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Kleine politische Schriften

Wilhelm Liebknecht: Kleine politische Schriften - Kapitel 3
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authorWilhelm Liebknecht
titleKleine politische Schriften
publisherVerlag Philipp Reclam jun. Leipzig
editorWolfgang Schröder
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Wissen ist Macht – Macht ist Wissen

Liebknecht hielt diese Rede in Dresden und Leipzig unmittelbar vor Beginn des Leipziger Hochverratsprozesses (11.-26. März 1872). Erst während seiner Hubertusburger Haftzeit konnte er das stenographische Protokoll zur Veröffentlichung bearbeiten. Die Broschüre erschien 1873 in 1. Auflage im Umfang von 48 Seiten. Die 2. Auflage 1875 (63 S.) ergänzte Liebknecht vor allem durch materialreiche Anmerkungen und einen Anhang. Diese Ausgabe lag den folgenden Auflagen zugrunde, die u. a. 1888 als Heft 22 der »Sozialdemokratischen Bibliothek« in Hottingen-Zürich sowie im Verlag der Buchhandlung »Vorwärts« Berlin 1891 (Mindestauflage 10 000 Exemplare), 1894 (Auflage 17 000 Exemplare) und 1896 erschienen. Unsere Wiedergabe folgt der in der Bibliothek des Instituts für Marxismus-Leninismus vorhandenen 1. Auflage.

Vortrag, gehalten zum Stiftungsfest des Dresdener Arbeiterbildungsvereins am 5. Februar 1872 und zum Stiftungsfest des Leipziger Arbeiterbildungsvereins am 24. Februar 1872

Meine Damen und Herren!

Wissen ist Macht! Bildung macht frei! »Wissen ist Macht« (»Knowledge is power!«) wurde von Francis Bacon 1598 als antifeudalistische Losung ausgesprochen. »Bildung macht frei!« war das Motto der billigen Klassikerausgaben des liberalen Verlagsbuchhändlers Joseph Meyer, Gründer des Bibliographischen Instituts Leipzig. Beide Parolen wurden seit den sechziger Jahren des 19. Jh. vom Liberalismus in antisozialistischem Sinne, zur Desorientierung der Arbeiterbewegung angewandt, namentlich auch von der bürgerlichen »Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung«. An dieses Wort, das vorhin im Prolog betont wurde und das wir so häufig im Munde unserer Gegner hören, wird mein heutiger Vortrag sich anknüpfen. Ja, im Munde unserer Gegner und gegen uns angewandt, zur Widerlegung des von uns, von der Sozialdemokratie verfochtenen Satzes, daß die Haupttätigkeit des Arbeiters sich auf die Umgestaltung der staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu richten habe und daß die ausschließliche Verfolgung von Bildungszwecken für den Arbeiter nichts sei als eine zeitraubende Spielerei, welche weder dem einzelnen noch dem Ganzen zum Vorteil gereicht.

Knowledge is power – Wissen ist Macht! Wohl ist das ein wahres Wort. Wissen ist Macht, Wissen gibt Macht, und weil es Macht gibt, haben die Wissenden und Mächtigen von jeher das Wissen als ihr Kasten-, ihr Standes-, ihr Klassenmonopol zu bewahren und den Nichtwissenden, Ohnmächtigen – von jeher die Masse des Volkes – vorzuenthalten gesucht. So ist es zu allen Zeiten gewesen, so ist es noch heute. Durchfliegen wir die Geschichte der Menschen von den grausamsten Zeiten des Altertums bis heran zur Gegenwart: überall das nämliche Schauspiel. Eine Kaste, ein Stand, eine Klasse hat das Wissen sich angeeignet und benutzt es als Machtmittel zur Unterdrückung und Ausbeutung der übrigen Kasten, Stände und Klassen. Die Priester Ägyptens und Indiens, worauf gründete sich ihre tausendjährige Herrschaft? Sie waren im Alleinbesitz des Wissens der damals vorhandenen Kenntnisse von den Naturkräften, vom Lauf der Gestirne, vom Wesen des Menschen; und dies Wissen war ihnen der Zauberstab, das Zepter, vor welchem die staunenden bewundernden Massen sich andächtig beugten; es war die Kette, mit der die Priester, unterstützt von der Kriegerkaste – denn Krieger und Priester sind stets brüderlich Hand in Hand gegangen bei Knechtung der Welt –, den Staat und die Gesellschaft umschlangen und sich dienstbar machten. Die Priester Griechenlands, Roms, des christlichen Mittelalters, der neuen und neuesten Zeit sehen wir von demselben Bestreben erfüllt: das Wissen als den Urquell der Macht und Herrschaft für sich zu behalten und der Menge zu verschließen. Das Wissen ist für die Herrschenden, die Unwissenheit für die Beherrschten. In den Sklavenstaaten Nordamerikas bestand ein Gesetz, das jedem, der einem Farbigen Lesen und Schreiben lehrte, den Tod androhte. Die Sklavenbesitzer wußten sehr genau, daß, wenn die Sklaven sich ihrer Sklaverei bewußt, wenn ihnen die Augen geöffnet würden, es zu Ende sei mit der »ewigen« und »heiligen« Institution der Sklaverei. Bei uns, in dem »gebildeten« Europa, überhaupt in den sogenannten Kulturstaaten, bestraft man allerdings die Verbreitung des Wissens unter das Volk nicht mit dem Tod, aber es wird nicht minder wirksam dafür gesorgt, daß das Wissen nicht unter das Volk dringe. Das Wissen ist unter dem Verschluß der Herrschenden, den Beherrschten unzugänglich, außer in der Zubereitung und Verfälschung, die den Herrschenden beliebt. Und wenn es einer beherrschten Klasse, wie der französischen Bourgeoisie im vorigen Jahrhundert, einmal gelungen ist, sich Wissen und mit Hilfe des Wissens die politische Macht zu erringen, so hat sie regelmäßig ihre Macht nur gebraucht, um sich selbst in der Macht zu befestigen, um ihr materielles Interesse zu fördern und die »unteren Klassen« in Unfreiheit und geistige Nacht zu stürzen. Ich übertreibe nicht, spreche nur eine unumstößliche, durch die Geschichte auf jeder Seite bestätigte Wahrheit aus, indem ich sage:

Es hat noch nie eine herrschende Kaste, einen herrschenden Stand, eine herrschende Klasse gegeben, die ihr Wissen und ihre Macht zur Aufklärung, Bildung, Erziehung der Beherrschten benutzt und nicht im Gegenteil systematisch ihnen die echte Bildung, die Bildung, welche frei macht, abgeschnitten hätte.

Es liegt das im innersten Wesen der Herrschaft. Wer herrscht, will sich stark und den Beherrschten schwach machen. Und wer allgemeine Bildung will, muß deshalb gegen jede Herrschaft ankämpfen.

Wir Deutschen pflegen uns nicht bloß das Volk der Denker zu nennen, sondern halten uns auch für das gebildetste Volk der Erde. Nun, in seinem unsterblichen Werk über die Zivilisation sagt Buckle Die folgenden Zitate sind zusammengezogene Übersetzungen Liebknechts aus Henry Thomas Buckle, History of civilisation in England, Erstauflage London 1857. von den Deutschen: »Es gibt keine Nation in Europa, bei der wir einen so großen Abstand (interval) zwischen den höchsten und den niedersten Geistern (minds) finden. Die Volksmassen sind abergläubischer, in Wirklichkeit unwissender und unfähiger, sich selber zu leiten (guide), als die Einwohner von Frankreich oder England. Die großen deutschen Schriftsteller sprechen nicht zu der Nation, sondern zueinander. Ihre Sprache ist den unteren Klassen vollkommen unverständlich.« Kurz, Buckle meint, die Literatur sei in Deutschland ganz losgelöst von dem Volk; die Kluft zwischen Wissenden und Nichtwissenden nirgends so groß als in Deutschland. Im Gegensatz zu Deutschland rühmt der geniale englische Geschichtsschreiber von der amerikanischen Republik: »In keinem anderen Land gibt es so wenig Männer von großer Gelehrsamkeit und so wenig Männer von großer Unwissenheit.«

Ich will hier auf das Urteil Buckles nicht des näheren eingehen. Leichtsinnig gefällt ist es nicht – das kann einem so gewissenhaften Forscher nicht zugetraut werden. Unzweifelhaft zählt Deutschland absolut und relativ weit mehr Menschen, die lesen und schreiben können, als England und Frankreich, allein Lesen und Schreiben sind an sich nicht Bildung, es sind bloß Werkzeuge zur Erlangung von Bildung; und nach meinen persönlichen Beobachtungen stehe ich keinen Augenblick an zu sagen, daß meiner Meinung nach die Arbeiter Englands und Frankreichs in politischer und ökonomischer Bildung, das heißt in der Kenntnis von Staat und Gesellschaft und in der Kenntnis ihrer Rechte und Pflichten in Staat und Gesellschaft, den deutschen Arbeitern durchschnittlich entschieden überlegen sind, obgleich von ihnen nur die wenigsten, von den deutschen Arbeitern aber fast alle, in der Schule lesen und schreiben gelernt haben. Das entwickeltere politische und ökonomische Leben ersetzt ihnen zum Teil, was in der Jugenderziehung versäumt worden ist; und das Leben ist die beste Schule, die durch keinen theoretischen Unterricht, und wäre er noch so vortrefflich, ersetzt werden kann.

Daß in Deutschland die geistige Kluft zwischen den höheren und niederen Volksklassen breiter ist als in England und Frankreich, scheint mir ebenfalls unbestreitbar; und daß die Sprache unserer sogenannten Nationalliteratur – von der durch ihre Unverständlichkeit berüchtigten Sprache unserer Gelehrten nicht zu reden – der Masse der Nation nicht verständlich ist, das wird ja ziemlich allgemein zugegeben. Indes mehr oder weniger gilt das gleiche von sämtlichen Kulturvölkern. Ein Franzose hat von den Russen gesagt: »Grattez le Russe, et le Tartare apparait!« – Wenn man den Russen kratzt, kommt der Tatar zum Vorschein. Der Ausspruch wird dem französischen Diplomaten Charles-Maurice Talleyrand zugeschrieben. Ähnlich kann man von unserer modernen Kultur sagen: Wenn man die heutige Kultur kratzt, kommt die Barbarei zum Vorschein. Unsere Kultur – und die Kultur eines Volkes repräsentiert die Summe der in ihm vorhandenen Bildung – ist bloß skindeep, hauttief; eine dünne Kruste, glänzender Firnis außen und darunter Roheit, Aberglaube, der Krieg aller gegen alle, ein Vernichtungskrieg, der Starke den Schwachen auffressend, zwar nicht buchstäblich, aber doch wirklich.

