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Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel.

Meist Prunes und Prism.

Mrs. General, die beständig auf ihrem Kutschbock saß und die Anstandsgefühle tüchtig zusammenhielt, gab sich alle Mühe, ihrer inniggeliebten jungen Freundin eine Außenseite zu verleihen, und Mrs. Generals inniggeliebte Freundin gab sich alle Mühe, sie anzunehmen. So große Mühe sie sich in der arbeitsvollen Zeit ihres Lebens gegeben hatte, viel zu erreichen, größere Mühe hatte sie sich doch nie gegeben als eben jetzt, wo sie sich von Mrs. General firnissen lassen sollte. Es war ihr freilich übel zumute, wenn sie von dieser glättenden Hand an sich herumarbeiten lassen mußte: aber sie ergab sich in die Anforderungen der Familie in ihrer Größe, wie sie sich in die Anforderungen der Familie in ihrer Niedrigkeit gefügt, und achtete dabei auf ihre eigne Neigung so wenig als auf ihren Hunger in jenen Tagen, da sie ihr Mittagessen sich vom Munde abgespart, damit ihr Vater etwas am Abend habe.

Ein Trost, der ihr während dieser strengen Feuerprobe blieb, machte sie stärker und dankbarer, als es einem weniger hingebenden und liebevollen Wesen, das nicht an ihre Kämpfe und Opfer gewöhnt war, billig scheinen mochte: und man kann es wirklich oft im Leben beobachten, daß Gemüter, wie Klein-Dorrit, nicht halb so ängstlich auf Gründe achten wie die Leute, die sie benutzen. Die fortgesetzte Freundlichkeit ihrer Schwester war dieser Trost für Klein-Dorrit. Es war ihr gleichgültig, daß diese Freundlichkeit die Form nachsichtiger Gönnerschaft annahm: sie war daran gewöhnt. Es war ihr gleichgültig, daß sie dadurch in eine untergeordnete Stellung kam und hinter den glänzenden Wagen trat, in dem Miß Fanny auf einem erhabenen Sitze saß und Huldigung erwartete; sie suchte keinen bessern Platz. Fannys Schönheit und Anmut und Geistesgegenwart stets bewundernd, und sich nicht fragend, wieviel von ihrer Neigung, sich Fanny anhänglich zu erweisen, wirklich aus ihrem Herzen kam, und wieviel Fanny daran teilhatte, weihte sie ihr alle schwesterliche Liebe, deren ihr großes Herz fähig war.

Die großartige Einfuhr von Prunes und Prism in das Familienleben, die Mrs. General besorgte, verbunden mit Miß Fannys fortdauerndem Verkehr mit der Gesellschaft, ließen nur noch einen ganz geringen Rest von natürlichem Niederschlag am Boden der Mixtur zurück. Dies machte vertrauliche Gespräche mit Fanny doppelt wertvoll für Klein-Dorrit, und erhöhte den Genuß, den sie ihr brachten.

»Amy«, sagte Fanny zu ihr, als sie am Abend eines Tages sich allein befanden, der so ermüdend gewesen, daß Klein-Dorrit ganz erschöpft war, indes Fanny mit dem größten Vergnügen von der Welt noch einmal in Gesellschaft gegangen wäre, »ich will dir mal etwas in deinen kleinen Kopf zu bringen suchen. Du wirst wohl nicht ahnen, was es ist.«

»Ich glaube allerdings nicht, meine Liebe«, sagte Klein-Dorrit.

»Nun, ich will dir einen Leitfaden an die Hand geben,« sagte Fanny. »Mrs. General.«

Da Prunes und Prism in tausend Kombinationen den ganzen Tag bis zur Ermüdung die Tagesordnung gebildet – da alles Außenseite und Firnis und Schaugepränge ohne innern Gehalt war – so sah Klein-Dorrit aus, als wenn sie gehofft, Mrs. General sei für einige Stunden glücklich in ihrem Bett begraben.

»Ahnst du jetzt, Amy?« sagte Fanny.

»Nein, meine Liebe. Wenn ich nicht gar etwas getan habe«, sagte Klein-Dorrit, ziemlich ängstlich besorgt, indem sie damit auf einen Sprung im Firnis und eine Falte in der glatten Außenseite zielte.

Fanny amüsierte diese Besorgnis so sehr, daß sie ihren Lieblingsfächer nahm (sie saß nämlich an ihrem Ankleidetisch mit dem Arsenal von grausamen Instrumenten um sich, die meistens vom Herzblut Sparklers dampften) und ihre Schwester häufig damit auf die Nase tupfte, wobei sie beständig lachte.

