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Klein Käthchen

Frances Hodgson Burnett: Klein Käthchen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenovelette
authorFrances Hodgson Burnett
titleKlein Käthchen
publisherGreßner & Schramm
printrunSechste Auflage
yearo.J.
translatorWalter Eichner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160302
projectid41761adc
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Zehntes Kapitel

Nach drei Jahren.

Ein Zeitraum von drei Jahren! Eine lange Frist, meint man; aber wenn ich sie nicht hätte eintreten lassen, wo würde dann meine Geschichte geendigt haben? Und nachdem diese drei Jahre verstrichen sind, befinden wir uns in dem Empfangszimmer der Mrs. Armadale und lauschen dem Gespräch, das die niedliche junge Hausfrau mit dem vornehmen Gesicht mit ihrem Bruder führt, dem sie die Namen der neuen Bekanntschaft aufzählt, die sie in Saratoga geschlossen, ehe sie ihr Domizil in der schönen, anmutig am Hudson, etwa anderthalb Stunden mit der Bahn von New York, gelegenen Villa ihres Bruders aufgeschlagen. Eine sehr liebe, kleine Dame, diese Mrs. Barbara Armadale. Ein vornehmes, feines Gesicht, blondes Haar und helle Augen. Drei Passionen sind's, die ihr fröhliches, glückliches, emsiges Leben erfüllen, das sie als fröhliche, glückliche, emsige junge Hausfrau und Mutter führt. Die erste dieser Passionen ist ihr »Alf« oder, richtiger gesagt, Mr. Armadale, der so fröhlich und munter ist, wie sie selbst; an zweiter Stelle kommt ihre Passion für die Kinderchen die Mr. Armadale »das Baby, das kleine Baby und das kleinste Püppchen von allen« nennt. Die letzte, aber nicht geringste ihrer drei Passionen bildet ihr Bruder, den sie, nächst ihrem »Alf« natürlich, als das vollkommenste menschliche Wesen auf Erden betrachtet. Wirklich! ein herziges, molliges Frauchen, wie sie, das hellschimmernde Haar hinter die kleinen rosigen Ohren gestrichen und helle Glut auf den frischen kräftigen Wangen, dort sitzt in dem lustigen Feuerschein, der vom Kamin herüberblinkt.

»Mr. Germaine und seine Frau, Mr. Bandeleur und seine Frau,« erzählt sie mit einer Stimme, die in ganz merkwürdiger Weise an die eines lustigen Rotkehlchens erinnerte, »Mr. Crozier und seine Frau; und das erinnert mich daran, Karl –«

»Mr. Wer und seine Frau?« unterbrach sie eine Stimme, die von der dunklen Ecke her tönte, wo das Sofa stand.

»Mr. Crozier und seine Frau,« antwortete Mrs. Armadale. »Und wie ich sage, Karl, das erinnert mich daran, daß ich Dich fragen wollte, ob Du Mr. Crozier kennst. Er sagt, er hätte Dich, als er in Newport war, mehrmals gesehen, in dem Sommer, ehe Onkel starb und Dir sein Vermögen hinterließ.«

Der Mann, mit dem sie sich unterhielt, lag lang ausgestreckt und die Hände über dem Kopfe zusammengefaltet, auf dem Sofa, und als seine Schwester sich nach ihm umdrehte, fiel der Feuerschein vom Kamine voll auf sein Gesicht. Es war ein sehr hübsches Gesicht, scharf geschnitten und mit großen Augen, der Mund war durch einen blonden, herunterhängenden Schnurrbart von ansehnlicher Stärke halb verdeckt.

Aber so hübsch dies Gesicht auch war, so würde ein scharfsinniger Physiognomiker doch gezögert haben, es als vollkommen zu erklären. Es sah aus wie ein Gesicht, auf das die Einflüsse der Welt schädigend gewirkt hatten, oder vielmehr, es sah aus, als wenn dem Manne, dem es gehörte, der Lebenswein zu Wermut verbittert worden wäre. Die hellen, so vollkommen gestalteten Augen trugen einen gleichgültigen, sarkastischen Ausdruck; der Mund war schlaff und verdrossen und den Augen in ihrer teilnahmlosen Satire nicht unverwandt.