In den letzten Jahren ist dies recht deutlich zutage getreten. Sie erinnern sich jedenfalls der ersten internationalen Industrieausstellung, welche 1851 zu London statthatte. Den Stürmen der »tollen Jahre« 1848 und 1849 war Windstille gefolgt. Das Pariser Proletariat trauerte auf den Gräbern der Junihelden. Gemeint sind die Opfer der Pariser Junischlacht 1848, der ersten offenen Konfrontation zwischen Proletariat und Bourgeoisie. Die Junischlacht, der Kulminationspunkt der Revolution von 1848/49, war für Liebknechts Geschichtsauffassung stets ein zentraler Bezugspunkt. Die Freiheitsträume des deutschen Volkes waren eingesargt, die Freiheitskämpfer gestandrechtelt, im Gefängnis oder im Exil. Die Bourgeoisie, froh der Ruhe des Kirchhofs, hatte aus der politischen Verwesung wunderbare Kräfte gezogen und sich zu außerordentlicher Blüte entfaltet. »Beispiellose Prosperität« herrschte, und das Bürgertum aller Länder und Zonen wallfahrtete nach London in den Kristallpalast, den Tempel des neuen Gottes, der aus seinem unerschöpflichen Füllhorn Reichtum und Frieden ausschütten werde über das freudetrunkene Menschengeschlecht. Die »modernen Schwerter« hatten sich in segenspendende Maschinen verwandelt. Die Ära der Kriege war auf immer geschlossen – bloß in der Rennbahn der Industrie und des materiellen Fortschritts würden die Völker, von edlem Wetteifer erfüllt, fortan ihre Kräfte noch messen. Die ganze europäische und amerikanische Presse gab damals diesen Illusionen Ausdruck. Wie bald aber »riß der schöne Wahn entzwei«! Noch waren die begeisterten Zurufe nicht verhallt, welche die Bourgeoisie dem vermeintlichen Anbruch des tausendjährigen Reichs widmete, da knatterten in Paris die Flintenschüsse des Dezembers, Tausende von unbewaffneten Männern, von Frauen und Kindern wurden auf Befehl eines meineidigen Schurken durch schnapstrunkene Soldaten niedergeschossen wie wilde Tiere; der bluttriefende Säbel wurde »Gesellschaftsretter« und ließ sich zum Kaiser krönen. Gemeint ist Louis Bonaparte (Napoleon III.) und sein Staatsstreich vom Dezember 1851. Und die zivilisierte Welt? Die Fürsten umarmten inbrünstig den »lieben Bruder«. Der Adel jubelte ob des neuen Sieges über die »Kanaille«. Und die Bourgeoisie, die gestern noch in Versen und Prosa dithyrambisch den endgültigen Triumph der »Künste des Friedens«, die Absetzung der »modernen Schwerter« verherrlicht hatte, sie warf sich anbetend auf die Knie vor dem bluttriefenden Säbel, der die Gesellschaft gerettet! Drei Jahre später entbrannte der Krimkrieg, 1853 bis 1856, Krieg des zaristischen Rußland gegen die Türkei um die Vorherrschaft im Nahen Osten, der durch das Eingreifen Großbritanniens und Frankreichs mit einer Niederlage Rußlands endete. der Hunderttausenden von Menschen das Leben kostete und das Wohl der Menschheit um kein Haarbreit förderte; acht Jahre später der italienische Krieg 1859 Krieg zwischen Sardinien-Piemont (Ministerpräsident Cavour) und dem Frankreich Napoleons III. gegen Österreich um die Befreiung Italiens von österreichischer Herrschaft und die Vormachtstellung Frankreichs in Europa. mit gleichem Gemetzel und gleichem »Erfolg« für die Menschheit. Und seitdem, bloß auf europäischem Boden, in weniger als einem Dezennium drei Kriege – der folgende den vorhergehenden stets an Größe, Blutvergießen und »Ruhm« übertreffend, und in allen drei Kriegen das »Volk der Denker« voran, die erste Rolle spielend: der Krieg Preußens und Österreichs gegen Dänemark, der Krieg Preußens gegen Österreich und das übrige Deutschland, der Krieg Preußisch-Deutschlands gegen Frankreich! Die Kriege Preußens und Österreichs gegen Dänemark 1864, Preußens gegen Österreich 1866 und Preußen-Deutschlands gegen Frankreich 1870/71 waren Bestandteil des Bismarckschen Konzepts einer »Revolution von oben«, die die Vorherrschaft Preußens und die politische Vorherrschaft des Junkertums sicherstellen, einer »Revolution von unten« zuvorkommen und die Mindestanforderungen der kapitalistischen Entwicklung – Beseitigung der Schranken für die Entfaltung des Kapitalismus, Schaffung eines einheitlichen inneren Marktes und eines Nationalstaates – erfüllen sollte. Kriege, die das Leben, den Wohlstand, das Glück von Millionen Menschen zerstört haben und deren Resultate, gewogen auf der Waage der Vernunft, Null ist! Besonders der letzte Krieg, blasphemisch der »heilige« tituliert, hat ein ebenso tiefes als schmerzliches Interesse für den Kulturhistoriker, für den Menschenfreund. Zwei Völker, beide sich einbildend, an der Spitze der Zivilisation zu wandeln, in Wahrheit die zwei vornehmsten Kulturvölker des europäischen Festlandes, stürzen, ohne den geringsten vernünftigen Grund, auf den Wunsch und das Kommando von ein paar Individuen, die ihre Personen dabei in Sicherheit halten, gleich wütenden Stieren aufeinander los, zerfleischen sich und bekunden eine bestialische Freude am Morden, wie man sie höchstens noch bei den Wilden Neuseelands zu finden erwartet hätte. Und nicht bloß die unmittelbar an dem Kampf Beteiligten, denen es zu verzeihen war, weil der Kampf, der tierische Kampf mit Waffen der rohen, wenn auch noch so raffinierten physischen Gewalt, notwendigerweise die tierischen Leidenschaften, »die Bestie im Menschen« entfesselt. Nein, die daheim Zurückgebliebenen, ruhig hinter dem Ofen oder dem Biertisch sitzenden Vertreter der Intelligenz, die Leuchten der Kultur, die Denker par excellence des Denkervolks, Journalisten, Professoren und sonstige Intelligenzen – anstatt gegen den Krieg als einen Hochverrat an der Zivilisation und der Menschheit zu protestieren und die verblendeten Völker zum Frieden zu mahnen, gossen sie Öl ins Feuer, schürten in tollem Fanatismus die Flammen, in denen die wertvollsten Errungenschaften aufloderten und entdeckten, daß die erhabenste Kulturtat, die edelste Betätigung menschlicher Tugend der Krieg sei! Ein deutscher Professor – für welche Niedertracht fände sich nicht ein deutscher Professor? –, Jäger ist sein Name, stellte dies »wissenschaftlich« in einer eigenen, natürlich sehr gelehrten Abhandlung fest, die in dem Satz gipfelte: »Je größer das Arbeitsquantum, welches ein Staat auf seine Mobilmachung verwendet, desto größer ist die Summe der produzierten Tugenden.« Was nur eine etwas schwerfällige Umschreibung des Satzes ist: »Der Massenmord ist die größte Tugend.« Je massenhafter der Massenmord, desto größer die Tugend; je besser die Vorbereitung zum Massenmord, desto tugendhafter der Staat! Und wohlgemerkt: Es war dies nicht das vereinzelte Erzeugnis eines kranken Hirns – bewahre, es war nur der Ausdruck der allgemein herrschenden Stimmung, nur die scharfe Formulierung des blutdürstigen Wahnsinns, den unsere gesamte Presse mit verschwindenden Ausnahmen Tag für Tag dem Publikum vorpredigte. – Die Presse, dieser »Brennpunkt des geistigen Lebens einer Nation«, dieser »Leuchtturm des Rechts und der Wahrheit«, wie gutmütige Phantasten schwärmen, war zu einem Brander geworden, der die Zivilisation einzuäschern und jeden, der diese schmachvollen Orgien der Nationalwut mißbilligte, in das Verderben hineinzuziehen trachtete. Das Volk der Denker hatte vergessen, daß im Denken des Menschen auszeichnende Tätigkeit; hatte vergessen, daß im tierischen Kampf der Mensch dem Tiere hintansteht; hatte vergessen, daß in kriegerischen Tugenden, die jetzt auf einmal höchstes Menschenziel wurden, der Hund und Ochs den Vorrang hat vor dem tapfersten Menschen. Und erlebten wir damals nicht, daß der »Areopag« des neugeborenen Deutschlands, der »Rat der Edelsten und Besten« unserer Nation, Gemeint ist der Norddeutsche Reichstag. sich gegen die wenigen seiner Mitglieder, die von dem grassierenden Delirium nicht ergriffen worden waren, zu Szenen hinreißen ließ, die man unter »gebildeten Menschen« geradezu für unmöglich halten sollte und die zu gewöhnlichen Zeiten nicht in der niedersten Schenke geduldet würden! Warf man doch die den Wilden sogar fest eingepflanzte Achtung vor dem Alter beiseite und beschimpfte die weißen Haare eines Mannes, dessen Charakter makellos, so verkehrt uns auch seine politischen Ansichten erscheinen mögen, und dessen einziges Verbrechen es war, daß er der Überzeugung eines Lebens nicht in einem Momente der allgemeinen Raserei untreu werden wollte. Gemeint sind die Exzesse gegen den Orientalisten Prof. Heinrich Ewald, der als hannoveranisch-welfischer Partikularist von konservativ-religiösem Standpunkt das Bismarcksche Kaiserreich von 1871 bekämpfte. Die Bemerkung bezieht sich auf die Reichstagssitzung vom 6. Dezember 1870 (vgl. Stenographische Berichte des Norddeutschen Reichstages, II-ao. Session, S. 101 ff.). Unsere Kultur ist eben nur hauttief; übertünchte, mit einigem Humanitätsflitter beklebte Barbarei; der Krieg hatte die gleißende Zivilisationsschminke abgewischt, die Bestialität spreizte sich ohne Feigheit – und wundern konnte das nur den, der betreffs unserer heutigen Kultur falschen Vorstellungen huldigte.

Aber nicht bloß, daß unsere Kultur nur eine oberflächliche, nicht in die Tiefe gehende ist, erhellt aus solchen Vorkommnissen und solchem Gebaren – auch, daß die Bildung von heute, die Bildung der Gebildeten keine echte, den ganzen Menschen durchdringende und veredelnde Bildung ist. Und wie könnte es anders sein? Die Gesellschaft ist, trotz der in ihr herrschenden Klassen- und Interessengegensätze, doch ein zusammengewachsener Organismus, um dessen Teile sich das Band einer gewissen Solidarität schlingt. Mag der Reiche sich gegen die Solidarität mit dem Armen sträuben, so viel er will, in Zeiten der Cholera und sonstiger Seuchen wird es ihm in empfindlicher Weise klargemacht, daß er zwar das Elend, nicht aber die Folgen des Elends der Armen von seiner Schwelle abweisen kann. Noch weniger als den physischen Wirkungen unnatürlicher, widernatürlicher Gesellschaftszustände vermag er sich deren moralischen Wirkungen zu entziehen. Jedes Unrecht, jede Unterdrückung demoralisiert nach zwei Seiten hin: den, der Unrecht leidet und unterdrückt wird, und den, der Unrecht begeht und unterdrückt; mit der Demoralisation der Sklaven hält gleichen Schritt die Demoralisation des Herrn. Ja, sie ist eine weit schlimmere, ihr Gift tödlicher; denn während im Sklaven der Funke des unter die Füße getretenen Rechts fortglimmt und beim ersten Windstoß zur Flamme auflodern kann, wird im Sklavenbesitzer der Funke des Rechts erstickt. Die Sklaven Roms rafften sich zu einem Befreiungskampfe auf, der, wenn siegreich, die Umgestaltung und Regeneration der alten Welt bewirkt hätte; die Korruption der sklavenbesitzenden Patrizier richtete das gewaltige Römerreich zugrunde. Ob die Sklaverei eine direkte oder indirekte, ob der Sklave Eigentum einer Person oder einer Klasse ist, die Form tut nichts zur Sache – die moderne Lohnsklaverei ist um kein Jota moralischer als die antike Sklaverei, die sich mit den durch die veränderten Gesamtzustände bedingten Abänderungen in der Negersklaverei bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Und so, wie die antike Sklaverei den antiken Staat und die antike Gesellschaft durch und durch in die innersten Fasern hinein vergiftete, auch was nicht direkt mit ihr in Verbindung stand, vergiftete – so die moderne Lohnsklaverei den modernen Staat und die moderne Gesellschaft! Daß eine vom Wurm der Korruption zerfressene Bildung eine durch und durch ungesunde sein muß, liegt aber auf der Hand.

Ich will mich nochmals auf die Autorität Buckles berufen. Derselbe führt an verschiedenen Stellen seines schon erwähnten Werks den Gedanken aus, daß die Kultur eines Volkes im umgekehrten Verhältnis zu dem Einfluß steht, den es kirchlichen und militärischen Dingen einräumt, je höher deren Einfluß, desto niedriger der Kulturstand, je niedriger jener, desto höher dieser.

Der Militarismus ist der Kultus der rohen Gewalt – doppelt roh durch den Kontrast, wenn im Mantel der Wissenschaft und heuchlerisch obendrein, wenn mit Humanitätslappen behängt. Der Klerikalismus, das Kirchentum, gleichviel in welcher Verkleidung, ist der Kultus des Aberglaubens und der Unwissenheit. Und wer wollte dem englischen Denker bestreiten, daß Roheit und Unwissenheit das diametrale Gegenteil der Kultur sind? Nach diesem Maßstab gemessen, muß unsere Kultur ein sehr schlechtes Zeugnis empfangen. Neun Zehntel des Raumes fast aller Zeitungen sind heutzutage mit militärischen und kirchlichen Angelegenheiten gefüllt. Religiöse Fragen sind in keiner Epoche der deutschen Geschichte mit größerem, seit zwei Jahrhunderten nicht mit so großem Eifer behandelt worden wie in diesem Momente. Man glaubt sich in die wüstesten Zeiten nach der Reformation zurückversetzt, so breit macht sich das religiöse Gezanke, und was das schlimmste, es ist keiner der streitenden Parteien Ernst damit – Ernst ist es ihnen bloß mit dem Streben, sich die ausschließliche Herrschaft über die Geister der umnachteten Masse zu sichern. Und gar erst das Soldatentum. Streichen wir die Kasernen, die Zündnadelgewehre, die Stahlkanonen, die herrlichen Kriegstaten und die dicken Militärbudgets aus unserer Tagesliteratur und Tagespresse, so bleibt beinahe nichts übrig! Man muß fürwahr fest überzeugt sein von der Naturnotwendigkeit der menschlichen Fortentwicklung und sich manchmal die aufsteigende Kurvenlinie Humboldts Gemeint ist Alexander von Humboldt, der die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft als insgesamt aufsteigende Kurvenlinie darstellte. ins Gedächtnis rufen, um nicht die Hoffnung auf die Zukunft zu verlieren.

Ich sprach von den dicken Militärbudgets. Nicht minder beredt in Sachen unserer Kultur sind die dünnen Unterrichtsbudgets. In Preußen, dem »leitenden« Staat Deutschlands, dem »Staat der Intelligenz«, beträgt der Etat für das Volksschulwesen 2 Millionen Taler, neben 60 Millionen Talern für Armee und Flotte. Auf die Erziehung des Volkes – was für Erziehung der höheren, herrschenden Klassen ausgegeben wird, kommt hier nicht in Frage – wird sonach in Preußen nur der dreißigste Teil der Summen verwandt, welche dem kulturfeindlichen Militarismus in den nimmersatten Rachen gestopft werden. Die Vorbereitung des Menschenmordes ist dem heutigen Musterstaat ein dreißigmal wichtigerer »Beruf« als die Ausbildung der Menschen zu menschlichen Kulturzwecken!

Aristoteles sagt in seinem Buch vom Staat: »Der Staat ist der Verein, der nach dem höchsten Gut trachtet, weil er der bedeutendste Verein ist und alle anderen umfaßt.« Und weiter sagt Aristoteles: »Der Staat ist ein Verein von Gleichen, zum Zweck des besten Lebens.« Das »ist« bedeutet: »soll sein«; der Staat des Aristoteles ist leider noch ein unerreichtes Ideal, ein Ideal, das vor mehr als zweitausend Jahren aufgestellt, die heutige Wirklichkeit durch den Kontrast aufs tiefste beschämt. »Das höchste Gut«, nach dem der heutige Staat trachtet, ist die Erhaltung der Privilegien und Mißbräuche; die »Gleichen« sind die Privilegierten, denen die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung rechtlos gegenübersteht; und diesen Privilegierten »das beste Leben« zu garantieren, das ist alleiniger »Staatszweck«.

Die dicken Militärbudgets und die dünnen Unterrichtsbudgets sind untrügliche Gradmesser unserer Kultur und die vernichtende Kritik, welche sie ihr in das heuchlerische Antlitz schleudern, läßt sich durch keine schönfärberischen Sophismen abschwächen.

