Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060704
modified20180816
projectid4778a43c
Schließen

Navigation:

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Zum Ende.

Die Veränderungen im Zimmer eines Fieberkranken sind langsam und schwankend; aber die Veränderungen in der fiebernden Welt sind rasch und unwiderruflich.

Es war Klein-Dorrits Los, für beide Arten von Veränderungen zu sorgen zu haben. Die Mauern des Marschallgefängnisses hüllten sie wieder während eines Teiles des Tages als ihr Kind in ihre Schatten ein, während sie für Clennam dachte, für ihn arbeitete und ihn nur verließ, um ihm ihre größte Liebe und Sorge zu weihen. Auch ihr Leben außerhalb des Gefängnisses machte drängende Anforderungen an sie, denen zu entsprechen ihre Geduld nicht müde wurde. Hier war Fanny, stolz, launenhaft, phantastisch, noch weiter in der Unfähigkeit vorgerückt, in Gesellschaft zu gehen, jener Unfähigkeit, die sie an jenem Abend des Schildpattmessers so sehr geärgert hatte; sie war entschlossen, immer des Trostes zu bedürfen, und entschlossen, keinen Trost anzunehmen, entschlossen, sich tief verletzt zu fühlen, und entschlossen, es nicht zu dulden, daß jemand die Kühnheit haben dürfte, dies zu glauben. Ferner ihr Bruder, ein schwacher, stolzer, berauschter junger Greis, der vom Kopf bis zu den Füßen zitterte, so undeutlich sprach, als ob etwas von dem Geld, auf das er sich so viel zugute tat, ihm im Munde steckengeblieben und nicht mehr herauszubringen wäre, unfähig, irgend etwas in seinem Leben allein durchzuführen, und den Gönner seiner Schwester spielend, die er selbstsüchtig liebte (er hatte immer dieses negative Verdienst gehabt, der arme Tip mit seinem Unglücksstern!), weil er duldete, daß sie ihn führte. Ferner Mrs. Merdle in einer Trauerkleidung von Gaze – die ursprüngliche Haube war möglicherweise in einem Anfall von Schmerz zerrissen worden, hatte dagegen sicher einem sehr kleidsamen Artikel vom Pariser Markt Platz gemacht – mit Fanny in beständigem Kampfe und sie jede Stunde des Tages mit ihrem öden Jammer angreifend. Ferner der arme Mr. Sparkler, der nicht wußte, wie er den Frieden zwischen ihnen aufrechterhalten sollte, aber bescheiden sich zu der Meinung neigte, daß sie nichts Besseres tun könnten als zuzugeben, daß sie beide zwei merkwürdig schöne Frauen seien, und daß keine einen Unsinn an sich habe – zum Dank für welche freundliche Empfehlung sie vereint furchtbar über ihn herfielen. Endlich Mrs. General, die aus fremden Ländern heimgekehrt war und jeden andern Tag einen Prunes- und Prismbrief sandte, worin sie um ein neues Zeugnis zum Zweck der Empfehlung für eine oder die andere erledigte Stelle bat. Über diese merkwürdige Dame möge zum Schluß noch bemerkt werden, daß sicher nie eine Dame existiert hat, von deren überschwenglicher Befähigung für jede erledigte Stelle auf dieser Welt (wie aus der Wärme der Zeugnisse hervorging) so viele Leute so vollkommen überzeugt waren – oder die so unglücklich war, einen so großen Kreis glühender und vornehmer Verehrer zu haben, die niemals Gelegenheit fanden, sie anzustellen.

In der ersten Aufregung, die der Tod Mr. Merdles veranlaßte, waren viele angesehene Personen ungewiß, ob sie Mrs. Merdle fallen lassen oder sie trösten sollten. Da es jedoch, um ihre eigne Sache in ein recht grelles Licht zu stellen, dienlich schien, sie als grausam hintergangen zu betrachten, so machten sie gnädigst dieses Zugeständnis und kannten sie auch ferner. Die Folge war, daß Mrs. Merdle, als eine Dame von Welt und feiner Erziehung, die der List eines gemeinen Barbaren (denn Mr. Merdle galt vom Scheitel bis zur Zehe als ein solcher, seit man seine Taschen leer gefunden hatte) zum Opfer gefallen war, um ihres Standes willen von ihrem Stande tapfer verteidigt werden mußte. Sie vergalt diese Treue, indem sie zu verstehen gab, daß sie gegen den verbrecherischen Schatten des Verstorbenen viel erzürnter war als jeder andere: so kam sie aus dem feurigen Ofen als eine weise Frau hervor und befand sich in diesem Zustand ausnehmend wohl.

