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Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Der Oberhaushofmeister gibt sein Amtssiegel zurück.

Das Diner fand bei dem berühmten Arzt statt. Advokat war dort und in vollem Glanz. Ferdinand Barnacle war dort und in seiner gewinnendsten Erscheinung. Wenige Wege des Lebens waren dem Arzt verborgen, und er betrat die dunkelsten Orte häufiger als sogar Bischof. Es gab glänzende Damen in London, die ganz in ihn verliebt waren und ihn den reizendsten Mann und den liebenswürdigsten Mann nannten, und die geschaudert hätten, so dicht bei ihm zu stehen, wenn sie gewußt hätten, worauf diese gedankenvollen Augen vor ein oder zwei Stunden geruht und an welchen Betten und unter welchen Dächern seine ruhige Gestalt gestanden hatte. Aber der Arzt war eine stille Natur, die weder auf ihrer eigenen Trompete, noch auf der Trompete andrer Leute blies. Mancherlei wunderbare Dinge sah und hörte er, und unter vielen unversöhnlichen Widersprüchen sittlicher Art verbrachte er sein Leben; aber sein teilnahmvolles Herz blieb sich unverändert gleich wie das des göttlichen Meisters aller Heilkunst. Er kam wie der Regen zu den Gerechten und Ungerechten, tat so viel Gutes, als er konnte, und verkündete es weder in den Synagogen noch an den Straßenecken.

Wie kein Mann von großer Menschenkenntnis, so wenig er auch daraus machen mag, anders als ungemein interessant durch den Besitz solchen Wissens sein kann, so war auch der Arzt eine anziehende Persönlichkeit. Selbst die feineren Herren und Damen, die keine Idee von seinem Geheimnis hatten, und die vor Schrecken von mehr Verstand gekommen wären, als sie besaßen, wenn er ihnen den ungeheuer unpassenden Vorschlag gemacht: »Kommt und seht, was ich sehe!«, gestanden, daß er ein anziehender Mann sei. Wo er war, war etwas Reelles. Und ein halber Gran Wirklichkeit gibt wie der kleinste Teil einiger anderer kaum natürlicher Produkte einem unermeßlichen Quantum Verdünnungsstoff Geschmack.

Daher kam es auch, daß die kleinen Diners des Arztes die Leute in ihrem mindest konventionellen Licht zeigten. Die Gäste sagten sich, unbewußt oder nicht: »Hier ist ein Mann, der uns wirklich kennt, wie wir sind, der jeden Tag einige von uns bei seinen Besuchen ohne Perücke und Schminke sieht, der unsern Gedankengang kennt und den unverstellten Ausdruck unserer Züge sieht, wenn wir über beide keine Macht mehr haben; wir können ihm gegenüber schon mehr die natürliche Seite herauskehren, denn er ist im Vorteil uns gegenüber und ist uns zu sehr überlegen.« Deshalb ließen sich die Gäste an seinem Tisch so überraschend gehen, daß sie beinahe natürlich waren.

Advokats Kenntnis der Masse der Jurymänner, die man Menschheit nennt, war so scharf wie ein Rasiermesser, aber ein Rasiermesser ist kein allgemein anwendbares Instrument, und des Arztes einfaches, glänzendes Skalpiermesser, obgleich weit weniger scharf, war zu unendlich mehr Zwecken zu gebrauchen. Advokat kannte die Leichtgläubigkeit und Unredlichkeit der Menschen; aber der Arzt hätte ihm in einer Woche seiner Krankenbesuche eine bessere Einsicht in ihre zarten und liebevollen Gefühle geben können als Westminster Hall und alle Assisen zusammen in siebenzig Jahren. Advokat hatte immer eine Ahnung davon und bestärkte sie vielleicht gern (denn wenn die Welt wirklich ein großer Gerichtshof wäre, so sollte man denken, die Schlußsitzung könnte nicht früh genug kommen);, so hatte er den Arzt ebensogern und respektierte ihn ebensosehr als jede andere Menschenklasse.

