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Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Eine Erscheinung im Marschallgefängnis.

Die Meinung der Gesellschaft außerhalb des Gefängnisses sprach sich mit der Zeit sehr hart über Clennam aus, und unter der Gesellschaft innerhalb der Mauern gewann er sich keine Freunde. Zu niedergedrückt, um sich unter den großen Haufen auf dem Hof zu mischen, der zusammenkam, um seine Sorgen zu vergessen; zu sehr zurückhaltend und zu unglücklich, um an den armseligen Freuden des Wirtshauses teilzunehmen, blieb er auf seinem eigenen Zimmer und ward mit Mißtrauen angesehen. Einige sagten, er sei stolz; andere meinten, er sei mürrisch und zurückhaltend; noch andere verachteten ihn, denn er sei ein armseliger Hans, der sich wegen seiner Schulden gräme. Die ganze Bevölkerung des Gefängnisses wich ihm scheu wegen dieser verschiedenen Beschuldigungen aus, namentlich wegen der letzteren, die eine Art Verrat am Hause in sich schloß, und er gewöhnte sich bald so sehr an seine Einsamkeit, daß er nur noch auf dem Hof auf und ab ging, wenn der Abendklub bei seinen Liedern und Toasten und Gefühlsüberschwenglichkeiten versammelt war und der Hof fast ausschließlich den Frauen und Kindern überlassen blieb.

Die Gefangenschaft begann Einfluß auf ihn zu gewinnen. Er wußte, daß er damit nur eitel seine Zeit verträumte. Nach dem, was er von dem Einfluß der Gefangenschaft in den vier engen Mauern dieses Zimmers, das er jetzt bewohnte, gesehen hatte, flößte ihm dies Gefühl Angst vor sich selbst ein. Vor dem beobachtenden Blicke anderer und seinem eigenen sich scheuend, begann er sich merklich zu ändern. Jedermann konnte sehen, daß der Schatten der Mauer dunkel auf ihn fiel.

Eines Tages – er mochte ungefähr zehn oder zwölf Wochen im Gefängnis gewesen sein –, als er zu lesen versucht und nicht imstande gewesen war, die dichterischen Gestalten des Buchs vom Marschallgefängnis zu trennen, hielt ein Schritt vor seiner Tür, und eine Hand pochte daran. Er stand auf und öffnete, und eine angenehme Stimme rief ihm entgegen: »Wie geht es Ihnen, Mr. Clennam? Ich hoffe, mein Besuch ist Ihnen nicht unangenehm.«

Es war der muntere junge Barnacle, Ferdinand Barnacle. Er sah sehr freundlich und einnehmend aus, vielleicht zu heiter und ungebunden im Gegensatz zu dem schmutzigen Gefängnis.

»Sie sind überrascht, mich zu sehen, Mr. Clennam«, sagte er, indem er den Stuhl nahm, den ihm Mr. Clennam bot.

»Ich muß gestehen, daß ich sehr überrascht bin.«

»Nicht unangenehm, hoffe ich.«

»Keineswegs.«

»Danke. Offen gestanden«, sagte der einnehmende junge Barnacle, »es hat mir ausnehmend leid getan, zu vernehmen, daß Sie sich in die Notwendigkeit versetzt sahen, sich zeitweilig hierher zurückzuziehen, und ich hoffe (natürlich spreche ich hier als Privatmann zum Privatmann), daß unser Amt nichts damit zu tun hat.«

»Ihr Amt?«

»Unser Circumlocution Office.«

»Ich kann keinen Teil meines Mißgeschicks auf dieses bedeutende Amt schieben.«

»Wahrhaftig«, sagte der lebhafte junge Barnacle, »ich bin herzlich froh, das zu erfahren. Es nimmt mir wirklich eine Last vom Herzen, Sie so sprechen zu hören. Ich würde es ausnehmend bedauert haben, erfahren zu müssen, daß unser Bureau irgend etwas mit Ihren Widerwärtigkeiten zu tun gehabt hätte.«

Clennam versicherte ihm abermals, daß er ihn von aller Verantwortlichkeit freispreche.

»Das ist recht«, sagte Ferdinand. »Ich bin sehr glücklich, das zu hören. Mir war innerlich nicht ganz wohl bei der Sache; ich befürchtete, wir möchten dazu beigetragen haben, Sie zu ruinieren, weil es außer Zweifel ist, daß wir das hier und da tun. Wir wollen es nicht; aber wenn Leute durchaus ruiniert sein wollen, nun – so können wir es nicht ändern.«

»Ohne Ihnen in dem, was Sie sagen, unbedingt beizustimmen«, versetzte Arthur düster, »bin ich Ihnen doch für Ihr Interesse an meinem Wohl und Wehe sehr verbunden.«

»Nein, aber wahrhaftig! Unser Bureau«, sagte der leutselige junge Barnacle, »ist das harmloseste Bureau, das man sich denken kann. Sie sagen vielleicht, unsere Sache sei Humbug. Ich will nicht das Gegenteil behaupten; aber alle diese Dinge sollen so sein und müssen so sein. Sehen Sie das nicht ein?«

»Nein«, sagte Clennam.

»Sie sehen die Sache nicht vom richtigen Gesichtspunkt an. Der Gesichtspunkt ist das wichtigste. Betrachten Sie unser Bureau von dem Gesichtspunkt, daß wir von Ihnen nur verlangen, uns ungeschoren zu lassen, und wir sind ein so ausgezeichnetes Departement, wie es nur eines geben kann.«

»Ist Ihr Bureau dazu da, um ungeschoren gelassen zu werden?« fragte Clennam.

»Sie treffen den richtigen Punkt«, versetzte Ferdinand. »Es besteht zu dem ausdrücklichen Zweck, daß man es ungeschoren lasse. Das ist's, was es will. Allerdings muß eine gewisse Form zu andern Zwecken beobachtet werden, aber das ist nur eine Form. Nun, mein Gott, wir sind ja nichts als Form. Denken Sie nur, welche Masse von Formalitäten Sie haben durchmachen müssen. Und Sie sind dem Ziele doch nicht näher gekommen. Sehen Sie die Sache vom rechten Gesichtspunkt an, und Sie werden uns – in unsrer offiziellen Wirksamkeit haben. Es ist wie eine geschlossene Partie Kricket. Eine Partie Draußenstehender drängt sich immer herein, um nach dem Staatsdienst zu zielen, und wir schlagen die Bälle zurück.«

Clennam fragte, was aus den Ballwerfenden würde.

Der lustige junge Barnacle antwortete, daß sie der Sache müde, lahm und im Rücken gebrochen würden, abstürben, die Partie aufgäben und ein anderes Spiel begännen.