Von legendenhaften Traditionen zehrend, posaunen oberflächliche und gesinnungslose Volks- und Fürstenschmeichler in die Welt hinaus: »Wir sind das gebildetste Volk der Erde, wir haben das beste Schulsystem!« Pharisäerhaftes Gerede das. Was ein Mann von dem Gewichte Buckles, der unsere sämtlichen Tagesschriftsteller hundertfach aufwiegt, von der deutschen Bildung urteilt, habe ich bereits mitgeteilt. Ich habe auch mitgeteilt, daß er dem englischen und französischen Volk eine höhere Bildung zuerkennt als dem deutschen und daß er den großen Vorzug der amerikanischen Republik vor den übrigen Staaten darin erblickt, daß sie die wenigsten Gelehrten und die wenigsten Unwissenden enthält. Gleichmäßigkeit der Bildung ist ein Kulturerfordernis. Gleichheit der Bildung das Kulturideal. Überhaupt liegt der menschliche Fortschritt in der Annäherung an die Gleichheit. Freiheit ist eine Phrase, die alles mögliche umhüllt. Gleichheit ist ein Prinzip. Große Verschiedenheit in der leiblichen und geistigen Stellung der Glieder eines Staats gilt mit Fug und Recht für ein Übel, für ein Zeichen der Unkultur; und man betrachtet es allgemein als den dunkelsten Flecken der asiatischen Halbkultur, daß sie den Herrschern und ein paar Tausenden ihrer Gehilfen die kolossalsten Reichtümer in den Schoß wirft, die Millionen des Volks zu der entsetzlichsten Not verurteilt. In der Türkei, in Indien, in Rußland, in Persien findet man oben einen Luxus, von dem wir uns kaum einen Begriff machen können, unten eine Armut, von der wir uns – leider sehr leicht einen Begriff machen können. Hat doch der moderne Industrialismus und Kapitalismus die Tendenz, diese Schattenseite der orientalischen Halbkultur oder Halbbarbarei bei uns einzubürgern: die Gegensätze zwischen extremem Reichtum und extremer Armut unvermittelt nebeneinanderzustellen. In England, wo der Kapitalismus und Industrialismus am frühesten zur Herrschaft gelangt ist, hat er bereits das asiatische Muster so ziemlich erreicht, nur daß der Luxus raffinierter ist, sich nicht in so roh-demonstrativer Weise dem öffentlichen Blick aufdrängt. Die Verschiedenheit in den Lebensstellungen – nicht Beschäftigungen, denn die Verschiedenheit der Beschäftigung widerspricht nicht dem Gleichheitsprinzip –, die Verschiedenheit der Lebensstellungen, die Scheidung in streng gesonderte, einander über- und untergeordnete Kasten und Stände wird von den Geschichtsforschern bei den meisten Völkern auf Rassenunterschiede zurückgeführt. Eine kräftigere, herrschsüchtige Rasse unterjochte eine schwächere, duldsamere, und da die Besiegten zu töten sich bald als unprofitabel erwies und sie sämtlich zu Sklaven zu machen aus praktischen Gründen nicht anging, wenn das besiegte Volk zahlreich war, so verfielen die glücklichen Sieger auf den Ausweg, die Besiegten zur Arbeit zu verwenden. So entstanden die Kasten in Indien und Ägypten – die höheren umfaßten das erobernde, die unteren das eroberte Volk. Die unteren, die arbeitenden Kasten waren (in Indien ist die Einrichtung noch nicht ausgerottet) nicht persönliche Sklaven, das heißt nicht Eigentum einzelner Personen; dafür waren sie Kollektivsklaven, das heißt Eigentum der herrschenden Kasten – ein Verhältnis, das mit der modernen Lohnsklaverei eine auffallende Ähnlichkeit hat. Oder ist der moderne Lohnsklave nicht Eigentum der Bourgeoisie? Und hier in den Uranfängen der menschlichen Geschichte offenbart sich uns also auch schon die von Unwissenden für eine »Erfindung« der bösen Sozialdemokraten erklärte Wahrheit, daß politische Knechtschaft unzertrennlich ist von ökonomischer Ausbeutung. Wer herrscht, beutet aus: Ausbeutung ist der Zweck der Herrschaft. Nun sind aber die Stände und Klassen der mittelalterlichen und modernen Entwicklung nur den veränderten Produktionsformen angepaßte Modifikationen des Kastenwesens; und es ist historisch festgestellt, daß in der germanischen Welt die Standesunterschiede, wie bei den Indern und Ägyptern die Kastenunterschiede, in Rassen- und Stammesunterschieden ihre Wurzel hatten und ursprünglich aus dem Verhältnis von Siegern zu Besiegten hervorgegangen sind. Die moderne »Gesellschaft«, revolutionär wie sie ist, dreht übrigens den Prozeß der Verwandlung von Rassen in Klassen (oder Ständen und Kasten) um und ist auf dem besten Wege, aus dem Klassenunterschied einen Rassenunterschied zu machen. Der wohlgenährte Bourgeois gedeiht natürlich körperlich weit besser als der schlechtgenährte Arbeiter. Wo der Industrialismus jüngeren Datums ist, läßt sich dies weniger bemerken, obgleich auch schon bei uns in Deutschland ein körperlicher Unterschied zwischen den vollen Gestalten der Arbeitgeber und den hageren der Arbeiter nicht zu verkennen ist. Man wiege die zwölf ersten besten deutschen Bourgeois und die zwölf ersten besten deutschen Arbeiter, und es wird sich ein wesentliches Mehrgewicht der ersteren ergeben. Weit schärfer in die Augen springend ist der Unterschied in England, das uns im Industrialismus um mehrere Generationen voraus ist. Man sehe sich zum Beispiel in Manchester auf der Börse die Herren Bourgeois an und durchwandle dann die Straßen, durch welche die aus oder nach der Fabrik marschierenden Arbeiterbataillone ziehen: und die Beobachtung wird sich jedem sofort aufdrängen, daß er eine verschiedene Menschenrasse vor sich hat. Der physische Unterschied zwischen dem winzigen französischen Chasseur und dem riesigen englischen Guardsman, der auf dem Londoner Pflaster seine Zeit und seinen Sold totschlägt, ist nicht so groß als der zwischen dem Fabrikanten und dem Arbeiter der englischen Industriemetropole. Aus dem hochgewachsenen, breitschultrigen, dickbackigen Fabrikanten kann man mit Leichtigkeit drei der kleinen, dünnen hohlwangigen Arbeiter zurechtschneiden. Und das ist nicht zum Verwundern. Denn jeder dieser Herren Bourgeois und Bourgeoisherren hat durchschnittlich ein paar hundert Arbeiter aufgespeist. Wenn das so fortgeht, wird der Klassenunterschied mit der Zeit zu einem so radikalen Rassenunterschied führen, daß ein zweiter Darwin dazu gehören wird, den gemeinsamen Ursprung nachzuweisen.

Doch nun zu dem »besten Schulsystem«. »Wir Deutschen haben das beste Schulsystem, ergo sind wir das gebildetste Volk.« Der Schluß ist untadelhaft, der Vordersatz aber eine fromme Lüge oder eine gutmütige Selbsttäuschung. Nicht das beste Schulsystem haben wir, nur das bestdurchgeführte. Die Frage ist bloß: in welcher Richtung durchgeführt, nach welchem Ziel hin. Kein anderes der »großen Kulturvölker« besitzt so lange wie wir den durchaus vernünftigen Schulzwang – den man allerdings mit dem weniger anstößigen und das Prinzip besser bezeichnenden Ausdruck Schulpflicht, das heißt Pflicht des Staats und der Eltern, für die Erziehung der Kinder zu sorgen, benennen sollte –, in keinem anderen Staat, die Vereinigten Staaten von Amerika etwa ausgenommen, in denen jedoch der Schulzwang nicht existiert, der Schulbesuch aber infolge der Bildung und des ihr entsprungenen Bildungsbedürfnisses der Bürger, kein geringerer sein dürfte – in keinem anderen Staat ist die Zahl der Einwohner, die lesen und schreiben können, eine so große. Das ist eine Tatsache, die zu bestreiten mir nicht in den Sinn kommt. Schade nur, daß die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, noch lange nicht gleichbedeutend mit Bildung ist. Ich habe schon, unterstützt von dem Zeugnis Buckles, dem englischen und französischen Arbeiter, der nicht lesen und schreiben kann, eine höhere politische und ökonomische Bildung zugeschrieben als dem deutschen Arbeiter, der lesen und schreiben kann. Mit dem Lesen und namentlich dem Schreiben, das in deutschen Schulen erlernt wird, hat es indes auch seine eigentümliche Bewandtnis. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und vieles glänzt nicht einmal, von dem es traditionell behauptet wird. Bei den Rekrutenaushebungen findet sich laut amtlicher Statistik eine ganz beträchtliche Zahl von jungen, in Deutschland geborenen und »erzogenen« Leuten, die weder lesen noch schreiben können. Das zeigt, daß der Schulzwang vom heutigen Staat nicht mit der gleichen Energie gehandhabt wird wie zum Beispiel der Militärzwang. Bei der Rekrutenstellung wird sicherlich keiner vergessen, und werden nicht alle, die man haben will, unter die Fahnen gepreßt, so ist das nicht die Schuld der Behörden. Der Schulzwang besteht eben nur auf dem Papier, es wird »Staat damit gemacht« dem Ausland gegenüber, damit man sich als »Intelligenzstaat« aufspielen kann. Der Staatszweck des heutigen Staats erheischt so ungeheure Geldopfer und die Bildung des Volkes hat mit diesem Staatszweck so wenig zu tun – steht ihm sogar positiv im Wege –, daß die Schule naturgemäß stiefmütterlich bedacht wird. Nach zuverlässigen Mitteilungen sind gegenwärtig in Preußen über tausend Volksschullehrerstellen völlig unbesetzt und über tausendsiebenhundert mit Hilfslehrern und Aspiranten besetzt, das heißt Leuten, die sogar den ultrabescheidenen Anforderungen, die der heutige Staat theoretisch stellt, notorisch nicht genügen. Daß eine Obersten- oder Generals- oder Unteroffiziersstelle je unbesetzt geblieben sei, davon hat noch nichts verlautet. Woher dieser »Lehrermangel«? Je nun, während man siegreiche Generale, »erfolgreiche« Staatsmänner, die auf blutigen Schlachtfeldern den Glanz und die Macht der Dynastie vermehrt haben, mit Dotationen von Hunderttausenden, von Millionen Talern »beschenkt«, während man ein Viertel der gesamten Staatseinnahmen in das siebartig durchlöcherte Faß des Militarismus schüttet, gewährt man den Volksschullehrern eine so kärgliche Besoldung, daß sie in zahlreichen Fällen buchstäblich nicht ausreicht, Leib und Seele zusammenzuhalten, und der unglückliche Staatsproletarier sich durch Nebenverdienste, oft unwürdigster Art, den knurrenden Magen zu füllen bedacht sein muß. Dafür hat er aber die Genugtuung – die freilich kein Stück Brot buttert –, in der neudeutschen Bismarck-Mythe als »Sieger von Sadowa« gefeiert zu werden. Sadowa: Dorf in der damaligen böhmischen Bezirkshauptmannschaft Königgrätz. In der Schlacht von Königgrätz (von französischer Seite als Schlacht von Sadowa bezeichnet) fiel am 3. Juli 1866 die Entscheidung im Preußisch-Österreichischen Krieg zugunsten Preußens. Die liberale Presse führte diesen durch bessere Führung und Bewaffnung errungenen Sieg u. a. auf die höhere Bildung der preußischen Soldaten zurück, wonach der preußische Schulmeister – oft ausgedienter Unteroffizier – der eigentliche »Sieger von Königgrätz« gewesen sei. Diese Legende geht nach Eduard Sack auf eine Eingabe des preußischen Kriegsministers von Roon und des Kultusministers von Mühler an den preußischen König zurück. Und er verdient es. Er hat den »Sieg« von Sadowa ermöglichen helfen, freilich nicht in dem Sinne, wie die Mythologen es meinen oder gemeint wünschen. »Wie die Schule, so der Staat«, lautet ein ideologisches Sprichwort. »Wie der Staat, so die Schule«, lautet die realpolitische Über- und Umsetzung. Die Schule ist das mächtigste Mittel der Befreiung, und die Schule ist das mächtigste Mittel der Knechtung – je nach der Natur und dem Zweck des Staats. Im freien Staat ein Mittel der Befreiung, ist die Schule im unfreien Staat ein Mittel der Knechtung. »Bildung macht frei« – von dem unfreien Staat verlangen, daß er das Volk bilde, heißt ihm einen Selbstmord zumuten. Der moderne Klassenstaat bedingt aber seinem Wesen nach die Unfreiheit. Die Schule, wie sie ist, und die Schule, wie sie sein soll, verhalten sich zueinander genau gleich dem Staat, wie er ist, und dem Staat, wie er sein soll. Der Staat, wie er ist, das heißt der Klassenstaat, macht die Schule zu einem Mittel der Klassenherrschaft. Er kann freie Männer nicht brauchen, nur gehorsame Untertanen; nicht Charakter, nur Bedienten- und Sklavenseelen. Da ein »intelligenter« Bedienter und Sklave brauchbarer ist als ein unintelligenter – schon die Römer legten auf Sklaven, die etwas gelernt hatten, einen besonderen Wert und zahlten entsprechende Preise für sie –, sorgt der moderne Staat für eine gewisse Intelligenz, nämlich für Bedienten-Intelligenz, die das menschliche Werkzeug verfeinert und vervollkommnet, so daß sich besser mit ihm »arbeiten« läßt. So wird die Schule zur Dressuranstalt statt zur Bildungsanstalt. Statt Menschen zu erziehen, erzieht sie Rekruten, die aufs Kommando in die Kaserne, diese vornehmste Menschen-Maschinenfabrik, eilen; Steuerzahler, die sich nicht mucksen, wird ihnen das Fell über die Ohren gezogen; Lohnsklaven des Kapitals, die es in der Ordnung finden, daß ihnen das Mark aus den Knochen gesogen wird. Der Hauptzweck der Schule ist aber entschieden, taugliches Rohmaterial für die Kaserne zu liefern. In der Kaserne erst wird der »wahre Mensch« fertiggemacht. Der Schulmeister dressiert, der Unteroffizier drillt. Der Unteroffizier ist die Fortsetzung des Schulmeisters. Die Volksschule ist die Vorschule der Kaserne, die Kaserne die Fortbildungsschule der Volksschule. Ohne den Schulmeister kein Unteroffizier! Wer je auf einem Exerzierplatz gewesen ist und dem Drillungsprozeß, der Anfertigung von Menschenmaschinen zugeschaut hat, wird mir zugeben, daß nur dressierte Geschöpfe sich diesem Prozeß unterwerfen können. Mit Menschen, echt menschlich gebildet, zur Unabhängigkeit erzogen, wäre er einfach unmöglich. Auf der anderen Hand: ohne den Unteroffizier kein Schulmeister! (Ich meine natürlich den Schulmeister des heutigen Klassen- und Musterstaates.) Würde die Dressur nicht in den Kasernen und auf den Exerzierplätzen vollendet, würde sie nicht durch das Drillsystem, welches in das für die Charakterbildung entscheidende Alter fällt, unverlöschlich eingeprägt, so könnte auch das Dressursystem sich nicht auf die Dauer behaupten. Der Schulmeister und der Unteroffizier ergänzen sich gegenseitig. Der dressierende Schulmeister und der drillende Unteroffizier sind die beiden Hauptpfeiler des heutigen Staats; und neben dem drillenden Unteroffizier hat allerdings der dressierende Schulmeister, der Schulmeister, wie er ist, »bei Sadowa gesiegt«.

