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Klein Käthchen

Frances Hodgson Burnett: Klein Käthchen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorFrances Hodgson Burnett
titleKlein Käthchen
publisherGreßner & Schramm
printrunSechste Auflage
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160302
projectid41761adc
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Achtes Kapitel

Wer gewinnt – der zahlt.

Käthe hatte noch keine fünf Minuten gesessen, so sprang sie auch schon von ihrem Stuhle wieder auf und durchmaß das Zimmer rückwärts und vorwärts mit ihren Schritten in dem Bemühen, die Gedanken zu bannen, die sich ihr aufdrängten. Der Spott, der in der Rede ihrer Tante gelegen, war bittere Wahrheit für sie gewesen, und sie fühlte, daß sie den Spielraum, den sie behalten, fast gänzlich verbraucht hatte. Was hatte sie gethan? Nichts, was unrecht war: diesen Gedanken versuchte sie zu fassen – nichts weiter, als was sie an hundertmal vordem gethan, bloß hatte sich vordem kein Schmerz für sie daraus gebildet. Jetzt mußte sie Schmerzen leiden, die sie vordem anderen bereitet hatte; jetzt mußten ihre zierlichen Füßchen denselben dornigen Pfad beschreiten, den andere Füße um ihretwillen gewandelt waren. Vielleicht hatte ihre Tante recht gehabt mit ihrer Rede, daß sie thöricht gewesen, Mr. Crozier von der Hand zu weisen, als er ihr vor zwei Jahren seine Hand angetragen hatte. Hätte sie ihn damals geheiratet, so würde sie inzwischen gelernt haben, ihre Ketten mit Anmut zu tragen, und gewiß würde ihr dieser Schmerz jetzt erspart worden sein. Die Grundsätze, die ihre Tante über Liebe hatte, waren sehr präcis und schlagend, waren Grundsätze, auf die sie schwor wie auf die Bibel, und mit denen sie immer bei der Hand war, ohne nur ein Jota davon abzuweichen.

»Das sind ja alles Dinge, mein liebes Kind,« hatte sie tausendmal zu ihrer Nichte gesagt, »worüber sich sehr gut schwatzen läßt. Aus welcher Ursache Du aber auch heiraten magst, Du wirst schließlich aber finden, daß ich die Wahrheit rede. Mit den Jahren wird sich die kälteste Liebe zu Freundschaft erwärmen, und die wärmste Liebe zu der nämlichen Empfindung abkühlen.«

Und das glaubte Käthe schließlich. Seit drei Monaten war sie in einer Art blind entschlossener Widerstandslosigkeit mit dem Strom geschwommen, und jetzt mußte sie ihre Stärke hervorkehren und dagegen ankämpfen. Wirklich! sehr gut!

Sie schritt langsam über den Korridor, während sie mit seltsamlich scharfer Empfindung dem leisen Rauschen ihres Schleppkleides lauschte und sich beflissen zeigte, ihr Gemüt zur Ruhe zu stimmen.

Aber es war ein vergebliches Bemühen. Von Ruhe keine Spur – nichts als Chaos und ein Stachel von Selbstverachtung, die sich über alles erstreckte. Mit jedem Augenblicke wurde sie stärker. Wenn ein Weib bis zur Selbstverachtung gelangt, dann ist sie zum höchsten Punkte der Bitternis gelangt. Käthe Davenant that ihrem Sinnen keinen Einhalt – sie mochte von Innehalten auf der Bahn, wo sie jetzt wandelte, nichts wissen. Sie liebte diesen Mann, und doch war sie nicht wahr genug, sich um seinetwillen zu Opfern zu verstehen. Sie haßte sich selbst deshalb, fühlte unklaren Groll durch alle Fibern, und hatte doch keinen anderen Gedanken, als daß sie machtlos war wider sich selbst. Was denkst Du von ihr, Leser und Leserin? Du meinst, daß Karl Seymour ein besseres Weib hätte lieben können, und daß sein Verlust, wenn er sie verlor, kaum groß zu nennen war. Ja, aber dann gedenke dessen, was »hätte sein können«: denke der herrlichen Möglichkeiten von Wahrheit und Treue, die aus ihrem Leben ausgetilgt worden waren. Versuche Dir vorzustellen, was sie gewesen sein würde, wenn sie nicht von der »Welt« in Fesseln geschlagen worden wäre. Wir tadeln keine Blumen um deswillen, wozu der Boden und die züchtende Hand des Gärtners sie gemacht haben. Für solche, wie diese Frauen, thut Beten not, und wenn Du, freundliche Leserin, solch eine Frau triffst, so bete für sie, weil Du selbst eine Frau bist und deshalb milde sein und vergeben sollst.

