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Klein Käthchen

Frances Hodgson Burnett: Klein Käthchen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorFrances Hodgson Burnett
titleKlein Käthchen
publisherGreßner & Schramm
printrunSechste Auflage
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160302
projectid41761adc
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Sechzehntes Kapitel

Die Wellenkreise spielen zum Ufer hin.

Es war heller Tag, ehe Käthe von ihrem Platz am Kamin aufstand, wo sie sinnend und träumend gesessen. Um den Morgen herum sank Johny in Schlaf, und mit dem Baby schien es auch besser zu gehen. Auf den entschiedenen Befehl der Tante Dorcas verließ Käthe ihren Posten und legte sich nieder. Sie ging an dem Spiegel vorbei, als sie zu ihrem Bett schritt, und warf einen Blick auf sich selbst. Sie zuckte über das weiße Gesicht und die von Schatten umzogenen Augen die Achseln. Ihr Taillengurt war thatsächlich loser geworden, und sie bildete sich ein, sie sähe leichte Falten um ihren Mund. Wodurch waren sie hierher gekommen? Angst und Sorge, vielleicht auch anderes noch, waren die Ursachen gewesen. Nun! ewig konnte es ja nicht währen; und wenn dies alles hinter ihr lag, dann konnte sie fort von hier gehen und sich entschließen, als alte Jungfer zu sterben.

»Es giebt ja Frauen, die ein solches Leben führen,« sagte sie. »Ach, über mich! Ich meine, mit allem anderen bin ich fertig, aber mit der ›Circe‹ kann ich doch nicht zu Ende kommen. Wessen Schuld übrigens ist das?«

Sie stellte sich schroff und scharf die Frage, und dann wendete sie sich ebenso schroff ab, um sich auf das Sofa niederzulegen, in dessen Kissen sie ihr Gesicht verbarg.

Der Doktor kam früh am anderen Morgen wieder und konstatierte, nachdem er sich die Patienten angesehen, eine entschiedene Besserung.

»Was ist denn Ihnen?« fragte er, sich zu Käthe wendend. »Wären Sie eine andere Person, als wie Sie sind, so würde ich sagen, Sie hätten die ganze Nacht über geweint, wie ein kleines Kind.«

Sie schüttelte mit mattem Lächeln den Kopf.

»Aber ich bin keine andere Person,« sagte sie, »und weine auch nicht – oft. Ich bin bloß müde.«

Aber soll ich Dir sagen, liebe Leserin, daß aus ihrem ruhigen Gesicht eine schwache Verstellung zu lesen war? Denn wenn sie auch nicht wie ein kleines Kind geweint hatte, so hatte sie zum wenigsten doch wach gelegen, und ein unbehagliches Weh hatte sie erfüllt; heiße Thränen traten ihr hin und wieder in die Augen, weil das kleine, im Feuerschein glitzernde Kreuz und das stolze, cynische Gesicht sie so zu peinigen schienen.

»Versuchen Sie, die bösen Worte zu vergessen,« hatte er gesagt, und dadurch, daß er das gesagt, hatte er ihr alles wieder in die Erinnerung zurückgerufen.

»Wenn bloß Mrs. Armadale nach Hause kommen möchte!« sagte sie wieder zu sich; und an diesem Tage wurde ihr Wunsch verwirklicht. Sie wußte kaum, wie es zuging: aber als der Tag sich dem Abend neigte, da fing sie an, einige Hoffnung mehr zu schöpfen. Die Kinder schienen ruhiger zu sein; Mr. Seymour hatte sein Zimmer wieder einmal verlassen; und sie hatte ihre Fassung und Ruhe zum Teil wieder gewonnen und ward inne, daß sie auf die drei Wochen zurücksah, wie auf eine nun fast der Vergangenheit angehörige Sache. Es war vier Uhr und sie hatte sich eben neben Johny hingesetzt, als eines von den Dienstmädchen in einer nicht geringen Aufregung zur Thüre hingerannt kam.

»Wenn Sie erlauben –« fing sie an, und dann hielt sie inne.

Käthe sah auf. Sie gab eben Johny einen Löffel voll Gelee.

