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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Sticheleien

Illustration: Bertall

Vom hüpfenden Allegro des Hagestolzes sind Sie zum ernsten Andante des Familienvaters übergegangen.

An Stelle des hübschen englischen Pferdes, das zwischen den glänzenden Deichseln eines so wie Ihr Herz leichten Tilburys geschmeidig dahintrabt und seinen leuchtenden Rücken unter der vierfachen Verschlingung von Zügeln und Lenkriemen bewegt, mit denen Sie umzugehen verstehen – mit welcher Anmut und welcher Eleganz, das wissen die Champs-Elysées! –, lenken Sie ein schweres, gutes normannisches Pferd gemächlichen Schrittes.

Sie haben väterliche Geduld gelernt und versäumen keine Gelegenheit, das zu beweisen. Auch Ihre Miene ist ernst.

An Ihrer Seite sitzt ein Bedienter, offenkundig so vierschrötig wie der Wagen.

Dieser Wagen mit vier Rädern, auf englischen Federn, ist dickbäuchig und ähnelt einem Rouener Schiff; er hat Fensterscheiben und unendlich viele praktische Vorrichtungen. An schönen Tagen dient er als Kalesche, an Regentagen wird er ein Coupé! Leicht von Ansehen, ist er mit sechs Personen beladen und erschöpft Ihr einziges Pferd.

Auf dem Rücksitz prangen gleich Blumen Ihre blühende, junge Frau und deren Mutter, eine riesige vielblättrige Stockrose. Diese beiden Blüten des weiblichen Geschlechts zwitschern und reden von Ihnen, während der Räderlärm, Ihre Kutscherpflichten, dazu noch Ihr väterlicher Argwohn Sie hindern, dem Gespräch zuzuhören.

Vorne sitzt eine hübsche saubere Bonne, die auf den Knien ein kleines Mädel hält; daneben strahlt ein Knabe in rotem gefaltetem Hemd, der sich aus dem Wagen hinausbeugt, auf die Polster hinaufklettern will und sich tausend Ermahnungen zuzieht, von denen er weiß, daß es nur Drohungen sind: das »Sei doch brav, Adolf« oder »Ich werde dich nie mehr mitnehmen« aller Mamas.

Die Mutter ist von dem ausgelassenen Jungen im geheimen höchst gelangweilt; sie hat sich zwanzigmal geärgert, und zwanzigmal hat das Antlitz des kleinen eingeschlafenen Mädchens sie beruhigt.

»Ich bin Mutter«, sagt sie sich.

Und sie hört auf, ihren kleinen Adolf festzuhalten.

Sie haben die glänzende Idee verwirklicht, Ihre Familie spazierenzufahren. Am Morgen sind Sie von Hause fortgefahren, und die benachbarten Parteien legten sich in die Fenster, voller Neid auf Ihr Vermögen, das Ihnen das Vorrecht gibt, ins Freie zu fahren und heimzukehren, ohne auf die öffentlichen Fuhrwerke angewiesen zu sein. Sie haben nun das unglückliche normannische Pferd nach Vincennes geschleift, von Vincennes nach Saint-Maur, von Saint-Maur nach Charenton und von Charenton zu ich weiß nicht welcher Insel, die Ihrer Frau und Ihrer Schwiegermutter hübscher schien als alle Landschaften, durch die Sie sie geführt haben.

»Gehen wir nach Maisons!« rief man aus.

Sie sind nach Maisons bei Alfort gefahren. Sie kommen auf dem linken Ufer der Seine zurück, inmitten einer dunklen, majestätischen Staubwolke; das Pferd zieht mühselig Ihre Familie; ach, Sie empfinden keinen Ehrgeiz mehr, wenn Sie seine eingesunkenen Flanken sehen und die beiden aus den Seiten seines Bauches hervorstehenden Knochen; der wiederholt ausbrechende und wieder trocknende Schweiß hat sein Haar gekräuselt und nicht weniger als der Staub das Fell klebrig und struppig gemacht. Das Pferd sieht einem wütenden Igel ähnlich. Sie haben Angst, daß es lahm wird, Sie streicheln mit der Peitsche darüber hin, mit einer gewissen Melancholie, die es versteht, denn es schüttelt den Kopf wie ein Postpferd, das seiner beklagenswerten Existenz müde ist.

Sie halten etwas auf dieses Pferd, es ist ausgezeichnet; es hat zwölfhundert Franken gekostet. Wenn man die Ehre hat, Familienvater zu sein, so schätzt man zwölfhundert Franken, wie Sie dieses Pferd schätzen. Sie sehen die erschreckende Höhe der außerordentlichen Ausgaben voraus für den Fall, daß Coco ausruhen müßte.

Sie werden zwei Tage bei Ihren Besorgungen Stellwagen benützen.

Ihre Frau wird maulen, weil sie nicht ausfahren kann; sie wird ausgehen und eine Droschke nehmen.

Das Pferd wird Sonderausgaben verursachen, die Sie auf der Rechnung Ihres einzigen Stallburschen finden werden, eines einzigartigen Stallburschen, auf den Sie wie auf alle einzigartigen Sachen achtgeben.

Sie drücken diese Gedanken in der sanften Bewegung aus, mit der Sie die Peitsche auf die Flanken des Tieres fallen lassen, das im schwarzen Staube der Straße vor der Verrerie sich abmüht.

In diesem Augenblick hat sich der kleine Adolf, der nicht weiß, was er in dem Rollkasten anfangen soll, betrübt in seiner Ecke zusammengekauert, und seine Großmutter fragt ihn beunruhigt:

»Was hast du?«

»Ich habe Hunger«, antwortet das Kind.

