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Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20060704
modified20180816
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Sturmernte.

Mr. Pancks, der sein Erscheinen durch ein ungestümes Keuchen und einen raschen Schritt angekündigt hatte, stürzte in Arthur Clennams Kontor. Die Totenschau war vorüber, der Brief publiziert, die Bank bankerott, die andern Musterbauten von Stroh hatten Feuer gefangen und waren in Rauch aufgegangen. Das bewunderte Piratenschiff war inmitten einer großen Flotte von Schiffen aller Art und Booten jeder Größe in die Luft geflogen, und auf dem Meere war nichts zu sehen als Trümmer; nichts als brennende Schiffsrümpfe, in die Luft fliegende Magazine, von selbst losgehende Kanonen, die Freunde und Nachbarn in Stücke zerrissen, Ertrinkende, die sich an untaugliche Bretter anklammerten und jede Minute unterzugehen drohten, todmüde Schwimmer, hin und her treibende Leichen und Haifische.

Der gewöhnliche Fleiß und die gewöhnliche Ordnung des Kontors der Fabrik war verschwunden. Uneröffnete Briefe und unsortierte Papiere lagen zerstreut auf dem Pult herum. Inmitten dieser Zeichen gebrochener Energie und erloschener Hoffnung stand der Herr des Kontors müßig an seinem gewöhnlichen Platz und hatte die Arme auf dem Pult gekreuzt, während sein Kopf darauf herabgesunken war.

Mr. Pancks stürzte herein, sah ihn und blieb stehen. In der nächsten Minute lagen auch Mr. Pancks' Arme auf dem Pult, und Mr. Pancks' Kopf lag auf den Armen; und sie blieben einige Zeit müßig und schweigend in dieser Stellung, nur durch die Breite des kleinen Zimmers voneinander getrennt.

Mr. Pancks war der erste, der den Kopf erhob und sprach.

»Ich habe Sie dazu überredet, Mr. Clennam. Ich weiß es. Sagen Sie, was Sie wollen. Sie können mir nicht mehr sagen, als ich mir selbst sage. Sie können mir nicht mehr sagen, als was ich verdiene.«

»Oh, Pancks, Pancks!« versetzte Mr. Clennam, »sprechen Sie nicht von verdienen. Was verdiene ich selbst!«

»Besseres Glück«, sagte Pancks.

»Ich«, fuhr Clennam fort, ohne auf ihn zu achten, »ich, der ich meinen Associé ruiniert habe! Pancks, Pancks, ich habe Doyle ruiniert! Den ehrlichen, sich selbst mühsam durchhelfenden, unermüdlichen alten Mann, der alles durch sich selbst geworden ist; den Mann, der gegen so viele Enttäuschung angekämpft und aus dem Kampfe mit einer so guten und hoffnungsvollen Natur hervorgegangen ist; den Mann, für den ich so viel gefühlt und dem ich so treu und nützlich sein wollte; ich habe ihn ruiniert, habe ihn in Schande und Verderben gebracht – habe ihn ruiniert, ruiniert!«

Die Seelenqual, die ihm dieser Gedanke verursachte, bot einen so schmerzlichen Anblick, daß Mr. Pancks sich selbst beim Haar packte und es aus Verzweiflung über dies Schauspiel auszureißen schien.

»Machen Sie mir Vorwürfe!« rief Pancks. »Machen Sie mir Vorwürfe, Sir, oder ich tue mir ein Leid an. Sagen Sie: Du Narr, du Schurke. Sagen Sie: Esel, wie konntest du das tun; Vieh, was wolltest du damit! Packen Sie mich irgendwo. Sagen Sie mir irgend etwas Beleidigendes!« Während der ganzen Zeit zerrte Mr. Pancks auf die erbarmungsloseste und grausamste Weise an seinem struppigen Haar.