»Und dies veranlaßt mich abermals, mir zu gratulieren«, fuhr er fort, »daß unser Bureau keine Schuld an Ihrer momentanen Zurückgezogenheit trägt. Es hätte so leicht eine Hand darin haben können, weil sich nicht leugnen läßt, daß wir bisweilen mit unsrem Bureau sehr großes Unglück haben, namentlich bei Leuten, die uns nicht ungeschoren lassen. Mr. Clennam, ich spreche ganz offen mit Ihnen. Zwischen Ihnen und mir brauche ich nicht hinter dem Berg zu halten. Ich habe das schon getan, als ich zuerst bemerkte, daß Sie den Mißgriff machten, uns nicht ungeschoren lassen zu wollen; weil ich sah, daß Sie unerfahren und sanguinisch waren und – ich hoffe, Sie werden nichts gegen meinen Ausdruck einzuwenden haben – die Sache einfältig angriffen?«

»Durchaus nicht.«

»Etwas einfältig. Deshalb fühlte ich, wie schade es sei, und ich ging so weit von meinem gewöhnlichen Verfahren ab, daß ich Sie warnte (was freilich nicht amtlich gehandelt war, aber ich tue das nie, wenn ich nicht muß) und Ihnen andeutete, wenn ich Sie wäre, würde ich mich nicht weiter darum kümmern. Aber Sie quälten sich mit der Sache noch weiter herum und haben sich seitdem fortgequält. Nun aber, bitte ich Sie, lassen Sie die Sache gehen.«

»Es ist nicht wahrscheinlich, daß ich Gelegenheit habe, mich weiter darum zu mühen«, sagte Clennam.

»O doch! Sie werden diesen Ort wieder einmal verlassen. Niemand bleibt immer hier. Es gibt eine Menge Wege, von hier fortzukommen. Aber kommen Sie nicht wieder zu uns. Diese Bitte ist der zweite Grund meines Besuches. Bitte, kommen Sie nicht wieder zu uns. Auf meine Ehre«, sagte Ferdinand in sehr freundschaftlicher und vertraulicher Weise, »es wird mir sehr weh tun, wenn Sie sich nicht durch die Vergangenheit warnen lassen und sich fern von uns halten sollten.«

»Und die Erfindung?« sagte Clennam.

»Mein guter Freund«, versetzte Ferdinand, »wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen, niemand will etwas von dieser Erfindung wissen, und niemand gibt dritthalb Pence darauf.«

»Das heißt, niemand auf dem Bureau?«

»Weder in noch außerhalb des Bureaus. Jedermann ist bereit, die Erfindungen, die gemacht werden, zu verachten und zu verlachen. Sie glauben nicht, wie viele Menschen ungeschoren sein wollen. Sie haben keine Idee, wieviel dem Genius des Landes (achten Sie nicht auf den parlamentarischen Ton des Ausdrucks, und lassen Sie sich nicht dadurch langweilen) daran liegt, ungeschoren zu bleiben. Glauben Sie mir, Mr. Clennam«, sagte der muntere junge Barnacle in seiner freundlichsten Weise, »unser Bureau ist kein verderbenbringender Riese, auf den man mit eingelegter Lanze ansprengen muß, sondern bloß eine Windmühle, die Ihnen zeigt, während sie ungeheure Massen Spreu mahlt, woher der Wind des Landes weht.«

»Wenn ich das glauben könnte«, sagte Clennam, »so wäre es eine schlimme Aussicht für uns alle.«

»Oh, sagen Sie das nicht!« versetzte Ferdinand. »Es ist alles in Ordnung. Wir müssen Humbug haben, wir haben alle unsre Freude am Humbug, wir könnten ohne Humbug gar nicht vorwärts kommen. Ein wenig Humbug und ein gutes Geleise, und alles geht vortrefflich, wenn Sie die Sache ungeschoren lassen.«

Mit diesem hoffnungsvollen Geständnis seines Glaubens stand Ferdinand auf, als das Haupt der sich zu Ehrenstellen emporschwingenden Barnacles, die vom Weibe geboren waren, um unter einer Masse von Losungsworten, die sie äußerlich verleugneten und entkräfteten, Nachtreter zu finden. Nichts konnte angenehmer sein als seine offene und höfliche Haltung, oder mit einem vornehmeren Instinkt den Umständen seines Besuches angepaßt sein.

»Ist es erlaubt zu fragen«, sagte er, als Clennam ihm mit einem wirklichen Gefühl von Dankbarkeit für seine Offenheit und gute Laune die Hand gedrückt, »ob es wahr ist, daß unser verstorbener, beweinter Merdle die Ursache dieser vorübergehenden Fatalitäten ist?«

»Ich bin einer von den vielen, die er ruiniert hat. Ja.«

»Er muß ein außerordentlich schlauer Mensch gewesen sein«, sagte Ferdinand Barnacle.

Arthur, der nicht in der Stimmung war, das Andenken des Verstorbenen zu preisen, schwieg.

»Natürlich ein vollkommener Spitzbube«, sagte Ferdinand, »aber außerordentlich schlau; man muß ihn unwillkürlich bewundern. Er muß ein Meister im Humbug gewesen sein, kannte die Menschen so gut – kriegte sie so vollständig herum – wußte so viel mit ihnen anzufangen!«

Er war wirklich in seiner leichtfertigen Weise von aufrichtiger Bewunderung erfüllt.

»Ich hoffe«, sagte Arthur, »daß er und seine Betrogenen eine Warnung für die Leute sein werden, nicht so viel mit sich anfangen zu lassen.«

»Mein lieber Clennam«, versetzte Ferdinand lachend, »haben Sie wirklich eine so grüne Hoffnung? Der nächste beste Mann, der ebensoviel Klugheit und ebensoviel offenbaren Geschmack für den Humbug hat, wird ebenso sicher zu seinem Ziele kommen. Verzeihen Sie mir, aber ich glaube, Sie haben wirklich keine Vorstellung davon, wie die menschlichen Bienen dem Klappern jedes alten Blechkessels nachschwärmen. In dieser Tatsache liegt der ganze Schlüssel zum Geheimnis, sie zu beherrschen. Wenn man sie glauben machen kann, daß der Kessel von edlem Metall ist: darin liegt die ganze Macht von Menschen wie unser beweinter Verstorbener. Allerdings gibt es hier und da Ausnahmefälle«, sagte Ferdinand höflich, »wo sich Leute haben hintergehen lassen, weil ihnen die Sache auf viel besserer Grundlage zu beruhen schien; und ich brauche nicht weit zu gehen, um einen solchen Fall zu finden; aber diese stoßen die Regel nicht um. Leben Sie wohl! Ich hoffe, daß, wenn ich das Vergnügen habe, Sie das nächste Mal zu sehen, diese vorübergehende Wolke dem Sonnenschein gewichen sein wird. Begleiten Sie mich nicht über die Schwelle, Ich kenne den Weg ganz genau. Guten Tag!«

Mit diesen Worten ging der beste und gescheiteste der Barnacles die Treppe hinab, summte auf dem Weg durch das Schließerstübchen vor sich hin, bestieg sein Pferd im vordern Hof und ritt zu einer Konferenz mit seinem vornehmen Verwandten, der ein wenig des Einfahrens bedurfte, bis er mit Siegesbewußtsein gewissen ungläubigen Menschen aus dem Volke antworten konnte, die die vornehmen Herren über ihr staatsmännisches Prinzip beunruhigen wollten.

Er mußte Mr. Rugg unterwegs begegnet sein; denn eine oder zwei Minuten später leuchtete dieser rotköpfige Gentleman wie ein ältlicher Phöbus zur Tür herein.

»Wie befinden Sie sich heute, Sir?« sagte Mr. Rugg. »Kann ich heute irgendeine Kleinigkeit für Sie tun?«

»Nein, ich danke Ihnen.«

Mr. Ruggs Freude an gehäuften und verwirrten Geschäften war gleich der Freude der Hausfrau am Einsalzen und Einmachen oder gleich der Freude einer Waschfrau an einer großen Wäsche oder der Freude eines Kehrichtkärrners an einem überfüllten Kehrichtkasten oder jeder andern gewerbsmäßigen Freude an einem Geschäftsmischmasch.