Der Schulmeister, wie er sein soll, hätte Sadowa nebst allem, was drum und dran hängt, unmöglich gemacht. Eine gebildete Jugend läßt sich nicht zu »Kanonenfutter« verarbeiten. Urteile ich etwa zu hart über die heutige Volksschule? Man blicke in die berüchtigten preußischen Schulregulative, die, mit unbedeutenden Änderungen, für ganz Deutschland gelten, und man wird das Urteil vollauf begründet finden. Nicht das Denkvermögen der Kinder wird geweckt und geschärft, nicht die Kenntnis der Natur und ihrer Gesetze ihnen eingeflößt, das Wesen des Menschen und der Gang der menschlichen Entwicklung ihnen nicht klargemacht, nicht das Selbständigkeitsgefühl gepflegt: Das Gegenteil von alledem. Geschichte und Naturwissenschaften werden so gut wie nicht gelehrt – unter dem Namen »Geschichte« ein wüster Haufen von Jahreszahlen, Fürstennamen und Schlachten, erlogene oder schön gefärbte Anekdoten zur Verherrlichung der betreffenden Landesväter, verleumderische, den rohesten Nationalhaß fördernde Lügen über fremde Nationen, lächerliches Herausstreichen imaginärer Tugenden der eigenen Nation. Durch mechanisches Auswendiglernen wird das Denkvermögen erstickt, blinder Glaube – der Bruder des blinden Gehorsams, welchen die Kinder später in der Kaserne zu üben haben – als oberste Pflicht, die freie Forschung als Teufelswerk hingestellt, jede selbständige Regung ertötet. Und das Lesen und Schreiben sogar wird der Regel nach nur auf das ungenügendste in unserer gepriesenen Volksschule gelehrt. Wer immer mit dem Volke verkehrt, wird mir dies bestätigen. Fließend und richtig lesen können nur die wenigsten Kinder, welche die Schule verlassen. Und was das Schreiben anbelangt, so ist das Resultat ein noch weit ungünstigeres. In meiner Eigenschaft als Redakteur eines Arbeiterblattes habe ich die beste Gelegenheit, mir über diesen Punkt ein Urteil zu bilden. Von den Tausenden von Briefen und Zuschriften, die mir seit Jahren aus Arbeiterkreisen zugegangen sind, ist nur ein verschwindend kleiner Teil orthographisch richtig geschrieben und in stilistischer Hinsicht mäßigen Anforderungen entsprechend. Und die Arbeiter, welche in die politisch-soziale Bewegung eingetreten sind und an ein Arbeiterblatt schreiben, stehen nicht unter, sondern über dem Durchschnittsgrad der in den Arbeiterkreisen verbreiteten Bildung. Durch meine persönlichen Erfahrungen bin ich zu dem Resultat gekommen, daß in Deutschland – meine Erfahrungen umfassen ziemlich gleichmäßig ganz Deutschland –, daß in Deutschland unter je tausend Zöglingen unserer gepriesenen Volksschulen kaum einer imstande ist, seine Gedanken mit einiger Korrektheit schriftlich auszudrücken.

Die Zahl derer, die erträglich lesen können, ist unstreitig weit größer, und ich gebe gern zu, daß das Lesen als Bildungsmittel weit wichtiger ist als das Schreiben. Wer lesen kann und die Neigung hat, sich auszubilden, wird, falls ihm bildende Lektüre zu Gebote steht, die Lücken seiner Erziehung allmählich ausfüllen und sich eine wirkliche Bildung erwerben. Aber steht solche Lektüre unserem Volk zu Gebote? Die Frage muß verneint werden. Jeder Buchhändler kann Ihnen sagen, daß unsere klassische Literatur, wie Buckle uns vorgeworfen hat, für das Volk nicht existiert – erst in neuester Zeit, wo sehr billige Ausgaben veranstaltet werden, beginnen einzelne Werke unserer großen Autoren in die mittleren Schichten der Bevölkerung zu dringen. Die Bücher unserer Gelehrten sind für die Massen mit sieben Siegeln versiegelt; die geistige Nahrung des Volkes ist die Tagespresse: Zeitungen und billige Unterhaltungsblätter. Zum Unglück verhält es sich mit dieser geistigen Nahrung wie mit der körperlichen Nahrung, auf welche das Volk angewiesen ist; gleich ihr ist sie verfälscht und ungesund und dem Geist ebenso schädlich wie jene dem Körper. Wir haben nicht ein Unterhaltungsblatt, das den Sinn der Leser zu veredeln strebte. Reine Geldspekulationen, verfolgen sie nur den Zweck: Geld zu machen. Und das meiste Geld ist zu machen, wenn sie mit dem Strom schwimmen, den modischen Vorurteilen schmeicheln, an die Schwächen, niederen Leidenschaften und gemeinen Instinkte appellieren. So haben sie die Kundschaft des großen Haufens, des »gebildeten« und ungebildeten Pöbels und – die Protektion der Großen, die ein Interesse daran haben, daß der große Haufe, das Volk, nicht die Bildung erlange, welche »frei macht«, nicht das Wissen, welches »Macht ist«. Die billigsten Unterhaltungsblätter, welche hauptsächlich unter das Volk kommen – ich rechne die sogenannten Kolportage- oder Lieferungsromane hier mit –, sind fast ausnahmslos – ich glaube, man kann sagen: ausnahmslos – der Form nach miserabler Schund und dem Inhalte nach Opium für den Verstand und Gift für die Sittlichkeit. Das Beste an dieser Literatur ist, daß sie infolge des selteneren Erscheinens und der nicht so allgemeinen Verbreitung relativ harmlos ist im Vergleich mit der politischen Tagespresse, die ihren Einfluß überallhin, auch in die jeder anderen Lektüre unzugänglichen Kreise erstreckt. Eine Zeitung liest jedermann, der lesen kann – entweder bei sich zu Hause oder beim Nachbar oder im Wirtshaus. Neben der Schule und Kaserne ist die Presse unsere dritte große Bildungsanstalt. Und sie reiht sich ihren Kolleginnen würdig an. Ein Herz und eine Seele mit ihnen, ergänzt sie deren Werk. Was in der Schule und Kaserne gelehrt wird, das trägt sie ins Land, in jedes Haus, in jede Hütte – nur, daß sie nicht immer im Ton des Schulmeisters oder Unteroffiziers spricht, sondern es liebt, ein freisinniges Mäntelchen umzuhängen, gern von Volkswohl, Aufklärung, demokratischen Errungenschaften und sonstigen Modeartikeln redet, weil das »zieht« und die unschmackhafte Ware unter solch hübscher Etikette leichter Absatz findet. Seit unsere Bourgeoisie aus Furcht vor den Arbeitern auf den politischen Kampf verzichtet und sich resigniert dem Säbel des einst so verhaßten Junkertums untergeordnet hat, sucht sie ihr demokratisches Gewissen durch eine gesinnungstüchtige Opposition gegen das Pfaffentum zu beschwichtigen. Gemeint ist der von Bismarck initiierte sogenannte »Kulturkampf«, eine politische Auseinandersetzung zwischen der Bourgeoisie und der Regierung einerseits und dem katholischen politischen Klerikalismus (mit partikularistischen, antipreußischen und z. T. antikapitalistischen Tendenzen) andererseits. Der »Kulturkampf«, der mit den Maigesetzen 1873 den Höhepunkt erreichte, diente als eine Art Ablenkungsstrategie dazu, die grundsätzlichen Klassengegensätze zu überdecken und zugleich das konservativ-protestantische Junkertum gegenüber der Bourgeoisie und den Volksmassen abzuschirmen. (Und Fürst Bismarck, der seine Pappenheimer kennt, hat den »liberalen« Philistern jetzt die Jesuiten hingeworfen, an denen sie mit ihren stumpfen Zähnen herumbeißen mögen.) Es fällt mir nicht ein, die kulturfeindliche Tätigkeit des Pfaffentums irgend unterschätzen zu wollen. Gleich in den ersten Worten meines Vortrags habe ich die unheilvolle Rolle des Pfaffentums in der Menschengeschichte gekennzeichnet. Die Geschichte des Pfaffentums aller Nationen und aller Konfessionen ist ein ununterbrochener Kampf gegen den aufstrebenden menschlichen Geist, eine ununterbrochene Reihe von Attentaten gegen Vernunft und Humanität. Kerker, Gift, Dolche, Scheiterhaufen, Religionskriege, systematische Verdummung als Mittel und Beherrschung der Völker als Ziel – das ist in traurigem Einerlei die Geschichte des Pfaffentums. Jetzt aber herrscht das Pfaffentum nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei, wo die politischen Fragen den religiösen untergeordnet waren. An sich und durch sich hat das Pfaffentum keine Macht mehr. Seine Macht hat es vom Staat. Während im Mittelalter der Staat Diener der Kirche war, ist gegenwärtig die Kirche die Dienerin des Staats. Was sie hat, hat sie vom Staat, was sie tut, tut sie im Dienste des Staats, für den Staat. Der »Kampf« zwischen Kirche und Staat, von dem wir seit einiger Zeit so viel hören, ist eitel Spiegelfechterei zur Belustigung erwachsener Kinder, die man in guter Laune erhalten und vor ernsthaften Gedanken bewahren will. Kein Zweifel, innerhalb der Kirche tauchen hier und da die Erinnerungen an die alte Herrlichkeit auf, an die Zeit, da der Staat Diener der Kirche war, und in dem einen oder anderen Kopf mag diesen Erinnerungen wohl das Gelüste entkeimt sein, die alte Herrlichkeit wiederherzustellen, doch das sind Extravaganzen, die wohl für den Psychologen, nicht aber für den Politiker von Interesse sind. Die Kirche als Großes und Ganzes ist nur noch ein Staatsinstitut, und wenn ich sie vorhin nicht neben der Schule und Kaserne aufgezählt habe, so geschah es, weil die Kirche hauptsächlich in der Schule und durch die Schule wirkt. Ernsthaft gefährlich ist die Kirche nur in der Schule, die sie als gehorsame Dienerin des Staats für dessen Zwecke zurichtet. Der Einfluß, den die Kirche außerhalb der Schule, von der Kanzel und in katholischen Ländern im Beichtstuhl ausübt, ist von sehr untergeordneter Wichtigkeit, trotz allem Geschrei, das diejenigen davon machen, welche die Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Übeltäter ablenken wollen; sie übt ihn aus mit der Sanktion und Unterstützung des Staats, wenn nicht im Namen, doch im Auftrage des Staats, und das Nachteilige dieses außerhalb der Schule von der Kirche ausgeübten Einflusses ist von verschwindender Geringfügigkeit, verglichen mit den Wirkungen der gigantischen Verdummungsmaschine, genannt: Presse.

Mit der Schule und Kaserne bildet die Presse die große Dreieinigkeit der Volksverdummung; und dieser heiligen Allianz gegen die Emanzipation der Menschheit wird von der Kirche, wie das ihr Wesen mit sich bringt, aller erdenklicher Vorschub geleistet. Während die Schule nebst Kirche und die Kaserne ausschließlich Bildungsanstalten des Staats sind, ist die Presse gemeinsames Instrument des Staats und der Gesellschaft.

Der Staat hat durch seine Gesetzgebung dafür gesorgt, daß »staatsgefährliche«, das heißt ihm, dem heutigen Klassenstaat gefährliche, seinen Prinzipien zuwiderlaufende Bestrebungen vogelfrei sind; er hat in richtiger Würdigung der Macht der Presse, abgesehen von der allgemeinen, jeden freiheitlichen Aufschwung zu hemmen bestimmten Gesetzgebung, für die Presse noch einen Ausnahmezustand geschaffen, der sie an Händen und Füßen gebunden, seiner Gewalt überliefert und ihn in den Stand setzt, ihr, sobald sie Mißliebiges äußert, den Hals zuzuschnüren. Pressefreiheit war eine der meisterhobenen liberalen Forderungen, zumal die Bourgeoisie infolge ihrer ökonomischen Stärke über die auflagengrößten Zeitungen verfügte und faktisch die Presse beherrschte. Nachdem die Revolution von 1848/49 die Karlsbader Beschlüsse mit ihrer Knebelung der Presse (u. a. Vorzensur) hinweggefegt hatte, schränkten die in der Reaktionszeit erlassenen Preßgesetze (z.B. preußisches Preßgesetz vom 12. Mai 1851) die Pressefreiheit u. a. durch Kautionspflicht, Zeitungsstempel und Inseratensteuer sowie durch polizeiliche Repressivdrohungen (Konzessionsentziehung u. a.) ein. Das Reichsgesetz über die Presse vom 9. Mai 1874 hob einen Teil dieser polizeilichen Präventivmaßregeln auf, verlangte aber u.a. die Nennung des Namens und Wohnortes des Druckers bzw. Verlegers für jedes Druckerzeugnis, eines verantwortlichen Redakteurs für jedes Periodicum und die sofortige Ablieferung von Pflichtexemplaren an die Polizeibehörden, ermöglichte die Beschlagnahme von Druckschriften, sah hohe Geld- und Haftstrafen wegen »Preßdelikten« (u. a. Beleidigung, Gotteslästerung, Aufreizung) vor und verbot öffentliche Sammlungen zur Aufbringung von Geldstrafen wegen »Preßvergehen«, wodurch vor allem die Arbeiterpresse getroffen werden sollte. Zur Überwachung der Presse war eine spezielle Preßpolizei eingesetzt. Jedes Preßgesetz ist ein Preßknebel. Ein freisinniges Preßgesetz ist eine contradictio in adjecto, ein Unding. Das freisinnigste ist die Verneinung der Preßfreiheit. Und selbst Nationalliberale haben sich noch nicht so weit verstiegen, unsere deutschen Preßgesetze freisinnig zu nennen. Doch nicht zufrieden damit, die Presse durch Repressivgesetze an jeder ihm nicht genehmen Bewegung zu hindern, hat der Staat, aus der unfruchtbaren Negation zu positiven Maßregeln übergehend, direkt das Zeitungsgeschäft in die Hand genommen und ist selber Zeitungsunternehmer, oberster Zeitungsfabrikant und damit Preßregulator geworden. Die Art, wie er dabei verfährt, ist, so kompliziert auch der Mechanismus, doch in der Hauptsache sehr einfach – so einfach, daß im Notfall dem ersten besten Unteroffizier die technische Leitung anvertraut werden könnte. An Geld fehlt es dem Staat nicht – er hat ja die Steuerschraube ohne Ende –, und so ist es denn für den Staat kein Kunststück, so viel Zeitungen, lithographierte Korrespondenzen zu gründen, als ihm beliebt. Das ist bloß eine Geldfrage. Die nötigen »geistigen« Kräfte »finden sich« für Geld und ohne gute Worte mit derselben Leichtigkeit wie die Buchdrucker und Papierlieferanten. Zeitungen zu schreiben und Zeitungen zu drucken sind nur zwei verschiedene Abteilungen des nämlichen Geschäfts. Wäre es im Interesse des Staats, das Preßgeschäft im strengsten Sinne des Wortes zu monopolisieren, so würde der Staat es unstreitig tun – moralische Rücksichten halten ihn nicht davon ab. Es ist aber nicht sein Interesse. Es ist vorteilhafter für ihn, die Gesellschaft als Kompagnon zuzulassen. Der Wert eines Urteils sinkt, sobald bekannt wird, daß es abhängig, auf Kommando gefällt ist. Gäbe es bloß königlich oder kaiserlich privilegierte Zeitungen in Deutschland – nach dem Muster der französischen Tabakbüros –, so würde das Publikum zwar bloß Ware von einer durch den Staatsstempel attestierten Güte empfangen, allein das Lob der Regierung würde doch einigermaßen verdächtig sein, und die nicht zu vermeidende Monotonie würde ermüden. So ist denn der Staat auf ein anderes Auskunftsmittel verfallen. Er läßt das Zeitungsgeschäft dem Namen nach frei, erlaubt jedem Privatspekulanten, so viel Zeitungen zu gründen, als ihm beliebt, und behält sich bloß das Recht vor, die Qualität der produzierten Ware zu kontrollieren und je nach Bedürfnis, durch Zusatz eigenen Fabrikats zu verbessern. Ich sage, das Recht. Ich hätte vielleicht sagen sollen, die Macht, doch Macht und Recht sind ja dasselbe Ding, verschieden aufgefaßt. Um der Doppelaufgabe der Kontrollierung und Qualitätsverbesserung zu genügen, hat der Staat eine besondere, mit reichen Geldmitteln ausstattete Anstalt ins Leben gerufen, welche »öffentliche Meinung« en gros zu fabrizieren und die anderweitig privatim fabrizierte »öffentliche Meinung« zu überwachen und zu regulieren hat. Die Anstalt, die in Berlin ihren Sitz hat, ist dem großen Publikum völlig unbekannt, weil man ihm aus naheliegenden Gründen ihre Existenz verschweigt. Den Eingeweihteren ist sie bekannt unter dem Namen des Berliner Preßbüros. Gemeint ist die Presseabteilung im Auswärtigen Amt, ein wichtiges Mittel Bismarcks zur Lenkung der Presse und zur Manipulierung der öffentlichen Meinung. Es herrscht darin die schönste Teilung der Arbeit. Aus den Ministerien kommen die Aufträge oder Befehle; das dienstbeflissene »Federvieh« fertigt im Nu die »verlangten« Artikel an, und ein kunstvolles Pump- und Röhrenwerk schafft das Produkt sofort in die entferntesten Winkel des deutschen Vaterlandes und darüber hinaus in jede »unabhängige« Zeitungsredaktion.