Ein Klopfen an der Thür war Ursache, daß Käthe in ihrem ruhelosen Auf- und Nieder-Wandern innehielt. Lotte trat mit einem Billet und mit zwei Bouquets ein. Das eine war aus duftiger Citronenblüte und weißen Glocken-Syringen gewunden, und zarte Weinreben hingen an ihm herunter; das andere bestand aus üppigen Tropenblumen fremder Zonen und flammte im scharlachnen Grün des Weinblattes, im purpurnen bernsteingelben und dunklen Glanzgrün. Sie wußte, woher das erste Bouquet kam, ehe sie noch auf die Karte blickte, die in ihm steckte. Herr Seymour war kein Mann, der das Aussehen liebte, und seine Gaben waren so ganz anders wie die Gaben der anderen, abgesehen von der Eigentümlichkeit, daß sie nur von einer einfachen Visitenkarte, die seinen Namen trug, begleitet wurden.

Miß Davenant hatte eine ganze Sammlung von ihnen, die sie zufolge irgend einer Grille getrennt von den Billets der abgewiesenen Verehrer, in ihrem Juwelenkasten verschlossen hielt.

»Zusammen mit dem übrigen Bestandteil meiner Schätze in Juwelen und Kleinodien,« wie sie bei einem bestimmten Anlasse unter Lachen zu Karl sagte.

»Wer brachte das andere Bouquet?« fragte sie Lotte.

Lotte wußte es nicht. Es wäre ein fremder Lakei gewesen, aber hier wäre das Billet.

Käthe brach es mit einem Lächeln auf, das neben dem Ausdruck gelinder Verachtung eine matte Schattierung von Amüsement zeigte. Sie kannte die Art von Mr. Crozier, sich keine Gelegenheit entgehen zu lassen, bei welcher er seinen stolzen Glanz entfalten konnte; sie kannte nicht minder auch die Handschrift, deren Schnörkel niemals ermangelten, den geschäftlichen Charakter zu verraten – sie machten immer ganz den Eindruck, den blaue Wechsel- oder Trattenformulare und das gerichtsübliche Pergament erwirkten.

Mr. Crozier war Bankier; Mr. Croziers Geschäftsverbindungen lagen hauptsächlich auf dem ostindischen Markte; Mr. Crozier war Millionär, wenn nicht Billionär, manche Leute nannten ihn sogar einen Trillionär. Vor zwanzig Jahren, als Mr. Crozier Kontorist bei »Hundert Prozent & Cie.« war, hatte Mrs. Montgomery die Gewohnheit gehabt, ihn mit einer Empfindung, ähnlich etwa, wie man sie einem winzigen Insekt widmen würde, anzusehen; aber jetzt – ach, jetzt war's eine ganz andere Sache! Jetzt war Mr. Crozier eine Art von modernem Midas, bloß von bequemerer, erreichbarer Art. O ihr Menschen und Menschenkinder!

»John Crozier« war das Billet unterzeichnet. O! sogar die Ringelschwänze der großen Anfangsbuchstaben wiesen auf grenzenlosen Reichtum hin, denn sie verursachten eine sehr angenehme Empfindung von der behaglichen Ruhe, mit der John Crozier einen Check ausfertigen konnte. Miß Davenant mußte hierbei lächeln. Einmal hatte ihr die Haushälterin eine Fleischer-Rechnung gezeigt, und Käthe besann sich darauf, wie sehr sie die Wahrnehmung amüsiert hatte, daß Ephraim Briskets Art und Weise der Schönschreibekunst mit derjenigen ihres Verehrers eine gewisse Verwandtschaft aufwies. Aber Ephraim Brisket – das darf dabei nicht vergessen werden – war kein Billionär.

»Du brauchst nicht erst wieder hinunter zu gehen,« sagte die junge Dame zu Lotten. »Ich bin so weit, daß Du mich anziehen kannst.«

Lotte machte sich munter ans Werk. Sie war ein lustiges, kleines Ding mit müden Augen und roten Lippen, und flink wie eine Fee; verstand es auch vorzüglich, jede Änderung in den Farben, die Miß Davenants zartes Gesicht aufwies, zum Vorteil ihres Aussehens auszunützen. Käthe überließ sich ganz Lottens Händen mit einem sorglosen Vertrauen, daß eine jede Toilette, die sie ihr an legte, schöner und gediegener sein würde als die zuletzt von ihr getragene.

