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Klein-Dorrit. Zweites Buch

Charles Dickens: Klein-Dorrit. Zweites Buch - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleKlein-Dorrit. Zweites Buch
publisherGutenberg-Verlag
volume2. Buch
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20180816
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Neuntes Kapitel.

Erscheinen und Verschwinden.

»Arthur, mein lieber Junge«, sagte Mr. Meagles am Abend des folgenden Tages, »Mutter und ich haben die Sache besprochen, und wir fühlen uns nicht behaglich, wenn wir so bleiben, wie wir sind. Diese vornehme Verwandtschaft – diese teure Dame, die gestern hier war –«

»Ich verstehe«, sagte Arthur.

»Wir fürchten sogar, diese leutselige und herablassende Zierde der Gesellschaft«, fuhr Mr. Meagles fort, »möchte uns in ein falsches Licht stellen. Wir könnten um ihretwillen viel ertragen, Arthur; aber wir denken, wir ertragen es lieber nicht, da es ihr doch nichts nützt.«

»Gut«, sagte Arthur, »fahren Sie fort.«

»Sie sehen ein«, setzte Mr. Meagles hinzu, »es könnte uns in eine schiefe Stellung zu unserm Schwiegersohn bringen, es könnte uns sogar in eine schiefe Stellung zu unsrer Tochter bringen und zu mancherlei häuslichem Kummer Anlaß geben. Sie sehen doch ein?«

»Jawohl«, versetzte Arthur, »es ist vieles wahr in dem, was Sie sagen.« Er hatte Mrs. Meagles angesehen, die immer auf der guten und vernünftigen Seite war, und es lag eine Bitte in ihrem ehrbaren Gesicht, er möchte Mr. Meagles in seinen gegenwärtigen Absichten unterstützen.

»Wir sind deshalb entschlossen, Mutter und ich«, sagte Mr. Meagles, »unsre sieben Sachen einzupacken und wieder unter die Alloners und Marchoners zu gehen. Ich meine, wir sind entschlossen, uns auf den Weg zu machen, durch Frankreich nach Italien zu reisen und unsre Pet zu besuchen.«

»Und ich bin überzeugt«, versetzte Arthur, gerührt durch die mütterliche Vorfreude in dem hübschen Gesicht von Mrs. Meagles (sie mußte ihrer Tochter einst sehr ähnlich gesehen haben), »daß Sie nichts Gescheiteres tun können. Und wenn Sie mich um Rat fragen, so gebe ich Ihnen den, sich morgen schon auf den Weg zu machen.«

»Ist das wahr?« sagte Mr. Meagles. »Mutter, heißt das nicht, einem seine Gedanken wiedergeben?«

Mutter antwortete mit einem Blick, der Clennam in einer für ihn höchst angenehmen Weise dankte, daß dies allerdings der Fall sei.

»Und dann, Arthur, ist es auch das«, sagte Mr. Meagles, und die alte Wolke überzog sein Gesicht, »daß mein Schwiegersohn bereits wieder Schulden hat, und daß ich ihn vermutlich wieder herausreißen muß. Vielleicht geschieht es ebensowohl aus diesem Grunde, daß ich die Reise unternehme, um ihn auf freundliche Weise zu überwachen. Und dann, darin ist Mutter töricht ängstlich (und doch ist es auch wieder natürlich), wegen Pets Gesundheit; sie soll sich im gegenwärtigen Augenblick nicht einsam und verlassen fühlen. Rom ist unleugbar weit entfernt, Arthur, und unter allen Umständen ein fremder Ort für das arme liebe Kind. Sie mag so gut versorgt sein, wie irgendeine Dame in jenem Lande, es ist und bleibt weit entfernt. Denn Heimat bleibt Heimat, wenn sie auch schon nicht mehr so heimatlich ist. Sie wissen warum«, sagte Mr. Meagles, indem er eine neue Version zu dem Sprichwort »Rom bleibt Rom, wenn es auch nicht mehr so römisch ist« fügte.

»Das ist alles vollkommen richtig«, bemerkte Arthur, »und hinlänglicher Grund zum Reisen.«

»Ich freue mich, daß Sie so denken; es ist entscheidend für mich. Mutter, meine Liebe, du kannst dich vorbereiten. Wir haben unsern angenehmen Dolmetscher verloren (sie sprach drei fremde Sprachen wundervoll, Arthur; Sie haben es oft gehört), und nun mußt du mir durchhelfen, Mutter, so gut du kannst. Ich nehme viele Hilfe in Anspruch, Arthur«, sagte Mr. Meagles, den Kopf schüttelnd, »viele Hilfe. Ich bleibe bei allem stecken, was über das ›Nomen Substantivum‹ hinausgeht –, und ich bleibe bei ihm stecken, wenn es schwer ist.«

»Ah! Nun fällt mir ein«, versetzte Clennam. »Da ist ja Cavalletto. Er soll mit Ihnen gehen, wenn es Ihnen beliebt. Ich würde ihn nicht gern verlieren, aber Sie bringen ihn mir wohlbehalten zurück.«

»Schön! Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Lieber«, sagte Mr. Meagles, sich die Sache überlegend, »aber ich will es doch lassen. Nein, ich hoffe, Mutter wird mir durchhelfen. Cavallooro (ich stocke schon ganz verdutzt bei seinem Namen, er klingt wie der Chorus eines komischen Liedes) Caval–looro ist Ihnen so nötig, daß ich mich mit dem Gedanken, ihn mitzunehmen, nicht befreunden kann. Und überdies, wir wissen ja nicht, wann wir wieder heimkommen, es würde doch nicht gehen, ihn auf unbestimmte Zeit so mit uns fortzunehmen. Das Landhaus ist nicht mehr, was es war. Es birgt nur zwei kleine Personen weniger als sonst, Pet und ihr armes unglückliches Mädchen Tattycoram; aber es erscheint doch ganz öde. Sind wir mal fort, wer weiß, wann wir dann wiederkommen. Nein, Arthur, Mutter wird mir schon durchhelfen.«

»Sie werden sich vielleicht wirklich am besten selbst helfen«, dachte Clennam und beharrte deshalb nicht länger bei seinem Vorschlag.