Mr. Sparklers Lordschaft war glücklicherweise einer von den Ruheplätzen, auf denen man hoffen kann, sein ganzes Leben zu bleiben, es sei denn, daß Gründe vorhanden wären, ihn mit dem Barnacleschen Kran zu einer gewinnbringenderen Stellung emporzuheben. Dieser patriotische Diener hielt deshalb fest zu seiner Fahne (dem Banner mit den vier Ahnen) und war ein wahrer Nelson in der Art, wie er sie an den Mast nagelte. In die Früchte seiner Unerschrockenheit teilten sich Mrs. Sparkler und Mrs. Merdle, die verschiedene Stockwerke des vornehmen kleinen Tempels der Unbehaglichkeit bewohnten, dem der Geruch der vorgestrigen Suppe und der Kutschenpferde so treu blieb wie der Tod dem Menschen, und rüsteten sich zum Kampfe in den Schranken der Gesellschaft als geschworene Feinde. Und Klein-Dorrit, die der Entwicklung aller dieser Dinge zusah, mußte sich unwillkürlich besorgt fragen, in welche versteckte Ecke des vornehmen Haushaltes Fannys Kinder nach und nach gedrängt werden würden, und wer sich der kleinen ungeborenen Opfer annehmen würde.

Da Arthur viel zu krank war, als daß man hätte über aufregendere und beunruhigende Dinge mit ihm sprechen dürfen, und seine Genesung wesentlich von der Ruhe anhing, die man seiner Schwäche verschaffte, so war Klein-Dorrits einzige Stütze während dieser schweren Zeit Mr. Meagles. Er war noch immer auf Reisen im Ausland. Aber sie hatte durch seine Tochter, unmittelbar nachdem sie Arthur im Marschallgefängnis gesprochen, und seitdem öfters an ihn geschrieben, indem sie ihm ihre Sorgen über die Punkte mitteilte, die ihr am meisten am Herzen lagen, besonders aber über einen. Dieser eine Punkt war schuld, daß Mr. Meagles noch immer auf Reisen war, während seine Anwesenheit im Marschallgefängnis so viel Tröstliches gehabt hätte.

Ohne ihn ganz genau über das Wesen der Dokumente aufzuklären, die in Rigauds Hände gefallen, hatte Klein-Dorrit Mr. Meagles in allgemeinen Umrissen diese Geschichte mitgeteilt und ihm auch sein Schicksal erzählt. Die alten vorsichtigen Gewohnheiten von Schale und Schaufel zeigten Mr. Meagles sogleich die Wichtigkeit, wieder in den Besitz der Originalpapiere zu gelangen; deshalb schrieb er zurück an Klein-Dorrit, bekräftigte sie in dem dringenden Verlangen, das sie in dieser Richtung ausgesprochen, und fügte hinzu, daß er nicht nach England zurückkehren werde, ohne den Versuch gemacht zu haben, sie aufzufinden.

Mr. Henry Gowan war inzwischen zu der Ansicht gekommen, daß es angenehm für ihn sein würde, die Meagles nicht zu kennen. Er war so rücksichtsvoll in diesem Punkt, seiner Frau darüber keine besondern Vorschriften zu geben. Aber er äußerte Mr. Meagles gegenüber, daß es ihm dünke, als ob sie persönlich nicht füreinander taugten, und daß sie es für gut halten würde, wenn sie – höflich und ohne eine Szene oder etwas Derartiges – gegenseitig anerkennten, sie seien die besten Menschen von der Welt, die aber am besten täten, sich nicht zu sehen. Der arme Mr. Meagles, der ohnehin das Gefühl hatte, als mehre er das Glück seiner Tochter nicht, wenn er in ihrer Gegenwart so geringschätzig behandelt werde, sagte: »Gut, Henry! Sie sind der Gatte meiner Pet; Sie haben mich, wie es die Natur der Dinge mit sich bringt, ersetzt; wenn Sie es wünschen, gut!« Dieses Arrangement hatte den weiteren Vorteil, den Henry Gowan vielleicht nicht vorausgesehen hatte, daß Mr. und Mrs. Meagles, seitdem sie nur noch mit ihrer Tochter und deren kleinem Kinde verkehrten, noch freigebiger waren als zuvor; und daß sich sein Stolz noch besser mit Geld versehen sah, ohne der erniedrigenden Notwendigkeit ausgesetzt zu sein, zu wissen, woher es kam.

