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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Das Trauersolo

Illustration: Bertall

Nach einer Zeit, deren Dauer von der Festigkeit der Grundsätze Karolines abhängt, scheint sie hinzuschmachten; und wenn Adolf sie auf dem Diwan wie eine Schlange in der Sonne ausgestreckt sieht, sagt er, zum Schein beunruhigt, zu ihr: »Was hast du, meine Gute? Was willst du?«

»Ich möchte tot sein!«

»Ein recht angenehmer und verrückt lustiger Wunsch …«

»Mich schreckt nicht der Tod, sondern das Leiden …«

»Das heißt, daß ich dein Leben nicht glücklich mache … Da haben wir die Frauen!«

Adolf durchmißt schimpfend den Salon; aber er macht halt, als er sieht, wie Karoline mit dem gestickten Taschentuch ihre Tränen trocknet, die ziemlich künstlich fließen.

»Du fühlst dich krank?«

»Ich fühle mich nicht wohl. (Stille.) Alles, was ich wünsche, wäre nur, zu wissen, ob ich so lange leben kann, um meine Kleine verheiratet zu sehen, denn ich weiß jetzt, was das von jungen Leuten so wenig verstandene Wort bedeutet: die Wahl eines Gatten! Geh, lauf deinen Vergnügungen nach: eine Frau, die der Zukunft nachsinnt, eine Frau, die leidet, ist nicht amüsant; geh dich zerstreuen …«

»Woran leidest du?«

»Mein Freund, ich leide nicht; es geht mir wunderbar, und es fehlt mir nichts! Wahrhaftig, ich fühle mich besser … Geh, laß mich.«

Das erste Mal entfernt sich Adolf fast traurig.

Acht Tage verstreichen, während welcher Karoline allen Dienstboten aufträgt, dem Herrn den beklagenswerten Zustand zu verbergen, in dem sie sich befindet: sie stirbt dahin, sie klingelt, wenn sie nahe daran ist, in Ohnmacht zu fallen, sie verbraucht viel Äther. Die Leute verständigen schließlich den Herrn vom ehelichen Heldentum der gnädigen Frau, und Adolf bleibt eines Abends nach dem Essen und sieht, wie seine Frau heftig ihre kleine Marie küßt.

»Armes Kind! Nur um deinetwillen tut mir meine Zukunft leid! Oh! Mein Gott, was ist das Leben?«

»Geh, mein Kind«, sagt Adolf, »warum sich grämen? …«

»Oh! ich gräme mich nicht! … Der Tod schreckt mich nicht … ich habe heute morgen ein Begräbnis gesehen, und mir kam der Tote sehr glücklich vor! Wieso denke ich nur ans Sterben? … Ist es eine Krankheit? … Mir scheint, daß ich von eigener Hand sterben werde.«

Je mehr Adolf Karoline zu erheitern versucht, desto mehr verhüllt sich Karoline in die Trauerschleier unendlicher Tränen. Dies zweite Mal bleibt Adolf und langweilt sich. Dann, beim dritten Angriff mit erzwungenen Tränen, geht er ohne irgendeine Traurigkeit davon. Schließlich stumpft er durch die ewigen Klagen, durch die Attitüden einer Sterbenden, durch die Krokodilstränen ab. Er sagt endlich: »Wenn du krank bist, Karoline, muß man einen Arzt holen …«

»Wie du willst! Das wird rascher so aufhören, das … Aber dann bring einen bekannten Arzt.«

Nach Verlauf eines Monats bringt Adolf, müde, die Trauerweise anzuhören, die ihm Karoline in allen Tonarten vorspielt, einen berühmten Arzt. In Paris sind die Arzte alle geistvolle Menschen und kennen sich bewunderungswürdig in der ehelichen Leidensgeschichte aus.

»Also, gnädige Frau«, sagt der berühmte Arzt, »wie kann sich eine so hübsche Frau einfallen lassen, krank zu sein?«

»Ja, wie die Nase des Vaters Aubry strebe ich dem Grabe zu …«

Karoline versucht mit Rücksicht auf Adolf zu lächeln.