Mr. Merdles Ausbleiben ließ einen Bankostuhl am Tische frei: aber wenn er auch dagewesen, wäre er eben nur Banko gewesen, und folglich war es kein Verlust. Advokat, der rings um Westminster Hall nichts unaufgelesen ließ, gerade wie ein Rabe, wenn er so viel Zeit dort zugebracht, hatte in den letzten Tagen viele Strohhalme dort aufgelesen und in die Luft geworfen, um zu sehen, woher der Merdlewind bliese. Er sprach jetzt ein paar Worte über diese Sache mit Mrs. Merdle selbst, auf die er, natürlich mit seinem doppelten Augenglas und einer Juryverbeugung, zugekommen war.

»Ein gewisser Vogel,« sagte Advokat, und er sah dabei aus, als ob es kein anderer Vogel hätte sein können als eine Elster, »zwitscherte neuerdings unter uns Advokaten, daß die betitelten Personen dieses Reiches einen Zuwachs erhalten sollten.«

»Wirklich?« sagte Mrs. Merdle.

»Ja«, sagte Advokat, »Hat dieser Vogel nicht auch in weit andere Ohren als die unsrigen – in liebliche Ohren gezwitschert?« Er sah dabei ausdrucksvoll auf Mrs. Merdles nächsten Ohrring.

»Meinen Sie die meinigen?« fragte Mrs. Merdle.

»Wenn ich sage lieblich«, sagte Advokat, »so meine ich immer Sie.«

»Ich glaubte, Sie meinen nie etwas«, versetzte Mrs. Merdle (nicht unangenehm berührt).

»Oh, wie grausam ungerecht!« sagte Advokat. »Aber der Vogel?«

»Ich bin die letzte Person in der Welt, die Neuigkeiten hört«, bemerkte Mrs. Merdle, nachlässig sich ihren festen Platz zurechtrückend. »Wer ist es?«

»Was für eine bewundernswerte Zeugin würden Sie abgeben!« sagte Advokat. »Keine Jury (wenn wir sie nicht etwa aus Blinden zusammensetzten) könnte Ihnen widerstehen, wenn Sie auch noch so schlecht aussagten; aber Sie würden sicher nur gut aussagen.«

»Warum, Sie lächerlicher Mann?« fragte Mrs. Merdle lachend.

Advokat bewegte sein doppeltes Augenglas drei- bis viermal zwischen sich und dem Busen, gewissermaßen als scherzhafte Antwort, und fragte dann in dem einschmeichelndsten Ton:

»Wie darf ich die eleganteste, vollkommenste und reizendste der Frauen in einigen Wochen oder vielleicht in einigen Tagen nennen?«

»Hat Ihr Vogel Ihnen nicht gesagt, wie Sie sie nennen sollen?« antwortete Mrs. Merdle. »Fragen Sie ihn morgen, und sagen Sie es mir, wenn wir uns wieder sehen, was er sagt!«

Dies führte zu weitern scherzhaften Reden zwischen den beiden; aber Advokat konnte trotz all seiner Schlauheit nichts aus ihr herausbringen. Der Arzt dagegen, der Mrs. Merdle zu ihrem Wagen hinabbrachte und ihr den Mantel umnehmen half, erkundigte sich mit seiner gewöhnlichen ruhigen Gewandtheit nach den Symptomen.

»Darf ich fragen«, sagte er, »ob es wahr ist, mit Merdle?«

»Mein lieber Doktor«, erwiderte sie, »Sie fragen mich dieselbe Frage, die ich Lust hatte, an Sie zu richten.«

»An mich? Warum an mich?«

»Auf meine Ehre, ich denke, Mr. Merdle schenkt Ihnen größeres Vertrauen als irgend jemand.«

»Im Gegenteil, er sagt mir absolut gar nichts, selbst nicht mal in ärztlicher Beziehung. Sie haben natürlich von dem Gerede gehört?«

»Natürlich. Aber Sie wissen, wie Merdle ist; Sie wissen, wie schweigsam und zurückhaltend er ist. Ich versichere Sie, ich weiß nicht im mindesten, ob die Sage Grund hat. Ich wünschte, es wäre wahr; warum soll ich das leugnen! Sie würden es doch besser wissen, wenn es wahr wäre!«

»Allerdings!« sagte der Arzt.