Mr. Meagles widmete sich natürlich, da die Sachen jetzt so lagen, mit großem Eifer der Beschäftigung, die sich ihm bot. Er wußte von seiner Tochter die verschiedenen Städte, die Rigaud seit längerer Zeit besucht, und in welchen Hotels er gewohnt hatte. Die Beschäftigung, der er sich widmete, war die, diese Orte mit aller Diskretion und so rasch es ging zu bereisen und, im Fall, daß jener irgendwo eine Rechnung unbezahlt und eine Kiste oder einen Pack statt der Bezahlung zurückgelassen, die Rechnung zu bezahlen und Kiste oder Pack mitzunehmen.

Ohne andre Begleitung als die seiner Frau trat Mr. Meagles seine Reise an und erlebte zahlreiche Abenteuer. Nicht die unbedeutendste der Schwierigkeiten war die, daß er nie verstand, was die Leute zu ihm sagten, und daß er unausgesetzt seine Nachforschungen unter Leuten anstellte, die nie wußten, was er zu ihnen sagte. Mit dem unerschütterlichen Vertrauen, daß die englische Sprache gewissermaßen die Muttersprache der ganzen Welt sei und daß die Leute sie aus reiner Einfalt nicht verständen, überhäufte Mr. Meagles die Hotelbesitzer mit den geläufigsten Reden, erging sich in lauten Auseinandersetzungen der verwickeltsten Art und wies Antworten in der heimischen Sprache aufs entschiedenste zurück, weil es lauter »dummes Zeug« sei. Bisweilen wurden Dolmetscher herbeigerufen, die Mr. Meagles in so volksmäßigen Ausdrücken anredete, daß sie augenblicklich zum Schweigen gebracht waren – was die Sache nur noch schlimmer machte. Reiflich erwogen jedoch steht zu bezweifeln, ob er viel verlor; denn, obgleich er kein Eigentum vorfand, fand er so viele Schulden und so vielerlei schlechte Gerüchte in Verbindung mit dem Namen – dem einzigen Wort, das er verständlich machen konnte –, daß er fast überall mit beleidigenden Beschuldigungen bedrängt wurde. Nicht weniger denn viermal wurde die Polizei herbeigerufen, um Mr. Meagles bei ihr als Industrieritter, als Taugenichts und Dieb zu denunzieren; Schimpfwörter, die er mit der ruhigsten Fassung hinnahm (da er keine Idee davon hätte, was sie bedeuteten) – und dabei wurde er auf die schmählichste Weise nach Dampfbooten und Postwagen transportiert, nur damit man ihn loswurde, wobei er, die Mutter am Arme führend, die ganze Zeit als redefertiger und heiterer Engländer unaufhörlich fortschwatzte.

Aber in seiner eigenen Sprache und in seiner eigenen Meinung war Mr. Meagles ein klarblickender, schlauer und ausdauernder Mann. Als er sich, wie er es nannte, bis Paris »durchgearbeitet« hatte, ohne etwas erreicht zu haben, war er noch nicht entmutigt. »Je näher ich seine Spur gegen England verfolge, siehst du, Mutter«, argumentierte Mr. Meagles, »desto näher bin ich wahrscheinlich seinen Papieren, mögen sie zum Vorschein kommen oder nicht. Denn es ist die einzige vernünftige Ansicht, die man haben kann, daß er sie irgendwo niedergelegt hat, wo sie vor den Leuten in England sicher sind, während sie für ihn doch immer leicht zugänglich bleiben, nicht wahr?«

In Paris fand Mr. Meagles einen Brief von Klein-Dorrit vor, der ihn erwartet hatte. In diesem erwähnte sie, daß sie mit Mr. Clennam ein paar Minuten über den Mann habe sprechen können, der unter den Ruinen begraben worden war; und daß auf ihre Mitteilung, sein Freund Mr. Meagles, der auf dem Wege zu ihm sei, habe ein Interesse, womöglich etwas über diesen Mann zu erfahren, Mr. Clennam ihr geantwortet habe, sie möge Mr. Meagles sagen, er sei mit Miß Wade bekannt gewesen, die in der und der Straße in Calais wohne. »Oh!« sagte Meagles.

