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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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[Das Cafe, in dem Michael Babuschke saß]

Das Cafe, in dem Michael Babuschke saß, lag in dem Eckhaus Steinstraße und Lindenstraße. Erstere war eine rege Geschäftsstraße, zweite eine kurze Sackgasse, die an einem hohen Bretterzaun mit Drahtverhau jäh mündete. Hinter diesem Bretterzaun breitete sich, mitten in der Stadt, ein großer Privatpark aus, mit vornehmen Statuetten, der ursprünglich von einem Fürsten erbaut worden war, jetzt aber einem Bankier gehörte, namens S. I. Goldmann. Ein Mann, der sich nach einer aufreibenden, hastenden Börsentätigkeit einem geruhigen Lebenswandel annahm. Er bewohnte das Barockschlößchen, unterstützte die Wissenschaft. Ehrendoktor verschiedener Fakultäten, verstand er zwar nichts davon, aber er baute der Universität ein Untersuchungsinstitut.

Die Steinstraße hatte 57 Häuser und rund 800 Wohnungen, in denen etwa 4000 Menschen wohnten. In den letzten zwei Jahren waren 27 geboren worden und 45 gestorben. Drei davon auf gewaltsame Art. Ein Dienstmädchen hatte ihr neugeborenes Kind erwürgt und in einer Pappschachtel über den Bretterzaun in den Park geworfen, ein junger Mann wurde von der Straßenbahn erfaßt und geschleift und eine alte Frau wurde von einem Auto, dessen Chauffeur betrunken war, überfahren. Der junge Mann war eben aus dem großen Kino gekommen, und wollte rasch über die Straße, weil er dort ein hübsches Mädchen erblickte. Die alte Frau, eine Witwe, wollte eine Freundin besuchen, ein altes Fräulein, das sich vom Sprachenlernen ernährte, die aber bessere Tage gesehen hat. Von ihrem Fenster aus konnte sie auf den Park sehen.

Vor zwanzig Jahren noch, war diese Gegend eine vornehme, die Leute fuhren mit Pferdedroschken hinaus, und es gab kaum ein Geschäft. Aber die Vornehmen sind alle fort, haben sich weiter draußen hingesetzt, und diese Straße wurde eine rege Geschäftsstraße, die Etappe der vornehmen Villenviertel. Heute fuhr die Trambahn durch mit entsetzlichem Gekrache und Getöse. Es waren fünf Linien, die nach auswärts führten.

Als Michael das Café betrat, war es zwei Uhr. Er setzte sich nicht sogleich, denn er suchte einen Eckplatz, denn er war gern »geschützt«. Er las die Zeitung. Er las verschiedene Zeitungs- und Kunstzeitschriften. Er blätterte scheinbar uninteressiert – aber die nackten Weiber hatten es ihm angetan. Besonders die eine. Aber die Liebe war nichts für ihn. Er haßte die Liebe. Die Weiber interessierten ihn nicht. Einmal hatte er sich für eine interessiert, aber da bekam er einen Tripper. Er hätte sie sich am liebsten kaufen mögen und bekam einen Haß auf jede, warum sie sich so lange ziert. Auf der Untergrundbahn, überall, wo er ihnen unter die Röcke sehen konnte – im Cafe, er hätte ihnen am liebsten ein Glas an den geschminkten Schädel geschmissen.

Drei Tische von ihm entfernt saß eine Frau. Er beobachtete sie. Sie zündete sich eine Zigarette an – sah ihn groß an, doch als sie merkte, daß er keinen einwandfreien Schlips trug, sah sie weg. »Du Dreck«, dachte Michael.

»Freilich! Man müßte gekleidet sein, wie ein Geck – – dann ja sofort – einen grellen Anzug, grelle Krawatte, alles so gut sitzend, lässige Bewegungen, blasiertes Gesicht, geschniegelt, usw.«

Joachim betrat das Cafe. Er war geschniegelt und auffallend gekleidet. Und stank nach Parfüm.

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