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Kleine Geschichten

Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten - Kapitel 21
Quellenangabe
typenarrative
authorKurt Tucholsky
titleKleine Geschichten
booktitleSchloß Gripsholm und anderswo
pages165-205
publisherVerlag Volk und Welt
year1956
senderwww.gaga.net
firstpub1925
created20050414
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»Ah, M...!«

»Die Garde stirbt, doch sie ergibt sich nicht«, ist bekanntlich nicht ganz so gesprochen worden. Man findet in Hugos »Les Misérables« die richtige Version: der gute alte General Cambronne, dieser französische Götz von Berlichingen, hat bei Waterloo den Engländern vielmehr ein einziges Wort entgegnet, sein Wort – »ein derbes, aber im Soldatenmunde nicht ungewöhnliches Wort«, wie Büchmann bemerkt.

Dieses Wort, das, wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, in Frankreich auch hier und da von Zivilisten gebraucht werden soll (und das der deutsche Soldat in seiner Sprache nicht minder häufig anwendete) – dieses Wort ist jetzt, ohne daß die Kuppel einstürzte, in der französischen Akademie ernsthaft diskutiert worden. Louis Bertrand, der auf dem Stuhle von Maurice Barrès sitzt, war da, Jean Richepin desgleichen und andere mehr.

Ist »Merde« französisch? Darf man's anwenden? Gehört es in das Große Wörterbuch der Akademie? Das sind schwierige Fragen. Nach langen Beratungen ergab sich folgendes Resultat:

»Merde« ist ein französisches Wort, aber nur als Substantiv. Als Ausruf, als Antwort, als Urteil – etwa in der Bedeutung: »Ich bin mit der Ansicht des Herrn Vorredners nicht ganz einverstanden!« ist es dagegen nicht zugelassen. Frankreich, das ist ein Fleck auf deinem Wappenschild.

Wie? Dafür ist dieses kurze, so kurz malende und prägnante Wort während viereinhalb Jahren in allen Lagen des menschlichen Lebens tausend- und tausendmal gesagt worden? Ein Unbefangener hätte meinen können, die Soldaten beteten zu einem neuen Heiligen, der so hieße. Dazu das Wort geschrien, gebrüllt, herausgelacht, Gegenstände mit ihm zierend versehen, ganze Heeresberichte tadelnd mit dem einen Wort abgetan, es war Substantiv, Adjektiv, Adverb und Interjektion in einem – und nun auf einmal ist alles aus –? Das kann nicht sein.

Was, zum Beispiel, o Akademie, soll als Ausruf verwandt werden, wenn unsereins nationale Hetzromane diesseits und jenseits des Rheins zu lesen bekommt? Was, wenn der Steuerbogen kommt? Was, wenn eine telephonische Verbindung nicht kommt? Soll: »O Himmel!« gerufen werden? Oder: »Bei Jupiter!« – Du wirst uns das nicht antun wollen, Akademie.

Die französische Sprache büßte eine ihrer Hauptwürzen der feingebildeten Unterhaltung ein, fiele dieser Ausruf. Nur als Substantiv? Nein: es ist ein Hauptwort, unentbehrlich für die Allgemeinheit. Und ich fürchte, die ganze Nation wird diesen Beschluß ihrer Akademie zur Kenntnis nehmen und dann darauf schlicht entgegnen: »Ah, Merde –!«

1926

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