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Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20180816
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Sechstes Kapitel.

Etwas richtig irgendwo.

In dem schwankenden Zustande von Mr. Henry Gowan sich zu befinden, eine der beiden Mächte mit Abneigung verlassen zu haben, dabei aber die nötigen Eigenschaften zu entbehren, um Förderung durch eine andere zu finden, und verstimmt und beide verwünschend auf neutralem Boden sich umherzutreibcn, das heißt sich in einer für das Gemüt höchst verderblichen Lage befinden, die die Zeit schwerlich bessern wird. Die schlimmste Art von Summe, die in der Alltagswelt zusammengebracht wird, ist die von kranken Arithmetikern berechnete, die bei den Verdiensten und Erfolgen anderer die Subtraktion anwenden und bei ihren eigenen niemals die Addition.

Und dann die Gewohnheit, eine Art von Ersatz in dem mißvergnügten Schwatzen von Enttäuschung zu finden, ist ein gewöhnliches Zeichen der Verdorbenheit. Daraus entsteht dann bald eine gewisse Art von träger Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit gegen den Bestand der Dinge. Würdige und nützliche Dinge durch unwürdige und unnützliche herunterzusetzen, ist eines von den verkehrten Vergnügen dieser Leute; und man kann mit der Wahrheit auf keinerlei Weise spielen, ohne daß sie dabei verlöre.

In seinen Aussprüchen über Werke der Malerei, die alles Verdienstes entbehrten, war Gowan der liberalste Mensch, den man sich denken kann. Er erklärte gewöhnlich, solch ein Mann habe mehr Kraft in seinem kleinen Finger (vorausgesetzt er hatte keine) als ein anderer (vorausgesetzt, er hatte viel) in seinem ganzen Geist und Körper. Wenn jedoch der Einwurf gemacht wurde, das Empfohlene sei Plunder, so antwortete er in bezug auf seine Kunst: »Mein Lieber, was produzieren wir alle anderes als Plunder? Ich produziere nichts anderes und mache Ihnen das offenherzige Geständnis davon zum Geschenk.«

Mit seiner Armut zu prahlen, war eine weitere Eigenheit seines niedergedrückten Zustandes. Freilich lag darin immer die versteckte Absicht anzudeuten, daß er reich sein sollte; gerade wie er gewöhnlich öffentlich die Barnacles pries und verschrie, damit man nicht vergesse, daß er zu ihrer Familie gehöre. Kurz, diese beiden Dinge waren sehr oft auf seinen Lippen, und er behandelte sie so geschickt, daß er sich hätte einen ganzen Monat lang loben können und doch keinen halb so bedeutenden Mann aus sich gemacht hätte, wie es ihm durch die leichtfertige Verkleinerung seiner Ansprüche auf die Anerkennung der Menschen gelang.

Gerade aus dieser Art, so von oben herab über sich zu sprechen, merkte man überall, wohin er mit seiner Frau kam, sehr bald, daß er gegen die Wünsche seiner übermütigen Verwandten geheiratet und viel zu tun hatte, daß sie sie duldeten. Er wies nie darauf hin, sondern schien im Gegenteil diese Idee zu verspotten. Aber es geschah, daß trotz all der Mühe, die er sich gab, sich herunterzusetzen, er doch immer die höhere Stellung bewahrte. Seit den Tagen ihrer Flitterwochen empfand es Winnie Gowan, daß man sie gewöhnlich als die Frau eines Mannes betrachtete, der durch die Heirat mit ihr herabgestiegen war, dessen ritterliche Liebe zu ihr jedoch diese Ungleichheit verwischt hatte.

Nach Venedig waren sie von Monsieur Blandois aus Paris begleitet worden, und in Venedig war Monsieur Blandois von Paris sehr viel in Gowans Gesellschaft. Als sie zum erstenmal mit diesem galanten Mann in Genf zusammengetroffen waren, war Gowan unentschieden, ob er abstoßend oder freundlich gegen ihn sein sollte, und blieb vierundzwanzig Stunden so unentschieden, was zu tun, daß er bereits ein Fünffrankenstück mit den Worten: »Rückseite, Fußtritt; Kopfseite, Entgegenkommen«, in die Höhe zu schleudern und sich der Stimme des Orakels zu unterwerfen im Begriff stand. Es geschah jedoch, daß seine Frau einen Widerwillen gegen den einschmeichelnden Blandois bekundete und daß die Wage der Stimmung im Hotel gegen ihn war. Daraufhin beschloß Gowan, freundlich gegen ihn zu sein.

Warum diese Verkehrtheit, wenn nicht in einer edlen Absicht? – dies war jedoch nicht der Fall. Warum aber befaßte sich Gowan, der doch weit über Blandois von Paris stand und diesen einnehmenden Mann in Stücke zu schlagen und den Stoff herauszubringen imstande gewesen, aus dem er gemacht war, warum befaßte er sich mit einem solchen Mann? Fürs erste widersetzte er sich dem ersten eignen Wunsche, den er bei seiner Frau fand, weil ihr Vater seine Schulden bezahlt und er wünschen mußte, die erste Gelegenheit zu ergreifen, seine Unabhängigkeit zur Geltung zu bringen. Zweitens widersetzte er sich dem vorwaltenden Gefühl, weil er bei mancherlei Fähigkeiten, etwas anderes zu sein, ein boshafter Mensch war. Er fand ein Vergnügen daran, zu erklären, daß ein Höfling, mit den feinen Manieren von Blandois, in jedem gebildeten Lande es zu der größten Stellung bringen müßte. Er fand ein Vergnügen daran, Blandois als den Typus der Eleganz auszugeben und ihn als Satire auf andere, die sich auf ihre persönlichen Gaben viel zugute taten, hinzustellen. Er versicherte feierlich und ernstlich, Blandois' Verbeugung sei vollendet, sein Benehmen unwiderstehlich und die malerische leichte Haltung desselben (wenn sie nicht eine angeborene Gabe und daher unverkäuflich wäre) nicht für hunderttausend Franken zu teuer erworben. Das Übertriebene in dem Benehmen des Mannes, das wir als ihm und jedem derartigen Menschen so eigentümlich gefunden hatten, wie die Sonne diesem System, welcher Art auch seine ursprüngliche Erziehung gewesen sein mag, war Gowan als eine Karikatur erwünscht, da sie ihm eine humoristische Quelle bot, die er stets zur Hand hatte, um eine Menge von Leuten lächerlich zu machen, die mehr oder weniger trieben, was Blandois übertrieb. Deshalb war er ihm willkommen; und gleichgültig diese Neigung durch die Gewohnheit mehrend und wohl auch an seiner Unterhaltung sich amüsierend, kam er nach und nach dazu, ihn beständig um sich haben zu müssen. Und dies, obgleich er vermutete, daß er von den Kniffen lebe, die er an Spieltischen und dergleichen entwickelte: obgleich er ferner vermutete, daß er ein Feigling sei, während er selbst unternehmend und mutig war; obgleich er endlich ganz genau wußte, daß Minnie ihn nicht leiden mochte, und obgleich er ihm im Herzen so gleichgültig war, daß, wenn er ihr die geringste fühlbare persönliche Ursache gegeben habe, ihn mit Verachtung zu strafen, er sich kein Gewissen daraus gemacht, ihn aus dem höchsten Fenster von Venedig in das tiefste Wasser der Stadt hinabzustürzen.

