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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Sauersüßes Lächeln

Illustration: Bertall

Wenn Sie in diese Strömung gelangten, so freuen Sie sich der kleinen Szenen, die in der großen Eheoper die Intermezzi darstellen und deren Typus so aussieht:

Sie sind eines Abends nach dem Essen allein und waren schon so oft allein, daß Sie das Bedürfnis empfinden, einander kleine Sticheleien zu sagen wie zum Beispiel diese:

»Gib auf dich acht, Karoline«, sagt Adolf, der so viele vergebliche Anstrengungen auf dem Gewissen hat, »mir scheint, daß deine Nase die Frechheit hat, zu Hause genau so rot zu werden wie im Restaurant.«

»Du hast heute keinen liebenswürdigen Tag! …«

*

Allgemeine Regel

Kein Mann hat das Mittel entdecken können, einer Frau einen freundschaftlichen Rat zu geben, nicht einmal der eigenen.

*

»Was willst du, meine Liebe! Vielleicht bist du in deinem Mieder zu sehr eingeschnürt, so zieht man sich Krankheiten zu …«

Sobald ein Mann diesen Satz zu einer Frau, beliebig welcher, gesagt hat, nimmt die Frau (sie weiß, daß Fischbein geschmeidig ist) das Fischbein beim untern Ende und hebt es, wie Karoline, mit den Worten:

 

»Da, man kann die Hand hineinstecken! Ich schnüre mich niemals ein.«

»Es wird also der Magen sein …«

»Was hat der Magen mit der Nase zu tun?«

»Der Magen ist ein Zentrum, das mit allen unsern Organen in Beziehung steht.«

»Die Nase ist also ein Organ?«

»Ja.«

»Dein Organ dient dir schlecht in diesem Augenblick …« (Sie hebt die Augen und zuckt die Achseln.) »Was habe ich dir getan, Adolf?«

»Aber nichts, ich scherze, und ich habe das Unglück, dir nicht zu gefallen«, antwortet Adolf lächelnd.

»Mein Unglück ist, daß ich deine Frau bin. Oh! daß ich nicht die eines andern bin!«

»Wir sind einer Meinung!«

»Wenn ich anders heißen würde, wenn ich wie die Koketten, die wissen wollen, wie es mit einem Mann steht, die Naivität hätte zu sagen: ›Meine Nase ist beunruhigend rot!‹ und mich wie ein Affe vor dem Spiegel zieren würde, so würdest du mir antworten: ›Oh! gnädige Frau, Sie verleumden sich! Zunächst ist nichts zu sehen; dann harmoniert es mit der Farbe Ihres Teints … Wir sind übrigens nach dem Essen alle so!‹ und du würdest dich beeilen, mir Komplimente zu machen … Sage ich dir, daß du dick wirst, daß du die Farbe eines Maurers bekommst und daß ich die blassen und magern Männer liebe? …«

Man sagt in London: Rühre das Beil nicht an! In Frankreich muß man sagen: Rühre die Nase der Frau nicht an!

 

»Und all das wegen ein bißchen zuviel natürlichen Zinnobers!« ruft Adolf aus. »Wende dich an den lieben Gott, der sich anmaßt, an einer Stelle mehr Farbe anzubringen als an einer andern, nicht an mich … der dich liebt … der dich vollkommen haben will und der dir zuruft: Achtung!«

»Du liebst mich zu sehr, denn seit einiger Zeit bemühst du dich, mir unangenehme Dinge zu sagen, du versuchst, mich anzuschwärzen unter dem Vorwand, mich zu vervollkommnen … Man hat mich vollkommen gefunden, vor fünf Jahren …«

»Ich finde dich mehr als vollkommen, du bist reizend! …«

»Mit zuviel Zinnober?«

 

Adolf, der bemerkt, daß seine Frau eine eisige Miene aufsetzt, nähert sich, setzt sich auf einen Sessel neben sie. Karoline, die anständigerweise nicht weggehen kann, rafft ihr Kleid zusammen, als wolle sie eine Trennung bewerkstelligen. Diese Bewegung begleiten manche Frauen mit einer herausfordernden Impertinenz; aber es gibt zwei Formen: beim Whist ist es entweder ein Königsruf oder eine Renonce. Karoline »bekennt nicht« in diesem Augenblick.

»Was hast du?« sagt Adolf.

»Wünschen Sie ein Glas Zuckerwasser?« fragt Karoline, indem sie sich mit Ihrer Gesundheit befaßt und (zum Spott) die Rolle des Bedienten annimmt.

»Warum?«

»Aber Sie haben keine gute Verdauung, Sie müssen viel leiden. Vielleicht muß man einen Tropfen Branntwein in das Zuckerwasser tun?

