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Kleine Geschichten

Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten - Kapitel 48
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Tucholsky
titleKleine Geschichten
booktitleSchloß Gripsholm und anderswo
pages165-205
publisherVerlag Volk und Welt
year1956
senderwww.gaga.net
firstpub1925
created20050414
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Marseille

»Wenn das hier mal alles vorbei sein wird«, sagt einer der in Nordafrika gequälten französischen Strafgefangenen, die Albert Londres jetzt geschildert hat, »wenn das hier mal alles vorbei ist, und wenn wir erst wieder in Marseille auf dem Kai stehen, und wenn dann der Hauptmann Etienne und der Sergeant Flandrin mit dem Schiff ankommen, um ihre Mutter zu besuchen – dann tragen wir ihnen das Gepäck gratis und franko bis an den Bahnhof Saint-Charles! Was, Jungens?« –

Der Bahnhof Saint-Charles liegt im Norden der Stadt, von da ist es nicht weit bis an das Herz von Marseille: an den Hafen. An einem Triumphbogen vorbei – der Triumphbogen der französischen Städte ist das Schillerdenkmal der deutschen – durch belaubte Straßen... Das Gewimmel ist nicht gar so bunt, wie man es sich vorgestellt haben mag. Noch im Jahre 1901 konnte ein französischer Reiseschriftsteller, Andre Hallays, von dem »turbulenten Nichtstun« in Marseille sprechen – das ist anders geworden. Die Stadt hat wahrscheinlich viel von ihrer Buntheit der Menschen, aber nichts von ihrer malerischen Großartigkeit der Anlage verloren. In den Straßen klingelt die Elektrische, gehen und kommen die Leute, verkaufen kleine Buden Zuckerzeug und Zeitungen; wenn man morgens durch einen Spalt der Fensterläden hinuntersieht, unterscheidet sich das Ganze nicht gar so sehr von Görlitz. (»Herr Panter! Dazu fahren Sie nach Marseille, um eine Ähnlichkeit mit Görlitz festzustellen?« – »Lieber Freund, Sie ahnen gar nicht, wie sich die Welt überall gleicht!«) Allerdings: man sieht Kolonialsoldaten, mit einem weißen Tuch um den Helm geschlungen; man sieht Afrikaner im Burnus, dieser Toga des Südens – aber auf einer Elektrischen. Und dann ist da also der Hafen.

So träumt man. Das ist der erste Eindruck. Diese beängstigende Fülle der Häuser, die sich um ein breites Wasserbecken türmen, schmale, enge, fast drohende Häuser, immer eine Reihe über der andern, hügelig aufgebaut, rings um den Alten Hafen. In dem liegen Segelschiffe und Dampfer, nicht die ganz großen; die ruhen sich anderswo aus, im Bassin de la Joliette, hinter einem langen Molendamm, der sie vom Meere trennt. Der Schiffsverkehr hat erst zwei Drittel der Vorkriegszahl erreicht; er wird heute etwa 12000 Fahrzeuge mit rund 15 Millionen Tonnen jährlich betragen. Hier, im Alten Hafen, der bis zum Jahre 1844 der einzige Hafen der Stadt war, liegen die kleineren Schiffe. Die Hafengassen gehen alle fast bis unmittelbar ans Ufer, sie verlieren sich hügelan in einem engen südlichen Gewirr von Wäsche, die quer über die Straße gehängt ist, Salatkörben, Vogelkäfigen, Häuserwänden ...

Um von der Gestalt des Hafens einen Begriff zu bekommen, mag man etwa an das Alsterbecken in Hamburg denken, er ist kleiner. Wenn man vor ihm steht, schaut man links hoch oben die Basilika von Notre-Dame de la Garde, eine gleißend goldene Figur, die über die Stadt schützend blickt. (So grüßt über Paris Sacré-Cœur, das böse Menschen Sucré-Cœur nennen und von dem mir einst ein Pariser Universitätsprofessor sagte: »Wir wünschten, es grüßte uns da ein anderes Symbol herunter!«) – Und vorn, grade da, wo die letzten Fortifikationen das Becken vom offenen Meer trennen, erhebt sich der riesige Pont transbordeur, die Überladerbrücke. Das ist ein feines Geflecht aus vielen Eisen- und Stahlstreifen, das man im Jahre 1905 erbaut hat: sie ist 52 m hoch, und oben gleitet eine große Schiene hin und her, an der durch zahlreiche Stahltrossen eine Fähre aufgehängt ist. Die Fähre schwebt über dem Wasser, so daß Ruderboote noch unter ihr passieren können, sie nimmt Wagen und Menschen auf, die vom einen Ufer zum ändern herüberwollen. Ein Fahrstuhl führt hinauf.

