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Kleine Leiden des Ehestandes

Honoré de Balzac: Kleine Leiden des Ehestandes - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorHonoré de Balzac
titleKleine Leiden des Ehestandes
publisherBuchverlag Der Morgen
year1989
translatorCamill Hoffmann
illustratorBertall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.7et
created20140804
projectida49b63ae
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Erinnerungen und Klagen

Illustration: Bertall

Nach mehreren Jahren Ehe ist Ihre Liebe so still geworden, daß Karoline Sie manchmal am Abend durch kleine spitzige Bemerkungen wieder aufzustacheln versucht. Sie haben irgend etwas Ruhiges und Besänftigtes, das alle legitimen Frauen beunruhigt. Die Frauen finden darin etwas Beleidigendes; sie nehmen die Gleichmütigkeit des Glücks für die Müdigkeit der Sicherheit, denn sie denken niemals gering von ihren unschätzbaren Werten: ihre Keuschheit ist dann wütend, beim Wort genommen zu werden.

In dieser Lage, auf der die Sprache einer jeden Ehe beruht und mit der Mann und Frau rechnen sollen, wagt kein Ehegatte zu sagen daß selbst das Beste ihn auf die Dauer langweilt; aber sein Appetit muß bestimmt durch die Toilette, durch abschweifende Gedanken gereizt, durch eine vermutete Nebenbuhlerschaft beunruhigt werden.

Schließlich gehen Sie sehr brav mit Ihrer Frau Arm in Arm spazieren, doch ohne sie an sich zu pressen, wie ein ängstlich besorgter Geizhals voll Anhänglichkeit seinen Schatz festhält. Sie betrachten rechts und links die Merkwürdigkeiten auf den Boulevards und führen Ihre Frau mit lässigem und unachtsamem Arm, als wären Sie das Schleppschiff eines mächtigen normannischen Bootes. Seien wir nur offen, meine Freunde, wenn ein Bewunderer Ihre Frau zufällig oder absichtlich von hinten bedrängt, haben Sie keine Lust, die Beweggründe des Passanten zu ermitteln; übrigens macht es keiner Frau ein Vergnügen, wegen einer solchen Kleinigkeit einen Streit zu erregen. Ist diese Kleinigkeit, gestehen Sie auch dies, nicht äußerst schmeichelhaft für den einen wie für den andern?

So weit sind Sie gekommen, aber nicht weiter. Trotzdem begraben Sie auf dem Grunde Ihres Herzens und Ihres Gewissens einen schrecklichen Gedanken: Karoline hat Ihrer Erwartung nicht entsprochen.

Karoline hat Fehler, die unter den wogenden Fluten der Flitterwochen verborgen blieben und die bei der Ebbe der rauhen Jahreszeit an den Tag gekommen sind. Sie haben oft an diese Felsen gestoßen, Ihre Hoffnungen sind wiederholt daran gescheitert, wiederholt hat die Sehnsucht des jungen heiratslustigen Mannes (wo sind die Zeiten hin!) mit ihren reich und phantastisch beladenen Booten Schiffbruch gelitten …: die ausgesuchte Ware ist untergegangen, die Last der Ehe ist geblieben. Kurz, um sich eines Ausdrucks der Sprache zu bedienen, in der Sie sich mit sich selbst über Ihre Ehe unterhalten, Sie sagen sich bei Karolinens Anblick: »Das ist nicht, was ich mir vorgestellt habe!«

Eines Abends, auf dem Ball, in Gesellschaft, bei einem Freunde, gleichgültig wo, begegnen Sie einem feinen, schönen, geistvollen und guten jungen Mädchen; einer Seele, oh! einer himmlischen Seele! einer wunderbaren Schönheit! Welch unantastbar wohlgestaltete Erscheinung, Züge, die dem Lebenskampf lange widerstehen werden, eine anmutige und träumerische Stirn! Die Unbekannte ist reich, sie ist gebildet, sie stammt aus bester Familie; überall wird sie sein, was sie sein soll, sie wird zu glänzen verstehen oder zu verschwinden; sie stellt in ihrer ganzen Pracht und in ihrer ganzen Macht das erträumte Wesen dar: Ihr Weib, die Sie immer würden lieben können, sie würde immer Ihren Eitelkeiten schmeicheln, sie würde Ihre Interessen bewunderungswürdig verstehen und fördern. Sie ist zart und heiter, dies junge Mädchen, das all Ihre edlen Leidenschaften weckt! das Ihre erloschenen Wünsche entzündet!

Illustration: Bertall

Landkarte des Honigmondes
(aufgefunden im Nachlaß des seligen Fräuleins von Scudéry)

Sie betrachten Karoline mit einer finstern Verzweiflung, und schon schlagen Schattengedanken mit ihren Fledermausflügeln, mit ihrem Geierschnabel, mit ihrem Nachtfalterleibe gegen die Wände des Palastes, in dem Ihr wunschentflammter Geist gleich einer Goldampel leuchtet.