»Gut! Sie haben aber lebhafte Augen: die gelüstet es wenig nach unsern teuflischen Arzneien …«

»Sehen Sie, Doktor, das Fieber zehrt mich auf, ein unmerkliches, langsames, leichtes Fieber …«

Und sie heftet die schalkhaftesten ihrer Blicke auf den berühmten Doktor, der sich selbst sagt: »Was für Augen! …«

»Nun, sehen wir die Zunge an«, sagt er laut.

Karoline zeigt ihre Katzenzunge zwischen zwei Reihen Zähnen, die weiß sind wie die eines Hundes.

»Sie ist hinten ein wenig belegt; aber Sie haben gefrühstückt …«, forscht der große Mediziner, der sich nach Adolf umwendet.

»Nichts«, antwortet Karoline, »zwei Tassen Tee …«

Adolf und der berühmte Arzt blicken einander an, denn der Doktor fragt sich, ob der Mann oder die Frau sich über ihn lustig mache.

»Was fehlt Ihnen?« fragt der Doktor Karoline ernst.

»Ich schlafe nicht.«

»Gut!«

»Ich habe keinen Appetit …«

»Schön!«

»Ich habe Schmerzen, hier …«

Der Arzt blickt auf die Stelle, die Karoline weist.

»Sehr gut, wir werden sofort alles sehen … Dann? …«

»Manchmal überläuft mich ein Schauer …«

»Gut!«

»Ich bin traurig, ich denke immer an den Tod, ich habe Selbstmordgedanken.«

»Ach! Wirklich?«

»Es steigt mir heiß zu Kopf; ferner habe ich fortwährend ein Zucken in den Augenlidern …«

»Sehr gut: wir nennen das einen Trismus.«

Der Doktor erklärt eine Viertelstunde mit den gelehrtesten Ausdrücken die Natur des Trismus, woraus sich ergibt, daß der Trismus der Trismus ist; aber er bemerkt mit der größten Bescheidenheit, daß, wenn die Wissenschaft weiß, daß der Trismus der Trismus ist, sie die Ursache dieser nervösen Erregung gar nicht kennt, die kommt, geht, vergeht, wiederkommt … – »Und«, sagt er, »wir haben erkannt, daß es rein nervös war.«

»Ist es sehr gefährlich?« fragt Karoline unruhig.

»Keinesfalls. Wie legen Sie sich schlafen?«

»Zusammengerollt.«

»Schön, auf welcher Seite?«

»Auf der linken.«

»Schön; wieviel Polster haben Sie in Ihrem Bett?«

Illustration: Bertall

»Drei.«

»Schön; ist eine Matratze da?«

»Aber ja …«

»Woraus besteht die Matratze?«

»Aus Roßhaar.«

»Gut. Gehen Sie ein bißchen vor mir auf und ab! … Oh! Aber natürlich und als ob wir Ihnen nicht zuschauen würden …«

Karoline schreitet wie die Elßler, indem sie ihre Hüften ganz andalusisch bewegt.

»Sie fühlen nicht ein wenig Schwere in den Knien?«

»Aber … nein … (Sie kehrt auf ihren Platz zurück.) Mein Gott, wenn man sich prüft … mir scheint jetzt, daß ja …«

»Gut. Sie sind seit einiger Zeit zu Hause geblieben?«

»Oh! ja, viel zuviel … und allein.«

»Schön, das ist es. Was nehmen Sie für die Nacht um den Kopf?«

»Eine gestickte Haube, manchmal ein Seidentuch darüber …«

»Ist Ihnen davon nicht heiß … schwitzen Sie nicht etwas?«

»Im Schlaf, das scheint mir kaum.«

»Sie könnten beim Erwachen an der Stelle der Stirn Ihren Polster feucht finden?«

»Manchmal.«

»Gut. Geben Sie mir die Hand.«

Der Doktor zieht seine Uhr.

