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Kleine Geschichten

Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten - Kapitel 27
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Tucholsky
titleKleine Geschichten
booktitleSchloß Gripsholm und anderswo
pages165-205
publisherVerlag Volk und Welt
year1956
senderwww.gaga.net
firstpub1925
created20050414
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Der 14. Juli

Eine Stadt, die tanzt –! Eine ganze Stadt, die tanzt –! Nun ganz so happig ist es damit nicht. Die Elektrischen tanzen nicht, die Untergrundbahn fährt und ist denn doch so voll, daß es – Zeichen und Wunder! – ganz kleine Ansätze von Krachs gibt, lange Straßenzüge liegen leer und undurchrummelt. Aber man darf doch sagen, daß ganz Paris auf den Beinen ist.

Die Nachricht von der Erstürmung der Bastille, deren sich ältere Abonnenten noch aus dem Jahrgang 1789 der »Vossischen Zeitung« entsinnen, wird in Paris alle Jahre einmal aktuell.

Dieses Mal gab es richtige kleine Sommerferien: Sonnabend, den 11., fing die semaine anglaise an, Sonntag war Sonntag, und weil Dienstag der Nationalfeiertag war, so bildete Montag einen »pont«, der für viele Berufe ein freier Tag war. Und Mittwoch ... es gibt auch blaue Mittwoche.

Vier Tage, vier freie Tage! – Eine Völkerwanderung in die Umgebung begann, hier hat fast jeder ein Häuschen, ein Grundstückchen, eine Holzhütte – und wenn nicht er sie hat, so gibt es jemand in der Familie, der Eigentümer ist. Und auch draußen die kleinen Kommunen hatten ihr Feuerwerk, ihre Illumination, ihr Clairon- oder Harmonika-Orchester ... Das Zentrum der Feier aber war Paris.

Sonnabend abend schon fing es an. Da waren an vielen Ecken Tanzplätze frei gemacht oder ganz einfach improvisiert, die Kapellen saßen in Holzpavillons oder in den Cafés oder auf der Straße. Nun löst sich alles in Paris in Quartiers auf, Generalparolen sind selten, und wenn man sie gibt, werden sie kaum befolgt. Der Franzose ist ein Frondeur. Und die Quartiere sind untereinander verschieden wie Kleinstädte. Im vierzehnten tanzen die Fabrikarbeiter und ihre Mädchen, im dreizehnten ganz kleine Leute, Handlanger und Krämer, in einem Teil des fünften Provinzler, sie tanzen ihre heimischen Tänze, in Tracht und nach ihrer Musik, im zwanzigsten eine brodelnde Kleinbürgerlichkeit, im achtzehnten allerhand Straßenhändler und auch Leute mit dunkler Hautfarbe. Im sechzehnten tanzen die Mädchen der feinen Leute, im siebenten sind viele Fensterläden heruntergelassen, die Herrschaft ist auf dem Land, am Strand, in den Bergen... adlige Damen und pensionierte Herren tanzen selten auf der Straße.

In der Rue Montagne-Sainte-Geneviève tanzen sie. Es sind Leute darunter, die nicht übermäßig vertrauenerweckend aussehen, aber es geht – wie überall – sehr anständig zu. Wer hier »Romantik« erwartet, wäre heftig enttäuscht. Nichts verkehrter, als die Pariser für einen Haufen romantisch zappelnder, ungebärdig lärmender und schießender Kinder zu halten. Ein tiefer Zug von Bürgerlichkeit geht durch diese Stadt, bis hinunter in die tiefsten Schichten. Und noch ein anderer Zug: der von Fröhlichkeit.

Da haben sie nun die Fahrpreise erhöht, und das Gas, das Wasser, das Licht, die Posttarife... die Arbeiter, deren Gehälter noch nicht mitgehen, merken das. Aber niemand ist verzweifelt, das Gleichgewicht ist überall da, die Freude, am Leben zu sein und diese Spanne, die gegeben ist, auszunutzen. Diese kleinen Volksfeste da bestehen äußerlich in nichts weiter als in ein bißchen Musik, ein paar Glas Wein (man sieht sehr wenig Betrunkene), Tanz und eben jener Atmosphäre, die nicht zu exportieren ist. Sie erinnert etwa an die Luft mittlerer deutscher Kurorte vor dem Kriege, wenn abends Réunion war: durchaus nicht der ganze Ort nahm daran teil, friedlich schlenderte man durch die halbdunkeln Straßen, aus einem Saal klang Tanzmusik, das berührte aber keinen sehr, es war eine große, stille, ruheliebende Gemeinschaft. So gehen hier feiertags die Leute herum. Und alle, ohne Ausnahme, bis zum letzten Bettler herunter, sind nicht unglücklich. Das ist die Grundstimmung.