»Aber ob es ganz wahr, oder halb wahr, oder ganz falsch, bin ich außerstande zu sagen. Es ist eine höchst ärgerliche Lage, eine höchst abgeschmackte Lage; aber Sie kennen Mr. Merdle und werden sich nicht darüber wundern.«

Der Arzt war nicht verwundert, half ihr in den Wagen und wünschte ihr gute Nacht. Er stand einen Augenblick an der Tür seines Hauses und sah ruhig der eleganten Equipage nach, wie sie davonrollte. Als er wieder hinaufkam, zerstreuten sich die übrigen Gäste auch bald, und er war allein. Da er sich fleißig in aller Art von Literatur bewegte (über welche Schwäche er nie ein Wort der Entschuldigung verlor), setzte er sich behaglich nieder, um noch zu lesen. Die Uhr auf seinem Studiertisch zeigte ein paar Minuten vor zwölf, als ein Läuten an der Hausglocke seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Als ein Mann von einfachen Gewohnheiten hatte er die Dienerschaft zu Bett gehen lassen und mußte nun selbst hinuntergehen, um die Tür zu öffnen. Er ging hinab und fand einen Mann ohne Hut und Rock, dessen Hemdärmel bis dicht unter die Schultern hinaufgestülpt waren. Einen Augenblick glaubte er, er komme von einer Boxerei; um so mehr, als er sehr aufgeregt und außer Atem war. Ein zweiter Blick jedoch zeigte ihm, daß der Mann besonders reinlich und an seinem Anzug nichts anderes in Unordnung war, als was eben beschrieben worden ist.

»Ich komme von den warmen Bädern, Herr, hier in der Straße nebenan.«

»Und was ist mit den warmen Bädern?«

»Wollten Sie so gefällig sein, sogleich hinzukommen. Wir fanden dies auf dem Tisch liegen.«

Er legte ein Stück Papier in die Hand des Arztes. Der Arzt betrachtete es und las seinen eigenen Namen und seine Adresse mit Bleistift geschrieben; nichts weiter. Er sah die Schrift näher an, blickte dann den Mann an, nahm seinen Hut von einem Haken, steckte den Hausschlüssel in die Tasche, und so eilten sie miteinander fort.

Als sie an das Badehaus kamen, erwarteten alle zu dem Etablissement gehörigen Leute sie an der Tür oder rannten in den Gängen auf und ab. »Bitte, lassen Sie niemand uns folgen«, sagte der Arzt laut zu dem Bademeister, »und führen Sie mich geradewegs an Ort und Stelle, mein Freund«, zu dem Boten.

Der Bote eilte ihm voraus an einer Reihe kleiner Kabinette vorüber und ging in eines am Ende der Reihe, indem er hineinblickte. Der Arzt folgte ihm dicht auf dem Fuß und sah gleichfalls zur Tür hinein.

In dieser Ecke war ein Bad, aus dem man das Wasser in der Eile abgelassen hatte. In dem Bad lag wie in einem Grabe oder Sarkophag, flüchtig mit einem Leintuch und einer wollenen Bettdecke umwickelt, der Leichnam eines schwergebauten Mannes, mit aufgedunsenem Kopf und groben, gewöhnlichen Gesichtszügen. Ein Schrägfenster an der Decke war geöffnet, um den Dampf hinauszuschaffen, mit dem das Zimmer geschwängert war; aber er hing, zu Wassertropfen niedergeschlagen, schwer an den Wänden und auf dem Gesicht und der Gestalt im Bade. Das Zimmer war noch heiß und der Marmor des Bades noch warm; aber das Gesicht und der Körper war klebrig bei der Berührung. Der weiße Marmor am Boden des Bades war von einem schrecklichen Rot geädert. Auf dem Rand an der Seite sah man ein leeres Laudanumfläschchen und ein Schildpattfedermesser – befleckt, aber nicht mit Tinte.