»Was giebt es denn?«

Sie erschrak nicht leicht und sprach ganz ruhig und gefaßt.

»Es kommt eine Equipage auf das Haus zugefahren, gnädiges Fräulein,« sagte das Mädchen, »und wir meinen, daß es am Ende Mrs. Armadale ist.«

Käthe stellte das Glas beiseite und legte den Löffel dazu – wie freilich gesagt werden muß, mit plötzlichem Herzklopfen. Wie! wenn sie keins von den Telegrammen oder keinen von den Briefen erhalten hätten und nun nach Hause kämen, ohne Ahnung von den Vorgängen hier!?

»Leg' Dich hin, Johny,« sagte sie und ging aus dem Zimmer und die Treppe hinunter – im selben Augenblick, wo Karl aus dem Wohnzimmer heraustrat.

»Sie kommen,« sagte er unruhig; »ich bin neugierig, ob sie unsere Briefe empfangen haben.«

»Ich werde ihnen bis an die Thür entgegen gehen,« sagte Käthe in festem Tone. »Wenn Mrs. Armadale nichts weiß, dann, meine ich, kann ich es ihr am besten sagen.«

Aber sie wurde dieser Aufgabe überhoben, denn binnen drei Minuten war die Equipage auch schon vorgefahren, und die arme Mrs. Armadale sprang mit einem Gesicht bleich wie der Tod aus ihr heraus und stürzte ins Haus.

»O, Käthe!« rief sie, während sich ein kleiner Sturm von Schluchzen die Kehle heraufrang, – »o, Käthe! wir haben vor Mittwoch kein Sterbenswort gewußt; erst auf der Rückreise von New Orleans, als wir in Station Augusta ein altes Telegramm vorfanden, erfuhren wir, wie es hier zugeht – o! und nun sagen Sie mir alles – ich bin auf das Schlimmste gefaßt.«

»Es ist so sehr schlimm nicht,« sagte Käthe, ihr folgend, denn thatsächlich war das hübsche junge Hausmütterchen schon auf dem Wege nach der Krankenstube, ehe sie noch ausgesprochen hatte. »Die Kinderchen haben das Fieber bloß in einer schwachen Form gehabt und Baby war recht, recht schwach. Ich glaube nicht, daß jetzt noch irgend welche Gefahr vorhanden ist.«

Aber Barbara war in das Krankenzimmer gestürzt und beugte sich über die Wiege, vergeblich bemüht, ihr Schluchzen zurückzuhalten, während sie das kleine Püppchen in die Arme hob.

»Ich – ich kann mir nicht helfen!« sagte sie zu Käthe. »O! meine armen kleinen Herzchen!« Und dann küßte sie Johny und vergoß heiße Thränen. Und dann trat sie zu Klein Klärchens Kopfkissen und strich es mit der Hand glatt und streichelte ihr das abgefallene Gesichtchen. Und während all' dessen hörte sie nicht auf, zu Käthe zu sprechen. »O! was hätte ich wohl anfangen sollen ohne Sie!« rief sie. »Wie kann ich Ihnen danken? Ach, mein bestes, liebstes Mädchen! sehen Sie doch nur, wie bleich Ihre Wangen sind!«

Sobald ihre Aufregung sich einigermaßen gelegt hatte, ließ sie nicht eher ab, als bis Käthe sich in einen weichen Shawl gehüllt und auf das Sofa zur Ruhe gestreckt hatte.

Um die Wahrheit zu sagen, so fing jetzt, nachdem die Last der Verantwortung von ihr genommen war, Käthe, die vordem unerschütterliche Käthe, an, sich müde und abgespannt zu fühlen, und versank, sobald sie auf dem Sofa lag, in tiefen, tiefen Schlaf, in welchem sie mit ganz unheldenhafter Standhaftigkeit stundenlang verharrte.

Es war sehr spät am Tage, als sie wieder aufwachte, und im Feuerschein des Kamins sah sie Barbara neben sich in dem Schaukelstuhl sitzen, sich unruhig darin wiegend und augenscheinlich voll lebhafter Besorgnis ihrem Wachwerden entgegensetzend.