»Ich sehe noch immer von Zeit zu Zeit nach, Sir«, sagte Mr. Rugg heiter, »ob sich noch welche verspätete Arreste an der Tür ansammeln. Sie sind ziemlich massenhaft vorhanden; so massenhaft, wie wir erwarten konnten.«

Er erwähnte dieses Umstandes, als ob er Grund zum Glückwünschen gäbe, rieb sich munter die Hände und wiegte dann den Kopf ein wenig hin und her.

»So massenhaft«, wiederholte Mr. Rugg, »wie wir vernünftigerweise erwarten konnten. Ein ganzer Regenschauer von solchen Verhaftsbefehlen. Ich störe Sie nicht oft, wenn ich hierherkomme, weil ich weiß, daß Sie Gesellschaft nicht lieben, und daß sie es im Schließerstübchen sagen würden, wenn Sie mich zu sprechen wünschten. Aber ich bin fast jeden Tag hier, Sir. Wäre dies eine unpassende Zeit, Sir«, fragte Mr. Rugg einschmeichelnd, »mir eine Bemerkung zu erlauben?«

»So passend wie jede andere Zeit.«

»Hm! Die öffentliche Meinung, Sir«, sagte Mr. Rugg, »hat sich sehr viel mit Ihnen beschäftigt.«

»Ich zweifle nicht daran.«

»Wäre es nicht ratsam, Sir«, sagte Mr. Rugg, noch einschmeichelnder, »jetzt ein für allemal der öffentlichen Meinung ein Zugeständnis zu machen? Wir tun es alle auf die eine oder andere Weise. Kurz, wir müssen es tun.«

»Ich kann mich damit nicht befreunden, Mr. Rugg, und sehe nicht voraus, daß ich es je können werde.«

»Sagen Sie das nicht, Sir, sagen Sie das nicht. Die Kosten, um sich in die Queens Bench versetzen zu lassen, sind kaum nennenswert, und wenn die allgemeine Meinung sich stark dafür ausspricht, daß Sie dort sein sollten, nun – wahrhaftig – –«

»Ich dachte, Sie hätten sich bei dem Gedanken beruhigt, Mr. Rugg«, sagte Arthur, »daß mein Entschluß, hierzubleiben, eine Geschmackssache sei.«

»Ja, Sir, ja. Aber ist es ein guter Geschmack, ist es ein guter Geschmack? Das ist die Frage.« Mr. Rugg war so besänftigend in seiner Überredung, daß er ganz pathetisch wurde. »Ich hätte beinahe gesagt, heißt das richtig fühlen? Ihre Sache ist eine bedeutende Sache, und daß Sie hierbleiben, wo man wegen ein oder zwei Pfund festgehalten werden kann, ist als etwas Seltsames besprochen worden. Es geht wirklich nicht. Ich kann Ihnen nicht sagen, an wie vielen Orten ich habe davon sprechen hören. Ich hörte vergangenen Abend in einem Salon, den ich die beste juridische Gesellschaft nennen würde, wenn ich nicht selbst dann und wann denselben besuchte, Bemerkungen darüber, die hören zu müssen mir leid tat. Sie haben mir Ihretwegen weh getan. Erst heute morgen wieder beim Frühstück. Meine Tochter (nur eine Frau, werden Sie sagen: aber doch ein feinfühlendes Wesen in Dingen dieser Art und selbst nicht ohne einige persönliche Erfahrung, sofern sie Klägerin in Sachen Rugg contra Bawkins war) hat ihr großes Erstaunen ausgedrückt; ihr großes Erstaunen. Würde unter solchen Umständen und in Anbetracht dessen, daß kein Mensch sich ganz über die öffentliche Meinung hinwegsetzen kann, eine kleine Konzession an diese Meinung nicht – nun, Sir«, sagte Rugg, »ich will das Geringste annehmen – nicht liebenswürdig sein?«

Arthurs Gedanken waren wieder einmal bei Klein-Dorrit, und die Frage blieb unbeantwortet.

»Was mich selbst betrifft, Sir«, sagte Mr. Rugg, in der Hoffnung, seine Beredsamkeit habe ihn in einen Zustand der Unentschiedenheit versetzt, »so ist es mein Grundsatz, keine Rücksicht auf mich zu nehmen, wenn die Neigungen eines Klienten in die Wagschale fallen. Da ich jedoch Ihren rücksichtsvollen Charakter und Ihren allgemeinen Wunsch, andere zu verbinden, kenne, so will ich wiederholen, daß ich es lieber sähe, wenn Sie in der Queens Bench säßen. Ihre Sache hat viel Lärm verursacht; sie verschafft dem Rechtsanwalt, der sie führt, Kredit; ich würde mich besser mit meinen Bekannten stehen, wenn Sie in die Queens Bench gingen. Lassen Sie sich jedoch dadurch nicht beeinflussen, Sir, ich führe nur die Tatsachen an.«

So abschweifender Natur war bereits die Aufmerksamkeit des Gefangenen durch die Einsamkeit und die Niedergeschlagenheit geworden, und so gewohnt war er, mit einer einzigen schweigsamen Gestalt innerhalb der finstern Mauern zu verkehren, daß Clennam sich aus einer Art Erstarrung aufraffen mußte, ehe er Mr. Rugg ansehen, den Faden des Gesprächs aufnehmen und sagen konnte: »Ich beharre unverändert auf meinem Entschluß. Bitte, lassen Sie die Sache ruhen; lassen Sie sie ruhen!«

Mr. Rugg gab, ohne zu verbergen, daß ihm dies ärgerlich und peinlich war, zur Antwort:

»Oh! Ganz gewiß, Sir! Ich bin von den Akten abgeschweift, das weiß ich wohl, indem ich Ihnen diesen Wink gab. Aber wahrhaftig, wenn ich in verschiedenen Gesellschaften und in sehr guten Gesellschaften die Bemerkung machen höre, wenn es auch für einen Fremden angehe, so sei es doch für den Charakter eines Engländers nicht würdig, im Marschallgefängnis zu bleiben, da die glorreichen Freiheiten seiner Insel ihm gestatten, sich nach der Queens Bench versetzen zu lassen, so glaube ich, ich dürfte von dem schmalen geschäftlichen Pfade, der mir vorgezeichnet ist, abweichen und es erwähnen. Persönlich habe ich keine Meinung über diese Sache«, sagte Mr. Rugg.

»Das ist gut«, versetzte Arthur.

»Oh! Nein, durchaus keine Meinung, Sir!« sagte Mr. Rugg, »sonst würde ich es nur ungern gesehen haben, daß vor einigen Minuten einer meiner Klienten von einem Gentleman aus vornehmer Familie, der zu Pferde kam, einen Besuch erhielt. Wenn ich eine Meinung hätte, so wünschte ich, daß ich ermächtigt wäre, einem andern Gentleman, einem Gentleman von militärischem Äußern, der jetzt im Schließerstübchen wartet, zu erkennen zu geben, daß mein Klient gar nicht beabsichtigte hierzubleiben und im Begriffe sei, eine vornehmere Wohnung zu beziehen. Aber mein Gang als juridische Maschine ist klar; ich habe nichts damit zu tun. Haben Sie Lust, den Gentleman zu sehen, Sir?«

»Wer, sagten Sie, wünsche mich zu sprechen?«

»Ich habe mir diese unjuristische Freiheit genommen, Sir. Da er hörte, daß ich Ihr juridischer Beistand sei, wollte er nicht früher eintreten, ehe ich meine sehr beschränkte juridische Funktion verrichtet hätte. Zum Glück«, sagte Mr. Rugg mit einem Sarkasmus, »habe ich mich nicht so weit aus den Akten verirrt, daß ich den Herrn nach seinem Namen gefragt hätte.«

»Ich vermute, ich kann nichts anders tun, als ihn empfangen«, seufzte Clennam müde.

