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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Die Zwangsarbeiten

Illustration: Bertall

Wir wollen diese unserer Meinung entsprechend erneuerte Wahrheit anerkennen:

*

Axiom

Die Mehrzahl der Männer hat immer ein wenig von dem Verstand, den eine schwierige Lage erfordert, wenn sie nicht allen Verstand für diese Lage haben.

*

Mit Ehemännern, die nicht auf der Höhe sind, kann man sich unmöglich beschäftigen: sie führen keinen Kampf, sie fallen in die zahlreiche Klasse der Resignierten.

Adolf sagt sich also: »Die Frauen sind Kinder: zeigt man ihnen ein Stück Zucker, so tanzen sie alle Kontertänze wie die naschhaften Kinder; aber man muß stets ein Bonbon haben, es ihnen hochhalten und … daß ihnen der Geschmack an Bonbons nie vergeht! Die Pariserinnen (Karoline ist aus Paris) sind äußerst eitel, sie sind Leckermäuler! … Man beherrscht die Menschen, man schafft sich Freunde nur, wenn man sie alle bei ihren Lastern packt, ihren Leidenschaften schmeichelt! Meine Frau gehört mir!«

 

Wenige Tage darauf, während deren Adolf die Aufmerksamkeit für seine Frau verdoppelt hat, hält er ihr diese Rede:

»Also, Karoline, wir wollen uns amüsieren! Du mußt das neue Kleid anziehen (das gleiche wie Frau Deschars) und … bei Gott irgendeine Dummheit im Varieté ansehen.«

Diese Art von Vorschlägen versetzt legitime Frauen immer in die schönste Laune. Und los: Adolf hat bei Borrel, im Rocher de Cancale, ein hübsches, kleines, feines Diner für zwei bestellt.

»Dann gehen wir ins Varieté, dinieren im Separé!« ruft Adolf auf dem Boulevard und sieht aus, als würde er sich in eine freigebige Improvisation stürzen.

Karoline; glücklich über diesen Schein vor Wohlhabenheit, begibt sich also in einen kleinen Salon, wo sie den Tisch schon so zierlich gedeckt und gerichtet findet, wie Herr Borrel Leuten es anbietet, die reich genug sind, das Lokal zu bezahlen. Es ist für die Großen der Erde bestimmt, die sich einen Augenblick lang klein machen.

 

Die Frauen essen wenig, wenn sie zu einem Diner geladen werden: ihr unsichtbarer Harnisch behindert sie, sie haben das Parademieder an, sie befinden sich in Gegenwart von Frauen, deren Augen und Zungen gleich fürchterlich sind. Sie lieben nicht das gute, sondern das nett hergerichtete Essen: Krebse schlürfen, knusperige Wachteln knabbern, einen Auerhahnflügel abdrehen und mit einem Stück Fisch in einer jener Saucen anfangen, die den Ruhm der französischen Küche bilden. Frankreich ist führend in seinem Geschmack: in der Kunst, in der Mode usw. In der Küche ist die Sauce der Höhepunkt des Geschmacks. Grisetten, Bürgerfrauen und Herzoginnen werden entzückt von einem mit auserlesenen Weinen benetzten, in kleiner Menge genommenen, mit Früchten beendeten Diner, wie es nur in Paris zu haben ist, besonders wenn man, um dieses kleine Diner zu verdauen, ins Theater geht, in eine gute Loge, und die Dummheiten auf der Bühne anhört und die, die man ihnen zur Erklärung derjenigen auf der Bühne ins Ohr sagt. Die Rechnung im Restaurant beträgt allein hundert Franken, die Loge kostet dreißig und der Wagen, die Toilette (neue Handschuhe, ein Strauß usw.) ebensoviel. Diese Galanterie beläuft sich alles in allem auf hundertsechzig Franken, rund viertausend Franken im Monat, wenn man oft in die Komische Oper, in die Italienische und in die Große Oper geht. Viertausend Franken monatlich sind heute einem Kapital von zwei Millionen gleich. Aber so viel ist die ganze eheliche Ehre wert.

 

Karoline sagt zu ihren Freundinnen Dinge, die sie für äußerst schmeichelhaft hält, bei denen aber ein geistvoller Ehemann das Gesicht verzieht.