Ich kann mich in diesem Vortrag nicht mit weiteren Einzelheiten befassen. Genug, das Preßbüro ist eine Tatsache; genug, das Preßbüro versorgt mit seinen Fabrikanten die gesamte Presse. Die großen Blätter wie die kleinen und kleinsten. Die wenigen Zeitungen, die sich rein halten von dem sauberen Staatsprodukt, haben Verfolgungen jeder Art zu erleiden.

Alle »gebildeten« Großstaaten des europäischen Kontinents, das sei noch bemerkt, haben ähnliche Preßinstitute und sind Zeitungsunternehmer und Eigentümer. In keinem Staat, sogar nicht in Frankreich, ist dieser Zweig der Staatsindustrie aber zu solcher Vollkommenheit erhoben worden wie in Preußisch-Deutschland, das auf diesem Gebiet unzweifelhaft »an der Spitze der Zivilisation marschiert«.

So ist denn, teils durch die Gesetzgebung, teils durch die Regierungsblätter und das Preßbüro, die Tagespresse zur willenlosen Handlangerin des Staats geworden. Sie darf Opposition machen, aber nur »loyale« Opposition, welche tadelt, um desto wirksamer zu loben; welche den Schein der Unabhängigkeit annimmt, um desto wirksamer die Servilität zu üben und zu predigen.

Die »Gesellschaft« findet bei diesem Kompaniegeschäft mit dem »Staat« vortrefflich ihre Rechnung. Das Zeitungsgeschäft ist eine der einträglichsten Geldquellen. Die Nachfrage steigt von Tag zu Tag, und indem die Privatzeitungsbesitzer so freundlich oft gratis vom »Staat unterstützt« werden – auch »Staatshilfe«! –, genießen sie den dreifachen Vorteil: mit einem »guten«, zur Befestigung und »Verewigung« der Klassenherrschaft beitragenden »Artikel« versorgt zu werden; an den Betriebskosten zu sparen und die Profite entsprechend zu vermehren und sich der Protektion des Staats zu versichern.

Der schmachvollen Rolle, welche die Presse im Bismarck-Bonaparteschen Krieg gespielt, habe ich bereits gedacht. Sie tat damals nur, was sie immer tut – bloß, daß die Gelegenheit eine ungewöhnlich günstige war und die Leistungen in das grellste Licht gestellt und mit dem brillantesten Erfolg gekrönt wurden. Der Fetischdienst der brutalen Gewalt, das Kreuzigt-ihn! gegen jeden, der dieser verrotteten Gesellschaft die Maske abreißt, die Umdrehung aller Begriffe, die Infamie zur Tugend gemacht, der Kot vergoldet, die List des Roßtäuschers und die Roheit des Stallknechts als staatsmännisches Genie in den Himmel erhoben, die nationalen Vorurteile gepflegt, der Nationalhaß geschürt, wann und wo hätte – kurze Lichtblicke abgerechnet – die Presse je eine andere Mission verfolgt? Dienerin des Klassenstaats und der Bourgeoisiegesellschaft, hat sie nur einen Leitstern: die Interessen des Klassenstaats und der Bourgeoisiegesellschaft. Was ihnen förderlich, das unterstützt, verherrlicht sie, und wäre es der ekelhafteste Auswurf – was im Widerspruch mit ihnen, das begeifert sie, und wäre es das höchste Kleinod echt menschlicher Kultur. Die Charakterlosigkeit wird geachtet, der Charakter in Schmutz gezogen, die Ungerechtigkeit als göttliche Weltordnung gepriesen, die sozialen Schäden mit Schönpflästerchen bedeckt – kurz: Gemeinheit, Lüge, Korruption; Korruption im niedersten Sinn: Alles für Geld – für alles Geld. Wie kein politischer, so ist kein industrieller Schwindel zu schwindelhaft, zu niederträchtig, zu unflätig, um nicht in dieser Presse die begeistertste Unterstützung zu finden – für Geld. Vermittels der Presse treibt der Börsen- und Gründungsschwindel seine Bauernfängerei im großen: er stellt die Fallen, legt die Garne, und die Presse füllt sie ihm – und dabei sich selber die Taschen.

Die Tagespresse ist der treue Spiegel der Staats- und Gesellschaftszustände; und dem unparteiischen und unerbittlichen Geschichtsschreiber der Zukunft wird ein Jahrgang unserer Zeitungen genügen, um den heutigen Staats- und Gesellschaftszuständen das Verdammungsurteil zu sprechen. –

Wir haben nun die bildungsspendende Dreieinigkeit des heutigen Staats und der heutigen Gesellschaft: Schule, Kaserne und Presse, die Revue passieren lassen und die Bestätigung des Satzes gefunden, daß Staat und Gesellschaft von heute nur verfälschte Bildung unter das Volk bringen und prinzipielle Gegner wirklicher Bildung sind; daß unsere moderne Kultur bloß eine dünne Kruste ist, welche bei der geringsten Erschütterung platzt und aus der dann die brodelnde und gärende Lava der Barbarei hervorbricht.

Es bedarf übrigens gar keiner außerordentlichen Vorgänge, um die Wurmstichigkeit unserer Kultur zu enthüllen.

Vor kurzem veröffentlichten die Zeitungen eine amtliche Notiz des Berliner statistischen Büros, nach welcher sich im vorigen Jahr – ich weiß nicht, ob bloß im Bereich der preußischen Monarchie oder des preußisch-deutschen Reichs; doch das ist gleichgültig – 138 000 junge Leute zum Examen für die Einjährig-Freiwilligen gemeldet haben und daß von dieser Zahl nur 48 300 körperlich tauglich befunden wurden, 89 700 aber als körperlich untauglich abgewiesen werden mußten.

Ich würde noch beredtere Ziffern mitteilen können, wenn die Statistik nicht im Dienste des Klassenstaats wäre und die schlimmsten Partien des modernen Gesellschaftskörpers, die parties honteuses, absichtlich im Dunkel beließe. Doch schon diese Ziffer spricht laut und deutlich genug. Wie aus einem einzigen Knochen das ganze Skelett, so läßt sich aus dieser einzigen Ziffer der ganze Kulturzustand der Gegenwart konstruieren. Sie gleicht einer brennenden Fackel, in einen gähnenden Abgrund geworfen. Einjährig-Freiwillige können nur die Söhne der höheren Klassen werden – die Söhne von Beamten, Bourgeois und sonstigen »besser situierten« Personen; und es versteht sich von selbst, zur Prüfung melden sich bloß diejenigen, welche die nötigen Qualifikationen zu besitzen glauben. Die Krüppel, die Kränklichen, die offenbaren Schwächlinge, deren Zahl nicht gering ist, bleiben von selbst fern. Und doch müssen, obgleich der heutige Staat nicht wählerisch ist und jeden nur irgend Tauglichen in die Armee rafft – und doch müssen nahezu zwei Drittel sämtlicher, die sich angemeldet, wegen körperlicher Untauglichkeit momentan zurückgestellt oder definitiv abgewiesen werden! Also von je drei jungen Männern in der Blüte der Jahre, in dem Alter, welches man für die Erfüllung der nobelsten, ehrenvollsten Funktion im heutigen Staat – für den Militärdienst – festgesetzt hat, sind nach Ausmerzung der Unkräftigsten gegenwärtig zwei körperlich in einem so miserablen Zustand, daß sie kein Zündnadelgewehr richtig herumschleppen und abdrücken können, wozu doch eigentlich sehr wenig gehört!

Und wohlgemerkt, hier handelt es sich nur um die Söhne der herrschenden und wohlhabenden Klassen, um Jünglinge, die durchschnittlich unter relativ günstigen Lebensbedingungen aufgewachsen sind, die in den Wohnungen Luft und Licht hatten, denen es an Nahrung, Kleidung und Pflege nicht gefehlt hat. Welch furchtbaren Zustände enthüllen uns diese drei nackten Ziffern! Welch grelles Licht werfen sie auf unsere gerühmte Kultur! Es ist wahr, nur von körperlicher Gebrechlichkeit handelt die Notiz des statistischen Büros. Aber ist die körperliche Ausbildung nicht ein Teil der allgemeinen menschlichen Ausbildung? Ist körperliche Ausbildung von der geistigen zu trennen? Kein Pädagoge behauptet eine solche Monstrosität. Die körperliche und geistige Ausbildung bedingen, ergänzen sich wechselseitig. Die einseitige Ausbildung der geistigen Fähigkeiten bei Vernachlässigung der körperlichen führt mit Notwendigkeit zur körperlichen Verkrüppelung, und ein körperlich verkrüppeltes Geschlecht kann unmöglich geistig und moralisch normal entwickelt sein. Der Geist ist nur eine Eigenschaft des Körpers und das: mens sana in corpore sano – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper – ist nicht bloß praktischer Erfahrungssatz, sondern auch ein unumstößlicher Satz höchster Wissenschaft.

Und noch eins: Der heutige Staat und die heutige Gesellschaft haben zwar die gewichtigsten Gründe, die geistige und moralische Ausbildung der Jugend und heranwachsenden Geschlechte zu verhindern; aber sie haben nicht den mindesten Grund, deren physische Ausbildung zu verhindern. Im Gegenteil, sie haben die gewichtigsten Gründe, die physische Ausbildung unter Vernachlässigung der geistigen und moralischen nach Möglichkeit zu fördern. Der Staat kann keine »denkenden Bajonette« brauchen, keine Rekruten, die »räsonieren« und Flausen von »Menschenwürde« im Kopf haben, allein er kann auch keine brauchen, die körperlich mangelhaft entwickelt sind.

Und ähnlich die Gesellschaft. Arbeiter, die denken, die sich als Menschen fühlen, von Rechten und Pflichten einen Begriff haben, kann der heutige Arbeitgeber nicht brauchen; sie sind eine »Pest« der Fabrik oder Werkstätten, sie »vergiften« ihre Umgebung – aber gesunde Gliedmaßen soll der Arbeiter haben, starke Knochen, tüchtige »Hände«. Ein kräftiger, normaler Körper, womöglich ohne Hirn, das wäre der echte Musterarbeiter der Bourgeois. Also, die körperliche Verkrüppelung gehört weder zum Staats- noch zum Gesellschaftszweck, wohl aber die geistige; und wenn wir daher erfahren, daß die große Mehrzahl der Bevölkerung körperlich verkrüppelt ist, so sind wir zu dem Schluß gezwungen, daß die geistige Verkrüppelung noch allgemeiner ist als die körperliche.

Doch, um zunächst bei dem Thema der körperlichen Verkrüppelung zu bleiben – die angeführten Ziffern betreffen ausschließlich die in dieser wie in jeder Hinsicht bevorzugten Klassen. Wenn nun unter diesen so entsetzliche Zustände obwalten, wie muß es erst unter den Klassen aussehen, die schlecht genährt, schlecht behaust, schlecht bekleidet, den ersten Anforderungen der Gesundheitslehre nicht genügen; dem zarten Kindeskörper, dem oft schon vor der Geburt der Keim hoffnungslosen Siechtums eingepflanzt ward, nicht die zum Gedeihen unerläßliche Luft, Nahrung und Pflege angedeihen lassen können? Nur ungern beschäftigt sich die gleich jeder anderen Wissenschaft in den Dienst des Staats und der Gesellschaft gepreßte Statistik mit dieser Nachtseite unserer Zivilisation; aber dennoch hat sie feststellen müssen, daß in den unteren Klassen die Kindersterblichkeit eine weit größere und die durchschnittliche Lebensdauer eine weit niedrigere ist als in den oberen Klassen. Sie hat ferner feststellen müssen, daß die Arbeit, auf der Staat und Gesellschaft beruhen, den Nichtarbeitern, das heißt den oberen Klassen, Reichtum und verlängertes Leben, den Arbeitern selbst, das heißt den unteren Klassen, Armut, Krankheit, Siechtum und frühen Tod bringt. Das Herz krampft sich uns zusammen, wenn wir die Menschenhekatomben betrachten, die unsere »Zivilisation« von Zeit zu Zeit dem blutigen Kriegsgott opfert – was aber sind diese Kriegshekatomben im Vergleich zu den Myriaden, die unsere Gesellschaft ununterbrochen, jahraus, jahrein, Tag für Tag auf dem Altar des Industrialismus und Kapitalismus dahinschlachtet, mordet? Ja, mordet; wer ohne sein Verschulden von seinen Mitmenschen, die Gewalt über ihn erlangt haben, zu einer Lebensweise genötigt wird, die ihm mit mathematischer Gewißheit und für jeden Denkfähigen voraussehbar einen frühzeitigen Tod bringen muß, der ist gemordet, und trägt nicht ein bestimmtes Individuum die Schuld, so tragen sie doch die Verhältnisse und Einrichtungen, die seinen Tod verursacht haben und unzweifelhaft auch in ihrer Gesamtheit, die Individuen, welche in ihrem Privat- und Klasseninteresse diese Verhältnisse und Einrichtungen geschaffen haben und aufrechterhalten, obgleich die verderblichen, menschenmörderischen Wirkungen zutage liegen. Die Ausrede, daß die Wirkung nicht beabsichtigt sei, kann für den einzelnen »mildernde Umstände« begründen, jedoch die Schuld nicht entfernen. Der Mord wird dann höchstens zum Totschlag; und auch die behauptete Unbekanntschaft mit den mörderischen Wirkungen des heutigen Produktionssystems kann nicht als moralische Rechtfertigung dienen. Sprechen unsere Gerichte etwa den Mörder oder Totschläger frei, der den Nachweis liefert, daß er bei Begehung des Verbrechens die auf Mord und Totschlag bezüglichen Paragraphen des Strafgesetzbuchs nicht gekannt habe?

