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Kleine Geschichten

Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Tucholsky
titleKleine Geschichten
booktitleSchloß Gripsholm und anderswo
pages165-205
publisherVerlag Volk und Welt
year1956
senderwww.gaga.net
firstpub1925
created20050414
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Ah – ça ...!

»Sagen Sie bitte: bei dem gelieferten Kleiderschrank wackelt ein Bein. Das Bein hat vom ersten Tag an gewackelt. Das Modell, das Sie mir gezeigt haben, hat nicht gewackelt. Können Sie mir ein anderes Bein nachliefern?«

Deutsche Ablehnung: »Ausgeschlossen. Wir haben den Schrank in einwandfreiem Zustand geliefert – Sie hätten sofort nachprüfen müssen, dann wäre Ihre Reklamation eventuell geprüft worden. Wahrscheinlich haben Sie Mäuse, und die haben das Bein angeknabbert. Oder Ihre Kinder haben damit gespielt. Jedenfalls muß meine Firma die Haftung ablehnen.«

»Sagen Sie bitte: bei dem gelieferten Kleiderschrank ...« (wie oben).

Französische Ablehnung: »Ah – ça ...!«

Bei »Ah« werden die Schultern leicht angehoben, es ist kein Zucken, sondern nur der leichte Ansatz dazu. Bei »ça« ist der Hals eingezogen, die Augenbrauen flattern empor, das Gesicht ist recht nachdenklich. Wenn der Franzose »Ah – ça« sagt, ist der Punkt erreicht, wo gewöhnlich nichts mehr zu machen ist. »Ah – ça« heißt: Force majeure. »Ah – ça« heißt: Auch dem menschlichen Wirken, mein Lieber, sind von den vernünftigen Mächten Schranken gesetzt. Hier ist eine solche. Bescheide dich.

Es gibt auch eine pantomimische Abkürzung des »Ah – ça«. Sie besteht darin, daß die Unterlippe ganz leicht vorgezogen wird, die so entstehende Schippe läßt Luft ab. Hals und Schultern wie bei »Ah – ça ...« Auch dieses populäre Pusten bedeutet: Aus. Nichts mehr zu machen.

»Ah – ça« ist allemal erreicht, wenn man in Frankreich zum Beispiel auf haarscharf exakte Einhaltung von Bedingungen hält. Das ist des Landes nicht der Brauch. (Übrigens lebt das Land damit weitaus glücklicher als die Korrekten.) »Ah – ça« ist der Stoßseufzer des indirekten Steuerzahlers, auf dem die Gewalten regieren. Er erkennt sie nicht an – jeder Franzose ist Frondeur –, aber er unterwirft sich, solange es nicht lohnt, sich aufzulehnen. Meist lohnt es nicht. So haben auch im Kriege neben den rigorosesten Strafen die Offiziere mit Überredung viel mehr ausgerichtet als mit: »Ich fordere Sie dienstlich auf...«

»Ah – ça« ist viel leichter und graziler als die deutsche Ablehnung. Aber man muß Ohren haben zu hören – der französische Mensch reagiert viel feiner, sein Seismograph schlägt bei der leichtesten Erschütterung haargenau aus. Ich habe immer gefunden, daß der Deutsche – ich auch – viel zu grob mit den Franzosen spricht; nicht etwa, daß er sich rüplig benimmt, sondern er ist grob, so wie ein Raster, ein Sieb zu grob ist – man braucht einfach eine Nummer feiner. Sie genügt auch. Ja: die grobe wird gar nicht verstanden. Die Franzosen fühlen auf dreihundert Meter gegen den Wind, daß jemand unzufrieden, entschlossen, unnachgiebig ist – man braucht ihnen das gar nicht erst ausdrücklich mitzuteilen. Es genügt, ganz leise anzuspielen... Ball, Bande, Ball – es kommt an.

Und er wird, umgekehrt, genauso reagieren. Sein »Ja« ist kein rocher de bronze, sein »Nein« kein wilder Entrüstungsschrei. Da, wo es nicht mehr weitergeht, sagt er es, aber leise, ohne Geschrei, ohne Anrufung der Gesetzbücher und andrer Polizeiheiligen. »Ah – ça ... je ne veux pas vous le garantir...« Dann weiß man: Es ist aus.

»Wir möchten gern eine Republik machen, eine pazifistische, solange wir nicht schießen, eine zurückhaltende, solange wir noch nicht ganz fertig sind; leben Sie doch mit uns in Frieden, solange es uns gefällt; lassen Sie uns doch unsere Würde, die darin besteht, daß wir zu allem ja sagen, was Sie fordern, aber im Innern den Vertragsgegner wüst beschimpfen, wir sind uns das schuldig – bitte, sagen Sie uns: können wir so zusammenleben ...?« »Ah – ça...!«

1925

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