»Ja; ich habe ihn mehrere Male getroffen. So ein Mittelding zwischen einem Preisboxer von Profession und einem Bankgeschäfts-Kommis – nicht wahr?«

Mrs. Armadale lachte.

»Nun! ein sehr aristokratisches Aussehen hatte er allerdings nicht. Ein bißchen ›Parvenü‹, möchte man sagen; aber er war ungeheuer reich. Entsetzlich reich, habe ich mir gesagt. Einer von jenen Menschen, die nicht anders können, als offen zu zeigen, wie reich sie sind.«

»Ich kenne ihn,« sagte Karl. »Die Leute nannten ihn den Großmogul. Barbara,« fuhr er fort, während er sich, wie man in dem ihn treffenden Schein des Feuers ganz deutlich sah, seltsam auf die Lippen biß – »sprachest Du nicht auch von Mrs. Crozier?«

»Ja. Seine Frau befand sich in seiner Gesellschaft.«

»Was ist denn das für eine Dame?«

»Sie ist hübsch,« sagte Barbara – »ein bißchen verblüht und vergrämt, aber noch immer hübsch. Ich habe oft bei mir gedacht, daß es kein Wunder ist, wenn sie verblüht, da sie doch mit einem John Crozier Esquire verheiratet ist. Er war so abscheulich diktatorisch. Ich ließe es mir von keinem Manne bieten, in der selbstherrlichen Tonart mit mir zu reden, wie es seine Mode ist. Aber – was veranlaßt Dich denn, nach ihr zu fragen?«

»Ich sah sie in Newport,« lautete die kurze Erwiderung. »Sie war damals eine beauté, und es schuf dort ein richtiges kleines Furore, als sie sich mit dem Großmogul verlobte; aber es war die alte Geschichte, weißt Du – Tausch- und Geldgeschäft.«

Die kleine Mrs. Barbara zuckte verächtlich die runden Schultern.

»Dann thut's mir weiter nicht leid um sie. Wie können bloß Frauen das thun? Ich denke mir, eine solche Lage ist gräßlich.«

»Du bist ein anderes Frauenzimmer als Mrs. Crozier,« sagte der Herr gleichgültig. »Laß uns von etwas anderem reden, Barbara.«

Seltsamerweise war die Dame an dem Thema nicht so stark interessiert, daß sie es nicht hätte leicht fallen lassen können. Anderer Leute Angelegenheiten interessierten Mrs. Armadale überhaupt selten, und sie ging zu etwas anderem über. »Die Kinder« waren der nächste Gegenstand, der sie beschäftigte. Sie wußte, daß Karl immer gern von ihnen hörte, und nun war es ihr besonders um seinen Rat zu thun.

»Sieh',« sagte sie, »ich weiß nicht recht, was ich machen soll,« und dabei zeigte sie einen leisen Grad von Besorgnis und Zweifel, der sich auf ihrem fast noch mädchenhaften Gesicht wundernett und so recht echtmütterlich ausnahm – »ich kann nicht immerzu bei ihnen sein und mag sie doch nicht immer den Dienstmädchen überlassen. Die alte Tante Dorcas ist ja sehr brav, aber die Kinder neigen so sehr dazu, ihr spaßiges Nigger-Platt anzunehmen; und dann, weißt Du, wenn Klara und Johny nicht jetzt mit dem Französischen anfangen, werden sie es zu einem richtigen Accent wohl schwerlich noch bringen.«

»Schrecklich! Fürchterlich!« sagte ihr Bruder darauf, mit spaßiger Nonchalance – »was doch in dem Kinderstuben-Dominium für ein schrecklicher Zustand der Dinge ist! Barbara, Du kommst mir ganz so vor wie ein gezähmtes Rotkehlchen! Flatterst immerzu um Dein Nest herum!«