»O Amy, Amy!« sagte Fanny. »Was für ein schüchternes Gänschen unsre Amy ist! Aber dabei ist nichts zu lachen. Im Gegenteil, ich bin sehr ärgerlich, meine Liebe.«

»Wenn nicht über mich, Fanny, so ist es mir gleichgültig«, versetzte ihre Schwester lächelnd.

»Ah! aber mir ist es nicht gleichgültig«, sagte Fanny, »und dir ebensowenig, wenn ich dir's sage. Amy, ist es dir nie aufgefallen, daß jemand außerordentlich höflich gegen Mrs. General ist?«

»Jedermann ist höflich gegen Mrs. General«, sagte Klein-Dorrit. »Weil –«

»Weil die Leute bei ihr vor Kälte höflich werden?« unterbrach sie Fanny. »Ich meine das nicht; ganz anderes. Sieh! Ist es dir nie aufgefallen, Amy, daß Papa außerordentlich höflich gegen Mrs. General ist?«

Amy murmelte »nein« und war sehr bestürzt.

»Nicht, wirklich nicht. Aber er ist es«, sagte Fanny, »er ist es, Amy. Und erinnere dich meines Worts, Mrs. General hat Absichten auf Papa.«

»Liebe Fanny, hältst du es für möglich, daß Mrs. General auf irgend jemanden Absichten hat?«

»Ob ich es für möglich halte?« warf Fanny ein. »Meine Liebe, ich weiß es. Ich sage dir, sie hat Absichten auf Papa. Und mehr als das, ich sage dir, Papa hält sie für solch ein Wunder, für solch ein Muster von vollendeter Bildung und solch einen Gewinn für unsre Familie, daß er jeden Augenblick bereit ist, sich ganz von ihr verblenden zu lassen. Und das bietet uns eine hübsche Aussicht für die Zukunft. Denk dir mich mit Mrs. General als Mama!«

Klein-Dorrit antwortete nicht: »Denke dir mal mich mit Mrs. General als Mama«, sondern sah ängstlich drein und fragte ernstlich danach, was Fanny auf diese Vermutung gebracht.

»Na, na, mein Liebling«, sagte Fanny schnippisch. »Du könntest mich ebensogut fragen, wie ich wisse, daß ein Mann in mich verliebt ist: Aber ich weiß es ganz natürlich. Es geschieht ziemlich oft, aber ich weiß es immer. Ich weiß es diesmal vermutlich ziemlich auf die gleiche Weise. Jedenfalls weiß ich es.«

»Du hörtest doch Papa nie etwas sagen?«

»Etwas sagen?« wiederholte Fanny. »Mein allerliebster kleiner Engel, was nötigte ihn bis jetzt, etwas zu sagen?«

»Und du hörtest nie Mrs. General etwas sagen?«

»Ei du meine Güte, Amy«, versetzte Fanny, »ist sie die Frau dazu, etwas zu sagen? Ist es denn nicht vollkommen klar und deutlich, daß sie für den Augenblick nichts zu tun hat, als sich aufrecht zu halten, ihre verwünschten Handschuhe anzubehalten und die Schleppe weit hinausfliegen zu lassen? Etwas sagen! Wenn sie den besten Trumpf im Whist in Händen hätte, sie würde nichts sagen. Es würde erst herauskommen, wenn sie ihn ausspielte.«

»Du kannst dich täuschen, Fanny. Oder meinst du nicht?«

»O ja, es ist möglich«, sagte Fanny, »aber ich irre mich diesmal nicht. Indessen freue ich mich doch, daß du dir solch eine Hintertür denken kannst, mein liebes Kind, und freue mich, daß du die Sache vorderhand hinlänglich kaltblütig aufzunehmen imstande bist, um dir einen solchen Fall möglich zu denken. Es läßt mich hoffen, daß du auch imstande sein werdest, diese Verbindung ruhig hinzunehmen. Mir wäre das nicht möglich, und ich würde es auch gar nicht versuchen, mich daran zu gewöhnen. Ich würde lieber den jungen Sparkler heiraten.«

»Oh, du würdest ihn sicher unter keinen Umständen heiraten.«

»Auf mein Wort, meine Liebe«, entgegnete das junge Mädchen mit der größten Gleichgültigkeit, »ich könnte wirklich nicht mit Bestimmtheit dafür einstehen. Niemand weiß, was geschehen könnte. Namentlich, da mir dadurch später mancherlei Gelegenheit geboten wäre, jenes Weib, seine Mutter, in ihrem eignen Stil zu behandeln. Und ich würde sicherlich nicht lange anstehen, das zu tun, Amy.«

Es kam diesmal nicht weiter zur Verhandlung zwischen den beiden Schwestern; aber was vorgekommen, rückte die beiden Fragen über Mrs. General und Mr. Sparkler in den Vordergrund von Klein-Dorrits Gemüt, und sie dachte fortan sehr viel an beide.