»Ach, wie freue ich mich, daß Sie ausgeschlafen haben!« sagte sie. »Ich vergehe vor Ungeduld, über alles mit Ihnen zu sprechen; – was haben Sie denn gedacht, Käthe, als Sie Alfs Brief erhielten? Ich habe ja immer gesagt, daß es sich noch einmal so wenden würde. Das Ganze ist wie ein Roman; bloß war so wenig Geheimnis drum. Es heißt, Mr. Davenant wäre auf der Stelle tot niedergestürzt. Er wäre immer ein rüstiger Mann gewesen, wissen Sie –«

Miß Davenant richtete sich mit leichtem Erröten auf ihrem Sofa in die Höhe, und auch ihr Herz klopfte stärker als sonst. Was hatte dies alles zu bedeuten?

»Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Armadale,« sagte sie, »aber ich begreife das nicht. Ich habe von Mr. Armadale niemals einen Brief bekommen. Ach habe niemals –«

Barbara fiel ihr ins Wort.

»Sie begreifen nicht?« wiederholte sie, – »Sie haben niemals einen Brief erhalten? Alf hat Ihnen doch an dem Tage, als wir Washington verließen, geschrieben.«

Da erst, und nicht früher, als in diesem Augenblick erst, kam Käthe eine Erinnerung blitzartig in den Sinn. Hing das etwa zusammen mit dem Briefe, den sie beiseite gelegt und in ihrer Angst und Unruhe vergessen hatte? Sie stand auf und ging zu dem Kaminsimse hin. Ja! dort lag der Brief gerade so noch, wie sie ihn, ohne das Siegel zu brechen, hingelegt hatte. Sie setzte sich nicht, sondern blieb stehen, dort wo sie stand, riß ihn auf und warf einen Blick auf die Unterschrift »Alfred Armadale« – und dann las sie den Brief durch. Als sie zu Ende gelesen, blickte sie auf: das Blut war in ihre Wangen getreten und hatte sie tief gerötet, und in ihren Augen blitzte es jäh auf. Endlich! endlich! Fortuna hatte die Blätter abermals gewendet. Ihres Vaters Bruder, den sie niemals gesehen hatte, war vom Pferde gestürzt und gestorben: gestorben, ohne Kinder zu hinterlassen und ohne Testament; und sie war nun seine Erbin. Seltsam genug: der Gedanke, der in dem Wirrwarr ihres Geistes sich über alle anderen Gedanken erhob, war der allergewöhnlichste und Nächstliegende: sie sollte nun, nach all' den bisherigen Ereignissen, doch keine altjüngferliche Gouvernante werden; sie sollte nicht über Musikunterricht und französischen Sprachstunden verblühen und verbittern. Es war das freilich ein Gedanke feiler Art; aber man gestatte mir hiergegen die Bemerkung, daß es im Grunde doch ein ganz natürlicher Gedanke war, wenn sie jetzt wünschte, aus dieser schrecklichen Sphäre aufreibender, demütigender Thätigkeit herauszugelangen und vielleicht dies alles aus ihrem Gedächtnisse zu streichen.

»Ich habe diesen Brief niemals vorher gelesen,« sagte sie zu Barbara. »Ich war so ängstlich, so unruhig, daß ich ihn beiseite gelegt und vergessen habe. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich kann kaum glauben, daß es wahr sei. Mein Onkel war so böse auf Papa wegen seines Benehmens gegen die Mama, daß er mich niemals hat mit Augen sehen mögen.«

Barbara stand ruhig auf und schritt auf sie zu, um sie auf beide Wangen zu küssen.

»Ich hoffe, daß es Ihnen zum Glück sein wird, meine Liebe,« sagte sie. »Ihnen muß ich ja dazu gratulieren, aber mir kann ich nicht dazu gratulieren, denn ich werde meine Freundin und Gouvernante verlieren.«

Zweimal im Zeitraum von vier Jahren war ein goldener Apfel in Käthe Davenants Hände geflogen. Das erste Mal hatte er ihrem Lose nur frische Bitterkeit hinzugesellt; dies zweite Mal brachte er ihr Erleichterung, aber nicht Glück.