»Durchschneiden der Halsader – rascher Tod – schon eine halbe Stunde tot.« Das Echo der Worte des Arztes schallte durch die Zimmer und Kabinette und durch das Haus, während er sich noch aus seiner gebückten Stellung emporrichtete, denn er hatte sich hinabgebeugt, um bis an den Boden des Bades zu reichen, und noch während er sich die Hände im Wasser abspülte, so daß dieses rötliche Adern durchzogen wie den Marmor, ehe dieser wie eine rote Wand aussah.

Er richtete seine Blicke auf die Kleider auf dem Sofa und die Uhr, das Geld und die Brieftasche auf dem Tisch. Ein gefaltetes Papier, halb umgebogen in dem Taschenbuch, halb aus demselben hervorsehend, fiel ihm in die Augen. Er sah es an, faßte es mit den Händen, zog es ein wenig weiter aus den Blättern heraus, sagte ruhig: »Das ist an mich gerichtet«, öffnete und las es.

Er hatte keine Anweisungen zu geben. Die Leute im Hause wußten, was sie zu tun hatten; die Beamten, deren Aufgabe dies war, fanden sich ein, und sie nahmen in gleichmütiger, geschäftsmäßiger Weise Besitz von dem Verstorbenen und was sein Eigentum gewesen, gerade so ruhig und gefaßt, wie wenn man eine Uhr aufzieht. Der Arzt war froh, wieder in die Nachtluft hinauszukommen – war sogar froh, trotz seiner großen Erfahrung; für einige Augenblicke auf eine Treppenstufe niederzusitzen; denn er fühlte sich unwohl und schwach.

Advokat wohnte nahe bei ihm, und als er vor das Haus kam, sah er ein Licht in dem Zimmer, wo er wußte, daß sein Freund oft noch spät bei seiner Arbeit saß. Da nie Licht dort war, wenn der Advokat nicht in seinem Zimmer war, so gab ihm dies die Gewißheit, daß Advokat noch nicht zu Bett gegangen war. In der Tat hatte der geschäftige Mann morgen ein Verdikt gegen die Zeugenaussagen zustandezubringen und benutzte die goldenen Morgenstunden, um den Herren von der Jury Schlingen zu legen.

Das Pochen des Arztes setzte Advokat in Erstaunen; da er aber augenblicklich Verdacht schöpfte, es komme jemand, um ihm zu sagen, daß ein anderer Jemand ihn zu bestehlen oder ihn anderweitig zu übervorteilen suchen wolle, so kam er rasch und leise herab. Er hatte sich den Kopf mit kaltem Wasser gekühlt, als gute Vorbereitung, die Köpfe der Jury mit heißem Wasser zu waschen, und las, während er den Hemdkragen weit offen hatte, damit er die Gegenzeugen um so besser würgen könnte. Er sah deshalb etwas wild aus. Als er den Arzt erblickte, den er am wenigsten erwartet hatte, sah er noch verstörter aus und sagte: »Was gibt's?«

»Sie fragten mich einst, was Mr. Merdles Übel sei.«

»Seltsam! Ich erinnere mich dessen.«

»Ich sagte Ihnen, daß ich es noch nicht herausgefunden hätte.«

»Ja, ich weiß das.«

»Ich habe es nun gefunden.«

»Mein Gott!« sagte Advokat, erschrocken zurücktretend und seine Hand auf die Brust des andern legend. »Und ich weiß es jetzt auch! Ich lese es jetzt in Ihrem Gesicht.«

Sie gingen in das nächste Zimmer, wo der Arzt ihm einen Brief zu lesen gab. Er las ihn ein dutzendmal durch. Es stand nicht viel darin, aber er nahm seine volle und dauernde Aufmerksamkeit in Anspruch. Er konnte sein Bedauern nicht genug aussprechen, daß er nicht selbst den Schlüssel dazu gefunden. Der kleinste Schlüssel, sagte er, würde ihm genügt haben, und welch ein Glück wäre das gewesen, dieser Sache auf den Grund zu kommen!