»Eine Familie macht immer Sorge und Unruhe in großer Menge,« sagte sie mit gravitätischer Miene in geflügelter Rede, die ihr Gesicht zu dem allerliebsten kleinen Frauengesichtchen auf Erden machte. »Du bist ja noch nie in Deinem Leben verheiratet gewesen, Karl!«

»Nein, freilich,« versetzte Karl sinnend, »wäre ich's gewesen, so würde ich wohl einen besseren Menschen abgegeben haben. Wäre ein Weib wahr und liebevoll genug gewesen, meine Frau zu werden und mein Lebenslos zu teilen, würde ich dem Himmel näher gewesen sein, als ich es jetzt bin;« und wiederum zeigte der Feuerschein die hübschen, aufeinandergebissenen Lippen. Barbara verwunderte sich einigermaßen über den bitteren Seufzer, der das Ende des Satzes bildete.

»Nun,« meinte sie sanft, »ich sehe nicht recht ein, warum Du Dich nicht verheiratet hast, mein Lieber! Du bist nicht arm, und daran, daß Dir irgend ein Mädchen seine Liebe schenkt, ist doch kein Zweifel!«

»Ich bin jetzt nicht arm,« war die ruhige Erwiderung. »Ich war nicht reich, als nichts außer Geld das Weib, das ich liebte, hätte gewinnen können. Aber – was wolltest Du wissen in betreff der Kinder?«

Barbaras blaue Augen öffneten sich sanft. Wäre es denn möglich, daß ihr berühmter, hübscher Bruder eine Täuschung von weiblicher Seite erlitten hätte? Solcher Argwohn hätte sich in ihr Herz niemals vorher geschlichen. Wie wäre das zugegangen? Wie hätte so etwas wohl zugehen können?

Aber sie war ein kluges, braves Frauchen, und sie verstand diesen hübschen Bruder gut genug, um zu wissen, daß er es für besser halten und für freundlicher aufnehmen würde, wenn sie die zufällige Äußerung ohne jede Bemerkung hingehen ließe.

»Nun,« fuhr sie fort, »ich dachte, ob es sich für uns wohl empfehlen möchte, eine Gouvernante ins Haus zu nehmen? Meinst Du nicht, daß es ganz nett wäre, wenn ich eine vornehme, gebildete Dame finden könnte. Ich glaube, daß ich mir mein Leben um vieles behaglicher einrichten könnte.«

»›Wenn‹ Du könntest, so meine ich, würde das ein ganz gesunder Plan sein. Hast Du mit Alf darüber gesprochen?«

»Ja; aber ich wollte Deine Meinung hören. Wäre ich in meinem eigenen Hause, so würde die Sache anders liegen,« meinte sie, frei heraus lachend, »aber ich wußte nicht, ob Du Dich mit dem Gedanken würdest zurechtfinden können, daß eine in allen feinen Weisen und Gepflogenheiten auf dem Höhepunkt stehende Dame mit Dir unter einem und demselben Dache weilen möchte, die Dir gegebenenfalls den Text einmal lesen könnte.«

»Ich glaube nicht, daß sie nur den Text lesen wird,« meinte Karl. »Die ›Cherubim‹ werden wohl alle ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Was horchst Du denn so gespannt? Ist's endlich Alf?«

»Mir war's, als wenn ich jemand kommen hörte,« sagte sie, sich leicht verfärbend und lachend, »ja wohl, 's ist endlich Alf. Ich höre ihn mit Roberts reden. Entschuldige mich eine Minute.«