»Wenn Sie zuweilen hierherkommen und sich hier aufhalten wollten, falls es Ihnen keine Unbequemlichkeit macht«, fuhr Mr. Meagles fort, »so würde mir der Gedanke große Freude machen – und ich weiß, auch bei Mutter ist das der Fall –, daß Sie an den alten Ort etwas Leben brächten, wie er es gewohnt war, als er noch richtig bewohnt war, und daß auf die Kinder an der Wand hier bisweilen ein freundlicher Blick fiele. Sie gehören so wesentlich zu dem Ort und zu ihnen, Arthur, und wir alle wären so glücklich, wenn es anders gekommen wäre – aber, lassen Sie mich mal sehen – wie das Wetter jetzt zum Reisen ist?« Mr. Meagles brach ab, räusperte sich und ging ans Fenster, um nachzusehen.

Sie waren einig darüber, daß das Wetter gut zu werden versprach, und Clennam hielt das Gespräch in dieser unschuldigen Richtung fest, bis ein leichterer Ton eingetreten war, worauf er wieder unmerklich zu Henry Gowan hinüberlenkte und von seinem lebhaften Geist und seinen angenehmen Eigenschaften, wenn man ihn gut behandelte, sprach; auch verweilte er einige Zeit bei der unbestreitbaren Liebe, die er für seine Frau hege. Clennam verfehlte seinen Zweck gegenüber dem guten Mr. Meagles nicht, den diese Anpreisungen sehr angenehm berührten, und der Mutter zum Zeugen nahm, daß es sein einziger und herzlicher Wunsch in Beziehung auf den Gatten seiner Tochter sei, in bestem Einvernehmen mit ihm zu stehen, Freundschaft gegen Freundschaft und Vertrauen gegen Vertrauen auszutauschen. Wenige Stunden später wurden die Möbel des Landhauses zur Schonung während der Abwesenheit der Familie überzogen – oder, wie Mr. Meagles sich ausdrückte, das Haus begann sein Haar in Papier zu wickeln –, und wenige Tage später waren Vater und Mutter fort, Mrs. Tickit und Dr. Buchan wie ehedem auf ihrem Posten, hinter dem Fenster des Empfangszimmers, und Arthurs einsamer Fuß rauschte in dem dürren gefallenen Laub der Gartengänge.

Da er eine Vorliebe für den Ort besaß, ließ er selten eine Woche vergehen, ohne ihm einen Besuch zu machen. Bisweilen ging er allein dahin und blieb von Sonnabend bis Montag; bisweilen begleitete ihn sein Associé; bisweilen schlenderte er eine oder zwei Stunden durch Haus und Garten, sah nach, ob alles in Ordnung war, und kehrte wieder nach London zurück. Immer und unter allen Umständen saßen Mrs. Tickit mit der schwarzen Lockenfülle und Dr. Buchan am Fenster des Empfangszimmers und warteten auf die Heimkehr der Familie.

Bei einem dieser Besuche empfing ihn Mrs. Tickit mit den Worten: »Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Mr. Clennam, das Sie überraschen wird.« Dieses fragliche Etwas war so überraschend, daß es wirklich Mrs. Tickit von dem Fenster im Empfangszimmer wegbrachte und sie in den Garten führte, als Clennam durch das Tor trat, nachdem man ihm geöffnet hatte.

»Was ist es, Mrs. Tickit?« sagte er.

»Sir«, versetzte die getreue Haushälterin, nachdem sie ihn in das Empfangszimmer geführt und die Tür geschlossen hatte, »wenn ich je das entführte und betrogene Kind in meinem Leben sah, so sah ich es gestern abend in der Dunkelheit.«

»Sie meinen doch nicht Tatty –«

»Coram, ja allerdings!« sagte Mr«. Tickit, die Entdeckung mit einem Schlag enthüllend.

»Wo?«

»Mr. Clennam«, versetzte Mr«. Tickit, »meine Augen waren etwas schwer, da ich länger als gewöhnlich auf meine Tasse Tee wartete, die Mary Jane bereitete. Ich schlief nicht, aber ich döste auch nicht, wie man sich richtig ausdrücken würde. Ich wachte vielmehr mit geschlossenen Augen, wie man das genau bezeichnen könnte.«

Ohne auf eine Untersuchung dieses seltsam abnormen Zustandes einzugehen, sagte Clennam: »Jawohl. Nun?«

»Nun, Sir«, fuhr Mrs. Tickit fort, »ich dachte an das eine und dachte an das andere. Ganz wie Sie's auch machen würden. Ganz wie es jedermann machen würde.«

»Allerdings,« sagte Clennam. »Nun?«

»Und wie ich so an das eine denke und an das andre denke«, fuhr Mrs. Tickit fort, »so brauche ich Ihnen kaum zu sagen, Mr. Clennam, daß ich auch an die Familie denke. Weil, natürlich, die Gedanken eines Menschen«, sagte Mrs. Tickit mit einer argumentierenden und philosophischen Miene, »wie sie sich auch zerstreuen mögen, doch immer wieder mehr oder weniger auf das kommen werden, was in seinem Sinn obenan steht. Sie werden es tun, Sir, und niemand vermag sie daran zu hindern.«

Arthur unterschrieb diese Entdeckung mit einem Nicken des Kopfes.

»Sie finden es selbst so, Sir, das wage ich kühn zu behaupten«, sagte Mrs. Tickit, »und wir alle finden es so. Nicht unsre Stellungen im Leben sind es, die uns ändern, Mr. Clennam; die Gedanken sind frei! – Wie ich sagte, ich dachte an das eine und dachte an das andere und dachte viel an die Familie. Nicht an die Familie in der Gegenwart allein, sondern auch an die Familie in frühern Zeiten. Dann wenn jemand an das eine und an das andre zu denken beginnt, in der Zeit, wo es dunkel wird, so ist das, was ich sagen wollte, daß alle Zeiten wie gegenwärtig erscheinen, und man muß erst aus diesem Zustande herauskommen und überlegen, ehe man sagen kann, was etwas ist.«

Er nickte wieder; denn er fürchtete sich, ein Wort zu äußern, damit nicht eine neue Öffnung für das Ausströmen des Konversationstalents entstünde.