»Wenn Sie nie dieser unglückseligen Manie gefrönt hätten, Pancks«, sagte Clennam, mehr aus Mitleid als um der Wiedervergeltung willen, »wieviel besser für Sie wäre es gewesen und wieviel besser für mich!«

»Nur immer zu, Sir!« rief Pancks, indem er vor Reue mit den Zähnen knirschte. »Nur immer zu!«

»Wenn Sie sich nie auf diese verwünschten Berechnungen eingelassen und Ihre Resultate nicht mit so abscheulicher Klarheit dargelegt hätten«, seufzte Clennam, »wieviel besser wäre es für Sie, Pancks, und wieviel besser für mich!«

»Immer so fort, Sir!« rief Pancks, indem er sein Haar losließ, »immer so fort, so fort!«

Clennam jedoch, der fand, daß er bereits ruhiger wurde, hatte alles gesagt, was er sagen wollte, und sogar noch mehr. Er drückte ihm die Hand und fügte nur hinzu: »Blinde Führer der Blinden, Pancks! Blinde Führer der Blinden! Aber Doyce, Doyce, Doyce, mein zu Schaden gebrachter Kompagnon!« Damit legte er den Kopf wieder auf das Pult.

Die frühere Haltung und das frühere Schweigen wurden abermals von Pancks unterbrochen.

»Nicht zu Bett gewesen, Sir, seit es bekanntgeworden. Ich war an allen Ecken, in der Hoffnung, noch einige Kohlen aus dem Feuer zu retten. Alles vergeblich. Alles vorbei. Alles dahin!«

»Ich weiß es nur zu wohl«, erwiderte Clennam.

Mr. Pancks füllte eine Pause mit Seufzen aus, das aus der Tiefe seiner Seele kam.

»Erst gestern, Pancks«, sagte Arthur, »erst gestern, Montag, hatte ich die feste Absicht, alles zu verkaufen, zu realisieren und mich von der Sache ganz loszumachen.«

»Das kann ich nicht von mir sagen, Sir«, versetzte Pancks. »Obgleich es wunderbar ist, von wie vielen Leuten ich hörte, daß sie von allen dreihundertfünfundsechzig Tagen gerade gestern im Begriff gewesen seien zu realisieren, wenn es nicht zu spät gewesen wäre!«

Sein dampfmaschinenartiges Keuchen, gewöhnlich von drolliger Wirkung, war jetzt tragischer als ebenso viele Seufzer, während er von Kopf bis zu Fuß in dem rußigen, schmierigen und vernachlässigten Zustand war, daß man ihn für ein authentisches Porträt hätte halten können, das wegen mangelnder Reinigung kaum zu erkennen war.

»Mr. Clennam, haben Sie – alles verloren?« Er machte einen Gedankenstrich vor den letzten Worten und brachte sie nur mit großer Mühe hervor.

»Alles.«

Mr. Pancks packte wieder sein struppiges Haar und zerrte so heftig daran, daß er mehrere Zinken herausriß. Nachdem er sie mit dem Ausdruck wilden Zorns angesehen, steckte er sie in seine Tasche.

»Meine Maßregeln müssen sogleich getroffen werden«, sagte Clennam, indem er einige Tränen wegwischte, die ihm still über das Gesicht geflossen waren. »Das bißchen Ersatz, das ich leisten kann, muß geleistet werden. Ich muß den guten Ruf meines Kompagnons zu wahren suchen. Ich darf nichts für mich behalten. Ich muß in die Hände unsrer Gläubiger die Dispositionsbefugnis, die ich so sehr mißbraucht, niederlegen, und von meinem Fehler – oder Verbrechen – so viel wieder gutmachen, wie ich während meiner übrigen Lebenszeit noch gutmachen kann.«

»Ist es nicht möglich, Sir, über den Augenblick sich hinüberzuhelfen?«

»Durchaus nicht. Aufschub nützte doch nichts, Pancks. Je früher das Geschäft aus meinen Händen kommt, desto besser für dasselbe. Es sind diese Woche noch Verbindlichkeiten zu erfüllen, die die Katastrophe in wenigen Tagen herbeiführen müßten, selbst wenn ich sie nur einen Tag hinausschieben und das Geschäft so lange, trotz dem, was ich im stillen weiß, fortführen wollte. Die letzte Nacht habe ich bedacht, was ich tun will; es bleibt nur noch, was ich beschlossen, auszuführen.«

»Doch nicht ganz allein?« sagte Pancks, dessen Gesicht so feucht war, als wenn sein Dampf rasch zu Wasser würde, während er ihn in seiner Trübsal ausstieß. »Nehmen Sie juridischen Beistand an.«