So kurz darauf, wie es in jenen Tagen möglich war, wo man noch mit Eilwagen fuhr, zog Mr. Meagles die zersprungene Klinge an dem zersprungenen Tor, und es ging auf, und die Bauersfrau stand in dem dunklen Torweg und sagte in ihrem französischen Englisch: »Was gibt es, Sir? Zu wem wollen Sie?« Dieser Anrede Gerechtigkeit widerfahren lassend, murmelte Mr. Meagles vor sich hin, daß diese Leute von Calais doch einigen Verstand hätten und einigermaßen wüßten, was man von ihnen wolle; er gab deshalb zur Antwort: »Miß Wade, meine Liebe!« Sie führte ihn alsbald zu Miß Wade.

»Es ist lange her, daß wir uns begegneten«, sagte Mr. Meagles, indem er sich räusperte; »ich hoffe. Sie haben sich immer wohl befunden. Miß Wade?«

Ohne die Hoffnung auszusprechen, daß er oder sonst jemand sich wohl befunden, fragte ihn Miß Wade, welchem Umstand sie die Ehre verdanke, ihn wiederzusehen? Mr. Meagles sah inzwischen im ganzen Zimmer umher, ob er nichts in Form einer Kiste entdecke.

»Die Wahrheit zu sagen. Miß Wade«, sagte Mr. Meagles in gemütlichem, vertraulichem, wir wollen nicht sagen, schmeichelndem Ton, »es ist möglich, daß Sie imstande sind, etwas Licht auf eine Sache zu werfen, die bislang noch im Dunkel schwebt. Alles Unangenehme, was zwischen uns vorgekommen, ist hoffentlich vergessen. Es ist jedoch nicht mehr zu ändern. Sie erinnern sich meiner Tochter? Die Zeiten, ändern sich so! Sie ist jetzt Mutter!«

Mr. Meagles hätte in seiner Unschuld keine schlimmere Saite anschlagen können. Er wartete auf ein Wort der Teilnahme, aber er wartete vergebens.

»Das ist wohl nicht die Sache, wegen der Sie mit mir zu sprechen wünschen?« sagte sie nach einem kalten Schweigen.

»Nein, nein«, versetzte Mr. Meagles, »nein. Ich dachte. Ihr gutes Herz werde –«

»Ich dachte. Sie wüßten«, unterbrach sie ihn mit einem Lächeln, »daß auf mein gutes Herz nicht zu rechnen ist.«

»Sagen Sie das nicht«, versetzte Mr. Meagles; »Sie tun sich unrecht. Um jedoch auf die Sache selbst zu kommen« – denn er fühlte, daß er nichts gewonnen hatte, indem er sich auf einem Umwege zu nähern gesucht, – »ich hörte von meinem Freunde Clennam, der, wie Sie gewiß mit Bedauern hören werden, seit längerer Zeit sehr krank darniederliegt –«

Er hielt wieder inne, und sie schwieg abermals.

»– daß Sie einige Bekanntschaft mit einem gewissen Blandois gehabt haben, der kürzlich in London durch einen Unglücksfall getötet wurde. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen! Ich weiß, daß es eine sehr oberflächliche Bekanntschaft war«, sagte Mr. Meagles, gewandt einer ungehaltenen Unterbrechung, die er drohen sah, vorbeugend. »Ich weiß das ganz gut. Ich weiß, es war eine oberflächliche Bekanntschaft. Aber die Frage ist die«, hier wurde Mr. Meagles' Stimme wieder zutraulich, »hinterließ er nicht auf seiner Reise nach England das letztemal eine Kiste mit Papieren oder einen Pack Papiere oder überhaupt Papiere in irgendeinem Behälter – kurz, Papiere bei Ihnen, mit der Bitte, sie bei Ihnen für kurze Zeit deponieren zu dürfen, bis er sie brauchte?«

»Die Frage ist?« wiederholte sie. »Wessen Frage ist das?«

»Meine Frage«, sagte Mr. Meagles. «Und nicht nur meine Frage, sondern Clennams Frage und anderer Leute Frage. Ich bin überzeugt«, fuhr Mr. Meagles fort, dessen Herz von Pet überströmte, »daß Sie kein unfreundliches Gefühl gegen meine Tochter hegen können; es ist unmöglich. Nun, denn! Es ist auch ihre Frage, weil eine intime Freundin nahe bei der Sache interessiert ist. Ich bin denn hierhergekommen, um Ihnen offen zu sagen, daß dies die Frage ist, und Sie zu fragen: Hat er etwas zurückgelassen?«

