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Kleine Prosa

Ödön von Horváth: Kleine Prosa - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorÖdön von Horváth
booktitleSportmärchen, andere Prosa und Verse
titleKleine Prosa
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
printrunErste Auflage
isbn351837561x
year1988
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081606
projectidc2e35971
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Der mildernde Umstand

Der Drogist Lallinger ist ein begeisterter Nazi, und zwar schon seit längerer Zeit. Er ist ein direkt prominentes Mitglied in seiner Ortsgruppe, aber in den Landtag ist er halt noch nicht hineingewählt worden, sondern der Herr Major. Dieser Major ist ein Norddeutscher – »Überhaupts wächst sich unser Herr Major zu einem Schädling in unserer Bewegung aus, der Saupreiß, der windige!« versicherte mir der Lallinger, als ich ihn unlängst in der Schellingstraße traf. »Dir darf ichs sagen«, fuhr er fort, »denn du bist ja ein Internationalist! Aber meiner Seel, mir ist schon manchmal a so a roter Hund lieber als wia so a Preiß! Du wirst schon sehen, wie sehr daß der völkische Gedanke bei uns in Bayern zusammenschrumpfen wird, seitdem daß der Hitler in Norddeutschland droben einen derartigen Sukzeß hat!«

So unterhielten wir uns, natürlich ausschließlich über Politik, denn der Lallinger war ein durchaus politisierter Mensch. Er erzählte mir auch, daß er gerade vom Gericht komme, aus einem hochpolitischen Prozeß ersten Ranges; dort hätte er nämlich einen Entlastungszeugen markieren müssen, aber man habe ihm kein Sterbenswörtchen geglaubt. Es drehte sich um die gerichtliche Sühne einer schweren Körperverletzung anläßlich einer Wahlversammlung in Oberlochhausen, und an dem ganzen Schlamassel waren natürlich nur einige Zwischenrufer schuld, die um einen runden Tisch herumgehockt seien und ihre Schandmäuler nicht hätten halten können. »Was waren denn das für Zwischenrufe?« erkundigte ich mich schüchtern. »Lauter zustimmende natürlich!« versicherte mir stolz der Lallinger. Ich sah ihn überrascht an, worauf er mir auseinandersetzte, daß die Sache natürlich einen Haken gehabt hätte, denn die Zwischenrufer seien total besoffen gewesen, und durch diese Tatsache wären nun ihre begeistert zustimmenden Rufe in einer eigentümlichen Weise in das Gegenteil verwandelt worden. »Und plötzlich«, fuhr er fort, »war eine ganz lächerliche Atmosphäre im Saal. So hab ich mich halt erheben müssen, weil ich den Vorsitz geführt hab, und hab gesagt: ›Meine Herren Zwischenrufer‹, hab ich gesagt, ›ich werd jetzt wohl bald gezwungen werden, von meinem Hausherrnrechte Gebrauch zu machen, falls die Herren Zwischenrufer nicht das Maul halten wollen, das ganz abscheuliche! Hier dreht es sich um unsere Erneuerung‹, hab ich gesagt, ›und nicht um den Bierrausch der Herren Zwischenrufer!‹ Aber kaum hab ich geendet, da hab ich schon den Kopf zur Seite tun müssen, denn da ist auch schon ein Maßkrug durch die Luft geflogen. Und dann ists halt aufgangen. Es werden wohl hundertzwanzig Personen gewesen sein, die wo da gerauft haben. Hernach waren halt zwanzig Stuhl zerbrochen, dreißig bis vierzig Maßkrüg – auf nähere Details erinnere ich mich aber nicht mehr. Ich weiß nur noch, daß die Bsoffenen meinen Bruder unter ihren Tisch nunterzogen haben und mit ihren Genagelten in seinem Antlitz herumgetrampelt haben, direkt fanatisch, die Hammeln, die hundsheiternen! Aber zum Glück hat das Ganze nicht lange gedauert, durch einen glücklichen Irrtum. Nämlich als die Rauferei grad angegangen ist, ist ein Bsoffener hereingekommen, der wo von nichts eine Ahnung gehabt hat – und dem hat dann mein Bruder, der wo sonst ein sehr friedliebender Charakter ist, ein Maßkrug von hinten auf den Schädel naufgsetzt, daß er zersplittert ist in tausend Teile – und der Bsoffene ist umgfallen, ohne einen Ton von sich zu geben, wie eine Leich. Jetzt sind halt natürlich alle furchtbar erschrocken und haben gemeint: ›Schau, jetzt ist der gar tot!‹ – und so habens halt gleich aufghört zu raufen vor lauter Entsetzen. Wir haben dann den Toten in das Nebenzimmer geschafft, und ich hab die Versammlung wegen dieses traurigen Ereignisses schließen wollen. Aber kaum hab ich mit meinem Schlußwort angefangen, es war eine feierliche Stille, weil halt jeder gemeint hat, nebenan liegt ein Toter – also kaum hab ich die ersten Worte gesagt, geht die Tür auf, und der Tote kommt rein; er hat einen ganz blutigen Schädel gehabt und war noch immer nicht ganz nüchtern. ›Ja Blutsakrament!‹ brüllte der Tote. ›Wo is er denn, der Hund, der Schlawak, der Häuter, der wo mi da niedagschlagn hat?! Sakrament, Sakrament, den spring i jetzt aba aufn Nabel nauf!‹ – Natürlich hat man aber den Toten sofort beruhigt durch gütliches Zureden. Aber angezeigt hat er meinen Bruder halt doch, und heut war die Verhandlung. Mein Bruder hat gesagt, es tät ihm sehr leid und er empfände Reue darüber, daß er den Toten niedergschlagen hat, aber es wäre halt ein Irrtum gewesen, und er bitte um mildernde Umständ, weil der Tote ja einen derartigen Rausch gehabt hätte, daß er eh umgfallen war. Er hat dann auch nur die Mindeststrafe bekommen, und zwar mit Bewährungsfrist.«

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