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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Die Gefälligkeiten einer jungen Frau

Illustration: Bertall

Zu den köstlichsten Freuden des Junggesellenlebens zählt jeder Mann die Unabhängigkeit des Aufstehens. Die Träumereien des Erwachens wiegen die Traurigkeit des Schlafengehens auf. Ein Junggeselle dreht sich in seinem Bette von einer Seite auf die andere; er kann gähnen, daß man glauben könnte, es werde ein Mord begangen, und schreien wie bei den aufreizendsten Ausschweifungen.

Er kann seine am Tage zuvor geleisteten Schwüre brechen, das im Kamin angezündete Feuer und die Kerze im Leuchter brennen lassen, schließlich trotz dringender Arbeiten wieder einschlafen.

Er kann seine bereitstehenden Schuhe verfluchen, die ihm ihren schwarzen Mund entgegenstrecken und ihre Ohren aufrichten.

Er braucht die stählernen Fensterklinken nicht zu sehen, auf die durch die Vorhänge ein leuchtender Sonnenstrahl fällt,

die mahnenden Schläge der beharrlichen Pendeluhr nicht zu beachten,

er kann sich in die Polster vergraben mit den Worten: »Gestern, ja gestern war es sehr dringend, aber heute nicht mehr. Gestern ist ein Narr, Heute ist der Weise; zwischen beiden liegt die Nacht, die Rat bringt, die Nacht, die erleuchtet … Ich sollte hingehen, ich sollte es tun, ich habe es versprochen … Ich bin ein Faulpelz … aber wie soll ich der Weichheit meines Bettes widerstehen? Ich habe schwache Füße, ich bin wohl krank, ich bin zu glücklich … Ich will die unwirklichen Horizonte meines Traumes wiedersehen und meine Frauen ohne Stöckel und die geflügelten Gestalten und die lieblichen Naturen. Endlich habe ich ein Körnchen Salz gefunden, um es dem stets enteilenden Vogel auf den Schwanz zu streuen. Diese Kokette ist auf den Leim gegangen, ich halte sie …«

Ihr Bedienter liest Ihre Zeitungen, er öffnet Ihre Briefe, er läßt Sie in Ruhe. Und Sie schlafen wieder ein, gewiegt von dem unbestimmten Lärm der ersten Wagen. Diese schrecklichen, ungestümen, raschen, mit Fleisch beladenen Wagen, diese Karren voll milchgefüllter Blechkannen, die ein teuflisches Gerassel verursachen und über das Pflaster holpern, rollen wie auf Watte, sie erinnern Sie entfernt an das Orchester Napoleon Musards. Wenn Ihr Haus in allen Fugen erzittert und in seinen Fundamenten bebt, so kommen Sie sich vor wie ein Seemann, den Zephyr wiegt.

All diesen Freuden setzen Sie allein ein Ende, indem Sie Ihre Decke abwerfen, wie man nach der Mahlzeit die Serviette zusammenknüllt, und sich auf Ihrer … ach, man nennt das Ihre Sitzgelegenheit … erheben. Und Sie schimpfen sich selbst aus, sagen einige Grobheiten wie: »Ach, Donnerwetter, man muß aufstehen. – Ein eifriger Jäger, der gute Beute machen will, mein Freund, muß früh aufstehen … und du bist ein Taugenichts, ein Faulpelz …«

 

Sie bleiben auf demselben Fleck. Sie betrachten Ihr Zimmer, Sie sammeln Ihre Gedanken. Endlich steigen Sie aus dem Bett.

Plötzlich!

Tapfer!

Durch eigene Willenskraft!

 

Sie gehen zum Feuer, Sie sehen nach der liebenswürdigsten aller Pendeluhren, dazwischen äußern Sie Ihre so gefaßten Hoffnungen:

»Dingsda ist faul, ich werde ihn noch antreffen!«

»Ich werde laufen!«

»Ich hole ihn ein, wenn er schon fortgegangen ist.«

»Man wird gewiß auf mich gewartet haben.«

»Ein akademisches Viertel gilt bei allen Zusammenkünften, selbst zwischen Gläubiger und Schuldner.«

Sie ziehen mit wütendem Eifer Ihre Schuhe an, Sie kleiden sich an, als hätten Sie Angst, halb angezogen überrascht zu werden, die Eile bereitet Ihnen Vergnügen, Sie befragen Ihre Knöpfe; schließlich gehen Sie pfeifend im Galopp davon, wie ein Sieger, schwingen Ihren Stock und wackeln mit den Ohren.

Im übrigen, sagen Sie sich, Sie haben niemandem Rechenschaft abzulegen, Sie sind Ihr eigener Herr!