Bewunderer der heurigen Welt reden von den »Schlachtfeldern der Industrie, auf denen es keine Leichen gibt«. O der Selbsttäuschung oder des Betrugs! Keine Leichen! Wenn wir die Leichen der Arbeiter, ihrer Frauen, ihrer Kinder, kurz, aller derer, die in vergifteten Werkstätten und Fabrikräumen den Tod eingeatmet, infolge übermäßiger Arbeit vor Ablauf des von der Natur ihnen zugemessenen Lebens, ja nur vor Ablauf der Hälfte, die Lebenskraft schon erschöpft haben – wenn wir die Leichen aller, die unmittelbar oder mittelbar dem heutigen Produktionssystem zum Opfer fallen, nur während eines Jahres sammeln und in eine Reihe nebeneinanderlegen – und wenn wir daneben die Leichen sämtlicher Soldaten legen, die in sämtlichen »heiligen« und unheiligen Kriegen der letzten zwanzig Jahre getötet worden sind – Deutsche, Franzosen, Italiener, Dänen, Engländer, Amerikaner –, alle brüderlich im Tode vereint, so wird die erste Reihe mit ihren im Bett nach dem ärztlichen Zeugnis eines »natürlichen Todes« Gestorbenen weit hinausreichen über die blutige Reihe der zerfetzten, durchlöcherten, von klaffenden Wunden entstellten Kadaver, die einst Soldaten waren.

Und auch an Blut, an Todeswunden und furchtbaren Verstümmelungen fehlt es nicht auf dem »Schlachtfelde der Industrie«. Gehen Sie in die erste beste Industriestadt – sie sehen sich alle ähnlich wie ein Ei dem anderen, ob englisch, französisch, belgisch, deutsch; beiläufig ein schlagender Beweis für die Albernheit des Ammenmärchens von den Grundverschiedenheiten der verschiedenen Nationen! Gehen Sie in die erste beste Industriestadt, und Sie werden, was man sonst nur nach Kriegen zu beobachten pflegt, ehe Sie weit gegangen sind, Männern begegnen, denen ein Bein, ein Arm, eine Hand fehlt, Unglückliche, denen beide Beine fehlen, verstümmelte Frauen und Kinder. Frauen und Kinder! Denn dadurch unterscheidet sich der Moloch des Kapitalismus von dem Moloch des Krieges: Er ist nicht so wählerisch; er beschränkt sich nicht bloß auf das Fleisch erwachsener Männer in der Blüte der Jahre – ihm ist alles recht, das schwache, zarte Weib, das hilflose Kind, er hat kein Erbarmen, er packt alles, was die Hand heben, eine Maschine bedienen, eine Kurbel umdrehen kann, und verschlingt es.

Die Verstümmelten, die Ihnen in der Industriestadt begegnen, nun sie haben ein »Unglück« gehabt, einen »unglücklichen Zufall«, und zwar meist »durch eigene Schuld« – sie sind einem Maschinenrad zu nahe gekommen, von einem Zahn, von einem Riemen erfaßt worden und – das sind die Überlebenden. Wie mancher, wie manche wird sofort von der Maschine zermalmt und – eine formlose Fleischmasse – aus den Rädern hervorgezogen! Und blicken Sie unter die Erde, in den Schacht, aus dem die fleißigen Hände unserer Bergleute die Licht und Wärme spendende Kohle, diesen »schwarzen Diamant«, der tausendmal wertvoller und nützlicher ist als der »weiße« zutage fördern. In England werden nach amtlicher Statistik jahraus, jahrein gegen tausend Bergleute bei ihrer Beschäftigung getötet, zehnmal soviel verwundet. In Deutschland ist die Zahl der Toten nur um ein Drittel kleiner, die Zahl der Verwundeten verhältnismäßig noch höher. Rechnen Sie dazu die Verluste von Menschenleben und die Verstümmelungen in den französischen, amerikanischen, österreichischen Kohlenbergwerken, und wir gelangen in diesem einen Industriezweig auf eine Gesamtziffer von mindestens viertausend Menschen, die alljährlich plötzlich oder gewaltsam getötet, und von mindestens vierzigtausend die mehr oder weniger schwer verwundet, zum Teil auf Lebenszeit zu Krüppeln gemacht werden! Es gilt schon für eine sehr große, blutige und »ruhmvolle« Schlacht, die eine solche Zahl von Toten und Verwundeten liefert. Und das Grauenhafte ist: Mit sehr seltenen Ausnahmen sind diese Schlachtopfer der Industrie nachweisbar durch liederlichen, gewissenlosen, um das Leben und die Gesundheit des Arbeiters sich nicht kümmernden Geschäftsbetrieb getötet – als Totschlag, selbst nach der juristischen Definition des Worts, jedoch durch den Gebrauch geheiligter, praktisch strafloser Totschlag, denn die Krähe Staat hütet sich wohl, der Krähe Gesellschaft die Augen auszuhacken.

Das zur »Kultur« der heutigen Gesellschaft.

Und nun ein Wort über die »Bildung«, welche sie dem Arbeiter angedeihen läßt. Von der Schule habe ich schon gesprochen, für welche die Gesellschaft nur indirekt verantwortlich ist – aber doch verantwortlich. Staat und Gesellschaft lassen sich nicht trennen, es herrscht moralische Solidarität zwischen ihnen. Ich meine die »zivilisatorischen« Wirkungen der heutigen Produktion auf Geist, Gemüt und Körper des Arbeiters. Wohlan, wenn die Bildung das ist, was die edelsten und erleuchtetsten Männer darunter verstanden haben, wenn sie in der harmonischen Entwicklung aller Fähigkeiten besteht, so wirkt die Gesellschaft diesem Bildungsideal diametral entgegen. Sie bildet den Geist wie den Körper aufs einseitigste aus, entfaltet untergeordnete Fähigkeiten in unnatürlicher Weise, erstickt oder verkrüppelt die wichtigsten Fähigkeiten. Dank der Arbeitsteilung und der Maschinenarbeit wird die Arbeit immer mehr entgeistet. Die Arbeitsteilung, zu deren Lob und Preis uns die Herren Volkswirtschaftler begeisterte Psalmen vorsingen, schränkt den Kreis der körperlichen und geistigen Tätigkeit des Arbeiters dergestalt ein, daß bloß ein paar Sehnen und Muskeln beschäftigt werden und der Geist völlig brachliegt. Geistige Fähigkeiten aber vertrocknen gleich Muskeln, wenn sie nicht geübt werden. Schon das gewöhnliche Handwerk erzeugt körperliche und geistige Einseitigkeit: Das eine schiefe Schultern, unbeholfenen Gang, das andere eingedrückte Brust, hohe Schultern – und das Geistige dem Körperlichen entsprechend. Auf den ersten Blick kann man sagen: das ist ein Schuhmacher, das ein Schneider, das ein Schlosser. In weit höherem Grad wird aber diese Einseitigkeit durch die Großindustrie gefördert, welche die Arbeitsteilung auf die Spitze getrieben und die Beschäftigung so vereinfacht hat, daß sie auf wenige, stets monoton sich wiederholende Handgriffe und Bewegungen, ja oft nur einen einzigen Handgriff zurückgeführt ist.

Fern ist es mir, gegen die Teilung der Arbeit eifern zu wollen. Sie erhöht die Produktivität der Arbeit und ist darum ein wesentliches Element menschlichen Fortschritts. Allein in der heutigen Gesellschaft findet die Teilung der Arbeit statt auf Kosten des arbeitenden Individuums und kommt die erhöhte Produktivität der Arbeit nicht der Gesamtheit, am wenigsten den Arbeitern, sondern der die Arbeit ausbeutenden Minorität zugute. Schon Adam Smith hat die Nachteile, welche die Teilung der Arbeit für den Arbeiter hat, in seinem »Reichtum der Nationen« angedeutet, hat zugegeben, daß die Beschränkung des Arbeiters auf eine bestimmte einfache mechanische Verrichtung ihm in geistiger und körperlicher Hinsicht nachteilig ist, ihm ein einseitiges, beschränktes Wesen gibt. Nicht abschaffen wollen wir die Arbeitsteilung, wohl aber durch Verkürzung der Arbeitszeit, durch Wechsel der Beschäftigung und eine wahrhaft menschliche Erziehung die nachteiligen Wirkungen der Arbeitsteilung auf das Individuum neutralisieren, ohne ihren vorteilhaften Wirkungen auf die Produktivität Abbruch zu tun. Der mittelalterliche Arbeiter war in seiner Art ein Künstler, er hatte Muße, Geist und Körper zu üben – er war, vom Standpunkt seiner Zeit aus beurteilt, ein ganzer Mann, wohingegen der Arbeiter der modernen Arbeitsteilung nur ein halber, nur ein Hundertstel-, ein Tausendstel-Mann ist – oder doch wäre, wenn die Mannhaftigkeit in ihm sich nicht aufbäumte gegen die Mißhandlung seiner menschlichen Natur und ihm nicht die Waffen in die Hand drückte, mit denen er sich das Recht erkämpfen wird, Mensch zu sein.

Fehlt es etwa an den Mitteln, jedem Menschen ein menschenwürdiges Dasein zu sichern? Mitnichten! Der gesellschaftliche Reichtum in den Kulturländern ist schon jetzt so groß, daß für die leibliche und geistige Wohlfahrt aller Mitglieder der Gesellschaft ohne Ausnahme ausreichend gesorgt werden kann. Das ist kein phantastischer Traum – die Produktivität der Arbeit ist schon jetzt so gesteigert, daß es nur einer vernünftigen, sozialen Organisation bedarf, um Elend und Unwissenheit auszurotten. Rechnete doch bereits im Jahre 1827 Robert Owen aus, daß England, dank der von der Wissenschaft ausgebeuteten Industrie, vermittels der Maschinen so viel produziere, »als ob es, bestünde die Maschinenarbeit nicht, neben seiner wirklichen Arbeiterbevölkerung noch vierhundert Millionen Arbeiter zählte – oder als ob für jeden englischen Arbeiter achtzig Sklaven von morgens bis abends arbeiteten, ohne Nahrung und Kleidung zu heischen«. Mit anderen Worten: Die Produktivität der Arbeit war damals in England verachtzigfacht. Heute ist sie noch viel intensiver. Und sie wächst fortwährend. Sie wächst mit jedem Sieg des Menschen über die Materie, mit jedem Fortschritt der Wissenschaft. Die Produktivität der Arbeit ist das untrügliche Barometer des Fortschritts. In jeder Maschine steckt vieltausendjährige Kultur. Aber was nützt das dem heutigen Lohnarbeiter? Er ist der Sklave der Maschine, nicht ihr Herr. Er ist ihr Anhängsel und dem Eigentümer unendlich weniger wertvoll als sie. Im selben Maße, wie das Kapital sich die Wissenschaft dienstbar macht, macht es die Arbeit weniger wissenschaftlich. In der Maschine konzentriert sich die Intelligenz, die dem Arbeiter genommen wird. Die Intelligenz des Menschen verkörpert sich in der Maschine und gibt damit dieser Maschine die Kraft, den intelligenten Menschen in eine Maschine zu verwandeln. Geistlose Arbeit für die geistvolle Maschine – das ist der Charakter der modernen Produktion. Die Maschine repräsentiert den stolzesten Triumph des Menschengeistes; aber der Menschengeist, welcher in der eisernen, toten Maschine triumphiert, wird in dem lebendigen Menschen von Fleisch und Blut, der sie bedient, in den Staub getreten. Statt den Menschen zu erheben, erniedrigt ihn die Maschine, statt ihn zu befreien, knechtet sie ihn; die Materie rächt am Geist den Sieg des Geistes über die Materie; die vom Menschen begeistete Materie lehnt sich auf gegen den Menschen, unterjocht ihn, entgeistet ihn, macht ihn zum Idioten. Oder würde ihn dazu machen, wäre im Menschen nicht eine wunderbar elastische Feder, die ihn, hört der Druck einen Moment auf, auch nach jahrelanger, nach jahrzehntelanger Unterdrückung wieder emporschnellen läßt!

Mißverstehe man mich nicht, ich bin kein Gegner der Maschinen. Die Maschinenstürmern, zu der sich bei Anbruch der Großindustrie die Arbeiter Englands hinreißen ließen, war durchaus reaktionär, beruhte auf einer grundfalschen Auffassung der Dinge und mußte darum mißlingen – zum Heile der Menschheit, nicht der einzelnen arbeitenden Menschen. Das ist eben der Fluch der heutigen Kultur, daß jeder allgemeine Fortschritt nur einer privilegierten Minorität nutzt, die Lage der enterbten Masse dagegen relativ und absolut verschlimmert, daß jede »Segnung« der Zivilisation das Unglück, ja den Untergang, die Ausrottung ganzer Arbeiterstämme im Gefolge hat – ich will bloß an die jetzt im Erzgebirge sich vollziehende Vernichtung der Handweber erinnern, eine erschütternde Gesellschaftstragödie, um die sich niemand kümmert, wenigstens niemand, der helfen könnte und zur Hilfe verpflichtet wäre. Diesen Fluch zu entfernen, das allgemeine Wohl mit dem Wohl jedes einzelnen gleichbedeutend zu machen – das ist das Ziel der Sozialdemokratie. Die Maschine hört auf, den arbeitenden Menschen zu unterdrücken, herabzudrücken auf das Niveau rein mechanischer Verrichtung – denn Tätigkeit kann man das kaum nennen –, sobald sie aufhört, das Eigentum eines Individuums, einer Klasse zu sein. Von dem Augenblick an, wo die Maschine in die Dienste der Allgemeinheit tritt, wird aus der Herrin des Arbeiters dessen Dienerin; sie unterdrückt nicht mehr, sie befreit. Mit Recht wird deshalb von der sozialistischen Partei die Expropriation der Maschinen, wie überhaupt der Arbeitsinstrumente, gefordert – mit Recht, nicht bloß vom Standpunkt der Humanität aus, sondern auch, ich möchte fast sagen, aus juristischen Gründen, in sofern die Maschinen und Arbeitsinstrumente überhaupt das Produkt der Kollektivintelligenz sind und deshalb von keiner Person als absolutes Sondereigentum beansprucht werden können. Die einfachste Erfindung, jede Vervollkommnung der Arbeitsinstrumente setzt die ganze bis dahin erworbene Kultur voraus, folgt aus ihr naturgemäß, logisch, wie das Fazit eines Rechenexempels. Sind doch verschiedene der wichtigsten industriellen Erfindungen, zum Beispiel die Wollkämm-Maschine (nach einem Streik der englischen Wollkämmer), auf Bestellung von Fabrikanten gemacht worden. Die »großen Erfinder«, von denen man in Geschichts- und Geschichtenbüchern so viel liest und aus deren Hirn weltumgestaltende Erfindungen fertig hervorgesprungen sein sollen, wie Minerva aus Jupiters Haupt, sind mythische Figuren gleich dem Rest der »großen Männer«. Die Industrie gelangt in ihrem Fortschreiten stets vor neue Probleme, aber auch stets erst dann, wenn die Möglichkeit, sie zu lösen, bereits in ihren Händen ist. Und es handelt sich dann bloß darum, die Aufgabe richtig zu stellen, und sie wird gelöst mit der Unfehlbarkeit einer mathematischen Aufgabe.

