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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Die Enthüllungen

Illustration: Bertall

Im allgemeinen enthüllt eine junge Frau ihren wahren Charakter erst nach zwei oder drei Jahren der Ehe. Sie verbirgt mitten in den ersten Freuden, in den ersten Festen, ohne es zu wollen, ihre Fehler. Sie geht in Gesellschaft, um zu tanzen, sie geht zu ihren Verwandten, um Ihnen dort Triumphe zu bereiten, sie zeigt schon auf dieser Reise erste Bosheiten der Liebe, sie wird Frau. Dann wird sie Mutter und Amme, und in dieser Lage voll niedlicher Schmerzen ist weder ein Wort noch eine Minute zur Beobachtung frei, so vervielfacht sind in ihr die Sorgen, und es ist unmöglich, über eine Frau zu urteilen.

Drei oder vier Jahre eines vertraulichen Lebens haben Sie gebraucht, bis Sie etwas schrecklich Trauriges, einen Gegenstand dauernder Schrecken, entdecken konnten.

Ihre Frau, dieses junge Mädchen, dem die ersten Freuden des Lebens und der Liebe Anmut und Geist verliehen, das so kokett, so munter, so lebhaft, dessen kleinste Bewegung entzückend und sprechend war, hat langsam ihre natürlichen Künste, eine nach der anderen, abgelegt.

Endlich haben Sie die Wahrheit entdeckt! Sie sind vor ihr zurückgescheut, Sie glaubten sich zu täuschen; aber nein: Karoline hat keinen Geist, sie ist plump, sie versteht weder zu spaßen noch ernst zu reden, sie hat mitunter sogar wenig Takt. Sie sind entsetzt, Sie sehen sich für immer verpflichtet, dieses »liebe Kätzchen« über Dornenpfade zu geleiten, auf denen Sie Ihre Eigenliebe in Fetzen zurücklassen würden.

Sie waren schon oft durch Antworten betroffen, die in Gesellschaft höflich angenommen wurden: man hatte geschwiegen, statt zu lächeln; aber Sie hatten die Gewißheit, daß sich die Frauen nach Ihrem Weggang ansahen und sagten:

»Haben Sie Frau Adolf gehört?«

»Arme kleine Frau, sie ist …«

»Fürchterlich dumm.«

»Wie hat er, der doch gewiß ein Mann von Geist ist, sie nehmen können?«

»Er sollte seine Frau bilden, sie erziehen oder sie schweigen lehren.«

*

Axiome

In unserer Zivilisation ist der Mann für seine Frau verantwortlich.

Nicht der Ehemann ist es, der seine Frau bildet.

*

Eines Tages wird Karoline bei Frau von Fischtaminel, einer sehr vornehmen Dame, hartnäckig behaupten, daß der kleine Nachkömmling weder seinem Vater noch seiner Mutter, sondern dem Hausfreund ähnlich sieht. Sie hat Herrn von Fischtaminel vielleicht aufgeklärt und die Bemühungen von drei Jahren zunichte gemacht, und Frau von Fischtaminel, deren sämtliche Behauptungen sie über den Haufen warf, behandelt Sie seit diesem Besuche mit Kälte.

Eines Abends wird Karoline, nachdem sie einen Autor gezwungen hat, über seine Werke zu reden, damit schließen, daß sie dem schon fruchtbaren Dichter anrät, endlich für die Nachwelt zu arbeiten.

Manchmal beklagt sie sich über die langsame Bedienung bei Leuten, die nur einen Dienstboten haben und alles aufbieten, um Sie zu empfangen.

Manchmal spricht sie übel von Witwen, die sich wiederverheiraten, vor Frau Deschars, die in dritter Ehe mit einem alten Notar, Nicolas Jean Jerome Nepomucene Ange Marie Victor Anne Josef Deschars, einem Freunde Ihres Vaters, lebt.

Sie sind schließlich mit Ihrer Frau in der Gesellschaft nicht mehr Sie selbst. Wie ein Mann, der ein widerspenstiges Pferd besteigt und immerfort zwischen seine beiden Ohren stiert, sind Sie ganz von der Aufmerksamkeit, mit der Sie Karoline zuhören, in Anspruch genommen.