»So haben Sie also Lust, Sir?« versetzte Rugg. »Wollen Sie mich mit dem Auftrag beehren, dies dem Herrn zu sagen, wenn ich hinausgehe? Soll ich? Ich danke Ihnen, Sir. Ich verabschiede mich«, und er empfahl sich wirklich, etwas übel gestimmt.

Der Herr von militärischem Aussehen hatte Clennams Neugierde bei seinem gegenwärtigen Gemütszustände in so geringem Grade rege gemacht, daß er die Erwähnung eines solchen Besuches halb vergessen und die schwache Erinnerung daran sich wie ein Teil des düstern Schleiers, der jetzt sein Gemüt beinahe immer verdunkelte, auf dasselbe gelegt hatte, als ein schwerer Tritt auf der Treppe ihn weckte. Er schien heraufzukommen, nicht sehr rasch und freiwillig, aber mit einem absichtlichen Lärm, der etwas Beleidigendes haben sollte. Als die Schritte einen Augenblick auf dem Ruheplatz vor der Tür anhielten, konnte er sich nicht auf die Ideenverbindung besinnen, die der eigentümliche Schall in ihm hervorgerufen hatte, obgleich er glaubte, dies sei der Fall gewesen. Nur ein Augenblick war ihm zum Besinnen vergönnt. Gleich darauf flog die Tür durch einen Stoß auf, und auf der Schwelle stand der vermißte Blandois, die Ursache so vieler Sorgen.

»Salve, Kamerade Gefängnisvogel!« sagte er, »Sie brauchen mich, wie es mir scheint. Hier bin ich.«

Ehe Arthur ihm seine entrüstete Verwunderung aussprechen konnte, folgte ihm Cavaletto in das Zimmer. Mr. Pancks folgte Cavaletto. Keiner von beiden war hier gewesen, seitdem sein gegenwärtiger Bewohner das Zimmer in Besitz genommen. Mr. Pancks bewegte sich langsam und schwer keuchend nach dem Fenster, stellte seinen Hut auf den Boden, strich sich das Haar mit beiden Händen in die Höhe und verschränkte die Arme wie ein Mann, der von einer schweren Tagesarbeit ausruht. Mr. Baptist, der kein Auge von dem gefürchteten ehemaligen Stubenburschen verwandte, ließ sich langsam mit dem Rücken gegen die Tür auf den Boden nieder und nahm einen seiner Fußknöchel in jede Hand; auf diese Weise nahm er dieselbe Stellung wieder ein (nur, daß sie jetzt unverwandte Wachsamkeit ausdrückte), die er vor demselben Mann in dem tieferen Schatten eines anderen Gefängnisses an einem heißen Morgen in Marseille eingenommen hatte.

»Ich habe diese beiden Wahnsinnigen zu Zeugen«, sagte Monsieur Blandois, sonst auch Lagnier oder Rigaud genannt, »daß Sie mich zu sehen wünschen, Brüderchen. Hier bin ich.«

Indem er einen verächtlichen Blick auf die Bettstelle warf, die während des Tages zugeschlagen war, lehnte er sich mit dem Rücken daran, ohne seinen Hut vom Kopfe zu nehmen, und stand trotzig herausfordernd, mit den Händen in den Taschen, da.

»Sie unheilbringender Bösewicht!« sagte Arthur. »Sie haben absichtlich einen schlimmen Verdacht auf das Haus meiner Mutter geworfen. Warum haben Sie das getan? Was veranlaßte Sie zu dieser teuflischen Erfindung?«

Nachdem Monsieur Rigaud ihn einen Augenblick zürnend angesehen, lachte er. »Da hört diesen edlen Herrn! Alle Welt höre dieses Tugendmuster. Aber nehmen Sie sich in acht. Nehmen Sie sich in acht! Es könnte leicht geschehen, daß Ihr Eifer ein wenig kompromittierend würde. Sacre bleu! Es wäre leicht möglich.«

»Signore!« unterbrach ihn Cavaletto, sich gleichfalls an Arthur wendend, »um anzufangen, hören Sie mich an! Sie gaben mir Instruktionen, ihn ausfindig zu machen, diesen Rigaud; nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Ich ging deshalb zuerst zu meinen Landsleuten. Ich frage sie, was Neues in London von Fremden angekommen sei. Dann gehe ich zu den Franzosen. Dann zu den Deutschen. Sie sagen mir alles. Der größte Teil von uns kennt die andern gut, und sie sagen mir alles. Aber niemand kann mir etwas von ihm sagen, von diesem Rigaud. Fünfzehnmal«, sagte Cavaletto, indem er dreimal seine linke Hand mit ausgebreiteten Fingern vorwarf und dies so rasch tat, daß der Gesichtssinn dieser Aktion kaum folgen konnte, »fünfzehnmal habe ich an jedem Orte, wo man Fremde findet, nach ihm gefragt! und fünfzehnmal« – dabei wiederholte er dieselbe rasche Gebärde, – »wußten sie nichts. Aber! –«

Bei dem bezeichnenden italienischen Ausruhen auf dem Worte »Aber« kam sein Schütteln des verkehrten rechten Zeigefingers in das Spiel; nur sehr wenig und sehr vorsichtig.

»Aber! – Nach langer Zeit, während der ich nicht imstande gewesen war, ihn hier in London aufzufinden, erzählte mir jemand von einem Militär mit weißem Haar – hm? – nicht Haar wie das, das er trägt – einem Militär mit weißem Haar –, der an einem gewissen Ort ganz zurückgezogen lebe. Aber«, fuhr er fort, indem er abermals darauf ausruhte, »er gehe zuweilen nach dem Essen spazieren und rauche dabei. Man muß Geduld haben, wie sie in Italien sagen (und wissen, die armen Leute). Ich habe Geduld. Ich frage, wo jener Ort sei. Der eine meint da, der andere dort. Nun schön! Er ist jedoch weder da noch dort. Ich warte mit der größten Geduld. Zuletzt mache ich ihn doch ausfindig. Da stell' ich mich denn auf den Posten; ich verstecke mich, bis er spazierengeht und raucht. Es ist ein Militär mit grauem Haar, aber –«, er ruhte sehr entschieden auf dem Worte aus und bewegte den verkehrten Zeigefinger kräftig hin und her, »es ist dieser Mann, den Sie da sehen.«

Es war auffallend, daß er in seiner alten Gewohnheit, sich unterwürfig gegen einen Menschen zu benehmen, der sich die Mühe genommen, sich eine Überlegenheit über ihn anzumaßen, selbst jetzt noch verlegen vor Rigaud sich verbeugte, nachdem er so auf ihn hingewiesen.