»Als ich deshalb«, sagte Mrs. Tickit, »mit den Augen zwinkerte und ihre wirkliche Gestalt zum Tor hereinschauen sah, schloß ich sie wieder, ohne mich auch nur vom Fleck zu bewegen; denn diese Gestalt paßte so genau zu der Zeit, da sie noch zu dem Hause gehörte, wie ich und Sie, daß ich nicht in dem Augenblick daran dachte, daß sie fort wäre. Als ich jedoch wieder mit den Augen zwinkerte, Sir, und sah, daß jene Gestalt nicht mehr da war, überkam mich eine bange Furcht und ich sprang auf.«

»Sie eilten wohl augenblicklich hinaus?« sagte Clennam.

»Ich eilte hinaus«, bejahte Mrs. Tickit, »so schnell mich meine Füße trugen; und wenn Sie mir glauben wollen, Mr. Clennam, so war, so weit der Himmel reichte, keines Fingers groß von dem Mädchen zu sehen.«

Über die Abwesenheit dieses neuen Sternes am Firmament wegsehend, fragte Arthur Mrs. Tickit, ob sie auch zum Tore hinausgegangen sei.

»Hin und her und auf und ab«, sagte Mrs. Tickit, »und sah keine Spur von ihr.«

Er fragte dann Mrs. Tickit, wie groß der Zeitraum zwischen dem zweimaligen Augenzwinkern wohl gewesen sein möchte? Mrs. Tickit, obwohl minutiös umständlich in ihrer Antwort, hatte keine entschiedene Ansicht: sie schwebte zwischen fünf Sekunden und zehn Minuten. Sie war so unsicher in dieser Beziehung und so sicher aus dem Schlafe aufgefahren, daß Clennam sehr geneigt war, diese Erscheinung als einen Traum zu betrachten. Ohne Mrs. Tickit durch diese ungläubige Lösung ihres Rätsels zu kränken, nahm er seine Meinung von dem Landhause mit sich und würde sie wohl für immer festgehalten haben, wenn nicht ein Umstand zufällig bald darauf seine Meinung geändert hätte.

Er ging bei Einbruch des Abends am Strande hin, und vor ihm her schritt der Lampenanzünder, unter dessen Hand die Straßenlaternen, durch die neblige Luft angelaufen, eine nach der andern aufflammten, wie ebenso viele leuchtende Sonnenblumen, die plötzlich in volle Blüte treten, als unerwartet eine Stockung auf dem Wege, den ein Zug von Kohlenwagen veranlaßte, die sich von den Kais am Ufer heraufwanden, ihn stillzustehen nötigte. Er war rasch gegangen und in einem raschen Gedankengang begriffen, und die plötzliche Störung, die nun eintrat, ließ ihn sich lebhaft umsehen, wie dies gewöhnlich unter solchen Umständen der Fall ist.

Plötzlich sah er vor sich – nur wenige Leute waren zwischen ihnen, so daß er sie hätte berühren können, wenn er den Arm ausgestreckt – Tattycoram und einen fremden Mann von merkwürdigem Äußern: es war ein Bramarbas mit einer gebogenen Nase und einem schwarzen Schnurrbart, der so falsch in seiner Farbe war wie seine Augen in ihrem Ausdruck, und der seinen schweren Mantel so trug, daß man ihn für einen Ausländer hielt. Seine Kleidung und sein ganzes Auftreten waren die eines Mannes auf Reisen, und er schien erst ganz kurz auf das Mädchen gestoßen zu sein. Als er sich zu ihr hinabbeugte (da er weit größer als sie war) und auf das lauschte, was sie zu ihm sagte, warf er den mißtrauischen Blick eines Mannes über seine Schulter, der ziemlich daran gewöhnt ist, fürchten zu müssen, daß man ihm auf dem Fuße folgte. In diesem Augenblick sah Clennam sein Gesicht; er bemerkte, wie seine Augen finster auf die Leute blickten, die sich hinter ihm drängten, ohne besonders auf Clennams oder irgendeinem andern Gesicht zu verweilen.

Er hatte kaum wieder seinen Kopf umgewandt und beugte sich noch immer lauschend zu dem Mädchen herab, als die Stockung aufhörte und der gehemmte Menschenstrom fortflutete. Den Kopf zu ihr hinabbeugend und auf das Mädchen lauschend, ging er neben ihr her, und Clennam folgte ihnen, entschlossen, dies unerwartete Spiel zu Ende zu führen und zu sehen, wohin sie gingen.

Er hatte kaum diesen Entschluß gefaßt (obgleich er sich noch nicht lange damit trug), als er plötzlich wieder festgehalten wurde, wie dies durch die Stockung geschehen. Sie bogen kurz nach dem Adelphi ab – das Mädchen war offenbar die Führende – und schritten geradeaus, als ob sie nach der Terrasse gehen wollten, die über dem Flusse hängt.

Es tritt hier immer – bis heutigentags – eine plötzliche Pause in dem Geräusch der großen Straßen ein. Die wirren Klänge werden plötzlich so gedämpft, daß die Veränderung den Eindruck macht, als ob man Baumwolle in die Ohren steckte oder den Kopf dicht umwickelt hätte. Zu jener Zeit war der Kontrast noch weit größer; da noch keine kleinen Dampfboote auf dem Strom, noch keine Landungsplätze, sondern nur schlüpfrige, hölzerne Stufen und Fußdammwege, keine Eisenbahn auf dem gegenüberliegenden Ufer, keine Hängebrücke, kein Fischmarkt in der Nähe, kein Verkehr auf der nächsten steinernen Brücke war und noch kein Fahrzeug auf dem Strom als die Jollen der Fährleute und Kohlenauslader. Lange und breite schwarze Reihen der letzteren, fest im Schlamme liegend, als wenn sie sich nicht wieder bewegen sollten, machten das Ufer, wenn die Dunkelheit eingetreten war, traurig und still und hielten die geringe Bewegung des Wassers von dem Ufer ab und drängten sie nach der Mitte des Stroms. Sobald die Sonne untergegangen, namentlich sobald die meisten Leute, die zu Hause etwas zu essen haben, nach Hause gehen, um es zu essen, und die meisten von denen, die nichts haben, noch nicht fortgeschlichen sind, um zu betteln oder zu stehlen, war es ein öder Ort, der auf eine öde Szene sah.