Erste Strophe

Ach, warum habe ich geheiratet? Ach, was für eine unselige Idee! Ich habe mich für ein paar Taler fangen lassen! Was? Es ist aus, ich kann nicht nur eine Frau haben. Ach, die Türken sind sehr gescheit! Man sieht, daß der Verfasser des Koran in der Wüste gelebt hat!

Zweite Strophe

Meine Frau ist krank, sie hustet manchmal am Morgen. Mein Gott, wenn es im Ratschluß Deiner Weisheit steht, Karoline von dieser Welt abzuberufen, so tu es schnell zu ihrem Glücke und dem meinen. Dieses Engels Zeit ist um.

Dritte Strophe

Aber ich bin ein Ungeheuer! Karoline ist die Mutter meiner Kinder!

Ihre Frau kehrt mit Ihnen im Wagen zurück, und Sie finden sie greulich; sie spricht zu Ihnen, Sie antworten ihr einsilbig. Sie sagt zu Ihnen: »Was hast du nur?« – Sie antworten ihr: »Nichts.«

Sie hustet, Sie verpflichten sie, morgen den Arzt aufzusuchen. Die Medizin hat ihre Zufälle.

Vierte Strophe

Man hat mir erzählt, daß ein Arzt, den die Erben schlecht bezahlt hatten, unbesonnen ausrief: »Sie ziehen mir tausend Taler ab und verdanken mir vierzigtausend Livres Rente!« Oh, ich, ich würde nicht am Honorar sparen!

 

»Karoline«, sagen Sie mit erhobener Stimme, »du mußt auf dich achtgeben; schließe deinen Schal, sei vorsichtig, mein geliebter Engel!«

Ihre Frau ist von Ihnen entzückt, Sie scheinen sich riesig um sie zu kümmern.

Während Ihre Frau sich entkleidet, bleiben Sie auf der Chaiselongue ausgestreckt liegen.

Als das Kleid fällt, versinken Sie in den Anblick der göttlichen Erscheinung, die Ihnen das leuchtende Tor des Luftschlosses öffnet. Beglückende Ekstase! Sie erblicken das zarte junge Mädchen! … Sie ist weiß wie das Segel des galionengeschmückten Schiffes, das schätzebeladen in Cadix einfährt, und wie sie durch seine vollendete Form den habgierigen Kaufmann bezaubert.

Ihre Frau erklärt sich, glücklich, bewundert zu werden, Ihr schweigsames Aussehen. Das zarte junge Mädchen! Sie sehen es mit geschlossenen Augen; es beherrscht Ihr Denken, und Sie sagen dann:

Fünfte und letzte Strophe

Göttlich! Anbetungswürdig! Gibt es zwei solche Frauen?

Rose der Nächte!

Elfenbeinerner Turm!

Himmlische Jungfrau!

Abend- und Morgenstern!

 

Jeder hat seine Litaneien, Sie sprechen ihrer vier.

Am nächsten Tag ist Ihre Frau entzückend, sie hustet nicht mehr, sie braucht keinen Doktor; wenn sie platzt, so platzt sie vor Gesundheit; Sie haben sie viermal im Namen des jungen Mädchens verflucht, und viermal wurden Sie von ihr gesegnet.

Karoline weiß nicht, daß auf dem Grunde Ihres Herzens ein krokodilartiges, aber panzerloses rotes Fischlein zappelt, das in den Bereich der ehelichen Liebe eingesperrt ist wie ein andres in ein Gefäß.

Einige Tage vorher hatte Ihre Frau zu Frau von Fischtaminel von Ihnen in ziemlich zweideutigen Ausdrücken gesprochen; Ihre schöne Freundin besucht sie, und Karoline kompromittiert Sie darauf durch feuchte und lang auf Ihnen ruhende Blicke; sie rühmt Sie, sie fühlt sich glücklich.

Sie gehen wütend aus, Sie rasen und sind glücklich, auf dem Boulevard einem Freunde zu begegnen, dem Sie Ihren Zorn ausschütten.

»Lieber Freund, heirate nie! Es ist besser, du siehst deine Erben die Möbel davontragen, während du röchelst, es ist besser, du hast im Todeskampf zwei Stunden lang nichts zu trinken, du wirst von den testamentarischen Worten einer Krankenwärterin gepeinigt, wie es Henri Monnier auf seinem entsetzlichen Bilde ›Die letzten Augenblicke eines Junggesellen‹ so grausam darstellt! Heirate unter keinem Vorwande!«

Glücklicherweise sehen Sie das zarte junge Mädchen nicht wieder! Sie sind vor der Hölle bewahrt, in die verbrecherische Gedanken Sie geleitet hätten, Sie sinken in das Fegefeuer Ihres ehelichen Glückes zurück; aber Sie beginnen der Frau von Fischtaminel, die Sie, solange Sie Junggeselle waren, angebetet haben, ohne an sie herankommen zu können, Ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

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