»Wahrhaftig«, erwiderte sie, »ich scheine die Zielscheibe der Nachfragen für jeden zu sein, der irgend etwas von einem Manne wissen will, den ich mal in meinem Leben gemietet und bezahlt habe.«

»Bitte«, warf Mr. Meagles ein, »fühlen Sie sich doch nicht verletzt, denn es ist die einfachste Frage in der Welt, die jedem Menschen vorgelegt werden könnte. Die Dokumente, um die es sich handelt, gehörten nicht ihm, waren auf unrechtmäßige Weise erlangt, können irgendeinmal einer unschuldigen Person, die sie aufbewahrte, Unannehmlichkeiten bereiten und werden von Leuten gesucht, denen sie wirklich gehören. Er kam auf der Reise nach London durch Calais, und es gibt Gründe, weshalb er sie nicht mit sich genommen haben dürfte, aber den Wunsch gehegt, sie beständig in der Hand zu haben, und sie nicht Leuten seines Schlages anvertrauen wollte. Ließ er sie hier? Ich erkläre, wenn ich wüßte, wie ich es vermeiden könnte, Sie zu verletzen, ich würde mir alle Mühe geben, es zu tun. Ich stelle die Frage persönlich, aber es ist nichts Persönliches in ihr. Ich würde sie jedermann vorlegen und habe sie bereits vielen Leuten vorgelegt. Hat er sie hier gelassen? Hat er überhaupt etwas hier gelassen?«

»Nein.«

»So wissen Sie unglücklicherweise nichts davon, Miß Wade?«

»Ich weiß nichts davon. Ich habe jetzt Ihre unerklärliche Frage beantwortet. Er hat sie nicht hier gelassen, und ich weiß nichts davon.«

»So!« sagte Mr. Meagles und stand auf. »Ich bedaure es sehr; nun ist die Sache abgemacht; und ich hoffe, es ist nicht viel Ungelegenheit damit. – Befindet sich Tattycoram wohl, Miß Wade?«

»Harriet, wohl? O ja!«

»Da habe ich wieder etwas falsch gemacht«, sagte Mr. Meagles, als sie ihn auf diese Weise korrigierte. »Es scheint, als ob ich hier alles falsch machen müßte. Vielleicht, wenn ich mir die Sache zweimal überlegt, hätte ich ihr nicht den seltsam klingenden Namen gegeben. Aber wenn man mit jungen Leuten einen vertraulichen und scherzhaften Ton anschlagen will, so überlegt man sich's nicht zweimal. Ihr alter Freund läßt ein freundliches Wort für sie zurück, Miß Wade, wenn Sie es für ratsam halten, es ihr zu sagen.«

Sie sagte nichts darauf, und Mr. Meagles verließ mit seinem ehrlichen Gesicht das dunkle Zimmer, wo es wie eine Sonne geglänzt, brachte es mit nach dem Hotel, wo er Mrs. Meagles gelassen und wo er den Bericht abstattete: »Geschlagen, Mutter; erfolglos!« Er nahm es mit nach dem nächsten Londoner Dampfschiff, das in derselben Nacht abfuhr, und dann nach dem Marschallgefängnis.

Der treue John hatte den Dienst, als Vater und Mutter gegen Abend sich an dem Pförtchen einfanden. Miß Dorrit, sagte er, sei nicht da; aber sie sei vormittags dagewesen und käme jeden Abend. Mr. Clennam erhole sich langsam, und Maggy und Mrs. Plornish und Mr. Baptist pflegten ihn abwechselnd. Miß Dorrit würde ganz gewiß noch kommen, ehe die Abendglocke läutete. Wenn sie Lust hätten, könnten sie in dem Zimmer, das der Marschall ihr oben eingeräumt, auf sie warten. In der Befürchtung, daß es Arthur schaden könnte, wenn er ihn unvorbereitet besuchte, nahm Mr. Meagles das Anerbieten an, und sie blieben allein in dem Zimmer und sahen durch das vergitterte Fenster in das Gefängnis hinab. Der enge Raum des Gefängnisses machte einen solchen Eindruck auf Mrs. Meagles, daß sie zu weinen anfing, und auf Mr. Meagles, daß er begann, nach Luft zu schnappen. Er ging keuchend im Zimmer auf und ab und verschlimmerte seinen Zustand noch, indem er sich eifrig mit dem Taschentuch fächerte, als er sich nach der aufgehenden Tür umsah.