Zu einer solchen Stunde war es, als Clennam an der Ecke stehenblieb und das Mädchen und den Fremden beobachtete, die die Straße hinabgingen. Die Schritte des Mannes auf den hallenden Steinen waren so geräuschvoll, daß er nicht Lust hatte, den Schall der seinen hinzuzufügen. Als sie jedoch an die Ecke gegangen und in der Dunkelheit der dunklen Ecke sich befanden, die zu der Terrasse führte, ging er in solch gleichgültiger Weise wie nur immer möglich, wie wenn er ein zufälliger Spaziergänger wäre, hinter ihnen drein.

Als er um die dunkle Ecke bog, schritten sie die Terrasse entlang auf eine Gestalt zu, die ihnen entgegenkam. Wenn er sie für sich, unter diesen Umständen von Gaslicht, Nebel und Entfernung gesehen, würde er sie wohl auf den ersten Blick nicht gekannt haben; aber da ihn die Gestalt des Mädchens auf die Spur führte, so erkannte er sogleich Miß Wade.

Er blieb an der Ecke stehen und sah erwartungsvoll in die Straße hinter sich, als wenn er jemand hierher bestellt hätte; aber er behielt die drei scharf im Auge. Als sie zusammenkamen, nahm der Mann seinen Hut ab und machte Miß Wade eine Verbeugung. Das Mädchen schien einige Worte zu sagen, als wenn sie ihn vorstellte oder Rechenschaft gäbe, warum er so spät oder so früh käme oder etwas dergleichen, und trat darauf einen oder zwei Schritte zurück. Miß Wade und der Mann begannen dann auf und nieder zu gehen; der Mann schien äußerst höflich und komplimentenreich zu sein; Miß Wade dagegen erschien außerordentlich stolz.

Als sie an die Ecke kamen und sich umwandten, sagte sie: »Wenn ich deshalb darbe, mein Herr, so ist das meine Sache. Beschränken Sie sich auf Ihre Sache, und fragen Sie mich nichts mehr.«

»Beim Himmel, Madame!« antwortete er und machte eine zweite Verbeugung. »Es war mein tiefer Respekt vor Ihrem Charakter und meine Bewunderung Ihrer Schönheit.«

»Ich verlange weder das eine noch das andere von irgend jemand«, sagte sie, »und sicher am wenigsten unter allen Geschöpfen von Ihnen. Fahren Sie fort mit Ihrem Bericht.«

»Verzeihen Sie mir?« fragte er mit der Miene halbbeschämter Galanterie.

»Sie sind bezahlt«, sagte sie, »und das ist alles, was Sie brauchen.«

Ob das Mädchen hinterdreinging, weil sie die Sache nicht hören sollte, oder weil sie bereits genug davon wußte, konnte Clennam nicht entscheiden. Sie kehrten um, und sie kehrte um. Sie sah auf den Fluß hinaus, während sie mit gefalteten Händen weiterging, und das war alles, was er von ihr sehen konnte, ohne sein Gesicht zu zeigen. Zufälliger- und glücklicherweise war wirklich ein Müßiggänger in der Nähe, der auf jemand wartete und bald über das Geländer in das Wasser sah, bald nach der dunklen Ecke kam, wodurch Arthur weniger beachtet wurde.

Als Miß Wade und der Mann wieder zurückkamen, sagte sie: »Sie müssen bis morgen warten.«

»Bitte tausendmal um Entschuldigung!« versetzte er. »Meiner Treu! So ist es also heute abend nicht mehr möglich?«

»Nein, ich sage Ihnen ja, daß ich es zuvor selbst haben muß, ehe ich es Ihnen geben kann.«

Sie blieb auf dem Wege stehen, als wollte sie der Verhandlung ein Ende machen. Er blieb natürlich gleichfalls stehen. Und das Mädchen blieb stehen.

»Es ist etwas unbequem«, sagte der Mann. »Etwas unbequem. Aber freilich, das will bei einem solchen Dienst nichts heißen. Ich bin zufällig heute abend ohne Geld. Ich habe einen guten Bankier in dieser Stadt, aber ich möchte nicht gern auf jenes Haus ziehen, bis die Zeit da ist, wo ich eine runde Summe ziehen kann.«

»Harriet«, sagte Miß Wade, »arrangieren Sie die Sache mit ihm – diesem Herrn hier –, daß wir ihm morgen einiges Geld schicken.« Sie sagte das Wort Herrn so flüchtig, daß es verächtlicher klang als jede Emphase, und ging langsam weiter.

Der Mann verbeugte sich wieder, und das Mädchen sprach mit ihm, während sie beide hinter ihr dreingingen. Clennam wagte es, das Mädchen anzusehen, als sie weggingen. Er konnte bemerken, daß ihre tiefen schwarzen Augen mit forschendem Ausdruck auf den Mann geheftet waren, und daß sie sich etwas entfernt von ihm hielt, als sie so nebeneinander nach dem andern Ende der Terrasse gingen.

Ein lauter und veränderter Schall auf dem Pflaster sagte ihm, ehe er unterscheiden konnte, was vorging, daß der Mann allein zurückkam. Clennam schlenderte in den Weg, nach dem Geländer; und der Mann ging rasch vorüber. Er hatte den Zipfel seines Mantels über seine Schulter geworfen und sang ein Stück aus einem französischen Liede.