»Nun denn, Signore!« schloß er, indem er sich wieder an Arthur wandte, »ich wartete auf eine gute Gelegenheit. Ich schrieb einige Worte an Signor Panco« – Mr. Pancks bekam durch diese Benennung ein ganz neues Aussehen – »er solle kommen und mir helfen. Ich zeigte Signor Panco diesen Rigaud an seinem Fenster, und Signor Panco stand oft den Tag über Wache. Ich schlief bei Nacht in der Nähe der Haustür. Endlich kamen wir hinein; erst heute, und nun sehen Sie ihn hier. Da er nicht in Gegenwart des berühmten Anwaltes« – dies war der Ehrentitel, den Mr. Baptist Mr. Rugg gab – »heraufkommen wollte, so warteten wir drunten zusammen, und Signor Panco bewachte die Straße.«

Am Schlusse dieser Erzählung richtete Arthur seinen Blick auf das freche und verworfene Gesicht. Und als der Blick des andern dem seinen begegnete, senkte sich die Nase über den Schnurrbart, und der Schnurrbart bäumte sich unter der Nase. Als Nase und Schnurrbart wieder an ihrem alten Platze waren, schnalzte Monsieur Rigaud ein halbes dutzendmal laut mit den Fingern und beugte sich dabei vor, um Arthur anzuschnalzen, als wenn es handgreifliche Wurfgeschosse wären, die er ihm ins Gesicht schleuderte.

»Nun, Philosoph!« sagte Rigaud, »was wollen Sie von mir?«

»Ich möchte von Ihnen wissen«, versetzte Arthur, ohne seinen Abscheu zu verbergen, »wie Sie es wagen können, einen Verdacht des Mordes auf meiner Mutter Haus zu lenken?«

»Wagen!« rief Rigaud. »Ho, ho! Da höre mal einer! Beim Himmel, mein kleiner Junge, Sie sind etwas unvorsichtig.«

»Ich will, daß dieser Verdacht behoben werde«, sagte Arthur. »Sie sollen dorthin gebracht werden, damit man Sie allgemein sieht. Ich wünsche außerdem zu wissen, was für ein Geschäft Sie dort hatten, als ich ein brennendes Verlangen fühlte, Sie die Treppe hinabzuwerfen. Werfen Sie mir keine solche finstern Blicke zu, Mann! Ich habe Sie genug kennengelernt, um zu wissen, daß Sie ein Renommist und eine Memme sind. Ich brauche mich nicht erst von den Einflüssen dieses traurigen Ortes zu erholen, um Ihnen eine so einfache Tatsache, die Sie ganz gut kennen, zu bestätigen.«

Weiß bis zu den Lippen, strich sich Rigaud den Schnurrbart und murmelte: »Beim Himmel, mein Junge, Sie kompromittieren ein wenig Mylady, Ihre verehrungswürdige Mutter.« Er schien einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. Seine Unschlüssigkeit war jedoch bald vorüber. Er setzte sich mit drohender Prahlerei hin und sagte:

»Geben Sie mir eine Flasche Wein. Sie können hier welchen bekommen. Senden Sie einen von Ihren Verrückten fort, um mir eine Flasche Wein zu holen. Ich werde kein Wort reden ohne Wein. Wollen Sie? Ja oder nein?«

»Holen Sie, was er wünscht, Cavaletto«, sagte Arthur verachtungsvoll und nahm das Geld aus der Tasche.

»Schmugglerbestie«, fügte Rigaud hinzu, »bring Portwein! Ich trinke nichts als Portwein, Portwein.«

Da die Schmugglerbestie jedoch mit ihrem bezeichnenden Finger allen Anwesenden versicherte, daß sie sich aufs entschiedenste weigere, ihren Posten an der Tür zu verlassen, so bot Signor Panco seine Dienste an. Er kehrte bald mit der Flasche Wein zurück, die der Sitte des Ortes gemäß, an dem sie sich befanden, einer Sitte, die aus dem Mangel an Korkziehern unter den Kollegialen entstanden war (denn es fehlte an solchen, wie an noch vielem andern), bereits entkorkt war.

»Verrückter! Ein großes Glas!« sagte Rigaud.

Signor Panco stellte einen Becher vor ihn; nicht ohne einen sichtbaren innern Kampf, ob er ihm denselben nicht an den Kopf werfen sollte.

»Haha!« prahlte Rigaud. »Einmal ein Kavalier und immer ein Kavalier. Ein Gentleman von Anfang bis zu Ende. Was zum Teufel! Ein Kavalier muß bedient werden, hoffe ich. Es liegt in meinem Charakter, bedient zu werden!«

Er füllte bei diesen Worten den Becher halb und trank ihn aus, nachdem er jene Worte gesprochen.

»Hah!« sagte er, mit den Lippen schmatzend, »kein sehr alter Gefangener, dieser Wein! Ich denke, nach Ihrem Aussehen, edler Herr, wird diese Haft Ihr Blut viel eher zähmen, als sie diesen Wein mildert. Sie werden mürbe, – verlieren schon an Fleisch und Blut. Ich trinke Ihnen zu!«

Er leerte wieder ein halbes Glas; und hielt es vorher und nachher in die Höhe, wie um seine kleine weiße Hand zu zeigen.

»Zu unsern Geschäften nun«, fuhr er dann fort. »Sprechen Sie. Sie haben sich in Worten freier gezeigt als mit dem Körper, Sir.«

»Ich habe mir die Freiheit genommen. Ihnen zu sagen, was Sie von sich selbst recht gut wissen. Sie wissen wie wir alle, daß Sie noch viel schlechter sind.«

»Setzen Sie immer hinzu, ein Gentleman, es hat nichts zu sagen. Außer in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Zum Beispiel: Sie könnten um Ihr Leben kein Gentleman sein; ich könnte um den gleichen Preis nichts anderes sein. Wie groß ist der Unterschied! Wir wollen fortfahren, Worte haben nie Einfluß auf die Lage der Karten oder den Fall der Würfel gehabt. Wissen Sie das? Wirklich? Ich spiele auch ein Spiel, und Worte sind ohne Einfluß darauf gewesen.«

Jetzt, da er Cavaletto gegenübergestellt war und wußte, daß man seine Geschichte kannte, ließ er die dünnste Verkleidung, die er getragen, fallen und trotzte, ein frecher Mensch, wie er einer war, mit offenem Visier.