Klein-Dorrit hätte so gerne Mrs. Gowan ihren Besuch allein abgestattet. Da Fanny jedoch, die sich von ihres Onkels Protest noch nicht ganz erholt hatte, obgleich es vierundzwanzig Stunden her war, ihre Begleitung lebhaft aufdrang, stiegen die beiden Schwestern miteinander in eine der Gondeln unter ihres Vaters Fenster und begaben sich, in Begleitung des Kuriers, in pomphaftem Aufzug nach Mrs. Gowans Wohnung. Der Pomp war wirklich zu groß für jene Wohnung, die, wie Fanny klagte, »schrecklich abgelegen war« und sie durch ein Labyrinth von engen Wasserstraßen führte, die dieselbe Dame zu »elenden Gossen« herabwürdigte.

Das Haus, das auf einer kleinen verlassenen Insel lag, sah aus, als ob es irgendwo weggebrochen und an seinen gegenwärtigen Ankerplatz durch den Zufall geführt worden wäre, und zwar in Begleitung eines Weinstockes, der beinahe ebensosehr des Aufrichtens bedurfte, wie die armen Teufel, die unter seinen Blättern lagen. Die Staffage des Bildes bestand aus einer von Schutthaufen und Baugerüsten umgebenen Kirche, die so lange der vermutlichen Wiederherstellung harrte, daß das Baumaterial zur Wiederherstellung hundert Jahre alt schien und selbst in Verfall geraten war: einer Menge Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt worden; einer Anzahl von Häusern, die miteinander uneinig und wunderlich aus der rechtwinkligen Stellung gerückt waren, wie wurmstichige, voradamitische Käse in phantastischen Gestalten und voll von Milben; und einem fieberhaften Wirrwarr von Fenstern mit ihren Gitterblenden, die alle seitwärts hingen und aus denen meist etwas Schmutziges und Schmieriges herausflatterte.

Im ersten Stockwerk des Hauses war eine Bank – für einen englischen Geschäftsmann, der allen Menschen Gesetze nach den Gewohnheiten einer britischen Stadt vorschreibt, eine befremdliche Erscheinung: zwei magere Kommis standen wie zwei getrocknete Dragoner in grünen Samtmützen mit goldenen Troddeln und großen Bärten hinter einem kleinen Schreibpult in einem kleinen Zimmer, das keinen andern sichtbaren Gegenstand enthielt als eine leere eiserne Geldkasse, deren Deckel offen stand, einen Wasserkrug und Papiertapeten mit Rosengirlanden. Diese Kommis durften jedoch, bei einer rechtmäßigen Forderung, nur die Hände ausstrecken, um unerschöpfliche Massen von Fünffrankenstücken zutage zu fördern. Unter der Bank war eine Reihe von drei bis vier Zimmern mit vergitterten Fenstern, die das Aussehen eines Gefängnisses für verbrecherische Ratten hatte. Über der Bank befand sich die Wohnung von Mr. Gowan.

Obgleich die Wände geschwärzt waren, als wenn Missionslandkarten daraus hervorkämen, um geographische Kenntnisse zu verbreiten; obgleich die alten Möbel zum Teil verschossen und muffig waren und der vorherrschende venezianische Geruch von eingedrungenem Wasser und Ebbe auf einem Ufer voll Unkraut sehr stark war, so sah der Ort doch besser von innen aus, als er versprach. Die Tür öffnete ein lächelnder Mann, der wie ein gebesserter Meuchelmörder aussah – ein für kurze Zeit angenommener Diener –, der sie in das Zimmer führte, wo Mrs. Gowan saß, indem er meldete, zwei schöne Engländerinnen wollten Mistreß besuchen.

Mrs. Gowan, die mit Nähen beschäftigt war, legte ihre Arbeit in einen bedeckten Korb und stand etwas rasch auf. Miß Fanny war ausnehmend höflich gegen sie und sagte die gewöhnlichen Nichtigkeiten mit der Fertigkeit einer Vielgeübten.

»Papa bedauerte außerordentlich«, fuhr Fanny fort, »heute in Anspruch genommen zu sein (er ist hier so viel in Anspruch genommen, da unsre Bekanntschaft so schrecklich groß ist!), und hat mir besonders aufgetragen, seine Karte für Mr. Gowan mitzunehmen. Um mich sicher eines Auftrags zu entledigen, den er mir wenigstens ein dutzendmal anempfohlen, erlauben Sie mir mein Gewissen zu entlasten, indem ich die Karte sogleich auf den Tisch niederlege.«

Das tat sie denn auch mit der Gewandtheit einer Vielgeübten.