Paris tanzt also. Befreit tanzen die jungen Gymnasiasten, die »distribution des prix« ist vorüber, jene feierliche Schulhandlung zum Schluß des Semesters, wo irgendein Abgeordneter, ein Minister, ein politischer Beamter eine Rede redet. (So sprachen der ehemalige Unterrichtsminister François-Albert und Herr Herriot; beim Vortrag dieses mußten erst ein paar reaktionäre Lärmmacher an die frische Luft gesetzt werden.) Um die kleinen Orchesterchen drehen sich die Paare (hier wird nicht so gut wie in Berlin, aber vergnügter getanzt, unsachlich, freundliche Dilettanten) – die halbe Straße guckt vergnügt zu. Es tanzen die Feuerwehrleute auf ihrem Hof in der Nähe der Place de la Nation, man kann hereinspazieren und zusehen, es tanzen Soldaten, Ladenmädchen, Bäckerfrauen und – auf dem Montparnasse – Schweden, Norweger, Polen und Amerikaner aller Couleuren.

Nach den Vorstädten zu werden die Damenbeine krummer, die Farben bunter, die Eleganz ist – wenn es welche gibt – aus zweiter Hand. In Montrouge begießen die alten Laubenkolonisten friedlich ihren Kohl und s'en fichent um den vierzehnten Juli, auf Gartenplätzen drehen andere auch hier ein Tänzchen.

Im Viertel von La Villette spielen die Musiker: »On fait une petite bellote«, den Schlager der Mistinguett, einen Java, den sich die Leute zum gemütlichen Walzer gemodelt haben, und alle Fenster sind besetzt: im ersten Stock viele Kinderköpfe, im zweiten ein hemdärmeliger Mann, der die kräftigen Unterarme auf das kleine Eisengitter stützt, im dritten eine dicke Frau mit ungemachten Haaren.

Die Champs-Elysées brodeln. Der »Cours de Flambeau« ist eben vorüber: schweißtriefend, eine Fackel in der Hand, ist der siegreiche Läufer einpassiert; die Staffeln sind in der Nacht von Verdun aufgebrochen, wo ein Kriegsverletzter ihnen die Fackeln angezündet hat, nun bringen sie das Feuer, von Staffel zu Staffel, über die zweihundertvierzig Kilometer nach Paris, zum Grab des unbekannten Soldaten. Die lange Prachtstraße herauf rast der Sieger, hinter ihm, zweihundert Meter hinter ihm, der Zweite. Feuer? Neues Feuer zum alten? Hoffentlich nur eine Erinnerung.

Da gehen sie spazieren. Alte Herren, mit einem steifen Hütchen und selbstverständlich – einem Bändchen im Knopfloch, man vermißt die Jahreszahl an ihnen: 1890; kleine verschmierte Kinder, die Blumen verkaufen; Mehlwürmer mit kleinen Täschchen und blitzenden Blicken; Fremde; Pariser Kleinbürger; langsam wandelnde Ehepaare. Manche stehen um ein Kasperletheater herum, und da, am Straßenrand, paukt ein Mann auf einer Trommel, ganz allein auf einer Trommel ohne Orchester. Der Mann hat nur einen Arm, am Stumpf des andern ist ein Schlegel angebunden und der trommelt nun, unermüdlich, auf das Kalbfell, welch ein herzerweckendes Symbol! Am Etoile stauen sich die Menschen.

Abends flammt die Stadt auf. In der Ausstellung strömt es hin und her, Lichter spiegeln sich im Wasser, ein Feuerwerk steigt auf, noch eines, noch eines, Scheinwerfer spielen. Oben, vom Montmartre aus gesehen, erscheint der riesige Häuserhaufen wie in Zauberlichter getaucht: Brennpunkte, Flammen, weiße Lichtbögen, Flammenstraßen...

Vor dem Parlament zittern die Flämmchen der Gasillumination: »R.F.« – der Wind spielt in den Emblemen der französischen Republik. Sogar der Eiffelturm leuchtet auf, und weil man seine Stahlkonturen nicht sieht, so stehen die Lichter auf dem Hintergrund der schwarzen Nacht.

Ein ganzes Volk ist fröhlich und guter Dinge, quandmême. Und alle Leute sind nett zueinander, nirgends ein böses Wort, fast nirgends Spektakel. Nie auch nur die leiseste Bewegung gegen die Fremden, niemals ein auch nur passiver Widerstand gegen deutsche Laute. Das interessiert sie gar nicht. Sie wollen in Frieden leben.

Die Feier des vierzehnten Juli in Paris ist nicht militaristisch, nicht imperialistisch, nicht ruhmredig.

Zu Feiertagen darf man Nationen etwas wünschen.

Ich für mein Teil wünsche dem französischen Volk Frieden mit Deutschland, Frieden, Zusammenarbeit und Verständigung.

1925

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