»Nun, mein Sohn«, fuhr er mit einem Schnalzen seines Fingers fort. »Ich spiele trotz der Worte mein Spiel zu Ende; und – Tod meines Leibes und Tod meiner Seele! – ich will es gewinnen. Sie möchten wissen, warum ich diesen kleinen Streich spiele, den Sie unterbrochen. So wissen Sie denn, ich hatte und habe – verstehen Sie mich? habe – eine Ware an Mylady, Ihre verehrungswürdige Mutter, zu verkaufen. Ich schilderte meine kostbare Ware und bestimmte meinen Preis. Was diesen Handel betrifft, so war Ihre bewundernswürdige Mutter ein wenig zu ruhig, zu zähe, zu unbeweglich und statuenartig. Kurz, Ihre bewundernswürdige Mutter ärgerte mich. Um etwas Abwechslung in meine Lage zu bringen und mich zu amüsieren – ein Gentleman muß sich auf irgendeines andern Kosten amüsieren –, verfiel ich auf die glückliche Idee, zu verschwinden. Ein Gedanke, sehen Sie, den Ihre charaktervolle Mutter und mein lieber Flintwinch gar zu gern verwirklicht hätten. Ah! bah, bah, bah, sehen Sie nicht so von oben herab auf mich! Ich wiederhole es. Sie wären wirklich sehr froh gewesen, ausnehmend glücklich, wahrhaft bezaubert gewesen, wenn es in der Tat geschehen wäre. Wie stark soll ich mich noch ausdrücken?«

Er spritzte alles, was noch im Glase war, auf den Boden, so daß Cavaletto beinahe davon beschmutzt wurde. Dies schien aufs neue seine Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken. Er setzte sein Glas nieder und sagte:

»Ich mag nicht einschenken. Was! Ich bin geboren, bedient zu werden. Kommt, Cavaletto, und füllt das Glas!«

Der kleine Mann sah Clennam an, dessen Augen mit Rigaud beschäftigt waren, und da er nichts Abmahnendes gewahrte, so stand er vom Boden auf und goß von der Flasche in das Glas. Die Art, wie sich seine alte Unterwürfigkeit beim Einschenken mit einem Gefühl für das Humoristische mischte; der Kampf dieser Empfindung mit einer gewissen kochenden Wut, die jeden Augenblick zum Ausbruch kommen konnte (wie der geborene Kavalier selbst zu fürchten schien; denn er hatte ein wachsames Auge auf ihn): und das bequeme Nachgeben gegenüber einer gutmütigen, sorglosen, vorherrschenden Neigung, sich wieder auf den Boden zu setzen, bildeten eine merkwürdige Zusammensetzung seines Charakters.

»Diese glückliche Idee, edler Herr«, fuhr Rigaud, nachdem er getrunken, fort, »war aus verschiedenen Gründen eine glückliche Idee. Es amüsierte mich, es ließ Ihrer teuren Mama und meinem lieben Flintwinch keine Ruhe, es machte ihnen Kummer und Sorgen (meine Bedingungen für eine Lektion der Höflichkeit gegen einen Gentleman), und es deutete allen liebenswürdigen Beteiligten an, daß Ihr ganz Ergebener ein zu fürchtender Mann ist. Beim Himmel, er ist ein Mann, der zu fürchten ist! Mehr noch; er hätte Mylady, Ihre Mutter, zur Vernunft bringen können, – hätte unter dem Druck des schwachen Verdachts, den Ihre Weisheit erkannt hat, sie endlich bewegen können, in den Zeitungen auf verdeckte Weise anzukündigen, daß die Schwierigkeiten eines gewissen Kontraktes durch das Erscheinen einer gewissen für die Sache sehr wichtigen Partei verschwinden würden. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber das haben Sie abgeschnitten. Was haben Sie nun zu sagen? Was wollen Sie?«

Clennam hatte nie peinlicher gefühlt, daß er ein Gefangener war als jetzt, da er diesen Mann vor sich sah und ihn nicht nach seiner Mutter Haus begleiten konnte. All die unmerklichen Schwierigkeiten und Gefahren, die er je gefürchtet hatte, waren jetzt im Anzuge, wo er weder Hand noch Fuß rühren konnte.

»Vielleicht, mein Freund, Philosoph, Mann der Tugend, Tor, was Sie wollen, vielleicht«, sagte Rigaud und unterbrach sich im Trinken, um ihn mit seinem furchtbaren Lächeln über das Glas hin anzusehen, »vielleicht hätten Sie besser getan, mich in Ruhe zu lassen?«

»Nein!« sagte Clennam. »Wenigstens weiß man setzt, daß Sie am Leben und unverletzt sind. Wenigstens können Sie diesen beiden Zeugen jetzt nicht entgehen; und sie sind imstande, Sie vor jeder öffentlichen Behörde und vor Hunderten von Leuten zu zeigen.«

»Aber sie werden mich vor niemandem zeigen«, sagte Rigaud, indem er wieder mit einer siegesbewußten Drohung mit den Fingern schnalzte. »Zum Teufel mit Ihren Zeugen; zum Teufel mit Ihren Zeugen! Zum Teufel mit Ihnen selbst. Wie? Sollte ich deshalb wissen, was ich weiß? Habe ich dafür meine Ware zu verkaufen? Bah, armer Schuldner! Sie haben meinen kleinen Plan unterbrochen. Lassen wir das. Was nun? Was bleibt? Ihnen nichts; mir alles. Mich anzeigen? Ist's das, was Sie wollen? Ich werde mich nur zu bald selbst anzeigen. Schmuggler! Gebt mir Feder, Tinte und Papier.«

Cavaletto stand wie zuvor auf und legte sie in seiner früheren Weise vor ihn. Nachdem Rigaud einen Augenblick boshaft nachgedacht und gelächelt, schrieb und las er folgendes:

      »An Mrs. Clennam.

Um Antwort wird gebeten.
Marschallgefängnis.
Im Zimmer Ihres Sohnes.

Verehrte Frau!

Ich bin in Verzweiflung, heute von unserem Gefangenen hier (der die Güte gehabt, Spione nach mir auszusenden, da er aus politischen Gründen zurückgezogen lebt) zu erfahren, daß Sie wegen meiner Sicherheit besorgt sind.

Beruhigen Sie sich, verehrte Frau. Ich bin wohlauf, stark und beharrlich.

Mit der größten Ungeduld würde ich nach Ihrem Hause eilen, wenn ich nicht unter den obwaltenden Umständen die Möglichkeit voraussähe, daß Sie sich noch nicht definitiv über den kleinen Vorschlag entschieden haben sollten, den ich Ihnen zu machen die Ehre hatte. Ich setze eine Woche, von heute an gerechnet, als den Zeitpunkt fest, wo ich Sie zum letzten Male besuchen werde; dann mögen Sie den Vorschlag unbedingt annehmen oder denselben mit allen daraus hervorgehenden Folgen verwerfen.

Ich unterdrücke meinen heißen Wunsch, Sie zu umarmen und dieses interessante Geschäft zum Abschluß zu bringen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, alle Einzelheiten zu unserer gegenseitigen Zufriedenheit zu ordnen.

Inzwischen ist es gewiß nicht zu viel, wenn ich Ihnen den Vorschlag mache (nachdem unser Gefangener mich in meiner Wirtschaft derangiert), daß Sie meine Ausgaben für Logis und Kost in einem Hotel bezahlen.

Empfangen Sie, verehrte Frau, die Versicherung meiner größten und ausgezeichnetsten Hochachtung

Rigaud Blandois.

Tausend Grüße an meinen lieben Flintwinch.

Ich küsse Madame Flintwinch die Hand.«

Als Rigaud diesen Brief zu Ende gelesen, faltete er ihn und warf ihn mit einem Schwunge Clennam vor die Füße. »Holla! Lassen Sie das jemanden an seine Adresse befördern und die Antwort zurückbringen.«

»Cavaletto«, sagte Arthur. »Wollen Sie den Brief dieses Menschen besorgen?«

Da jedoch Cavalettos ausdrucksvoller Finger wieder zu verstehen gab, daß es seine Aufgabe sei, an der Tür Rigaud zu bewachen, nachdem er ihn mit so viel Mühe ausfindig gemacht hatte, und daß es auf seinem Posten Pflicht für ihn sei, auf dem Boden mit dem Rücken an die Wand gelehnt zu sitzen, Rigaud anzusehen und seine eigenen Knöchel zu halten – so bot Signor Panco abermals freiwillig seine Dienste an. Als diese angenommen wurden, ließ Cavaletto die Tür gerade weit genug aufmachen, daß er sich durchquetschen konnte, und schloß sie dann gleich wieder hinter ihm.