Oben gibt es einen überwältigenden Rundblick. Ich für mein Teil hasse Aussichtstürme, und es gibt kaum einen, um den ich nicht schon einen großen Bogen geschlagen hätte. Aber dies hier ist doch ein ander Ding.

Da liegt ganz Marseille – viel größer, als man es sich von einer Stadt mit einer halben Million Einwohner gedacht hat; über die Hügel verstreut, von Baumgruppen unterbrochen, klettern die Häuser vom Rand des Meeres bis auf die entfernten Berge. Die Alte Kathedrale hebt sich hervor, die Neue, Gassen und Gäßchen. Man kann auf die befestigten Inseln sehen, wo schwarze Soldaten Wache halten, ein Militärgärtner hat auf einer einen bunten Stern im Rasen angelegt. Vom Meere her kommt ein frischer Wind herüber. Ein leises Geräusch unter den Füßen läßt aufmerken: das ist die Gleitschiene der Fähre, die unten, winzig, mit einem Automobil befrachtet, über das Wasser gleitet. Durch die Bohlen kann man grade hinuntersehen; das Wasser ist grünlich-blau. Gegenüber setzt La Cannebière ein, die Hauptverkehrsstraße der Stadt. La Cannebière, die Sehnsucht der Franzosen in Nordafrika, La Cannebière, Pforte zu den Freuden und Vergnügungen des Heimatlandes, da beginnt Frankreich.

Im Meere liegen Inseln, Forts und jenes berühmte Château d'If, auf dem der bändereiche Graf von Monte-Christo gesessen oder nicht gesessen hat. Der neue Hafen ist zu sehen, viele große Dampfer liegen darin, und der Anfang der Promenade de la Corniche, einer gewundenen Straße auf den Felsen, am Meer entlang.

Und dann ist es Abend, und nachdem ich in einem provenzalischen Restaurant, dessen Vorbau ganz von einer Flache verhüllt ist, die tiefen Geheimnisse der Bouillabaisse zu ergründen versucht habe, fahre ich hinaus aufs Meer. Die Küste leuchtet fahl, die ersten Lichter glimmen, ein Nebel verhüllt den nördlichen Teil der Stadt. So träumt man. Die Stadt droht von ihren Hügeln herab, schweigt, sieht den Reisenden, der von draußen kommt, stumm an. An der Küste, nach l'Estaque hinüber, kann man noch schwach die Viadukte der Pariser Strecke unterscheiden, da liegen die ersten, fast gebirgigen Vorstadtstraßen. Still ist es. Der Schiffer ruft einen Kameraden vom andern Boot an, sie sprechen etwas, das sich wie eine Mischung von Spanisch und Italienisch anhört mit vielen Vokalen: Provenzalisch. Dann kommt die Nacht, nur die Dächer glänzen noch herüber, der gewaltige Leib des Meeres atmet ruhig und gleichmäßig.

In dem großen Spiegelsaal des »Alcazar«, dem größten Varieté der Stadt, drängen sich die Leute. Auffallend viel Männer, wenig Frauen. Was Paris abgibt für die Provinztournee, feiert hier Triumphe – nie sah ich Pariser Publikum so dankbar und so aufmerksam. Clowns und eine Jüdin, die ihre Stimmlosigkeit für Diskretion ausgibt; Nachahmer der göttlichen Fratellinis und Marie Valente, eine Italienerin, die alles kann und alle hinreißt: sie tanzt, spielt sämtliche Instrumente, meckert und wirbelt über die Bühne, und ein Sturm erhebt sich, als sie abhüpft – »Bis! Bis!« – Schlußmarsch, die Menschenwoge zerteilt sich, einige Bars halten noch offen. Dann wird es – zum ersten und einzigen Mal in vierundzwanzig Stunden – einigermaßen still auf den so geräuschvollen Straßen, auf denen jeder Chauffeur so viel hupt wie die ganze Place de l'Opéra in Paris nicht an einem Nachmittag – die großen Bäume der Rue de Rome rauschen leise. Morgen geht ein Zug an die Küste.

1924

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