»Vielleicht wäre es besser.«

»Nehmen Sie Rugg.«

»Es ist nicht viel zu tun, er wird es so gut machen wie ein anderer.«

»Soll ich Rugg holen, Mr. Clennam?«

»Wenn Sie Zeit dazu haben. Ich wäre Ihnen sehr verbunden.«

Pancks hatte auch schon den Hut auf und dampfte fort nach Pentonville. Während er fort war, richtete Arthur nicht einmal den Kopf vom Tische auf, sondern blieb unbeweglich in dieser Stellung.

Mr. Pancks brachte seinen Freund und Rechtsbeistand Mr. Rugg mit sich zurück. Mr. Rugg hatte unterwegs Mr. Pancks' unzurechnungsfähigen Zustand so genau kennengelernt, daß er seine geschäftliche Vermittlung damit eröffnete, diesen Herrn zu bitten, sich zu entfernen. Mr. Pancks gehorchte vernichtet und unterwürfig.

»Er ist geradeso, wie meine Tochter war, Sir, als wir den Prozeß wegen des gebrochenen Heiratsversprechens Rugg contra Bawkins einleiteten, in dem sie Klägerin war«, sagte Mr. Rugg. »Er nimmt ein zu lebhaftes und direktes Interesse an der Sache. Seine Gefühle werden zu sehr davon in Mitleidenschaft gezogen. Und mit Gefühlen kommt man in unserm Berufe nicht vorwärts, Sir.«

Während er seine Handschuhe auszog und sie in seinen Hut legte, sah er mit einem oder zwei Seitenblicken, daß mit seinem Klienten eine große Veränderung vorgegangen war.

»Ich bedaure sehr zu bemerken, Sir«, sagte Mr. Rugg, »daß Sie Ihre Gefühle gleichfalls nicht aus dem Spiele zu lassen vermögen. Bitte, tun Sie das doch, bitte, tun Sie das doch. Die Verluste sind sehr zu beklagen, Sir, aber wir müssen ihnen ins Gesicht sehen.«

»Wenn das Geld, das ich geopfert habe, ganz mein eigenes gewesen wäre, Mr. Rugg«, seufzte Clennam, »so würde es mich weit weniger kümmern.«

»Wirklich, Sir?« sagte Mr. Rugg, indem er sich mit heiterer Miene die Hände rieb. »Sie setzen mich in Erstaunen. Das ist eigentümlich, Sir. Ich habe, soweit meine Erfahrung reicht, im allgemeinen gefunden, daß die meisten Leute mit ihrem eigenen Gelde am ängstlichsten sind. Ich habe Leute eine tüchtige Summe von anderer Leute Geld loswerden und es recht gut tragen sehen; wirklich recht gut.«

Mit diesen tröstenden Bemerkungen setzte sich Mr. Rugg auf einen Kontorstuhl am Pult und ging an die Arbeit.

»Jetzt, Mr. Clennam, lassen Sie uns mit Ihrer Erlaubnis an die Arbeit gehen. Lassen Sie uns sehen, wie die Sachen stehen. Die Frage ist einfach. Die Frage ist die gewöhnliche, simple, gerade, gemeinverständliche Frage. Was können wir für uns tun? Was können wir für uns tun?«

»Das ist für mich nicht die Frage, Mr. Rugg«, sagte Arthur. »Sie sind von vornherein im Irrtum. Die Frage ist, was kann ich für meinen Kompagnon tun, wie kann ich ihm am besten Entschädigung leisten?«

»Ich fürchte, Sir«, argumentierte Mr. Rugg mit überredendem Ton, »daß Sie sich noch immer von Ihren Gefühlen beeinflussen lassen? Ich höre das Wort ›Entschädigung‹ nicht gern, ausgenommen, wenn es ein Hebel in der Hand des Advokaten ist. Wollen Sie mir die Bemerkung erlauben, daß ich es für meine Pflicht halte, Sie zu warnen, daß Sie sich wirklich nicht von Ihren Gefühlen beeinflussen lassen?«