Da Mrs. General schon längst ihre eigne Außenseite vollkommen ausgebildet hatte, daß man, was darunter war, nicht entdecken konnte (wenn je etwas drunter war), so war in dieser Richtung keine Beobachtung zu machen. Mr. Dorrit war unleugbar sehr höflich gegen sie und hatte eine sehr hohe Meinung von ihr: aber Fanny, ungestüm in den meisten Fällen, konnte sich trotzdem sehr irren. Die Sparklersche Frage dagegen stand ganz anders, da jedermann sehen konnte, was vorging, und Klein-Dorrit sah es und dachte darüber nach, indem ihr mancherlei Zweifel und Fragen dabei aufstiegen.

Die Hingebung von Mr. Sparkler war nur mit der Launenhaftigkeit und Grausamkeit derjenigen zu vergleichen, die ihn zu ihrem Sklaven gemacht. Bisweilen zeichnete sie ihn so auffallend aus, daß er vor lauter Freude kicherte; am nächsten Tage oder in der nächsten Stunde beachtete sie ihn mit keinem Blick und schleuderte ihn in einen solchen Abgrund von Vergessenheit, daß er unter dem ärmlichen Vorwand, er habe Husten, ächzte. Die Ausdauer seiner Aufmerksamkeit rührte Fanny durchaus nicht; obschon er so unzertrennlich von Edward war, daß, wenn dieser sich endlich mal nach einer andern Gesellschaft sehnte, er zu dem unangenehmen Ausweg genötigt war, wie ein Verschwörer sich in verdeckten Booten und durch geheime Türen und Hinterpförtchen auf und davon zu machen; obschon er ferner so unermüdlich in der Nachfrage nach Mr. Dorrits Befinden war, daß er jeden andern Tag vorsprach, um sich zu erkundigen, als wenn Mr. Dorrit die Beute eines Wechselfiebers wäre; obschon er sich ferner so beständig vor den Hauptfenstern auf und ab rudern ließ, daß man hätte vermuten können, er habe eine Wette um einen bedeutenden Einsatz gemacht, sich in tausend Stunden tausend Meilen rudern zu lassen; obschon endlich, sobald die Gondel seiner Herrin das Tor verließ, die Gondel von Mr. Sparkler aus irgendeinem Wasserversteck hervorschoß und Jagd auf sie machte, als wenn sie eine hübsche Schmugglerin und er ein Zollbeamter wäre. Vielleicht war es dieser Kräftigung seiner von Natur starken Konstitution durch die häufige Bewegung in der freien Luft und den Einflüssen des Salzwassers zuzuschreiben, daß Mr. Sparkler äußerlich nicht abfiel; was jedoch auch die Ursache sein mochte, er hatte so wenig Hoffnung, seine Herrin durch einen traurigen Zustand seiner Gesundheit zu rühren, daß er jeden Tag dicker wurde, und diese Eigentümlichkeit in seiner Erscheinung, durch die er mehr wie ein geschwollener Junge als wie ein junger Mann aussah, entwickelte sich in außerordentlichem Grad zu rotbäckiger Fettsucht aus.

Als Blandois vorsprach, um einen Besuch zu machen, empfing ihn Mr. Dorrit mit Zuvorkommenheit als den Freund von Mr. Gowan und erwähnte gegen ihn seine Idee, Mr. Gowan zu beauftragen, ihn auf die Nachwelt zu bringen. Da Blandois sie bis in die Wolken erhob, fiel es Mr. Dorrit ein, daß es Blandois vielleicht angenehm wäre, die große Gelegenheit, die seiner wartete, sein Talent zu entfalten, ihm mitzuteilen. Blandois nahm den Auftrag in seiner eigentümlich leichten und eleganten Weise an und schwur, er werde sich seiner entledigen, ehe er eine Stunde älter sei. Als er Gowan die Nachricht brachte, wünschte dieser Meister mit großer Freigebigkeit ein volles dutzendmal Mr. Dorrit zum Teufel (denn er ärgerte sich über Gönnerschaft fast ebensosehr, als er sich über den Mangel an Gönnerschaft ärgerte) und hatte gute Lust, sich mit seinem Freunde zu zanken, daß er ihm diese Botschaft gebracht.