Als sie mit Mademoiselles schweren Zöpfen zustande gekommen war, beugte sie sich nieder über das weiße Bouquet und nahm einen Zweig wachsgelber Japonikas und ein mattgrünes Weinblatt aus ihm heraus. Da erhob Miß Davenant ihre Hand und schob sie ruhig beiseite. Lotte war bloß eine Zofe und konnte nicht begreifen, weshalb Mr. Seymours Blumen heute Abend verworfen werden sollten. Miß Davenant hatte sie den ganzen Sommer getragen und hatte über den Takt des klugen Mädchens nicht bloß ein Lächeln, sondern auch ein Erröten gezeigt. Jetzt aber wurde sie nicht rot. Lotte bildete sich fast ein, sie sei, als sie die Blumen zur Seite schob, fast eher noch blässer geworden.

»Heute Abend nicht diese Blumen,« sagte sie gelassen und ruhig. »Ich will Deine Lieblings-Toilette tragen, das dunkle Spitzenkleid, und Du weißt doch, daß Scharlachrot dazu am besten Paßt. Nimm etwas aus dem anderen Bouquet.«

Lottens schmachtende Augen öffneten sich weit, aber sie sagte nichts. Es war nicht Mode bei Miß Davenant, Bemerkungen wider ihren Geschmack laut werden zu lassen. Die Dame mußte sich mit dem Herrn mit dem hübschen Gesicht und dem göttlichen Schnurrbart veruneinigt haben. Ach! Ach!

Als Käthe den Fuß in das Wohnzimmer setzte, empfand ihre Tante ein Gefühl der Erleichterung. Käthe war augenscheinlich von ihren hysterischen Anwandlungen genesen und hatte sich vorgenommen, wieder vernünftig zu sein. Das reiche schwarze Spitzenkleid fegte mit ellenlanger Schleppe über den Teppich, und der herrlich geformte Hals, die herrlichen Schultern und prächtigen Arme schimmerten weiß hindurch wie Partieen einer hehren Bildsäule. Ihr Antlitz war lauter blendende Weiße und lebendige Fleischfarbe und die scharlachroten Blumen in den reichen braunen Flechten rückten jede zarte Färbung mit künstlerischer Feinheit in den Vordergrund.

Mrs. Montgomery machte keine Bemerkung. Sie wußte besser wie die Dinge standen, und außerdem erkannte sie auch die Blumen wieder und war zufrieden, daß ihre sarkastischen Bemerkungen auf günstigen Boden gefallen waren.

Als die Damen in das Empfangszimmer von Mrs. Farnham traten, erregte die »Circe«, wie immer, förmlich Sensation. Irgend ein poetischer Galan hatte von ihr gesagt, daß sie eine tropische Blume wäre, die fortwährend neue Blätter entfaltete, von deren eins immer schöner wäre als das andere. So geschah es denn, daß, wer sie zuvor gesehen hatte, vor Eifer, sie wieder zu sehen, förmlich brannte; und solche, die sie nie mit einem Blicke gesehen hatten, waren begierig, die Frau anzuschauen, von der so viel gesprochen wurde. Bloß ein paar Augenblicke verstrichen, und die Berühmtheiten schickten sich an, einen kleinen Kranz um sie zu bilden. Fred Brandon war nicht da; aber Tom Griffith war da: er sah bleich und leichenhaft aus wie irgend ein moderner Hamlet; ferner waren Tausend und ein anderer da, die auf ihrem Wege durch das Zimmer stehen blieben, um einen Ton der süßen Stimme oder einen Strahl des vornehmen Lächelns zu erhaschen.

Ihre Augen schweiften über die Versammlung: sie suchte langsam, fast schmachtend nach einer gewissen Person. Karl schloß sich selten dem Zuge an, der sich als ihr Gefolge bildete – und ohne daß man wußte, wie: hatte sie, während sie sonst auf niemand zu warten pflegte, seines Kommens zu harren gelernt. Endlich fanden ihn ihre Augen, und nun beschleunigte sich der matte, regelmäßige Schlag ihres Herzens ein wenig. Er stand gegen den Marmorsims gelehnt, und hielt den Blick auf sie gerichtet, mit dem alten Ausdruck ruhigen Forschens in seinem Gesicht. Er hatte sie mit ganz dem nämlichen Gedanken, wie er jetzt sein Herz erfüllte, an die tausendmale angesehen: aber in diesem Augenblick war sie nicht imstande, seinen Blick furchtlos zu begegnen, und ihre Augenlider senkten sich.