»Wir waren außerordentlich entzückt«, sagte Fanny, »zu erfahren, daß Sie die Merdles kennen. Wir hoffen, dadurch wieder eine Möglichkeit gefunden zu haben, mit denselben zusammenzukommen.«

»Sie sind«, sagte Mrs. Gowan, »mit Mr. Gowans Familie befreundet. Ich hatte bis jetzt noch nicht das Vergnügen, die persönliche Bekanntschaft von Mrs. Merdle zu machen, aber ich vermute, daß ich ihr in Rom werde vorgestellt werden.«

»So?« versetzte Fanny, mit einem Schein von liebenswürdiger Beiseitesetzung ihrer Überlegenheit. »Ich hoffe, Sie werden Gefallen an ihr finden.«

»Sie kennen sie wohl sehr gut?«

»Nun, Sie wissen«, sagte Fanny mit einer kecken Bewegung ihrer hübschen Schultern, »in London kennt man jeden Menschen. Wir trafen auf der Reise hierher mit ihr unterwegs zusammen, und, offen gesagt, Papa war anfangs etwas böse mit ihr, weil sie eines von den Zimmern in Beschlag genommen, die unsere Leute für uns bestellt hatten. Das ging jedoch rasch vorüber, und wir waren bald alle wieder gute Freunde.«

Obwohl der Besuch Klein-Dorrit bislang noch keine Gelegenheit gegeben, mit Mrs. Gowan zu sprechen, herrschte doch ein schweigendes Einvernehmen zwischen beiden, bei dem sie ihren Zweck ebensogut erreichten. Sie betrachtete Mrs. Gowan mit lebhaftem und unverändertem Interesse. Der Klang ihrer Stimme drang ihr bis in die Seele. Nichts in ihrer ganzen Umgebung, oder was auch nur in geringster Beziehung zu ihr stand, entging Klein-Dorrit. Rascher denn irgendwo sonst – einen Ort ausgenommen – bemerkte sie hier die unbedeutendste Sache.

»Sie waren doch ganz wohl«, sagte sie jetzt, »seit jener Nacht?«

»Ganz wohl, meine Liebe. Und Sie?«

»Oh, ich bin immer wohlauf«, sagte Klein-Dorrit schüchtern. »Ich – ja, ich danke.«

Es war kein anderer Grund für ihr plötzliches Stocken und Abbrechen vorhanden, als daß Mrs. Gowan ihre Hand ergriffen hatte, während sie sprach, und ihre Blicke sich begegneten. Ein tiefbesorgter Ausdruck in den großen sanften Augen von Mrs. Gowan hatten Klein-Dorrit einen Moment stutzen machen.

»Sie wissen nicht, daß Sie ein Liebling meines Mannes sind, und daß ich beinahe Ursache hätte, eifersüchtig zu sein?« sagte Mrs. Gowan.

Klein-Dorrit errötete und schüttelte den Kopf.

»Er wird Ihnen sagen, falls er Ihnen sagt, was er mir sagt, daß Sie ruhiger und hilfsbereiter seien als irgendein weibliches Wesen, das er je gesehen.«

»Er spricht viel zu gut von mir«, sagte Klein-Dorrit.

»Das bezweifle ich; aber ich bezweifle nicht, daß es meine Pflicht ist, ihn von Ihrer Anwesenheit in Kenntnis zu setzen. Er würde es mir nie vergeben, wenn ich Sie – und Miß Dorrit gehen ließe, ohne es ihm gesagt zu haben. Darf ich? Sie werden die Unordnung und den Mangel an Komfort in dem Atelier eines Malers entschuldigen?«

Diese Fragen wurden an Miß Fanny gerichtet, die freundlich zur Antwort gab, daß es sie überaus interessieren und entzücken werde. Mrs. Gowan ging nach der Tür, sah hinein und kam zurück. »Erzeigen Sie Henry die Freundlichkeit einzutreten«, sagte sie. »Ich wußte, daß es ihn freuen würde!«

Das erste, was Klein-Dorrit, die vorausging, ins Auge fiel, war Blandois von Paris in einem großen Mantel und in einem etwas herabhängenden Hute. Er stand auf einer Erhöhung in einer Ecke, wie er auf dem großen St. Bernhard gestanden, als die Warnungspfosten alle nach ihm hinaufzeigten. Sie fuhr vor dieser Gestalt zurück, als er sie freundlich angrinste.

»Fürchten Sie sich nicht«, sagte Gowan, von seiner Staffelei hinter der Tür auf sie zukommend. »Es ist nur Blandois. Er dient mir heute als Modell. Ich mache eine Studie von ihm. Es erspart mir Geld, ihn so zu verwenden. Wir armen Maler haben nichts zu vergeuden.«

Blandois von Paris nahm seinen ins Gesicht gedrückten Hut ab und grüßte die Damen, ohne aus seinem Winkel hervorzukommen.

»Bitte tausendmal um Vergebung«, sagte er. »Aber der Professor hier ist so unerbittlich gegen mich, daß ich mich nicht zu bewegen wage.«

»Nun, so bewegen Sie sich nicht«, sagte Gowan kalt, als die Schwestern an die Staffelei traten. »Lassen Sie die Damen wenigstens das Original der Sudelei sehen, damit sie wissen, was sie vorstellt. Da steht er, sehen Sie. Ein Bravo, der auf seine Beute harrt, ein vornehmer Nobile, der sein Land retten will, ein Engelsbote, der irgend jemandem etwas Gutes zu erweisen wünscht – wem von allen er am meisten ähnlich ist!«

»Sagen Sie, Professore mio, ein armer Gentleman, der der Anmut und Schönheit seine Huldigung darbringen will«, bemerkte Blandois.

»Oder sagen Sie Cattivo Sogetto mio«, versetzte Gowan, indem er das gemalte Gesicht mit einem Pinsel an dem Punkte berührte, wo das wirkliche Gesicht sich bewegt hatte, »ein Mörder nach der Tat. Zeigen Sie Ihre weiße Hand, Blandois. Stecken Sie sie aus dem Mantel heraus. Halten Sie nun still.«

Blandois' Hand war unruhig; er lachte, und das mußte sie natürlich bewegen.