»Ei, du Grundgütiger!« sagte Mr. Meagles, »das ist ja nicht Miß Dorrit! Sieh, Mutter, sieh! Tattycoram!«

Es war niemand anderes. Und in Tattycorams Armen befand sich eine eisenbeschlagene Kapsel von zwei Fuß im Quadrat. Solch eine Kapsel hatte Affery Flintwinch im ersten ihrer Träume in stiller Nacht unter des Doppelgängers Armen aus dem Hause gehen sehen. Diese stellte Tattycoram vor die Füße ihres alten Herrn auf den Boden; dann fiel Tattycoram auf ihre Knie und schlug mit den Händen darauf, indem sie halb triumphierend, halb verzweifelnd, halb lachend, halb weinend ausrief: »Verzeihung, guter Herr, nehmen Sie mich wieder an, gute Herrin, hier ist es!«

»Tatty!« rief Mr. Meagles.

»Was Sie suchen!« sagte Tattycoram. »Hier ist es! Ich wurde ins nächste Zimmer geschickt, daß ich Sie nicht sehen sollte. Ich hörte Sie danach fragen, ich hörte sie sagen, sie habe es nicht bekommen, während ich dabei war, wie er es daließ, und ich nahm den Kasten nachts, als ich zu Bett gehen sollte, und brachte ihn weg. Hier ist er!«

»Nun, mein Kind«, rief Mr. Meagles, atemloser denn zuvor, »wie kamst du denn herüber?«

»In demselben Boot mit Ihnen. Ich saß eingehüllt am andern Ende. Als Sie am Kai einen Wagen nahmen, nahm ich einen andern Wagen und folgte Ihnen hierher. Sie hätte den Kasten nie herausgegeben nach dem, was Sie zu ihr über das Verlangen sagten, das man danach hatte; sie würde ihn lieber ins Meer geworfen oder verbrannt haben. Aber hier ist er!«

Mit wunderbarem Frohlocken und Entzücken sagte das Mädchen das: Hier ist er!

»Das muß ich zu ihrer Verteidigung sagen, daß sie ihn durchaus nicht wollte; aber Blandois ließ ihn zurück, und ich wußte wohl, daß, nach dem, was Sie gesagt, und nachdem sie ihn verleugnet, sie ihn nie herausgegeben haben würde. Doch nun ist er hier! Lieber Herr, liebe Herrin, nehmen Sie mich wieder an und geben Sie mir den lieben alten Namen wieder! Lassen Sie dies für mich sprechen. Hier ist er!«

Vater und Mutter Meagles verdienten ihren Namen nie besser als in dem Augenblick, als sie das trotzige Findelkind wieder in ihren Schutz nahmen.