»Berührt mich mit einem Finger, verletzt mich mit einem Wort, zieht meine Überlegenheit in Frage, während ich nach meinem Behagen meinen Wein trinke«, sagte Rigaud, »und ich folge meinem Brief und ich widerrufe meine Wochenfrist. Sie verlangten nach mir? Sie haben mich jetzt. Wie gefalle ich Ihnen?«

»Sie wissen«, versetzte Clennam mit einem bittern Gefühl seiner Hilflosigkeit, »daß, als ich Sie suchte, ich kein Gefangener war.«

»Zum Teufel mit Ihnen und Ihrem Gefängnis«, versetzte Rigaud langsam, indem er aus seiner Tasche eine Kapsel nahm, die die zum Anfertigen von Zigaretten nötigen Materialien enthielt, und mit seinen gewandten Händen einige für den augenblicklichen Gebrauch zurechtmachte, »ich kümmere mich um keinen von euch beiden. Schmuggler! Ein Licht!«

Cavaletto stand wieder auf und reichte ihm, was er brauchte. Es lag etwas Banges in dieser geräuschlosen Geschicklichkeit seiner kalten weißen Hände, deren Finger sich so geschmeidig durcheinander bewegten wie Schlangen. Clennam konnte sich eines innerlichen Schauers nicht erwehren; es war ihm, als ob er in ein Nest solcher Kreaturen sähe.

»Holla! Schwein!« rief Rigaud mit lauter, anspornender Stimme, als wenn Cavaletto ein italienisches Pferd oder Maultier wäre. »Wie! Das höllische, alte Gefängnis war wirklich prachtvoll gegen dieses. Es lag eine gewisse Würde in den Gittern und Steinen jenes Ortes. Es war ein Gefängnis für Männer, aber dies? Bah! Ein Hospital für Schwachsinnige!«

Er rauchte seine Zigarette aus, während das häßliche Lächeln auf seinem Gesicht so festgebannt war, daß er gerade aussah, als wenn er mit seinem gesenkten Schnabel von Nase und nicht mit seinem Mund rauchte. Eine phantastische Gestalt in einem Zauberbild. Als er eine zweite Zigarette an dem noch brennenden Ende der ersten angezündet, sagte er zu Clennam:

»Man muß sich die Zeit vertreiben, solange der Verrückte fort ist. Man muß schwatzen. Man kann nicht den ganzen Tag starke Weine trinken, sonst möchte ich wohl noch eine Flasche haben. Sie ist schön, Sir. Obgleich nicht ganz nach meinem Geschmack, so ist sie doch, bei Donner und Blitz! hübsch. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Geschmack.«

»Ich weiß nicht und will nicht wissen, von wem Sie sprechen«, sagte Clennam.

»Della bella Gowana, Sir, wie sie in Italien sagen. Von der hübschen Gowan.«

»Deren Gemahl Sie – als Aufwärter begleiteten, glaube ich.«

»Sir! Aufwärter? Sie werden unverschämt. Als Freund.«

»Verkaufen Sie alle Ihre Freunde?«

Rigaud nahm die Zigarette aus dem Mund und sah ihn einen Augenblick voll Erstaunen an. Aber er steckte sie wieder zwischen die Lippen, als er kalt antwortete:

»Ich verkaufe ihnen alles, was einen Preis hat. Wovon leben Ihre Advokaten, Ihre Politiker, Ihre Detektive, Ihre Bankiers? Wovon leben Sie? Wie kommen Sie hierher? Haben Sie nicht Ihren Freund verkauft? Heilige Jungfrau! Ich sollte doch meinen, ja!«

Clennam drehte ihm den Rücken und sah zum Fenster hinaus auf die Mauer.

»Wirklich, Sir«, sagte Rigaud, »die Gesellschaft verkauft sich selbst und verkauft mich, und ich verkaufe die Gesellschaft. Ich weiß, daß Sie auch mit einer andern Dame Bekanntschaft haben. Ebenfalls hübsch. Ein fester Charakter. Nun, wie heißt sie nur? Wade.«

Er erhielt keine Antwort, konnte aber leicht merken, daß er das Ziel getroffen.

»Ja!« fuhr er fort, »jene hübsche Dame mit dem festen Charakter redete mich auf der Straße an, und ich bin nicht gefühllos. Ich antworte ihr. Die hübsche Dame mit dem festen Charakter erzeigt mir die Ehre, mir in großem Vertrauen zu sagen: ›Ich möchte etwas wissen und habe einen Kummer. Sie sind vielleicht ein Mensch von nicht mehr als gewöhnlicher Ehrbarkeit?‹ Ich erwidere: ›Ein Kavalier von Geburt und ein Kavalier bis zu meinem Tode; aber allerdings von nicht mehr als gewöhnlicher Ehrbarkeit. Ich verachte eine so schwächliche Phantasie.‹ Darauf war sie so freundlich, mir ein Kompliment zu machen. ›Der Unterschied zwischen Ihnen und den übrigen Menschen ist‹, antwortet sie, ›daß Sie es offen gestehen.‹ Denn sie kennt die Gesellschaft. Ich nehme ihre Gratulationen mit galanter Höflichkeit an. Höflichkeit und kleine Galanterien sind unzertrennlich von meinem Charakter. Sie macht mir dann einen Vorschlag, der darin besteht: sie habe uns oft zusammen gesehen, es scheine ihr, ich sei für den Augenblick die Hauskatze, ihre Neugier und ihr Kummer machten es ihr wünschenswert, zu erfahren, was Sie tun, zu wissen, wie Sie leben, ob die hübsche Gowana geliebt werde und so weiter. Sie ist nicht reich, erbietet sich jedoch zu der und der kleinen Entschädigung für die kleinen Mühen und Angelegenheiten solcher Dienste; und ich erkläre mich huldvoll – alles huldvoll zu tun, ist eine Eigenschaft meines Charakters – erkläre mich huldvoll bereit, die Entschädigung anzunehmen. O ja! So geht es in der Welt. Das ist die Mode.«

Obgleich Clennam ihm den Rücken zugewandt, während er sprach, und auch später noch bis zum Schluß der Verhandlung, heftete er doch seine funkelnden Augen, die zu nahe beieinander standen, so fest auf ihn und sah offenbar schon an der Haltung des Kopfes, während er mit seiner prahlerischen Rücksichtslosigkeit Punkt für Punkt erzählte, daß er nichts sagte, was Clennam nicht bereits wußte.