Die ganze Aussicht zeigte niemand mehr außer ihm. Der Müßiggänger war fortgeschlendert, und Miß Wade und Tattycoram waren weggegangen. Mehr als je begierig zu sehen, was aus ihnen würde, und um seinem guten Freund Mr. Meagles eine Mitteilung machen zu können, ging er nach dem andern Ende der Terrasse, während er vorsichtig nach allen Seiten sah. Er urteilte richtig, daß sie jedenfalls zuerst eine entgegengesetzte Richtung von ihrem letzten Begleiter einschlagen würden. Er sah sie bald in einer benachbarten Nebenstraße, die nicht befahren wurde, wo sie offenbar abwarten wollten, bis der Mann ihnen den Weg geräumt hatte. Sie gingen gemächlich Arm in Arm auf der einen Seite der Straße hinab und kehrten auf der andern Seite zurück. Als sie wieder an die Straßenecke kamen, vertauschten sie ihren Schritt mit dem von Leuten, die etwas zu tun und einen großen Weg zu machen haben, und schritten fest einher. Clennam behielt sie nicht minder fest im Auge. Sie gingen über den Strand und durch Covent Garden (unter den Fenstern seiner alten Wohnung vorüber, wo die liebe Klein-Dorrit in jener Nacht ihn besucht hatte) und nahmen die Richtung nach Nordost, bis sie an dem großen Gebäude vorüberkamen, dem Tattycoram ihren Namen verdankte, und in Grays Inn Road einbogen. Hier war Clennam ganz zu Hause, durch Flora nämlich, des Patriarchen und Pancks nicht zu gedenken, und konnte sie bequem im Auge behalten. Er fing an neugierig zu werden, wohin sie wohl zunächst gehen würden, als sich diese Neugier in das noch größere Staunen auflöste, sie in die Patriarchenstraße einbiegen zu sehen. Dieses Erstaunen wich seinerseits wieder dem noch größern Staunen, mit dem er sie vor der Patriarchentür halten sah. Ein leises zweimaliges Pochen mit dem glänzenden messingnen Klopfer, ein Lichtstrahl, der aus der geöffneten Tür auf die Straße fiel, eine kurze Pause zu Frage und Antwort, und die Tür ward geschlossen, und sie befanden sich in dem Hause.

Nachdem er auf die Umgebung einen Blick geworfen, um sich zu versichern, daß das kein wunderlicher Traum sei, und nachdem er einige Zeit vor dem Hause auf und ab gegangen, pochte Arthur an die Tür. Sie wurde durch die gewöhnliche weibliche Dienerin geöffnet, die ihn mit der gewöhnlichen Behendigkeit nach dem Wohnzimmer Floras führte.

Es war niemand bei Flora als Mr. Finchings Tante, welche ehrwürdige Dame, in der balsamischen Atmosphäre von Tee und geröstetem Brot schwelgend, in einen bequemen Stuhl am Kamin verschanzt war, indes ein kleiner Tisch neben ihr stand und ein reines weißes Taschentuch über ihren Schoß gebreitet war, auf dem zwei Scheiben gerösteten Brotes in diesem Augenblick zum Verzehrtwerden bereitlagen. Über einen dampfenden Teekessel herabgebeugt und durch den Dampf schauend und den Dampf ausatmend wie eine böse chinesische Zauberin, die ihren gottlosen Ritus verrichtet, stellte Mr. Finchings Tante ihre große Tasse weg und rief: »Daß ihn doch, da ist er schon wieder!«

Es könnte nach dem vorhergehenden Ausruf scheinen, als wenn diese unnachgiebige Verwandte des vielbeweinten Mr. Finching, die die Zeit nach der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle, nicht nach der Uhr bemaß, angenommen hätte, Clennam sei erst kürzlich weggegangen; während wenigstens ein Vierteljahr verflossen war, seitdem er die Verwegenheit besessen, vor ihr zu erscheinen.

»Ei, du meine Güte, Arthur!« rief Flora, indem sie aufstand, um ihn herzlich zu bewillkommnen. »Doyce und Clennam, welch eine große Überraschung, denn obgleich nicht weit von der Maschinenwerkstätte und der Gießerei und sicherlich kann man es bisweilen genießen, wenn auch zu keiner andern Zeit so doch um Mittag, wo ein Glas Xeres und eine bescheidene Butterschnitte mit etwas kaltem Braten, der gerade noch in der Speisekammer ist, nicht zu verachten ist und nicht schlechter schmeckt weil es die Freundschaft bietet denn Sie wissen kaufen muß man's wo und wo man's kauft muß immer ein Profit dabei sein, sonst würden sie das Geschäft nicht betreiben das versteht sich von selbst obgleich niemals gesehen und doch jetzt gelernt nicht zu erwarten denn wie Mr. Finching selbst sagte wenn Sehen Glauben ist so ist Nichtsehen auch Glauben und wenn man nicht sieht so kann man überzeugt sein man erinnere sich unsrer nicht, nicht daß ich erwarte Sie Arthur Doyce und Clennam sollen an mich denken warum sollt' ich auch, denn die Zeiten sind vorüber bringe gleich noch eine andre Tasse und sorge auch für frischen Toast und bitte setzen Sie sich hier ans Feuer.«

Arthur lag sehr viel daran, den Grund seines Besuchs auseinanderzusetzen; aber wider seinen Willen hielt ihn der vorwurfsvolle Inhalt dieser Worte, soviel er davon verstand, und die aufrichtige Freude, die sie bei seinem Anblick zeigte, für den Augenblick davon zurück.

»Und jetzt bitte ich, erzählen Sie mir etwas, alles was Sie wissen«, sagte Flora, indem sie ihren Stuhl dicht neben den seinen rückte, »von dem guten, lieben, stillen kleinen Ding und alle ihre Schicksalswechsel; haben jetzt ohne Zweifel Wagen und Pferde ohne Zahl die Leute sehr romantisch ein Wappen natürlich und wilde Bestien auf den Hinterfüßen welche es zeigen als wär's ein Bild das sie gemacht mit Mäulern von einem Ohr zum andern o du mein Himmel und ist sie gesund was doch das Erste und Wichtigste ist denn was ist Reichtum ohne Gesundheit wie Mr. Finching selbst so oft sagte wenn seine Gicht kam daß sechs Pence des Tages und sie selbst erwerben und keine Gicht weiter vorzuziehen wäre; nicht daß er von einer solchen Summe hätte leben können dazu wäre er der Letzte gewesen oder auch nur dieses kostbare kleine Ding obgleich das jetzt ein viel zu vertraulicher Ausdruck ist eine Neigung dazu gehabt sie war viel zu hart und klein dazu aber sie sah so schwächlich aus, Gott segne sie!«

Mr. Finchings Tante, die ein Stück Toast bis auf die Rinde gegessen, überreichte nun feierlich die Rinde Flora, die sie für sie aß, gewissermaßen als eine Art von Geschäft. Mr. Finchings Tante leckte dann ihre Finger langsam hintereinander an ihren Lippen und wischte sie genau in derselben Ordnung an dem weißen Taschentuch ab; dann nahm sie das andere Stück Toast und fing an, es zu verzehren. Während sie diese Sache auf ihre gewohnte Weise besorgte, sah sie Clennam mit so fürchterlicher Strenge an, daß er sich gegen seine persönliche Neigung gezwungen fühlte, sie ebenfalls anzusehen.

