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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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Der Fliegenfänger

Vor zirka zwei Jahren lernte ich einen tatsächlich merkwürdigen Menschen kennen, und zwar in der Nähe von Füssen im Allgäu. Es ist dies ein uraltes Kulturland, und jener merkwürdige Mensch hatte bereits häufiger mit den Gerichten als Angeklagter zu tun gehabt, und zwar ist dann hernach in der Zeitung immer unter derartigen Überschriften darüber berichtet worden, wie zum Beispiel: »Ein Rohling«, »Ein Unhold«, »Vertierter Bursche« oder dergleichen.

Als ich ihn kennenlernte, war es schon spät am Nachmittag, so Ende September gegen sechs. Es dämmerte draußen auf der Landstraße und drinnen im Wirtshaus saßen sechs betrunkene Herren. Nämlich um neun Uhr früh wurde im nahen Städtchen dem einen Herrn seine Frau begraben – es ist das ein gelungenes Begräbnis gewesen, und der Herr war nun ein Witwer. Und der Bruder dieses Witwers war besagter merkwürdiger Mensch. Auch er hatte bereits sein Quantum Bier in sich und versicherte nun in einer Tour, daß ihm schon rein gar nichts den Appetit verderben könne, und zwar besonders heute nicht.

Man beruhigte ihn und versicherte ihm, daß man es ihm natürlich auf der Stelle glaube, daß ihm nichts den Appetit verderben könne, aber der merkwürdige Mensch tat sehr ungläubig, und plötzlich wurde er rabiat. »Das möcht ich aber doch gerne sehen«, brüllte er, »schon sehr gerne möchte ich das sehen, ob da einer da ist, der es vielleicht gar meint, daß ich mich vor irgend etwas grause! So etwas hat die Technik noch nicht erfunden, meine Herren, vor dem ich mich grausen tat! O du angenagelter Himmelherrgott, wer hat denn jetzt eine Schneid und wettet jetzt mit mir, daß ich den Fliegenfänger dort zusammenfriß?!«

Der Fliegenfänger hing in der Herrgottsecke, knapp vor dem Kruzifix. An dem gelben Zeug klebten zirka hundert Fliegen. Einige bewegten sich noch und verendeten langsam. Andere waren schon seit Tagen tot.

»Also wer hat jetzt hernach eine Schneid und wettet mit mir um zehn Maß Bier?« ließ sich der merkwürdige Mensch abermals vernehmen und fixierte seinen Bruder, den Witwer, suggestiv und hinterlistig. Aber dieser kannte sich schon aus und sah den Herausforderer melancholisch an. »Ich«, meinte er, »ich wette schon mit dir, denn das wirst du heute nicht fertigbringen, daß ich mich heute aufrege, lieber Albert.« – »Es bleibt in der Familie!« rief einer der Herren und leerte sein Glas auf das Wohl der beiden Brüder, während Albert sich daran machte, den Fliegenfänger zu verzehren.

Inzwischen hatte es draußen angefangen zu regnen, kalt und zart. Der erste stille Herbstregen fiel auf das Grab der toten Frau und Schwägerin, an die momentan keiner der Herren dachte. –

Ihr Schwager Albert hatte nun bereits drei Viertel des Fliegenfängers verschlungen, jedoch plötzlich ging es nicht mehr voran, das letzte Endchen wollte partout nicht verschwinden. Es hing aus dem Munde heraus und er wurde rot im Gesicht, dann weiß und dann grau. Er hatte die Wette verloren und die zehn Maß Bier empfahlen sich artig am Horizont.

»Das ist halt die Tücke des Objektes«, konstatierte sein Bruder so von oben herab und bestellte sich einmal Schweinsschlegel mit gemischtem Salat. Auch wir ließen uns das gleiche kommen. Nur der merkwürdige Mensch bestellte sich einen Fisch mit Salzkartoffeln und zerlassener Butter.

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