Karl lächelte, wie sie mit dem hellen, vergnügten Blick in ihrem Gesicht aufsprang und hinauslief, dem Gatten entgegen, der von seiner täglichen Fahrt nach New York zurückkam. Er war nämlich Rechtsanwalt dort und im Besitz einer schönen Praxis. Dieses herzige kleine Schwesterchen machte ihm immer recht viel Spaß und heiterte ihn immer auf. Sie war so zutraulich und lustig, hing mit so wahrer, mütterlicher Liebe an den Kindern, sorgte mit so liebevollem Eifer für dieses nicht minder wackeren Alfs Bequemlichkeit. Auch jetzt, nach achtjähriger Ehe, noch immer so zärtlich und aufmerksam, während doch in nicht seltenen Fällen der Honigmonat bloß als heller, in weiter Ferne liegender Stern in die Dunkelheit des späteren Lebens hineinleuchtete und in die wehen Augen, die sich erkühnten, den Blick nach ihm zurückzulenken, Thränen führte. Aber Barbara Armadale war gerade das kleinste Frauchen, dem der Honigmonat nie enteilen konnte, weil es ein Honigmonat gewesen, dessen Heiterkeit die Heiterkeit ihres eigenen süßen, lieben Gemüts und ihrer allzeit fröhlichen Laune gewesen war. Bis zum heutigen Tage war »Alf« der Alf der Hochzeitsreise geblieben, nicht ganz mehr so sentimental natürlicherweise (vielleicht glücklicherweise), aber noch immer ganz so besorgt um Mrs. Armadale und noch immer im Vollbesitz des Vertrauens der Mrs. Armadale, als hätten sie viele Wochen hintereinander irdische Nahrung als etwas der Beachtung höchst unwürdiges angesehen und durch unentwegtes Starren nach dem Monde und Zitieren von Byron und Moore sich einen ganz schrecklichen und höchst unromantischen Schnupfen geholt. In Mrs. Armadales Augen gab es bloß ein Ding noch auf Erden, das Alf die Wage hielt, und dieses eine Ding war das Baby, und die einzigen Dinge, die ihnen die Wage halten konnten, waren die anderen beiden Kinder.

Karl – dieser bittere Karl Seymour – die Leser haben ihn mittlerweile gewiß erkannt – Karl Seymour, der rauh und streng und sarkastisch war, der für nichts Sinn und Interesse zeigte und sich oft in diesen trüben, verbitterten Tagen selbstsüchtig und eigenwillig zeigte: für diese junge Frau und Mutter mit dem liebevollen Herzen zeigte er eine Freundschaft und Liebe, wie sonst für keinen anderen Menschen. Sie machte ihn besser, sie läuterte ihn und übte einen Einfluß auf ihn so stark, wie er sich dessen niemals im Traume versehen hatte. Manchmal abends, wenn er an der offenen Kinderstubenthüre vorübergegangen war, hatte er den Blick hineingelenkt und sie gesehen, wie sie in dem tiefen Schaukelstuhle saß mit dem Baby an der Brust, während der ernste, blauäugige Johny in seinem weißen Nachtröckchen vor ihr kniete und langsam das alte, nimmer sterbende, nimmer verblassende »Vaterunser« gebetet hatte. Und dann, wenn er die erhabene Gruppe einen Augenblick lang betrachtet hatte, dann hatte er sich weggewandt, sich zufolge des Klanges der frommen kindlichen Worte dem Himmel um ein kurzes Stück näher glaubend.

Die Welt sagte von ihm, und mit Wahrheit, daß er ein selbstsüchtiger, geistsprühender, cynischer Mensch wäre, der Ruhm geerntet hatte, der reich war und sich um Welt und Menschen im allgemeinen wenig kümmerte. Leute frischen, gesunden Herzens gingen ihm aus dem Wege, trotzdem sie ihn bewunderten: Frauen, die wahren, treuen Herzens waren, beklagten ihn um seines verlorenen Lebens und seiner Verbittertheit willen. Freigebig und großmütig war er bis zur Verschwendung, Geld schien für ihn keinen Wert zu haben, und doch war er immer kalt und zynisch, verspottete die besten und schönsten Triebe des Mannes- und des Frauenherzens und erging sich in bissigen Sarkasmen, die sich mit seinem heiteren Witze vermischten. Kein böser Mensch – nicht im geringsten – immer ein ehrenhafter Gentleman, aber nichtsdestoweniger ein Mensch, der kaum vorwärts blicken konnte und sich nicht getraute, rückwärts zu blicken. Barbara hatte ihn bloß als ihren Bruder und Freund gekannt, als talentierten, volksbeliebten Künstler und immer als liebevollen, zärtlichen Bruder. Sie hatte ihn manchmal wohl ein bißchen satirisch gefunden, aber sonst hatte sie nichts an ihm auszusetzen.