»Oh! Die schöne Gowana!« sagte er, indem er eine dritte Zigarette mit einem Ton anzündete, wie wenn sein leichtester Atem sie wegblasen könnte. »Reizend, aber unvorsichtig. Denn es war nicht gut getan von der hübschen Gowan, Briefe von ehemaligen Liebhabern in dem Schlafzimmer zu verstecken, damit ihr Gatte sie nicht sehe. Nein, nein. Das war nicht gut. Oh! Die Gowana hat sich da getäuscht!«

»Ich hoffe in allem Ernst«, rief Arthur laut, »daß Pancks nicht lange fortbleibt, denn die Gegenwart dieses Mannes verpestet dies Zimmer.«

»Ja, aber er gedeiht hier und überall«, sagte Rigaud, indem er mit triumphierendem Blick die Finger schnalzen ließ. »Überall ist das geschehen, und immer wird es geschehen!« Darauf streckte er seinen Körper auf den einzigen drei Stühlen, die mit Ausnahme von dem, auf dem Clennam saß, im Zimmer waren, aus und sang, indem er sich auf die Brust schlug, als wäre er der Held des Liedes:

»Was kommt so spät bei Nacht vorbei?
    Compagnon de la Majolaine;
Was kommt so spät bei Nacht vorbei?
    Immer froh!«

»Sing' den Refrain, Schwein! Du konntest ihn ja sonst in einem andern Gefängnisse singen. Sing ihn. Oder, bei jedem Heiligen, der zu Tode gesteinigt wurde, ich werde mich als beleidigt betrachten und grob werden; dann würden einige Leute, die noch nicht tot sind, besser daran tun, sich mit ihnen steinigen zu lassen.«

»Die Blüte aller Ritterschaft,
    Compagnon de la Majolaine;
Die Blüte aller Ritterschaft,
    Immer froh!«

Teils aus alter unterwürfiger Gewohnheit, teils, weil, wenn er es nicht tat, dies vielleicht seinem Wohltäter schaden könnte, teils, weil er es ebensogut tun konnte wie etwas anderes, sang Cavaletto diesmal den Refrain. Rigaud lachte und rauchte mit geschlossenen Augen weiter.

Es mochte wohl noch eine Viertelstunde gedauert haben, ehe man Pancks' Tritte auf der Treppe hörte, aber die Zwischenzeit erschien Clennam unerträglich lang. Ein andrer Tritt begleitete ihn. Sobald Cavaletto die Tür öffnete, traten Mr. Pancks und Mr. Flintwinch ein. Der letztere war kaum sichtbar, so stürzte Rigaud auf ihn zu und umarmte ihn ungestüm.

»Wie befinden Sie sich, Sir?« sagte Mr. Flintwinch, sobald er sich wieder hatte losmachen können, was er mit sehr wenig Zeremonie zu bewerkstelligen suchte. »Ich danke Ihnen, nein; ich habe genug!« Das bezog sich auf eine neue Drohung zärtlicher Zuneigung von seiten seines wiedergefundenen Freundes. »Nun, Arthur, Sie erinnern sich, was ich Ihnen von schlafenden Hunden und von Vermißten sagte. Es ist wahr geworden, wie Sie sehen.«

Er war allem Anschein nach so gefaßt wie immer und nickte moralisierend mit dem Kopfe, während er im Zimmer umhersah.

»Und das ist das Marschallgefängnis für Schuldner?« sagte Mr. Flintwinch. »Ha! Sie haben Ihre Ferkel auf einen sehr schlechten Markt gebracht, Arthur.«

Wenn Arthur Geduld hatte, so hatte Rigaud keine. Er nahm seinen kleinen Flintwinch mit ungestümem Scherz an den zwei Lappen seines Rockes und rief:

»Zum Teufel mit dem Markte, zum Teufel mit den Ferkeln, zum Teufel mit dem Ferkeltreiber. Nun! Geben Sie mir doch die Antwort auf meinen Brief.«

»Wenn es Ihnen beliebt, mich einen Augenblick loszulassen, Sir«, versetzte Mr. Flintwinch, »so will ich zuerst Mr. Arthur ein kleines Billett geben, das ich für ihn habe.«

Er tat dies. Es war auf einem Zettel, von der gelähmten Hand seiner Mutter geschrieben, und enthielt nur folgende Worte:

»Ich hoffe, es ist genug, daß du dich selbst ruiniert hast. Laß ab von Weiterem. Jeremiah ist mein Abgesandter und Stellvertreter. Deine dich liebende Mutter M. C.«

Clennam las es zweimal in der Stille und zerriß es dann in Stücke. Rigaud stieg unterdessen auf einen Stuhl und setzte sich auf die Rücklehne, indem er die Füße auf den Sitz stellte.

»Jetzt, schöner Flintwinch«, sagte er, nachdem er dem Zerreißen des Zettels aufmerksam zugesehen, »die Antwort auf meinen Brief?«

»Mrs. Clennam schrieb keine solche, Mr. Blandois, da ihre Hände zu gelähmt sind und sie es für ebensogut hielt, die Sache mündlich durch mich besorgen zu lassen.« Mr. Flintwinch schraubte dies schwer und rostig aus sich heraus. »Sie sendet Ihnen ihre Empfehlungen und sagte, sie wünsche im ganzen nicht unbillig gegen Sie zu sein und nehme an, ohne jedoch die Zusammenkunft von heute über acht Tagen zu präjudizieren.«

Nachdem Monsieur Rigaud ein Gelächter angeschlagen hatte, stieg er von seinem Throne und sagte: »Gut! Ich gehe, mir ein Hotel zu suchen!« Hier fielen seine Augen auf Cavaletto, der noch immer auf seinem Posten saß.

»Vorwärts, Ferkel«, fügte er hinzu, »du hast mich wider meinen Willen begleitet, nun sollst du's auch wider deinen Willen tun. Ich sage euch, meine kleinen Reptilien, ich bin geboren, um bedient zu werden. Ich verlange den Dienst dieses Schmugglers bis heute über acht Tage.«

Als Antwort auf Cavalettos fragenden Blick gab ihm Clennam ein Zeichen zu gehen, aber er fügte laut hinzu: »Außer wenn Sie ihn fürchten.« Cavaletto antwortete mit sehr emphatischer Fingervereinung: »Nein, Herr, ich fürchte ihn nicht mehr, seitdem ich es nicht mehr geheimzuhalten brauche, daß er einst mein Kamerad gewesen ist.« Rigaud nahm keine Notiz von dieser Bemerkung, bis er seine letzte Zigarette angezündet und zum Aufbruch bereit war.

»Ihn fürchten«, sagte er und blickte sie dann der Reihe nach an. »Auf! meine Kinderchen, meine Püppchen, ihr fürchtet ihn alle! Ihr gebt ihm hier seine Flasche Wein; ihr gebt ihm Essen, Trinken, Wohnung; ihr wagt ihn nicht mit einem Finger anzurühren oder mit einem Wort zu kränken. Nein. Es liegt in seinem Charakter zu triumphieren! Auf!«

»Die Blüte aller Ritterschaft,
    Ist immer froh!«

Mit dieser Anwendung des Refrains auf sich selbst verließ er das Zimmer, während ihm Cavaletto dicht auf der Ferse nachfolgte; er hatte diesen vielleicht für seinen Dienst verlangt, weil er recht gut wußte, daß es nicht leicht sein würde, ihn loszuwerden. Mr. Flintwinch; nachdem er sich am Kinn gerieben und mit deutlicher Geringschätzung des Schweinemarkts umgesehen, nickte Arthur zu und folgte. Mr. Pancks, immer noch bußfertig und niedergedrückt, folgte gleichfalls, nachdem er mit großer Aufmerksamkeit ein paar heimlichen Worten von Arthur das Ohr geliehen und ihm zugeflüstert hatte, daß er die Sache genau verfolgen und zu Ende führen wolle. Der Gefangene blieb mit dem Gefühl, daß er verachteter, verstoßener und hilfloser, kurz elender und gesunkener sei denn je, allein zurück.

 

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