Der Arzt hatte es übernommen, die Nachricht nach Harley Street zu bringen. Advokat war außerstande, sogleich wieder an seine Verlockungen der erleuchtetsten und bedeutendsten Jury zu gehen, die er je auf dieser Bank gesehen, bei denen, das konnte er seinem gelehrten Freunde sagen, keine seichte Sophisterei angebracht wäre, und die sich von keiner unglücklicherweise mißbrauchten advokatorischen Schlauheit und Geschicklichkeit imponieren lasse (auf diese Weise gedachte er zu beginnen); deshalb sagte er, er wolle seinen Freund begleiten und in der Nähe des Hauses auf und ab gehen, während sein Freund drinnen sei. Sie gingen zu Fuß, um in der Luft sich etwas zu erholen und zu fassen; und die Fittiche des Tages verscheuchten bereits die Nacht, als der Arzt an die Tür pochte.

Ein Bedienter, in den Farben des Regenbogens, so dünkte es dem Publikum, wartete auf seinen Herrn – das heißt, er schlief in der Küche vor ein paar Lichtern und einer Zeitung, indem er dadurch die große Masse mathematischen Übergewichts gegen die Wahrscheinlichkeit, daß ein Haus durch Zufall in Brand gerät, demonstrierte. Als dieser dienstbare Geist geweckt war, mußte der Arzt noch das Wecken des Oberhaushofmeisters abwarten. Endlich kam dieses vornehme Geschöpf in einem Flanellrock und Salbandschuhen in das Speisezimmer; aber er trug eine Krawatte und war von Kopf bis zu Fuß Haushofmeister. Es war jetzt Morgen. Der Arzt öffnete die Läden eines Fensters, während er wartete, um das Licht sehen zu können.

»Mrs. Merdles Kammerjungfer lassen Sie rufen, damit sie Mrs. Merdle aufwecke und sie so vorsichtig wie möglich auf meinen Besuch vorbereite. Ich habe ihr eine furchtbare Nachricht mitzuteilen.«

So sprach der Arzt zu dem Oberhaushofmeister. Der letztere, der ein Licht in der Hand hatte, rief dem Bedienten, daß er es nehme. Dann trat er würdevoll an das Fenster, indem er die Nachricht des Arztes genau so entgegennahm, wie er in demselben Zimmer den Diners zugesehen hatte.

»Mr. Merdle ist tot.«

»Ich wünschte in diesem Falle«, sagte der Oberhaushofmeister, »in einem Monat meine Stelle niederlegen zu dürfen.«

»Mr. Merdle hat sich das Leben genommen.«

»Sir«, sagte der Oberhaushofmeister, »das ist sehr unangenehm für die Gefühle eines Mannes in meiner Stellung, da es geeignet ist, Vorurteile zu erwecken; und ich wünschte meine Entlassung sogleich zu haben.«

»Wenn Sie auch nicht erschüttert sind, sind Sie nicht wenigstens erstaunt, Mann?« fragte der Arzt warm.

Der Oberhaushofmeister warf sich ruhig in die Brust und sagte die denkwürdigen Worte: »Sir, Mr. Merdle war nie ein Gentleman, und kein unnobler Akt von seiten Mr. Merdles würde mich überrascht haben. Kann ich Ihnen sonst jemand schicken oder irgend sonst etwas tun, was Sie wünschen sollten, ehe ich das Haus verlasse?«