Sie fragte sich, ob er wohl die Blumen in ihrem Haar bemerkt hätte – und wenn er sie bemerkt hätte, was wohl seine Gedanken darüber gewesen wären. Es war ihr ums Herz, als wenn ihr die Röte ihrer Farbe die Wangen gesengt hätte, und wenn eins der flammenden Blätter sie streifte, dann zitterte und bebte sie thatsächlich. Dennoch bewegte sie unterdes ihren rosenblätterigen Fächer und schlug ihre sanften, ernsten Augen zu Tom Griffiths Gesicht mit huldvollem Lächeln auf, was den jungen Mann in den siebenten Himmel der Wonne versetzte.

»Der ›Groß-Mogul‹ ist zurückgekehrt, Miß Davenant,« sagte schließlich dieser junge Herr zu ihr. (Die Bezeichnung ›Groß-Mogul‹ war auf Mr. Crozier gemünzt.)

Sie zuckte mit den Weißen Schultern und lachte. Der ›Groß-Mogul‹ war auch eine Art Löwe, ein angesehenes großes Tier in der Finanzwelt, und ein jeder kannte ihn. Die Gesellschaft diskutierte seine Millionen und hofierte ihn. Vor ein paar Jahren noch würde ihn die Gesellschaft mit mächtigem Nasenstüber abgeblitzt haben: jetzt war sie aber zu besserer Einsicht gekommen und nahm ihn, ohne irgendwelche Fragen und Erkundigungen anzustellen, als eine respektierliche Thatsache hin.

»Es ist eine glückliche Sache, als Groß-Mogul dazustehen,« sagte Käthe. »Aber wo steckt er denn, Mr. Griffith? Ich meinte, wir würden ihn heute Abend sehen.«

Mr. Griffith konnte keinen Bescheid geben: er wußte nichts darüber und hatte ihn bislang noch nicht gesehen. Und dann brach er jäh ab in seiner Rede und sah auf das schöne Gesicht nieder, als wäre ihm ein neuer Gedanke durch den Kopf gefahren. Es herrschte unter der Herrenwelt eine Art von Gewohnheit, auf Miß Davenant zu spekulieren: und der arme Tom, der weit verliebter war als alle anderen, spekulierte mit weit größerem Interesse. Es ging die Rede, daß John Crozier Esquire auf der Umschau nach einer Gattin wäre: desgleichen ging die Rede, daß es nicht John Croziers Esquire Schuld sein würde, wenn etwa sein Heim nicht eine Herrin in der schönen Nichte von Mrs. Montgomery finden sollte. Tom Griffith setzte nun in Käthe Davenant einen so festen Glauben, als wenn sie noch eine unschuldige Debütantin wäre. Wenn sie schließlich John Crozier ihre Hand reichte, so würde es ihm ganz recht sein, auf ihre Tante als die Wurzel alles Übels seine Verwünschungen zu richten, die Circe aber als ein Opfer, dem das Herz gebrochen, zu betrachten. So fühlte er denn auch in diesem Augenblicke, als er die fieberische Glut in den Augen des Mädchens bemerkte und das ungeduldige Zittern in ihrer Stimme vernahm, eine Regung wie Mitleid für sie und zeigte auch diese Empfindung in seinem hübschen, ehrlichen Gesichte. Es würde mich interessieren, zu wissen, ob Du mich, freundliche Leserin, verstehst, wenn ich Dir sage, daß Käthe Davenant eine Art von Beunruhigung über die Abwesenheit ihres ehemaligen Liebhabers fühlte? Sie hatte für diese Empfindung selbst kein richtiges Verständnis und trug derselben nur insoweit Rechnung, als sie einen Wunsch, daß das erste Zusammentreffen überstanden sein möchte, darin erblickte.

Endlich aber erschien Mrs. Montgomery selbst in der Gesellschaft, mit scharfem, festem Blicke und majestätischer Haltung. Auf Käthes Wangen aber zeigte sich eine matte Röte, als sie den Herrn erkannte, den Ihre Ladyschaft mit so offenbarer Genugthuung am Leitseil führte. Er war ein Mann von großer und klobiger Figur: so groß und klobig thatsächlich, daß er nicht verfehlen konnte, Aufmerksamkeit zu erregen. Er war weder sonderlich hübsch, noch sonderlich abstoßend, sondern hatte jenes bulldoggenhafte, in jeder Fiber den Geschäftsmann verratende Gesicht, das Männern solchen Standes eigentümlich ist.