»Er war vorher in einem Handgemenge mit einem andern Mörder oder mit einem Opfer, wie Sie bemerken«, sagte Gowan, indem er die Hand mit einigen raschen, ungeduldigen und oberflächlichen Strichen andeutete, »und das sind die Zeichen davon. Heraus mit der Hand aus dem Mantel! Corpo di San Marco, woran denken Sie!«

Blandois von Paris schüttelte sich wieder vor Lachen, so daß auch seine Hand sich wieder mehr bewegte. Dann erhob er sie, um seinen Schnurrbart zu drehen, der ein feuchtes Aussehen hatte, und nun stand er in der gewünschten Stellung; seine Haltung hatte wieder etwas Renommistisches.

Sein Gesicht war so nach der Stelle gekehrt, wo Klein-Dorrit bei der Staffelei stand, daß er sie scharf ins Auge fassen konnte. Nachdem sie einmal von seinen eigentümlichen Augen gefesselt war, konnte sie die ihren nicht mehr losreißen, und sie sahen sich die ganze Zeit unbeweglich an. Sie zitterte jetzt; Gowan, der dies fühlte und glaubte, sie fürchte sich vor dem großen Hund neben ihr, dessen Kopf sie mit ihrer Hand gestreichelt, und der gerade ein dumpfes Knurren hatte hören lassen, blickte sie an und sagte: »Er tut Ihnen nichts, Miß Dorrit.«

»Ich fürchte mich nicht vor ihm«, versetzte sie in demselben Atem; »aber sehen Sie ihn an!«

In einem Nu hatte Gowan seinen Pinsel auf den Boden geworfen und den Hund mit beiden Händen am Halsband ergriffen.

»Blandois! Wie können Sie ein solcher Narr sein und ihn reizen! Beim Himmel und dem andern Orte, er reißt Sie in Stücke! Leg dich! Lion! Willst du mich hören, Rebelle!«

Der große Hund, der es nicht achtete, daß er von seinem Halsband halb erwürgt wurde, stemmte sich mit der ganzen Kraft seines Körpers gegen seinen Herrn, um durch das Zimmer zu springen. Er hatte sich gerade zum Sprung geduckt, als ihn sein Herr ergriffen.

»Lion! Lion!« Er stand auf seinen Hinterbeinen, und Herr und Hund rangen miteinander. »Zurück! Leg dich, Lion! Gehen Sie ihm aus dem Gesicht, Blandois! Was zum Teufel haben Sie in dem Hund beschworen?«

»Ich habe ihm nichts getan!«

»Gehen Sie ihm aus dem Gesicht, ich kann das wilde Tier sonst nicht halten! Verlassen Sie das Zimmer. Bei meiner Seele, er bringt Sie um!«

Der Hund machte mit wildem Gebell noch eine Anstrengung, als Blandois verschwand; und als der Hund sich beruhigte, warf ihn sein Herr, kaum weniger zornig als der Hund, mit einem Schlag auf den Kopf zu Boden und gab ihm, indem er über ihm stand, viele harte Stöße mit seinem Stiefelabsatz, so daß sein Maul augenblicklich blutete.

»Nun geh in die Ecke und lege dich nieder«, sagte Gowan, »oder ich packe dich und erschieße dich!«

Lion tat, wie man ihm befohlen, und legte sich, indem er sein Maul und seine Brust leckte. Lions Herr hielt einen Augenblick inne, um zu Atem zu kommen, und wandte sich, nachdem er seine gewöhnliche Kälte wieder erlangt, an seine erschrockene Frau und die Damenbesuche. Das ganze Ereignis hatte wohl nicht zwei Minuten gedauert.

»Nun, nun, Minnie! Du weißt, er ist immer gutmütig und leicht zu behandeln. Blandois muß ihn gereizt haben – ihm Gesichter geschnitten haben. Der Hund hat seine Sympathien und Antipathien, und Blandois ist kein großer Liebling von ihm: aber du wirst ihm sicherlich das Zeugnis geben, Minnie, daß er noch niemals vorher so war.«

Minnies Aufregung war zu groß, um etwas sagen zu können, das einer Antwort ähnlich gesehen: Klein-Dorrit war bereits bemüht, sie zu beruhigen: Fanny, die zwei- oder dreimal laut aufgeschrien hatte, hielt Gowans Arm, um sich zu schützen: Lion, der sich tief schämte, daß er so große Unruhe verursacht, kam geduckt bis zu den Füßen seiner Herrin herangeschlichen.

»Du wütendes Tier«, sagte Gowan, indem er ihn wieder mit den Füßen stieß. »Du sollst deine Strafe dafür haben.« Und er stieß ihn wieder und immer wieder.

»Oh, bitte, strafen Sie ihn nicht«, rief Klein-Dorrit. »Tun Sie ihm nicht weh. Sehen Sie, wie zahm er ist.« Auf ihre Bitte schonte ihn Gowan: und er verdiente ihre Einsprache: denn er war wirklich so demütig, so reuevoll und unglücklich, wie ein Hund nur sein konnte.

Es war nicht leicht, nach dieser gewaltsamen Unterbrechung wieder ins rechte Geleise zu kommen und den Besuch in die frühere Stimmung zu versetzen, selbst wenn Fanny, im besten Fall, die geringste Sache gewesen, die im Wege gelegen. Während des Verlaufs der Unterhaltung, ehe die Schwestern gingen, glaubte Klein-Dorrit die Bemerkung zu machen, daß Mr. Gowan seine Frau, bei all seiner Liebe, doch zu sehr wie ein hübsches Kind behandle. Er schien die Tiefe des Gefühls so wenig zu ahnen, die sie unter dieser Oberfläche verborgen wußte, daß sie zweifelte, ob in ihm solche Tiefen verborgen seien. Sie hätte gerne gewußt, ob sein Mangel an Ernst das natürliche Resultat seines Mangels an solchen Eigenschaften sei, und ob es mit Menschen wie mit Schiffen ergehe, daß ihre Anker in zu seichten und felsigen Wassern keinen Halt haben und sie deshalb überall herumtrieben.