»Es mag eine Schwäche meines Kopfes sein, Blandois«, sagte er, »aber ich will gleich sterben, wenn ich einsehe, was Sie damit zu tun haben.«

»Tod und Teufel«, versetzte Blandois, »auch ich weiß es nicht; nur glaubte ich, meinem Freunde einen Dienst damit zu erweisen.«

»Indem Sie ihm das Mietgeld eines Emporkömmlings in die Tasche schoben?« sagte Gowan und zog die Stirn zusammen. »Meinen Sie das? Sagen Sie Ihrem Freunde, er solle seinen Kopf für das Schild eines Wirtshauses malen lassen, und zwar durch einen Schildermaler. Wer bin ich und wer ist er?«

»Professore«, versetzte der Abgesandte, »wer ist Blandois?«

Ohne sich, wie es schien, für die letztere Frage im mindesten zu interessieren, pfiff sich Gowan ärgerlich Mr. Dorrit aus dem Sinn. Am folgenden Tage nahm er die Sache jedoch wieder auf, indem er in seiner ungezwungenen Weise und mit einem den Gegenstand des Gesprächs herabsetzenden Lächeln sagte: »Nun, Blandois, wann wollen wir zu Ihrem Mäzen gehen? Wir Handwerker müssen Aufträge annehmen, wo wir welche bekommen können. Wann wollen wir gehen und uns diesen Auftrag ansehen?«

»Wann Sie wollen«, sagte der gekränkte Blandois, »wie es Ihnen gefällig. Was habe ich damit zu tun? Was geht es mich an?«

»Ich kann Ihnen sagen, was es mich angeht«, sagte Gowan. »Das gibt Brot und Käse. Man muß gegessen haben! So kommen Sie denn, mein Bandois.«

Mr. Dorrit empfing sie in Gegenwart seiner Töchter und Mr. Sparklers, der durch einen überraschenden Zufall gerade eben auch seinen Besuch machte. »Wie geht es Ihnen, Sparkler?« sagte Gowan flüchtig. »Wenn Sie mal von Ihrem Mutterwitz leben müssen, alter Junge, so hoffe ich, wird es Ihnen besser gehen als mir.«

Mr. Dorrit erwähnte sodann seinen Vorschlag. »Sir«, sagte Gowan lachend, nachdem er denselben sehr nachsichtig aufgenommen, »ich bin neu im Handwerk und nicht erfahren in seinen Geheimnissen. Ich glaube, ich sollte Sie in verschiedenem Lichte betrachten, Ihnen sagen, daß Sie ein vortrefflicher Vorwurf seien, und dann erwähnen, wann ich hinreichend Muße haben werde, um mich mit der nötigen Begeisterung dem schönen Bild zu widmen, das ich von Ihnen zu machen gedenke. Ich gebe Ihnen die Versicherung«, fuhr er fort und lachte wieder, »mir ist ganz zumute, als wäre ich ein Verräter im Lager dieser lieben, begabten, guten edlen Jungen, meiner Kunstkollegen, weil ich den Hokuspokus nicht besser mache. Aber ich bin nicht dazu erzogen, und jetzt ist es zu spät, es zu lernen. Nun steht die Sache so, ich bin ein sehr schlechter Maler, aber nicht viel schlechter, als alle im allgemeinen sind. Wenn Sie Lust haben, hundert Guineen ungefähr wegzuwerfen, so bin ich so arm, wie ein armer Verwandter von vornehmen Leuten gewöhnlich zu sein pflegt, und ich werde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie sie an mich wegschleudern wollen. Ich werde mein Bestes für das Geld zu leisten suchen; und wenn dies Beste schlecht sein sollte, so haben Sie wahrscheinlich ein schlechtes Bild mit einem kleinen Namen dazu, statt eines schlechten Bildes mit einem großen Namen.«

Dieser Ton, obgleich nicht das, was man erwartet, gefiel Mr. Dorrit im ganzen merkwürdig gut. Er zeigte, daß der Künstler, der von hoher Verwandtschaft und kein bloßer Arbeiter, sich ihm verpflichtet fühlen würde. Er drückte seine Befriedigung darüber aus, indem er sich in Mr. Gowans Hände gab, und sprach die Erwartung aus, daß sie wohl auch das Vergnügen haben würden, sich in ihrer Eigenschaft als Privatleute näher kennenzulernen.

»Sie sind sehr gütig«, sagte Gowan. »Ich habe die Gesellschaft nicht verschworen, als ich mich der Zunft vom Pinsel anschloß (die angenehmsten Jungen von der Welt), und ich bin ganz froh, wenn ich dann und wann das alte feine Schießpulver riechen kann, wenn es mich auch in die Luft hinauf und in meinen gegenwärtigen Beruf hineinschleuderte. Sie werden nicht glauben, Mr. Dorrit«, und dabei lachte er wieder in der leichtfertigsten Weise, »daß ich in diese Freimauerei der Zunft hineinkomme – denn das ist nicht der Fall; meiner Treu, ich kann nicht umhin, sie auf Schritt und Tritt zu verraten, obgleich ich, beim Jupiter, die Zunft mit all meiner Macht liebe und ehre –, wenn ich eine Bedingung bezüglich des Orts und der Zeit mache.«

Ha! Mr. Dorrit konnte wirklich – hm – keinen Verdacht der Art bei Mr. Gowans Offenheit schöpfen.