»Sie ist in Italien mit ihrer ganzen Familie, Flora«, sagte er, als die schreckliche Dame wieder mit Essen beschäftigt war.

»In Italien ist sie, wirklich?« sagte Flora, »wo die Tauben und Feigen überall wachsen und auch Lava- Hals- und Armbänder in dem poetischen Lande mit feuerspeienden Bergen über die Maßen malerisch obgleich man sich nicht wundern kann daß die Drehorgeljungen aus der Nachbarschaft dieser Berge weggehen um nicht zu verbrennen da sie noch so jung sind und ihre weißen Mäuse mit sich bringen und ist sie wirklich in diesem herrlichen Lande mit ewig blauem Horizont und sterbenden Gladiatoren und Belvederes obgleich Mr. Finching selbst nicht daran glaubte denn er sagte dagegen wenn er guter Laune war daß die Bilder nicht wahr sein könnten da gar keine Mittelstufe zwischen kostspieligen Massen von schlecht geglättetem ganz verkrümpeltem Leinenzeug und gar keinem wäre was sicher nicht wahrscheinlich ist obgleich vielleicht eine Folge der schroffen Gegensätze von reich und arm was die Sache erklären könnte.«

Arthur suchte ein Wort einzuschieben, aber Flora fuhr hastig fort:

»Auch das frisch erhaltene Venedig«, sagte sie, »ich glaube Sie waren dort ist es schlecht oder gut erhalten denn die Leute sind gar verschiedener Ansicht und Makkaroni wenn sie solche wirklich wie Taschenspieler essen warum schneidet man sie nicht kürzer Arthur – Doyce, denn ich habe nicht das Vergnügen aber bitte entschuldigen lieber Doyce und Clennam wenigstens nicht lieb und sicherlich nicht Sie mich – Sie kennen ja glaube ich Mantua was hat das mit Mantuamachen zu tun, ich konnte das nie herausbringen.«

»Ich glaube, sie haben nichts miteinander zu tun, Flora, diese beiden Dinge«, begann Arthur, als sie ihn abermals unterbrach.

»Auf Ihr Wort, also wirklich nicht ich glaubt' es auch nie aber das sieht mir gleich ich laufe mit einem Gedanken davon und da ich keinen übrig habe, behalte ich ihn. Ach es gab eine Zeit lieber Arthur ich sollte eigentlich entschieden nicht lieber sagen auch nicht Arthur aber Sie verstehen mich wenn ein schöner Gedanke den wie heißt es nur Horizont vergoldet und so weiter aber es ist jetzt dunkel umwölkt und alles ist vorbei.«

Arthurs sich steigernder Wunsch von etwas ganz anderem zu sprechen, stand indessen so deutlich auf seinem Gesicht geschrieben, daß Flora mit einem zärtlichen Blick innehielt und ihn fragte, was er auf dem Herzen habe?

»Ich hege den lebhaftesten Wunsch, Flora, jemand zu sprechen, der in diesem Hause ist – ohne Zweifel bei Mr. Casby. Jemanden, den ich eintreten sah und der irregeleitet auf sehr bedauerliche Weise das Haus eines meiner Freunde verlassen hat.«

»Papa sieht so viele und so seltsame Leute«, sagte Flora aufstehend, »daß ich nicht wagen würde hinunterzugehen Arthur außer für Sie. Ihretwegen würde ich willig in eine Taucherglocke gehen, um soviel lieber in ein Speisezimmer und werde augenblicklich zurück sein, wenn Sie während ich fort bin, auf Mr. Finchings Tante achten oder auch nicht achten wollen.«

Mit diesen Worten und einem Blick zum Abschied eilte Flora hinaus, während sie Clennam unter schrecklichen Besorgnissen wegen seiner furchtbaren Aufgabe zurückließ.

Die erste Veränderung, die sich in Mr. Finchings Tante bemerklich machte, als sie ihr Stück Toast gegessen hatte, war ein lautes und langes Schnauben. Da er diese Demonstration nicht anders denn als eine Herausforderung zu deuten imstande war, weil der finstere Ton nicht mißverstanden werden konnte, so sah Clennam die vortreffliche, obgleich vorurteilsvolle Dame, von der die Herausforderung ausging, flehend an, in der Hoffnung, daß sie durch Demut und Unterwerfung entwaffnet würde.

»Richten Sie Ihre Augen nicht so auf mich«, sagte Mr. Finchings Tante vor Feindseligkeit zitternd. »Nehmen Sie das!«

»Das« war die Kruste von dem Stück Toast. Clennam nahm die Gabe mit einem Blick voll Dankbarkeit und hielt sie mit einiger Verlegenheit in der Hand: diese Verlegenheit wurde nicht geringer, als Mr. Finchings Tante, ihre Stimme zu einem Schrei von beträchtlicher Kraft erhebend, ausrief: »Er hat einen stolzen Magen, der Laffe! Er ist zu stolz, es zu essen!« Und aus ihrem Stuhl sich erhebend, schüttelte sie ihre ehrwürdige Faust so dicht vor seiner Nase, daß es ihm an der Spitze kitzelte. Ohne die rechtzeitige Rückkehr Floras, die ihn in dieser schwierigen Lage fand, wären weitere Folgen nicht zu vermeiden gewesen. Flora führte, ohne im mindesten außer Fassung zu geraten oder zu staunen, sondern im Gegenteil die alte Dame beifällig beglückwünschend, daß sie »heute abend so lebhaft sei«, dieselbe in ihren Stuhl zurück.

»Er hat einen stolzen Magen, der Laffe«, sagte Mr. Finchings Verwandte, als man sie wieder zum Sitzen brachte. »Gib ihm eine Schüssel Häcksel!«

»Oh! ich glaube nicht, daß er das schmackhaft fände, Tante«, versetzte Flora.

»Gib ihm eine Schüssel Häcksel, sage ich dir«, versetzte Mr. Finchings Tante und sah um Flora herum nach ihrem Feinde, »'s ist das einzige für einen stolzen Magen. Laß ihm Bissen um Bissen aufessen. Dem verwünschten Laffen gib eine Schüssel Häcksel!«

Unter einem allgemeinen Vorwande, ihm diese Erfrischung zukommen zu lassen, brachte ihn Flora hinaus bis an die Treppe. Mr. Finchings Tante, die auch da noch mit unaussprechlicher Bitterkeit wiederholte, daß er »ein Laffe« sei und »einen stolzen Magen« habe, bestand immer wieder daraus, daß man ihm diese Stallfütterung bereite, die sie bereits so streng vorgeschrieben hatte.

