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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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Mein Onkel Pepi

Ich hab es Jahre lang nicht in der Hand gehabt, nämlich Onkel Pepis Photographiealbum. Aber neulich nahm ich es mal wieder in die Hand, draußen regnete es sehr stark, ich hatte gerade nichts zu tun und war trotzdem so müde, daß ich mir wieder ganz klein vorgekommen bin.

Onkel Pepis Album ist purpurrot gebunden mit einer silbernen Spange à la Jugend. Genau mittendrin, zwischen dem Kinderbildnis der verarmten Tante Mariann und der letzten Aufnahme Großpapas, befinden sich zwei Seiten, die der Onkel Pepi sich selbst gewidmet hatte. Sie sind seines Albums Herz, in jedem Sinne des Wortes.

Links sieht man den Onkel Pepi als feschen altösterreichischen Leutnant um die Jahrhundertwende, wohnhaft im achten Bezirk, Piaristengasse, mezzanin. Herrlich ist seine Wespentaille, korrekt seine Haltung, überhaupt: »wie aus an Schachterl« – – aufregend für die Damenwelt, von der grande Zozott bis zum süßen Mädl aus Purkersdorf. Kein Wunder also, daß dies Bild von vier Photographien vierer pikanter Damen umgeben ist – – und auf der Seite nebenan kleben auch vier um eine fünfte, größere auserwähltere, eine Blondine mit traurigen Augen – – und wenn man das Album zuklappt, so liegen diese Auserwählte und der fesche Leutnant aufeinander. Das hat er sich direkt so ausgerechnet, der Onkel Pepi.

Und neben jeder dieser neun »Kisstihandknädigste« ist je ein Bildchen eingeklebt, eine Stadtansicht – – die jeweilige Garnison. Przemysl, Budapest, Lemberg, Agram, Wien und Üjvidék – – und jede Frau vertritt eine Nation der ehemaligen Doppelmonarchie, als da sind: Polen, Ungarn, Rumänen, Böhmen, Kroaten, Italiener oder Wiener – – der Onkel Pepi ist nämlich noch niemals nationalistisch gewesen, sondern immer äußerst objektiv. Er schätzte an jeder ihre besondere nationale Note.

Und wie sah Onkel Pepis Damenflor aus? Heiliges fin de siècle von Österreich-Ungarn! Dieser Damenflor sah so aus, jede einzelne:

Mein Mann ist der Graf von Monbijou

Sie können mir alle nichts beweisen

Nur in der Phantasie war ich mit ihm auf »Du« –

So sahen sie aus.

Der Onkel Pepi sieht mich an, stolz, elegant und liebenswürdig. Auch lächeln tut er, der Onkel Pepi. Ein ganz klein wenig. Er lächelt über seinen eigenen Stolz und ist stolz auf sein Lächeln über seinen Stolz. Er ist ein echter Altösterreicher und konstatiert mit wehmütiger Ironie, daß er in der feschen Uniform eines verfaulten Reiches steckt. –

Als ich mich das letztemal vom Onkel Pepi verabschiedete, sagte er: »Also, wenn du mal recht blöd bist, so denk an mich!«

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