»Er hat Hunger«, sagt die Mutter zu ihrer Tochter.

»Und wie sollte er nicht Hunger haben. Es ist halb sechs, wir sind nicht einmal bei der Barriere und sind seit zwei Stunden unterwegs.«

»Dein Mann hätte uns auf dem Lande können zu Mittag essen lassen.«

»Er läßt sein Pferd lieber zwei Meilen mehr laufen und fährt nach Hause.«

»Die Köchin würde ihren freien Sonntag gehabt haben. Aber Adolf hat ja recht. Es ist eine Ersparnis, zu Hause zu essen«, antwortet die Schwiegermutter.

»Adolf«, ruft Ihre Frau, durch das Wort Ersparnis aufgereizt, »wir fahren so langsam, daß ich seekrank werde, und du fährst uns gerade durch den schwarzen Staub. Woran denkst du? Mein Kleid und mein Hut sind hin.«

»Wäre dir lieber, daß das Pferd draufgeht?« fragen Sie und glauben, schlagfertig geantwortet zu haben.

»Es handelt sich nicht um dein Pferd, sondern um dein Kind, das Hungers stirbt: es hat sieben Stunden nichts gegessen. Peitsch doch das Pferd. Wirklich, man könnte glauben, daß du mehr an deiner Mähre als an deinem Kinde hängst.«

Sie wagen nicht, dem Pferd einen einzigen Peitschenhieb zu versetzen, es hätte vielleicht noch Kraft genug, sich zusammenzunehmen und loszugaloppieren.

»Nein, Adolf legt Wert darauf, mich zu verdrießen, er fährt langsamer«, sagt die junge Frau zu ihrer Mutter. »Fahr, mein Lieber, fahr, wie du willst. Und dann wirst du sagen, ich bin verschwenderisch, wenn du siehst, daß ich mir einen neuen Hut kaufe.«

Darauf erwidern Sie mit Worten, die im Gerassel der Räder verlorengehen.

»Aber du antwortest mit Gründen, die keinen Sinn haben«, ruft Karoline.

Sie sprechen und wenden dauernd den Kopf bald dem Wagen, bald dem Pferd zu, um ein Unglück zu vermeiden.

»Gut! Zieh an! wirf uns um, du wirst uns los. Am Ende, Adolf, stirbt dein Sohn vor Hunger, er ist ganz blaß! …«

Illustration: Bertall

Karolines Mama

»Und doch, Karoline, er tut, was er kann«, sagt die Schwiegermutter.

 

Nichts macht Sie so ungeduldig, wie von Ihrer Schwiegermutter in Schutz genommen zu werden. Sie ist falsch, sie ist entzückt darüber, Sie mit ihrer Tochter in Streit zu sehen; sie schüttet ganz leise und mit unendlicher Vorsicht Öl ins Feuer.

Als Sie an der Barriere ankommen, ist Ihre Frau stumm, sie sagt nichts mehr, sie hält die Arme gekreuzt, sie mag Sie nicht ansehen. Sie haben weder Seele noch Herz, noch Gefühl. Nur Sie können solche Lustpartien ersinnen. Haben Sie das Unglück, Karoline daran zu erinnern, daß sie am Morgen selbst diese Partie im Namen ihrer Kinder und deren Ernährerin (sie stillt die Kleine) gewünscht hat, so werden Sie unter einer Lawine frostiger und spitzer Redensarten begraben.

Sie nehmen alles hin, »um nicht die Milch einer Frau, die stillt und der man allerlei nachsehen soll, sauer zu machen«, wie Ihnen die grausame Schwiegermutter ins Ohr sagt.

In Ihrem Herzen bergen Sie alle Furien des Orest.

Auf die feierlichen Worte des Beamten »Haben Sie nichts zu verzollen?« antwortet Ihre Frau:

»Ich verzolle viel schlechte Laune und viel Staub.«

Sie lacht, der Beamte lacht, Sie bekommen Lust, Ihre Frau in die Seine zu werfen.

Zu Ihrem Unglück erinnern Sie sich eines fröhlichen und lasterhaften Wesens mit einem rosa Hütchen, das in Ihrem Tilbury hüpfte, als Sie vor sechs Jahren hier vorüberfuhren, um draußen Fische zu essen. Eine Idee! Frau Schontz hat sich viel um Kinder gekümmert, um ihren Hut, dessen Spitze im Gebüsch in Fetzen ging! Sie hat sich um nichts gekümmert, nicht einmal um ihre Würde, denn sie hat den Feldhüter in Vincennes durch die Zwanglosigkeit ihres etwas gewagten Tanzes ärgerlich gemacht.

Sie kommen zu Hause an, Sie haben Ihr normannisches Pferd rasend gehetzt, Sie haben weder den Unwillen des Tieres noch den Unwillen Ihrer Frau vermieden.

Am Abend hat Karoline sehr wenig Milch. Schreit die Kleine, daß Ihnen der Kopf zerspringt, wenn sie an der Brust ihrer Mutter saugt, so sind allein Sie schuld daran, da Sie die Gesundheit Ihres Pferdes höher stellten als die Ihres Sohnes, der vor Hunger starb, und als die Ihrer Tochter, deren Abendmahlzeit beim Streit, in dem Ihre Frau »wie immer« recht hatte, verdarb.

»Schließlich«, sagt sie, »Männer sind keine Mütter.«

Sie verlassen das Zimmer, und Sie hören, wie die Schwiegermutter ihre Tochter mit den schrecklichen Worten tröstet:

»Sie sind alle Egoisten, beruhige dich; dein Vater war genauso.«

Illustration: Bertall
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