»Eine so unbequeme Treppe und so viele Eckstufen, Arthur«, flüsterte Flora, »würden Sie etwas dawider haben, mir Ihren Arm unter meiner Pelerine zu geben?«

Mit dem Gefühl in einer ungemein lächerlichen Weise die Treppe hinabzugehen, nahm Clennam die gewünschte Haltung an und ließ seine schöne Last erst am Speisezimmer los; und auch hier war dies ziemlich schwierig, denn sie blieb in seinen Armen, um ihm zuzuflüstern: »Arthur, ums Himmels Willen nur dem Papa kein Sterbenswort davon!«

Sie begleitete Arthur in das Zimmer, wo der Patriarch allein saß, mit den Litzenschuhen auf dem Kamingitter und die Daumen umeinander drehend, als ob er niemals aufgehört, dies zu tun. Der jugendliche Patriarch, zehn Jahre alt, sah aus dem Rahmen über ihm kaum mit einer ruhigeren Miene als er selbst herab. Beide glatten Köpfe waren gleich strahlend, faselhausig und hohl.

»Mr. Clennam, ich freue mich, Sie zu sehen. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir, ich hoffe, Sie befinden sich wohl. Bitte, setzen Sie sich, bitte setzen Sie sich.«

»Ich hatte gehofft, Sir«, sagte Clennam, indem er einen Stuhl nahm und sich sehr enttäuscht umsah, »ich hatte gehofft, Sie nicht allein zu finden.«

»Ah, so?« sagte der Patriarch gütig. »Ah, wirklich?«

»Ich sagte es Ihnen ja, Papa, Sie wissen«, rief Flora.

»Ach richtig!« versetzte der Patriarch. »Ja, ja. Ach, gewiß.«

»Bitte, Sir«, fragte Clennam dringend, »ist Miß Wade wieder fort?«

»Miß –? O, Sie nennen sie Miß Wade«, versetzte Mr. Casby. »Ganz hübsch das.«

Arthur entgegnete rasch: »Wie nennen Sie sie?«

»Wade«, sagte Mr. Casby. »O, immer Wade.«

Nachdem Arthur ein paar Sekunden das philanthropische Gesicht und das lange seidene weiße Haar betrachtet, während welcher Zeit Mr. Casby seine Daumen umeinander drehte und in das Feuer lächelte, als wenn er wohlwollend wünschte, es möchte ihn brennen, damit er ihm verzeihen könnte, begann er:

»Ich bitte um Vergebung, Mr. Casby –«

»Keine Ursache, keine Ursache«, sagte der Patriarch, »keine Ursache.«

»– aber Miß Wade hatte eine Begleiterin bei sich, ein junges, von mir befreundeten Menschen erzogenes Mädchen, auf das sie einen Einfluß ausübt, der nicht als sehr heilsam betrachtet werden kann, und der ich so gern mitzuteilen die Gelegenheit haben möchte, daß sie das Interesse dieser Beschützer noch nicht verwirkt hat.«

»Wirklich, wirklich?« versetzte der Patriarch.

»Wollen Sie deshalb so freundlich sein und mir die Adresse von Miß Wade geben?«

»Ei, du meine Güte!« sagte der Patriarch, »wie schade! Wenn Sie nur zu mir geschickt hätten, als sie noch da waren! Ich bemerkte das junge Mädchen wohl, Mr. Clennam. Ein feines, vollblühendes junges Mädchen, Mr. Clennam, mit sehr dunklem Haar und sehr dunklen Augen, wenn ich mich nicht täusche, wenn ich mich nicht täusche?«

Arthur stimmte zu und sagte noch einmal mit neuem Nachdruck: »Wenn Sie so gut sein wollten und mir die Adresse geben!«

»Ei, du meine Güte!« rief der Patriarch mit holdem Bedauern »Hm, hm, hm! Wie schade, wie schade! Ich habe keine Adresse, Sir. Miß Wade lebt meist im Auslande, Mr. Clennam. Das tut sie seit mehreren Jahren und ist (wenn ich so von einem Mitmenschen und einer Dame sprechen darf) launisch und unzuverlässig, Mr. Clennam. Ich werde sie wohl lange, lange nicht wiedersehen. Wie schade, wie schade!«

Clennam sah nun, daß er aus dem Porträt ebensoviel herausbekommen könnte als aus dem Patriarchen; aber er sagte nichtsdestoweniger:

»Mr. Casby, könnten Sie mir zur Beruhigung der Freunde, die ich erwähnte, und unter der Versicherung der Verschwiegenheit die Sie mir aufzuerlegen belieben, irgend etwas über Miß Wade mitteilen? Ich habe sie im Auslande gesehen und habe sie in der Heimat gesehen, aber ich weiß nichts von ihr. Können Sie mir irgendwelche Auskunft über sie geben?«

»Nein«, versetzte der Patriarch, indem er seinen dicken Kopf mit dem größten Wohlwollen schüttelte. »Durchaus nicht. Ei du meine Güte! Wie ist das zu bedauern, daß sie so kurz hier blieb und Sie nicht früher kamen! Als vertrauter Agent, als Agent habe ich dieser Dame zuweilen Geld ausbezahlt; aber was nützt es, wenn Sie das wissen.«

»Allerdings nicht das mindeste«, sagte Clennam.

»Ganz gewiß«, stimmte der Patriarch mit leuchtendem Antlitz bei, während er philanthropisch das Feuer anlächelte, »durchaus nichts, Sir. Sie haben die klügste Antwort gefunden, Mr. Clennam. Wahrhaftig nicht das geringste, Sir.«

Das Drehen der glatten Daumen umeinander, wie er so dasaß, war Clennam so typisch für die Art und Weise, wie er die Sache drehen und wenden würde, wenn man sie weiter verfolgte, ohne daß eine neue Seite zum Vorschein käme oder er den kleinsten Schritt weiter rückte, daß es viel dazu beitrug, ihn zu überzeugen, seine Bemühungen seien fruchtlos. Er hätte sich Zeit zum Nachdenken darüber nehmen können, soviel er gewollt, denn Mr. Casby, der daran gewöhnt war, daß ihm alles trefflich vonstatten ging, da er es seiner geschwollenen Stirn und seinem weißen Haar überließ, wußte, daß seine Stärke im Schweigen lag. Casby saß deshalb drehend und drehend da und ließ reiches Wohlwollen aus jeder Erhöhung seines glatten Kopfes und seiner glatten Stirn strahlen.