Um sich für das Schweigen zu entschädigen, zu dem die jungen Mädchen verurteilt sind, spricht Karoline oder, besser gesagt, sie plappert; sie will Eindruck machen, und sie macht ihn: nichts hält sie zurück; sie wendet sich an die hervorragendsten Männer, an die bedeutendsten Frauen; sie läßt sich vorstellen, sie foltert Sie. In Gesellschaft gehen heißt für Sie zum Märtyrer werden.

Sie beginnt, Sie übel gelaunt zu finden: Sie passen auf, das ist alles! Schließlich halten Sie sie in einem kleinen Freundeskreis fest, denn sie hat Sie schon mit Leuten auseinandergebracht, von denen Ihr Vorteil abhing.

Wie oft haben Sie nicht die notwendigen Ermahnungen verschoben, wenn Sie sie am Morgen beim Erwachen schon geneigt gemacht hatten, Ihnen zuzuhören! Eine Frau hört selten zu. Wie oft sind Sie nicht vor der Last Ihrer schulmeisterlichen Pflichten zurückgeschreckt?

Sollte die Schlußfolgerung Ihrer amtlichen Mitteilung nicht lauten:

»Du bist geistlos?«

Sie ahnen die Wirkung Ihrer ersten Lektion, Karoline wird sich sagen:

»Ach, ich bin geistlos!«

Keine Frau nimmt dies je in gutem Sinne auf. Jeder von Ihnen wird den Degen ziehen und den Krieg bis aufs Äußerste führen. Sechs Wochen nachher kann Ihnen Karoline beweisen, daß sie sicher Geist genug hat, um Sie in ein Labyrinth zu führen, ohne daß Sie es bemerken.

Erschreckt über diese Aussicht, ergehen Sie sich in Redensarten, Sie helfen sich damit, Sie suchen nach einem Mittel, die Pille zu versüßen.

Schließlich finden Sie einen Weg, der Eigenliebe Karolines zu schmeicheln, denn:

*

Axiom

Eine verheiratete Frau hat mannigfachen Ehrgeiz.

*

Sie behaupten, ihr bester Freund zu sein und als einziger berufen, sie aufzuklären; je mehr Vorbereitungen Sie treffen, desto aufmerksamer und gereizter ist sie. In diesem Augenblick hat sie Geist.

Sie fragen Ihre liebe Karoline, die Sie um die Taille fassen, wie sie, die Ihnen gegenüber so geistreich ist, die so entzückende Antworten gibt (Sie erinnern sie an Worte, die sie nie gesagt hat, die Sie ihr zuschreiben, die sie lächelnd annimmt), wie sie dies oder jenes in Gesellschaft sagen kann. Ohne Zweifel sei sie, wie viele Frauen, in den Salons eingeschüchtert.

»Ich kenne«, sagen Sie, »viele besonders feine Menschen, denen es so geht.«

Sie zitieren Redner, die, glänzend im kleinen Kreise, unfähig sind, von der Tribüne aus drei Sätze zu sprechen. Karoline solle auf sich auf passen; Sie preisen ihr das Schweigen als die sicherste Methode, geistreich zu sein. In Gesellschaft liebt man den, der uns zuhört.

Ha, Sie haben das Eis gebrochen, Sie sind auf der spiegelnden Fläche Schlittschuh gelaufen, ohne sie zu ritzen, Sie konnten der wütendsten, wildesten, wachsamsten, hellsichtigsten, unruhigsten, schnellsten, eifersüchtigsten, feurigsten, heftigsten, schlichtesten, gewandtesten, unvernünftigsten, vorsichtigsten Chimäre der geistigen Welt schmeicheln: der Eitelkeit einer Frau!

Karoline hat Sie fromm in ihre Arme gedrückt, sie hat Ihnen für Ihre Ratschläge gedankt, sie liebt Sie dafür um so mehr; sie will von Ihnen alles annehmen, sogar den Geist; sie kann dumm sein, aber was mehr wert ist, als hübsche Dinge zu sagen, sie versteht, sie zu tun! … sie liebt Sie. Aber sie wünscht auch, Ihr Stolz zu sein! Es handelt sich nicht darum, sich gut zu kleiden, elegant und schön zu sein; Sie sollen stolz auf ihre Intelligenz werden.

Sie sind der glücklichste Mann auf Erden, da sie sich aus dieser ersten ehelichen Klemme zu ziehen vermochten.

»Wir gehen heute abend zu Frau Deschars, wo man nicht weiß, wie man sich unterhalten soll; wegen der Schar von jungen Frauen und jungen Mädchen, die dort sind, werden alle möglichen unschuldigen Spiele gespielt; du wirst sehen …«, sagt sie.