»Oh, ich bin so unglücklich gewesen«, rief Tattycoram, indem sie noch mehr weinte denn zuvor, »ich habe so unglückliche Tage verlebt und so viel Reue empfunden. Von dem ersten Augenblick, da ich sie sah, fürchtete ich mich vor ihr. Ich wußte, sie hatte eine Macht über mich erlangt, indem sie so scharf erkannte, was böse in mir war. Es brütete ein Wahnsinn in mir, und sie konnte ihn heraufbeschwören, sooft sie wollte. Ich dachte gewöhnlich, wenn ich in diesen Zustand verfiel, die Leute seien alle wegen meiner frühern Jugend mir feindlich gesinnt; und je freundlicher sie gegen mich waren, desto schlimmer fand ich sie. Ich setzte mir in den Kopf, daß sie über mich triumphierten, und daß sie mich neidisch auf sich machen wollten, während ich weiß – was ich selbst damals wußte, wenn ich ehrlich sein wollte –, daß sie nie an dergleichen gedacht. Und meine hübsche junge Herrin ist nicht so glücklich, als sie zu sein verdient, und ich bin von ihr weggelaufen. Für wie schlecht und roh sie mich halten muß! Aber wollen Sie ein Wort für mich bei ihr einlegen und sie bitten, so versöhnlich zu sein, als Sie beide sind? Denn ich bin nicht so schlecht, wie ich war«, sagte Tattycoram zu ihren Gunsten. »Ich bin sehr schlecht, aber doch nicht so schlecht wie ich war. Wahrhaftig nicht! Ich hatte die ganze Zeit Miß Wade vor Augen, als mein zur Reife gekommenes Ich – das alles nach der schlimmen Seite wendet und Gutes in Böses verwandelt hat. Ich habe sie die ganze Zeit vor mir gehabt, wie sie an nichts Vergnügen fand, als mich zu einem ebenso elenden, mißtrauischen und selbstquälerischen Wesen zu machen, wie sie selbst eines ist. Nicht daß ihr das große Mühe gekostet hätte«, rief Tattycoram in einem letzten Ausbruch reuevollen Schmerzes, »denn ich war so schlimm wie nur möglich. Ich will nur sagen, daß, nach dem, was ich durchgemacht, ich hoffe, nie wieder ganz so schlimm zu werden, und langsam Fortschritte zum Bessern zu machen glaube. Ich will mir alle Mühe geben. Ich will nicht bei fünfundzwanzig stehen bleiben, Sir. Ich will bis fünfundzwanzighundert, bis fünfundzwanzigtausend zählen!«

Die Tür öffnete sich wieder, und Tattycoram schwieg, und Klein-Dorrit trat ein, und Mr. Meagles brachte mit Stolz und Freude die Kiste herbei, und ihr sanftes Gesicht strahlte von Dank und Freude und Glück. Das Geheimnis war jetzt in Sicherheit! Sie konnte ihm ihren eigenen Anteil daran verschweigen; er sollte nie ihren Verlust erfahren; in spätern Zeiten sollte er alles wissen, was von Wichtigkeit für ihn sein konnte; aber er sollte niemals erfahren, was nur sie allein betraf. Das war alles vorbei, vergeben und vergessen.

»Nun, meine liebe Miß Dorrit«, sagte Mr. Meagles, »ich bin ein Geschäftsmann – oder war es wenigstens –, und ich will sogleich in dieser Richtung meine Maßregeln treffen. Wäre es nicht besser, wenn ich Arthur noch heute abend spräche?«

»Ich glaube nicht, daß es heute abend gut wäre. Ich will nach seinem Zimmer gehen und sehen, wie er sich befindet.«

»Da haben Sie ganz recht, meine Liebe«, sagte Mr. Meagles, »und deshalb bin ich ihm auch nicht näher gekommen als bis in dies ungemütliche Zimmer. Ich werde ihn wohl in der nächsten Zeit noch nicht zu sehen bekommen. Aber ich werde Ihnen auseinandersetzen, wenn Sie wiederkommen, was ich meine.«

Sie verließ das Zimmer. Mr. Meagles blickte ihr durch das Gefängnisgitter nach und sah sie aus dem Schließerhäuschen unten in den Gefängnishof treten. Dann sagte er sanft: »Tattycoram, komme einen Augenblick zu mir, mein gutes Kind.«

Sie trat zu ihm ans Fenster.

»Du siehst die junge Dame, die eben hier war – die kleine, stille, zarte Gestalt, die dort geht, Tatty? Sieh. Die Leute treten beiseite, um sie vorüberzulassen. Die Männer – sieh die armen, schäbigen Burschen – ziehen höflich vor ihr den Hut ab, und nun schlüpft sie dort in den Torweg. Siehst du sie, Tattycoram?«

»Ja, Sir.«

»Ich hörte sagen, Tatty, daß man sie einst gewöhnlich das Kind dieses Ortes hieß. Sie wurde hier geboren und lebte viele Jahre hier. Ich kann hier nicht atmen. Ein trauriger Ort, um hier geboren zu werden und aufzuwachsen, nicht wahr, Tattycoram?«

»Gewiß, Sir!«

»Wenn sie immer an sich gedacht und sich der Ansicht hingegeben, daß jedermann ihr den Ort entgelten lasse, ihn ihr zum Vorwurf mache und ihr vorhalte, so würde sie ein sehr gereiztes und wahrscheinlich nutzloses Dasein geführt haben. Aber ich habe mir sagen lassen, Tattycoram, daß ihr junges Leben voll tätiger Resignation, voll Güte und edler Dienstbereitwilligkeit gewesen sei. Soll ich dir sagen, was diese Augen, die soeben hier waren, meiner Meinung nach beständig als ihr Ziel betrachtet, um diesen Ausdruck zu bekommen?«