Mit diesem Schauspiel vor sich war Arthur aufgestanden, um zu gehen, als aus dem innern Dock, wo das gute Schiff Pancks vor Anker lag, wenn es auf keiner Kreuzfahrt abwesend war, das Geräusch dieses gegen sie heranführenden Dampfboots vernehmbar wurde. Es fiel Arthur auf, daß das Geräusch absichtlich schon in der Ferne begann, als wenn Mr. Pancks jedem, der darüber nachzudenken Lust hätte, den Eindruck machen möchte, er habe sein Arbeiten schon außer dem Hörbereich begonnen.

Mr. Pancks und er schüttelten sich die Hände, und der erstere brachte seinem Prinzipal einen oder zwei Briefe zum Unterzeichnen. Beim Händeschütteln kratzte Mr. Pancks seine Augenbraue bloß mit dem linken Zeigefinger und schnaubte einmal, aber Clennam, der ihn jetzt besser als früher verstand, begriff, daß er für den Abend so ziemlich fertig sei und ein Wort draußen mit ihm zu sprechen wünsche. Als er deshalb von Mr. Casby und von Flora (was eine etwas schwierige Prozedur war) Abschied genommen hatte, schlenderte er in der Nachbarschaft auf dem Wege umher, den Mr. Pancks einschlagen mußte.

Er hatte nur kurze Zeit gewartet, als Mr. Pancks erschien. Da Mr. Pancks ihm mit einem weiteren ausdrucksvollen Schnauben die Hände schüttelte und seinen Hut abnahm, um sein Haar in die Höhe zu streichen, glaubte Arthur darin einen Fingerzeig sehen zu müssen, daß er mit ihm als mit jemandem spreche, der ganz gut wisse, was soeben vorgegangen. Deshalb fragte er ohne Vorrede:

»Ich vermute, sie waren wirklich fort, Pancks?«

»Ja«, antwortete Pancks. »Sie waren wirklich fort.«

»Weiß er, wo die Dame zu finden ist?«

»Ich kann es nicht sagen. Ich glaube aber ja.«

Mr. Pancks wüßte es nicht? Nein, Mr. Pancks wüßte es nicht. Wüßte Mr. Pancks sonst etwas von ihnen?

»Ich glaube, ich weiß so viel von ihr«, versetzte dieser würdige Mann, »als sie selbst von sich weiß. Sie ist jemandes – jedermanns – niemandes Kind. Man bringe sie in ein Zimmer in London, wo die ersten besten sechs Leute sich befinden, die alt genug sind, um ihre Eltern sein zu können, und sie kann nicht wissen, ob ihre Eltern darunter sind. Sie können in dem ersten besten Hause sein, das sie sieht, sie können auf jedem Kirchhofe liegen, an dem sie vorüberkommt, sie kann in jeder Straße auf sie stoßen, sie kann zu jeder beliebigen Zeit Bekanntschaft mit ihnen machen und es doch nicht wissen. Sie weiß nichts von ihnen. Sie weiß überhaupt von keinem Verwandten etwas. Wußte nie etwas von ihnen. Wird nie etwas von ihnen erfahren.«

»Mr. Casby könnte ihr vielleicht Aufklärung geben.«

»Wohl möglich«, sagte Pancks. »Ich vermute es, aber ich weiß es nicht. Er hatte seit langer Zeit Geld (nicht besonders viel, wie ich herausbrachte) in seiner Verwahrung, um es ihr auszubezahlen, wenn sie es durchaus nötig brauchte. Manchmal ist sie stolz und will oft lange Zeit nichts davon: manchmal ist sie so arm, daß sie welches haben muß. Sie ringt mit ihrem Leben. Es hat noch nie ein zornigeres, leidenschaftlicheres, sorgloseres und rachsüchtigeres Weib gelebt. Sie kam heute abend, um Geld zu holen. Sagte, sie brauchte es zu einem besonderen Zweck.«

»Ich glaube«, bemerkte Clennam sinnend, »ich weiß zufälligerweise zu welchem Zweck, – ich meine, in wessen Tasche das Geld fließt.«

»Wirklich?« sagte Pancks. »Wenn's ein Kontrakt ist, so möchte ich dem betreffenden empfehlen, pünktlich zu sein. Ich möchte mich diesem Weib, so jung und schön es ist, nicht anvertrauen, wenn ich ihm unrecht getan; nein, nicht für das doppelte Geld meines Eigentums. Es sei denn«, fügte Pancks als Klausel hinzu, »ich hätte eine schleichende Krankheit und wollte dieselbe los sein.«

Bei einer flüchtigen Vergleichung seiner eigenen Beobachtung fand er diese mit Mr. Pancks' Ansicht so ziemlich übereinstimmend.

»Was mich wundert«, fuhr Pancks fort, »ist, daß sie meinen Prinzipal noch nicht beiseite geschafft hat, als die einzige Person, die mit ihrer Geschichte in Bezug steht, und deren sie habhaft werden kann. Da ich dies erwähne, so muß ich Ihnen unter uns sagen, daß ich bisweilen in Versuchung gerate, es zu tun.«

Arthur erschrak und sagte: »Mein Gott, Pancks, sagen Sie das nicht.«

»Verstehen Sie mich recht«, sagte Pancks, indem er fünf schmutzige, kohlige Fingernägel vor Arthurs Augen ausbreitete: »ich meine nicht, daß ich ihm den Hals abschneiden wolle. Aber bei allem, was uns teuer, wenn er zu weit geht, werde ich ihm das Haar abschneiden.«

Nachdem sich Mr. Pancks in dem neuen Licht dieser furchtbaren Drohung gezeigt, schnaubte er verschiedene Male mit einer vielbedeutenden Miene und dampfte weg.

 

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