»Es ist bloß Karls Weise so,« hatte sie gesagt, und ihrer Bewunderung keinen Abbruch geschehen lassen.

Eine brave Frau hätte ihn zum braven Mann machen können. Ein Mädchen, das weder brav noch wahr gewesen, hatte ihn, wie wir wissen, vorher zu dem gemacht, was er war.

Er lehnte sich auf das Ruhesofa zurück, als Barbara ihn verließ, und schloß die Augen. Er konnte ihre frische, helle Stimme im Vorhaus hören, als sie ihren Mann begrüßte und dann folgte die kleine Pause, die erraten ließ, daß sie den Mann küßte, der täglich dieses Zeichen der Liebe bei seiner Rückkehr nach Hause erhielt. Dann stiegen die beiden Leute zusammen die Treppe hinauf, und ein helles Jubelgeschrei aus Johnys und Klaras Munde brach hervor, als sie an der Thür der Kinderstube vorbeischritten.

Wenn ein solcher Kuß doch ihn hätte begrüßen können! Wenn solch ein fröhliches, heiteres Gesicht ihm allabendlich entgegengeleuchtet hätte! Wenn solche Kinderstimmen seinen Namen geschrieen hätten. Der Gedanke durchzuckte sein Herz und hinterließ dort einen dumpfen Schmerz.

Er liebte Käthe Davenant jetzt nicht. Manchmal sogar dachte er, er haßte sie; aber die alte Narbe zuckte trotz allem, trotz der Verachtung, die er in seinem Herzen zu nähren meinte, mit bitterem Weh. Drei Jahre – und sie war verblüht und vergrämt! und dieser Mann, der ihr Herr und Besitzer geworden, lieferte den Beweis dafür, daß er seine Macht kannte. War das möglich? Ein leichter Ekel durchrieselte ihn.

Während er dort mit geschlossenen Augen lag, glitten die vier Sommermonate wieder an ihm vorbei. Der erste Abend, als ihm Alice Farnham »die Circe« gezeigt hatte, wie sie den Berühmtheiten mit der Flammenglut in ihren Purpur-Augen zulächelte. Dann die verschiedenen Male, als er sie wieder und wieder traf, immer die beauté, immer mit der wundervollen Grazie, die die ganze gesellschaftliche Welt an ihren Triumphwagen kettete. Dann die Tage, als er von seiner Malerei den Blick nach der sternenäugigen Clytia gelenkt und unbewußt Inspirationen geschöpft hatte.

Er konnte die lustigen Musselinfalten wieder sehen, die auf dem Balkone schwebten, das intensive Licht aus dem hellen, schimmernden Haar und das nicht minder intensive Scharlachrot aus Wangen und Lippen. Er konnte fast das Geflüster der See wieder hören, während die herrliche Stimme ihm wieder in die Ohren tönte. Er hatte nicht vergessen – ach! konnt' er jemals vergessen? Die La Ballière, wie sie in dem trüben, weichen Lichte, mit dem weißen, aufwärts gerichteten Gesicht und den leidenschaftlichen Augen, auf dem Steinboden der Kapelle kniete, während die Kirchglocke mit ihrem feierlichen Klang die Worte ihres Gebets übertönte. Und dann schien der Mond über Klein Käthchens scharlachnes Röckchen, während sie mit ihrer von Thränen verschleierten Stimme ihr Lied sang. Ach! die Augen, die er an jenem Abend gesehen, die treuen, zärtlichen Augen, treu und zärtlich während dieses Augenblicks – als sie vor seinem Blicke sich senkten! Konnte dies alles – alles geendigt haben in diesem herzlosen Leben, in welchem, wie ihm jetzt erzählt wurde, das Weib, das er geliebt und dem er vertraut hatte, das Weib, das seine Seele in Nacht gesenkt, den Preis gewann, um deswillen sie alles verlor, zufolge dessen sie nun vergrämt und verblüht war? All sein Haß und seine Verachtung starben dahin in wehem Sehnen nach der Wahrheit, die er einst in seiner unschuldigen Kindesliebe gefühlt hatte. Er hatte ihr nicht vergeben, er meinte, dessen niemals fähig sein zu können; aber ach! wenn die tote Vergangenheit hätte wieder zurückkehren können!

