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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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Emil

Er war Stammgast in jenem Café, in das ich mich eines Abends verirrt hatte und das ich dann nie wieder betrat, denn es stank nach Literatur und sauerem Schweiß. Seinen Namen habe ich vergessen, aber ihn selbst würde ich sofort wiedererkennen, obwohl nun schon einige Jahre seit eben jenem Abend, an dem wir uns getroffen hatten, vergangen sind.

Damals sprachen wir über Kunstprobleme, das heißt: er öffnete alle Schleusen seiner Dialektik und ich hörte zu. Er sprach über Lyrik, obwohl er doch merken mußte, daß ich nichts davon verstand, und schielte dabei fortgesetzt auf mein Käsebutterbrot, daß mir der Brocken im Rachen stecken blieb. War dies Schielen eine Bosheit für die man noch Verständnis haben konnte, eine Bosheit aus Verärgerung: sich trotz seiner geistigen Überlegenheit kein Käsebutterbrot leisten zu können – so war das Gerede über Lyrik eine glatte Gemeinheit. Denn dadurch, daß ich ihn nicht verstand, setzte er mir ja ständig auseinander, in vorwurfsvollem Tone, daß er mehr sei, als jemand, der sich ein Käsebutterbrot leisten könne, obwohl er selbst sich keines leisten konnte. Eine Gemeinheit diese Selbstbeweihräucherung, indem man einem Menschen den Appetit verdirbt, nur weil er nichts von Lyrik versteht, und man selbst kein Käsebutterbrot fressen kann!

Doch heute will ich nicht schimpfen, heute nicht! Man soll nichts Böses über Tote sagen. Soeben erhielt ich nämlich die Nachricht, daß er gestorben sei.

Ich habe seinen Namen vergessen – aber nun will ich seiner gedenken, und so werde ich ihm der Deutlichkeit und Bequemlichkeit halber einen Namen geben, einen Namen, den meines Ermessens dieser traurige Kunde hätte tragen müssen, wenn er ihn nicht getragen hatte, nämlich den Namen Emil.

Es gibt viele Emils. Und jene unter ihnen, die meiner Menschenkenntnis trauen, sollen sich damit trösten, daß ihr Name nur tückischer Zufall ist, daß sie von rechtswegen Alexander, Hermann der Cheruskerfürst, Sardanapal oder Moritz heißen müßten.

Mein Emil war von knabenhaftem Wuchse und wenn man den Kopf nicht berücksichtigte schien er ein altgriechischer Jüngling in den Flegeljahren zu sein, aber mit Kopf war er eine Kaulquappe. Ohne ein Wasserkopf zu sein, war er doch viel zu schwer.

Ansonsten hatte Emil Sommersprossen, Pickel auf Stirn, Nase und Kinn, finstere Fingernägel, altmodische Halbschuhe und eine einzige Krawatte. Diese Krawatte war so unwahrscheinlich dünn, so ausgedörrt und abgemagert, als irrte sie ständig durch Wüsten ohne Wasser und hätte bereits als Säugling gefastet. Und zerfranst war sie und schlecht gebunden auch. Eine richtig traurige Krawatte, verschlampt und verkommen, einsam und sentimental.

Sie hätte Emils schwache Schwester sein können, gewisse unableugbare Familienähnlichkeiten waren vorhanden, nur daß Emil nicht zur Zierde geboren worden war, sondern zu Höherem ausersehen sich dünkte. Kraft hierzu fühlte er in sich. Eine Kraft, die ihn aufhorchen ließ.

Sonst horchte niemand. Keiner, außer er selbst, sah den Unterschied zwischen Krawatte und Emil. Ja, man verwechselte sogar die beiden miteinander, und dies nicht nur aus Unfähigkeit zu formulieren. Und die Frauen, die sahen überhaupt nur die Krawatte.

Kein Wunder also, wenn das Kapitel »Emil und das Weib« zerfahren, zergrübelt, gestammelt, asketisch und arrogant, schwülstig und verzweifelt wirkt. Denn zu guter Letzt war doch der arme Teufel Emil genau wie all die anderen seiner Art: wenn der Nachbar fehlte, der das Käsebutterbrot verzehrte, so konnte er also auch keine Gespräche über Lyrik führen. Dann stierte er in die Ferne, seinem Horizont entlang, und zumeist blieb sein Auge an dem ihm räumlich zunächst befindlichen weiblichen Wesen kleben. Denn kurzsichtig war er auch.

Aber sie sah nur die Krawatte. Gestern, heute, morgen. Und entschwebte dem Café, wie ein sogenannter Traum. Armer Emil! Jetzt, wo du unter dem Rasen verwest und die Krawatte im Mülleimer liegt, jetzt wird man euch unterscheiden können, und jetzt werden die Frauen nur dich sehen. Und werden sagen: Emil war ein großer Mann. Schon aus Pietät.

Vielleicht, nur weil du solch eine fadenscheinige Krawatte trugst. Wahrscheinlich sogar.

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