Er begleitete sie die Treppe hinab, indem er sich scherzend wegen der armseligen Quartiere entschuldigte, auf die so arme Leute wie er angewiesen seien, und bemerkte, daß, wenn die hohen und mächtigen Barnacles, seine Verwandten, die sich derselben schämen würden, ihn besser ausstatteten, er besser wohnen würde, um sie zu verbinden. Um Ufer des Wassers wurden sie von Blandois begrüßt, der ziemlich weiß nach seinem letzten Abenteuer aussah, der sich aber trotzdem wenig daraus machte und bei der Erwähnung Lions lachte.

Die Schwestern fuhren so pomphaft, wie sie gekommen, wieder ab, während die beiden Männer unter dem Stückchen Weingelände am Dammweg stehenblieben. Gowan streute, in Gedanken versunken, das Weinlaub in das Wasser, und Blandois zündete sich eine Zigarre an. Sie waren erst wenige Minuten gefahren, als Klein-Dorrit bemerkte, daß Fanny sich mehr in die Brust warf, als für die Gelegenheit erforderlich schien, und indem sie durch das Fenster und durch die offne Tür sich nach der Ursache umsah, gewahrte sie eine andre Gondel, die offenbar der ihrigen folgte.

Da diese Gondel auf verschiedene künstliche Weise ihre Fahrt mitmachte, indem sie bald an ihnen vorüberschoß und dann wartete, um sie vorbei zu lassen, bald, wenn der Weg breit genug war, dicht neben ihnen fuhr, bald endlich dicht hinter ihnen drein folgte und da Fanny nach und nach offen mit jemandem in der andern Gondel kokettierte, während sie gleichzeitig volle Harmlosigkeit heuchelte, fragte Klein-Dorrit endlich, wer er sei.

Worauf Fanny die kurze Antwort gab: »Jener Laffe!«

»Wer?« sagte Klein-Dorrit.

»Mein liebes Kind«, versetzte Fanny (in einem Ton, dem man anmerkte, daß sie vor ihres Onkels Protest statt dessen ›du kleine Törin‹ gesagt haben würde), »wie langsam du doch begreifst! Der junge Sparkler!«

Sie ließ das Fenster neben sich herab, lehnte sich zurück und legte den Ellbogen nachlässig hinaus, indem sie sich mit einem reichen spanischen Fächer von Schwarz und Gold Luft zufächelte. Als die begleitende Gondel wieder vorübergeschwebt war, wobei man einen flüchtigen Schein von einem Auge im Fenster beobachten konnte, lachte Fanny kokett und sagte: »Hast du je einen solchen Narren gesehen, meine Liebe?«

»Glaubst du, er beabsichtige, dir auf dem ganzen Wege zu folgen?« fragte Klein-Dorrit.

»Mein kostbares Kind«, versetzte Fanny, »ich kann unmöglich sagen, was ein Narr in einem verzweifelten Zustand tut, aber ich halte es für wahrscheinlich. Es ist keine so große Entfernung. Ganz Venedig, glaube ich, würde es kaum sein, wenn er schon nach einem flüchtigen Blick von mir sich sterblich sehnt.«

»Und tut er das?« fragte Klein-Dorrit in größter Einfalt.

»Nun, meine Liebe, das ist wirklich eine schwer für mich zu beantwortende Frage«, sagte ihre Schwester. »Ich glaube allerdings. Du würdest besser Edward fragen. Er sagte, glaube ich, zu Edward, er würde das tun. Ich höre, er macht förmliches Aufsehen auf dem Kasino und dergleichen Orten, durch die Art, wie er von mir spricht. Aber du fragst besser Edward, wenn du es wissen willst.«

»Ich wundre mich, daß er uns nicht besucht«, sagte Klein-Dorrit nach kurzem Sinnen.

»Meine liebe Amy, dein Staunen wird bald zu Ende sein, wenn ich recht unterrichtet bin. Ich wäre durchaus nicht überrascht, wenn er uns heute besuchte. Ich vermute, er ist uns bloß deshalb gefolgt, um sich Mut zu machen.«

»Wirst du ihn sehen?«

»Wahrhaftig, mein Liebling«, sagte Fanny, »je nach Umständen. Hier ist er wieder. Sieh ihn nur an. Oh, du Einfaltspinsel!«

Mr. Sparkler machte unleugbar einen jämmerlichen Eindruck; sein Auge in dem Fenster sah wie eine Blase im Glase aus, und seine Barke plötzlich halten zu lassen, gab's auch auf der Welt keinen Grund als den wirklichen und wahren.

»Wenn du mich fragst, ob ich ihn sehen werde, meine Liebe«, sagte Fanny, beinahe ebenso gelassen in der anmutigen Nachlässigkeit ihrer Haltung wie Mrs. Merdle selbst, »was meinst du damit?«

»Ich meine«, sagte Klein-Dorrit, »ich denke, ich meine, was du meinst, liebe Fanny.«

Fanny lachte wieder auf eine ebenso herablassende als schalkhafte und freundliche Art und sagte, indem sie ihren Arm liebevoll scherzend um ihre Schwester schlang:

»Nun, sage mir, kleiner Liebling. Als wir diese Frau in Martigny sahen, wie glaubst du wohl, daß sie es sich aus dem Sinn geschafft. Sahst du, wozu sie sich augenblicks entschloß?«

»Nein, Fanny.«

»Dann will ich dir's sagen. Sie nahm sich vor: ich will bei so veränderten Umständen nie auf jene Begegnung wieder zurückkommen und mir den Gedanken aus dem Sinn schlagen, daß das dieselben Mädchen sind. Das ist ihre Art, wie sie sich aus einer Schwierigkeit hilft. Was sagte ich dir, als wir damals aus Harley Street weggingen? Sie ist so unaufrichtig und falsch, wie nur irgendein Weib auf der Welt ist. Aber bezüglich der ersteren Fähigkeit, meine Liebe, soll sie Leute finden, die es mit ihr aufnehmen können.«

Eine bezeichnende Wendung des spanischen Fächers gegen Fannys Busen zeigte höchst ausdrucksvoll, wo solch ein Wesen gefunden werden sollte.