Mr. Davenant war tot – umgekommen beim Sturz von einem wilden, unlenksamen Pferde; und mochte sie dessen nun würdig sein oder nicht: Miß Davenant war wieder eine Erbin, die außer zwei Grundbesitzungen mit geschäftlichen Betrieben an die zwanzigtausend Dollars Rente im Jahre zu verzehren hatte.

Ihr Benehmen war durchaus frei von Erregtheit, als sie an diesem Abend bei Mr. Armadale im Bibliothekszimmer am Tische saß und sich in die Einzelheiten ihrer geschäftlichen Angelegenheiten vertiefte. Ihr Gesicht war ganz ruhig und geschäftsmäßig; und während sie seinen Auseinandersetzungen ihr Ohr lieh und auf seine Fragen Antworten gab, spielte sie mit einem goldenen Federhalter und lächelte hin und wieder matt. Mr. Armadale hatte die sämtlichen Punkte des Falles vernommen, und es brauchten bloß einige gesetzliche Formalitäten noch erledigt zu werden, ehe sie Besitz ergreifen konnte.

Es wurde zehn Uhr, ehe sie mit ihrer Arbeit fertig waren, und dann wünschte Mr. Armadale ihr von ganzem Herzen Glück.

Seymour hatte bei ihnen im Zimmer gesessen und gelesen. Während sein Schwager noch redete, blickte er auf und sah Miß Davenant an.

Sie stand am Tische; mit der einen Hand stützte sie sich auf ihn und spielte mit dem Federhalter, während ihre Augen nachdenklich nach unten blickten. Das helle Lampenlicht war auf sie gerichtet und zeigte das patrizische Gesicht mit der weißen Stirn und dein Clytia-Kopf in einer halb stolzen, halb gleichgültigen Haltung. Ihr langes, schwarzes Kleid mit seinem düsteren Scheine gab ihr ein weißes, schlankes Aussehen; die großen Wellen glänzenden Haares waren über dem schlanken, vornehm gefügten Nacken in einen dicken Knoten geschlungen, und auf jeder Wange lag ein tiefscharlachroter Fleck. Sie war eine schöne Frau, noch ganz so wie sonst »die Circe«; sie war ein herrliches Bild, und die rührende Zärtlichkeit ihres Lächelns machte sie blendend.

»Macht Geld Menschen glücklich?« fragte sie, ihre milden Augen aufschlagend. »Wenn es der Fall ist, dann werde ich wohl glücklich werden, denn ich kann Glück für zwanzigtausend Dollars im Wert alljährlich kaufen. Wenn es aber der Fall nicht ist, dann dürfte ich eben, trotz aller Ihrer freundlichen Wünsche – und all' meiner Tausende, bloß eine reiche Erbin sein und nichts weiter.«

Sie sprach bloß halb im Ernste; als sie aber ausgeredet hatte, da zitterte ihre Stimme leicht angesichts von ihrem Lächeln, und ein Hauch voll Wahrheit lag in dem fast unmerklichen Beben ihrer roten Unterlippe – was den Mann mit einem tollen Sehnen erfüllte, zu ihr hin zu eilen und seine Arme um ihre Taille zu schlingen und den Stolz in ihrem hehren Angesicht durch Küsse zu ertöten, die ihr Herz zwingen sollten, die Wahrheit zu reden. Aber Männer, das weiß man ja, thun dergleichen nicht, und er konnte weiter nichts thun, als sie ein Weilchen länger ansehen und sich fragen, ob ihre süßen Augen denn einen Narren aus ihm gemacht hätten.

Sie trat zu dem Kamin hin, als sie mit Mr. Armadale ins Reine gekommen war, und stand neben dein Feuer, mit ihrem gewölbten Fuße sich in ihrer Lieblingsweise auf das Gitter stützend und mit dem bezaubernden Blicke der Circe ihm zulächelnd. Sie war jetzt frei und ihre eigene Herrin; nicht länger mehr abhängig oder arm. Vielleicht sahen sie einander nach Verlauf von vier Wochen niemals mehr wieder – und außerdem konnte sie es sich ja auch bieten! Das Recht hatten ihr ihre Tausende doch wenigstens erkauft!