»Mr. Rugg«, sagte Clennam, indem er all seine Kraft zusammennahm, um das durchzuführen, was er beschlossen hatte, und diesen Herrn dadurch in Erstaunen versetzte, daß er trotz seiner Niedergeschlagenheit fest auf seinem Vorsatz beharrte, »Sie machen mir den Eindruck, als ob Sie nicht allzusehr geneigt wären, die Richtung einzuschlagen, die ich zu gehen entschlossen bin. Wenn Ihre Mißbilligung derselben Sie zu abgeneigt machen sollte, die notwendigen Geschäfte zu übernehmen, so tut es mir leid, und ich muß mich nach anderm Beistand umsehen. Aber ich versichere Sie einmal für allemal, daß es vergeblich wäre, dagegen zu argumentieren.«

»Gut, Sir«, antwortete Mr. Rugg achselzuckend. »Gut Sir. Da jemand die Sache in die Hand nehmen muß, so lassen Sie mich sie in die Hand nehmen. Das war mein Prinzip in der Sache Rugg contra Bawkins. Das ist mein Prinzip in den meisten Fällen.«

Clennam setzte dann Mr. Rugg seinen festen Vorsatz auseinander. Er sagte Mr. Rugg, daß sein Kompagnon ein Mann von großer Einfachheit und Rechtschaffenheit sei und daß er in allem, was er zu tun beabsichtige, sich ganz und einzig von der Kenntnis des Charakters seines Kompagnons und von der Rücksichtnahme auf seine Gefühle leiten lasse. Er setzte ferner auseinander, daß sein Kompagnon mit einem wichtigen Unternehmen im Ausland beschäftigt und daß es besonders seine Aufgabe sei, den Tadel für das, was unüberlegt geschehen, auf sich zu nehmen und seinen Kompagnon von aller Teilnahme an der Verantwortlichkeit für dasselbe zu entlasten, damit die erfolgreiche Leitung dieses Unternehmens auch nicht durch den leisesten Verdacht, der sich ungerechterweise an die Ehre und den Kredit seines Kompagnons im Auslande heften könnte, gefährdet werde. Er sagte Mr. Rugg, seinen Kompagnon moralisch im vollsten Sinne des Wortes zu reinigen und die öffentliche und rückhaltlose Erklärung abzugeben, er, Arthur Clennam, Teilhaber der Firma Clennam und Komp., habe aus eigenem freiem Antrieb und ausdrücklich gegen die Warnung seines Kompagnons die Kapitalien in den Schwindelspekulationen angelegt, die eben jetzt verunglückt – das sei die einzige wirkliche Sühne, die in seinem Bereich liege, für diesen Mann sogar eine weit bessere Sühne, als es für viele andere sein würde, und deshalb die Sühne, die er zuerst darzubringen habe. In dieser Absicht gedachte er eine Erklärung in dem angedeuteten Sinne drucken zu lassen – er hatte eine solche bereits aufgesetzt – und außer der Mitteilung derselben an alle die, die Geschäfte mit dem Hause hatten, sie auch in die öffentlichen Blätter einzurücken. Gleichzeitig mit dieser Maßregel (bei deren Auseinandersetzung Mr. Rugg unzählige Gesichter schnitt und eine große Unruhe in den Gliedern entwickelte) gedachte er ein Schreiben an alle Gläubiger zu erlassen, das seinen Kompagnon feierlich von aller Schuld freisprach, sie von der Zahlungseinstellung in Kenntnis setzte, die dann eintreten sollte, wenn ihre Wünsche bekannt wären und sein Kompagnon davon unterrichtet sein könnte, und sich ihnen ganz ergebenst zur Verfügung stellte. Wenn sie auf die Unschuld Rücksicht nehmen wollten und das Geschäft wieder so in Schwung gebracht werden könnte, um es mit Gewinn fortzusetzen und den gegenwärtigen Sturz zu verschmerzen, dann sollte sein Anteil an demselben seinem Kompagnon als die einzig mögliche Entschädigung anheimfallen, die er ihm an Geldeswert für die Sorgen und den Verlust geben konnte, die er unglücklicherweise veranlaßt, und er selbst wollte um Erlaubnis bitten, gegen ein so kleines Honorar wie zum Leben ausreichte, in dem Geschäft als Kommis tätig sein zu dürfen.