Sie sind so glücklich, daß Sie Melodien vor sich hin summen, während Sie, in Hemd und Unterhose, allerlei Sachen bei sich ordnen. Sie gleichen einem Hasen, der auf dem tauduftenden, blühenden Rasen seine hunderttausend Sprünge macht. Sie ziehen Ihren Schlafrock erst im äußersten Falle an, wenn das Frühstück auf dem Tisch steht.

Wenn Sie während des Tages Freunden begegnen, verteidigen Sie die Frauen, wenn die Rede darauf kommt; Sie finden die Frauen reizend, süß; sie haben etwas Göttliches an sich.

Wie oft werden uns unsre Meinungen durch die unbekannten Ereignisse unsres Lebens vorgeschrieben!

Sie führen Ihre Frau zu Frau Deschars. Frau Deschars ist eine äußerst fromme Familienmutter, in deren Hause es keine Zeitungen gibt; sie wacht über ihre Töchter, die aus drei verschiedenen Ehen stammen, und hält sie um so strenger, als sie sich, wie man sagt, gewisse Kleinigkeiten aus ihren beiden früheren Ehen vorzuwerfen hat. In ihrem Hause erlaubt sich niemand einen gewagten Scherz. Alles ist hier weiß und rosa, duftend von Heiligkeit wie bei den Witwen, die an den Grenzen der dritten Jugend stehen. Es ist, als sei täglich Fronleichnam.

Sie schließen sich als junger Gatte der jugendlichen Gesellschaft von jungen Frauen, kleinen Mädchen, Fräulein und jungen Leuten an, die im Schlafzimmer der Frau Deschars sind.

Die ernsten Leute, die politisierenden Männer und Whistspieler und Teetrinker sind im großen Salon.

Man spielt Raten von Worten mit verschiedenem Sinn, nach den Antworten, die jeder auf die Fragen gibt.

»Wie lieben Sie es?«

»Was machen Sie damit?«

»Wo legen Sie es hin?«

Die Reihe, ein Wort zu raten, kommt an Sie, Sie gehen in den Salon, Sie mischen sich in ein Gespräch, und von einem lachenden kleinen Mädchen gerufen, kehren Sie zurück. Man hat ein Wort für Sie ausgesucht, das zu den rätselhaftesten Antworten dienen kann. Jedermann weiß, daß man, um die tüchtigen Köpfe in Verlegenheit zu bringen, am besten ein ganz gewöhnliches Wort wählt und Redewendungen verabredet, die den Salon-Ödipus tausend Meilen von jedem seiner Gedanken entfernen.

Dieses Spiel ersetzt schwerlich »Landsknecht« oder »Kreps«, aber es ist weniger kostspielig.

Das Wort »mal« war zur Sphinx erhoben worden. Jeder gelobte sich, Sie auf Abwege zu führen.

Das Wort hat unter andern auch die Bedeutung des Bösen, ein Hauptwort, das in der Ästhetik das Gegenteil vom Guten ausdrückt;

des Übels, ein Hauptwort, das tausenderlei Krankheiten bezeichnet;

dann der Briefpost, der Postkutsche;

und schließlich des Koffers in verschiedenster Form, aus Roßhaar oder Leder, mit Henkeln, der leicht beweglich ist, da er zur Beförderung von Reiserequisiten dient, würde ein Mann aus der Schule Delilles sagen.

Für Sie, den Mann von Geist, entfaltet die Sphinx ihre Reize, sie breitet ihre Flügel aus, sie senkt sie wieder; sie zeigt Ihnen ihre Löwentatzen, ihren Frauenhals, ihre Roßlenden, ihr intelligentes Haupt; sie schüttelt ihre geweihten Binden, sie richtet sich auf und enteilt, kommt zurück und entfernt sich, fegt den Platz mit ihrem fürchterlichen Schweif; sie läßt ihre Krallen blitzen, sie zieht sie ein; sie lächelt, sie wedelt, sie brummt; sie blickt wie ein fröhliches Kind, wie eine ernste Matrone; sie ist vor allen Dingen boshaft.

»Ich habe es aus Liebe gern.«

»Ich habe es chronisch gern.«

»Ich habe es mit dichtem Fell gern.«

»Ich habe es geheim gern.«

»Ich habe es gern offen.«

»Ich habe es mit Pferden gern.«

»Ich habe es gern, weil es von Gott kommt«, hat Frau Deschars gesagt.