Zum wenigsten eine Stunde lag er grübelnd da, bis die Flamme in dem Kamin erstorben war und nichts zurückgelassen hatte, als die rote Aschenglut, die ein reiches, wenn auch düsteres Licht über das Zimmer ergoß. Aber endlich that sich die Thür in der Kinderstube auf und Mrs. Armadale und ihr Gatte kamen lachend und schwatzend wieder herunter.

»Zu Bett gegangen, Karl?« fragte Barbara lustig.

»Nein? Wie finster es hier ist! Ich muß doch gleich nach Licht und nach dem Abendbrot klingeln.«

Sie setzte die Klingel in Bewegung.

Als der Thee hereingebracht worden war, setzte sie sich in der sonnigsten Laune an die Spitze der Tafel. Sie schnitt für Alf die kalte Zunge entzwei und machte die dünnste der belegten Butterbrotschnitten für ihn zurecht, während sie ihn die ganze Zeit über einen trägen Patron schalt, dabei aber doch immer aussah, als wenn sie sich über alles dies doch so recht herzlich freute. Karl wünschte doch ein recht großes Stück Zucker, nicht? und Alf drei? Baby hätte sein erstes Zähnchen bekommen – das liebe kleine Ding! und Klara könnte ohne Anstoß ihr Gebet hersagen, und Johny hätte seinen Papa, weil er's von der Mama so gehört, »lieber, guter Alf« genannt. Auf all' dies Geplauder hörten die beiden Männer mit neckischer Aufmerksamkeit zu. Die kleine Dame erzählte nicht etwa jedermann das Kinderstuben-Geplauder so haarklein, aber sie wußte, daß Karl und Alf es ganz gerne hörten.

»Und das beste von allem muß ich nun doch noch erzählen,« fuhr sie fort ... »Alf hat thatsächlich eine Gouvernante gefunden, Karl.«

»Was für eine Gouvernante denn? Aus dem fossilen Zeitalter, oder 'was anderes?«

»Ganz 'was anderes, ganz und gar 'was anderes!« sagte Alf. »Ich will mich auf keine Beschreibung einlassen, weil alle Beschreibung überflüssig sein würde – und außerdem ist's ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen, womit ich Dich zu überraschen wünsche, so, wie es mich überrascht hat.«

»Aber sie spricht Französisch?« deutete Barbara an.

»Und Deutsch und Italienisch,« erwiderte Alf. »Für Japanisch und Holländisch will ich mich nicht verbürgen, und bin mir auch nicht völlig sicher in betreff des Gälischen und Indischen; was aber alles andere anbetrifft, so bin ich meiner Sache sicher.«

»Klavier spielt sie doch auch?« erkundigte sich Mrs. Armadale weiter.