»Ich muß es wiederholen. Sie sind sehr gütig«, sagte Gowan. »Mr. Dorrit, ich höre, Sie gehen nach Rom. Ich gehe gleichfalls nach Rom, wo ich Freunde habe. Lassen Sie mich die Ungerechtigkeit, die ich Ihnen anzutun geschworen habe, dort beginnen – nicht hier. Wir werden während des Restes unseres Hierseins alle sehr viel zu tun haben; und obschon es in Venedig keinen ärmern Menschen mit heilen Ellbogen gibt als mich, habe ich doch noch nicht so ganz den Kunstfreund abgelegt – verrate die Zunft schon wieder, wie Sie sehen – und kann mich nicht so in der Eile an die Arbeit machen, bloß um des Tagelohns willen.«

Diese Bemerkungen wurden nicht weniger günstig von Mr. Dorrit aufgenommen als die früheren. Sie waren das Vorspiel des ersten Empfangs von Mr. und Mrs. Gowan bei einem Mittagessen, und sie stellten Gowan geschickt in der Familie auf den Boden, den er gewöhnlich einnahm.

Auch seine Frau stellten sie auf den Boden, den sie gewöhnlich einnahm. Miß Fanny wurde mit besonderer Deutlichkeit zu verstehen gegeben, daß Mrs. Gowans Schönheit ihrem Manne sehr teuer zu stehen gekommen, daß es ihretwegen eine große Störung in der Familie Barnacle gegeben, und daß die verwitwete Mrs. Gowan fast mit gebrochenem Herzen sich entschlossen der Heirat widersetzt, bis sie von ihren mütterlichen Gefühlen überwältigt worden. Mrs. General bekam in gleicher Weise deutlich zu hören, daß diese Neigung viel Kummer und Zwietracht in der Familie hervorgerufen. Von dem wackern Mr. Meagles wurde kein Wort erwähnt; nur, daß es für einen derartigen Menschen ganz natürlich sei, wenn er wünsche, seine Tochter aus seiner eignen dunklen Stellung emporzuheben, und daß ihn niemand tadeln könnte, wenn er in dieser Hinsicht sein Bestes täte.

Klein-Dorrits Interesse an dem schönen Gegenstande dieses nur gar zu leicht angenommenen Glaubens war zu ernst und aufmerksam, um der genauen Beobachtung zu ermangeln. Sie konnte sehen, daß dieser seinen Teil daran hatte, wenn auf Mrs. Gowan auch nur ein flüchtiger Schatten fiel, unter dem sie lebte, und sie hatte sogar ein instinktmäßiges Wissen davon, daß durchaus nicht das geringste Wahre daran war. Aber er hatte den Einfluß, daß er ihrem Verkehr mit Mrs. Gowan Hindernisse in den Weg legte, indem er die Schule der Prunes und Prism veranlaßte, sehr höflich, aber nicht sehr vertraulich mit ihr zu sein; und Klein-Dorrit, als gezwungener Famulus dieses Kollegiums, mußte sich demütig seinen Anordnungen unterwerfen.

Nichtsdestoweniger hatte sich bereits ein sympathisches Einverständnis zwischen beiden hergestellt, das ihnen selbst über größere Schwierigkeiten hinweggeholfen haben würde und auch aus einem beschränkteren Verkehr eine Freundschaft entwickelt hätte. Wie wenn der Zufall entschlossen gewesen, dieser günstig zu sein, fanden sie eine neue Bestätigung ihrer Geistesverwandtschaft in der Abneigung, die jedes von beiden das andere gegen Blandois von Paris hegen sah: eine Abneigung, die den Grad des Widerwillens und des Schauers einer natürlichen Antipathie gegen ein häßliches Geschöpf aus der Klasse der Reptilien erreichte.

Und außer dieser aktiven Geistesverwandtschaft gab es auch noch eine passive zwischen ihnen. Gegen beide benahm sich Blandois in derselben Weise; und gegen beide hatte sein Benehmen ohne Ausnahme etwas an sich, wovon beide wußten, daß es von seinem Benehmen gegen andere abweiche. Der Unterschied war zu unmerklich in seinem Ausdruck, daß die andern es hätten bemerken können. Ein bloßes Zucken seiner falschen Augen, eine flüchtige Bewegung seiner weichen weißen Hand, ein bloßes Haarbreit mehr beim Senken seiner Nase und dem Emporziehen seines Schnurrbarts bei der am häufigsten vorkommenden Bewegung seines Gesichts zeigte beiden gleicherweise, daß sein Großtun ihnen galt.