Du, armer verheirateter Mann, hast die Dummheit begangen, Deiner Frau zu sagen »Meine Gute, morgen … (manchmal weiß sie es zwei Tage voraus) muß ich sehr früh aufstehn.«

Unglücklicher Adolf, Sie haben insbesondere die Wichtigkeit der Zusammenkünfte dargelegt: »Es handelt sich um … und schließlich um …«

Zwei Stunden vor Tag weckt Sie Karoline ganz leise und sagt zu Ihnen sehr sanft:

»Mein Freund, mein Freund!«

»Was? brennt es? Was?«

»Nein, schlafe, ich habe mich geirrt; der Zeiger stand da, schau her! Es ist erst vier Uhr, du kannst noch zwei Stunden schlafen.«

 

Einem Mann sagen: »Du kannst nur noch zwei Stunden schlafen« – ist es nicht, im Kleinen, so, wie wenn man zu einem Verbrecher sagte: »Es ist fünf Uhr morgens, um halb acht Uhr geht's los« …? Der Schlaf ist durch einen grauen Gedanken gestört, der wie eine flatternde Fledermaus immer wieder an die Wände Ihres Gehirns stößt.

 

Eine Frau ist darin genau wie ein Dämon, der kommt, um die ihm verkaufte Seele zu holen. Sobald es fünf Uhr schlägt, tönt Ihnen die, ach, zu bekannte Stimme Ihrer Frau ins Ohr: sie verstärkt den Tonfall und sagt mit einer grausamen Milde.

»Adolf, es ist fünf Uhr, steh auf, mein Freund.«

»Jaaa …jaaaha …«

»Adolf, du wirst deine Sache versäumen, du hast es selbst gesagt.«

»Jaaahaa … jaaa …«

Sie drehen den Kopf in Verzweiflung hin und her.

»Auf, mein Freund, ich habe gestern alles vorbereitet … Mein Kätzchen, du mußt fortgehen: willst du deine Verabredung versäumen? Also steh auf, Adolf, mach doch! Es ist Tag.«

Karoline erhebt sich und wirft die Decken weg: sie legt Wert darauf, Ihnen zu zeigen, daß sie aufstehen kann, ohne Geschichten zu machen. Sie öffnet die Fensterläden, sie läßt die Sonne, die Morgenluft, den Straßenlärm herein. Sie kommt zurück.

»Aber, mein Freund, steh doch auf! Wer hätte je gedacht, daß du charakterlos bist? Oh, die Männer! … Ich bin nur eine Frau, aber was ich sage, wird getan …«

Sie stehen brummend auf und verfluchen das Sakrament der Ehe. Sie haben nicht das geringste Verdienst an Ihrem Heldentum: nicht Sie sondern Ihre Frau ist aufgestanden. Karoline findet alles, was Sie brauchen, mit einer verheerenden Schnelligkeit; sie sieht alles voraus, sie reicht Ihnen im Winter ein Nasenfutteral, in Sommer ein blaugestreiftes Batisthemd, Sie werden wie ein Kind behandelt; Sie schlafen noch, sie zieht Sie an, sie gibt sich alle Mühe; Sie werden aus Ihrem Hause hinausgeworfen. Ohne sie würde alles schlecht gehen! Sie erinnert Sie daran, ein Papier, eine Brieftasche mitzunehmen. Sie denken an nichts, sie denkt an alles!

Nach fünf Stunden, zwischen elf und zwölf Uhr, kommen Sie zurück, um zu frühstücken. Das Stubenmädchen ist an der Türe, im Stiegenhaus, auf dem Treppenabsatz und plaudert mit einem Kammerdiener; sie bringt sich in Sicherheit, wenn sie Sie hört oder sieht. Ihr Bedienter deckt den Tisch ohne Eile, er schaut zum Fenster hinaus, er bummelt, er kommt und geht wie ein Mensch, der weiß, daß er viel Zeit hat. Sie fragen, wo Ihre Frau sei, Sie glauben, sie sei aufgestanden.

»Gnädige Frau ist noch zu Bett«, sagt das Stubenmädchen.

Sie finden Ihre Frau schmachtend, träg, müde, eingeschlafen.

Sie hat die ganze Nacht gewacht, um Sie zu wecken, sie hat sich wieder niedergelegt, sie hat Hunger.

Sie sind die Ursache aller Störungen.

Wenn das Frühstück nicht fertig ist, schiebt sie es auf Ihr Fortgehen. Wenn sie nicht angezogen, wenn alles in Unordnung ist, so ist es Ihre Schuld. Auf alles, was schiefgeht, antwortet sie:

»Ich habe dich so früh wecken müssen!«

»Der gnädige Herr ist so früh aufgestanden«, ist die allgemeine Begründung.

Sie müssen frühzeitig schlafen gehen, weil Sie früh aufgestanden sind.

Sie kann während des Tages nichts tun, weil Sie früh aufgestanden sind.

Achtzehn Monate später sagt sie noch: »Ohne mich wärst du nie aufgestanden.«

Zu Ihren Freunden sagt sie: »Mein Mann und aufstehen! … Ach, ohne mich, wenn ich nicht da wäre, würde er nie aufstehen.«

Ein Herr mit ergrauendem Haar sagt zu ihr: »Das spricht für Sie, gnädige Frau.«

Diese etwas zweideutige Kritik macht ihrem Eigenlob ein Ende.

Wenn sich dieser kleine Übelstand zwei- oder dreimal wiederholt hat, so lehrt Sie das, im Kreise Ihrer Familie für sich zu leben, nicht alles zu sagen, nur sich selbst zu vertrauen; oft erscheint es Ihnen zweifelhaft, ob die Vorteile des Ehebettes die Nachteile übertreffen.

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