»Nicht genug damit«, fuhr Fanny fort, »sondern sie gibt dem jungen Sparkler dieselbe Instruktion und läßt ihn mir nicht früher folgen, bis sie es ihm in seinen lächerlichsten aller lächerlichen Schädel (denn man kann nicht sagen Kopf) gebracht hat, daß er sich den Anschein geben müsse, als ob er sich zum ersten Male in jenem Wirtshaushof in mich verliebt.«

»Warum?« fragte Klein-Dorrit.

»Warum? Du mein Gott, mein liebes Kind!« (wieder in dem Ton von ›du beschränktes kleines Geschöpf‹) »wie kannst du fragen? Siehst du nicht, daß ich eine ziemlich wünschenswerte Partie für einen solchen Schädel bin? Und siehst du nicht, daß sie die Täuschung uns zuschiebt und sich den Anschein gibt, während sie es von ihren Schultern wälzt (sehr schöne Schultern sind es, das muß ich sagen)«, bemerkte Miß Fanny selbstgefällig auf sich herabblickend, »als ob sie unsren Gefühlen Rechnung trüge?«

»Aber wir können ja zu der einfachen Wahrheit zurückgehen.«

»Ja, doch wenn's gefällig, so wollen wir nicht«, warf Fanny ein. »Nein; ich werde mir das nicht einfallen lassen, Amy. Ich gebe mir nicht den Schein, sondern sie, und sie soll genug davon haben.«

In der triumphierenden Aufregung ihrer Gefühle umschlang Miß Fanny, während sie ihren spanischen Fächer mit der einen Hand bewegte, den Leib ihrer Schwester mit der andern, als wenn sie Mrs. Merdle erdrücken wollte.

»Nein«, wiederholte Fanny. »Sie soll mich in ihren Fußstapfen finden. Sie schlug diesen Weg ein, und ich werde ihr folgen. Und wenn mir das Glück beisteht, werde ich in der Bekanntschaft dieser Frau so lange Fortschritte zu machen suchen, bis ich ihrem Mädchen vor ihren Augen zehnmal so schöne Arbeiten meines Kleidermachers geschenkt habe, wie sie mir früher von dem ihrigen zukommen ließ.«

Klein-Dorrit schwieg: sie hatte das Gefühl, daß man sie doch in keiner Frage, die sich auf die Familienwürde bezog, hören würde, und wollte auch die kaum erst und unerwartet wiedergewonnene Gunst ihrer Schwester nicht schon einbüßen. Sie konnte es nicht billigen, schwieg jedoch. Fanny wußte wohl, woran sie dachte; so wohl, daß sie sie alsbald fragte.

Ihre Antwort war: »Beabsichtigst du, Mr. Sparkler zu ermutigen, Fanny?«

»Ich ermutigen?« sagte ihre Schwester verächtlich lächelnd. »Das hängt davon ab, wie du das Wort ermutigen auffassest. Ich will einen Sklaven aus ihm machen.«

Klein-Dorrit sah sie ernst und ungewiß an, aber Fanny war nicht so leicht einzuschüchtern. Sie legte ihren Fächer von Schwarz und Gold zusammen und tätschelte damit die Nase ihrer Schwester. Sie hatte in diesem Augenblick ganz das Aussehen einer stolzen Schönheit und eines großen Geistes, der mit einer Unbeholfenen spielt und sie spielend unterrichtet.

»Ich will machen, daß er hebt und trägt, wie ich will, meine Liebe, und daß er sich ganz und gar mir unterwirft. Und wenn seine Mutter sich nicht auch mir unterwirft, so wird es nicht meine Schuld sein.«

»Glaubst du – liebe Fanny, sei nicht böse, wir sind jetzt so behaglich beieinander – glaubst du, das Ende von alledem absehen zu können?«

»Ich kann nicht sagen, daß ich schon so weit voraussehe, meine Liebe«, antwortete Fanny mit der größten Gleichgültigkeit: »das hat noch gute Zeit. Das ist mein Plan. Und dieser hat mich so viel Zeit gekostet, daß wir hier vor unsrem Hause sind. Und der junge Sparkler steht vor der Tür, um zu fragen, wer zu Hause sei. Natürlich durch den reinsten Zufall.«

Wirklich stand auch der junge Herr aufrecht in seiner Gondel, mit dem Visitenkartentäschchen in der Hand, und schien eine Frage an einen der Diener zu richten. Dieses Zusammentreffen von Umständen war die Ursache, daß er augenblicklich darauf sich vor den jungen Damen in einer Positur zeigte, die in alten Zeiten als keine günstige Vorbedeutung für sein Anliegen betrachtet worden wäre; denn die Gondeliere der jungen Damen, die durch die Jagd etwas ungehalten wurden, brachten ihr Boot so hübsch in Kollision mit der Barke des Mr. Sparkler, daß sie diesen Gentleman wie einen großen Kegel umwarfen, wodurch er in den Fall kam, dem Gegenstand seiner innigsten Wünsche die Sohlen seiner Schuhe darzubieten, während die edleren Teile seines Körperbaus am Boden seines Bootes in den Armen einer seiner Leute sich abmühten.

Als Miß Fanny jedoch mit großer Bestürzung fragte, ob der Gentleman sich weh getan, stand Mr. Sparkler schneller wieder auf, als man erwarten konnte, und stotterte errötend: »Durchaus nicht.« Miß Fanny erinnerte sich nicht, ihn jemals früher gesehen zu haben, und ging, mit einer flüchtigen Verbeugung an ihm vorüber: da nannte er seinen Namen. Auch dann kostete es ihr noch große Mühe, ihr Gedächtnis aufzufrischen, bis er endlich erklärte, er habe die Ehre gehabt, sie in Martigny zu sehen. Da erinnerte sie sich seiner und sprach die Hoffnung aus, daß seine Mutter wohl sei.