Dies hatten sie beide nie in solchem Grade gefühlt, und nie von jeder einzelnen in Beziehung auf die andre, als eines Tages, da er zu Mr. Dorrit kam, um von ihm Abschied zu nehmen, ehe er Venedig verlasse. Mrs. Gowan war in gleicher Absicht anwesend, und er fand diese beiden allein, da die übrige Familie ausgegangen war. Die beiden Freundinnen waren noch nicht fünf Minuten beisammen, und sein eigentümliches Benehmen schien ihnen zu sagen: »Sie wollten über mich sprechen. Ha! Sehen Sie, ich bin da, es zu verhindern!«

»Gowan kommt auch?« sagte Blandois mit feinem Lächeln.

Mrs. Gowan sagte: nein.

»Nicht!« sagte Blandois. »Erlauben Sie Ihrem ergebenen Diener, wenn Sie weggehen, Sie nach Hause zu begleiten?«

»Danke: ich gehe nicht nach Hause.«

»Nicht nach Hause!« sagte Blandois. »Dann bin ich verloren.«

Das mochte er sein: aber er war nicht so unklug, daß er weggegangen und sie allein gelassen hätte. Er blieb sitzen und unterhielt sie mit seinen feinsten Komplimenten und seinen gewähltesten Redensarten. Aber die ganze Zeit ließ er sie merken: »Nein, nein, nein, liebe Dame. Sehen Sie, ich bin ausdrücklich in der Absicht hier, es zu verhindern!«

Er ließ sie dies mit so vielen Hintergedanken merken, und er besaß eine so teuflische Ausdauer, daß Mrs. Gowan endlich aufstand, um sich zu entfernen. Als er Mrs. Gowan die Hand bot, um sie die Treppe hinabzuführen, behielt sie Klein-Dorrits Hand mit einem vorsichtigen Druck in der ihren und sagte: »Nein, ich danke. Wenn Sie jedoch die Güte haben wollen, zu sehen, ob mein Gondelier da ist, so werde ich Ihnen sehr verbunden sein.«

Es blieb ihm keine Wahl, als vor ihnen hinabzugehen. Als er dies mit dem Hut in der Hand tat, flüsterte Mrs. Gowan:

»Er hat den Hund umgebracht.«

»Weiß das Mr. Gowan?« flüsterte Klein-Dorrit.

»Niemand weiß es. Sehen Sie mich nicht an, blicken Sie nach ihm hin. Er wird sich augenblicklich umdrehen. Niemand weiß es, aber ich bin überzeugt, daß er es getan. Sie nicht auch?« »Ich – ich glaube ja«, antwortete Klein-Dorrit.

»Henry hat ihn lieb und will nichts Böses von ihm denken. Er ist selbst so edel und offenherzig. Aber wir beide fühlen wohl, daß wir von ihm denken, wie er es verdient. Er redete Henry ein, der Hund sei schon vergiftet gewesen, als er sich plötzlich so verändert und auf ihn losgesprungen. Henry glaubt es, aber wir nicht. Ich sehe, er lauscht, aber er kann nicht hören. Leben Sie wohl, meine Liebe! Leben Sie wohl!«

Die letzten Worte wurden ausgesprochen, als der wachsame Blandois stehenblieb, den Kopf umwandte und vom Fuße der Treppe zu ihnen emporschaute. Er sah wahrhaftig in diesem Augenblick, obgleich er seine höfliche Miene annahm, gerade aus, wie wenn jeder echte Menschenfreund nichts Besseres zu tun hätte, als ihm einen großen Stein an den Hals zu hängen und ihn in das Wasser zu werfen, das unter dem dunklen gewölbten Torweg floß, in dem er stand. Da kein solcher Wohltäter der Menschheit im Augenblick zur Hand war, half er Mrs. Gowan in das Boot und blieb stehen, bis es aus dem engen Gesichtskreis verschwunden war: dann stieg er in sein eigenes Boot und folgte.

Klein-Dorrit stieß bisweilen der Gedanke auf, und dies war in diesem Augenblick, da sie die Treppe hinaufging, wieder der Fall, daß er zu rasch seinen Weg in ihres Vaters Haus gefunden. Aber so manche und so verschiedene Leute taten dasselbe, da Mr. Dorrit an der gleichen Gesellschaftssucht litt wie seine älteste Tochter, so daß es kaum ein Ausnahmefall genannt werden konnte. Eine wahre Wut, Bekanntschaften zu machen, denen er seinen Reichtum und seine Wichtigkeit zum Bewußtsein führen konnte, hatte das Haus Dorrit ergriffen.