»Seit einiger Zeit ist Adolf reizend. Ich weiß nicht, wodurch ich so viel Liebenswürdigkeit verdient habe, aber er überschüttet mich. Er macht alles kostbarer durch sein Zartgefühl, das gerade uns Frauen so viel Eindruck macht … Nachdem er mich am Montag zum Rocher de Cancal geführt hat, behauptet er, Véry habe eine ebenso gute Küche wie Borrel, und die Vergnügungsreise, von der ich Ihnen erzählte, begann von neuem, doch bot er mir beim Dessert einen Logensitz in der Oper an. Man gab ›Wilhelm Tell‹, den ich, wie Sie wissen, leidenschaftlich liebe.«

»Sie sind sehr glücklich«, antwortet Frau Deschars trocken und mit sichtlicher Eifersucht.

»Aber eine Frau, die ihre Pflicht erfüllt, verdient, scheint mir, dieses Glück …«

 

Wenn diese kühne Phrase über die Lippen einer verheirateten Frau kommt, ist es klar, daß sie ihre Pflicht tut wie ein Schüler, weil sie belohnt zu werden erwartet. In der Schule will man eine Auszeichnung bekommen; in der Ehe hofft man auf einen Schal, eine Schmucksache. Nicht mehr aus Liebe!

 

»Ich, meine Liebe (Frau Deschars ist piquiert), ich bin vernünftig. Deschars machte auch solche Torheiten … Eine Lüge von drei Todsünden (Lüge, Stolz, Neid), die sich die Frommen erlauben, denn Frau Deschars ist eine mürrische Fromme; sie fehlt bei keinem Gottesdienst bei St. Roch, seitdem sie mit der Königin Almosen gesammelt hat. Anm. d. Verf. ich habe da Ordnung hineingebracht. Sehen Sie, kleine Frau, wir haben zwei Kinder, und ich gestehe, daß hundert oder zweihundert Franken für mich als Familienmutter eine beträchtliche Summe sind.«

»Eh nun!« sagt Frau von Fischtaminel, »es ist besser, daß unsre Männer mit uns ausgehen, als …«

»Deschars?« sagt Frau Deschars schroff, indem sie sich erhebt und grüßt.

Der Herr Deschars (der von seiner Frau zum Nichts gemachte Mann) vernimmt nun nicht den Schluß des Satzes, durch den er erfahren hätte, daß man sein Vermögen mit exzentrischen Frauen vertun kann.

Karoline fühlt sich in ihrer Eitelkeit sehr geschmeichelt und stürzt sich in alle Wonnen des Stolzes und der Naschhaftigkeit, der beiden köstlichen und beliebtesten Sünden. Adolf gewinnt wieder an Boden; aber weh! (diese Betrachtung ist eine Fastenpredigt wert), Sünde und Wollust bergen jede ihren Stachel. So wie ein Machthaber legt das Laster seinen Wert auf tausend köstliche Schmeicheleien, wenn ein einziges kleines Hindernis es stört. Mit ihm soll der Mensch crescendo gehen! … und immer.

*

Axiom

Das Laster, der Höfling, das Unglück und die Liebe kennen nur die Gegenwart.

*

Nach einer Zeit, die schwer zu bestimmen ist, betrachtet sich Karoline beim Dessert im Spiegel und erblickt rote Flecke auf ihren Backenknochen und ihren so reinen Nasenflügeln. Sie ist im Theater schlechter Laune, und Sie, Adolf, der in seiner Halsbinde so stolz dasitzt, der wie ein selbstzufriedener Mann den Bauch vorstreckt, Sie wissen nicht, warum!

Einige Tage nachher kommt die Schneiderin, sie probiert ein Kleid, sie nimmt ihre Kräfte zusammen, sie bringt es nicht fertig, es zuzuhaken … Man ruft das Stubenmädchen. Nachdem man mit den Kräften zweier Pferde gezogen hat, eine wahre dreizehnte Herkulesarbeit, klafft eine zwei Finger breite Lücke. Die unerbittliche Schneiderin kann Karoline nicht verbergen, daß ihre Taille sich verändert hat. Karoline, die ätherische Karoline, droht Frau Deschars gleich zu werden. Grob ausgedrückt, sie wird dick.

 

Man läßt Karoline völlig niedergeschlagen zurück.

 

»Was, wie diese plumpe Frau Deschars, Kaskaden von Fleisch haben à la Rubens? Ist das wahr …«, sagt sie sich. »Adolf ist ein schwerer Verbrecher. Ich sehe, er will aus mir eine Mutter Gigogne machen und mich meiner verführerischen Mittel berauben!«

Karoline will zwar auch weiter in die Italienische Oper gehen, sie nimmt einen Logensitz dort an, aber sie findet es sehr vornehm, wenig zu essen, und lehnt die feinen Ausgänge mit dem Mann ab.