Als der Arzt, nachdem er sich seiner Aufgabe oben entledigt, wieder zu Advokat auf die Straße hinabkam, sagte er nichts weiter von seiner Begegnung mit Mrs. Merdle, als daß er ihr noch nicht alles gesagt, daß sie aber, was er ihr gesagt, mit vieler Fassung getragen habe. Advokat hatte die Zeit, die er allein auf der Straße zubrachte, der Konstruktion einer höchst sinnreichen Falle, um die ganze Jury mit einem Schlage zu fangen, gewidmet; und nachdem er sich die Sache zurechtgelegt hatte, wurde es hell in seinem Geist, er konnte sich der letzten Katastrophe ganz hingeben, und sie gingen langsam miteinander nach Hause und besprachen sie nach allen Richtungen hin. Ehe sie an der Tür des Arztes schieden, sahen sie beide nach dem sonnenhellen Morgenhimmel auf, zu dem der Rauch einiger früher Feuer und der Atem und die Stimmen von einigen Frühaufgestandenen friedlich emporstiegen, blickten dann rund umher auf die ungeheure Stadt und sagten: Wenn alle diese Hunderte und Tausende von Bettlern, die noch schlafen, nur wissen könnten, wie sie beide, die jetzt miteinander sprachen, welches Verderben über ihnen schwebte, was für ein entsetzlicher Schrei gegen eine elende Seele würde zum Himmel aufgellen!

Das Gerücht, daß der große Mann tot sei, verbreitete sich mit erstaunlicher Schnelligkeit. Anfangs war er an allen Krankheiten gestorben, die man je gekannt, und an verschiedenen nagelneuen Krankheiten, die man mit Blitzesschnelligkeit für die Gelegenheit erfunden hatte. Er hatte von Kindheit an eine Wassersucht verheimlicht, er hatte vom Großvater eine große Masse Wasser auf der Brust geerbt, seit achtzehn Jahren wurde jeden Morgen eine Operation mit ihm vorgenommen, es platzten ihm zuweilen wichtige Adern (nach der Art von Feuerwerken), er hatte bald ein Lungenleiden, bald ein Herzleiden, bald auch ein Gehirnleiden. Fünfhundert Leute, die von nichts wissend sich zum Frühstück setzten, glaubten, ehe sie noch mit diesem zu Ende waren, daß sie privatim und persönlich in Erfahrung gebracht, der Arzt habe zu Mr. Merdle gesagt: »Sie müssen sich darauf gefaßt machen, eines Tages auszulöschen wie ein Licht«, und daß sie wüßten, Mr. Merdle habe geantwortet: »Der Mensch kann nur einmal sterben.« Gegen elf Uhr vormittags wurde die Gehirnkrankheit die Lieblingstheorie gegen alle übrigen; und um zwölf Uhr hatte man die Gehirnkrankheit näher als einen »Druck« bezeichnet.

Druck war so befriedigend für die öffentliche Meinung und schien jedermann so zu beruhigen, daß es den ganzen Tag hätte dabei bleiben können, wenn Advokat nicht um halb zehn Uhr den wirklichen Stand der Dinge im Gerichtshof mitgeteilt hätte. Dies führte anfangs dazu, daß man gegen ein Uhr in ganz London sich zuflüsterte, Mr. Merdle habe sich selbst entleibt. Aber das Wort »Druck« wurde, weit entfernt, durch diese Entdeckung beseitigt zu werden, mehr als je der Lieblingsausdruck. In jeder Straße moralisierten die Leute über den Druck. Alle Leute, die Geld zu gewinnen versucht hatten und denen es nicht gelungen war, sagten: Da habt ihr's! Kaum fangt ihr an, dem Gelde nachzujagen, so bekommt ihr den Druck. Die Müßiggänger benutzten den Fall in ähnlicher Weise. Seht ihr, sagten sie, wohin ihr's durch das ewige Arbeiten und wieder Arbeiten und wieder Arbeiten bringt! Ihr arbeitetet in einem fort, ihr übertriebt es, nun kam der Druck, und es war um euch geschehen! Diese Betrachtung machte an vielen Orten großen Eindruck, aber nirgends mehr, als bei den jungen Kommis und Associés, die noch niemals Gefahr gelaufen, daß sie sich überarbeiten würden. Diese erklärten einstimmig und feierlich, sie hofften ihr Leben lang diese Warnung nicht mehr zu vergessen und ihr Tun und Treiben so einzurichten, daß sie sich vor Druck bewahrten und sich selbst, zum Trost für ihre Freunde, noch lange am Leben erhielten.