Der Doktor hat gesagt, es sei eine ausgezeichnete Medizin …«

»Wie du um meinen Magen besorgt bist!«

»Er ist ein Zentrum, er steht mit allen Organen in Beziehung, er wird auf das Herz wirken und von hier vielleicht auf die Sprache.«

Adolf erhebt sich und geht auf und ab, ohne etwas zu sagen, aber er denkt an all den Geist, den seine Frau aufbringt; er sieht, wie sie täglich an Kraft, an Schärfe zunimmt, sie hat eine Intelligenz im Sticheln und eine soldatische Stärke im Streit, die an Karl XII. und die Russen erinnern. Karoline macht in diesem Augenblick beunruhigende Gebärden: sie sieht aus, als befände sie sich schlecht.

Illustration: Bertall

»Fehlt Ihnen etwas?« sagt Adolf, dort gepackt, wo uns die Frauen immer packen, bei der Hochherzigkeit.

»Es greift das Herz an, nach dem Essen einen Menschen auf und ab gehen zu sehen wie ein Pendel. Aber so sind Sie ja: Sie müssen sich immer bewegen … Sie sind komisch … Die Männer sind mehr oder weniger verrückt …«

 

Adolf setzt sich an dem seiner Frau entgegengesetzten Ende des Kamins nieder und verharrt dort in Gedanken: die Ehe kommt ihm wie eine Steppe voll Brennesseln vor.

»Nun, du schmollst?« sagt Karoline nach einer Weile, die sie der Beobachtung ihres Mannes gewidmet hat.

»Nein, ich denke nach«, antwortet Adolf.

»Oh! was für einen teuflischen Charakter du hast!« sagt sie, und zuckt die Achseln. »Ist es darum, weil ich dir etwas über deinen Bauch, über deine Taille und deine Verdauung gesagt habe? … Du siehst wohl nicht, daß ich dir deinen Zinnober zurückzahlen wollte? Du beweist, daß die Männer ebenso gefallsüchtig sind wie die Frauen … (Adolf bleibt kalt.) Weißt du, daß ich das sehr nett von euch finde, unsre Eigenschaften anzunehmen … (Tiefe Stille.) Man scherzt, und du wirst böse … (sie blickt Adolf an), denn du bist böse … Ich bin nicht wie du, ich: ich kann den Gedanken nicht ertragen, dir ein bißchen weh getan zu haben! Und kein Mensch wäre auf den Gedanken verfallen, deine Impertinenz irgendeiner deiner Verdauungsbeschwerden zuzuschreiben. Das ist nicht mehr mein Dodofe! Das ist sein Bauch, der sich groß genug fühlte, um zu reden … Ich wußte nicht, daß du Bauchredner bist, das ist alles …«

Karoline blickt lächelnd auf Adolf: Adolf verhält sich wie zugeknöpft.

»Nein, er wird nicht lachen … Und das nennen Sie, in Ihrem Jargon, Charakter haben … Oh! wieviel besser sind wir!«

Sie kommt und setzt sich auf die Knie Adolfs, der sich nicht enthalten kann zu lächeln. Diesem Lächeln, das gleichsam das Ventil der Dampfmaschine ist, lauert sie auf, um es gegen ihn auszuspielen.

»Vorwärts, mein Lieber, gestehe dein Unrecht!« sagt sie dann. »Wozu schmollen? Ich liebe dich, wie du bist! Ich sehe dich ganz so schlank, wie ich dich geheiratet habe … ja noch schlanker.«

»Karoline, wenn man dahin gelangt, sich über diese Kleinigkeiten zu täuschen … wenn man sich Konzessionen macht und nicht böse bleibt, rot vor Zorn … weißt du, was das ist?«

»Nun?« sagt Karoline, unruhig über Adolfs dramatische Pose.

»Man liebt sich weniger.«

»Oh! du Riesenungeheuer, ich verstehe dich: du bleibst böse, um mich glauben zu machen, daß du mich liebst.«

Sieh! Gestehen wir's! Adolf sagt die Wahrheit auf die einzig mögliche Art: lachend.

»Warum hast du mir weh getan?« sagt sie. »Habe ich unrecht? Ist es nicht besser, es mir höflich zu erklären, ehe du es mir grob sagst (sie verstärkt ihre Stimme): ›Ihre Nase wird rot!‹ Nein, das ist nicht richtig! Um dir zu gefallen, will ich einen Ausdruck deiner schönen Fischtaminel gebrauchen: › Das tut kein Gentleman!‹«

Adolf beginnt zu lachen und zahlt die Kosten der Versöhnung; aber statt zu entdecken, was Karoline gefallen kann und wie er an sie sich bindet, erkennt er, wodurch Karoline ihn an sich bindet.

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