»Klavier, Orgel, Violine, Branjo, auch den Dudelsack, tanzt auf dem Drahtseil und macht equilibristische Kunststücke auf dem Trapez etcetera und singt komische Couplets.«

»Aber bitte, Alf,« sagte Mrs. Armadale, »bitte, sei doch ruhig und beantworte mir noch eine Frage – wie steht's mit der kirchlichen Gesinnung?«

»Ach!« versetzte ihr Gatte mit Ernst, »was diesen Punkt anbetrifft, so glaube ich, daß sie dem protestantischen Glauben anhängt. Da sie aber eine sehr gefällige junge Dame ist, so dürfte sie, glaube ich, gegen einen Religionswechsel keinen Einwand erheben. Für Johny sagen wir muhammedanisch, für Klara wählen wir das Mormonentum und für den kleinen Cherub schlagen wir uns zur Wiedertäufer-Sekte strengster Observanz. Hast Du sonst noch etwas auf dem Herzen, Schatz?«

Mrs. Armadale schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich bin vollständig zufriedengestellt. Aber wie heißt sie denn?«

Alf wollte gerade eines seiner belegten Brote nach dem Munde führen, und hielt in dieser Bewegung auf halbem Wege inne.

»Ist das aber dumm! Darnach zu fragen habe ich entweder ganz vergessen, oder der Name ist meinem Gedächtnis entschlüpft. Doch warte ein Weilchen! mir fällt's schon wieder ein! 's ist etwas, das mit David anfing. Aber, mach' nur deshalb nicht erst Witz, Bärbel! Morgen wirst Du sie ja sehen!«

Es bedurfte einiger Zeit, ehe Mr. Armadale einen angemessenen Begriff von dem ernsten und feierlichen Charakter der behandelten Frage gewann: endlich brachte ihn Mrs. Armadale doch auf den richtigen Standpunkt und erfuhr nun die einzelnen Umstände des Sachverhalts.

Es hatte sich auf seine Anzeige eine junge Dame persönlich gemeldet – ein Mädchen von echt aristokratischem Aussehen mit prächtigem, stolzen Gesicht und hellbraunem Haar.

»Und eine Stimme!« rief Mr. Armadale – »eine Stimme! Sie hörte sich gerade so an wie das Echo von einem Gesange – und einen Accent im Französischen sowohl wie im Deutschen! ich sage Dir, geradezu wunderbar! Sie sagte, sie hätte mehrere Jahre in Europa gelebt. Sie muß ein Leben hinter sich haben. Daß sie niemals zur Gouvernante erzogen worden, das ist leicht zu sehen. In ihrer Art, sich zu benehmen, kommt eine wirklich prächtige Vornehmheit, bei aller Ungezwungenheit zum Ausdruck!«

»Wie glücklich sich das trifft!« rief Barbara entzückt. »Ich wünsche, daß die Kinder die Sprachen durch die Rede lernen, nicht nach dem Buche, und daß wir uns auf ein Jahr etwa eine Reise nach Europa nicht leisten können, weißt Du doch! Ich bin so recht von Herzen froh darüber, Alfred!«

»Daß Du Dich freuen würdest, Bärbel, wußte ich,« gab er zur Antwort. »Aber laß uns ein bißchen Musik hören, Schatz! Ich will mir eine Cigarre anstecken, und dazu fehlt mir meine abendliche Sonate.«

Es wurde elf Uhr, ehe das Konzert zu Ende war; und dann begab sich Karl nach seinem Studierzimmer, denn er malte noch immer. Dort hielt er einen Vorhang in die Höhe und blickte auf zwei Bilder, die neben einander hingen – die beiden Bilder, die er vor drei Jahren in Newport gemalt hatte. Braun von Haar, mit purpurnen Augen und einem Gesicht von seltener Schönheit der Form, auf dem ein Ausdruck wunderbarer Süßigkeit und tadellosen Zaubers lag! Und dieses Weib – dieses Weib war »verblüht und vergrämt!«

Der Lichtschein vom Feuer her blitzte über die schönen, stillen Züge, und dann wurden sie von dem Schatten in Dunkelheit gehüllt. Er wandte sich ab und ließ die Bilder allein, um nach seinem Zimmer zu gehen und dort zu träumen von einem fremden Weibe, das die neue Gouvernante war und noch immer Käthe Davenants Gesicht zeigte und noch immer mit Käthe Davenants Stimme redete.

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