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Kleine Geschichten

Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten - Kapitel 55
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Tucholsky
titleKleine Geschichten
booktitleSchloß Gripsholm und anderswo
pages165-205
publisherVerlag Volk und Welt
year1956
senderwww.gaga.net
firstpub1925
created20050414
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»Nein – meine Suppe ess ich nicht–!«

Wenn man in England um die Ecke geht, sieht es immer ganz anders aus, als man denkt, und so steht denn gleich hinter Piccadilly Street ein kleines altes Viertel um den Shepherd Market aufgebaut. Daß es da hingehört, kann man am besten daran erkennen, daß es dort gar nicht hingehört. Und da hätten wir ein Haus, schon halb abgerissen, oben drauf liegt eine schwarze Sache, die sieht aus wie Dachpappe, das Ganze macht einen recht traurigen Eindruck, und hinter einigen Fenstern hängen Vorhänge, also ist es bewohnt. Unten bewohnt und oben abgerissen? Was ist das? Das ist ein Mann mit einem Dickkopf.

In diesem Hause wohnt ein Colonel (sprich.: »Körnl«), der hat da immer gewohnt. Und eines Tages haben sie ihm gesagt: »Herr Körnl, nun müssen Sie ausziehen, denn das Haus ist verkauft und soll abgerissen werden!« Da hat aber der Körnl seinen Mietvertrag aus der Schublade gezogen und hat gesagt: »Hier!« (und dabei hat er sicherlich jene Bewegung gemacht, die die Leute machen, wenn sie etwas schwarz auf weiß besitzen, sie halten dann die ausgestreckte Hand hin, als sei die das Papier ...) – »Hier!« hat er gesagt: »so und so, dies ist mein Mietvertrag, und ich darf hier wohnen bleiben!« – »Na ja«, haben die andern gesagt, natürlich auf englisch, »na ja, das ist ja gut und schön. Aber sehen Sie mal an – wir wollen doch nun das Haus hier abreißen, wir haben uns das alles so hübsch ausgerechnet, nun machen Sie doch keine Geschichten ... was wollen Sie denn noch in dem alten Haus?« – »Wohnen bleiben«, hat der Körnl gesagt. Da haben sie ihm eine Abstandssumme geboten. Er ist dageblieben. Dann haben sie ihm schrecklich gut zugeredet. Er ist dageblieben. Und da haben sie angefangen, das Haus abzureißen.

Sie haben aber nur die Teile abgerissen, die er nicht bewohnt, also das Dach und ein halbes linkes Haus, mit einer freien Wohnung, aber an seine Wohnung dürfen sie ja nicht heran, und so sieht denn das Haus wie eine alte verwunschene Ruine aus, mitten in London. Aber er hat seinen Willen durchgesetzt und ist wohnen geblieben, und das wird er doch mal sehen.

Nun sieht er es. Das Bedauerliche an der Sache bleibt, daß sie ihm nicht den Keller wegreißen können, denn dann stände seine Wohnung in der Luft und täte sie das: er zöge immer noch nicht aus. England erwartet, daß jeder Mann seine Pflicht tut. Na, und die tut er. Und zieht nicht aus. Und da haben sie angefangen, das Haus abzureißen. Dinge, wie sie hierzulande geschehen, kann sich kein Mensch ausdenken.

Und jetzt weiß ich auch, warum es in so vielen englischen Schlössern spukt. Die alten Herrschaften wollen da nicht heraus, nicht aus ihren Zimmern, nicht aus den Sälen – sie bleiben da. Ein zähes Volk. Zäh wie Roastbeef. Doch hier muß der Berichterstatter sein Haupt verhüllen, denn sonst kommt er auf die englische Küche zu sprechen, und das ist die einzig schöne Geschichte in England, die keine schöne Geschichte ist.

Den Körnl ficht's nicht an. Und komm ich in aber fünfhundert Jahren noch einmal desselbigen Weges gefahren: der Körnl sitzt sicherlich noch da, auf seiner Kehrseite und auf einem Mietvertrag, der wahrscheinlich neunundneunzig Jahre läuft und aber neunundneunzig, und er ißt Roastbeef und wohnt noch immer in dem kleinen schwarzen Haus am Shepherd Market.

1931

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