Obgleich Mr. Rugg deutlich sah, daß er sich nicht davon würde abbringen lassen, forderten doch die Verzerrungen seines Gesichts und die Unruhe seiner Glieder so gebieterisch einen Protest heraus, daß er ihn aussprach. »Ich mache keinen Einwand, Sir«, sagte er, »ich führe keine Gründe gegen Sie an. Ich will Ihre Ansichten durchführen, Sir; aber unter Verwahrung.« Mr. Rugg führte dann, nicht ohne Weitschweifigkeit, die Hauptpunkte seines Protestes an. Diese waren folgende: daß die ganze Stadt, oder er möchte sagen, das ganze Land noch in der ersten Aufregung über die Entdeckung der jüngsten Tage sei, und daß die Erbitterung gegen die Opfer sehr stark sein würde; diejenigen, die sich nicht hätten verführen lassen, würden sicherlich außerordentlich aufgebracht auf sie sein, weil sie nicht so klug gewesen waren wie sie; und diejenigen, die sich hätten verführen lassen, würden gewiß Entschuldigungen und Gründe für sich finden, von denen sie gleichfalls sicher sein könnten, daß sie sie bei den andern Leidenden vermissen würden; ganz abgesehen von der großen Wahrscheinlichkeit, daß sich jeder einzelne Leidende in seiner heftigen Entrüstung überreden würde, er habe sich nur durch das Beispiel aller andern Leidenden verleiten lassen. Daß eine solche Erklärung, wie die von Clennam, zu einer solchen Zeit abgegeben, einen Sturm von Gehässigkeit auf ihn herabziehen und es unmöglich machen würde, auf Nachsicht bei den Gläubigern oder auf Einstimmigkeit unter ihnen zu rechnen, und ihn als vereinzelte Zielscheibe einem regellosen Kreuzfeuer aussetzte, das ihn von einem halben Dutzend Seiten aus zu gleicher Zeit zu Boden werfen würde.

Auf all dies antwortete Clennam bloß, daß, die Nichtigkeit des ganzen Protestes auch zugegeben, nichts die Kraft der freiwilligen und öffentlichen Schuldloserklärung seines Kompagnons schwächte oder schwächen könnte. Er forderte deshalb Mr. Rugg einmal für allemal auf, das Geschäft augenblicklich in Angriff zu nehmen. Mr. Rugg machte sich auch sofort an die Arbeit, und Arthur, der nichts für sich behielt als seine Kleider und Bücher und eine kleine Summe Geld, stellte sein kleines Privatkonto beim Bankier zu gleicher Zeit zu den Geschäftspapieren.

Die Auseinandersetzung erschien in der Öffentlichkeit, und der Sturm raste fürchterlich, tausende von Menschen suchten ungestüm nach einem Lebenden, auf den sie ihre Vorwürfe häufen könnten; und dieser ausgezeichnete Fall, der der Öffentlichkeit schmeichelte, stellte den so sehr gewünschten Lebendigen auf ein Schafott. Wenn Leute, die nichts mit der Sache zu tun haben, die Offenkundigkeit so übel aufnahmen, so war von Leuten, die Geld dabei verloren hatten, kaum zu erwarten, daß sie milde dabei verfahren würden. Es regnete Briefe von den Gläubigern, die voll von Vorwürfen und Beleidigungen waren; und Mr. Rugg, der täglich auf dem hohen Stuhl saß und sie alle las, benachrichtigte vor Ablauf der nächsten acht Tage seinen Klienten, er fürchte, es sei ein Verhaftsbefehl gegen ihn ausgestellt.

»Ich muß die Folgen von dem, was ich getan habe, auf mich nehmen«, sagte Clennam. »Die Verhaftsbefehle werden mich hier finden.«

Schon am nächsten Morgen, als er bei Mrs. Plornishs Ecke in den Hof zum blutenden Herzen einbog, stand Mrs. Plornish auf ihn wartend an der Tür und ersuchte ihn geheimnisvoll in die »Glückshütte« zu treten. Dort fand er Mr. Rugg.