Aber ungefähr um die Börsenzeit begann es mit dem Druck zu Ende zu gehen, und erschreckliches Geflüster verbreitete sich im Osten und Westen, Norden und Süden. Anfangs war es nur leise und ging nicht weiter als der Zweifel, ob Mr. Merdles Reichtum sich wohl so groß herausstellen würde, wie man vermutete; ob nicht eine augenblickliche Schwierigkeit eintreten würde, ihn zu »realisieren«; ob nicht sogar die wunderbare Bank eine Zeitlang (etwa einen Monat oder so) ihre Zahlungen einstellen würde. Je lauter das Geflüster wurde, was mit jeder Minute geschah, desto drohender wurde es. Er war aus nichts hervorgegangen und durch kein natürliches Wachstum oder Fortschreiten, soviel man wußte, in die Höhe gekommen; er war im Grunde doch ein gemeiner, nichtswissender Mensch; er hatte immer scheu zu Boden gesehen, und niemand war es je gelungen, einen Blick von ihm zu erhaschen; er war von allen Arten von Leuten in einer ganz unbegreiflichen Weise poussiert worden; er hatte nie eigenes Geld gehabt, seine Spekulationen waren außerordentlich planlos gewesen und seine Ausgaben unermeßlich. In stetigen Progressen nahm mit dem Dahinschwinden des Tages das Gerede an Stärke und Umfang zu. Er hatte in dem Bade einen an den Arzt adressierten Brief hinterlassen, und sein Arzt hatte den Brief erhalten, und der Brief würde morgen bei der Totenschau vorgelegt werden, und es werde die Tausende, die er betrogen, wie ein Donnerschlag treffen. Zahllose Menschen von jedem Stand und Gewerbe würden durch seine Zahlungsunfähigkeit vernichtet; alle Leute, die ihr ganzes Leben lang in behaglichen Umständen gewesen, würden ihr Vertrauen auf ihn an keinem andern Orte bereuen können als im Armenhause; Legionen von Frauen und Kindern würden ihre ganze Zukunft durch die Hand dieses mächtigen Schurken zerstört sehen. Jeder Gast bei seinen prachtvollen Festen würde sich als Teilnehmer an der Plünderung unzähliger Familien darstellen; jeder servile Verehrer des Reichtums, der ihn mit auf sein Piedestal zu heben geholfen, hätte besser daran getan, lieber gleich den Teufel selbst anzubeten. So schwoll das Gerede immer höher und wuchs durch eine Bestätigung um die andere, durch eine Abendzeitungsausgabe um die andere zu solchem Getöse an, daß man hätte glauben können, ein einsamer Wächter auf der Galerie an der St. Paulskirche hätte die Nachtluft von einem dumpfen Gemurmel des Namens Merdle geschwängert und mit jeder Art von Verwünschung erfüllt sehen müssen.

Denn um diese Zeit wußte man, daß das Übel des verstorbenen Mr. Merdle nichts als Fälschung und Betrug gewesen sei. Er, der wunderliche Gegenstand so weitverbreiteter Verehrung, der Gast bei den Festen der Vornehmen, das Wunder der großen Damengesellschaften, der Beseitiger der Ausschließlichkeit, der Vernichter des Stolzes, der Patron der Patrone, der Feilscher um die Lordschaften des Circumlocution Office, der Mann, der innerhalb von einigen zehn bis fünfzehn Jahren mehr Anerkennung gefunden, als seit mindestens zwei Jahrhunderten in England auf alle friedlichen öffentlichen Wohltäter und auf alle Führer von allen Arten der Kunst und Wissenschaft, trotz alles Zeugnisses ihrer Werke, gehäuft worden, – er, das leuchtende Wunder, der neue Stern, dem die Weisen mit Geschenken folgten, bis er stehenblieb über einem gewissen Aas am Boden einer Badewanne und verschwand – war einfach der größte Betrüger und der größte Dieb, der jemals den Galgen um seine Beute geprellt hatte.

 

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