»Habe ich Ihnen gesagt, daß ich Schwindelanfälle habe?« sagt Karoline.

»Pst!« macht der Doktor, der die Pulsschläge zählt. »Am Abend?«

»Nein, am Morgen.«

»Ah! der Teufel! Schwindelanfälle am Morgen«, sagt er, Adolf anblickend.

»Nun, was sagen Sie zum Zustand meiner Frau?« fragt Adolf.

»Der Herzog von G.... ist nicht nach London gegangen«, sagt der große Arzt, indem er die Haut Karolines betrachtet, »und man redet im Faubourg Saint-Germain viel darüber.«

»Sie haben dort Kranke?« fragt Karoline.

»Fast alle meine Patienten wohnen dort … Ach, mein Gott! ich habe heute morgen sieben besucht, von denen mehrere in Gefahr sind …«

Der Doktor blickt auf.

»Was denken Sie über mich?« sagt Karoline.

»Gnädige Frau, Sie brauchen Pflege, viel Pflege, Linderungsmittel nehmen, Eibischtee, eine milde Diät, weißes Fleisch, viel Bewegung machen.«

»Das alles für zwanzig Franken«, sagt sich Adolf lächelnd.

Der große Arzt nimmt Adolf beim Arm und führt ihn hinaus; Karoline folgt ihnen auf den Fußspitzen.

»Mein Lieber«, sagt der große Arzt, »ich habe die gnädige Frau soeben sehr leicht behandelt, man darf sie nicht erschrecken, das betrifft Sie mehr, als Sie denken … Vernachlässigen Sie die gnädige Frau nicht zu sehr; sie hat ein mächtiges Temperament, eine kräftige Gesundheit. All das wirkt auf sie. Die Natur hat ihre Gesetze, die, wenn sie mißverstanden werden, sich den Gehorsam erzwingen. Die gnädige Frau könnte in einen krankhaften Zustand verfallen, der Sie grausam bereuen ließe, sie vernachlässigt zu haben … Wenn Sie sie lieben, so lieben Sie sie; wenn Sie sie nicht mehr lieben und Sie wollen Ihren Kindern die Mutter erhalten, so ist der Entschluß schließlich eine hygienische Sache, aber er kann nur von Ihnen kommen! …«

»Wie er mich verstanden hat!« sagt sich Karoline. Sie öffnet die Tür und sagt: »Herr Doktor, Sie haben mir nicht vorgeschrieben, wieviel ich nehmen soll …«

Der große Arzt lächelt, grüßt und läßt ein Zwanzigfrankenstück in seine Tasche gleiten, indem er Adolf in den Händen seiner Frau zurückläßt, die ihn faßt und sagt: »Was ist die Wahrheit über meinen Zustand? … Muß ich mich darein ergeben, zu sterben?«

»Ach! er sagte mir, daß du zu gesund bist!« ruft Adolf ungeduldig aus.

Karoline beginnt auf dem Diwan zu weinen.

»Was hast du?«

»Ich habe genug … Ich bin dir im Wege, du liebst mich nicht mehr … Ich werde diesen Arzt nicht mehr fragen … Ich weiß nicht, warum Frau Foullepointe mir geraten hat, ihn zu holen, er hat mir nur Dummheiten gesagt! … Und ich weiß besser als er, was mir fehlt …«

»Was fehlt dir? …«

»Undankbarer, du fragst danach?« sagt sie, indem sie ihren Kopf auf die Schulter Adolfs legt.

Adolf sagt erschreckt: »Er hat recht, der Doktor, sie kann krankhafte Ansprüche stellen, und was soll aus mir werden? … Ich bin gezwungen, zu wählen zwischen der physischen Verrücktheit Karolines und irgendeinem kleinen Hausfreund.«

Karoline singt darauf eine Melodie von Schubert mit dem Überschwang einer Hypochondrin.

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