»Ja, wenn Sie so gut sein wollen, Sir.«

»Die Pflicht, Tattycoram. Fange frühzeitig damit an und erfülle sie nach strengem Gewissen; und nichts, in welchem Stande wir geboren sind oder in welcher Stellung wir leben, wird gegen uns vor dem Allmächtigen oder vor uns auftreten.«

Sie blieben am Fenster stehen, nachdem die Mutter zu ihnen getreten war, und bemitleideten die Gefangenen, bis man sie zurückkommen sah. Sie war bald in dem Zimmer und bat, Arthur, den sie ruhig und gefaßt verlassen hatte, diesen Abend nicht zu besuchen.

»Gut!« sagte Mr. Meagles heiter. »Ich zweifle nicht, daß es das beste ist. Ich werde Ihnen, meine süße Pflegerin, Grüße für ihn auftragen, und ich weiß, daß sie in keinen besseren Händen sein können. Ich reise morgen früh wieder ab.«

Klein-Dorrit fragte ihn verwundert: »Wohin?«

»Meine Liebe«, sagte Mr. Meagles, »ich kann nicht leben, ohne zu atmen. Dieser Ort hat mir den Atem benommen, und ich werde nicht früher aus voller Brust Luft schöpfen, als bis ich Arthur hier heraushabe.«

»Inwiefern ist das ein Grund, morgen früh wieder abzureisen?«

»Sie werden es gleich einsehen«, sagte Mr. Meagles. »Diese Nacht bleiben wir alle drei in einem City-Hotel. Morgen früh werden Mutter und Tattycoram hinunter nach Twickenham gehen, wo Mrs. Tickit, die mit Dr. Buchan neben sich am Wohnzimmerfenster sitzt, sie für ein paar Gespenster halten wird; und ich verreise wieder, um Doyce aufzusuchen. Wir müssen Dan hier haben. Ich will Ihnen sagen, meine Liebe, es ist unnütz, zu schreiben und Pläne zu machen und zu spekulieren über dies und das und jenes und alles aufs Ungewisse und Unsichere, wir müssen Doyce hier haben. Vom morgenden Tag an, wenn die Sonne aufgeht, soll es meine Aufgabe sein, Doyce hierherzubringen. Es ist eine Kleinigkeit für mich, ihn ausfindig zu machen. Ich bin ein alter Reisender, und alle fremden Sprachen und Gebräuche sind mir gleich – ich habe nie etwas davon verstanden. Deshalb kann ich auch in keine Ungelegenheiten kommen. Gehen muß ich auf der Stelle, das ist klar; weil ich nicht leben kann, ohne frei zu atmen; und ich kann nicht frei atmen, bis Arthur aus diesem Marschallgefängnis heraus ist. Ich ersticke beinahe in diesem Augenblick und habe kaum Atem genug, um dies zu sagen und Ihnen diese kostbare Kiste die Treppe hinabzubringen.«

Sie kamen in die Straße, als die Glocke zu läuten begann: Mr. Meagles trug die Kiste. Klein-Dorrit hatte keinen Wagen, was ihn ziemlich überraschte. Er rief eine Kutsche für sie herbei, und sie stieg ein; er stellte die Kiste neben sie, als sie sich gesetzt hatte. In ihrer Freude und Dankbarkeit küßte sie ihm die Hand.

»Das gefällt mir nicht, meine Liebe«, sagte Mr. Meagles. »Es widerstrebt meinem Gefühl von dem, was recht ist, daß Sie mir diese Huldigung erweisen – hier am Tore des Marschallgefängnisses.«

Sie beugte sich vor und küßte ihn auf die Wange.

»Sie erinnern mich an frühere Tage«, sagte Mr. Meagles und verfiel plötzlich in einen ernsteren Ton, »aber sie hat ihn sehr lieb und verbirgt seine Fehler und denkt, niemand sieht sie – und er hat außer allem Zweifel vornehme Verbindungen und ist von guter Familie.«

Es war der einzige Trost, den er für den Verlust seiner Tochter hatte, und wenn er ihn soviel wie möglich ausbeutete, wer könnte ihn darob tadeln?

 

 << Kapitel 33  Kapitel 35 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.