»Ach! da ist sie ja!« rief Mrs. Montgomery aus, als sie ihrer Nichte ansichtig wurde. »Käthe! mein liebes Kind! da bring ich Dir Mr. Crozier.«

In Miß Davenants Art und Wesen trat nichts von dem herzbrechenden Opfer zum Vorschein, als sie den Herrn mit dem alten, sanften Lächeln und den huldvollen Mienen grüßte. Um die Wahrheit zu sagen, war sie »die Circe« so vollkommen, daß Tom kein bißchen erstaunt war. Mrs. Montgomery hatte sich mit Mr. Crozier unterhalten und ihm wie eine kluge Matrone eine kleine Ermutigung gespendet, die er von Käthe wahrscheinlich nicht erhalten haben würde; deshalb fühlte er sich so einigermaßen behaglich. Er war kein sentimentaler Mann und konnte es sich ja außerdem leisten, kurz angebunden und gleichgültig zu erscheinen. Er hatte Käthe vor drei Jahren seine Hand angetragen, weil er wünschte, eine aristokratische, hübsche Frau zu haben – und Käthe war die hübscheste und was den aristokratischen Anstrich anbetrifft, hervorragendste Frau, die er zu finden vermochte. Er hatte sein Vermögen hinter sich gebracht und besaß nun, gleich der größeren Menge von Leuten, die wie er das nämliche nach dem nämlichen Grundsatz erreicht hatten, ein angemessenes Bewußtsein von seiner Macht und Bedeutung. Wenn er Käthe Davenant nicht heiraten konnte, so konnte er irgend eine andere Dame heiraten; aber Käthe Davenant würde er doch lieber genommen haben. Es würde bei einer solchen Eroberung der Eclat und Triumph weit größer sein. Käthe wußte das ebenso gut, wie es andere Mädchen wie sie wußten: sie wußte auch, daß sie die Billionen, nach denen sie trachtete, sich selbst gewinnen müßte; und deshalb wendete sie, während Mr. Crozier sich an ihre Seite setzte, ihr aristokratisches Gesicht ihm zu und lächelte ihm genau so zu, wie sie vordem Karl Seymour zugelächelt hatte.

»Na, na!« meinte Alice Farnham im Verlauf ihres Gesprächs zu Karl – »wenn nur nicht Mrs. Montgomery diesen abscheulichen Mr. Crozier mit hergenommen hat, um Käthe zu peinigen. Es heißt, er habe den Wunsch, sie zu heiraten: indes kann ich nicht sagen, wie weit das Gerücht wahr ist. Wissen möchte ich schon, ob sie ihn auch nehmen würde? Das allerdings weiß ich, daß die Blumen, die sie trägt, von ihm stammen. Mamas Mädchen hat mir das gesagt.«

Karl lächelte, während er den Blick durch das Zimmer gleiten ließ; aber im anderen Augenblick erstarb das Lächeln. Er hatte vordem die Blumen nicht bemerkt, und als er ihrer ansichtig wurde, da durchrieselte ihn ein unerklärliches Kälte-Gefühl. Sie hatte vordem stets seine Blumen getragen, und jetzt senkten sich die roten Kelchblätter küssend auf ihren Weißen Hals hernieder, während sie sich, die Augen leicht niedergeschlagen, im Gespräch mit dem Millionär nach vorn beugte. Ich habe bereits früher gesagt, daß Seymour kein Mann war, der nach außen hin auffälliges Wesen liebte oder leicht aus sich herausging: jetzt aber biß er sich heftig auf die Lippen, als er sich wieder nach Miß Farnham herumdrehte.

»Mr. Crozier wird als eine gute Partie angesehen,« fuhr die junge Dame in artigem Tone fort – »und mir hat, ich weiß nicht wer, gesagt, daß Miß Davenant –«

Aber in diesem Augenblicke übertönte der Lärm die Schlußworte ihres Satzes. Die Gesellschaft begab sich zum Diner, und Karl sah, wie Mr. Crozier sich erhob und verneigte; und dann glitt Miß Davenants Hand in seinen klobigen Arm; und die beiden schritten zusammen aus dem Zimmer.

»Wieviel würden Sie jetzt für Seymours Chance geben?« sagte Brandon zu dem Orakel Loftus. Der Kapitän hatte sich den Handschuh zugeknöpft, und der Knopf war vom Leder gerissen und in die Hand geschlüpft. Er ließ den Blick durch das Zimmer hinüber auf Karl Seymour gleiten, und dann sah er den letzten Zipfel von der Spitzenschleppe der Circe aus dem Zimmer hinausfegen.

»Da sehen Sie!« sagte er und schnellte den abgerissenen Knopf mit kaltem Druck in die Luft. »Nicht soviel würde ich dafür riskieren!«

Und der Knopf fiel auf den Teppich und rollte hinweg.

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