»Mein Freund«, sagt sie, »eine Frau comme il faut soll nicht oft dahin gehen … Man geht in diese Schenken einmal aus Spaß; aber sich gewohnheitsmäßig dort zeigen? … pfui!«

 

Borrel und Véry, diese berühmten Taugenichtse, verlieren täglich eine Einnahme von tausend Franken, weil sie keine Sonderzufahrt für Wagen haben. Wenn ein Wagen in eine Torfahrt gleiten und aus einer andern herauskommen könnte, am Säulengang einer eleganten Treppe eine Frau abladen, wie viele Kundinnen würden ihnen gute, schwere, reiche Kunden zuführen! …

*

Axiom

Die Gefallsucht ist der Tod der Naschhaftigkeit.

*

Karoline hat halb das Theater satt, und der Teufel allein kennt die Ursache dieser Abneigung. Entschuldigen Sie, Adolf! Ein Ehemann ist kein Teufel.

Ein gutes Drittel der Pariserinnen langweilt sich im Theater, außer bei einigen Seitensprüngen, wenn man lacht und an einer Unschicklichkeit Geschmack findet, wenn man die gepfefferten Witze eines plumpen Melodramas genießt, wenn man sich für Dekorationen begeistert usw. Viele von ihnen haben die Ohren mit Musik übersättigt und gehen in die Italienische Oper nur wegen der Sänger oder, wenn Sie wollen, um die Unterschiede in der Aufführung festzustellen. Das erhält die Theater: die Frauen sind das Schauspiel vor und nach dem Stück. Die Eitelkeit allein zahlt den riesigen Preis von vierzig Franken für drei Stunden eines zweifelhaften Vergnügens in schlechter Luft und mit großen Nebenkosten, ganz abgesehen von dem Schnupfen, den man sich beim Fortgehen zuzieht. Aber sich zeigen, sich sehen lassen, die Blicke von fünfhundert Männern auffangen! … Was für ein ungezügelter Schmaus! würde Rabelais sagen.

Um des kostbaren Erfolges willen, den die Eigenliebe erntet, muß man bemerkt werden. Doch sind eine Frau und ihr Gatte wenig geschätzt. Karoline sieht zu ihrem Kummer den Saal immer mit Frauen besetzt, die nicht mit ihren Männern da sind, mit exzentrischen Frauen. Denn der geringe Zins, den sie aus ihren Bemühungen, aus ihren Toiletten und ihren Posen erzielt, wiegt in ihren Augen kaum die Ermüdigung, die Ausgaben und die Langeweile auf; bald ist es mit dem Theater wie mit dem guten Essen: die gute Küche machte sie fett, das Theater macht sie häßlich.

Hier gleicht Adolf (oder jeder Mann an Adolfs Stelle) dem Bauern aus dem Languedoc, der entsetzlich an einem Hühnerauge litt. Dieser Bauer vergrub seinen Fuß zwei Zoll in die spitzigsten Kiesel des Weges, indem er zu seinem Hühnerauge sagte: »Dunnerwetter! Hast du mir weh getan, tu ich dir erst recht weh!«

»Wahrhaftig«, sagte Adolf, tief enttäuscht, als er eines Tages von seiner Frau eine unbegründete Absage erhält, »ich möchte gern wissen, was dir gefallen würde …«

Karoline blickt ihren Mann sehr von oben herab an und sagt zu ihm nach einer Pause, die einer Schauspielerin würdig ist: »Ich bin weder eine Straßburger Gans noch eine Giraffe.«

»Man kann viertausend Franken im Monat wirklich besser verwenden«, antwortet Adolf.

»Was willst du sagen?«

»Mit einem Viertel dieser Summe werden schätzenswerte Galeerensträflinge, junge Zuchthäusler, ehrenwerte Verbrecher zur Persönlichkeit, zum Menschenfreund!« erwidert Adolf, »und eine junge Frau ist dann stolz auf ihren Mann.«

Dieser Satz ist das Grab der Liebe! Auch Karoline nimmt ihn sehr übel auf. Es folgt eine Erklärung. Diese kehrt in den tausend Späßen des folgenden Kapitels wieder, dessen Titel Liebespaare wie Eheleute zum Lachen bringen soll. Wenn es gelbe Strahlen gibt, warum sollte es nicht Tage von dieser Farbe geben, die vor allem in Ehen so häufig ist?

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