»Ich dachte, ich wollte hier auf Sie warten. Wenn ich Sie wäre, ginge ich diesen Morgen nicht auf das Kontor.«

»Warum nicht, Mr. Rugg?«

»Es sind, soviel ich weiß, nicht weniger als fünf Verhaftsbefehle ausgewirkt.«

»Es kann nicht bald genug vorüber sein«, sagte Clennam. »Sie sollen mich nur gleich packen.«

»Wohl, aber«, sagte Mr. Rugg und trat zwischen ihn und die Tür, »nehmen Sie Vernunft an, nehmen Sie Vernunft an. Sie werden Sie bald genug festnehmen, Mr. Clennam, ich zweifle nicht daran; aber nehmen Sie Vernunft an. In solchen Fällen geschieht es immer, daß sich eine unbedeutende Sache in den Vordergrund drängt und viel Lärm macht. Nun finde ich, daß ein unbedeutender Verhaftsbefehl ausgewirkt ist – eine bloße Hausgerichtshofsache –, und ich habe Grund zu vermuten, daß man damit schon heute vorgeht. Ich möchte nicht, daß Sie deshalb verhaftet würden.«

»Warum nicht?« fragte Clennam.

»Ich möchte mich lieber wegen einer bedeutenden Sache verhaften lassen, Sir«, sagte Mr. Rugg. »Man muß auch den Schein aufrechterhalten. Als Ihr Rechtsbeistand würde ich es vorziehen, wenn Sie auf den Verhaftsbefehl eines höheren Hofes festgenommen würden; wenn Sie nichts dagegen haben, erweisen Sie mir diese Gefälligkeit. Es sieht besser aus.«

»Mr. Rugg«, sagte Arthur in seiner Niedergeschlagenheit, »mein einziger Wunsch ist, daß es vorbei wäre. Ich will gehen und es darauf ankommen lassen.«

»Noch ein vernünftiges Wort, Sir!« rief Mr. Rugg, »Das, werden Sie zugeben müssen, ist Verstand. Das andere mag Geschmacksache sein, aber das ist die reine Vernunft. Wenn Sie wegen der geringfügigen Sache verhaftet werden, Sir, so kommen Sie in das Marschallgefängnis. Nun, Sie wissen ja, was das Marschallgefängnis ist. Sehr beschränkt und außerordentlich eng, während die Kings Bench« – Mr. Rugg schwenkte die rechte Hand, um den Überfluß an Raum anzudeuten.

»Ich möchte mich lieber in das Marschallgefängnis einsperren lassen als in jedes andere Gefängnis«, sagte Clennam.

»Ist das Ihr Ernst, Sir?« versetzte Mr. Rugg. »Das ist Geschmacksache, und wir können gehen.«

Er war anfangs etwas beleidigt, aber er dachte bald nicht mehr daran. Sie gingen durch den Hof nach dem andern Ende. Die »blutenden Herzen« nahmen an Arthur, seit es ihm schlecht ging, mehr Interesse als zuvor; sie betrachteten ihn jetzt als einen, der dem Charakter des Ortes treu war und sein Bürgerrecht erworben hat. Manche von ihnen kamen heraus, um ihm nachzusehen und mit großer Salbung die Bemerkung gegeneinander auszusprechen, daß es ihn »tief gebeugt« habe. Mrs. Plornish und ihr Vater standen sehr niedergeschlagen und den Kopf schüttelnd auf der Seite des Hofes, wo sie wohnten, oben an der Treppe.

Es war niemand da, der auf sie wartete, als Arthur und Mr. Rugg nach dem Kontor kamen. Aber ein ältliches Mitglied der jüdischen Gemeinde, in Rum konserviert, folgte ihnen dicht auf dem Fuße und sah zur Glastür herein, ehe Mr. Rugg einen von den heute eingetroffenen Briefen geöffnet hatte. »Oh!« sagte Mr. Rugg, indem er aufsah. »Wie geht es Ihnen? Kommen Sie herein. – Mr. Clennam, ich glaube, das ist der Herr, von dem ich sprach.«

Der »Herr« erklärte, der Zweck seines Besuches sei ein ganz »kleines unbedeutendes Geschäftchen«, und vollzog seine gesetzliche Funktion.