»Ich danke«, stotterte Mr. Sparkler, »sie ist ungemein wohl – wenigstens nur unpäßlich.«

»In Venedig?«

»In Rom«, antwortete Mr. Sparkler. »Ich bin allein hier, allein. Ich kam, um Mr. Edward Dorrit zu besuchen. Und auch Mr. Dorrit, gewiß. Die ganze Familie, kann ich versichern.«

Anmutig sich zu den Dienern wendend, fragte Miß Fanny, ob ihr Papa und Bruder zu Hause seien? Da die Antwort lautete, sie seien beide zu Hause, so bot Mr. Sparkler respektvollst seinen Arm an. Miß Fanny nahm ihn und wurde von Mr. Sparkler die große Treppe hinaufgeleitet. Glaubte Mr. Sparkler noch (woran kein Grund zu zweifeln), daß sie keinen Unsinn an sich habe, so täuschte er sich ziemlich bedeutend.

Nachdem sie in ein modriges Empfangszimmer gekommen, wo die fadenscheinigen Vorhänge von einem traurigen Meergrün so gebleicht und verschossen waren, daß sie aussahen, als ob sie auf Verwandtschaft mit herrenlosem Seegrase Anspruch machten, das unter den Fenstern umhertrieb oder sich an die Mauern anklammerte und um seine eingesperrten Verwandten weinte, schickte Miß Fanny nach ihrem Vater und Bruder. Bis diese erschienen, stellte sie sich auf einem Sofa zu großem Vorteil zur Schau aus und vollendete Mr. Sparklers Eroberung durch einige Bemerkungen über Dante, – von dem dieser Gentleman nur so viel wußte, daß er ein exzentrischer Mann, in der Art eines Old fellow, war, der gewöhnliche Blätter um sein Haupt trug und aus einem unerklärlichen Grunde vor der Kathedrale von Florenz saß.

Mr. Dorrit bewillkommnete den Fremden mit der größten Zuvorkommenheit und den höflichsten Manieren. Er fragte besonders nach Mrs. Merdle und auch besonders nach Mr. Merdle. Mr. Sparkler sagte, oder zerrte es vielmehr in kleinen Stücken am Halstuche heraus, daß Mrs. Merdle, nachdem sie ihres Landaufenthaltes und auch ihres Hauses in Brigthon überdrüssig geworden und natürlich, wie man sich denken könne, nicht imstande gewesen wäre, in London zu bleiben, wenn keine Seele mehr da sei, und da sie auch dieses Jahr keine Lust gehabt, die Leute auf dem Lande zu besuchen, beschlossen habe, sich nach Rom zu begeben, wo eine Frau wie sie, von sprichwörtlich feinem Wesen und ohne Unsinn an sich, unbedingt eine große Akquisition für die Gesellschaft sein müsse. Mr. Merdle sei den Leuten in der City und an den übrigen Plätzen so unentbehrlich und sei ein so außerordentliches Phänomen als Kaufmann und Bankier, daß Mr. Sparkler zweifle, ob das Geldsystem des Landes ihn entbehren könne; obgleich Mr. Sparkler nicht verbarg, daß ihm seine Arbeit bisweilen über den Kopf wachse, und daß es besser für ihn wäre, wenn er sich zuweilen für einige Zeit auf einen ganz neuen Schauplatz und in ein andres Klima begäbe. Was ihn selbst betreffe, teilte Mr. Sparkler der Familie Dorrit mit, daß er in ganz besonderen Geschäften sich überall dahin begebe, wohin sie gingen.

Diese ungeheure Rede erforderte Zeit, aber sie wurde doch zustande gebracht. Nachdem sie zu Ende war, sprach Mr. Dorrit die Hoffnung aus, daß Mr. Sparkler bald mal mit ihnen zu Mittag speise. Mr. Sparkler nahm diesen Gedanken so freundlich auf, daß Mr. Dorrit ihn fragte, was er heute zum Beispiel zu tun beabsichtige? Da er heute nichts zu tun beabsichtigte (seine gewöhnliche Beschäftigung und eine solche, für die er besonders befähigt war), nahm man ihn alsbald in Beschlag und verpflichtete ihn, die Damen am Abend in die Oper zu begleiten.

Zur Zeit des Diners tauchte Mr. Sparkler aus dem Meer auf wie der Sohn der Venus, der seiner Mutter nachschwimmt, und gab sich ein glänzendes Ansehen, als er die große Treppe hinaufstieg. Wenn Fanny morgens reizend ausgesehen, so war sie es jetzt dreifach, denn sie hatte sich in die Farben gekleidet, die ihr am besten standen, und hatte dabei eine Nachlässigkeit über sich ergossen, die Mr. Sparklers Fesseln verdoppelte und sie noch fester nietete.

»Ich höre, Sie sind mit – ha – Mr. Gowan bekannt, Mr. Sparkler«, sagte der Wirt während des Essens. »Mit Mr. Henry Gowan?«

»Allerdings, mein Herr, sehr gut«, versetzte Mr. Sparkler. »Seine Mutter und meine Mutter sind gute alte Bekannte.«

»Wenn ich daran gedacht hätte, Amy«, sagte Mr. Dorrit mit so vornehmer Gönnermiene, als die von Lord Decimus selbst, »so hättest du ein Billett an sie schicken und sie zum Essen einladen können. Einige von unsern Leuten hätten sie – ha – holen und wieder nach Hause bringen können. Wir hätten eine Gondel zu diesem Zweck reservieren können. Bedaure, es vergessen zu haben. Bitte, erinnere mich morgen daran.«

Klein-Dorrit war etwas zweifelhaft, wie Henry Gowan ihre Gönnerschaft aufnehmen möchte; sie versprach jedoch, nicht zu vergessen, daran zu erinnern,

»Bitte, malt Mr. Henry Gowan – ha – Porträts?«

Mr. Sparkler vermutete, daß er alles malen werde, wozu er Auftrag bekäme.