Es kam Klein-Dorrit im ganzen vor, als wenn diese Gesellschaft, in der sie jetzt lebten, große Ähnlichkeit mit einer vornehmeren Art von Marschallgefängnis hätte. Eine Masse von Menschen schien aus denselben Gründen ins Ausland zu gehen, wie andre ins Gefängnis: wegen Schulden oder aus Trägheit, verwandtschaftshalber, aus Neugier und allgemeiner Unfähigkeit, zu Hause fortzukommen. Sie kamen in diese fremden Städte unter der Obhut eines Kuriers und Lohnbedienten, gerade wie man die Schuldner in das Gefängnis brachte. Sie schlenderten in den Kirchen und Gemäldegalerien gerade so traurig wie auf dem Gefängnishofe umher. Sie waren gewöhnlich im Begriff, morgen oder die nächste Woche wegzugehen, und wußten selten, was sie eigentlich wollten, und taten selten, was sie tun wollten: in allem ganz wie die Schuldner im Gefängnis. Sie bezahlten teuer für schlechte Bequemlichkeit und verschrien einen Ort, während sie vorgaben, daß er ihnen gefalle; ganz wie im Marschallgefängnis. Sie wurden, wenn sie fortgingen, von Leuten beneidet, die zurückblieben und taten, als ob ihnen am Weggehen nichts gelegen wäre: und das war abermals die unveränderliche Gewohnheit im Marschallgefängnis. Eine gewisse Masse von Worten und Phrasen, die dem Touristen so eigentümlich, als das Kollegium und die Snuggery dem Gefängnis, war beständig in ihrem Munde. Sie hatten genau dieselbe Unfähigkeit, etwas Bestimmtes zu treiben, wie die Gefangenen; sie verdarben sich, wie die Gefangenen, gegenseitig und trugen unpassende Kleider und verfielen einem schlaffen Leben: ganz wie die Leute im Marschallgefängnis.

Die Zeit des Aufenthalts der Familie in Venedig nahte ihrem Ende, und sie begaben sich mit ihrem Gefolge nach Rom. Durch eine zweite Reihe der früheren italienischen Szenen, die immer schmutziger und häßlicher wurden, je weiter sie kamen, und sie endlich in Gegenden führte, wo selbst die Luft verdorben und krank ist, gelangten sie an den Ort ihrer Bestimmung. Es war eine schöne Wohnung für sie auf dem Korso gemietet worden, und dort schlugen sie ihren Sitz auf: in einer Stadt, wo alles still zu sein schien, für immer auf den Trümmern von etwas bemüht zu stehen – mit Ausnahme des Wassers, das ewigen Gesetzen treu aus der Masse von herrlichen Springbrunnen herabplätscherte und fortrauschte.

Hier war es Klein-Dorrit, als wenn eine Veränderung mit dem Marshallseageist ihrer Gesellschaft vorgegangen wäre und Prunes und Prism die Oberhand gewönnen. Jedermann ging in der Peterskirche und im Vatikan auf den Korkbeinen andrer Leute umher und preßte jeden sichtbaren Gegenstand durch andrer Leute Sieb. Niemand sagte, was etwas war, sondern jedermann sagte, was Mrs. General, Mr. Eustace oder sonst jemand darüber gesagt. Die ganze Masse der Reisenden schien eine Sammlung freiwilliger Menschenopfer zu sein, die, gebunden an Händen und Füßen, Mr. Eustace und seinen Helfershelfern überliefert wurden, damit er ihnen die Eingeweide ihres Verstandes nach dem Geschmack jener geheiligten Priesterschaft zurechtlege. Durch die verwitterten Reste von Tempeln und Grabdenkmälern und Palästen und Senatshallen und Theatern und Amphitheatern des Altertums suchten Scharen moderner Menschen mit gefesselten Zungen und verbundenen Augen ängstlich ihren Weg, beständig die Worte Prunes und Prism wiederholend und bestrebt, ihre Lippen in die angenommene Form zu bringen. Mrs. General war ganz in ihrem Element. Niemand hatte eine Meinung. In erstaunlichem Grade macht in ihrer Umgebung die Bildung der Außenseite Fortschritte, und nicht die leiseste Spur von Mut und offener freier Sprache war zu entdecken.