»Möchten denn nicht Sie mir Glück wünschen, Mr. Seymour?« fragte sie. »Oder meinen Sie, ich sei eine bessere Kindermuhme als eine Erbin? Ich möchte gern aus Ihrem Munde hören, daß Sie sich aus Interesse an meinem Wohlergehen freuen.«

»Wozu soll ich Ihnen zuerst Glück wünschen?« sagte er. »Zu Ihrem Glück oder zu Ihrem Reichtum, oder zu beidem zugleich?«

»Zu beidem auf einmal. Der Reichtum ist doch dazu da, das Glück zu kaufen, das wissen Sie doch! Wieviel werde ich wohl für zwanzigtausend Dollars einheimsen? was meinen Sie wohl?«

»Hoffentlich eine recht große Menge,« gab er ihr zur Antwort. »Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück, Miß Davenant.«

Sie verließ unmittelbar darauf das Zimmer, und der letzte Blick, den er von ihrem Gesicht erhaschte, als sie die Thüre schloß, zeigte ihm das matte Lächeln, das noch immer um ihre Lippen lag; aber als sie allein auf dem Flur standen, da verblaßte das Lächeln und die Lichter der Hängelampe schwammen leicht durch den Nebel über ihren Augen; als sie langsam die breite Treppe hinaufstieg, da war das Lächeln ganz und gar verschwunden und nichts weiter als eine matte Linie stand über dem roten Munde.

Es schien, als wenn Barbaras Anwesenheit auf die Kinder wie ein Zauber wirkte, denn von der Zeit an, da sie sie küßte und mit ihren Thränen netzte, genasen sie allmählich wieder.

»Aber wie kann ich Käthe jemals danken?« sagte Barbara zu ihrem Manne und zur Mr. Seymour. »Doreas meint, sie sei auf keine Stunde von ihnen gewichen; und Dr. Chaloner sagte mir, daß sie das Baby einzig und allein mit ihrer nimmer ermüdenden Sorgfalt gerettet habe. Es ist so seltsam, wie natürlich doch einer Frau Liebe zu Kindern ist: aber Käthe ist ja so gut!«

Und selbst während der Dauer der Genesung verminderte sich Käthes Güte nicht. Sie wollte bei Mrs. Armadale bleiben, bis alles wieder in Ordnung sei, sagte sie; und wenn die Kranken wieder munterer wären, dann müßten sie mitkommen und zusammen mit ihr Besitz von ihrem Landsitz ergreifen.

»Sie müssen heiraten,« sagte Alf, »Sie sollten schon verheiratet sein, Miß Davenant.«

Sie lachte ihm zu mit leuchtenden Wangen und hob ihre gewölbten braunen Brauen.

»Sollte! Warum denn, Mr. Armadale? Brauche ich etwa jemand, der mich am Gängelbande führt? oder jemand, den ich am Gängelbande führen sollte?«

»Sie brauchen das eine sowohl wie das andere,« lachte Alfred. »Sie haben sich zu lange auf sich selbst verlassen und brauchen einen Meister!«

Mr. Seymour sagte nicht sehr viel dazu; aber, die Wahrheit zu sagen, der jungen Dame, die »einen Meister brauchte«, war es in seiner Gegenwart nicht behaglich. Ihre zarte Haut besaß die Eigentümlichkeit, jähe, heiße Röte unter seinem Blicke zu entfalten, und ihre Augenlider waren allzusehr imstande, wenn er sprach, sich nieder zu senken; deshalb blieb sie ihm, sobald dies möglich war, fern. Gegen ihn war sie leuchtend und blendend und bezaubernd; ganz so, wie sie in Newport gewesen war; bloß hielt sie ihr Herz mit einer gewissen Scham und Scheu im Zaume. Er liebte sie, das wußte sie; er hätte ihr nicht verziehen, so dachte sie: er könnte sie nicht achten, des war sie überzeugt: demzufolge mußte sie sich selbst heruntersetzen und darum suchte sie es energisch zu thun – mit genau solchem Erfolg, wie zu erwarten gestanden hatte.

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