Wohl sagen die Anbeter des Goldenen Kalbs: »Schafft die Aussicht auf Gewinn ab und ihr tötet die Erfindungskraft, den Unternehmungsgeist und damit den Fortschritt.« Nichts kann unrichtiger sein. Schon jetzt ist es nicht die Aussicht auf Gewinn, welche die Menschen vorantreibt. Die Leistungen derer, die durch Gewinnsucht angestachelt werden, sind sehr untergeordneter Natur, verglichen mit den Leistungen der Wissenschaft, denen wir unsere Fortschritte verdanken; und für jene untergeordneten Leistungen wird es zu allen Zeiten leicht sein, geeignete Kräfte zu finden. Die Anbeter des Goldenen Kalbs stellen die Wahrheit auf den Kopf. Für jeden, der unter den herrschenden Produktionsverhältnissen durch die Aussicht auf Gewinn zu einer nützlichen Erfindung, überhaupt zu einer nützlichen geistigen Leistung bewogen wird, werden Tausende, die unter vernünftigen sozialen Verhältnissen Nützliches, das Interesse der Menschheit Förderndes geleistet hätten, durch die herrschenden Gesellschaftszustände daran verhindert und geistig getötet. Und dieser eine, der jetzt nützlich wirkt, würde bei vernünftigen, das heißt gerechten, alle Fähigkeiten entwickelnden, alle menschlichen Bedürfnisse befriedigenden Gesellschaftseinrichtungen nicht nur ebensoviel, sondern weit mehr geleistet haben. Der Durst nach Wissen ist jedem Menschen angeboren, die Fähigkeiten sind gleichmäßig unter den Menschen verteilt. Nicht alle haben gleiche Anlagen, aber bei allen ist die Durchschnittssumme der Anlagen gleich, und von den Verhältnissen hängt es ab, ob und wie die Anlagen und welche Anlagen entwickelt werden.

Die Keime sind in unendlicher Fülle in dem Menschengeschlecht niedergelegt; fast alle aber vertrocknen aus Mangel an den Entwicklungsbedingungen unter den heutigen Gesellschaftsverhältnissen. Es ist purer Zufall, kommt ein Talent zur Entfaltung; eine Menge günstiger Umstände müssen zusammenwirken. Die Talente des Armen haben geradesoviel Aussicht zu wachsen und aufzublühen wie Saatkorn auf die festgestampfte Landstraße gestreut. Wie massenhaft, weil gleichmäßig über das ganze Menschengeschlecht verteilt, die Anlagen, auch für das Höchste sind, das zeigt sich in jenen Sturm-und-Drang-Perioden der Geschichte, wo die Menschheit zwischen den Abgrund oder die Beantwortung einer Sphinxfrage, die Lösung eines Leben und Tod in sich schließenden Kulturproblems gestellt ist und wo jeder einzelne sich gedrungen fühlt, das Ganze zu retten oder doch sein Scherflein zur Rettung beizutragen. Die Talente sprießen dann empor wie das Gras im Frühling. Betrachten Sie das wunderbare Schauspiel, das Frankreich zu Ende des vorigen Jahrhunderts bot. Im Mai 1789 zogen »tausend Unbekannte« nach Versailles, und wenige Wochen darauf waren die Namen dieser Unbekannten im Mund Europas, der Welt. Es handelt sich um die etwa 550 Abgeordneten des dritten Standes der nach Versailles einberufenen »Generalstaaten«, die sich am 17. Juni 1789 zur Nationalversammlung konstituierten. Das war der unmittelbare Auftakt zur französischen bürgerlichen Revolution, die durch den Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 ausgelöst wurde. Frankreich brauchte Gesetzgeber, und die Notwendigkeit stampfte Gesetzgeber aus dem Boden. Frankreich brauchte Kämpfer, Kriegskünstler – und es erwuchsen ihm Kämpfer, Kriegskünstler, welche die Feinde im Innern niederschmetterten und die geschulten Armeen des alten Europas in Scherben zerschlugen. Was wären die Tausende von Helden des Friedens und Kriegs, die im letzten Dezennium des vorigen Jahrhunderts meteorartig aus Frankreich aufschossen – was wären sie ohne die Revolution geworden? Sie wären in ihren Advokatenstuben, in ihren Werkstätten, hinter dem Pflug verkommen! An Talenten fehlt's nicht, nur an der Entwicklung. Was in außerordentlichen Epochen den elementaren Kräften ruck- und stoßweise gelingt, das kann zu allen Zeiten durch systematische Organisation der Erziehung regelmäßig und sicher erreicht werden. Nur müssen wir vorher die Chinesische Mauer zerstören, die um das Reich der Bildung gezogen ist. Gezogen durch die heutige Gesellschaft.

In der heutigen Gesellschaft wird für die Entwicklung der Anlagen nicht nur nicht gesorgt, die Anlagen werden geradezu unterdrückt oder verkrüppelt.

Die heutige Gesellschaft hat darum kein Recht, sich kulturfreundlich zu nennen und uns Kulturfeinde. Sie ist kulturfeindlich, denn sie verhindert den Aufschwung der Kultur – und wir, die Vorkämpfer der neuen, sozialistischen Gesellschaft, sind die Verteidiger der Kultur gegen die ihr feindliche alte Gesellschaft, welche dem Volke das Wissen vorenthält, welche es leiblich und geistig erdrückt, welche das Gemeinwohl gemeinschädlichen Klasseninteressen opfert, das Eigentum zum Monopol einer ausbeutenden Minorität, den Arbeiter zum Ding, die Familie für das Proletariat zu einem frommen Wunsch, die Moral zur Heuchelei, die Bildung zur Lüge macht.

Eigentum, Familie, Moral, Bildung! Es zeugt wahrlich von großer Dreistigkeit, daß unsere Bourgeois diese Worte im Munde führen. Für das Eigentum sind sie – ja, für das Eigentum, das sie dem Arbeiter geraubt haben. Für die Familie sind sie – und die Familie des Arbeiters haben sie zerstört. Für Moral sind sie – und die Moral, welche sie in der Theorie predigen, treten sie in der Praxis mit Füßen. Sie predigen die Freiheit und stoßen den Arbeiter in die Sklaverei; sie predigen Bürgertugend und werfen sich in den Staub vor dem siegreichen Säbel; sie predigen Friede und laben sich an den Greueln des Krieges; sie predigen die »Harmonie der Interessen« und erregen den gesellschaftlichen Krieg. Nie ward diese Heuchelei, dieser Widerspruch zwischen Theorie und Praxis in grellerer Weise offenbar als vergangenes Jahr während der Kommunebewegung. Das Programm der Pariser Kommune war Selbstverwaltung, Abschaffung des Militarismus, Trennung der Schule von der Kirche, unentgeltlicher Unterricht, Trennung der Kirche vom Staat, Abschaffung der Todesstrafe – alles Forderungen, welche auch die Bourgeoisie in der Theorie aufgestellt hatte. Kaum aber sah sie, daß hier der Versuch gemacht wurde, ihre eigenen theoretischen Forderungen im Ernst praktisch zu verwirklichen, so wandte sie sich mit toller Wut gegen die Kommunebewegung und jubelte fanatisch über den Sieg der Versailler Henkersknechte. Für diese schmachvolle Verleugnung des eigenen Glaubensbekenntnisses, für diesen Hochverrat an dem Gewissen und an der Humanität gibt es keine Amnestie.

Und Bildung – von Bildung wagt die Bourgeoisie zu sprechen, sie, die sich nicht damit begnügt, dem Arbeiter, ihrem Lohnsklaven, das Mark auszusaugen, die ihm auch den Geist, die Seele aussaugt, ihn unter das Tier degradiert, ihn zu einer Existenz verurteilt, die sie für ihre Hunde, für ihre Pferde zu schlecht hielte.

Oh, die Bourgeoislüge von Bildung!

Die Bourgeoismoral und die Bourgeoispraxis weichen nicht weiter voneinander ab als die Bildung, welche die Bourgeoisie tatsächlich verbreitet, von der Bildung, welche sie in der Phrase für ihr Ideal ausgibt.

Was ist Bildung? Nach der klassischen Definition der Griechen das Kalon Kagathon, das Schöne und Gute in der Persönlichkeit zum Ausdruck gebracht – »die Entwicklung aller Tugenden«, wie Aristoteles den Zweck der Erziehung bezeichnet, die harmonische Entwicklung aller in dem Individuum schlummernden Fähigkeiten, der körperlichen sowohl als der geistigen. Wie körperliches Ebenmaß nicht denkbar ist, wo nicht alle Muskeln, Sehnen und Knochen des Körpers normal ausgebildet sind, so setzt geistiges Ebenmaß die normale Ausbildung aller geistigen Anlagen voraus. Die Bourgeoisie sucht das geistige Ebenmaß dadurch herzustellen, daß sie in dem Arbeiter alle geistigen Fähigkeiten zerstört.

Noch eins: Rede man uns nicht von Wissenschaft und Kunst in der heutigen Gesellschaft. Die Kunst muß nach Brot gehen, und statt Bildnerin des Volkes, ist sie die Buhldirne der Großen und Reichen. Wehe dem Künstler von heute, der, auf seinen hehren Beruf pochend, sich vermißt, selbständig zu sein, die beleidigende Protektion vornehmer Gönner nicht durch ehrloses Schmeicheln, Schmarotzen und Schlimmeres zu erschleichen, nicht das Lob der Presse mit Geld erkaufen will – Tausend gegen Eins, er wird Hungers sterben oder an gebrochenem Herzen, totgeschwiegen oder totgeschrieben von der feilen Presse, die jeden Künstler, der ihr nicht den schuldigen Tribut zählt, als rebellischen Frevler betrachtet, der unerbittlich niedergehetzt werden muß. Und die Wissenschaft! Was hat das Volk mit der Wissenschaft, was die Wissenschaft mit dem Volk zu tun? Die Wissenschaft existiert nicht für das Volk, sie existiert nur gegen das Volk. Die Wissenschaft, die Königin, die Befreierin der Welt, ist die feile Metze der herrschenden Klassen geworden. »Professoren und H ... kann man immer für Geld haben!«, wie einst mit zynischer Offenheit der verstorbene König von Hannover sagte, erbost, daß er in den »Göttinger Sieben« Die »Göttinger Sieben« – die Historiker F. Ch. Dahlmann und G. G. Gervinus, die Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm, der Sprachwissenschaftler H. Ewald, der Jurist W. E. Albrecht und der Physiker W. Weber – protestierten am 18. November 1837 gegen den Staatsstreich des Königs Ernst August von Hannover, der die 1833 erzwungene Verfassung beseitigte. Der öffentliche Protest und die Entlassung bzw. Ausweisung der »Göttinger Sieben« fanden starken Widerhall. zufällig auf Ausnahmen gestoßen war. Der Tempel der Wissenschaft ist entweiht; Scharlatane und falsche Propheten treiben darin ihr Wesen, und die wahren Priester der Wissenschaft müssen vor den Toren des Tempels um Almosen betteln. Denken sie an Feuerbach! Belisar, der vor dem Palast des Monarchen, dessen Reich er gerettet, die Vorübergehenden um einen Obolus anfleht – dieses Bild ist ein unverlöschliches Brandmal auf der Stirne des Byzantinerreichs: Feuerbach, der neue Prometheus, der nicht den göttlichen Funken, nein, Gott selber auf die Erde, in seine Heimat zurückgeführt und ihm seine Wiege zum Grab gegeben hat – Feuerbach, ähnlich seinem mythischen Vorläufer an den Fels des Elends angeschmiedet, von Staat und Gesellschaft verlassen, die Hand ausstreckend nach dem Obolus des armen Mannes, der da weiß, was Hunger und Elend ist – dieses Bild ist ein unverlöschliches Brandmal auf der Stirn unserer heutigen Kultur; es enthüllt in ihrer ganzen Ausdehnung die unwürdige, schmachvolle Stellung, in welche die Wissenschaft hinabgedrückt worden ist, offenbart mit überwältigendem Pathos die Kulturfeindlichkeit des heutigen Staates und der heutigen Gesellschaft.

Solange der heutige Staat und die heutige Gesellschaft bestehen, keine Kultur, keine Bildung, keine Volkserziehung!