»Er geht also nicht seinen besonderen Gang«, sagte Mr. Dorrit.

Mr. Sparkler, den die Liebe angespornt, den glänzenden Geist zu spielen, antwortete, zu einem besonderen Gang müsse man ein besonderes Paar Schuhe haben: wie zum Beispiel zum Schießen Schießstiefel, zum Kolbenspiel Kolbenstiefel. Er glaube dagegen, daß Henry Gowan keine besonderen Stiefel habe.«

»Keine Spezialität?« sagte Mr. Dorrit.

Da dies ein sehr langes Wort für Mr. Sparkler und sein Geist durch die letzte Anstrengung erschöpft war, antwortete er: »Nein, ich danke Ihnen. Ich nehme das selten.«

»Gut!« sagte Mr. Dorrit. »Es wäre mir sehr angenehm, einem Manne von so großen Verbindungen einen – ha – Beweis meines Wunsches zu geben, seine Interessen zu fördern und die – hm – Keime seines Genies zu entfalten. Ich denke, ich sollte Mr. Gowan auffordern, mein Bild zu malen. Wenn der Erfolg gegenseitig – ha – ein zufriedenstellender wäre, würde ich ihn später auffordern, seine Hand an meiner Familie zu versuchen.«

Dieser ausgesucht kühne und originelle Gedanke brachte Mr. Sparkler auf den weitern, daß hier die Gelegenheit geboten wäre, zu sagen, es sei jemand in der Familie (auf das »jemand« mußte mit der größten Emphase der Nachdruck gelegt werden), dem kein Maler gerecht werden könne. Da es ihm jedoch an einer Form des Ausdrucks dafür fehlte, kehrte der Gedanke wieder in die Wolken zurück.

Dies war um so mehr zu bedauern, als Miß Fanny den Einfall mit dem Porträt lebhaft applaudierte und ihren Papa ihn bald zu verwirklichen drängte. Sie vermute, sagte sie, daß Mr. Gowan bessere und bedeutendere Gelegenheiten sich habe entgehen lassen, als er seine hübsche Frau geheiratet: und Liebe, in einer Hütte Bilder malend für das liebe Brot, sei ein so entzückender, interessanter Gedanke, daß sie Papa bäte, ihm den Auftrag zu geben, um zu beweisen, ob er ein ähnliches Bild malen könne oder nicht: obgleich sie und Amy wüßten, daß er es könne, da sie gerade heute eine sprechende Ähnlichkeit auf seiner Staffelei gesehen und Gelegenheit gehabt hätten, sie mit dem Original zu vergleichen. Diese Bemerkungen brachten Mr. Sparkler (wie es vielleicht in der Absicht lag) fast von Sinnen: denn während sie auf der einen Seite Miß Fannys Empfänglichkeit für zartere Empfindungen an den Tag legten, zeigte sie solch unschuldige Unbewußtheit seiner Bewunderung, daß seine Augen sich vor Eifersucht auf einen unbekannten Rivalen im Kopf hin und her drehten.

Nach Tische stieg man wieder auf das Meer und heraus aus demselben bei der Treppe des Opernhauses: voran ging einer ihrer Gondoliere, wie ein dienender Triton, mit einer großen leinenen Laterne: so traten sie in ihre Loge, und für Mr. Sparkler begann ein Abend voll Kampf. Da das Theater dunkel und die Loge hell war, so kamen mehrere Besuche während der Vorstellung: Fanny interessierte sich so lebhaft für diese Besuche und warf sich während des Gesprächs mit denselben in so reizende Attitüden, da sie kleine Vertraulichkeiten mit denselben hatte und kleine Streite über dir Identität dieser und jener Persönlichkeit in entfernten Logen führte, daß der unglückliche Sparkler alle Menschen haßte. Zweierlei tröstete ihn am Schlusse des Stücks. Sie gab ihm ihren Fächer, um ihn zu halten, während sie ihren Mantel umwarf, und es war sein glückliches Privilegium, ihr seinen Arm zu geben, während sie wieder die Treppe hinabgingen. Diese ermutigenden Brocken, dachte Mr. Sparkler, würden ihn aufrechterhalten: und es ist nicht unmöglich, daß Miß Dorrit ebenso dachte.

Der Triton mit seinem Licht stand an der Logentür bereit, und andre Tritonen standen an andern Logen gleichfalls bereit. Der Dorritsche Triton hielt seine Laterne tief, um ihnen die Stufen zu zeigen, und Mr. Sparkler legte eine neue schwere Last von Fesseln an seine frühere, als er ihren glänzenden Fuß neben seinem die Treppen hinabtänzeln sah. Unter den Wartenden befand sich Blandois von Paris. Er sprach und ging neben Fanny her.

Klein-Dorrit ging voraus mit ihrem Bruder und Mrs. General (Mr. Dorrit war zu Hause geblieben); am Rande des Quais jedoch kamen sie alle zusammen. Sie erstaunte, Blandois wieder dicht neben sich zu sehen; er half Fanny in das Boot.

»Gowan hatte einen Verlust«, sagte er, »seit er so glücklich war, heute mit einem Besuch von schönen Damen beehrt zu werden.«

»Einen Verlust?« wiederholte Fanny, die von dem seiner holden Last beraubten Sparkler verlassen war und ihren Sitz einnahm.

»Einen Verlust«, sagte Blandois. »Seinen Hund, Lion.«

Klein-Dorrits Hand lag in der seinen, als er sprach.

»Er ist tot«, sagt« Blandois.

»Tot?« wiederholte Klein-Dorrit. »Das edle Tier?«

»Allerdings, meine Damen!« sagte Blandois lächelnd und die Achseln zuckend, »es hat jemand das edle Tier vergiftet. Er ist so tot wie die Dogen!«

 

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