»Wie hast du es gern?« fragen Sie Ihre Frau.

»Ich habe es auf legitime Weise gern.«

Die Antwort Ihrer Frau wird nicht verstanden und versetzt Sie in die Sternengefilde der Unendlichkeit, wo der Geist, von der Menge der Erscheinungen geblendet, nichts zu erfassen vermag.

Man bringt es unter:

»Im Schuppen.«

»Auf dem Speicher.«

»In der Presse.«

»Auf einem Dampfer.«

»In einem Wagen.«

»Im Gefängnis.«

»An den Ohren.«

»Im Laden.«

Ihre Frau sagt Ihnen zuletzt: »In meinem Bett.«

Da stehen Sie, aber Sie wissen kein Wort, das dieser Antwort entspräche, da Frau Deschars nichts Unschickliches hat zulassen können.

»Was tust du damit?«

»Was allein mich glücklich macht«, sagt Ihre Frau nach den Antworten aller, die Sie trieben, das ganze Reich sprachwissenschaftlicher Hypothesen zu durchforschen.

Diese Antwort verblüfft alle und insbesondere Sie; auch Sie versteifen sich darauf, den Sinn dieser Antwort zu finden.

Sie denken an die in Leinwand gewickelte Flasche mit warmem Wasser, die Ihre Frau bei großer Kälte an ihre Füße legt.

die Wärmflasche vor allem! …

die Nachthaube,

das Taschentuch,

die Papilloten,

die Hemdspitzen,

die Stickerei,

die Nachtjacke,

Ihr Seidentuch,

das Kopfkissen,

das Nachttischchen, wo Sie nichts Passendes finden.

Es ist das größte Glück der Antwortenden, sich an dem Anblick des irregeführten Ödipus zu weiden, den jedes für richtig gehaltene Wort dem Gelächter aussetzt, und die feineren Menschen ziehen es schließlich vor, sich besiegt zu erklären, wenn sie kein Wort mit all den Erklärungen zusammenreimen können, statt drei beliebige Hauptwörter zu nennen. Nach der Regel des unschuldigen Spiels werden Sie dazu verurteilt, in den Salon zurückzukehren, nachdem Sie ein Pfand gegeben haben; aber Sie sind durch die Antworten Ihrer Frau so sehr gereizt, daß Sie das Wort zu erfahren wünschen.

»Mal«, ruft Ihnen ein kleines Mädel zu.

Sie verstehen alles, weniger die Antworten Ihrer Frau; sie hat das Spiel nicht mitgespielt.

Weder Frau Deschars noch eine der jungen Frauen hat verstanden.

Man hat gemogelt.

Sie empören sich, es gibt einen Aufruhr junger Mädchen, junger Frauen. Man sucht, man zerbricht sich den Kopf. Sie wollen eine Erklärung, und alle teilen Ihren Wunsch.

»In welcher Bedeutung meinst du dieses Wort, meine Liebe?« fragen Sie Karoline.

»Nun, mâleEs wäre vergeblich, das Wortspiel ins Deutsche übertragen zu wollen; es beruht auf der Vieldeutigkeit des Wortes »mal« (das Übel, das Böse, das Leiden) und seiner phoneschen Ähnlichkeit mit »malle« (Reisekoffer, Briefpost) usw. und schließlich mit »mâle« (das Männchen).

Frau Deschars tut spröde und zeigt die höchste Unzufriedenheit; die jungen Frauen erröten und senken die Augen; die jungen Mädchen reißen die ihren auf, stoßen sich mit den Ellenbogen und öffnen die Ohren.

 

Sie stehen da wie Loths Weib, die Füße auf dem Teppich festgenagelt.

Sie sehen ein höllisches Dasein vor sich: die Welt ist unmöglich.

Mit dieser triumphierenden Dummheit zu Hause bleiben heißt soviel wie auf die Galeeren gehen.

 

Geistige Qualen sind stärker als physische Schmerzen, im gleichen Maße, wie Seele und Körper voneinander getrennt sind.

Sie verzichten darauf, Ihre Frau aufzuklären.

Karoline ist ein zweiter Nebukadnezar, denn eines Tages wird sie, wie die königliche Schmetterlingspuppe, die Rauheit des Tieres mit der Grausamkeit kaiserlichen Purpurs vertauschen.

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