Eine andere Modifikation von Prunes und Prism drang sich Klein-Dorrits Beobachtung ganz kurz nach ihrer Ankunft auf. Sie bekamen sehr bald einen Besuch von Mrs. Merdle, die diesen Winter in der ewigen Stadt jenes ausgedehnte Departement des Lebens besorgte, und die geschickte Art, wie sie und Fanny miteinander bei dieser Gelegenheit fochten, ließ ihre ruhige Schwester, wie beim Blitzen von Degen, mit den Augen blinzeln.

»Ich bin entzückt«, sagte Mrs. Merdle, »eine Bekanntschaft wieder aufzunehmen, die unter so günstigen Auspizien zu Martigny angeknüpft worden.«

»In Martigny, ja, ja«, sagte Fanny. »Ebenfalls ganz entzückt.«

»Ich erfahre von meinem Sohne Edmund«, sagte Mrs. Merdle, »daß er bereits diese zufällige Gelegenheit sich zunutze gemacht. Er ist ganz bezaubert von Venedig zurückgekommen.«

»Wirklich«, versetzte Fanny gleichgültig. »War er lange dort?«

»Ich möchte Sie mit dieser Frage an Ihren Herrn Vater verweisen«, sagte Mrs. Merdle, indem sie ihren Busen diesem zuwandte, »da Edmund ihm zu großem Dank verpflichtet ist, daß er ihm seinen Aufenthalt so ungemein angenehm gemacht hat.«

»O bitte, sprechen Sie nicht davon«, versetzte Fanny. »Ich glaube, Papa hatte das Vergnügen, Mr. Sparkler zwei- bis dreimal einzuladen, – aber das war ja nichts. Wir hatten so viele Leute bei uns und hielten so offenes Haus, daß, wenn er dies Vergnügen hatte, es weniger als nichts war.«

»Ausgenommen, meine Liebe«, sagte Mr. Dorrit, »ausgenommen – ha –, daß es mir ungewöhnliche Befriedigung gewährte, auf – hm – jede Weise an den Tag zu legen, so unbedeutend und schwach dies auch geschehen mochte –, welch – ha, hm – hohe Achtung ich – ha – gemeinschaftlich mit der übrigen Welt für einen so ausgezeichneten und fürstlichen Charakter wie Mr. Merdle hege.«

Der Busen empfing diesen Tribut in seiner gewinnendsten Weise. »Mr. Merdle«, bemerkte Fanny, als ein Mittel, Mr. Sparkler in den Hintergrund treten zu lassen, »ist, wie Sie wissen müssen, ein Lieblingsthema von Papa, Mrs. Merdle.«

»Ich bin bitter enttäuscht worden, Madame«, sagte Mr. Dorrit, »als ich von Mr. Sparkler erfahren mußte, daß keine große Wahrscheinlichkeit vorhanden ist, Mr. Merdle werde hierherkommen.«

»Er ist allerdings so sehr beschäftigt«, sagte Mrs. Merdle, »und in Anspruch genommen, daß ich es gleichfalls fürchten muß. Er ist seit Jahren nicht imstande gewesen, eine Reise zu machen. Sie, Miß Dorrit, sind, glaube ich, seit langer Zeit fortwährend im Auslande.«

»O ja«, sagte Fanny mit der größten Keckheit. »Eine ungeheure Zahl von Jahren.«

»Das hätte ich annehmen sollen.«

»Ganz recht«, sagte Fanny.

»Ich hoffe indes«, fuhr Mr. Dorrit fort, »daß, wenn ich nicht den großen Vorteil genieße, mit Mr. Merdle diesseits der Alpen oder des Mittelmeers bekannt zu werden, ich dieser Ehre mich bei meiner Rückkehr nach England erfreuen werde. Es ist eine Ehre, die ich besonders erwünsche und hoch anschlagen werde.«

»Mr. Merdle«, sagte Mrs. Merdle, die Fanny bewundernd durch ihr Augenglas angesehen, »wird es sich gewiß nicht minder zur Ehre schätzen.«

Vornehmer Besuch bei dem vornehm gewordenen Mr. Dorrit.

Klein-Dorrit, die noch immer nachdenklich und einsam, wenn auch nicht mehr allein war, glaubte anfangs, dies sei lauter ›Prunes‹ und ›Prism‹. Als ihr Vater jedoch, nachdem sie einem glänzenden Empfang bei Mrs. Merdle beigewohnt, an ihrem eignen Frühstückstisch wieder seinen Wunsch herableierte, Mr. Merdle kennenzulernen, und die Hoffnung damit verband, durch den Rat dieses Wundermanns bei der Anlegung seines Vermögens zu profitieren, begann sie zu glauben, daß das wirklich etwas zu bedeuten habe, und nun auch ihrerseits eine gewisse Neugierde zu hegen, das strahlende Licht des Zeitalters zu sehen.

 

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