Hier habe ich noch einem Einwand zu begegnen. Es gibt Liberale, ja Demokraten, welche sagen, die Bildung, die Erziehung ist nicht Sache des Staats, sondern der Gemeinde, und von der Gemeinde muß die Reform der Volksschule ausgehen. Diese Anschauung, die mit der famosen Nachtwächteridee der freihändlerischen, freikonkurrenzlerischen Bourgeoisie aufs innigste zusammenhängt, ist eine grundfalsche. Man braucht sie nur an den Prüfstein der Praxis zu halten, um dies sofort zu erkennen. Schauen wir um uns. In Sachsen haben wir allerdings verschiedene Gemeinden, die imstande wären, aus sich heraus ein gutes Schulsystem zu organisieren. Aber geschieht es? Hat zum Beispiel das reiche, mit seiner Bildung prahlende Leipzig Volksschulen, in denen den Kindern echte Bildung verabreicht wird? Jeder gewissenhafte Leipziger Lehrer muß die Frage verneinen. In unseren Gemeinden, soweit sie Selbstverwaltung haben, macht sich die Klassenherrschaft noch rücksichtloser geltend als im Staat, und wo irgend es die Mittel erlauben, werden wir sehen, daß die für Unterrichtszwecke bestimmten Gemeindesteuern dazu verwandt werden, den Kindern der Wohlhabenden auf Kosten der Gesamtheit gute Schulen zu geben, daß aber die Kinder der Armen auf das schmählichste vernachlässigt werden. Es ist dies ein Teil des praktischen Kommunismus, den unsere Bourgeoisie mit solcher Vorliebe übt. Aber wie groß ist nicht: in unserer nächsten Nähe – ein jeder meiner Zuhörer wird Beispiele namhaft machen können –, wie groß ist nicht die Zahl der Gemeinden, denen es an den Mitteln fehlt, Schulen mit genügenden Lokalitäten und Lehrerkräften zu errichten. Sollen die armen Gemeinden ihre Kinder ohne Unterricht aufwachsen lassen? Kein vernünftiger Mensch wird dies bejahen. Und doch müßte es von Rechts wegen nach der angeführten Theorie geschehen. Diese kurze praktische Betrachtung genügt, um das Prinzip der Gemeindeerziehung ad absurdum zu reduzieren. Die reichen Gemeinden, in denen die Bourgeoisie das Heft in den Händen hat, wollen, und die armen Gemeinden, in denen es keine Bourgeoisie gibt, können kein gutes Volksschulsystem organisieren. Aus dieser Zwickmühle kommen wir nicht heraus. Nein – die Volksbildung, die Volksschule ist Sache des gesamten Volks, des Staats.

Vor fünfundzwanzig Jahren veranlaßte diese Frage in der Schweiz heftige Kämpfe – in der Presse, im Rat und auf dem Schlachtfeld – und wurde auch mit dem Schwert gelöst, richtig gelöst. Sie erinnern sich gewiß des Sonderbundkriegs. Bürgerkrieg in der Schweiz 1847. Der Krieg der Tagsatzung (Schweizer Bundestag) gegen den reaktionären »Sonderbund« der sieben katholischen Orte bzw. Kantone Luzern, Schwyz, Uri, Unterwalden, Zug, Freiburg und Wallis endete mit dem Sieg über den Sonderbund und der Umgestaltung der Schweiz in einen Bundesstaat (1848), deren Verfassung sich an die nordamerikanische anlehnte. Die von den Pfaffen beherrschten katholischen Kantone vertrauten die Jugenderziehung den Jesuiten an. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die ganze Eidgenossenschaft. Vergebens flüchteten sich die Pfaffenkantone hinter die »Freiheit« – die Majorität des Schweizer Volkes erwiderte ihnen: »Die ›Freiheit‹, den Geist zu töten, kann ebensowenig geduldet werden als die ›Freiheit‹, den Leib zu töten – und gegen den Geistesmord hat der Staat ebensogut einzuschreiten wie gegen den Körpermord.« Die Pfaffenkantone hörten nicht, sie mußten fühlen. Der Sonderbundkrieg reinigte die Schweiz von den Jesuiten – die kleine, winzige Schweiz brauchte dazu keinen »genialen« Staatsmann Anspielung auf Bismarck und den »Kulturkampf«. und hat es tausendmal erfolgreicher getan als ein Vierteljahrhundert später unser großmächtiges deutsches Reich! – und brachte, unter dem Jubel Europas, den Grundsatz zur siegreichen Geltung, daß der Staat der oberste Erziehungsfaktor ist und die Pflicht hat, über die Erziehung des Volks zu wachen, nicht zu dulden, daß es geistig zugrunde gerichtet werde. Ist doch die Volkserziehung die höchste Funktion des Staats. Des Staats, wie er sein soll – des genauen Gegenteils des Staats, wie er ist, dessen höchste Funktion die Drillung und Dressur. Damit, daß die Schweiz im Sonderbundkrieg die Aufgabe des Staats richtig erfaßt hat, ist selbstverständlich nicht gesagt, daß die Schweiz die staatliche Aufgabe überhaupt begriffen habe.

Doch um zur Gemeinde zurückzukehren – auch zugegeben, sie habe, was bei ihrer heutigen Organisation nicht der Fall, den Willen und die Fähigkeit, die Volksschule aus dem Sumpfe herauszureißen, wo hat sie die Macht? Die Gemeinde befindet sich in der absolutesten Abhängigkeit von dem Klassenstaat, und gelingt es auch einmal in einer Gemeinde von Tausenden, die reaktionären Bourgeoiselemente von der Gewalt zu verdrängen, wie es in einigen sächsischen Gemeinden wirklich geschehen ist, so bleibt dies ohne jedweden Einfluß auf das Schulwesen im allgemeinen, und selbst die reformatorische Tätigkeit innerhalb der betreffenden Gemeinde wird sehr bald auf das kategorische Veto des Staats stoßen.

Noch unpraktischer sind diejenigen, welche den Mängeln der Volkserziehung auf privatem Wege abhelfen zu können vermeinen: durch – unpolitische – Arbeiterbildungsvereine, Fortbildungsvereine, Sonntagsschulen und wie die Anstalten dieser Art alle heißen mögen. Es sei ferne von mir, diese Anstalten und deren Gründer schroff zu verurteilen. Jedes auch noch so unvollkommen auf die Entwicklung der geistigen Kräfte abzielende Bestreben ist anzuerkennen, und der geringfügigste Bildungsverein hat unzweifelhaft Gutes gewirkt. Aber im großen und ganzen ist das Unternehmen ein hoffnungsloses und das wenige Gute, welches zu verzeichnen ist, wird obendrein reichlich aufgewogen durch die Nachteile, welche daraus entspringen, daß die reformatorische Tätigkeit in falsche Bahnen gelenkt und folglich von der richtigen Bahn abgelenkt wird. Der Staat in seiner Volksschule dressiert Hunderttausende, Millionen von Kindern. Die Privatbildungsanstalten für das Volk vermögen beim besten Willen nur einem verschwindend kleinen Prozentsatz der in der Volksschule Dressierten eine höhere, wirklich humane Ausbildung zu geben. Der Staat hat durch den Schulzwang jedes Kind in seiner Gewalt und erzieht es zu seinen Zwecken. Die privaten Bildungsanstalten, denen der Schulzwang nicht zur Seite steht, können bloß den wenigen Unterricht bieten, die sich aus eigenem Antrieb ihnen anvertrauen, also schon ein Bildungsbedürfnis besitzen oder, korrekter ausgedrückt, in welchen das Bildungsbedürfnis durch die Volksschule nicht vernichtet worden ist. Wenn bei einer Überschwemmung jemand mit einem Eimer das Wasser wegschöpfen wollte, das in wogenden Fluten sich über die Flußufer ergießt, so würde er Gelächter erregen, weil die Handlung in groteskem Mißverhältnis zu der beabsichtigten Wirkung steht. Mit diesen Privatbildungsanstalten ist es aber genau dasselbe. Sie schöpfen mit ein paar Eimern die Flut der Verdummung weg, die sich im regelmäßigen Strom aus Tausenden und aber Tausenden von Volksschulen über das Land ergießt.

In Berlin hat sich vor kurzem ein »Verein für Freiheit der Schule« gebildet«, der sich die Aufgabe gestellt hat, alle auf Verbesserung der Volkserziehung abzielenden Anstrengungen zu konzentrieren und die Volkserziehung den verderblichen Einflüssen des Staats und der Kirche zu entziehen. Nichts kann löblicher sein. Aber leider zäumen die Herren, die an der Spitze sind, das Pferd am Schwanz auf. Es erhellt dies schon aus dem ersten Paragraphen der Statuten, welcher lautet: »Normale soziale Zustände können in Kulturstaaten nur aus einem normalen Schulwesen hervorgehen.« Eine wunderbare Verwechslung von Ursache und Wirkung! »Normale soziale Zustände« erheischen ein »normales Schulwesen«, aber sie gehen nicht aus ihm hervor, weil ein normales Schulwesen bloß unter normalen sozialen Zuständen möglich ist und weil die abnormen sozialen Zustände, welche jetzt herrschen, ein normales Schulwesen nicht aufkommen lassen. Nicht gehen normale soziale Zustände aus einem normalen Schulwesen hervor, sondern ein normales Schulwesen kann nur aus normalen sozialen Zuständen hervorgehen. Kein Zweifel, wäre das ganze Volk heute gebildet, so würden wir auch rasch vernünftige gesellschaftliche und staatliche Zustände haben, allein das heißt eben, eine Unmöglichkeit voraussetzen.

Von den Männern, die auf die Volksbildung das Hauptgewicht legen, verlangen wir bloß praktische und logische Konsequenz. Auch wir halten die Volksbildung für das Höchste. Aber wir lieben sie nicht bloß platonisch. Sie soll zur Wirklichkeit werden. Volksbildung – das sind Volksschulen, in denen allen Kindern gleichmäßig der bestmögliche Unterricht gespendet wird; Volksbildung, das ist Unentgeltlichkeit des Unterrichts; Volksbildung, das sind Erziehungsanstalten, die das Werk der Volksschule fortsetzen und den Jüngling und die Jungfrau für den Lebensberuf vorbereiten; Volksbildung, das sind staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen, die das wahre Menschentum fördern – mit einem Wort: Volksbildung, wenn das Wort nicht ein leerer Schall, eine Lüge sein soll, bedeutet und bedingt die Umgestaltung von Grund aus der heutigen Staats- und Gesellschaftszustände; und wem es ernst ist um die Volksbildung, der hat die moralische Verpflichtung, mit uns auf diese Umgestaltung hinzuarbeiten.

Die Sozialdemokratie ist im eminentesten Sinne die Partei der Bildung.

Der heutige Staat und die heutige Gesellschaft, die wir bekämpfen, sind Feinde der Bildung; solange sie bestehen, werden sie verhindern, daß das Wissen Gemeingut wird. Wer da will, daß das Wissen allen gleichmäßig zuteil werde, muß daher auf die Umgestaltung des Staats und der Gesellschaft hinwirken. Sie, meine Herren, die Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins, haben dies begriffen. Sie haben begriffen, daß der Tempel der Wissenschaft dem Volke verschlossen, die Zugänge zur Bildung durch eine Chinesische Mauer abgesperrt sind. Der Schlüssel des Tempels muß erobert, die Mauer niedergerissen werden. Das Mittel ist die politische, die soziale Agitation. Wohl sind die Feinde mächtig, die uns den Weg verlegen. Allein, wider Willen liefern sie selber uns die Waffen zum Sieg. Die Zustände werden immer unnatürlicher, treten in immer schreienderen Widerspruch mit den Interessen der Allgemeinheit, des Volks, der Menschheit. Wie Unzähligen haben nicht die Greuel des letzten Krieges die Augen geöffnet. Je mehr der Staat sich zum Klassenstaat entwickelt, desto größeren Druck muß er auf die beherrschten, ausgebeuteten Klassen ausüben, desto größere Unzufriedenheit erzeugen. Und ebenso die moderne Gesellschaft. Je mehr der Kapitalismus, die Großproduktion auf die Spitze getrieben wird, desto größer wird die Kluft zwischen Armen und Reichen, desto gebieterischer tritt an die Massen die Notwendigkeit heran, das Joch der Lohnsklaverei abzuschütteln.

Wohl sucht man dem Volk die Möglichkeit der Bildung abzuschneiden. Aber die Not ist die beste Lehrmeisterin. Jede neue Maschine predigt das Evangelium der sozialen Emanzipation! Jede neue Fabrik ist eine Pflanzschule der Sozialdemokratie; jeder ruinierte Handwerker und Kleinmeister schwellt die proletarische Armee. Also leichten Herzens und zuversichtlichen Mutes an die Arbeit! »Die Zukunft gehört uns!« Die Gegner können keinen Schritt tun, ohne durch Deserteure aus ihren Reihen unsere Armee zu verstärken.

Nicht um Herrschaft ringen wir, nicht um Privilegien. Die Herrschaft als solche wollen wir beseitigen. Wo Herrschaft ist, ist Knechtschaft, und wo Knechtschaft, Ausbeutung. Wir bekämpfen die Herrschaft in jeder Form, die politische und die soziale. Wir erstreben den freien Volksstaat, der, auf den Trümmern der jetzigen Klassenherrschaft errichtet, die Harmonie der Interessen zur Wahrheit macht – die freie Gesellschaft in dem freien Staat, dem Staat, welcher jedem gleichmäßig die Mittel zur harmonischen Ausbildung seiner Fähigkeiten gibt und in Erfüllung des Aristotelischen Ideals »nach dem höchsten Gut trachtet«, dem echten Kulturstaat. Und wir erstreben die freie Gesellschaft, die an Stelle der unmoralischen, geist- und körpertötenden Lohnarbeit die brüderliche, genossenschaftliche Arbeit setzt und den Quell aller staatlichen und gesellschaftlichen Übel, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, verstopft.

Erst im freien Staat und der freien Gesellschaft löst die heutige Disharmonie sich in Harmonie auf. Erst im freien Staat mit der freien Gesellschaft können wir die allseitige Harmonie erlangen, die der höchste Kulturzweck: die Harmonie der Interessen, die Harmonie des Menschen mit dem Menschen, die Harmonie des Menschen mit sich selbst. Harmonie nach außen: Harmonie der Völker, Harmonie im Staat und in der Gesellschaft; Harmonie nach innen: Harmonie im Individuum durch Entwicklung aller Fähigkeiten und durch Aufhebung des Widerspruchs zwischen Ideal und Wirklichkeit, zwischen Theorie und Praxis, zwischen Moral und Handeln.

Nur auf dem Wege politischer Agitation ist dieses Ziel zu erreichen. Der Dresdener (Leipziger) Arbeiterbildungsverein hat dies erkannt und damit bewiesen, daß er sich der Aufgabe eines Bildungsvereins bewußt ist. Lassen Sie sich durch nichts von Ihrer Bahn ablenken. Saugen Sie frische Kraft aus jedem Hemmnis. Die Bahn führt zum Sieg... Dort ist die Bildung, das Wissen für alle. Der Staat und die Gesellschaft stehen zwischen uns und dem Ziel. Wir müssen hinwegschreiten über Staat und Gesellschaft. Verzichten wir auf den Kampf, auf den politischen Kampf, so verzichten wir auf die Bildung, auf das Wissen. »Durch Bildung zur Freiheit«, das ist die falsche Losung, die Losung der falschen Freunde. Wir antworten: Durch Freiheit zur Bildung! Nur im freien Volksstaat kann das Volk Bildung erlangen. Nur wenn das Volk sich politische Macht erkämpft, öffnen sich ihm die Pforten des Wissens. Für die Feinde ist das Wissen Macht, für uns ist die Macht Wissen! Ohne Macht kein Wissen!

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