»Soll ich Sie begleiten, Mr. Clennam?« fragte Mr. Rugg höflich, indem er sich die Hände rieb.

»Ich will lieber allein gehen, ich danke Ihnen. Haben Sie die Güte, und senden Sie mir meine Kleider.« Mr. Rugg antwortete in sorglos heiterer Weise, daß er es besorgen werde, und schüttelte ihm die Hände. Er und sein Begleiter gingen dann die Treppe hinab, stiegen in den ersten besten Wagen, den sie fanden, und fuhren nach der alten Pforte.

»Ich dachte mir wahrhaftig nicht, der Himmel verzeihe mir, daß ich je unter solchen Umständen diese Schwelle betreten würde«, sagte Clennam bei sich.

Mr. Chivery hatte heute das Schließeramt, und der junge John war in dem Pförtnerstübchen; entweder eben erst abgelöst oder im Begriff abzulösen. Beide waren, da sie sahen, wer der neue Gefangene war, mehr erstaunt, als man es von Schließern je hätte erwarten sollen. Der ältere Mr. Chivery schüttelte ihm verlegen die Hand und sagte: »Ich erinnere mich nicht, Sir, daß ich Sie jemals so ungern gesehen habe.« Der junge Mr. Chivery, der entfernter stand, gab ihm nicht mal die Hand; er sah ihn im Gegenteil mit so sichtbarer Unentschlossenheit an, daß es selbst Clennam mit seinem schweren Herzen und seinen schweren Augen auffiel. Gleich darauf verschwand der junge John in dem Gefängnis.

Da Clennam die Ortsverhältnisse genau genug kannte, um zu wissen, daß er einige Zeit in dem Pförtnerstübchen warten müsse, nahm er einen Stuhl, setzte sich in eine Ecke und tat, als ob er mit Briefen beschäftigt wäre, die er aus der Tasche zog. Sie nahmen seine Aufmerksamkeit nicht so sehr in Anspruch, daß er nicht voll Dank hätte bemerken können, wie der ältere Mr. Chivery das Pförtnerstübchen von Gefangenen freihielt, wie er einigen mit den Schlüsseln winkte, daß sie nicht hereinkämen, wie er andre mit den Ellbogen stieß, daß sie hinausgingen, und wie er ihm sein Unglück so leicht machte, wie er konnte.

Arthur saß da, die Augen fest auf den Boden geheftet, während er die Vergangenheit an seinem Auge vorüberziehen ließ, über die Gegenwart brütete und wieder beide vergaß, als er fühlte, daß sich eine Hand auf seine Schulter legte. Der junge John tat dies und sagte: »Sie können jetzt kommen.«

Er stand auf und folgte dem jungen John. Als sie das innere Gittertor ein paar Schritte hinter sich hatten, drehte sich der junge John um und sagte zu ihm:

»Sie brauchen ein Zimmer. Ich habe eines für Sie in Bereitschaft.«

»Ich danke Ihnen herzlich.«

Der junge John wandte sich wieder um, führte ihn zum alten Torweg hinein, die alte Treppe hinauf, in das alte Zimmer. Arthur streckte seine Hand aus. Der junge John sah sie an, sah dann ihn an – ernst und stolz, und sagte etwas zurückhaltend:

»Ich weiß nicht, ob ich kann. Nein, ich kann's nicht. Aber ich dachte nur, Sie würden das Zimmer gern haben, deshalb gab ich es Ihnen.«

Das Erstaunen über dies ungereimte Benehmen wich, als er weggegangen war (er ging sogleich weg), den Gefühlen, die das leere Zimmer in Clennams wunder Brust erweckte, und der Menge von Ideenassoziationen mit dem guten und lieben Wesen, das es geheiligt hatte. Ihre Abwesenheit bei seinen veränderten Glücksumständen ließen ihm das Zimmer und sich selbst darin so verlassen und so sehr eines so lieben und treuen Gesichtes bedürftig erscheinen, daß er sich gegen die Wand kehrte, um zu weinen, und seufzend sich der herzerleichternde Ausruf: »O, meine Klein-Dorrit!« aus seiner Brust losrang.

 

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