie lang ich arbeiten muß, um drei Mark zu verdienen?! Ich verdien mein Geld auf ehrliche Weise! Drei Mark ist viel Geld, du Schlampen!«

»Drei Mark ist Mist«, sagte sie. »Um drei Mark tu ich das nicht.«

Der Neuhuber suchte sie zu überreden: »Auch vor drei Mark müsse man eine Achtung haben.«

»Verlassen Sie augenblicklich mein Zimmer, Herr«, sagte die Frieda auf hochdeutsch und sah ihn maßlos gehässig an. Da konnte er sich nicht mehr halten und gab ihr mit seinem Schlüsselbund einen Schlag ins Gesicht. Die Frieda fing furchtbar an zu schreien, aber er entkam.

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